18. Februar 2010

Eitelkeit und Souveränität

Was mich nun heute am meisten beschäftigt ist die Eitelkeit – ein böses Gift, dessen Wirkung ich schwer Herr werde. Der Wille von der Welt geliebt, ja verehrt zu werden treibt einen zu den seltsamsten Handlungsweisen – nicht nur, dass man sich anmalt und kokettiert, das fiele ja weitestgehend unter die Kategorie „putzig“. Vielmehr schränkt sie das Leben konkret ein: Jeder Spiegel, jedes Gespräch, jede Abendunterhaltung wird zur Bühne. Seht mich an! Hier bin ich! Liebt mich! Schreibt Lieder über mich! Weint in euren Betten über meine Unnahbarkeit!

Drehe dich Welt – und zwar um mich!

Eitelkeit, da hat Nietzsche Recht, ist die Angst davor „original zu erscheinen“, so wie man nunmal ist und nicht wie man sein muss, um sich die Welt gefügig zu machen.

Wird man gar in seiner Eitelkeit gekränkt, so treibt das einen noch viel weiter – dann provoziert sie, die krampfhafte Selbstliebe, Machtspiele und gebiert den Willen den Gegenüber unter allen Umständen von sich abhängig zu machen, um ihn letztlich doch fallen zu lassen. Denn hat man einmal was man will, ist das Ziel erreicht – das Spiel gewonnen, ein neues Ziel, bestenfalls unerreichbarer als das vorherige, auszumachen. Nun stoße ich also auf einen Menschen, der die eingebildete Vollkommen- und Wohlgeformtheit meines Charakters nicht mit der angemessenen Verfallenheit honoriert oder mich sogar nicht leiden kann: Welch‘ Frechheit! Unverständnis und Schmerz machen sich breit – und meine Vernunft, die mir erklärt, warum das mehr als schäbig und unnötig ist. Schließlich ist mein Mikrokosmos nur einer von vielen, ich sogar nur eine kleine Amöbe, ein Einzeller in der Relation zum Universum. Meinen Emotionen ist das freilich reichlich egal und langsam dämmert es mir, dass ich eben diese Unwichtigkeit in der Relation des Universums überwinden will. Wenn ich schon irrelevant für das Universum bin, so soll doch jeder Mensch mir verfallen!

Deswegen bestätigt „Gott“ uns auch bei jeder Gelegenheit unsere Einzigartigkeit – weil wir einzigartig sein wollen.

Doch was wir im Wahn der krampfhaften Selbstliebe verlieren ist vor allem unsere Souveränität, die Fähigkeit uns unabhängig von anderen zu definieren. Denn wenn unser Glück von der Zuneigung, der Bestätigung der anderen abhängt, bleibt weder Zeit noch Platz für das wirkliche Selbst – auch mit all den Schwächen, die uns nunmal begleiten. Eitelkeit ist keine Selbstliebe, sondern der Drang seinen Selbstwert über die Liebe anderer zu erhalten.

„Wir sind so eitel, daß uns sogar an der Meinung der Leute, an denen uns nichts liegt, etwas gelegen ist.”(Marie von Ebner-Eschenbach)

vanity

Julia

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5 Kommentare zum Artikel

Vanityfair am 18.2.2010 um 18:52

doch der mensch reflektiert und drängt sich zu überwachsen doch zerrt der trieb an den zügeln der ratio und dann ja hach da steh‘ ich nun, ich armer Thor und bin so klug als wie zuvor…

Knochenfee am 19.2.2010 um 16:52

Ich höre sie rufen , die Mistbauern, Schuhputzer und Politologen dieser Erde; „Hier stehen wir und wollen nicht anders!“

Dülla am 16.2.2012 um 12:33

Wer immer nur daran denkt, was andere über einen denken, der denkt nur das was andere denken, aber niemals selbst.

Kadda am 16.2.2012 um 12:36

der tägliche Kampf gegen die Eitelkeit.
und doch: Wenn wir es kaum ertragen können, dass jemand uns nicht leiden kann, so liegt darin vielleicht auch ein Quäntchen produktiven Vibes: Wir haben damit nämlich genau die Aufgabe bekommen, unseren Platz in der Welt zu finden, der nicht nur dadurch definiert ist, dass es Menschen gibt, die uns lieben und schätzen, sondern der genauso in der Abgrenzung definiert ist.
Dass die Sache mit der Abgrenzung nicht immer so leicht ist – ja davon kann ich ein Lied singen. Es ist vielleicht eine Mischung aus Eitelkeit und nicht ganz bestimmen können, wo die Grenzen der eigenen Verantwortung wirklich liegen, der einen manchmal so schlimm in den Wahnsinn treiben kann. *sigh*

gtxg am 16.2.2012 um 12:44

„So steckt menschliches Scheitern hinter jeder Art von Eitelkeit oder ist gar ihr Wesenskern. Auf Zehenspitzen wird immer nur jener herumstolzieren, der im Grunde gar nicht gut gehen kann. Sich selbst vergrößern muß zwanghaft der Kleinmütige, der zutiefst darunter leidet, daß ihm die Stimme im eigenen Innern jeglichen Wert abspricht.“ Roswitha Neiß