Boys don’t cry

Beobachtungen zum Gerichtsverfahren zwischen Johnny Depp und Amber Heard

Das erste Mal Gänsehaut bekomme ich als Amber Heard schreit, dass sie nicht wisse welche genaue Bewegung ihre Hand gemacht habe mit der sie Johnny Depp geschlagen hat. Ich liege auf dem Sofa, mein Smartphone in der Hand. Ihre Stimme klingt herablassend, ironisch, als sei es egal, dass sie, wiederholt, ihren Ehemann geschlagen habe, dem sie häusliche Gewalt vorwirft. Meine Kehle schnürt sich zu, ich weiß wie Missbrauch aussieht, ich weiß wie Täter reden. Oder Täterinnen. Es ist eine von vielen Audioaufnahmen zwischen Amber Heard und ihrem Ex-Mann Johnny Depp. Stundenlange Aufnahmen, in denen Amber Heard reumütig erläutert, dass sie wisse, dass körperliche Gewalt falsch sei, dass es ihr leid tue, dass sie ständig in wilde Wut ausbräche und immer wieder körperliche Gewalt beginne. Vor allem, wenn Depp den Raum verlasse während eines Streits, verliere sie den Verstand. Diesen reumütigen Momenten folgen wüste Beschimpfungen und Gaslighting, also das systematische Absprechen der eigenen Erfahrungen, wenn sie sagt „Du wirst nicht geschlagen, du wirst nur gehauen, werde erwachsene, Johnny, du bist so ein Baby.“ Eine andere Aufnahme belegt, dass sie den Verlust der Fingerkuppe bei einem gemeinsamen Aufenthalt in Australien von Johnny Depp verantwortet. Es wimmelt in diesen Aufnahmen von Herablassung, von Beschimpfungen, dem Geständnis, dass sie nicht garantieren kann keine Gewalt mehr auszuüben.

Wer die Aufnahmen hört, der weiß, wer das Opfer von psychischem und physischem Missbrauch in dieser Ehe geworden ist. Also warum stehen die beiden vor Gericht? Weil Johnny Depp kein perfektes Opfer und Amber Heard eine schöne weiße Cis-Frau ist. Weil die Medien nach Klicks gieren. Weil es toxische Weiblichkeit gibt, die dunkle Seite der Emanzipation.

Aber fangen wir von vorne an: Es ist 2016 und die Vorwürfe häuslicher Gewalt werden das erste Mal gegen Johnny Depp erhoben. Ich erinnere mich an meine initiale Enttäuschung, ahja, er jetzt auch. Es ist eine andere Zeit, kurz vor #metoo, aber bereits in den Anfängen immer lauter werdender feministischer Stimmen. Die Erkenntnis, dass auch Johnny Depp nur einer von diesen drogensüchtigen Schlägertypen ist, sickert schnell ein. Viel hatte ich von ihm eh nie erwartet. Es gab schließlich immer die Gerüchte, über Kate Moss und zerstörte Hotelzimmer, zweimal wurde er verhaftet wegen Vandalismus oder sowas. Ich speichere es ab, lese im Augenwinkel, dass Heard weiter über ihre Erfahrungen redet, finde das gut. Ich glaube ihr.

Johnny Depp wird in kürzester Zeit aus dem Hollywood-Himmel geworfen. Jede Unterstützung für ihn wird begleitet von wutentbrannten Kampagnen. Zu Recht. Es ist auf den ersten Blick ein klassischer Fall in dem Social Media die offensichtliche Ungerechtigkeit, dass ein Täter keine sozialen Konsequenzen fürchten muss, nicht hinnimmt. Boulevard-Blätter sind gespalten – das Schauspiel, das solchen Fällen natürlicher Weise folgt, nimmt seinen Lauf. Ich selbst erinnere mich, dass ich entzürnt darüber twitterte, weil ein Boulevardblatt ihre Sicht in Frage stellte. Zwei Jahre später schreibt Heard über ihre Erfahrungen im Schatten der #metoo-Kampagne, die den systematischen Missbrauch von Frauen in Hollywood offenlegt. Amber Heard wird Botschafterin für Opfer sexualisierter Gewalt. Sie spielt ihre erste Hauptrolle in dem Film Aquaman. Ich nehme sie das erste Mal abseits von Johnny Depp wahr, ich freue mich für sie.

Als ich ein paar Jahre später lese, dass Depp sie wegen Verleumdung verklagt, dass das Gericht einen Livestream beschlossen hat, bin ich entsetzt. Was für eine Demütigung, was für eine perfide Art Opfer von häuslicher Gewalt fertig zu machen. Justice for Amber Heard!

Gleichzeitig ist mein Interesse geweckt und ich frage mich: Was treibt diesen Mann an? Wie psychopathisch kann er sein? Also recherchiere ich, stoße auf Videos aus dem Jahr 2020, auf Blogger*innen, die seit Jahren über den Fall berichten, Social Media ist unter dem Hashtag #justiceforjohnnydepp seit mindestens 2020 einig: Johnny Depp ist das Opfer und Amber Heard, nunja, eine Psychopathin. Ich bin verwirrt, denn die lautstarke Unterstützung erfährt Depp insbesondere von Frauen, die selbst häusliche Gewalt erlebt haben.

Ich lese, höre die Aufnahmen, lese weiter, gucke Videos, aus dem Gerichtsverfahren, über das Gerichtsverfahren, lese weiter und mit jedem Mal kommt die Erkenntnis mehr und mehr, dass Amber Heard vielleicht wirklich eine tiefsitzende Persönlichkeitsstörung hat. Jede Erfahrung, die ich mit Narzissmus und Histrionismus gemacht habe, reflektiert sich in ihrem Verhalten. Die verbale Abwertung und völlig übertriebene Ausschmückung selbst trivialer Ereignisse, die Art und Weise, allen anderen die Schuld zu geben und Lügen zu unterstellen, sich selbst dabei konsequent als unschuldig, sympathisch, makellos zu zeichnen. Die blinde Wut, wenn sie mit Fakten konfrontiert wird, das Ausweichen von konkreten Fragen, das Massieren der Wahrheit, das offensichtliche Verdrehen von Fakten.

Jede Information mehr, die ich aufnehme, ist ein Puzzleteil von klassischem Missbrauch: Isolieren von Freund:innen und Familie, systematisches Verdrehen der Realität, explosive Ausraster, Kleinreden dieser und das Herunterspielen und Rechtfertigen körperlicher Übergriffe.

Vor Gericht beschreibt Johnny Depp, dass er angefangen habe ihre Auseinandersetzungen aufzunehmen, weil sie sich am nächsten Tag nicht an ihre Ausraster erinnern konnte. Es ist eine klassische Situation mit einer Person, die ihr Gegenüber missbraucht.

Im Laufe des Verfahrens, dass ich live im Internet angucke zeigt sich das Bild einer Frau, die ihren 23 Jahre älteren Superstarmann systematisch missbraucht hat, körperlich und psychisch. Es ist das Bild eines Missbrauchs, nur dass die Rollen so verdreht sind, dass es gegen jede intuitive Vorstellung geht und mehr noch frauenfeindliche Klischees bedient: Die junge, geldgierige Frau, die den trotteligen alten Superstar wie eine Weihnachtsgans ausnimmt und ihn mit Schlägen unter Kontrolle hält. Ich möchte das nicht.

The system did not fail Amber Heard

Die Welt in der Amber Heard ihre Anschuldigungen 2016 und nochmal 2018 vorbrachte ist eine, in der Frauen sehr viel mehr geglaubt wird, wenn sie über Gewalt sprechen. Eine Welt, die häusliche Gewalt gegen Frauen nicht mehr so hinnimmt, auch wenn sie immer noch jeden Tag passiert. Eine westliche Welt, in der Frauen auf dem Papier gleichberechtigt sind und wesentliche Fortschritte gemacht worden sind, in der Frauen, die einen gewissen Status erreicht haben ein hohes Maß an Gleichberechtigung genießen. Eine Welt, in der Frauen wie Amber Heard, die schöne, blonde, weiße Hollywoodschauspielerin, geglaubt wird, wenn sie Anschuldigen wegen sexualisierter Gewalt machen. Es ist ein immenser Fortschritt, dass Menschen wie Harvey Weinstein, ihr systematischer Missbrauch und die sexualisierte Gewalt endlich ans Licht gekommen sind. Dass Täter wie Woody Allen, Bill Cosby und andere zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist ein immenser Fortschritt, dass es seit den frühen 2010er Jahren eine neue Welle des Feminismus gibt. Social Media hat seinen Anteil daran. So sehr diese Plattformen oft ein Höllenloch sind, so sehr tragen sie auch dazu bei Wahrheit und Gerechtigkeit in die Welt zu tragen.

Polizei und Behörden waren den Anschuldigen von Amber Heard gegenüber wohlwollend, glaubten der jungen Frau. Ihre einstweilige Verfügung wird in Abwesenheit von Johnny Depp durchgesetzt, obwohl die Audioaufnahmen bereits damals vorliegen. Das Videomaterial von 2016 zu den vorgebrachten Anschuldigungen ist in vielerlei Hinsicht irritierend, Nachfragen werden von Amber Heard belächelt und auf aggressive Art und Weise runtergespielt. Aber die Institutionen glauben ihr, weil sie ein Drehbuch abspult, wie es so oft schon stattgefunden hat, weil sie ein schöner, weißer Hollywoodstar in einer heterosexuellen Beziehung ist. Und weil der vermutliche Täter ein alternder Hollywoodstar ist, der bekanntlich Drogenprobleme hat. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass eine nicht-weiße Frau ohne vergleichbare Mittel bei der ersten Befragung 2016 sehr wahrscheinlich als Lügnerin bezeichnet worden wäre.

2019 reicht Johnny Depp Klage gegen die Sun ein, die ihn als Frauenschläger bezeichnet. Er verliert den Fall unter anderem weil es einen Austausch zwischen Amber Heard und dem Assistenten von Johnny Depp gibt, aus dem hervorgeht, dass Amber Heard von Johnny Depp getreten wurde. Der Richter glaubt Amber Heard in allen vorgebrachten Fällen und die Sun gewinnt. Rund um den Richterspruch gibt es zahlreiche Verschwörungen. In alle ist Elon Musk verwickelt, mit dem Amber Heard zusammen war und vor der Geburt ihres Kindes einen Rechtsstreit über eingefrorene Embryos führte. Musk wollte die Embryos zerstören, Heard gewann den Rechtsstreit. Wer der Vater ihres Kindes ist? Darüber gibt es nur Spekulationen. Welche Rolle Musk spielt – er ist bisher nur nachgewiesener Weise mehrfach für sie finanziell in die Bresche gesprungen – ist nicht ganz geklärt. Aber ich habe mich nicht gewundert, dass der Twitterdeal im Rahmen des Gerichtsverfahren erstmal auf Eis gelegt wurde. Die Fanboys von Elon Musk sind nämlich im Fall Depp/Heard auf Seiten von Depp – denn klar, ohne Frauenfeindlichkeit geht es auch hier nicht.

Generell ist der Fall und das Gerichtsverfahren durchzogen von Frauenfeindlichkeit. Das macht es so schwer. Das macht diesen Text für mich so bedeutend. Es ist kaum auszuhalten zu sehen, mit welchen Leuten ich im Internet plötzlich einer Meinung bin. Auch deswegen lese und höre und schaue ich mehr und mehr. Ich will, dass Johnny Depp schuldig ist, dass Amber Heard die Wahrheit sagt. Aber je mehr ich mich in den Fall vertiefe, desto mehr wird klar, dass Amber Heard ein notorisches Problem mit der Wahrheit und gewalttätigen Wutanfällen hat und Johnny Depp wirklich Opfer von Missbrauch und Gewalt geworden ist. Warum ihm trotz erdrückender Beweise immer noch nicht geglaubt wird ist das Spiel, dass alle Opfer häuslicher Gewalt erleben: Jeder Fehler und eine angeschlagene mentale Gesundheit werden gegen das Opfer eingesetzt, die eigenen Taten dem Opfer unterstellt. Wir kennen das, jedes Opfer wird für die eigenen Fehler beschämt in der irren Vorstellung, dass es ein perfektes Opfer gibt.

Johnny Depp ist sehr weit weg vom perfekten Opfer

In den SMS und Mails von Johnny Depp, die dem Gericht vorliegen zeigt sich, dass Johnny Depp ein alter, weißer Mann mit unendlich unangenehmen Boomerhumor ist, den alle kennen, die drei Minuten im Internet verbracht haben. Mit seinem Freund Paul Bettany und seinem Mitarbeiter Stephen Deuter, werden unendlich unangemessene Sätze ausgetauscht. Frauenfeindlich in Sprache und in Referenz zu kulturell wertvollen Filmen wie Hangover, aber auch Monty Python – ein Meilenstein popkultureller Erinnerung, die in vielen Teilen aus einer heutigen Brille unglaublich erscheint in der Art und Weise, wie über Frauen und auch sexualisierte Gewalt gewitzelt wird. Diese Screenshots dokumentieren die Hölle zwischenmännlicher Kommunikation wie sie bis heute noch üblich ist und sie erinnern uns daran, dass Johnny Depp fast 60 ist und wieviele Fortschritte gesellschaftlich schon erreicht worden sind. Er hat eine offensichtliche Drogen- und Suchtgeschichte, er ist ein mächtiger und einflussreicher Hollywoodstar und er redet über Frauen in diesen Momenten wie es auch Täter tun.

Vielleicht ist das der Grund, warum so viele, insbesondere in den Medien, immer noch mit Amber Heard sympathisieren. Trotz der unfassbaren Masse an Beweisen, die zeigen, dass Amber Heard nicht nur einmal, nicht nur zweimal gelogen hat, sondern, so weit muss ich gehen, nicht in der Lage ist einen Satz zu artikulieren, der die Realität und Wahrheit repräsentiert. Aber Johnny Depp, der mächtige Hollywoodstar kann nicht Opfer geworden sein, darf er nicht, denn das wirbelt zu viele Glaubenssätzen, die wir über Missbrauch haben, durcheinander.

Patriarchat bedeutet auch, dass Männer kein Opfer werden können

Es gibt eine Szene in der Befragung von Amber Heard, die ihre eigene Haltung und wie tief das Patriarchat in ihr verwachsen ist aufzeigt. Sie berichtet an einer Stelle, dass Johnny Depp sich bei ihr entschuldigt habe und sie beschreibt wie er weint. Sie sagt dazu, dass es „weird“ gewesen sei und sie noch nie einen erwachsenen Mann habe weinen sehen, die Verachtung ist in ihren Augen zu sehen. Es ist eine kleine Nuance in ihren Aussagen, aber sie bleibt bei mir hängen, denn würde eine Feministin sagen, dass es „seltsam“ ist, wenn Männer weinen? Nicht in meinem Feminismus.

Liberale Feministinnen in Verteidigung von Heard gehen währenddessen so weit, dass jedes Einfordern von Beweisen für körperliche Gewalt frauenfeindlich, dass das Belegen von Lügen (und es sind viele, sehr, sehr, sehr viele Lügen von Heard, die widerlegt worden sind) Gewalt und die Anerkennung, dass ein alternder Hollywoodstar mit Drogenproblemen das Opfer häuslicher Gewalt geworden sein kann, Ausdruck fehlenden Selbstwertgefühls sei. Die angeblich neue Freundin von Amber Heard, die Journalistin Eve Barlow ging so weit allen Frauen, die Johnny Depp glauben, in einer erstaunlichen Zahl Frauen die selbst Überlebende häuslicher Gewalt sind, zu unterstellen sie seien „neidisch“ auf Amber Heard und ihre Schönheit. Ahja.

Auch in Deutschland ist der liberal-feministische Chor unisono: Depp ist das Monster. Heard Opfer einer Schmierenkampagne. Dass diese Verteidigung niemals für eine nicht-weiße Frau stattfinden würde – geschenkt. Der Tagesspiegel titelt „Warum glaubt ihr niemand?“ – die Antwort ist erstaunlich einfach: Weil sie immer und immer wieder der Lüge überführt wird.

Gaslighting the internet

Jede Aussage von ihr wird im Internet umgehend als Lüge entlarvt. Die Beispiele sind unendlich. Das Make-Up, dass sie genutzt haben will als Johnny Depp sie brutal verprügelte, ist erst 1 Jahr nach der Ehe erschienen, ihre großzügige Spende des Scheidungsgelds an die ACLU und ein Kinderkrankenhaus hat nie stattgefunden, ihre Aussage sie habe Johnny nie geschlagen wird in den Audioaufnahmen als Lüge entlarvt, die Behauptung ihre Rolle in Aquaman sei reduziert worden wegen der Verfahren, die Johnny Depp angestrengt hat, wurde von einem Studioboss zurückgewiesen. Sie sei nie verhaftet worden wegen häuslicher Gewalt ist ebenfalls eine Lüge. Sie hat im Zeugenstand behauptet kein Kokain mehr genommen zu haben seit sie 18 ist – alte Weggefährten und eine Krankenschwester haben das Gegenteil ausgesagt. Teilweise unter Eid.

Selbst bei unwichtigen Dingen lügt sie. Haben sie je Gitarre gespielt? Ich habe niemals Gitarre gespielt sagt sie mit voller Inbrunst. Fünf Minuten später taucht ein Video im Internet auf dem sie Gitarre spielt und singt. Sie behauptet ihre Nase sei von Johnny Depp gebrochen worden und am nächsten Tag ist sie in einer Talkshow und sieht makellos aus. Vielleicht war die Nase nicht gebrochen, es hat sich aber so angefühlt sagt sie dann. Wieder mit voller Inbrunst. Im Zeugenstand auf diese Diskrepanzen in ihren Aussagen beweist sie eine bemerkenswerte Chupze: Ärzt:innen, Krankenschwestern, Polizist:innen (mit Bodycam!), Augenzeug:innen – alle sagen die Unwahrheit, außer Amber Heard. Es ist anstrengend ihr dabei zuzusehen, wie sie Aussagen verdreht, runterspielt und einen anderen Kontext herzustellen versucht. Mit jeder Aussage und jede:r Zeug:in kommen neue Unwahrheiten und Ungereimtheiten ans Tageslicht. Selbst ihre Freund:innen, die bei den Fällen häuslicher Gewalt dabei gewesen sein wollen haben unterschiedliche Geschichten zu den vorgebrachten Anschuldigungen. Nur eins können sie alle bezeugen: Sie haben nie beobachtet, dass Johnny Depp gewalttätig geworden ist.

Die einzige Zeugin für Gewalt ist ihre Schwester, Whitney, deren Aussage von der Zeugin Jennifer Howell als Lüge bezeichnet wird. Die Schwester, über die u.a. in einer Reality Show spekuliert wird, ob Amber sie verprügelt hat. Ich habe sofort das Gefühl, dass sie für ihre Schwester lügt. Ein Moment im Gericht ist extrem bezeichnend für mich. Die Psychologin, Dr. Curry, beschreibt, dass Heard mit Eltern aufgewachsen ist, die Suchtprobleme hatten. Amber Heard lacht verächtlich in dem Moment. Es ist eine der wenigen Momente – abgesehen davon, wenn sie über ihre Hunde spricht – wo ich das Gefühl habe, dass sie genuin ist. In diesem Moment verstehe ich, dass Amber Heard Opfer von häuslicher Gewalt und Missbrauch geworden ist. Nur eben nicht von Johnny Depp, sondern in ihrer Kindheit.

Ein Element von Missbrauch ist Gaslighting – eine Taktik dem Gegenüber die Realität abzusprechen, um Beweise für das eigene Fehlverhalten zu vertuschen. Amber Heard hat das in den Audioaufnahmen mit Johnny Depp an vielen Stellen gemacht, sie macht es im Zeugenstand und ihr Team versucht das gleiche im gesamten Gerichtsverfahren. Das geht so weit, dass ihre Anwälte Einspruch gegen sich selbst erheben, wenn ihnen die Antwort auf ihre eigene Frage nicht gefällt. Es sind diese Momente, die, um es in Internetsprache zu sagen, Memgold sind. Zeugen, die sich in ihre Aussagen verstricken, die beim Lügen im Zeugenstand erwischt werden, die zugeben müssen sich geirrt zu haben – und dabei mehr als lustig gucken oder an popkulturelle Figuren erinnern. Amber Heard versucht die Welt zu gaslighten und Hunderttausende von Menschen sind wütend darüber. Insbesondere Opfer von häuslicher Gewalt sind auf Social Media laut und entschieden. Denn sie erkennen ihre Täter oder Täterinnen in Amber Heard wieder, sie erkennen sich selbst in Johnny Depp wieder. Die Aussagen von Johnny Depp aus den Audioaufnahmen, in denen er final mit Amber bricht und ihr sagt, dass er sie geliebt hat, aber dass sie nie existiert hat, sondern eine Fantasie war, geht auf TikTok viral, weil so viele Opfer von Missbrauch sich in seinen Worten wiederfinden.

Das Internet ist nicht nur voller Memes weil sich über sexuelle Gehalt lustig gemacht wird, sondern wegen der Masse an Lügen, die von Amber Heard erzählt werden und weil es eine tiefe, tiefe Befriedigung ist, wenn eine notorisch lügende Person in eine Situation gebracht wird in der ihre Lügen an die Grenzen kommen.

Deswegen sind so viele so investiert in diesen Fall – weil wir alle diese Menschen kennen, die lügen und lügen und lügen und immer davon kommen. Weil die Welt zu oft auf den Seiten der Täter:innen steht, weil die Opfer immer und immer wieder nach dem gleichen Muster beschämt werden.

Es ist natürlich tragisch und Ausdruck unser immer noch zutiefst misogynen Gesellschaft dass es eine junge Frau trifft deren Kartenhaus aus Lügen zusammenbricht. Es zeigt aber auch, was es braucht um eine so hoch manipulative Person zu entlarven: Millionen Dollar und einen weltweit geliebten Hollywoodstar, einen Mann. Deswegen sind so viele Opfer auf der Seite Johnny Depps. Weil es einen emotional reinigenden Effekt hat zu sehen, wie Missbrauch entlarvt wird.

Psycholog:innen, Anwalt:innen und sogar Körpersprachenexpert:innen überschwemmen Social Media mit ihren Analysen und sie zeigen durch die Bank weg, dass Johnny Depp das Opfer geworden ist, wobei die Körpersprachenexpert:innen vor allem auf die Wahrhaftigkeit der Aussagen bzw. die Diskrepanzen zwischen Körpersprache und artikulierten Worten hinweisen. Auch hier wird grundsätzlich Johnny Depp für glaubwürdiger gehalten. Und das obwohl die Wissenschaft zeigt, dass gutaussehenden, weißen Frauen mehr geglaubt wird.

Dieser Fall ist deswegen auch eine Frage, welchen Expert:innen wir glauben. So wie bei der Erderwärmung, Corona oder dem Krieg gegen die Ukraine.

Borderline? 

Dass Männer auch Opfer von häuslicher Gewalt werden können ist ein Fakt. Johnny Depp hat im Zeugenstand ausufernd erklärt, wie seine Kindheit und die Ehe mit Amber Heard zusammen hängen. Wie seine Mutter und Amber Heard auf vergleichbare Art und Weise gewalttätig waren, wie er nicht wie sein Vater einfach gehen wollte. Er hat seine Drogensucht und seinen Kampf damit offengelegt. Er wirkt, als habe er seine Hausaufgaben gemacht und seine Vergangenheit bearbeitet, wenn er sagt, dass die einzige Person, die er jemals missbraucht hat er selbst sei. Es sind natürlich diese Momente, wo der Superstar, der er ist, rauskommt. Es sind die Momente, die erklären, warum so viele Opfer, die sich mit ihren Kindheitstrauma auseinandersetzen mussten, um ihre toxischen Beziehungen zu verstehen, mit Depp sympathisieren.

Amber Heard auf der anderen Seite wurde, vom Gericht angeordnet, von einer Psychologin untersucht, die wiederum von Depp engagiert wurde. Die zuständige Psychologin Dr. Curry, hat, basierend auf den bisherigen Unterlagen und einer Untersuchung Amber Heard Borderline und Histrionismus diagnostiziert. Ihre Diagnose ist mit dem bisherigen Verlauf des Verfahrens in Einklang – auch hier gibt es hunderte Memes, die auf tragische Weise die Aussagen von Dr. Curry mit Amber Heard im Zeugenstand nebeneinanderstellen und verdeutlichen, wie akkurat Dr. Curry Amber Heard diagnostiziert hat. Wobei mit jedem weiteren Tag des Verfahren meine Vermutung ist, dass die Psychologie ebenfalls gegendert ist und einem Mann, der sich wie Amber Heard verhält, ohne Wenn und Aber eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren würde. Amber Heard dagegen kriegt die klassische Frauendiagnose: Borderline und Histrionismus.

Und trotzdem, oder gerade deswegen, glauben ihm, insbesondere Protagonist:innen des liberalen Feminismus nicht. Die meisten Artikel, die derzeit erscheinen bleiben bei der Deutung, dass Amber Heard nicht die Täterin sein kann. Denn sie ist eine Frau, sie ist Feministin, sie ist eine Protagonistin von #metoo – es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denn was würde es bedeuten, wenn eine Protagonistin eine der wichtigsten feministischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte selbst Missbrauch gegen ihren Ehemann begangen hat?

Protecting #metoo at all costs

Amber Heard hat die letzten Jahre als Botschafterin für häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen gearbeitet. Sie ist auch dafür bezahlt worden. Es ist nicht grundsätzlich verwerflich aus Feminismus ein Geschäftsmodell zu machen – wir müssen alle über die Runden kommen – aber es bringt gewisse Zwänge mit sich. So wie jedes Geschäftsmodell Zwänge mit sich bringt. In diesem Fall bedeutet es eine der Protagonistinnen von #metoo als Betrügerin zu bezeichnen und damit Gefahr zu laufen die komplette Bewegung zu diskreditieren. Schon jetzt kommen Typen an und erzählen was davon, dass alle Frauen immer lügen. Das ist ein Grund, warum auch ich mit diesem Text so unfassbar hadere. Aber wenn Männer auch Opfer von häuslicher Gewalt werden können, auch wenn das die Minderheit ist, dann heißt es nicht #believeallwomen sondern, #believeallvictims

Die Tragik der ganzen Situation ist, dass es der größte Fall häuslicher Gewalt ist, den die Welt je gesehen hat, aber dass viele derer die die letzten Jahre an der Front gekämpft haben nicht sehen können, dass es eine Chance für alle Opfer ist. Weil es ein alter weißer Mann ist, drogensüchtig, mit einer Sprache, die schlicht widerlich ist. Weil eine Frau die Taten begangen hat. Aber Angst vor der Wahrheit zu haben kann kein Motor sein. Darf kein Motor sein. Die Wahrheit ist nicht frauenfeindlich, obwohl es die Realität ist.

Denn in dieser Logik ist es dann von fundamentaler Bedeutung die Errungenschaften von #metoo unter allen Umständen zu schützen. Selbst wenn eine Protagonistin der Bewegung klar der häuslichen Gewalt überführt wird. Ein Feminismus, der sich dem Kapitalismus anpasst, der schlicht Frauen in Machtpositionen setzen will, ohne Macht und Ausbeutung zu thematisieren ist das Ergebnis. In diesem Feminismus dürfen dann nicht nur Männer nicht weinen, sondern niemand darf weinen, denn das bedeutet Schwäche und Schwäche zeigen bringt dich in dieser Welt nicht weiter. Der Kapitalismus will keine Tränen. Das aber wäre ein Feminismus, den keiner braucht.

Es ist herzzerreißend als Johnny Depp final im Zeugenstand sitzt und beschreibt, was der Missbrauch, was die Anschuldigungen und Lügen mit ihm getan haben. Amber Heard sitzt währenddessen im Gerichtssaal und lacht. Es ist verstörend zu sehen, wie sie auf emotionale Intensität reagiert, es bricht mir das Herz, denn sie hat ganz offenbar ihre eigenen Trauma aus Kindheit und Teenagerjahren nicht verarbeitet. Wer in diesem Moment nicht erkennt, dass Depp hier das Opfer geworden ist, hat kein Interesse an Opfern von Missbrauch.

Oder um es mit Amber Worten zu sagen: „Grow the fuck up.“

 

Disclaimer: Eine Diagnose „Borderline“ zu haben bedeutet nicht Missbrauch zu begehen. Hinweise auf mentale Gesundheit sind keine Entschuldigung, nur eine Erklärung. Nur weil ihr eine psychische Krankheit habt seid ihr keine Täter:innen! Ich verlinke auch nochmal Anlaufstellen für Betroffene: https://www.big-hotline.de / https://www.telefonseelsorge.de