19. November 2013

Deutschland, Deutschland in der Nacht.

Irgendwas scheint weh zu tun bei dem Gedanken daran. Also körperlich weh. Irgendwie halt. Etwas wehrt sich gegen den Gedanken, dass Deutschland sterben kann. Muss.

In der Nacht kommen die Fackel. Auch heute wieder. In alter Tradition zücken sie eine Flamme für das, was sie glauben zugestanden bekommen zu müssen. Sie lieben eine Idee, ein Gefühl, das sie mit Deutschland verknüpfen, mit Heimat, Einheit, Kampf. Wenn sie bei sich sind, Heldentaten simulieren können, Folklore leben, die sie ihre Angst vergessen, ein gemeinsam spüren lässt, wo es sonst so kalt ist. Sie hängen einer Idee an, die ihnen Sicherheit gibt, weil sie nicht alleine sind, nie alleine sein müssen und weil sie sich verbinden können mit denen, die tun, was sie nie tun könnten. Nie denken könnten. Sie sind stolz auf etwas, was sie gerne wären und nur sein können, wenn sie auch Deutschland sind. So wie die Wehrmacht. Wie der Opa, der eigentlich doch ok war, der so gütig gucken konnte, wenn er schwieg. Und der eigentlich auch Recht hatte. Irgendwie. Auch nur ein Mensch. Unzulänglich nur, wenn er nicht Deutschland ist. Es brennt alles bei dem Gedanken daran etwas nicht lieben zu dürfen, was alles ist, das eins gerne wäre, zu verlieren, was echter ist als das eigene Versagen. Und deswegen erheben sie die Flamme, recken sich nach dem Sonnenplatz, der ihnen versprochen wurden, der nur standesgemäß ist, der am Horizont funkelt, blutunterlaufen. Und aus den Partikeln erhebt sich der Geist, der eigentlich fehlt. Homo homini deus est.

Aber eigentlich tut es nur weh. Also alles. Also das mit Opa. Oder Papa. Die Kälte aus Stalingrad gebracht, die Demütigung geerbt, nicht verzeihen, nicht vergessen. Schon gar nicht denen, die nicht sterben wollten. Für Deutschland. Damit Deutschland leben kann. Damit es geliebt werden kann. Umarmt. Und wie er dich eigentlich braucht, sich aber geniert, weil die Angst zu groß ist. Die Bilder zu stark. Zu lebendig. Wie die wehende Flagge um die Schultern, an der er sich nicht ausweinen darf. Gemeinsam dagegen. Ein Volk. Ein Blut. Ein Geist.

Julia

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ursula bub-hielscher am 19.11.2013 um 10:29

Dass sie nicht weinen durften/konnten über den Zusammenbruch ihres Traumes, dass sie es nicht aushalten konnten, dass es eine Illusion des Gemeinsamen, der Größe war, deshalb ist es gut wenn es uns schmerzt. Sie konnten ihn nicht sterben lassen den blutunterlaufenen Traum. Geschrien haben wir, die Nachgeborenen, die 68er. Aber den Schmerz, waren wir fähig ihn zu fühlen? Ich denke nicht. Es tut weh deinen Text zu lesen und das ist gut so.

August R. Finger am 19.11.2013 um 18:01

Nach meinem Verständnis ist das Land um das es hier geht schon lange tot
und die Leute mit der Fackel haben das nicht verstanden oder bedauern
es. Allerdings heisst dieses Land für mich nicht Deutschland.
Deutschland ist für mich ein anderes Land, das sich gegründet hat, um
auf dem selben Boden gerade nicht mehr das „Dritte Reich“ zu sein und zu
dessen Kultur es gehört, an Konzentrationslager zu erinnern und sich
zur Schuld daran zu bekennen. Diese romantische Blut-und-Boden-Idee, das
ist das rückständige Bild das die Leute mit der Fackel propagieren,
aber nicht Deutschland.

Braucht man überhaupt irgendein
Deutschland? Wenn man das Jüdische Museum, die Betreuung von
Doktorarbeiten, die Förderung von Kunst und den Unterricht in der Schule
nicht Daimler-Benz und der Deutschen Bank überlassen will:
wahrscheinlich ja. Vor ein paar Wochen habe ich aus der Nachbarwohnung
Hilferufe gehört und 110 angerufen. Die Polizei ist gekommen, hat die
Tür aufgebrochen und verhindert, dass mein am Boden liegender Nachbar im
eigenen Erbrochenen verstirbt. Ich will, dass Deutschland sowas macht.
Was andererseits die Dorfprolls mit der Fackel sagen hat mit Deutschland
soviel zutun wie Nachrichten aus Mittelerde.