Blutende Privatsphäre

Einst schien die Privatsphäre unabdingbar, um innerstaatlichen Frieden zu gewährleisten. Heute gibt es jeden Monat einen neuen Datenskandal, jeden Tag mehr Gewissheit, dass digitale Kommunikation irgendwem erlaubt auf private Daten zuzugreifen. Jeden Tag weniger Privatsphäre. Warum verschleudern wir dieses Gut, für das jahrhundertelang gekämpft wurde? Und liegt die Lösung wirklich darin, unsere Smartphones in die Ecke zu werfen?

Privatsphäre bedeutet auch manchmal Schweigen müssen. [Bild: Tom Murphy, CC-BY-SA-3.0]

Heartbleed. Ein poetischer Name für einen Fehler in einer Open Source Verschlüsselungsbibliothek, dank dem wir wissen, dass es für weitreichende Zugriffsmöglichkeiten auf private Daten keiner NSA bedarf. Also Passwörter ändern. Mal wieder. Dabei wirken die regelmäßigen Versuche, Passwörter sicher zu gestalten, angesichts des Wissens über das Ausmaß an alltäglicher Überwachung, an Sicherheitslücken und Datenverlusten lächerlich vergeblich. Und obwohl wir nun wissen, dass theoretisch alle alles lesen können, dass die NSA tatsächlich irgendwie versucht alles zu lesen und dass die privaten Plattformanbieter mit staatlichen Behörden zusammenarbeiten und die Daten nicht nur an Firmen verkaufen, sondern auch für politische Verfolgung zur Verfügung stellen, ist die Beliebtheit digitaler Kommunikation ungebrochen. Bereits seit 2012 gibt es mehr Smartphones als Zahnbürsten. Sehr viele Menschen ziehen keine Konsequenzen aus den möglichen Zugriffen auf ihre privaten Daten und protestieren auch kaum gegen die digitale Einschmelzung bürgerlicher Freiheitsrechte.

Dabei ist Privatsphäre als Sphäre der Freiheit, der Autonomie und Selbstbestimmung gedacht, ein durch Grundrechte geschützter Ort. Ein Ort, wo potentiell nur ich herrschen kann. Über mich. Ein Ort, für den es sich zu kämpfen lohnte, für den gekämpft wird. Die Vorraussetzung für die demokratisch-freiheitliche Grundordnung, eine zivilisatorische Errungenschaft. Doch scheinen viele Menschen im Angesicht digitaler Kommunikationsmöglichkeiten dieses Gut gar nicht so wirklich zu schätzen. Im Gegenteil verschleudern sie ihre privaten Daten im Rausch der Selbstdarstellung. Geben Firmen und dem Staat tiefste private Einblicke, ermöglichen äußerst präzise menschliche Profile, die sie potentiell der Kontrolle von Staat und Wirtschaft ausliefern. Gratis. Freiwillig. Und auch noch mit Spaß. Wie kann das sein?

Werfen wir einen historischen Blick auf diese Privatsphäre, die zu erodieren scheint. Nach den blutigen Konfessionskriegen im Anschluss an die europäische Reformation wurde der absolutistische Staat als Garant für den Frieden konzipiert, für den Gesinnung keine Rolle spielen sollte. Um des Friedens Willen sollte der Staat seine Bürger nicht nach ihrem Glauben beurteilen, sondern nach ihrem Handeln. Und in diesen Spalt zwischen fides und confessio wuchs das Bürgertum hinein, welches sich von den aristokratischen Herrschern abzugrenzen suchte, das durch Industrialisierung und die Veränderungen im Warenverkehr mächtig geworden war und kein Interesse mehr an höfischer Gängelung hatte. Hier liegt der Anfang moderner Privatsphäre als Abwehrrecht gegenüber dem Staat, die Trennung in Mensch und Bürger und der Aufstieg des Individuums. Privatsphäre wurde zum Motor gesellschaftlicher Veränderungen. Literatur- und Lesekreise entstanden. Revolutionäre Ideen. Menschenrechte. Aufklärung.

Der Geburtsfehler dieses neu geschaffenen Ortes bürgerlicher Freiheit ist jedoch, dass in ihm versteckt wurde, was gegen die bürgerliche Moral verstieß, aber auch, dass einst kollektive Belange in den privaten Herrschaftsbereich verschoben wurden. Der Preis für weniger staatliche Gängelung waren wild wachsende Machtverhältnisse jenseits fester Standeshierarchien. Öffentlichkeit transformierte sich, Presse entstand. Die Entscheidung darüber jedoch, was in das Licht der neu entstandenen Öffentlichkeit durfte, was schützenswert und von öffentlichem Interesse war, lag in der Hand von wenigen. In der Hand von weißen, männlichen Eigentümern, die als der natürliche Mensch definiert wurden und ihre Interessen offensiv nun endlich vertreten konnten. Und nur wer die Macht und die Ressourcen hatte zu publizieren, konnte wesentlich darüber entscheiden, welche Stimmen und Interessen gehört wurden. Privatsphäre bedeutete damit auch Isolation und Unterdrückung, Ohnmacht und Schweigen für die, die nicht über Macht und Ressourcen verfügten ihre Interessen zu artikulieren.

Und nun, mit der Kommunikation durch das Internet, scheint diese Epoche der bürgerlich definierten Privatsphäre ihr Ende zu finden: Das Internet ermöglicht plötzlich potentiell jeder und jedem, das Eigene nach außen zu kehren, Belange öffentlich zu machen. Alle können heute potentiell ein unüberschaubar großes Publikum ansprechen, auch wenn sie oft nicht wissen, wie viel Aufmerksamkeit ihnen entgegengebracht werden kann und wird. Und diese Möglichkeiten werden genutzt. Menschen stellen sich selbst dar. Präsentieren sich. Geben sich preis. Können Teil sein, dabei sein, mitreden, gehört werden, ausbrechen aus den vorgegebenen Bahnen der bürgerlichen Gesellschaft. Dabei kommt vieles an den Tag: Menschen schreiben über ihre sexuellen Vorlieben, breiten ihre Trennungen aus, veröffentlichen Triviales und Obszönes. Hässliches. Verstörendes.

Der Vorwurf vieler Datenschützer_innen, diese Selbstentblößungen seien naiv und ignorant, verkennt ihre Beweggründe. Es handelt sich auch um eine Rebellion gegen bürgerliche Regeln, die irgendwie willkürlich und unsinnig wirken und an neue Bedingungen angepasst werden müssen. Es geht um eine Selbstermächtigung und Selbstbestätigung. Denn Kommunikation ist unter anderem so mächtig, belohnend und aufregend, weil sie uns versichert, dass wir existieren. Ich bekomme Resonanz, also bin ich. Und so wird dem Bedürfnis, Resonanz zu bekommen und gehört zu werden, mehr nachgegeben, als die Angst, beobachtet und kontrolliert zu werden, ernst genommen wird. Der Resonanzrausch ist zu verlockend.

Die Chance, die Gesellschaft neu zu gestalten, beginnt also vielleicht tatsächlich damit, aus der bürgerlich definierten Privatsphäre auszubrechen, das Private politisch werden zu lassen, zu experimentieren, Neues zu erfahren. Ein Ziel könnte sein, dass wir, eben auch mit technischer Hilfe, erforschen, wie er denn sein soll – dieser Raum, wo ich selbst bestimme. Frei sein kann. Andere einladen kann. Und wie dieser Raum erobert werden könnte.

Wieder verstecken sich hier Gefahren: Dass sich Selbstermächtigung in #aftersex-Selfies unter der Bedingung totaler Überwachung erschöpft, ist eine davon. Dass unser Bedürfnis nach ständiger Kommunikation zum Zwang wird, eine Last für uns und die anderen, dass wir nicht mehr inne halten können, uns gegenseitig mit bisher unterdrückten Befindlichkeiten terrorisieren, das ist eine andere. Dass wir in all unserer Offenheit auch ausgeliefert sind an den Staat und die Wirtschaft ist eine offensichtliche. Und vielleicht möchte Hans-Magnus Enzensberger aus all diesen Gründen sämtliche Smartphones in die Ecke geworfen sehen. Aber das käme einer Kapitulation gleich.

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