-ism und Judentum (Lieber Kevin)

I couldn’t help myself.

Dieser Post ist eine Mischung aus juliaschramm.de/2011/01/06/irrtum-und-holocaust/ und juliaschramm.de/2011/10/30/wahrheit-und-normen/ Achja und einige von euch haben vielleicht auch meine Briefe an xy satt. Sorry! xoxo

Lieber Kevin Barth,

nun, du bist also gewählter Pirat. Eigentlich hatte ich angefangen dir eine private Nachricht zu schreiben, aber dann dachte ich, dass dein Tweet zu Thema Israelpolitik und Judentum exemplarisch ist. Außerdem liebe ich offene Briefe! Und deswegen soll das auch meine Antwort hier sein. Denn ich weiß, dass viele Menschen so denken wie du. Das macht dich nicht automatisch zu einem schlechten Menschen, jedoch sind deine Aussagen hochgradig gefährlich.

Du fragst also, ob es dich zum Antisemiten macht, wenn dir der “Jude an sich” unsympathisch ist. Hier eine Antwort: Ja. Lass mich spezifizieren: Du bist nicht automatisch ein Antisemit, wenn du eine solche Aussäge tätigst. Genauso wie dich die Aussage “$Geschlecht an sich” nicht automatisch zum Sexisten und “$Ethnie an sich” automatisch zum Rassisten macht.(Gutes Video dazu: http://www.illdoctrine.com/2008/07/how_to_tell_people_they_sound.html)

Deine Aussage jedoch ist zu 100% antisemitisch, du handelst in diesem Moment zu 100% antisemitisch. Denn es scheint deine generelle Meinung zu sein, die du öffentlich darlegst. Die Aussage, dass “xy an sich” ist ist das eine, dass du aber alle Juden per se einfach ablehnst – nun das macht dich zum Antisemiten. Und das ist ein Problem. Ein sehr großes. Deswegen lass’ es mich direkt sagen: Ich an deiner Stelle würde zurücktreten. Aber meine ethischen Maßstäbe sind auch relativ hoch, selbst für Piraten. Dennoch: Dein (gelöschter) Tweet ist eine Katastrophe. Tritt zurück und lies ein Buch über das Wesen von Antisemitismus. Bitte.

Nochmal zur Sicherheit: Wikipedia definiert Antisemitismus wie folgt: Judenfeindlichkeit (auch Judenhass, Judenfeindschaft, gegebenenfalls Judenverfolgung) bezeichnet eine pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums.

Wir erinnern uns an deine Aussage: Du hast das Judentum pauschal (Juden an sich) abgelehnt (unsympathisch). Wir sehen also: Deine Aussage ist antisemitisch. Und wenn du davon überzeugt bist und es dein Denken und Handeln durchzieht, dann bist du ein Antisemit.

Doch ich will auf deine Aussage noch detaillierter eingehen.

Fangen wir mit Israel an. Israel zu kritisieren ist ja en vouge. Jede meint eine fundierte Meinung dazu zu haben, was in den meisten Fällen nicht stimmt. Der Nahost-Konflikt ist sehr komplex und hat wesentlich mehr Facetten, als es immer dargestellt wird. Ja, den Palästinensern geht es schlecht, das muss man kritisieren, aber das automatisch mit dem Judentum gleichzusetzen ist falsch. Und dann wieder eine antisemitische Aussage. Die Idee hinter Israel ist einen Nationalstaat mit jüdischer Mehrheit zu erhalten (aus obvious Gründen: Wer die Mehrheit stellt, kann nicht verfolgt werden), das heißt aber nicht automatisch, dass Israel das Judentum darstellt, repräsentiert oder oder oder. (Der Talmud ist übrigens streng gelesen nicht sonderlich für einen jüdischen Staat, aber das ist ein anderes Thema) Es heißt nur, dass dieser Staat eine Prämisse hat. Diese Prämisse basiert eigentlich auf einer Religion, ist jedoch viel mehr eine Kultur und manche sagen auch Ethnie (wobei mir das zu biologistisch ist). Und auch wenn es eine gewisse Verbindung zwischen Menschen gibt, die eng mit dem Judentum verbunden aufgewachsen sind und leben, kannst du keine Aussagen über “Juden an sich” treffen. Warum? Weil das biologistischer Determinismus ist. Warum das scheiße ist? Naja, Determinismus ist die atheistische Form von Gott und lässt dich im Endeffekt mit einem Schulterzucken zurück, denn: Wenn alles determiniert ist, wieso dann für Veränderungen kämpfen? Wenn unsere Gene, Hormone oder Aktionspotentiale alles festlegen: Wieso dann nicht die Natur machen lassen?

Die Aussage “xy an sich” ist eine essentialistische Aussage – also eine Aussage, die ein festes Wesen (Essenz) der beschrieben Person oder Sache definiert. Die Aussage “der Jude an sich” ist nun basierend auf einem Merkmal, dass sich die Person nicht selbst ausgesucht hat (im jüdischen Glauben bist du jüdisch, wenn du eine jüdische Mutter hast). Genauso wie “der Schwarze an sich” oder “die Frau an sich” dieses Merkmal nicht gewählt haben oder es ablegen können (also schon, ja, aber mit nur einem enormen Aufwand an (plastischer) Chirugie!) – ein Mensch sein, der unter die gesellschaftliche Kategorie “Jude” fällt hat sich das in sehr vielen Fällen nicht selbst ausgesucht. (Mutter und so) Die Aussage “an sich” impliziert, dass es ein festes Wesen gibt, das alle Juden teilen, ein Wesen, dass ewig ist, unauslöschbar. Die klassischen Assoziationen diesbezüglich sind meist irgendwie mit Geld und Macht verbunden. Und ich hoffe, dass du hier das Problem bereits siehst: Du schmeisst alle Menschen, die jüdisch sind oder Teil des Judentums in einen Topf und barndmarkst sie als unsympathisch. Nicht, weil du sie kennst, sondern weil du glaubst sie zu kennen. Du magst jemanden nicht, wegen eines Merkmals, welches in die Wiege gelegt wurde. Handelt es sich um Juden, dann ist das die Essenz des Antisemitismus.

Und hier kommt nun das Piratending ins Spiel: Wollten wir nicht das Individuum schützen und respektieren? Ist die Piratenpartei nicht eine Bürgerrechtspartei? Eine Partei, die jeden Menschen so betrachtet, wie er ist, die Freiheit ermöglichen will, weil sie daran glaubt, dass jeder Mensch einen Wert hat? Das ist zumindest meine Piratenpartei und ich frage mich, wie deine Aussage damit zusammengeht? Wie kannst du dich diesen Prinzipien verschreiben, wenn du Menschen, die du als Juden betrachtet, das Recht auf Individualität absprichst? Du behauptest, dass es ein festes Wesen von Juden gibt, ein Wesen, dass sich durch die DNA zieht? Durch die Geschichte? Nun, lieber Kevin, das ist Antisemitismus in Reinform und deswegen bist du in diesem Moment ein Antisemit gewesen. Ob du das weiterhin bist, ist dir überlassen.

Wenn du noch Fragen hast, melde dich einfach.

Liebe Grüße

Julia