15. März 2010

Aufmerksamkeit und Nähe

Wenn es doch so einfach wäre!

Wenn es doch so einfach wäre!

Menschen dürstet es nach der Aufmerksamkeit anderer, nach Anerkennung – kurz: nach Liebe, oder das, was man halt als vermeintliche Liebe zu interpretieren vermag. Für solche Aufmerksamkeit sind Menschen bereit Erstaunliches zu tun: Geschlechtsteile in die Kamera halten, berauscht Gegenstände werfen, falsch bedienen, zerstören oder begatten, wundersamste Lügen erzählen, viel zu kurze Kleidung tragen oder auch einfach mal hysterisch weinen. Die volle Aufmerksamkeit zu genießen ist ein wahrliches Elixier, welches mal wieder den Wunsch nach Einzigartigkeit stillen soll und dies auch in einem gewissen Rahmen tut, Aufmerksamkeit erregen bedeutet nämlich auch Eindruck hinterlassen, „denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, daß sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht.“ (Goethe)

Und so treibt es einen für die Aufmerksamkeit in die Welt und andersherum kommt die Aufmerksamkeit, wenn man in die Welt geht. Eine Stimme zu bekommen, die gehört werden will, verlangt und bringt automatisch Aufmerksamkeit. Dies wiederum erfordert  und produziert Nähe – ob man das nun beabsichtigt oder nicht. Wahre Aufmerksamkeit kann nämlich nur auf einem Boden gedeihen, der keine Grenzen mehr kennt, wo Grenzen nicht erlaubt sind und die Phantasie sich frei entfalten kann, die zu beaufmerksamende Person zur absoluten Projektionsfläche der eigenen Sehnsüchte und Wünsche werden kann; oder zur Zielscheibe, um von den eigenen Ängsten und Schmerzen abzulenken. Der Preis ist wohl die Transparenz der eigenen Person und so die erhöhte Verwundbarkeit, so wird man potentiell zum Opfer der Menschen und ihrem wirren geistigen Ideenreichtum. Durch die Preis- bzw. Hergabe seines Gesichts verliert man eben jenes nur allzu schnell. Die Spender der geliebten Aufmerksamkeit speisen sich aus der Nähe und untergraben so die Distanz, die man sich mit einer breiten Aufmerksamkeit erhaschen will: Die aufmerksamkeits-induzierte Einzigartigkeit erhebt einen vermeintlich über die Mitmenschen, schafft vorgeblich einen individuellen Zwischenraum, in dem man glaubt sich in seiner Herrlichkeit winden zu können. Doch entspringt dieser nur einem gefährlichen Schein, der uns an das ausliefern kann was wir mit Hilfe der Aufmerksamkeit eigentlich vermeiden wollen: Ablehnung.

Julia

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Ein Kommentar zum Artikel

Ed von Schleck am 16.3.2010 um 00:31

Sei aufmerksam, krieg Aufmerksamkeit, gib Aufmerksamkeit.
Haste was, biste was.
Doch alles kommt irgendwoher und nichts aus dem Nichts.
Und so wie alles in der Welt ist auch die Aufmerksamkeit bestimmt von einem Geben und Nehmen. Sich Abhängigkeiten zu entreißen ist im alltäglichen Überlebenskampf nahezu unmöglich. Ein anderes ist es, sich seinen Abhängigkeiten bewusst zu werden und diese lernen zu kontrollieren und zu steuern.
Dabei muss man sich immer wieder aufs Neue fürs Geben oder Nehmen entscheiden. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Geben ist keine Schwäche sondern Stärke und Nehmen, bzw. Bekommen nicht immer ein Geschenk.