21. Februar 2010

Freiheit und Masse

„Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man dazu braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch in ihrer seelischen Verfassung, nämlich so, daß man nicht darauf achtet, wer es ist, der einen >bedrängt<. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht. In ihrem idealen Fall sind sich alle gleich. Keine Verschiedenheit zählt, nicht einmal die der Geschlechter. Wer immer einen bedrängt ist das gleiche wie man selbst. Man spürt ihn, wie man sich selber spürt. Es geht dann alles plötzlich wie innerhalb eines Körpers vor sich.“ (Elias Canetti – Masse und Macht)

Sich in der Masse zu verlieren, kennen wir wohl alle – sei es auf einem Konzert, auf einem Sportereignis oder beim Schunkeln in der Mitte eines Volksfestes. Ob diese Erlebnisse für den einzelnen angenehm oder nicht sind, bleibt demjenigen überlassen. Mich befremdeten diese Massenerlebnisse zumeist, neigt mein Charakter doch wohl zu sehr zur Darstellungs- und Geltungssucht, als dass ich mich als Massenmolekül unterordnen könnte. Schließlich darf die Außergewöhnlichkeit meines Charakters niemals in der Rauheit der Masse verloren gehen! Das wäre ja skandalös!

Der eitle Wunsch nach Einzigartigkeit, die Sehnsucht danach die Verehrung der Welt zu spüren, kommen auch hier wieder zum Tragen. Doch Einzigartigkeit bringt Verantwortung, denn das Handeln, das Leben und Entscheiden steht immer unter besonderer Beobachtung, unter Kontrolle derer, die einen zu der Einzigartigkeit verhelfen, die man anstrebt, der man sich verpflichtet und opfert. Auch sind die Erwartungen, die in einen gesetzt werden, viel höher, ja un(er)tragbarer und einfassender, als wenn man sich der Masse hingibt. Versteckt hinter der pseudo-intellektuellen Angst vor der Macht der Masse, wird die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit deutlich – die Masse macht mich zu einer Qualle und raubt mir die mühsam erkämpfte Individualität und Freiheit. Doch tut sie das wirklich?

Mehr und mehr lerne ich das Untertauchen in der Masse zu schätzen; wird meine Nichtigkeit doch manifestiert, mir vor Augen geführt, so dass ich erwachsen kann aus der Asche der Belanglosigkeit. Erst die Einreihung meines eigenen Schicksals in den Lauf der Menschheit gibt mir die Möglichkeit mich von mir zu distanzieren, meinen eigenen (Welt-)Schmerz in Relation zu sehen, ihn zu schwächen, mich von ihm zu befreien. Im Untergehen in der Masse liegt die Chance mich frei zu bewegen – unauffällig, distanziert und eigenständig. Denn wenn niemanden interessiert was ich tue, kann ich tun was ich will.

Und so stand ich gestern also am Bonner Bahnhof um nach Ratingen-Ost zu fahren und plötzlich fuhren keine Züge mehr aus Bonn heraus – Selbstmord. Dank dieser egoistischen Art sich das Leben zu nehmen waberte nun also eine aufgeheizte Masse durch die Hallen des Bonner Bahnhofs und wusste nicht weiter – ebenso wie meine Wenigkeit. Und was geschah? Ich sehnte mich nach dem Rausch bzw. setzte die plötzliche Freiheit mir den Wunsch nach oder die Angst vor dem rauschvollen Abend in den Kopf. Doch ich folgte der Masse, nutze die S-Bahn und blieb rauschfrei.


Julia

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Knochenfee am 22.2.2010 um 14:46

ich sagte; macht es nutzbar
nun ist es nutzbar
macht macht sexy, oder?

Prof. Dr. Ohgähn am 22.2.2010 um 18:15

„Ich bin nicht Masse, weil ich die Massenhaftigkeit der anderen durchschaue.“

Allein das Wort „Masse“ suggeriert doch schon die Existenz eines Gegenübers.

Es ist, als ob einzelne Individuen bei der Geburt mit einer Brille ausgestattet worden wären (manche finden auf ihrem Weg eine, manche lassen sie sich schenken), die sie zu gegebener Zeit auspacken, um den Moment eines Erlebens durch jene Gläser betrachten zu können.

Nun, man stelle sich eine feierliche Gesellschaft vor, alles Brillenlose. Es wird geredet, getrunken, die Bestätigung des Amusements lässt sich in den Falten der lachenden Gesichter erkennen, doch plötzlich zückt eine Dame, die so seelenruhig am Tisch gesessen hat, eine Brille aus ihrer Handtasche und wird schweigsamer und trauriger. Alles hat sich auf einmal von ihr entfernt, sie denkt. Abseits. Fühlt nicht mehr die Situation. Und beseufzt innerlich die ihr alle gleich erscheinenden zufriedenen Zahnräder des Uhrwerks namens Geselligkeit. Doch auch die anderen Gäste sind nervös geworden, seitdem sie sich dessen gewahr geworden sind, dass jemand eine Brille trägt-sie ist nicht mehr eine von uns. Und sie wenden sich ab, denn sie wollen lachen.

Es drängt sich mir der Gedanken auf, dass es ab einem gewissen Punkt nur noch SEIN (dabei sein, drin sein) oder GEIST ist (schwebend über der Materie), doch wie sieht das „Feiern“ einer feierlichenGesellschaft nur mit BRILLENTRÄGERN aus?!?!?!

Allein sein und mit anderen sein? Sich aufgeben und verschwimmen? Leichtigkeit vs Schwermut?

Knochenfee am 22.2.2010 um 23:37

Die Wahrscheinlichkeit das auch einem Schwanz die Brille auffällt ist ziemlich gering. Massen haben einen Fokus und ein Ziel (U-Bahnhaltestellen, Karaoke-Helden etc.). Individuelle Empfindungen, der Geist, werden hiervon Überlagert. Massen können Gefühle und Ziele haben, jedoch nie über sich selbst reflektieren. Sie sind ihrer Selbst nicht bewusst, weil das einzelne Individuum nicht seiner selbst, wohl aber der Masse bewusst ist.