22. März 2012

Macht und Vorurteil

Update: Viele Kleinigkeiten und eine Ergänzung bei der Analyse über Obrigkeit 🙂

Im Zuge meiner Kandidatur für den Piraten-BuVo (nein, ich sage jetzt bewusst nicht „Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland“ denn diese Formulierung ist Teil des Problems) habe ich mich etwas intensiver und weniger theoretisch mit Fragen und Aussagen rund um den Komplex „Macht“ beschäftigt. Nicht zuletzt, weil mal wieder die altbekannten Phrasen „Kandidaten sind machtgeil“; „xy strebt doch nur Macht an“ und „die da oben“ oder auch „wir hier unten“ und so weiter geäußert werden. Einerseits erschreckt mich das sehr, andererseits ist es ein Ausdruck eines verhafteten Obrigkeitsdenken, das auch in dem netzwerkorientierten und niederschwelligem umkreis des Internets und der entsprechenden Aktivisten noch sehr präsent ist. Das spiegelt sich in der Bewertung von Vorständen, dem Umgang mit diesen, die Einschätzung der eigenen Rolle und der Vorstellung von fähigen Politikern wider.

Die (gedachte) Rolle von Vorständen ist bei der Piratenpartei eine sehr vorbildliche – Vorstände sollen keine politische Führung leisten, sondern eine Infrastruktur schaffen, in der sich die Mitglieder inhaltlich betätigen und Entscheidungen treffen können. Die Piratenpartei ist jedoch noch dabei Prozesse zu entwickeln, wie diese Infrastruktur effektiv gestaltet werden kann. Liquid Feedback steht am Ende eines Prozesses und muss vor allem in Hinblick auf Minderheitenmeinungen weiter konzeptioniert werden. Denn viele Menschen trauen sich nicht ihre Meinung zu äußern, wenn sie sich in der Minderheit sehen. Nein, Minderheitenschutz ist hierbei im Sinne des Parteiengesetzes kein sinnvoller Begriff – es handelt sich nämlich vielmehr um Minderheitenmeinungenschutz und freie Entfaltung und Äußerung einer Meinung. Auch muss es eine breite Diskussion geben, bevor Themen im LQFB spezifiziert werden. Nicht zuletzt braucht es einen Modus, wie die erfolgreichen Initiativen zur offiziellen Parteimeinung werden. Aber das nur am Rande. (Ein Konzept diesbezüglich kommt noch!)

Das grundsätzliche Problem ist die Lücke, die entsteht zwischen bezahlten Politikern und ehrenamtlich tätigen Mitgliedern. Bezahlte Politiker haben immer den Vorteil, dass sie sich rund um die Uhr mit den anstehenden Themen beschäftigen können. Sie gestalten die Grundsatzprogramme konkret aus, bekommen aber eben auch die Macht über die konkreten politischen Entscheidungen, die im parlamentarischen Alltag so anfallen. Diese Lücke zwischen bezahlten und ehrenamtlichen Politikern bzw. politisch aktiven Menschen ist bei den Piraten momentan noch sehr klein, was im Wesentlichen daran liegt, dass es noch nicht viele bezahlte Politiker bei den Piraten gibt. Diese Lücke müssen wir auf Dauer klein halten, die inhaltliche Macht muss bei den Mitgliedern institutionalisiert sein. Klar, wir können vor jedem Bundestagsplenum eine Mitgliederversammlung einberufen … aber das erscheint mir doch recht ineffektiv. Deswegen unterstütze ich auch die Versuche eine ständige Mitgliederversammlung zu etablieren: Das Ziel dieser muss sein, dass die Mitglieder jederzeit die inhaltliche Entscheidungsgewalt für sich beanspruchen können. Das ist die Aufgabe eines Vorstandes in meinen Augen – die Macht bei den Mitgliedern dauerhaft ansiedeln. Die anderen Parteien haben diese Bemühungen schon längst aufgegeben. Lasst uns nicht den gleichen Fehler machen. Denn wenn diese Lücke größer wird, dann verändert sich auch das Verständnis für die Vorstände und Mandatsträger, die bald sogar personell überschnitten sein werden. Auch das sieht man bei den anderen Parteien eindrucksvoll.

Denn zur Zeit sind wir noch in einem alten Denken verhaftet, was dazu führt, dass jeder Mensch, der sich in eine Position wählen lassen möchte (aus verschiedenen Gründen, die hier nicht auseinandergenommen werden sollen) als potentiell mächtig empfunden wird. Entsprechend ist der Umgang mit diesen Menschen. Stuhlgewitter und bösartige Unterstellungen sind die Folge. Sticheleien und Beleidigungen ebenso. Der Job an der vom Parteiengesetz geforderten „Spitze“ der Partei wird zum Höllenritt. Doch: Vorstände haben nur die Macht die wir ihnen zusprechen. Nur solange wir glauben, dass Vorstände und Mandatsträger unendliche Macht haben, haben sie auch welche. Die Lücke zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“ wird nur durch die Vorstellung aufrechterhalten, dass es Menschen gibt, die Macht haben, obwohl wir das nicht wollen. Wir bauen diese Lücke. Aber wenn wir das nicht wollen – wieso gestehen wir ihnen diese Macht dann zu? Liegt es nur an den Medien, die mit einem Menschen ohne Amt oder Mandat nicht reden wollen? Letztlich ist dieser Anspruch der Medien nur ein Symptom dafür, dass die Mehrheit der Menschen in diesem Land immer noch glaubt, dass ein Amt oder Mandat automatisch Macht bringt. Aber nochmal: Macht wird Menschen gegeben. Wir können ihnen die Macht wegnehmen, wenn wir das wollen!

Die Grundvorstellung, dass Vorstände und Mandatsträger automatisch Macht haben führt zu einem komischen Verständnis davon, wie Menschen, die diese Positionen ausfüllen, zu sein haben. Da sie ja Macht haben, angeblich, und somit eine Führungsrolle, müssen sie gewissen Kriterien entsprechen, die jenseits jedweder Realität und Menschlichkeit rangieren. Menschen haben verschiedene Facetten und Eigenschaften, die sich zum Teil bedingen. Jemand, der furchtlos in die Kamera blickt wird wohl kaum stets still und leise im Hintergrund arbeiten. Jemand, der sich über alles so viele Gedanken macht, dass er jede Position in Betracht zieht und durchdenkt, wird schwer eine Frage- und Grillrunde bei Anne Will mit einem Beißhund wie Westerwelle überleben. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, die in einer funktionierenden Gesellschaft notwendig sind. Manche Menschen dienen als Botschafter an der Spitze einer Gruppe, andere machen Orgadinge, wieder andere soziale Flauschung, etc. Jede Position muss gleichwertig sein und als solche behandelt werden. Es ist eine Schande, dass wir Menschen, die „in den Medien“ sind für mächtiger halten, als die Menschen, die die Gesetze schreiben. Wer glaubt, dass die Grüßaugusten die eigentliche Macht haben, hat nicht verstanden, wie Politik funktioniert. Politik ist ein Prozess, in dem jeder eine Rolle hat. Manche exponierter als andere, aber doch jeder in seiner Rolle. Die Vorstellung, dass es eine „starke Person an der Spitze“ braucht ist quatsch und ist neben einer seltsamen Obrigkeitshörigkeit auch wesensähnlich dem strukturellen Antisemitismus nach Adorno. (Wunsch <-> Kampf ==> Elite)

Weitverbreitet ist darüber hinaus die Vorstellung von Politikern, die keinen Schwäche haben dürfen. Als ob sie die nicht hätten! Schnell artet es dann in die Forderung aus, dass Politiker keine Schwäche zeigen dürfen. Doch wieso verlangen wir von jemandem wie Christian Wulff, dass er Schwäche zeigt und Fehler eingesteht, wenn er gelernt hat eben das niemals zu tun. Zwangsneurosen, Minderwertigkeitskomplexe, fehlenden Selbstwert, Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, Selbstzweifel etc. haben wir alle, jeder Mensch irgendwie. Es ist sogar nachgewiesen, dass die Chefs verschiedener Unternehmen zur Zeit hochgradige Störungen haben! Die Menschen, die diese Schwächen offen angehen sind notwendig. Der Glaube, dass Menschen, die in der „Spitze“ agieren stark, fähig und kompetent sind ist die größte Lüge des Hedonismus der 80er Jahre. Zum Glück bin ich ein Jahrzehnt später aufgewachsen.

Wenn wir fordern, dass Menschen, die angeblich Macht haben, diese nicht haben, so erwarten wir Menschen, die keine mehr sind. Diese Forderung entspringt einem tiefverwurzeltem Obrigkeitsdenken. Denn nur wer stark ist, kann mich führen. Ein externes Wesen soll mich führen, mit dem ich mich nicht messen muss, kann. Wie ein Engel. Oder ein von Gott gesandter König.

Und offensichtlich wollen viele Menschen noch geführt werden, fremdbestimmt werden, sehnen sich nach einem Gott, einer Führungskraft (sic!). Aber diese Fremdbestimmung darf nicht von jemanden ausgeführt werden, der genauso schwach ist, wie die Person selbst, die fremdbestimmt werden will – das würde diese ja ad absurdum führen und die Person könnte es ja tatsächlich selbst tun! Die Forderung an Politiker „stark“ zu sein wird gleichgesetzt mit der Forderung die Meinung nicht ändern zu dürfen und jederzeit das zu verteidigen, was sie bisher getan haben. Das ist jedoch ein wesentliches Problem in unserer heutigen politischen Landschaft. Beispiel Renate Künast, die sich vorbildlich diesbezüglich zeigte im Berliner Wahlkampf und danach: Bis heute hat sie öffentlich ihre Fehler (die dazu geführt haben, dass viele Grüne in Berlin die Piraten wählten – frei nach dem Motto: So werden wir die los! Danke für 3% extra!) nicht eingestanden, ihre Linie bekräftigt und den Grünen damit nachhaltig geschadet. In der CDU funktioniert das, bei den Grünen nur bedingt. Zum Glück.

Wir schaffen Machtverhältnisse, in dem wir staatstragende Begriffe entwickeln (siehe eingangs) glauben, dass es etwas Tolles ist mit einem Bundesvorstand Zeit zu verbringen (oder aber mit berühmten liberalen Datenschützern über deren Begegnung man dann so rumprahlt, dass alle Menschen sonst was denken …) und verlangen von gewählten Vertretern, dass sie unsere Rettung sind bei all den kleinen Problemen, die wir in der täglichen politischen Arbeit haben. Es gibt kein „die da oben“ es gibt nur uns und wir dürfen uns nicht verführen lassen uns unsere Selbstbestimmung abnehmen zu lassen. Niemals.

Das ist mein Verständnis von Politik und Vorstandsarbeit. Das ist meine Quest, mit euch und mir selbst. Ich bin nicht die richtige, wenn ihr jemanden wollt, der euch sagt wo es lang geht. Ich will euch nur eine Struktur geben, mit der ihr das selbst rausfinden könnt.

Deswegen ist meine Parole als BuVo-Kandidatin: Ich bin nicht eure Mutti. Und werde es auch nie sein. Lebt selbstbestimmt und gebt Menschen keine Macht, wenn ihr das nicht wollt!

Julia

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Lama am 22.3.2012 um 17:24

Schöner Text.
Eine Frage habe ich jedoch zur Formulierung „Liquid Feedback steht am Ende eines notwendigen Prozesses…“.

Meinst Du jetzt dass Liquid Feedback das Ende (Ziel) eines Prozesses in der Partei darstellt, oder dass Liquid Feedback das Ende eines Prozesses erreicht hat?
Also vielleicht anders formuliert: siehst Du Liquid Feedback (oder eine Weiterentwicklung davon) als (zwangläufige) Folge des beschriebenen Machtauffassungsprozesses?

Danke

Jens am 22.3.2012 um 18:22

„Denn machen wir uns nichts vor: Liquid Feedback steht am Ende eines notwendigen Prozesses“

Wolltest Du sagen „Liquid Feedback ist ein mögliches Ende eines notwendigen Prozesses“?

Alexander Erben am 22.3.2012 um 19:50

Sehr schön zu lesen! Und um mal ganz idealistisch auszuholen: Viele Menschen fürchten die Unvollkommenheit – die einen bei anderen Menschen, die anderen bei sich selbst.
Die Furcht vor anderen Menschen und ihren Fehlern bedingt den Wunsch nach Macht.
Die Furcht vor sich selbst und seinen Schwächen führt zu dem Drang, sich unterzuordnen.
Beides drückt sich in der Sehnsucht nach „klaren Verhältnissen“ aus.
Wer jedoch Fehler zulässt, bei sich und anderen, nur der denkt und fühlt menschengerecht – und demokratisch.

Julia am 22.3.2012 um 21:19

@crackpille irgendwie ist der reply-Baum begrenzt 😉

Ja, eben. Das sind aber genau die Konzepte, die mir fehlen. Und ich sehe auch kein Problem darin solange LQFB noch im Aufbau ist ein Veto-Element einzubauen. Gar nicht mal aus einer Minderheit gedacht, sondern vielmehr aus der Idee heraus, dass gewählte Vertreter sagen können: Das ist zu weitgehend, etc. ich finde es durchaus sinnvoll Themen zu blocken und für Parteitage zu „reservieren“ 🙂

Cassionetta am 22.3.2012 um 21:52

Nebenbei eine wunderbare Replik auf die Podcast-Boygroup 🙂
Danke.

Benjamin 'crackpille' Siggel am 22.3.2012 um 22:25

@Julia: Naja, ich frage dich, was legitimiert eine solche Machtfülle und du sagst „sie sind demokratischer“ => Zirkel“argument“

Und wenn es nichtmal um Minderheitenschutz geht – wieso sollen jetzt Gewählte über alle Fragen ein Vetorecht haben? Sind die Klüger? Sind die dafür gewählt? Das ist alles total willkürlich.

Jens Uwe Rudolph am 23.3.2012 um 10:37

Hallo Julia,

ich habe deine Äußerungen zu LQFB mit Erschrecken gelesen. Du bist noch nicht einmal gewählt und fängst jetzt schon an die Basis zu entmündigen? LQFB ist das einzige durchdachte und ernsthaft gemeinte Beteiligungskonzept weit und breit. „Demokratisch legitimierte“ Vorstände gibt es sogar bei der CDU, dafür braucht man die Piraten nicht. „Meine Vorstellung ist ungefähr so (ALLES FIKTIV UND VERHANDELBAR!): …“ klingt wie bei den Grünen. Da redet man von Beteiligung und weiß ganz genau, mit Diskursgeschwafel und viel Relativiererei kommt sie ganz bestimmt nicht. Da ich nicht glaube, dass dir das nicht bewusst ist, kann ich nur Absicht vermuten. Ich werde dich jetzt wohl nicht mehr wählen.

Enttäuschte Grüße
Jens Uwe Rudolph

P.S. Ich sage es ja nur ungern aber auf euch Berlinern und eurem LQFB ruhten unsere Hoffnungen in dieser Partei. Und während du LQFB relativierst und der Basis in den Rücken fällst, verfärben sich die südlichen LVs schonmal etws bräunlich. Großes Kino.

Julia am 23.3.2012 um 12:13

@etz_b verbotsphantasien -.- Schade, dass keine rationalen Debatten hierbei möglich sind. Wirklich.

Und außerdem sehe ich doch, wie die Inis zum Teil wachsen etc. Ich bin jeden Tag im LQFB und gucke, stimme ab, stimme neuen Entwürfen zu, etc.

Mein Problem ist: Man kann sich nicht einfach hinstellen und sagen „Das ist so! Ich wiederhole mich jetzt einfach 1000 mal, bis es alle begreifen.“ So wirken die Debatten meistens auf mich. Wir müssen da einen gemeinsamen Prozess gestalten und LQFB so akzeptieren, wie es die meisten sehen. Damit muss man arbeiten. (Ist übrigens auch der Grund, warum deine Wortbeiträge auf BPTs, die aus einem genuschelten „Ich möchte eindrücklich …“ nicht so gut funktionieren ;)) Es geht hier um verschiedene Herangehensweisen für eien bundesweite Etablierung von LQFB. Dafür muss man eben auch auf die Kritiker eingehen, die LQFB eigentlich total gut finden, aber eben die fehlende Legitimation etc. bemängeln.

Ich will es ja eben rumdrehen: der BuVo soll doch nicht die Macht bekommen wahlweise Initiativen auszuwählen und öffiziell zu verabschieden. Vielmehr sollen alle Initiativen, die gewisse Anforderungen erfüllen automatisch verabschiedet SEIN. Die Idee hinter einem Veto lässt sich ja auch anders ausgestalten – von mir aus auch 3 zufällig geloste Leute. Es geht eher darum, dass es eben außerhalb von LQFB Prozesse gibt, die die Inis dann auch zu offiziellen Positionen machen. Im Moment hat der BuVo zu VIEL Macht! Deswegen irritiert mich auch die Forderung dem BuVo noch mehr Macht zu geben, in dem er Positionspapiere verabschieden soll. Erinnert mich an Leitanträge.

Ja, die Arbeit an den Inis ist Arbeit, ist mir klar – aber was bringt uns die Arbeit und wie können wir sie für die kommenden Mandatsträger verbindlich machen, wenn wir bei dem Bundesparteitagtempo erst in 5 jahren drüber abstimmen? Richtig, nichts.

Wenn wir LQFB nicht bis zur Bundestagswahl so einsetzen können, dass wir die Mandatsträger mit Inhalten füttern können, haben wir ein echtes Problem.

Christian Edom am 23.3.2012 um 13:27

„Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und IM EINVERNEHMEN MIT IHNEN ZU HANDELN. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält.“
(Hannah Arendt in „Macht und Gewalt“)

Domi am 24.3.2012 um 21:18

Es wird mehr notwendig sein, um jahrelange preußisch-wilhelministische Tradition aus den Köpfen in diesem speziellen Land zu entfernen. Zwei Weltkriege vermochten es nicht, und mit einem Blogeintrag ist es leider auch nicht getan.

Ich habe nur die Beobachtung gemacht, dass sich das Verständnis ganz langsam wandelt – und die Bewegung gegen den „letzten Rest“ von Sexismus und Chauvinismus, der in Machtpositionen einer Patriarchie, ist ein Teil der „letzten Phase“ zu einer Zeit des autoritätsskeptischen Denkens. „Wutbürger“, denen oft nur primitive Instinkte wie Neid gegen eben die Strukturen zugeschrieben werden, die du in deinem Beitrag als imaginär betrachtest, die Proteste gegen ACTA, die Occupy-Bewegung und die Liebesgrüße aus Tel Aviv nach Iran gegen die Pläne ihrer jeweiligen „Establishments“ Krieg zu führen, beweisen es.

Was es immer geben wird, sind Menschen, die wenigstens zu bequem sind, sich an unserem Umfeld politisch zu beteiligen. Und die, die exzentrisch genug sind, es zu tun, denen wird auch Eigennutz, Eitelkeit, Geltungssucht oder Arroganz zugeschrieben. Was den überwiegenden Teil derer ausmacht, die doch hin und wieder aus ihrem Alltag aufbrechen und in die Landtage und den Bundestag wollen – und das sieht man auch auf unseren Parteitagen – ist Naivität, die sie mit ihrer Kühnheit, Offensive und Strebsamkeit auch nicht ablegen. Und Flyer, die sie in Comic Sans gedruckt haben, verteilen. Ihre Naivität wird ihnen auch permanent wieder als Schwäche ausgelegt werden können, denn weil die Plätze der Macht begrenzt sind, entwickelt sich zwischen diesen Emporkömmlingen Ehrgeiz, daraus wieder der Kampf um Geltung. Dieser Kampf ist so zeitraubend, dass sie doch kaum für andere Ziele Zeit zu haben scheinen, beispielsweise für den Erwerb von umfassenden Wissen. Rastlos wandert ihr Geist zwischen den Vorträgen beim Brunch in der Lobby, sodass sie am Ende tatsächlich glauben werden, dass es ein Restrisiko bei Atomkraft gäbe, welches sich vom normalen Risiko sicherer Kernkraftwerke unterscheidet. Dass das Taschengeld an afrikanische Staaten als Ausgleich für Importzölle der EU und für eine korrumpierte Politik, die zu schwach ist, eigene Zölle gegen den Billigimport von ungekühlten Hühnerfleischresten aus der EU zu erheben oder auf Exportrechte zu bestehen, genügt.

Letztendlich ist das Ergebnis auch egal, denn man will bleiben, wo man ist – man will bedeutend sein, gefragt werden, gefragt sein. Man will entscheiden, und man will sehen, wie diese Entscheidung wirksam wird. Zu wissen, dass die eigenen Entscheidungen nicht nur das eigene Leben, sondern das Leben aller beeinflussen wird. Diese Bedeutungsfülle lässt sie auch mit der Dauer ihrer Amtszeit abheben, entfremdet sie sogar mit der eigenen Partei, mit ihrer Basis und erst recht mit den Menschen, die sie vertreten.

Doch trotzdem scheint diese Position für viele Neumitglieder bei den Piraten erstrebenswert zu sein. Es scheint für sie erstrebenswert zu sein, einer wie Tauss zu werden. Mit jeder gewonnenen Wahl werden es mehr, alle wollen in den Vorstand. Weil dieses Denken, dieser Eindruck, Macht würde durch Titel erlangt, durch Positionen, die limitiert sind; weil dieses Denken immer noch in den Köpfen der Menschen vorherrscht und weil sie mit ihrer Mitgliedschaft in einer basisdemokratischen Partei diese ständische Prägung auch nicht ablegen.

Es ist nicht nur der Glaube, der einer Sache Macht verleiht, nicht nur der Eindruck, den man durch einen Titel schinden kann. Macht ist durchaus keine Illusion derer, die an Machtstrukturen glauben.

Macht wird auch durch Gesetze gegeben. Und es gibt Menschen, die setzen diese Gesetze durch. Damit erhalten sie auch den Glauben an diese Macht. Aber auch das Gesetz hat seine Lücken – es bestraft nicht den Vollstrecker als Gesetzesbrecher. Darum wird der Verfassungsschutz in Thüringen oder das BKA weiterhin existieren. In diese Lücke prescht dann die Gesetzesgläubigkeit, zum Beispiel die der jungen Kader aus der Jungen Union, die bereit sind, zu glauben, dass gewalttätige Polizeiaktionen stets provoziert werden und zum Schutze des Staates geschehen und dass ein mutmaßlicher Verfassungsbruch durch Polizeibehörden nichts weiter als üble Verleumdungen sind.

Bist du nicht ein wenig zu gutgläubig, wenn du annimmst, du kannst einen so traditionsreichen Standesdünkel mit einem Blogpost wegschreiben?

Horatio am 26.3.2012 um 01:40

So ein BS. Es sind gerade Alphamännchen wie Gerd Schröder die den Mut hatten ihren Job zu riskieren, es sind gerade soldatisch geprägte Macher wie Helmut Schmidt die Angst hatten dem Amt nicht gewachsen zu sein.
Die Grünen haben auch mal angefangen wir Ihr, mit basisdemokratischem Gedöns. Wohin das geführt hat sieht man ja. Und Wackelpudding Merkel ist ja auch relativ populistisch-demokratisch, folgt jedem Impuls der Mehrheit, sei es Atomausstieg oder Griechenlandbashing.
Um heute etwas zu bewegen braucht man Mut und Ausdauer und nicht die Illusion dass Politik ohne Macht und Hierarchie funktionieren kann.

Anja Bier am 26.3.2012 um 14:18

Liebe Julia,

ich bin zum ersten Mal auf Deinem Blog unterwegs und habe mir mit Interesse Deinen Beitrag durchgelesen. Nun hätte ich ja gerne Deine interessanten Gedanken mit meinen politisch interessierten Freunden bei Facebook geteilt, konnte jedoch keine entsprechenden Buttons entdecken – kann das sein bei einer netzaffinen, modernen jungen Piratin?!? Da bin ich doch überrascht und gehe einfach mal davon aus, dass es irgendwie an einem Fehler liegt oder ich nicht richtig hingesehen habe. Vielleicht kannst Du kurz dazu Stellung nehmen.

Herzliche Grüße,
Anja

Max am 8.4.2012 um 08:55

Wenn du die Gefahr siehst das der Abstand zwischen freiwilligen Mitgliedern und „Berufspolitikern“ zu groß werden könnte, wäre eine maximale Mandatsdauer doch eine Zwischenlösung.
Wenn man zum Beispiel sagt das man als Pirat nur 2 Wahlperioden Mandatsträger sein kann, verliert der Vorwurf der Machtgeilheit an Gewicht. Weiterhin könnte man so vielleicht auch entstehenden Seilschaften in den Parlamenten vorbeugen.
Außerdem wird man auch durch sein Umfeld geprägt und ich denke es ist gut von der Machtfülle und dem Lobbyismus der die Parlamente aktuell umgibt nach einiger Zeit wieder Abstand zu gewinnen.

Eso-Vergelter am 7.5.2012 um 22:53

Es ist ganz wunderbar, dass in Griechenland €uro-kritische Parteien stark zugelegt haben. Und es ist gut, dass Hollande seine Soldaten so schnell wie möglich aus Afghanistan zurückzieht. Dies beschleunigt den Niedergang des Imperialismus.
Auch Deutschland sollte sich gegen den €uro aussprechen. Bei der Wahl in NRW am 13. Mai werden die Piraten, die Tierschutzpartei und Pro NRW viele Stimmen bekommen.