4. Dezember 2012

Stuhlgewitter und andere Unannehmlichkeiten

Stuhlgewitter sind die Aufstände derer, die sich machtlos wähnen. Im Schwarm vereinen sie sich, widerstehen der vermeintlich bekannten Hierarchie und lehnen sich gegen die “Mächtigen” auf. Gegen jene, die über Kapital verfügen, welches sie nutzen, um ihre eigene Position zu verteidigen. Zumindest wirkt es so. Stuhlgewitter sind somit ein Machtkorrektiv. Doch was passiert in einer Umgebung der totalen Selbstdarstellung, die uns qua Internet nahezu aufgenötigt wird? In Zeiten, wo echte Macht und scheinbare Macht kaum noch zu unterscheiden sind? In einer Welt, die in erster Linie textbasiert ist, kann es nur aktive Selbstdarstellung geben. Schon die Auswahl des Namens auf einer $socialmediaplattform bedeutet Selbstdarstellung. In diesem Umfeld wird Macht über Follower und Reichweite definiert. Vielleicht auch über die Fähigkeit Meinungen zu beeinflussen und/oder damit Geld zu verdienen, für etwas zu kämpfen, was anderen nicht passt. Und ganz bestimmt über vermeintliche Gruppenzugehörigkeiten.

Und so richtet sich digitaler Hass schnell gegen Symbole oder Vertreter imaginierter Gemeinschaften. Nehmen wir den Hass gegen den Ponykult um die Kinderserie my little pony. Ein Mensch, dessen Leben erfüllt ist, würde vielleicht müde über die Bronies lachen, darüber, dass erwachsene Menschen sich mit dieser leicht trashigen Fernsehserie identifizieren. Aber aktiv hassen ist doch bemerkenswert. Wieso nicht einfach ignorieren? Meine freizeitpsychologische Vermutung ist, dass sie sie die Ponys nur hassen, weil sie denken, dass hinter den Ponys eine verschworene Gemeinschaft steht, von der sie sich ausgeschlossen fühlen. Sie fühlen sich wieder wie auf dem Schulhof, wo sie nicht mitspielen durften. Anders lässt sich der aktive Hass nicht erklären. Dass diese imaginierten Gemeinschaften meist nicht so existieren, wie die Angreifer denken und die Menschen, die wegen ihrer angeblichen Zugehörigkeit angegriffen werden, meist sehr sensibel sind, juckt die Angreifer nicht. Sie wollen Dominanz ausüben, in diesem einen Moment Macht spüren, um sich zu versichern, dass sie nicht so ohnmächtig sind, wie sie sich fühlen.

Hass ist immer ein Ausdruck eigener Probleme und hat eigentlich nie etwas mit dem Gehassten zu tun. Hass offenbart nur die seelischen Abgründe des Gegenübers. Aber die sind nicht das Problem des Angegriffenen. Hass ist zwar ein veritabler Antrieb, aber um für eine bessere Welt zu kämpfen sollte es dessen nicht bedürfen.

Nachdem ich nun selbst schon für hassenswert und vogelfrei erklärt und entsprechend Opfer bizarrer Hassauswüchse wurde, habe ich mal aufgeschrieben, wie eins mit diesem Hass umgehen kann:

10 Regeln für das Überleben im digitalen Haifischbecken

1. Nicht persönlich nehmen. Die meisten Angriffe haben mit dir als Mensch rein gar nichts zu tun. Stattdessen handelt es sich um eine Projektion. Deine Angreifer sehen in dir ihre eigenen Schwächen, sie glauben, dass du etwas hast, was ihnen fehlt. Sie glauben, dass du stark und unangreifbar seist. Je härter sie dich angreifen, desto mehr sind sie davon überzeugt, dass es an dir abprallt. Sie wollen dir eine Lektion erteilen, weil sie denken, dass du ignorant über den Dingen stehst.

2. Suche niemals nach deinem bürgerlichen Namen bzw. deinem nicht-Nickname auf $socialmediaplattform. Just don’t do it. Die härtesten und fiesesten Angriffe kommen ohne Mention. Sie wollen nicht mit dir reden, sondern über dich. Also lies es auch nicht. Ähnliches gilt für Kommentare auf diversen Webseiten. Besonders, wenn ein Artikel von dir oder über dich erscheint. Die wenigen guten Kommentare fallen dann zwar runter, aber das sollte dir deine psychische Integrität wert sein.

3. Blocken, blocken, blocken. Meinungsfreiheit bedeutet sagen zu dürfen, was mensch möchte ohne staatliche Repressionen. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jeder Mensch das Recht hat, dass seine/ihre Meinung (wobei die Frage ist, inwiefern Belästigung, Beleidigung, etc. eine schützenswerte Meinung ist) gehört wird von denen, an die sie gerichtet ist. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass eins sich alles anhören muss, was über eins gesagt wird. Auch fällt unter Meinungsfreiheit nicht, dass mensch in deinem Blog kommentieren dürfen muss. TweetDeck hat zum Beispiel eine tolle GlobalFilter-Funktion. Und WordPress Plugins, mit denen du die Kommentarfunktion schließen kannst.

4. Keine Rechtfertigungen. Ab und an Bedarf es einer Erklärung, ja, aber versuche nicht auf $socialmediaplattform deine Angreifer zu entkräften, denn dadurch gibst du ihnen die Aufmerksamkeit, die sie wollen. Und sie werden immer einen Weg finden, wie sie dir die Worte im Mund herumdrehen, denn es geht nicht um Dialog und es geht auch nicht um dich, sondern um sie selbst, um die Menschen, die dich angreifen, um ihre Probleme, die sie auf dich projizieren. Jede Erklärung/Rechtfertigung prallt an ihnen ab.

5. Denke immer daran, dass die Menschen, die dich angreifen, die viel Zeit damit verbringen dich zu attackieren, in erster Linie traurig sind. Je mehr Hass und Häme, Spott und Belästigung Menschen auf dich verwenden, desto mehr offenbart sich das Loch in ihrer Seele. Niemand, der mehr als 1 Minute damit verbringt dich zu hassen, hat ein ausgefülltes Leben.

6. $socialmediaplattform einfach mal nicht nutzen, einfach mal nicht lesen, was Menschen über dich sagen wollen. Stattdessen ein Buch lesen, ins Museum gehen oder Sex haben.

7. Einfach mal lachen. Ist es nicht absurd, dass sich Menschen so obsessiv mit dir auseinandersetzen, obwohl du kein blutrünstiger Diktator mit privater Sicherheitsarmee bist? Ist es 🙂

8. Einfach mal heulen. Es ist vollkommen ok, dass dich die Angriffe fertig machen. Diese Angriffe, auch wenn eins sie nicht unbedingt persönlich nimmt, sind doch immer eine Bankrotterklärung der Welt und schütten Öl in das Weltschmerzfeuer – aber dass die Welt schlecht ist, soll dir ja bewiesen werden. Du sollst die Welt so hassen, wie deine Angreifer das tun. Ab und an deswegen zu weinen ist nachvollziehbar. Und menschlich.

9. Einfach mal lästern. Erfinde komische Spitznamen für die regular Haters, mache dich über sie lustig, erinnere dich daran, wie traurig ihr Leben sein muss, dass sie dich so sehr hassen. Aber verschwende nicht zu viel Zeit darauf.

10. Veröffentliche die härtesten Sachen. Öffentlichkeit bedeutet in diesem Fall Schutz und Solidarität, Privatheit bedeutet lediglich, dass du dich selbst mit dem Abfall alleine lässt. Veröffentliche es ruhig anonym, oder auch mit Namen. Jedenfalls gilt: Anonymität ist nicht unbedingt ein Katalysator für Hass. Die härtesten Sachen kommen oftmals von Menschen, die in ihrer Signatur mit vollen Namen auftreten. Meistens noch mit Titelbezeichnung: Peter Müller, Fachanwalt für Steuerrecht. Oder so.

Und schließlich gilt:

What other people think of you is none of your business.

Julia

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