5. März 2010

Einzigartigkeit und Egozentrik

„Mein Vater möchte bei jeder Hochzeit die Braut und bei jeder Beerdigung die Leiche sein.“ (Theodore Roosevelt jr.)

Beobachtet man sich selbst und andere aufmerksam, so fällt einem, wie in diesem Blog schon mehrfach erwähnt, auf, dass Menschen etwas besonderes sein möchten, aus der Masse hervorstechen wollen, oftmals unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf Verluste. Da werden Geschichten erfunden, die man erlebt haben will, man schließt sich Gruppen an, die einem den Hauch von Mysterium verleihen oder widerspricht einfach allem, was ein vermeintlicher Trend sein könnte. Leider enden solche Profilierungen meist in dem traurigen, weil unreflektierten und undifferenzierten, Versuch sich die Einzigartigkeit, der man quasi verfallen ist, gewaltsam anzueignen und darüber nur Egozentrik, aber nicht Einzigartigkeit, zu entwickeln. Das eigene Tun und Denken wird zum Mittelpunkt, man sieht Dinge ausschließlich aus der eigenen Perspektive und be-, aber vor allem verurteilt Menschen gemessen an der eigenen Wahrnehmung. Sensibilität wird nur auf sich selbst bezogen an den Tag gelegt.

Nun könnte man denken, dass sich dies vor allem auf Menschen bezieht, deren Selbstwahrnehmung überschätzend ist, die keine Bescheidenheit gegenüber sich selbst haben, die sich für die auserwähltesten Geschöpfe auf Gottes Erden halten. Doch so ist es bei Weitem nicht. Ganz im Gegenteil! Vielmehr definieren viele Menschen ihren Wunsch nach Einzigartigkeit über negative Attribute. Sie barrikadieren sich in dem Glauben die dümmst-möglichen Menschen zu sein, klammern sich an den Gedanken, dass niemand hässlicher sei als sie, niemand ungeliebter und verachteter, niemand einsamer und verlorener. Niemand hat so schreckliche Dinge erlebt wie man selbst. Die eigenen Erfahrungen sind immer wesentlich schlimmer als die aller anderen! Letztlich wird so die gewünschte Einzigartigkeit über das gewollte außerhalb-der-Gesellschaft-stehen geschaffen. Man konstruiert seine Einzigartigkeit durch das Ablehnen des eigenen Ichs als Teil des gesellschaftlichen Geschehens. ICH bin nicht Teil dieser Gesellschaft, ICH bin anders, auch wenn das heißt, dass ICH schlechter bin, sein soll und somit will. Hauptsache ich gehe nicht unter in der massig-menschlichen Gesellschaft, bin nicht so wie alle anderen, sondern etwas besonderes, etwas vom Himmel gefallenes, etwas einzigartiges. Und wenn das bedeutet, dass ich mich selbst hasse, dann ist mir das auch Recht.

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Atlas trägt die Last der ganzen Welt. Wer möchte nicht ER sein?

Julia

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