22. März 2010

Evolution und Selbstbezüglichkeit

Was treibt den Menschen an? Nach meinem Blog zu urteilen vor allem die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und der Drang Ewigkeit zu erfahren und zu produzieren, sich seine eigene Existenz in einem höheren, meta-physischen Ordnungsrahmen zu erklären. Bisher habe ich somit einer wesentlichen Antriebsfeder keinen angemessenen Raum zugewiesen: Selbsterhaltung.

Der nicht-humanen Natur unterstellt man immer zu gerne platte rationale Selbsterhaltungstriebe. Gefressen und Gefressen werden scheint die Devise des Tierreichs zu sein, während die Menschen sich mit ihrem Geiste über dies erheben können. Aber tun sie dies auch? Wir haben Techniken entwickelt, die uns von den triebhaften und instinktiven Impulsreaktionen erheben können, die uns die Möglichkeit zur Reflexion und zur Schaffung eines komplexen sozialen Systems geben. Doch nur weil wir die Potenz dafür haben, heißt das noch lange nicht, dass wir diese auch nutzen. Wir können unsere schwachen und vielleicht auch faulen Mitmenschen unterstützen, ihnen Chancen geben, die ihnen die Natur verweigert hat, sie tolerieren und akzeptieren wie sie sind. Wir können es aber auch lassen.

Und so ist die Frage, ob unser soziales Netz nicht de facto doch vom egoistischen Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen dominiert wird, ob das „egoistische Gen“ auch uns und die Gesellschaft determiniert. Sollte dies der Fall sein, müssen wir jedoch davon ausgehen, dass die Realität schon dem entspricht, was die Natur unter sinnhaftig versteht, dass die evolutionäre Selektion schon funktioniert, kurz: das wir nichts machen können! So wären wir determiniert, Opfer evolutionärer Mechanismen und willenlos.

Doch ganz so einfach will ich es mir nicht machen. Weder in die deterministische, noch in die existenzialistische Richtung, denn nur weil wir einen freien Willen haben können, heißt das nicht, dass wir nicht evolutionären Mechanismen der menschlichen Kultur ausgeliefert sind bzw., dass wir nicht Kulturtechniken entwickelt haben, die uns bestimmen und die wir letztlich nur durch Selbstreflexion aufheben können. Also muss man auch das „egoistische Gen“ angepasst an eine Mittelstellung zwischen Existenzialismus und Determinismus begreifen. So entwickelt der moderne Mensch verschiedene Intensitäten von Selbstbezüglichkeit, die sich zu selbstlaufenden Mechanismen entwickeln können, so z.B. Eitelkeit, oder zu Mechanismen, die durch eine meta-Ebene wiederum selbstbezüglich werden, weil sie in der Reflexion über sich selbst schließlich gewollt und somit bestärkt werden – so z.B. der Hedonismus. Selbstbezüglichkeit kann auch bedeuten, dass ich der Meinung bin, das Universum drehe sich um mich, alles Handeln und Sagen meiner Mitmenschen sei in Verbindung zu mir, auch negativ, was mir wiederum schaden kann. Selbstbezüglichkeit kann auch ein Selbstschutz sein, um mich von der Umgebung abzugrenzen und Ignoranz zu entwickeln. Und so ist die platte Annahme der natürlichen Selbsterhaltung beim modernen Menschen vor allem zur Selbstbezüglichkeit mutiert. Erst wenn der Überlebenskampf wieder notwendig wird, in Form von einem wie auch gearteten Krieg, dreht sich diese Selbstbezüglichkeit wieder in Selbsterhaltung.

Und so bleibt der Existenzialismus ein Anspruch an den Menschen eigenverantwortlich und souverän zu handeln – mit sich im Reinen zu sein und ohne die Abhängigkeit zu anderen Entscheidungen treffen zu können – eben nur ein Anspruch, denn das Überwinden der Selbstbezüglichkeit ist ein langer und harter Weg, den die meisten wahrscheinlich nur mit einem Krieg, und dann auch nur temporär, erreichen werden können.

M.C. Escher - Zeichnende Hände

M.C. Escher - Zeichnende Hände

Julia

Weitere Artikel

14. April 2018

Es muss Liebe sein.

„Wie hält du das nur aus?“ fragen mich Leute oft, wenn es um Hass im Netz geht. Kunst ist nun meine neuste Antwort! Es gibt auch Lesungen, die könnt ihr auf meinen Kanälen verfolgen!

14. April 2017

Eine Rede, eine Rede!

Vor zwei Wochen wurde ich auf Listenplatz 13 zur Bundestagswahl gewählt. Dafür habe ich eine Rede gehalten, die ihr hier jetzt auch mal nachlesen könnt: Liebe Genossinnen und Genossen,   Manchmal passiert Jahrzehnte nichts und dann passieren in kurzer Zeit Jahrzehnte. 2017 ist anders als 2013. Es ist ein besonderes Jahr, eine besondere Wahl und…

30. Mai 2016

Magdeburg.

Seit ein paar Ex-Pirat_innen im Januar eine Erklärung zur Unterstützung der Partei die Linke veröffentlichten, habe ich mich mit der Partei intensiver auseinandergesetzt. Am letzten Wochenende bin ich dann zum Parteitag gefahren, um mir das Ganze vor Ort mal genauer anzugucken. Meine gute Freundin Ursula hatte danach ein paar Fragen an mich – sie selbst…

31. Oktober 2015

Chancen.

Es ist nicht oft, dass sich große Chancen ergeben. Oder das Menschen an dich glauben, auch wenn du es schon selbst gar nicht mehr tust. Vor mehr als 3 Jahren erschien mein erstes Buch. Sagen wir so: Es lief alles nicht so gut. Ich habe daraus viel gelernt, auch wenn es manchmal schmerzhaft war. Zumindest…

1. August 2015

Impressum

Datenschutzerklärung Wie wir mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen, erläutern wir Ihnen in dieser Datenschutzerklärung. Maßgabe ist das geltende Datenschutzrecht, insbesondere die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Mit Ausnahme der Dienstleister und Drittanbieter, die wir in dieser Datenschutzerklärung benennen, geben wir keine Daten an Dritte weiter. Wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie uns gerne an. Inhalt Verantwortlicher Allgemeine Informationen…

26. Mai 2015

Diät.

Dieser Text brennt mir auf der Seele so lange ich denken kann. Doch erst seit kurzem kann ich dieses Brennen benennen. Es ist ein seltsames Gefühl, irgendwie bedeutungsschwanger, trivial, potentiell Aufruhr erzeugend. Es ist ein sehr persönliches Thema, weswegen es mir eigentlich schwer, aber auch gerade leicht fällt. Es betrifft mich auf eine Art. Es…

4 Kommentare

Suche

Ein Kommentar zum Artikel

Amm0n am 23.3.2010 um 22:47

Danke!

..für diesen Blog!

lg

Amm0n