20. April 2012

Nazis und Poststrukturalismus

Zu Beginn noch einen kleinen Einschub: Hört bitte auf totalitär oder extrem als politische Kampfbegriffe zu nutzen – diese Begriffe sind nicht operationalisierbar für eine fundierte Analyse der Wirklichkeit und dienen ausschließlich dem politischen Kampf. Und hier liegt auch ein Kern des Fehlglaubens: Extremisten werden als Nazis empfunden, obwohl sie mit der eigentlichen Vorstellung der Nazis nichts zu tun haben. (Wir wären btw. auch Extremisten, falls wir die Freiheit des Netzes forderten, das aber nicht die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung wäre, denn Extremismus ist eine Meinung an den Rändern einer vermeintlichen Mitte) Was die eigentlich problematischen Ansichten sind und wieso “Nazi-tum” weit früher anfängt als die Piraten es sehen wollen und wieso wir deswegen tatsächlich ein “Nazi-Problem” haben, ist der Kern des Blogposts. Und nein, dass wird kein theatralisches “Kein Platz für Nazis” – Statement, denn wenn ich sehe, wer am einen Tag Scheiße labert und am nächsten Tag solche theatralischen Statements retweetet, etc. – ja, da bleibt mir nichts übrig, als Ignoranz, Uninformiertheit  oder Heuchelei zu attestieren. Ich will dem Problem an die Wurzel – ganz radikal also.

Es gibt wenig Begriffe, die so inflationär und willkürlich genutzt werden, wie “Nazi” (ich werde den Begriff in Anführungsstriche schreiben. Ich hoffe, dass am Ende des Blogposts klar wird, wieso). “Nazis” sind ein Synonym für “böse” für unfassbar “böse”, maximal “böse”. “Nazi” ist der Superlativ des Bösen. Doch was heißt eigentlich “Nazi”? Ich habe relativ lange gebraucht, bis ich begriffen habe, was die einzelnen Wörter in der ausgeschriebenen Version bedeuten: Nationalsozialisten. Es ist auch gar nicht verkehrt das Sozialistische bei den Nationalsozialisten zu betrachten, denn es ist ein Zugang zu der Zielsetzung und ein Schlüssel zum Entziffern der Ursachen für den Wahnsinn, der unter dem Begriff Holocaust oder auch Shoa in die Geschichte eingegangen ist. Ich zitiere mich einfach mal selbst: “Die nationalsozialistische Herrschaft fußte auf der Idee einen sozialistisch aufgebauten Volkskörper mit national orientierten (im Falle der Kulturnation Deutschland rassistisch-völkischen, siehe meinen Brief an den guten Thilo Sarrazin) Beteiligungsgrenzen zu schaffen. Diesem Volkskörper, bestehend auf der vermeintlich besseren Rasse, sollte in letzter Instanz die Welt und ihre Rohstoffe zur Verfügung stehen. Die Welt als Sklave des deutschen Volkes.” Hier und hier habe ich über Nationalstaaten geschrieben, falls ihr euch mehr damit auseinandersetzen wollt. Die Literaturliste ist jeweils recht umfangreich und ich denke, dass es da gute Anhaltspunkte zum lesen gibt.

Denken wir an Nazis in der Nacht, denken wir an Schlägertrupps, Glatzen und Morde an “ausländisch aussehenden” Menschen, also diejenigen, die von diesen “Neo-Nazis” als “Ausländer” definiert werden. Wir denken vielleicht noch an KZ-Wächter und Heinrich Himmler als Archetypen der Nazis. Oder an Dr. Schneider in Indiana Jones (was z.B. ein Element des Problems ist). So oder so ist es abstrakt, weit weg, irgendwie “böse” und “anders” – die Rolle unserer Großeltern ist nebensächlich, nicht gegenwärtig, nicht direkt mit “Nazis” verbunden. Und genau da liegt der Irrglaube – jeder von uns ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, die auf einem Diskurs basiert, in deren Bezugsrahmen das Verbrechen Holocaust begangen werden konnte. Ja, ich weiß Diskurstheorie ist anstrengend, aber ich empfinde es zum Teil als tief anti-intellektuell, wenn eine Partei sich dem wissenschaftlichen Stand der Geisteswissenschaften verweigert. Schön dazu der Podcast CRE zum Thema Poststrukturalismus. Bitte hören – es ist hochgradig frustrierend, wenn sich immer wieder Piraten zu Themen absolut uninformiert äußern, die mit poststrukturalistischen Instrumenten analysiert werden können. RTFM und so. Und wenn ihr es nicht versteht, dann …. Kresse oder Fragen. Sorry, aber das muss auch gesagt werden.

Der Diskurs nun, der den Holocaust ermöglichte und uns auch geprägt hat besteht aus verschiedenen Elementen, die bis heute eine Rolle spielen, die auch in der Piratenpartei virulent sind und vor allem in der Gesellschaft: Die Zustimmung zu Sarrazin ist dafür ein schönes Beispiel. Folgende Vorstellungen sind Teil dieses Diskurses.

  • Dass es eine natürliche Ordnung gibt, die Menschen befolgen sollten (Hierarchien, etc.)
  • Dass es ein deutsches Volk gibt, was eine Art Einheit darstellt/darstellen soll, welche auf der Sprache und der Kultur basiert (Angeschlossen daran: die Nation retten, erneuern, wiederbeleben; deutsches Volk als unterdrücktes Volk, das sich befreien muss, etc.)
  • Dass es menschliche Rassen gibt und das Menschen auf Grund ihrer “Rassenzugehörigkeit” gewisse Eigenschaften haben und dass es “überlegene Rassen” gibt
  • Dass es Menschen gibt, die überflüssig sind, z.B. Arbeitslose
  • Dass es “gesunde” und “ungesunde” Menschen gibt, die, im Sinne der “Volksgesundheit” eine gewisse Behandlung erfordern (Fettleibigkeit und psychische Abweichungen vom Normzustand zB)
  • Dass es einen richtigen Lebensentwurf gibt, an den sich Menschen anzupassen haben
  • Dass Homosexuelle “krank”, “komisch”, “unnatürlich”, etc. sind
  • Dass Intelligenz genetisch bedingt ist und über den Status in der Gesellschaft entscheiden soll
  • Dass Frauen und Männer binär zu trennen sind, gewisse Eigenschaften auf Grund ihres biologischen Geschlechts haben und diese Eigenschaften ihnen einen definierten Platz in der Gesellschaft geben
  • Dass es “die da oben” gibt – seien es nun „Bankster“, Juden (meist ja eh das gleiche in den Köpfen derer -.-), etc. die es zu “beseitigen” gilt
  • Metapunkt: Gewalt als legitime Form der Durchsetzung dieser Haltungen bzw. Notwendigkeit

Jeder dieser Punkte ist für sich eine hochproblematische Haltung, bedeutet einen Baustein im “Nazi-Denken” und sollte von uns abgelehnt werden. Vereinen sich alle diese Punkte kommt so was wie die NPD dabei raus. Doch jeder Einzelpunkt und das Bekenntnis zu einem dieser Einzelpunkte ist Teil eben jenes Diskurses, der es der NSDAP damals ermöglichte so viele Menschen für sich zu gewinnen. Und sie haben (fast) alle mitgemacht. Es ist deswegen unsere Pflicht, dass wir uns mit diesen Elementen unseres Denkens auseinandersetzen und jedem, der darauf beharrt dieses Denken haben zu dürfen, erklären, dass wir das nicht gut heißen, nicht wollen und dass wir andere Werte haben, die sich an der freien Entfaltung orientieren, an der Individualität, an der Kostbarkeit jedes Menschen und an einer Gesellschaft, die jedem einen würdigen Platz ermöglicht. Um Hedwig Dohm zu zitieren, bezogen auf die Frauen, aber auch auf alle anderen Menschen und diskriminierten Gruppen anwendbar. Transferleistung und so:

Wenn man mich um des Umstandes willen, dass ich mit weiblicher Körperbildung zur Welt kam, des Rechtes beraubt, meine Individualität zu entwickeln, wenn man der nach Wissen und Erkenntnis Verlangenden den wirklich überschätzten Kochlöffel in die ungeschickte Hand drückte, so jagte man damit eine Menschenseele, die vielleicht geschaffen war, herrlich und nutzbringend zu leben, in ein wüstes Phantasieland wilder und unfruchtbarer Träumereien, aus denen sie erst erwachte, als dieses Leben zur Neige ging.” (Die Antifeministen)

Und wenn jemand wie Sarrazin nun fordert, dass man die oben zusammengeführten Punkte – von denen er ja einige vertritt, wie ich das beobachten konnte – nun endlich wieder sagen können muss, dann heißt das in erster Linie nur, dass wir eigentlich einen gesellschaftlichen Konsens haben, der diese Diskursteile ablehnt, weil sie eben zu dem größten Verbrechen aller Zeiten führten. Und das ist gut, denn es zeigt, dass sich die Menschheit eigentlich irgendwie weiterentwickelt – weg von menschenfeindlichen Ansichten, hin zu Reflektion und so. (Übrigens: Biologie und Kultur zu trennen ist nicht zielführend und verstellt den Blick auf die eigentlichen Fragen. Und fragt euch mal: Wie kommt das Wissen, dass ihr habt in euren Kopf? Stichworte hier: Wissensoziologie, Wissensarchäologie)

Wenn wir als Piraten nun die Meinungsfreiheit missbrauchen, um auch nur einen dieser obigen Punkte als validen Diskussionsaspekt zu adeln; Menschen, die auch nur einen dieser Punkte lautstark vertreten Posten geben und dann auch noch ignorieren wie viele Menschen so denken, dann sind wir ein regressiver Haufen von Vollhonks, die die Welt nicht verbessern werden, sondern nur denen eine Plattform liefern, die tatsächlich noch tief in diesem alten Denken verhaftet sind, welches der Poststrukturalismus eigentlich schon sehr schön dekodiert hatte. Jeder von uns muss in sich gehen und darüber reflektieren, wieso er was über diese Menschheit denkt – auch ich habe zu viele Punkte auf der Liste irgendwann in meinem Leben vertreten und es war für mich ein schwerer Akt der Auseinandersetzung mit mir selbst, wieso ich so dachte. Heute kann ich mich davon distanzieren, denn ich verstehe, wie vergiftend dieses Denken ist. Ich will, dass sich dem jeder stellt, jeder. Und ich will, dass wir als Partei fordern, dass sich jeder damit beschäftigt, damit er bei uns mitmachen darf. Ich will, dass wir uns mit den Ursachen des Holocaust auseinandersetzen, daraus lernen. Das Wissen ist da. Es ist überall. Wir müssen es nur annehmen. Aufsammeln.

Und was passiert, wenn man sich mit den Ursachen des Holocausts nicht beschäftigt, kann man ja sehr schön im heutigen Internetdiskurs sehen. Ich freue mich schon auf die Kommentare! Feuer frei!

Bisher zu dem Thema

  • http://juliaschramm.de/2010/08/31/deutschland-und-kulturnation/
  • http://juliaschramm.de/2011/10/30/wahrheit-und-normen/

 

Julia

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65 Kommentare zum Artikel

Kai Denker am 20.4.2012 um 20:08

Teilweise tl;dr, weil ich gerade abgelenkt bin. Ich finde es sehr gut und richtig und wichtig, die Funktion der Begriffe im Diskurs mit dem faschistischen Diskurs selbst zu kontrastieren. Gleichwohl muss ich bzgl. „totalitär“ aber widersprechen, da man diesen Begriff (anders als „extrem“) sehr wohl operationalisieren kann, wenn man eine Begriffsanalyse Deleuzianischer Lesart zugrundelegt: Dann wird klar, dass Konzepte dann totalitär sind, wenn sie der Form nach Fregeanisch (oder dazu homomorph) sind und das Transzendentale des Begriffs über sein Empirisches stellen. Mit anderen Worten: Wenn sie normativ und total definiert sind, sich also nicht ihrer Verwendung anzuschmiegen mögen. Totalitär ist dann jedes Konzept, dass den Anspruch erhebt, für alle Instanzen des Definitionsbereichs zu sprechen, indem es die „nicht passenden Instanzen“ qua Negation verwirft: Alle Menschen sind rational und die, die es nicht sind, nun, die sind keine richtigen Menschen etc. – Das zeigt, dass die meisten Totalitarismusvorwürfe im gegenwärtigen Diskurs ziemlich dumm sind.

(Okay, das ist nur eine Möglichkeit, den Begriff zu operationalisieren, aber immerhin gibt es eine.)

Reiner Worm (Buster_04) am 20.4.2012 um 20:12

Kompliment, Julia, das ist eine sehr schlüssige Analyse.
Wir müssen den Anfängen wehren, unsere soziale Verantwortung ernst nehmen und ab und an überlegen, ob ein dummer Spruch nicht bereits Denkmodelle ahnen lässt, die oben in Deiner Liste auftauchen.
Ich bin Pirat geworden, weil ich nur in dieser Partei eine echte Chance sehe, durch Offenheit, Aufklärung und offensiven Umgang mit überholtem Gedankengut tatsächlich etwas zu verändern.
Lieben Gruß,
Reiner

Ghodly am 20.4.2012 um 20:21

Für den Anfang kann man sich mal mit Hannah Arendt beschäftigen.
Sie schrieb das Standardwerk zur Totalitarismusforschung.

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft (1955)
z.B. hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Elemente_und_Urspr%C3%BCnge_totaler_Herrschaft

Heiko Dellbrück am 20.4.2012 um 20:32

So gut hätte ich’s nie zusammenfassen können. Danke!

Maria am 20.4.2012 um 21:25

Der beste Beitrag, den ich auf deinem Blog bisher gelesen habe (n=ca. 15). Man merkt, dass du dich auskennst und dir das Thema am Herzen liegt. Dein schlauer Kopf unterstützt das Herzensanliegen. Leserglück!

Horatio am 20.4.2012 um 21:55

Den Faschismus kann man natürlich von unterschiedlichen Perspektiven betrachten.
Aus ökonomischer Sicht sind Faschisten auf der ersten Blick verkappte Kommunisten, d.h. die sehen die Auswüchse das Kapitalismus, schwere Rezessionen, Einkommens- und Vermögensungleicheit, etc. durchaus als Problem an welches zu einer Revolution führen muss (ich denke die meisten Linken sind heutzutage für eine Moderierung des Kapitalismus, sprich die sozialdemokratische Lösung) aber anstatt Klassenkampf als etwas anzuerkennen wird er verzerrt und auf Außenseiter projeziert, insbesondere die Juden.
Die korporatistische Lösung, sprich der Staat arbeitet mit der Großindustire zusammen, passte natürlich in die organische Vorstellungen der Faschisten war aber alles anderen als eine Überwindung oder Zähmung des Kapitalismus.

Das ist alles nix neues, Walter Benjamin hat ja gesagt dass Faschismus ein Anzeichen for eine fehlgeschlagene Revolution ist.

Der Vorteil dieser Perspektive ist dass er aufzeigt dass beispielsweise Islamophobe wie Sarrazin nicht nur einfache Rassisten sondern Faschisten sind. Ökonomische Probleme werden wahrgenommen aber dann auf einen Außenseiter projeziert. Man sucht sich einen Sündebock anstatt das Problem anzugehen.

B. Mat am 20.4.2012 um 21:56

Die „Kritische Theorie“ setzte Erkenntnis und Kritik noch in EINS. Der Poststrukturalismus aber lehnt die gesellschaftliche Totalität strikt ab. Das Poststrukturalistische Denken steht also in krassem Gegensatz zum Denken der Nazis des 20. Jahrhunderts. Die heutigen Diskussionen treten sich im „Damals“ fest und lauten in etwa wie „früher war alles besser“ oder „als wir noch einen Führer hatten.“ In der Gegenwart oder gar der Zukunft spielen solche Floskeln nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Problem der Nazis in der Piratenpartei wird sich von selbst lösen lassen, wenn wir ihnen keinen „Platz zum Wohlfühlen“ mehr bieten.

Thilo am 20.4.2012 um 21:59

Hallo zusammen,

ich muss gestehen, dass ich zwei der oben aufgelisteten Punkte vertrete. Jetzt frage ich mich natürlich, was dein Beitrag impliziert, ob ich ein NAZI bin?
Wenn ich mich mit diesen Punkten auseinander setzen soll – wie soll das aussehen?
Wie haben deine Prozesse der Reflexion bei diesem Inhalt ausgesehen und wie konntest du dich von solchem Gedankengut loseisen?

mit freundlichem Gruß,

Dein Nazi.

RM am 20.4.2012 um 22:28

Mit deiner Fackel des Diskurses versuchst du den Unbelesenen Licht zu bringen und siehst doch selbst so wenig. Denn der letzte, allerletzte Grund warum man diese Diskursteile ablehnen sollte, kann nun mal überhaupt kein – wie auch immer schweres – Ereignis oder Handeln in der Vergangenheit sein. Spätestens seit der Aufklärung galten manche Sachen schon als selbstverständlich. Nach dem gleichen Muster funktioniert Rache- und Abschreckungsjustiz.

Vielleicht wäre es hilfreicher, wenn du zukünftig nicht immer implizit darauf hinweisen würdest, dass man am „Diskurs“ doch am besten erst teilnehmen sollte, nachdem man sich auf die Höhe des wissenschaftlichen Diskurses gebracht hat. Demokratie in einer Gesellschaft und einer Partei (kein Mitglied) sind ein permanenter Meinungsbildungsprozess (Diskurs). Und zu den humanistischen Werten sollte man auf Grund eigener Erfahrungen und eigenen Scheiterns kommen. Andere Wege sind sicher möglich aber wahrscheinlich nicht so nachhaltig.

ostpirat am 20.4.2012 um 22:38

Liebe Julia,

ich muss gestehen mit „Poststrukturalismus“ als Begriff kann ich nichts anfangen. Aber habe angefangen mich da „einzuhören“ (schön dass es Podcasts gibt, so kann man sogar die Zeit langer Autofahrten noch sinnvoll nutzen). Ich habe mir Deine Liste angesehen und muss sagen alle Punkte (fast alle – 99,9%) kann ich als absurd qualifizieren, beginnend von der „natürlichen Ordnung“ bis zum letzten Punkt „Gewalt als legitime Form der Durchsetzung dieser Haltungen“. Ich bin zwar kein solch ausgefeilter Theoretiker als dass ich eine vergleichbaren Artikel wie Deinen schreiben könnte, meine Ablhenung des ganzen Stusses begründe ich nur damit Auschwitz gesehen zu haben, Baby Yar und das Museum der Leningrader Belagerung. als auch die Reste des Gulag im Weissen Meer. Und dieser eher emotionale Ansatz reicht mir um auszurasten wenn ich so manchen Stuss höre.

Schwierigkeiten habe ich nur mit einem Punkt und auch da nur zur Hälfte. Ich meine den Punkt der „menschlichen Rasse“. Ich weiss sehr wohl dass dieser Begriff während der NS Zeit genutzt wurde um die Differenzen (oder vermeintlichen Differenzen) in der Physis dafür zu nutzen um eine vermeintliche Herrenrasse zu „begründen“ und in der Folge dieser Herrenrasse so manches in der Ideologie zuzugestehen was sie mit den vermeintlich minderwertigen anderen „Rassen“ tun oder lassen könne. Dier Ergebnisse sind die Kristallnacht, das Warschauer Ghetto usw. usf.

Davon abgesehen gibt es aber verschiedene – tja wie sage ich es jetzt ohne das blöde Wort von der „Rasse“ zu nehmen – Arten von Menschen. Denk mal an Mitteleuropäer im Vergleich z.B. zu Pygmäen. Die haben unbestreitbar Unterschiede aufzuweisen, nur sind diese Unterschiede noch kein Grund den Stuss von „besseren“ oder „schlechteren“ Menschen zu begründen.

Ich hoffe Du verstehst was ich meine. Kurz gesagt Unterschiede gibt es, die sind aber keinesfalls als Beleg für ein „besser“, „schlechter“, höherwertig“ oder sonst wie zu gebrauchen. DAS und m.E. nur das können wir in die Waagschale werfen falls uns ein Honk mit dem „Rassenwahn“ auf den Zünder geht.

Gruss Werner

Alexander Erben am 21.4.2012 um 00:19

Ich finds mal wieder brilliant. 🙂 Und da es so spät gerade ist, habe ich einen furchtbaren Mammutkommentar verfasst, über dessen Qualität ich mir selber grad nich mehr sicher bin, daher sorry schon mal, falls es Murks ist…

Das große Problem in dieser und vielen anderen Debatten sehe ich in einer ähnlichen Richtung wie RM. Es muss irgendwie zu schaffen sein, diese Erkenntnisse und Positionen ohne Bezug auf den bisherigen Diskurs oder geschichtliche Ereignisse darzustellen und rüberzubringen. Ein theoretischer Überbau hilft sehr – aber entscheidend ist wohl vor allem die tägliche persönlich-politische Praxis. Da sehe ich es dann ähnlich wie HaSe in seiner aktuellen Entschuldigung:

„die Variante, die für Sexisten vorgeschlagen wurde – und die ich voll unterstütze – lautet: wenn einer auffällt, dann fällt er auffe Fresse, nichts bleibt unwidersprochen.
Das könnte auch für Nazis funktionieren.“

Eine habituelle, ständige gegenseitige Korrektur unerwünschter Äußerungen – welche sich gegen die Äußerung richtet (nicht gleich egen die Person). Und das rigoros OHNE demjenigen ein Forum für eine Diskussion über diese Äußerung zu bieten. Gedankenspiel:

– Pirat A: „Ich bin mit Punkt x nicht einverstanden. Wir sind doch für Gleichberechtigung. Wieso gehen wir hier dann besonders auf Frauen ein?“
– Pirat B: „Weil wir da Bedarf sehen. Guck dir die Zahlen an – viele Frauen, besonders auch bei uns, wollen da hin, aber kommen nicht ran.“
– Pirat A: „Sind sie doch selber schuld, wenn sie dafür nu mal nicht geeignet sind. Frauen sind da halt nicht so gut darin. Oder machen wir jetzt doch Politik für die Feminazis?“
– Pirat B: (kurze Pause, dann): „Das war jetzt drei mal Blödsinn in einem Satz. Merksteselbst, oder?“
– Pirat A: „Man wird doch wohl…“
– Pirat B+C+D: „Nee! Aus!“
– Pirat B: „Weiter im Text. Punkt y…“

Wenn sich solche Erlebnisse für Pirat A häufen, kann er sich dann irgendwann selber fragen, ob er in der richtigen Partei ist – spart ein mühseliges PAV.

Und ja, ich geb zu, das ist jetzt alles arg konstruiert, aber das soll auch keine Zustandsbeschreibung sein sondern das, was ich als Ideal sehen würde.

Das einzige Problem, was ich sehe, ist der inflationäre Gebrauch der „Nazi“-Keule, welcher dann eventuell zunimmt:

– Pirat A: „Es gibt aber verschiedene – tja wie sage ich es jetzt ohne das blöde Wort von der “Rasse” zu nehmen – Arten von Menschen. Denk mal an Mitteleuropäer im Vergleich z.B. zu Pygmäen, und…“
– Pirat B (eisiger Blick): „Du weißt schon, dass es völlig egal ist ob du Rasse sagst oder irgendwas anderes – was du da von dir gibst ist der Beginn faschistischen Gedankengutes!“
– Pirat A (facepalm): „Oh Mann. Ich sag doch nur, dass…“
– Pirat B: „Nix! Nazi! Mit dir arbeite ich nich zusammen. Und ihr anderen auch nich, nich mit DEM da!! Gleich twittere ich darüber, was für ’ne rechte Sau der ist.“

Auch ein bißchen überzeichnet, ja.

Ich komm mehr als sonst ins Schwafeln. Was ich sagen will, ist: Ich kann mir Menschen vorstellen, die in ihrem Ideal von Toleranz totalitär werden – und zwar nicht nur in einer Weise, welche die Äußerung der von Julia aufgeführten Grundgedanken toleriert, sondern – im umgekehrten Extrem – alles als Angriff empfinden, was auch nur im entferntesten mit derartigen Grundgedanken assoziiert werden kann. Ich will hier beileibe kein Hufeisen zimmern, aber dieser Gefahr muss ebenfalls begegnet werden – am besten durch ständige habituelle Korrektur. Der Blick muss in alle Richtungen geschärft werden, in welchen ein Dialog, eine Diskussion oder politische Willensbildung aus dem Ruder laufen kann.

Ghodly am 21.4.2012 um 00:24

Die Piraten sind ja in ihrem Wesen eine poststrukturalistische Partei. – Übrigens die Erste im Parteienbetrieb, die Grünen haben es damals noch nicht hinbekommen. Sich auf keine bestehende Struktur einzulassen ist zunächst einmal sehr vorteilhaft. Man kann für alte Probleme neue Lösungsvorschläge entwickeln, die, der Name sagt es, eben über den Strukturen stehen. Der Haken ist ein anderer: Man kann manchmal im Poststrukturalismus zur Lösung konkreter Probleme keine brauchbare Antwort liefern. Wenn es keine zeitnahe Entscheidung gibt geht man das Risiko ein, von anderen Ideologien, am schlimmsten vom Faschismus gekapert zu werden. Die Aufgabe der Piraten wird also in nächster Zeit sein, aus der poststrukturalistischen Grundeinstellung praktikable Entscheidungsstrukturen innerhalb der Werte der freiheitlich demokratischen Grundordnung zu entwickeln.
Oder anders gesagt: Maximale Entschlussfähigkeit bei maximaler Basisbeteiligung mit gleichzeitiger Sensibilisierung aller für problematisches Gedankengut.

anonym am 21.4.2012 um 02:40

Meine Antwort: http://pastebin.com/STapLFf4

themell am 21.4.2012 um 08:34

Sehr schön, nur in einem Punkt möchte ich widersprechen. Man muss mit Menschen diskutieren, die diese kruden Ansichten vertreten, denn nicht jeder ist bereit sich allzu viele Gedanken über sein Weltbild zu machen.
Sie zu ignorieren hilft nicht viel, da braucht man viel Geduld und einen langen Atem.
Ich meine jetzt nicht die wirklich Rechtsextremen, bei denen ist Hopfen und Malz eh schon im Hirnschmalz, sondern eher Menschen, die den Sarrazins dieser Welt Beifall klatschen ohne irgendwas zu hinterfragen.
Es ist oft sehr einfach, Vorurteile etc sinnvoll argumentativ zu widerlegen, auch wenn es Mühe macht.
Ansonsten: Weiter so, keep writing!

nutellaberliner am 21.4.2012 um 11:01

Ich glaube Dir, dass das ein guter Text ist, der auf großem Wissen und tiefem Denken fußt. Aber: ich habe nicht so besonders viel verstanden.
Das Dilemma beschreibst Du ja eigentlich wunderbar: Politologen haben das alles wunderbar durchdacht und sich großartige Theorien zur Beschreibung ausgedacht. Und wohl auch Lösungen.
Dazu benutzen sie (und Du auch) leider eine Sprache, die voraussetzt, dass man zumindest die wesentlichen Theorien der letzten 50 Jahre kennt und verstanden hat. Sonst versteht man die Aussagen schlicht nicht. Ein wenig lustig ist, dass man sich dann fragt, wieso die Öffentlichkeit die Erkenntnisse nicht zur Kenntnis nimmt und weitermacht wie bisher. Und wieso sich kein Widerspruch regt gegen die Kürzungen bei Politikwissenschaftlichen (und anderen geisteswissenschaftlichen) Lehrstühlen an Unis.
Das Problem haben Politologen nicht exklusiv, Philosophen und Soziologen haben sie auch. Allein: mit dieser Sprache werden sie nicht gelöst.

Denkepalau am 21.4.2012 um 12:44

Liebe Julia
Nein ,ich habs mir jetzt wirklich drei mal durchgelesen.Nein ,ich kann dir nicht folgen in deinen Ausführungen.So wie du es klar machst für dich ,ist ganz Deutschland Nazi und ich möchte mich da nicht dazuzählen.In meinen Augen wird es sicher noch das nächste Jahrtausend dauern bis der Mensch so sehend wird ,wie du es dir denkst.Dies sind doch tief in unserer Jugend verwurzelte Ereignisse,die ein Mensch der nicht besonders viel Bildung hat, für sich doch überhaupt nicht durchdenkt und doch nur das nachplappert ,was er in den letzten 60 Jahren so an Feindbilder präsentiert bekommt.z.B.Das Boot ist voll.Die Salafisten wollen uns alle bekehren.Der Iran will Israel auslöschen.Ausländer nehmen uns Arbeitsplätze weg ,Harz4 ist römische Dekadenz und und und…Damit lebt das durchschnittliche Volk ,damit ist es groß geworden und damit haben wir zu kämpfen.Wenn ich alleine nach FB gehe und diese Kommentare lese die ich von zirka 500 Leuten dort bekomme ,sehe ich immer noch die Urangst des Deutschen ,etwas was ihm gehört ,weggenommen zu bekommen.Deshalb läuft Sarrazins Buch so gut.Weil es die Leute nicht verstehen das man ihnen nichts wegnehmen will ,sondern das es eine Bereicherung für sie sein kann, Multikulturell zu leben .Das sich lieben soll wer will ob Männlein oder Weiblein.Das wir Frauen uns selbst entscheiden wollen ob wir uns für Beruf oder eben für alleinige Kindererziehung entscheiden wollen .das wir endlich auch in unseren Berufen gleichgestellt werden wollen.Das es egal ist wie jemand heißt und wo er herkommt wenn er die Qualitative Voraussetzung für eine Einstellung hat .Deshalb ging ich in diese Partei, weil ich dies alles den Leuten vor Augen führen kann.Da hilft einfach nur reden.reden reden.Die Früchte dieser Arbeit werden wir wohl kaum noch ernten können.Aber wir können einen Anfang machen und den sollten wir uns nicht mit Ausgrenzung wichtiger Themen tun ,sondern mit sinnvollen Gesprächen.,immer und immer wieder in die Köpfe der unwissenden einbringen.Den wie ich aus eigener Erfahrung weiß.Ein dummer Satz und Volkes Seele kocht auf.Ein Aufklärender Satz und die Einsicht ist da.

Domi am 21.4.2012 um 15:41

Hallo, Julia.

Ich habe deine Herausforderung angenommen und im Pad einige… ähm… Einlassungen zum Text gemacht. Hope you’ll find it useful.

Auch schrieb ich im verwandten Kontext dieser Debatte einen Artikelin meinen eigenen Blog.

Was mich insgesamt stört, ist, dass du dich in der humanistischen Erkenntnisgewinnung zu sehr auf den Formalismus (die Sprache) beschränkst – keineswegs hat der Poststrukturalismus das aufgeschlüsselte Denken auseinandergenommen, und wie Viktor Klemperer in seinem Buch „LTI – Die Sprache des Dritten Reichs“ beschrieb, war selbige auch gar nicht so fremd oder konstruiert, als dass der Poststrukturalismus dem gerecht werden könnte, denn anders als jede Wissenschaft verstand es die Nazipropaganda, die Menschen anzusprechen.

Es muss auch betrachtet werden, was uns die eigene Geschichte an Erkenntnisse für den Humanismus liefern kann, dass man nämlich Menschen, die an unserer Gesellschaft in jetweder Art und Weise irgendwie teilhaben, an dieser Teilhabe nicht aufgrund ihrer individuellen Eigenarten ausschließen kann, weil man sonst wieder Privilegien schafft.

Hier noch ein bisschen Hoffnung für dich und alle, die es lesen: Aus den Erkenntnissen, die wir gewinnen werden, und die nur humanistische sein können, lassen sich für die Piratenpartei nicht nur Lösungen für ein akutes Problem, sondern auch sehr hervorragende und endlich auch einmal wirkungsvolle außen- und entwicklungspolitische Leitlinien entwickeln, die nicht zuletzt auch das Ansehen unserer Gesellschaft in der internationalen Gemeinschaft erhöhen und unserem Land mit seiner insgesamt kulturellen, wissenschaftlichen und politisch bewegten Geschichte den dieser gerecht werdenden Hintergrund und den würdigen Abschluss einer schwierigen weltpolitischen Epoche verleihen. Es ist eine Chance! Als eine junge politische Bewegung kann diese Debatte uns nicht nur helfen, die Schwierigkeiten zu überwinden, die wir derzeit in der Partei haben, sondern auch, zu beweisen, dass wir als jüngere Generation das sehr schwierige Erbe unserer Vorfahren angenommen und aus diesem gelernt haben werden.

Na okay. Man wird ja wohl mal träumen dürfen.

Damit dieses WIssen nicht mit der nächsten Generation der Piraten verloren geht, sollte unbedingt dafür gesorgt werden, dass die bei einigen wahrscheinlich doch relativ im Argen liegende historisch-politische Bildung, nicht nur als Teil eines Programms zur Bildungsverbesserung, verbessert wird. Bemängelt wurde schon oft, dass es den Piraten im Moment an Möglichkeiten fehlt, sich gemeinsam mehr-oder-weniger-politisch zu bilden, um sich für verantwortungsvolle politische Aufgaben so vorzubereiten, dass sie die Möglichkeit haben, mit dem richtigen Vorwissen die Entscheidungen der Gegenwart mitzutreffen und die Debatten der Gegenwart mitzuführen.

Tikkachu am 21.4.2012 um 19:47

Huhu Julia,

schöner Post und im Ansatz stimme ich dir voll zu, nur den folgenden Satz verstehe ich nicht ganz, bzw ich muss ihm widersprechen: „jeder von uns ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, die auf einem Diskurs basiert, der ein Verbrechen, wie den Holocaust begangen hat.“

Der Diskurs hat das Verbrechen nicht begangen. Der Diskurs ist auch nicht Schuld.

Es waren die dem Diskurs zu Grund liegenden Werte und Normen, die sich in dem Diskurs widergespiegelt und den Menschen dazu verleitet haben Dinge zu fordern und zu tun, die letztendlich den Holocaust und all die anderen Verbrechen des Naziregimes ermöglicht haben.

Warum ich die Unterscheidung als wichtig erachte? Weil der korrekte Gebrauch der Sprache wichtig ist, weil wir durch die Sprache auch unsere Wirklichkeit definieren. In unserem aktuellen Diskurs wird oft mit Meinungsfreiheit argumentiert. Gewisse Aussagen treffen zu dürfen oder nicht. Aber um die Aussage als solches geht es nur zweitrangig. Es geht ja um darin eingebetten gesellschaftlichen Werte und Normen.

Deine Liste die du aufgeführt hast, ist sehr richtig. Aber auch hier geht es um das darunter liegende Wertverständnis:

Sind alle Menschen gleich? Oder gibt es „bessere“ und „minderwertigere“ Menschen?

Letztendlich geht es bei rechtsradikalen Ideologien im Kern immer darum, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die die Ungleichheit der Menschen propagieren und sich als was besseres sehen: als „eher zum Leben berechtigt als die anderen“, als „von der Natur zur Herrschaft bestimmt“, als „biologisch überlegen“, etc.

Ungleichheit also. Mit einer von der Natur gegebenen Berechtigung über andere zu Herrschen und zu entscheiden. Menschen die über Menschen herrschen, notfalls mit Gewalt als (in ihren Augen) legitimes Mittel.

Aber es gibt keine Herrschaft ohne Macht und keine Macht ohne Zustimmung. Selbst die Tyrannis bedarf der Zustimmung von Teilen des Volkes. (vgl. Montesquieu)

Letztendlich so geht es letztendlich auch um Zustimmung:

Eine Minderheit hat nur Macht, wenn die Mehrheit ihr zustimmt. Wer sich auf die Meinungsfreiheit beruft um Minderheiten zu schützen, die menschenverachtendes Gedankengut verbreitet, macht sich damit zu deren Verbündeten.

Und auch Werte und Normen bekommen nur durch gesellschaftliche Zustimmung oder Sanktionen ihre Gestalt. Handlungen werden durch nur das Nicht-Tolerieren der Gesellschaft zu Verbrechen. Wenn Verbrechen nicht geahndet und schweigend toleriert werden, werden sie zu akzeptierten Alltagshandlungen. Es war also auch die (schweigende oder laute) Zustimmung der Mehrheit, die den Holocaust ermöglicht hat.

Ein chinesischen Sprichwort sagt: „man ist auch für das verantwortlich, was man nicht tut“.

Daher finde ich, dass wir den Diskurs wieder aufnehmen müssen – um jenen laut zu widersprechen, die versuchen menschenverachtende Ideen erneut als akzeptierte Normen in der Gesellschaft zu verankern.

Wir müssen den Diskurs (an)führen, um der Minderheit eine Masse entgegenzustellen und laut zu sagen: Nicht mit uns!

Max am 21.4.2012 um 22:08

Bugreport: der Link zur Diskurstheorie ist falsch da ist das Datum zweimal im Link

Ralf Muschall am 21.4.2012 um 23:12

Braucht man wirklich den Post-Dingens [0], um die aufgelisteten Punkte als nicht moralisch zu erkennen? Das ist IMHO doch seit Hume klar.

[0] Zweieinhalb Stunden Podcast (plus vorangegangenen ersten Teil) muss man sich erstmal reinziehen, und die Liste der Kontinentalphilosophen auf der Wikipediaseite klingt nicht verlockend.

Malte am 22.4.2012 um 00:42

Bildung, wie sie zum Bespiel dieser Artikel hier darstellt, impft gegen die Pathomeme, wie sie Faschismus, Nationalismus und andere diskriminielle -ismen darstellen.

Das Problem ist, dass Impfen nicht mehr hilft, wenn die Krankheit schon Fuß gefasst hat. Dann muss man – zumindest meiner Erfahrung nach – sehr individuell im Zweigespräch operieren. Sachlage klarstellen und Kausalketten aufdröseln (lassen).

Worauf ich hinaus will: In vielen der „Nazis“ sehe ich immer noch den Menschen, ich denke, dass sie absolut behandelbar sind und kuriert in die Gesellschaft zurückfinden können. Es gibt wirklich wenige machtgeile Psychopathen, die wie tollwütige Leprakranke weggesperrt gehören.

Das ist so ein bisschen meine Assoziation: Nazis werden wie Leprakranke vor zweitausend Jahren behandelt, dabei sind wir, denke ich, soweit, die Krankheit ausreichend gut verstanden zu haben, um uns schützen zu können ohne so derbe ausgrenzen zu müssen.

Kein Fußbreit den Naziideologien!

Simon am 22.4.2012 um 13:53

Zunächst herzlichen Dank für den Blogpost, den ich in freudiger Erregung las.

Den CRE habe ich auch gehört, fand ihn aber eher verwirrend. Darin wird für den pragmatischen Poststrukturalismus gefordert die Strukturen der Gesellschaft aufzubrechen, die über die Verwendung bestimmter Sprachschemata definiert seien. Dies geschieht durch Etablierung eigener Sprachmuster. Als Beispiel wird die Gender-Debatte angeführt. Das gezielte Ersetzen und Besetzen von Begriffen stellt doch aber das Ersetzen einer Struktur durch eine andere dar und wurde auch von Nazis in den 30ern und im Krieg erfolgreich betrieben.

Die Stigmatisierung bestimmter Positionen (Diskurselemente) als Nazi-Ideologie, wie es in dem Blogbeitrag geschieht erhebt selbst einen totalitären Wahrheitsanspruch. Soweit ich den Post-Strukturalismus verstanden habe, kann es aber eine solche absolute Wahrheit nicht geben. Das gilt umsomehr als manche Positionen eher schwammig definiert sind. So glaube ich zum Beispiel an eine natürliche Ordnung, die in den Menschenrechten beschrieben ist. Die aber wohl nicht gemeint sein kann…

Zuletzt stellt sich mir die Frage, ob Post-Strukturalistische Werkzeuge sich für einen breiten gesellschaftlichen eignen. Der Mensch hat gelernt in festen Kategorie zu denken. Der Versuch sie aufzulösen ist, vielleicht prinzipiell, zum Scheitern verurteilt. Daher ist das Aufstellen gegenteiliger Positionen, wie in deinem Beitrag vielleicht sinnvoller als ihre Auflösung.

Horatio am 22.4.2012 um 21:17

Eine kleine Anmerkung am Rand, während ich persönlich kein großer Freund von der „Ersatz-FDP“ bin hat mich diese offene Diskussion über Faschisten in den eigenen Reihen doch erstaunt.
Die Sozialdemokratie bietet ja nach dem Nicht-Ausschluss von Sarrazin (auch ein Faschist, nur dass diesmal eben die Muslime anstatt die Juden für alles mögliche verantwortlich gemacht werden) nur nuch sehr bedingt eine politische Heimat. Ich würde mich freuen wenn die Piraten sich einige klaren Prinzipien aufstellen welche in diesem Fall so unschöne Wörter wie Zensur und Parteiausschluss beinhalten würden. Ich hoffe auch dass dieses Problem deutlich macht dass Nicht-Idelogie und Beliebigkeit keine Optionen sind.

BerndJoel am 22.4.2012 um 23:22

Das „Sozialistisch“ in Nazi war eine propagandistischer Schachzug – damals war es eben noch durchaus positiv besetzt. Die „Idee eines sozialistisch aufgebauten Volkskörpers“ kann man als damaligen Populismus bezeichnen. Verdient haben am NS-System die Konzerne, die deutsche Wirtschaft, die nach den Krieg trotz „Bombenterror“ besser aufgestellt war als vorher. Es ließe sich eher von Ansätzen einer „sozialen Marktwirtschaft“ sprechen – die nach dem Krieg mit dem Volkswagen dann auch real wurde. Das politische und wirtschaftliche Systems erkaufte sich so die Akzeptanz seines Weiterbestehens, nachdem ein paar Köpfe gefallen waren. Wie groß der Druck einer wirklichen Änderung damals war – 1947 bekannte sich die CDU in NRW zum „christlichen Sozialismus“:

<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ahlener_Programm&quot;

Erik am 23.4.2012 um 01:16

Nur als ganz kleine persönliche Anmerkung an dich: Wenn du nächstes Wochenende zur Bundesvorsitzenden gewählt werden bzw. ein anderes repräsentatives Amt innerhalb des Vorstands der Piratenpartei erhalten willst, musst du unbedingt lernen, dich verständlicher, fliessender und einfacher auszudrücken. Du hast gute Ideen und bist eine äußerst intelligente Querdenkerin. Aber es ist sehr schwer, nachzuvollziehen, was du eigentlich willst und welche Gedankengänge und Positionen du verfolgst. Das sieht man ganz deutlich auch wieder in diesem Blogeintrag.
Im Bundesvorsitz übernimmst du ein Amt, in dem es wichtig ist, die Positionen der Partei klar und verständlich nach außen zu tragen. Wenn du das nicht schaffst, bringt dir all deine Qualifikation und Intelligenz nichts. Deswegen als Bitte an dich: Solltest du es bis in den Bundesvorsitz schaffen, dann versuch weniger wirr und unverständlich rüberzukommen, sondern versuch komplizierte Themen in möglichst einfacher Form wiederzugeben, damit es auch alle Bürger verstehen können.

frosch03 am 23.4.2012 um 09:15

Zählt nicht auch das gerede über eine deutsche „Leitkultur“ dazu?

Und: Es ist schön, wenn man einen Text lesen kann, der einen etwas fordert, der einen zum Denken anregt, an dem man etwas lernt.

Graf am 24.4.2012 um 01:27

Aus der Welt der „Protonazis“, eine Kritik: http://www.sezession.de/31962/die-piraten-und-das-rechte-gespenst.htm

Einfach mal für das Interesse.

Johannes P. am 24.4.2012 um 08:37

Das ist ein sehr interessanter Einwurf. Natürlich darf man die extremen Gleichheitspostulate nicht als Wahrheit im philosophischen Sinn verstehen oder einfordern. Wahrheit qua Wahrheit wäre dem postrukturalistischen Ansatz ganz wesensfremd, und so verstanden würden die Postulate ja auch mit naturwissenschaftlich determinierbaren, faktischen Ungleichheiten in Konflikt treten.

Aber als polit-juristische Fiktion, als ultimative Konsequenz aus der Forderung, alle Menschen hätten vor dem Gesetz gleich zu sein, finde ich die Forderungen äußerst spannend. Müßte ein liberaler Staat nicht so handeln, als gäbe es diese radikale Gleichheit? Müßten Amtsträger dieses Staates sich selbst nicht so weit zurücknehmen, um für die gesellschaftliche Verwirklichung von mehr Gleichheit kraftvoll eintreten zu können?

Bliebe die Frage, wie weit bloße Parteimitglieder oder -funktionäre, die vielleicht gar kein öffentliches Amt anstreben, hier rhetorisch gehen müssen. Am vernünftigsten wäre vielleicht epistemische Neutralität gegenüber den Postulaten, um nicht die Glaubwürdigkeit der Gesamtpartei zu gefährden, die Vorstellungen im Ernstfall politisch vertreten zu können.

Graf am 24.4.2012 um 22:08

Einfach mal die gröbsten Böcke kommentiert:
[QUOTE] Dass es eine natürliche Ordnung gibt, die Menschen befolgen sollten (Hierarchien, etc.)[/QUOTE]
Wer die Notwendigkeit von Hierarchien verneint, veneint eigentlich die Institution Staat im gleichen Atemzug. Es ist jedenfalls ganz komisch formuliert.

[QUOTE] Dass es “gesunde” und “ungesunde” Menschen gibt, die, im Sinne der “Volksgesundheit” eine gewisse Behandlung erfordern (Fettleibigkeit und psychische Abweichungen vom Normzustand zB)[/QUOTE]
Schaffen wir den faschistischen Sportunterricht in der Schule ab, genauso wie jegliche Definitionen einer Mindestnorm, die erbracht werden muss. Die zeitweilige Einweisung von Suizidgefährdeten wird wohl genauso faschistisch sein.

[QUOTE] Dass Intelligenz genetisch bedingt ist und über den Status in der Gesellschaft entscheiden soll[/QUOTE]
Schon in der Zusammensetzung als eine zusammengehörende Einstellung ist falsch. Wenn man feststellt, dass Äpfäl eine Obstsorte ist, folgt nicht automatisch daraus, dass man gezwungen ist daraus einen Apfelkuchen zu machen. Zu bestreiten, dass Menschen mit verschiedener „Hardware“ im Bereich der Intelligenz ausgestattet sind, ist bestenfalls verblendet. Die Software ist natürlich wichtig, aber ihr werdet aus einem Menschen mit einem Down Syndrom in der Regel keinen Professor machen.

[QUOTE]Dass Frauen und Männer binär zu trennen sind, gewisse Eigenschaften auf Grund ihres biologischen Geschlechts haben und diese Eigenschaften ihnen einen definierten Platz in der Gesellschaft geben[/QUOTE]

Siehe die Kritik an dem Punkt davor. Die Behauptung der fehlenden Einwirkung des Geschlechtes auf den Menschen wird nur von einem Teil der Sozialwissenschaften geteilt und ist nicht unumstritten.

[QUOTE] Metapunkt: Gewalt als legitime Form der Durchsetzung dieser Haltungen bzw. Notwendigkeit[/QUOTE]

Interessanter Metapunkt, wenn man bedenkt, dass im gleichen Aufsatz schon allein das Rechz auf die freie Meinungsäusserung bestritten wird.

simmering am 25.4.2012 um 15:13

Genau: Individualismus. Das ist es: Deshalb lehnen die Piraten die Scharia ab. Sie treten für ein Verbot der Scharia ein.

Die Piraten sind für Freiheit und gegen Sklaverei.

(nur nebenbei Frau Schramm: Ich bin ja wirklich kein Anhänger von De Benoist. Aber er hat da ein sehr schönes Buch geschrieben: Kritik der Menschenrechte.)Sie lieben ja die Dekonstruktion.Sollte es ihnen nicht gefallen gibt es immer noch den Robert Spencer(der ist dann ganz konsequent für die Menschenrechte.Er hat also eine sogenannte Gegenposition zum Herrn de Benoist).
Mmh, und wenn sie das nicht mögen mögen sie ja den „heideggerianer Foucault,der immerhin doch sagte: Der Diskurs haut dem König den Kopf ab.“

SomePy8 am 27.4.2012 um 00:50

Der Text scheitert an seiner eigenen Inkonsequenz: Erst formuliert er den Gegenwartsbegriff „Nazi“ als einen abstrakten Superlativ des Boesen — was der umgangsprachlichen Realitaet entspricht, aber ihn aufgrund der Unschaerfe (die Untertreibung des Jahrhunderts) im Diskurs unbrauchbar macht. Da der Text den Begriff lustig weiternutzt (und nicht etwa _ohne_ diesen Begriff klar und fundiert argumentiert) entwertet er sich und seine (groesstenteils dennoch richtigen) Schlussfolgerungen. Noch abstruser wird es, wenn dieser Gegenwartsbegriff auf das historische und durch und durch inhomogene Phenomaen Nationalsozialismus angewandt wird: Das kann nicht funktionieren und hat damit in dem Text nichts zu suchen. (Im Gegensatz: Das ist genau der Grund, warum Iron Sky so grossartig ist: es nutzt die zeitgenoessische Projektionsflaeche „Nazi“ und kritisiert damit sarkastisch die _Gegenwart_, nicht die Vergangenheit.)

Also: Godwin’s Law!

Andreas am 27.4.2012 um 16:01

Großartig! Ich bin allein schon erfreut, überhaupt einer Partei anzugehören, die solche Beiträge und Menschen in ihren Reihen hat (und ja, wie in einem Kommentar über mir schon gesagt: die womöglich erste poststrukturalistische Partei). Aber zurück zum Thema: Wenn man dem Rückgriff auf die Historie bei dem Problem der Entstehung der oben aufgeführten Punkte entgehen will, dann kann man sich auch mit dem Apparat beschäftigen, der diese produziert. Also das Gehirn und genau dann: Die Sprache! Seit dem linguistic term u.ä. steht mehr oder weniger fest, dass das Verhältnis Denken und Sprache durchaus nicht letzteres als Wirkung des ersteren und dann als dessen Werkzeug zu sehen ist. Unsere Sprache bildet bereits die Grundlage unseres Denkens (siehe z.B. Benjamin Lee Whorf und Konsorten). Nietzsche konnte recht verständlich darlegen, dass darüber hinaus die Metapher nicht eine besondere, kunstvolle Variante der Rhetorik ist, sondern das Prinzip unserer Welterfahrung (nachzulesen in seinem unterhaltsamen Essay: http://www.nietzschesource.org/texts/eKGWB/WL). Das Bilden von Worten und später von Begriffen ist immer das Summieren vieler unterschiedlicher X unter ein Wort, indem man eben jenes Unterschiedliche weglässt – in dem Wort Eiche steckt schon nicht mehr das jeweils einzigartiges ein jeden Baumes dieser Art, sein Alter, Standort, seine Hydrierung u.s.f., im Laubbaum stecken nicht mehr die Unterschiede die Ahorn, Linde und Eiche noch haben. Wenn man diesen Gedanken dann weiterführt, kriegt man eine Vorstellung, wie Ausgrenzungen und Rassismus entstehen können: Die meisten werden quasi allein durch die Arbeitsweise ihres Kopfes „verführt“. (So weit, so gut, ich hab jetzt Feierabend und geh dann mal nach Hause.)

P.S. und an Frau Schramm: Schade, dass ich nicht die Zeit hab, nach Münster zu fahren, hätte Ihnen gerne, nachdem was ich auf Ihrem Blog lese, meine Stimme gegeben. Viel Erfolg!

Lutz Oppermann am 27.4.2012 um 19:50

Auch auf die Gefahr, dass ich beschimpft werde, ich widerspreche Ihrer Klassifizierung, dennoch habe ich mit viel Vergnügen Ihre Ausführungen und die vielen Kommentare dazu gelesen, dafür natürlich mein ausdrückliches Kompliment.

1.) Was verstehen Sie unter dem Begriff „natürliche Ordnung“? Die DNA folgt einer natürlichen Ordnung, die Diversität ist eine natürliche Ordnung, die Ordnung der Planeten ist eine „natürliche Ordnung“, es gibt die Ordnung natürlicher Zahlen – also hier widerspreche ich Ihnen, denn das macht mich nicht zum Nazi, wenn ich von natürlicher Ordnung rede. Auch Menschen folgen in ihrem Verhalten einer natürlichen Ordnung, keiner entkommt seiner Pubertät, keiner kann verhindern, dass er altert und stirbt.

2.) Wie kann eine Gesellschaft einen Genozid verursachen? Hier widerspreche ich, den nicht der Diskurs hat den Holocaust verursacht, wie Sie schreiben, sondern eine Gesinnung eine Haltung einer totalitären u. kriminelle Hitler-Administration, die monokausale Erklärungsmuster nutzte, um jeden Diskurs zu vermeiden. Wer behauptet die Gesellschaft hätte den Holocaust verursacht, der wird auch von der Kollektivschuld einer Gesellschaft reden und das gehört ins Reich der Mythen.

Adolf Hitler und seine Clique, hat sich auf brutalste Weise der Gesellschaft bemächtigt, sie terrorisiert und Kritiker, je nach Bedarf hinterhältig oder systematische ermorden lassen. Die Ermordung von 97987 Jüdischen Bürgern in Dnjepropetrowsk in der Ukraine, ist der SS und dem Militarismus anzulasten und nicht einer Gesellschaft, im Allgemeinen. So wie die Nazis es im eigenen Land taten, so machten sie es auch in den besetzten Ländern, in den Niederlanden wurden Hunderttausende von einem Landmann A.H., Namens Arthus Seyß-Inquart deportiert und ermordet. Der niederländischen Gesellschaft kann dieser Teil des Holocaust nicht angelastet werden.

3.) Alle im BT vertretenen Parteien sind fest überzeugt das es ein deutsches Volk gibt u. eine dt. Einheit, sie besingen es ja auch regelmäßig mit diesem unsäglichen Text. Und was die Staatsbürgerschaft betrifft, ist ja nur deutsch wer eine dt. Mutter bzw. einen dt. Vater hat. Also, Ihre Definition, was einen zum Nazi macht ist doch sehr gewagt.

4.) Von den Menschenrassen, die es gegeben hat, hat nur eine überlebt und das sind die Homo sapiens, alle anderen sind ausgestorben. Ja, es gibt nur eine Rasse und ob nun schwarz, rot, weiß oder rosa – wir alle gehören zu einer Rasse. Dennoch lieben wir es, wenn die Nationen bei Olympia einlaufen, ihre Hymnen singen und von Völkern sprechen, da zählt nicht das einzelne Individuum, sondern der Mensch, der für seine Nation kämpft, um letztendlich auch zu beweisen, dass seine Nation über die der anderen triumphiert, das Streben nach Superieurität ist sehr ausgeprägt (GB,F,USA,SU usw.). Die Superieurität von Nationen ist scheinbar identitätsstiftend und wichtig. Ökonomisch wollen wir Exportweltmeister sein, dass das bedeutet, andere Nationen auszuschließen und im Regen stehen zu lassen, nehmen wir gerne in kauf. Mir ist das zuwider, wie ist das für Sie?

Intoleranz ist das was Nazi ausprägt, bezüglich ihrer Gesinnung und ihres Lebensstils und sie eint, eine grundsätzlich Verachtung für religiöses Denken. Es gibt für Nazis nur eine Weltanschauung und die ist nicht differenziert, sondern einfach und platt.

Der Obernazi „Anton Hynkel“, wie ihn Charles Chaplin (http://de.wikipedia.org/wiki/Der_große_Diktator) beschreibt, trifft, was ein Nazi ist, so dass ich Ihre Ausführung dazu, als eine akademische Ablenkung empfinde. Nazis sind, wie sie mir meine Mutter beschrieb, die sie in ihren Stiefeln brüllend über die Straßen marschieren sah, wie wir sie heute auch kennenlernen können, selbstverliebt, eitel, antisozial, gierig, aalglatt und hinterhältig. Sie erklären sich zum Kult und halten alle andern, die ihre Wunderseeligkeit nicht anerkennen doch nur für Looser.

Helge am 27.4.2012 um 23:23

Wait a second.

Was Du da beschreibst sind einzelne Aussagen, aber kein Diskurs.

Korrigiert mich wenn ich falsch liege, aber um einen Diskurs zu beschreiben müsste doch gerade die Regelhaftigkeit der Aussagen herausgearbeitet werden, also unter welchen Bedingungen die einzelnen Aussagen als wahr erscheinen können. Und zwar am besten im Verhältnis zu den Institutionen und Praktiken, in denen sich Diskurse materialisieren, sonst hat man es mit einem arg amputierten Foucault zu tun.

Meines Wissens gibt es durchaus Literaturen zu einer foucauldianischen Theorie des Nationalsozialismus, die ihn – das wäre gerade der zentrale Einsatz dieser Kritik – nicht als Anderes sondern als besonders mörderische Variante der modernen Macht- und Wissensordnung erklären. Da wäre zB Foucault’s very own Analyse des NS-Rassismus in „In Verteidigung der Gesellschaft“ als durch und durch biopolitisch. Oder auch Agamben’s Versuch über Souveränität und Lager in „Homo Sacer“ wo er argumentiert, dass gerade der moderne Menschenrechtsgedanke Bedingung für die Vernichtung ist.

Aber all das wird nicht thematisiert, stattdessen geht es um ominöse Haltungen und Werte, die gegen den „Diskurs“ in Stellung zu bringen sind. Wo kommen die eigentlich her? In welchem Verhältnis stehen die zu den modernen Epistemen, die so etwas wie den Rassismus als Wissenschaft qualifizieren konnten? Ist die Forderung nach der freien Entfaltung des Individuums nicht ziemlich problematisch im Kontext poststrukturalistischer Subjektkritik? Und so fort.

Schade. Was die Headline verspricht wird leider nicht eingelöst.

jckpirat am 28.4.2012 um 00:12

Ich finde den Artikel ja in weiten Teilen gut, aber er kolportiert leider ein Postulat, dem ich nicht zustimmen kann: Nur weil (nahezu jedweder, hier aber ein bestimmter) Diskurs zur Stützung parteilich oder gesellschaftlich unerwünschter oder schlicht dämlicher Folgepostulate verwendet werden kann, ist der Diskurs per se nicht bereits verwerflich. Einige wenige meiner Vorkommentatoren sehen das wohl genauso; „Graf“ illustriert weitgehend unbeachtet das dünne Eis, auf das man sich bei sowas begibt.

Das nun ist aber nicht der Punkt, den ich kommunizieren will; der ist vielmehr eine Kritik an der „Pseudoverwissenschaftlichung“ der Argumentation. Ich habe ja grundsätzlich vor einem politikwissenschaftlichen Studium aufgrund der breiten Perspektive mehr Respekt als vor den meisten anderen Sozial- und Geisteswissenschaften, aber ein derartiger Missbrauch der Diskurstheorie und insbesondere die Vertretung des Poststrukturalismus als Wissenschaftstheorie statt als (nicht unvernünfiger, aber in ihren Grundfesten kritierierbarer) wissenschaftlicher Theorie tut mir ehrlich weh.

Sorry, ich kann das auch nicht näher erläutern, aber man sollte Popper und Wittgenstein und, wenn man dann schon auf Poststrukturalismus und Diskurstheorie pocht, auch Habermas mal nicht nur gelesen, sondern auch verstanden haben. Sehr traurig, dass die FAZ so recht hat – aber, Julia, deinen „Narrativ“ finde ich weiterhin gut, und du machst das super. Aber bitte bitte hör auf, Wissenschaftlern weh zu tun.

Eso-Vergelter am 1.5.2012 um 17:55

Die Amis und Briten sind gar nicht die Sieger des 2. Weltkrieges. Sie hatten im Jahr 1945 weniger Macht, als im Jahr 1939. Z. B. verloren die Amis und Briten im Jahr 1945 viel Macht in China und Indien. Und noch heute dauert der Niedergang der Imperialisten an. Im Jahr 2014 verliert die Nato den Afghanistankrieg. Dann wird es auf der ganzen Erde einen starken Rückgang der Geburtenrate geben. Es werden immer weniger charakterlose Menschen geboren. Nicht-grüne Ökos setzen sich durch.
Ein übermäßiger Technologismus wird verhindert. Z. B. werden keine Hochgeschwindigkeitszüge mehr gebaut. Und die Gentechnik wird stark begrenzt. Die orthodoxe Medizin wird durch Naturheilkunde ergänzt. Z. B. können Krampfadern mit der Linser-Methode ohne Operation zerstört werden. Diese positive Entwicklung wird sich fortsetzen, und explosionsartig zunehmend, und dessengleichen nie da war! –

Laberbacke am 1.9.2013 um 16:59

tja, dann bin ich wohl ein nazi…