19. Juni 2013

Atomare, freie Welt

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Barack Obama hat seine 6000 engsten Berliner Freunde zur Audienz gebeten ihm hinter einem Glaskasten stehend zu lauschen. Die Sonne ist heiß, die Rhetorik geschliffen und die gedrückten Knöpfe schnell erkannt. Kant, Dichter und Denker, Berlin, Kennedy, freie Welt und Gleichberechtigung sind die Begriffe, die fallen, damit geklatscht wird. In diesem Fall klatscht eine lose hierarchisierte Gruppe handverlesener Gäste – Sascha Lobo zum Beispiel. Oder ein Luftbrückenpilot. Irgendwo sitzt wohl auch mein alter Professor Christian Hacke. Die Berliner Republik steht bereit zum Appell. Und einige hoffen natürlich auf die Schnittchen im Anschluss. Nach ein paar zerfloskelten Sätzen des Berliner Bürgermeisters Wowereit und der Bundeskanzlerin, beginnt die Rede des US-Präsidenten in gewohnt lässiger Art. Er zieht seine Jacke aus, er grinst spitzbübisch und beweist abermals, dass er wohl einer der besten Redner ist, den diese Welt je gesehen hat. Eloquent, witzig, eine Sonntagsrede. Was gab es auch anderes zu erwarten? Mit Schweißperlen auf der Stirn und einem von Panzerglas verzerrtem Schein auf den Wangen führt er aus, was die Essenz US-amerikanischer Ideologie und gleichzeitig Bigotterie ist, das Kernproblem des Konsensliberalismus unserer Zeit: Alle sind gleich, Wirtschaft ist toll und wenn wir alle nett sind und lächeln, dann wird alles gut. Oder so.

Das angekündigte Freihandelsabkommen darf getrost mit Skepsis betrachtet und die Aussage, dass die ganze Welt davon profitiere angesichts schwindender Ressourcen bei steigendem Verbrauch durchaus als zynischer Populismus gewertet werden. Der Glaube, dass die „Führer der freien Welt“ global agierende Unternehmen noch zu zügeln gedenken, ist schon lange verloren gegangen. Proftieren werden wohl wieder eben diese, während die krasse Mehrheit der Weltbevölkerung weiter um jeden Zentimeter Rechte und Gerechtigkeit ringen werden muss. Da hilft es auch nicht, dass Obama sehr wohl zu wissen scheint, dass wir längst in einem oligarchischen System leben, dass die Wirtschaft wieder den Menschen dienen muss und nicht andersrum. Überhaupt muten die Worte, die er ausspricht im Angesicht der letzten Jahre tragisch, gar mitleidserregend an. Ein Mann, der die Welt ein wenig besser machen will, der solide und mit halbwegs sauberen Mitteln zum „Führer der freien Welt“ wurde, scheint an dem System, welches ihn zu dem machte, was er heute ist, zu verzweifeln. Selbstredend nimmt er es mit einem Lächeln – so hat er gelernt sich durchzusetzen – doch mit jeder Rede, die voller Aufbruch und Versprechungen ist, der dann doch der nächste Bankenbailout, Prism, Guantanamo folgen, wird evident, was sich schon 2008 abzeichnete: Obama scheitert mit seinem Politikstil der Harmonie und Vernunft. Er wird sich im Dickicht US-amerikanischer Demokratie noch mehr verlieren, als er sich nicht eh schon verloren hat. Es mag seinem Charakter geschuldet sein, dass er nun, einmal an der Macht, die alten Verhaltensmuster nicht ablegen kann. Doch mit Lächeln und Freundlich-sein wird er weder Guantanamo endlich schließen (was er in dieser Rede natürlich wieder in Aussicht stellte), noch den komplett außer Kontrolle geratenen War on Terror beenden (was in der Rede natürlich auch anklang) oder die dahinter stehende Industrie eindämmen, geschweige denn die gigantische Umverteilung der letzten Jahre von unten nach oben rückgängig machen können (auch das klang an). Barack Obama steht vor dem Symbol zerfallener preußischer Macht und verkörpert mit jedem Wort die gebrochene US-amerikanische Demokratie. Er ist der Bote des US-amerikanischen Deklinismus.

Und dennoch. Der Applaus ist ihm auch auf dem Pariser Platz sicher, spricht er doch mit einer Selbstverständlichkeit vom Kampf gegen Sexismus, Homophobie und Rassismus, wie wir es von deutschen Politiker*innen selten gewohnt sind. Es tut wohl zu hören, dass Obama die systematische Unterdrückung von Frauen, Homosexuellen und nicht-Weißen als Problem erkannt hat. Überhaupt kann er auch nach all den Enttäuschungen noch begeistern, vermittelt immer noch glaubhaft, dass ihm eine bessere Welt ein wirkliches Anliegen ist, eine Welt, in der alle Menschen Platz finden, glücklich sein können. Eine Ausstrahlung, die den wenigstens Politiker*innen anhaftet. Und auch ich kann mich nicht verwehren immer noch leichte Fangefühle zu bekommen, denn ich habe immer das Gefühl, dass er sich zumindest schämt für all das Elend, das von US-amerikanischem Boden ausgeht, das er immer noch nicht im Ansatz beenden konnte, dass Guantanamo ihn wenigstens schlecht schlafen lässt. Wenigstens das. Achja und Klimawandelleugner ist er auch nicht. Auch das.

Und dann kommt das Thema Abrüstung. Die Zeitungen sind schon seit Tagen voll damit und auch im Nachgang ist die Berichterstattung dominiert von einem Vorstoß, der so wenig Widerspruch wie nur möglich ernten kann und wird. Abgesehen vielleicht von einem kleinen widerständigen Nordkorea. Atomare Abrüstung also. Und auch wenn es sich immer noch um ein virulentes Thema zu handeln scheint, kann ich mich nicht verwehren zu attestieren, dass wir Zeuge eines raffinierten und doch transparenten Ablenkungsmanövers geworden sind. Atombomben mag halt niemand. Eigentlich. Fast schon erinnert es an ein Welthungerhilfeprogramm, ein gefälliges Thema, für das es seit ungefähr 15 Jahren eigentlich keinen Mut mehr bedarf. Dass Putin nun dagegenhält ist nicht verwunderlich und in erster Linie ein erwartbares Geplänkel. Trotzdem: Die US-amerikanischen Strategen wollten sicher spielen. Der Große Wurf, der garantiert trifft. Geht mit Atombomben ganz gut. Passend, denn selten war die US-amerikanische Innenpolitik so präsent und gleichzeitig umstritten im Vorfeld eines Präsidentenbesuches wie dieser Tage – schließlich waren die Ränkespiele der NSA bisher eher ein Fall für versierte Politikwissenschaftler*innen, Journalist*innen oder Verschwörungstheoretiker*innen. Dank Edward Snowdon jedoch spielt die umtriebige Behörde plötzlich im Mainstream eine Rolle. Allein deswegen war eine leichtfüßige Rede zu erwarten. Eine Rede, die niemanden belastet, welche die wenig Entscheidenden jedoch irgendwie begeistert. Und das hat geklappt – die Presse und die Minister sind zufrieden bis begeistert, Atombomben plötzlich wieder das Wichtigste im Internationalen Spiel. Weltweite Arbeitskämpfe, Ungerechtigkeit, notwendige Umverteilung und ausufernde Überwachung durch Unternehmen und Regierungen vergessen.

Statt einer Grundsatzrede also, die sich überzeugend der Freiheit der Weltbevölkerung verschrieben hat, setzt Obama auf ein sicheres Pferd: atomare Abrüstung. Statt sich bei den Berlinern stellvertretend zu entschuldigen, dass die deutsche Bevölkerung anlasslos überwacht wird, ein Vorstoß der den schalen Geruch von 1986 trägt. Muffig, einfallslos, ignorant. So wie der Liberalismus, der Amerika einst groß machte.

Pariser Platz. 5999 Freunde und ich >>> http://www.flickr.com/photos/femrate/

Julia

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