22. Februar 2010

Traum und Wirklichkeit

Vue du Sacré Coeur

Wendet man sich vom Rausch ab, so eröffnen sich plötzlich neue Welten – vor allem in der Nacht, denn man beginnt wieder zu träumen. Eigentlich absurd – man entsagt den rauschenden Zwischenwelten, um sich der mentalen Aktivitäten während des Schlafes auszuliefern. Viele meiner Träume bewegten mich gar einst, den Entschluss zu fassen niemals rauschfrei schlafen zu gehen – aus Angst meinem Unterbewusstsein machtlos, ja hilflos gegenüberstehen zu müssen. Oftmals sind meine Träume so realistisch und ergreifend, dass sie mich geradezu verstören, mich verliebt oder verachtend machen und meinen Tag vollends überschatten. Wozu Träume gut sind, wissen wir nicht – einen Zweck werden sie garantiert irgendwie haben. Für mich hatten sie lange keinen Zweck, waren sie doch ganz im Gegenteil Mittel, um mein Leben zu (zer-)stören. So langsam jedoch erkenne ich, dass ich meinem Unterbewusstsein seinen Raum lassen muss, denn es atmet in meinen Träumen, verarbeitet auf abstruse und bizarre Art das Erlebte und konfrontiert einen im schwächsten Moment – wenn man hilflos da liegt – mit den eigenen tiefsten, aber auch flüchtigsten Gedanken, Wünschen und Ereignissen. Manchmal wird ein Mensch erst durch einen Traum präsent oder eine Situation erst im Traum in ihrer gänzlichen Breite verstanden. Überbewerten sollte man das nicht – erinnern manche Träume doch eher an Wahnvorstellungen und Geisteskrankheit als an wahre Ängste oder Sehnsüchte. Und ist es nicht vielmehr so, dass wir erst im Traum zur Ruhe kommen? Denn erst im Traum kulminiert die Widersprüchlichkeit der Welt und der ewige Dualismus wird uns gewahr, er wird fühlbar und wirklich. Wehren können wir uns im Traum nicht – vielmehr können wir es als Übung benutzen, die Absurdität der Welt anzunehmen.

Schaffen wir es diese Ruhe in die Wirklichkeit zu transportieren, das Leben mit Widersprüchen zu akzeptieren, so können wir uns dem wahren Denken hingeben. Oftmals habe ich das Gefühl, nicht in der Wirklichkeit zu sein, vor allem wenn ich mit meinen geistigen Vertrauten, die auch dieses Blog fleißigst und ebenso brillant kommentieren, den „Kopf in den üblichen Wolken der philosophischen Spekulation“ stecken habe. Doch fühle ich mich erst dann wirklich lebendig.

Julia

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Poys 'n Girl F am 22.2.2010 um 23:03

Wohl kaum etwas ist gleichzeitig so surreal und real wie unsere Träume es sind: Luftschlösser, die wir selber bauen und wieder niederreißen. In einen Moment sind sie die Welt für uns und im nächsten haben wir schon wieder vergessen, wie wunderschön sie einst in ihrer Pracht für uns geglänzt haben. So fern sie uns auch erscheinen, so untrennbar sind sie dennoch von unserem Denken, Handeln, Tun. Vor allem aber gehören sie uns. Wir haben sie gemacht, wir können sie verändern, verwerfen, steuern, während die Welt mit all ihrer Kraft auf uns einprasselt. Im Traum haben wir die Möglichkeit diesem Druck gerecht zu werden, dem Überdruck Luft zu lassen ohne irgendwem Rechenschaft über unser Verhalten abgeben zu müssen. Unsere nächtlichen Träume führen ein Eigenleben, sind mal lustig, mal beängstigend, aber sie gehören genauso zu uns wie unsere Luftschlösser. Wir können anderen Einblicke in diese Träume gewähren, aber sehen können nur wir sie.

Lass den Kopf in den Wolken, vergewissere dich deiner Füße auf dem Boden und genieße die selbst erbaute Freiheit deiner Träume.

Palin dorme am 23.2.2010 um 11:44

Wilhelm Busch

Der Traum

Ich schlief. Da hatt‘ ich einen Traum.
Mein Ich verließ den Seelenraum.
Frei vom gemeinen Tagesleben,
Vermocht ich leicht dahinzuschweben.
So, angenehm mich fortbewegend,
Erreicht ich eine schöne Gegend.
Wohin ich schwebte, wuchs empor
Alsbald ein bunter Blumenflor,
Und lustig schwärmten um die Dolden
Viel tausend Falter, rot und golden.
Ganz nah auf einem Lilienstengel,
Einsam und sinnend, saß ein Engel,
Und weil das Land mir unbekannt,
Fragt ich: Wie nennt sich dieses Land?
Hier, sprach er, ändern sich die Dinge.
Du bist im Reich der Schmetterlinge.
Ich aber, wohlgemut und heiter,
Zog achtlos meines Weges weiter.
Da kam, wie ich so weiter glitt,
Ein Frauenbild und schwebte mit
Als ein willkommenes Geleite,
Anmutig lächelnd mir zur Seite,
Und um sie nie mehr loszulassen,
Dacht ich die Holde zu umfassen;
Doch eh ich Zeit dazu gefunden,
Schlüpft sie hinweg und ist verschwunden.
Mir war so schwül. Ich musste trinken.
Nicht fern sah ich ein Bächlein blinken.
Ich bückte mich hinab zum Wasser.
Gleich fasst ein Arm, ein kalter, blasser,
Vom Grund herauf mich beim Genick.
Zwar zog ich eilig mich zurück,
Allein der Hals war steif und krumm,
Nur mühsam dreht ich ihn herum,
Und ach, wie war es rings umher
Auf einmal traurig, öd und leer.
Von Schmetterlingen nichts zu sehn,
Die Blumen, eben noch so schön,
Sämtlich verdorrt, zerknickt, verkrumpelt.
So bin ich seufzend fortgehumpelt,
Denn mit dem Fliegen, leicht und frei,
War es nun leider auch vorbei.
Urplötzlich springt aus einem Graben,
Begleitet vom Geschrei der Raben,
Mir eine Hexe auf den Nacken
Und spornt mich an mit ihren Hacken
Und macht sich schwer wie Bleigewichte
Und drückt und zwickt mich fast zunichte,
Bis dass ich matt und lendenlahm
Zu einem finstern Walde kam.
Ein Jägersmann, dürr von Gestalt,
Trat vor und rief ein dumpfes Halt.
Schon liegt ein Pfeil auf seinem Bogen,
Schon ist die Sehne straff gezogen.
Jetzt trifft er dich ins Herz, so dacht ich,
Und von dem Todesschreck erwacht ich
Und sprang vom Lager ungesäumt,
Sonst hätt‘ ich wohl noch mehr geträumt.

engelskarten am 11.7.2011 um 20:39

Ich finde das das Thema sehr Interessant und hoffe in zukunft mehr hier lesen zu können

engelskarten am 11.7.2011 um 21:01

Grüsse Sonja

Marc Petersen am 12.7.2011 um 07:11

Da wollte ich auch schon immer mal hin. Hab ich bis jetzt nur noch nicht geschafft. Gruß Marc

miss loud am 28.7.2011 um 08:46

danke für diesen beitrag 🙂 ich führ seit ner weile ein traumtagebuch, zumindest soweit es mir möglich ist, in den morgenstunden vorm aufstehen die trauminhalte herauszusinnieren. deine erfahrung deckt sich mit meiner, in der ich die reflektion von trauminhalten und insbesondere ihrer widersprüche und absurditäten als schlüssel zur ordnung des sonst eher wüsten unterbewussten erkenne. mit etwas mehr klarheit hoffe ich dann, alsbald auch in den genuss einer direkten einflussnahme auf diese wirren zu nehmen. gut, dass logik heute auch frauen zugänglich ist (danke, simone).