24. Februar 2010

Vernunft und Demut

„Eine vorbildlose, zukunftsoffene, neuerungssüchtige Moderne kann ihre Maßstäbe nur aus sich selber schöpfen. Als einzige Quelle des Normativen bietet sich das Prinzip der Subjektivität an, dem das Zeitbewußtsein der Moderne selbst entspringt. Die Reflexionsphilosophie, die von der Grundtatsache des Selbstbewußtseins ausgeht, bringt dieses Prinzip auf den Begriff. Dem auf sich selbst angewendeten Reflexionsvermögen enthüllt sich freilich auch das Negative einer verselbstständigten, absolut gesetzten Subjektivität. Deshalb soll sich die Rationalität des Verstandes, den die Moderne ihr Eigentum weiß und als einzige Verbindlichkeit anerkennt, auf den Spuren einer Dialektik der Aufklärung zur Vernunft erweitern. aber als absolutes Wissen nimmt diese Vernunft schließlich eine Gestalt an, die so überwältigend ist, daß sie das anfängliche Problem einer Selbstvergewisserung der Moderne nicht nur löst, sondern zu gut löst: Die Frage nach dem genuinen Selbstverständnis der Moderne geht im ironischen Gelächter der Vernunft unter.“ (Jürgen Habermas – Der philosophische Diskurs der Moderne)

Die Moderne erhob die Vernunft zum Ordnungsprinzip, zum umfassenden Erklärungsansatz, ohne, wie oben beschrieben, das Legitimationsproblem lösen zu können, denn Vernunft ist kalt und fesselt die Menschen nicht wie es Religion tut. Doch können diese emotionalen Bedürfnisse nicht wegrationalisiert werden, denn sie packen einen, vor allem dann, wenn man es am wenigsten erwartet, schleudern einen von den erklommen Stufen zum ÜBERmenschlich werden gnadenlos herab und degradieren einen doch wieder nur zu einem Tier, einem Opfer seiner Biologie.

Religion setzt dort an, sie gibt diesen Ausbrüchen einen Sinn, strukturiert und heilt die erfahrenen Wunden. Und vielmehr noch, gibt sie der eigenen Belanglosigkeit eine Aufgabe, vermittelt gleichzeitig Einzigartigkeit und vor allem Demut. Denn im Angesicht Gottes bin ich mir meiner Machtlosigkeit gerne bewusst, verneige mich vor seinen vermeintlichen Taten: Es geht nicht um mich, aber es ist gut, dass es mich gibt! Fällt Gott nun weg, so setze ich mich an seine Stelle. Ich bin mein eigener Gott, denn Gott ist tot! Mit dieser Freiheit geht jedoch der Verlust der Demut nur allzu oft einher – ich schätze nicht mehr was mir gegeben ist, sei es auch noch so schön. Zwar ist der kritische Geist meist erst mit der Hinterfragung Gottes gegeben, doch neigt der ungläubige Mensch zur Heroisierung des Menschen, der eigenen Persönlichkeit und des Prinzips des immanenten Schöpfers. Falsch verstandener Humanismus ist wohl das übelste Derivat der Moderne.

Und so postuliere ich, ja erfahre ich nicht zuletzt durch das Entsagen meiner Laster: Seid demütig und bescheiden! Auch ohne Gott! Und nehmt euch nicht allzu ernst.

Julia

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4 Kommentare

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Ein Kommentar zum Artikel

Dr. Theo °oO am 25.2.2010 um 17:08

Wie hieß es gleich noch in der Dialektik der Säkularisierung, Ratze versus Habermas? Vernunft und Religion in ein wechselseitiges Verhältnis bringen?

Und um mit Gilles Deleuze zu sprechen:

Das wesentliche Merkmal der modernen Zeit besteht darin, dass wir nicht mehr an diese Welt glauben. Wir glauben sogar nicht mehr an die Ereignisse, die uns widerfahren: an Liebe und Tod, als ob sie uns nur zur Hälfte angingen. […] Das Band zwischen Mensch und Welt ist zerrissen. Folglich muß dieses Band zum Gegenstand des Glaubens werden: es ist das Unmögliche, das nicht anders als in einer Glaubenshaltung zurückkehren kann. Der Glaube richtet sich nicht an eine andere oder verwandelte Welt. Der Mensch ist in der Welt wie in einer rein optisch-akustischen Situation. Die dem Menschen verlorengegangene Reaktion kann einzig durch den Glauben ersetzt werden. Allein der Glaube vermag den Menschen an das zurückzubinden, was er sieht und hört. […] Ob wir Christen oder Atheisten sind: in unserer universellen Schizophrenie brauchen wir Gründe, um an diese Welt zu glauben.