20. Februar 2010

Fleischeslust und Emanzipation

In der Frittebud keinen Burger zu verzehren war die große Probe meines gestrigen Fastentages. Diese Burger sind einfach eine Offenbarung. Glücklicher Weise war die unfähige Bedienung da, so dass mir der Verzicht auf meinen geliebten Burger mit Feta-Käse erstaunlich leicht viel – schließlich hat mir diese Dame, mit ihrem Hang zum Vergessen und Durcheinanderbringen, schon mehr als einmal den Genuss zerstört. Und bei dem Gedanken an den ersten Burger nach 40 Tagen Enthaltsamkeit gerät mein Körper in Wallung. Wieso aber faste ich überhaupt Fleisch? Klingt zunächst aufgesetzt und übertrieben, nicht wahr? Nun, der Konsum von Fleisch ist für mich ein Sinnbild der Triebhaftigkeit des Menschen, für das Animalische, das den Geist vernebelt und die Gedanken verwirrt, die Konzentration schwächt und den Menschen auf seine Leiblichkeit reduziert. Dem will ich mich entziehen.

Ob ich nun auch sexuell enthaltsam leben werde, wurde ich gefragt. Ehrlich gesagt, habe ich das tatsächlich in Erwägung gezogen – ist es doch für eine Frau nicht sonderlich schwer nicht enthaltsam zu sein; einen Mann, der Sex will, findet man schließlich immer. Die Herausforderung fehlt also – und macht es dann noch Spass? Was treibt eine Frau dazu sich hemmungslos in sexuelle Abgründe zu stürzen? Ist promiskuitives Verhalten nicht auch Rebellion? Reduziert man sich nicht als Frau, wenn es einem nur um Sex geht? Laut den Heiligen der True Love Revolution macht vorehelicher Sex nicht nur depressiv, sondern auch beziehungsunfähig – gar unfähig zu lieben. Nun sehe ich den kritischen Gedanken dahinter als durchaus valide an. Viele Frauen übernehmen sich mit dem Gedanken freimütig zu vögeln. Ihnen wird das Bild vermittelt, das Frau von Welt nun also Affären hat – keine Beziehungen – und das, obwohl sie eigentlich keinen Sex, keinen mechanischen Orgasmus, sondern Nähe, Zuneigung und Wärme wollen. Die Wunden, die dann entstehen, sind oft irreparabel und können durchaus die Bindungsfähigkeit zerstören. Sind Frauen die Opfer dieser pornographisierten, modernen, ja kalten Welt?

Sex und Liebe unterscheiden zu können, ist die große Aufgabe vor der sich die Menschen sehen – nicht nur Frauen. Ich kann hormonell verrückt nach jemandem sein – das bedeutet nicht, dass ich ihn mag oder mich für ihn interessiere, mich um ihn bemühe oder möchte, dass es ihm gut geht. Andersrum kann ich jemanden aufrichtig, mit ganzem Herzen und bis zum bitteren Ende lieben ohne das Bedürfnis zu haben Körperflüssigkeiten auszutauschen. Das zu unterscheiden ist eine große Aufgabe, der ich persönlich schon sehr nah‘ gekommen bin – zum Glück. Dementsprechend kann das Sex-Leben auch sinnvoll strukturiert werden. Wenn ich liebe, dann liebe ich; wenn ich hormonell aktiviert bin, dann lebe ich das aus. Wenn beides zusammen kommt, dann bin ich aufrichtig erfüllt und glücklich. Verknallt sein bedeutet nicht verliebt sein bedeutet nicht lieben.

Frauen haben heutzutage in der westlich-modernen Welt alle Möglichkeiten, sie werden rechtlich nicht mehr diskriminiert und dürfen sich ebenso frei entfalten wie Männer. Zu verdanken haben wir das vor allem den Feministinnen – Freiheitskämpferinnen, wie ich sie bezeichnen will. Sie kämpften für die Rechte der Frau und bekamen sie – zum Glück. Doch anstatt diese Freiheit nun zu nutzen, eben nicht von einem Mann abhängig, sondern eigenständig und selbstbestimmt zu sein, stürzen sich viele Frauen in Affären, krankhafte, manchmal sogar nicht-sexuelle, Beziehungen oder in den obwohl-Modus: Obwohl ich weiß, dass ich anderes will als er, gebe ich mich dem hin und täusche vor, dass ich mit dem was ist zufrieden bin – sei nun ich oder er der schwache Teil. Und warum? Um eine Struktur zu haben? Um nicht allein sein zu müssen? Um sich geliebt zu fühlen ohne geliebt zu werden? Um Papis Liebe doch noch zu erhalten? Nach all den Jahren des Kampfes um die Selbstbestimmung, die Emanzipation der Frau, schaffen es die meisten Frauen nicht sich dieser Freiheit zu stellen und sie zu nutzen. Meinen eigenen Kampf gegen dieses Syndrom habe ich schon vor langer Zeit begonnen, denn vollkommen freisprechen kann ich mich von diesen Mechanismen leider auch nicht. Mehr jedoch als die meisten Frauen sehe ich mich zumindest auf dem richtigen Weg und wie schon Schiller richtig bemerkte: „Wo viel Freiheit, da viel Unsinn!“

Julia

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Knochenfee am 20.2.2010 um 14:54

dein Vorbild, man achte auf ihre Fußbank

http://www.artexpertswebsite.com/pages/artists/artists_l-z/rockwell/Rockwell_RosieTheRiveter1943.jpg

Poys 'n Girl am 21.2.2010 um 03:42

Wie so oft steckt der Teufel im Detail. So auch bei der Frage danach, was diese Freiheit eigentlich ist, derer sich viele Frauen benachteiligt fühlten und sie dazu veranlasste eben diese einzufordern und schließlich zu erhalten. Doch vom wem? Und vor allem warum? Gibt es nicht immer zwei Seiten, die schließlich doch nur eine ist? Ist nicht derjenige, der sich beschwert, der gleiche, der sich beschweren lässt? Von wem und wozu lassen wir uns befreien, wenn nicht von uns selbst?

Wenn ich Freiheit als etwas betrachte, mich ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden zu können, eröffnet sich widerum die Frage, ob ein zwangloses Verhalten überhaupt möglich ist, oder ob wir nicht doch letztendlich von irgendetwas getrieben sind, was in uns ist, was wir nicht steuern können, oder nur meinen es steuern zu können. Ist es Freiheit zu wissen, was man tun oder lassen kann, oder zu tun oder zu lassen? Können wir uns davon befreien uns der Reduktion dessen hinzugeben, was den Schein hat etwas zu sein, was es ist nicht ist? Oder liegt nicht die wahre Freiheit eigentlich darin, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, bzw. getroffen zu haben? Zu wissen, wer man ist und was man will und seinem Weg zu folgen?

Um all diese Fragen beantworten zu können bedarf es vor allem eins: Selbstbewusstsein. Die Klarheit seiner Sinne zu schärfen auf das, was man ist, sich selbst bewusst werden, um von diesem Ort aus auf das schauen zu können, was einen umgibt, um sich immer wieder aufs Neue seiner Situation zu vergewissern, zu überprüfen, hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. Zu Hören, zu Sehen, zu Fühlen was da ist was da ist und völlig frei aufatmen zu können in der absoluten Selbstzufriedenheit einer getroffenen Entscheidung.

Knochenfee am 21.2.2010 um 17:08

Sogenannte Klassefrauen

Sind sie nicht pfuiteuflich anzuschauen?
Plötzlich färben sich die Klassefrauen,
weil es Mode ist, die Nägel rot!
Wenn es Mode wird, sie abzukauen
oder mit dem Hammer blauzuhauen,
tun sie’s auch. Und freuen sich halbtot.

Wenn es Mode wird, die Brust zu färben
oder, falls man die nicht hat, den Bauch
Wenn es Mode wird, als Kind zu sterben
oder sich die Hände gelbzugerben,
bis sie Handschuhn ähneln, tun sie’s auch

Wenn es Mode wird, sich schwarzzuschmieren
Wenn verrückte Gänse in Paris
sich die Haut wie Chinakrepp plissieren
Wenn es Mode wird, auf allen vieren
durch die Stadt zu kriechen, machen sie’s.

Wenn es gälte, Volapük zu lernen
und die Nasenlöcher zuzunähn
und die Schädeldecke zu entfernen
und das Bein zu heben an Laternen
morgen könnten wir’s bei ihnen sehn.

Denn sie fliegen wie mit Engelsflügeln
immer auf den ersten besten Mist.
Selbst das Schienbein würden sie sich bügeln!
Und sie sind auf keine Art zu zügeln,
wenn sie hören, daß was Mode ist.

Wenn’s doch Mode würde, zu verblöden!
Denn in dieser Hinsicht sind sie groß.
Wenn’s doch Mode würde, diesen Kröten
jede Öffnung einzeln zuzulöten!
Denn dann wären wir sie endlich los.

Ein großer Seufzer am 22.2.2010 um 17:51

Erich Kästner, wow.

Ja ja die neue Freiheit der Frau

– wenn es der Frau erlaubt ist, Mann zu spielen.

Eine durchaus berechtigte Entwicklung (gehört doch Trieb und Wille zur Macht zu den natürlichen Begierden beider Geschlechter), doch

das Geheimnis wurde gelüftet und die Plattheit ekelt einen an.

Jeder kann bumsen.
Aber wer kann schon lieben?
Wer kann schon mit Herz entscheiden?
Wer bringt die Eitelkeit des Egos und sein Schreien nach Aufmerksamkeit, die Freiheitsversprechenden Lockrufe der Götzen zum Schweigen?

Die Sirenen sonnen sich nicht mehr am Felsstrand von Neapel und singen liebliche Reigen, nein die Sirenen um deine Straßenecke blinken und läuten sich mit messerscharfen Farben und Klängen in dein Gehirn und betören dich ehe du ihrer gewahr wirst.

Niemand ist mehr unschuldig.