Montag ist Facebookdemo.

Ich stehe in einer Menschenmenge, die ich eigentlich nur aus Facebook kenne. Also aus diesen Gruppen. Da, wo sie sich für die Montagsdemos verabreden. Wo sie ganz obskure Videos teilen und bejubeln. Wo sie irgendwelche Texte empfehlen in denen es um die FED und das britische Imperium geht. Und immer wieder um die böse USA, Israel. Oder so. In diesen Gruppen, wo sich Leute für Montagsdemos verabreden, dreschen sie verbal auch gerne auf Menschen ein, weil sie Schwarz sind. Oder Frauen. Und vielleicht erfolgreich. Oder sie sind links. Irgendwie. Im Internet bist du schnell links, Teil des linken Mainstreams, der Volkszersetzung und des Volkstodes. Oder Unterstützer einer Regierung, die Chemikalien vom Himmel wirft, um Gedankenkontrolle über die Menschen zu haben, aber wer Krebs bekommt ist auch selbst Schuld. Achja! Und der Zins. Vergesst den Zins nicht. Die Wurzel allen Übels. Naja. Eigentlich sind es die Juden. Aber psst.

Ich stehe also in dieser Menschenmenge, deren Ansichten ich von Facebook kenne. Deren Ansichten mich gruseln. Deren Ansichten sich auch zeigen, wenn sie etwas liken oder kommentieren. Und so stehe ich jetzt inmitten solcher Menschen, die im Internet schreiben, dass sie Leute vergasen wollen. Oder liken, wenn es jemand geschrieben hat. Doch zuordnen kann ich die Anwesenden nicht. Sie sehen so viel unterschiedlicher aus, als es ihre Meinungen zu sein scheinen. Ist das junge Mädchen, was auf einer Decke vor dem Brandenburger Tor sitzt, vielleicht eine von diesen Accounts, die AfD-Werbung teilt? Ist der Typ da mit dem schwarzen Kapuzenpulliarrangement und der Sonnenbrille einer von denen, die auch nur meinen, dass Schwarze halt ein wenig minderwertig sind? Der Witze über Vergewaltigung macht? Ist er vielleicht eher der vorsichtige Antifa und will die Demo beobachten? So oder so, mag ich es nicht, dass er mich anguckt.

Auf der Bühne steht ein mittelalter Mann. Lange Haare, schwarz gekleidet. Er ist Veganer. Darauf besteht er. Mehrfach. Er gendert geschlechtergerecht. Das klingt dann so „Soldatinnen und Soldaten zurück in die Heimat!“ Er äußert sich gegen rechts und er will die Heimat schützen. Und die Menschen vor dem Zins. Er trägt ein Naturgedicht vor und schwadroniert über die Toten des Zweiten Weltkrieges, über die Erde. Er fühlt sich sehr wichtig und revolutionär. Und er will verstehen. Sagt er. Auch wenn er so wirkt, als habe er schon alle Antworten auf seine Fragen.

Die Montagsdemos sind seit dem Konflikt um die Ukraine der Katalysator für eine krude Mischung aus Haltungen, die sich in ihrer Form vielleicht tatsächlich nur in einer akörperlichen Umgebung wie Facebook haben finden können, wo Kleidung, Aussehen und Körperhaltung keine Rolle spielen. In der Parteinahme für Russland und gegen den Westen – was auch immer sich die Einzelnen darunter vorstellen – verbinden sich Haltungen und Ideologien, die nur auf den zweiten Blick zusammenpassen. Dass der Aufhänger der Demonstrationen – zumindest in Berlin – der Kampf gegen die US-amerikanische Notenbank ist, die für alle Kriege der letzten 100 Jahre verantwortlich sein soll, eine seltsame Mischung anzieht, ist nicht überraschend. Dass die Mischung allerdings so zahlreich ist, schon. Da sind zum einen die irgendwie kapitalismus- und konsumkritischen „Freigeister“, die von der Oberflächlichkeit der Menschen genervt sind und deswegen umso oberflächlicher die gesellschaftlichen Probleme analysieren. Sie schimpfen auf das Fernsehen, auf die Hippies von den Grünen und sehen in Russland den letzten echten Gegner des US-induzierten Konsumwahns. Überhaupt die USA – die irgendwie als diffuses Symbol für die Exzesse der Moderne herhalten soll – und die Pharmaindustrie, die uns vergiften, uns von unserer Natur entfremden. Sie sind die gegen Schulpflicht und Schulmedizin. Und diese unnatürliche Wirtschaft. Die mit dem Zins. Oft setzen sie sich auch für Freiwirtschaft oder das BGE ein. In erster Linie sind sie beseelt von der Idee, dass Frieden doch ganz einfach ist. Und Kapitalismus irgendwie doof. Auch wenn mit Kapitalismus irgendwie dann doch nur die Familie Rothschild gemeint ist. Daneben gesellen sich die Technopriester_innen, die das Internet als Meinungsbefreiung erleben und sich der Wahrheit endlich nahe fühlen. Und die Schuldigen sind auch klar: USA, CIA, Mossad, FED, Bilderberger. Kontrolle durch einige wenige. Die da oben halt. Der Plan der politischen Sekte BüSo um den glühenden Antisemiten Lyndon LaRouche und seine Frau Helga – die eine Pionierin im Kampf für die Deutsche Mark ist – zusammen mit Russland den Rücken des britischen Imperiums endlich zu zerschlagen wirkt in diesem Umfeld aus der klassischen „Äh, ok …. interessant, aber bitte gehen sie weg von mir“- Ecke heraus. Plötzlich werden solchen Parolen am Brandenburger Tor zugejubelt. Oft finden sich auch diffuse ex-Linke unter diesen Montagsempörten. Klar, gegen das System waren sie ja schon immer. Aber das mit der substanziellen Kritik an den bestehenden Verhältnissen ist dann doch zu kompliziert. Wahrscheinlich fühlten sie sich unter all den Adornoanbeter_innen, Luxemburgverehrer_innen und Marxmackern irgendwie unwohl. Oder um den neuen Superstar am Ökonomiehimmel Piketty über Marx zu zitieren: „I never managed really to read it. I mean I don’t know if you’ve tried to read it. Have you tried?“ – wem substanzielle kritische Theorie zu schwer ist, der kann ja immer noch Karriere als geläuterte Linke machen und die bestehende Ordnung wunderbar nutzen. Menschen lieben Paulus! Außerdem wissen geläuterte Linke: Putin ist immer noch besser als diese USA. Oder Israel.

Was die Motoren der Montagsdemos angeht, so verbindet sie in erster Linie eine diffuse Angst vor der Moderne und der Wunsch nach maximal einfachen Erklärungen. Und so fühlen sich auf vielen Montagsdemos NPD – oder andere organisierte Nazi-Kader sichtbar wohl. Nur in einem geschichtsvergessenen Raum ist das möglich. In einem Raum, wo gegenwartsfixiert irgendwelche Ideen und Meinungen geäußert werden, die deutlich abgetragener sind als die Kleidung eines jeden, den ich auf der Montagsdemo antreffe. Überhaupt ist das verbindende Element der bunt scheinenden Horde auf dieser Montagsdemo mit Unterkomplexität die Welt zu erklären. Die Grundlage für strukturellen Antisemitismus. Und so finden sich in den unterschiedlichen Argumentationen immer wieder Anknüpfungspunkte für eben diesen. Sei es nun Zinsfixierung, die Unterscheidung von natürlicher und künstlicher Wirtschaft und andere Formen verkürzter Kapitalismuskritik. Gemeinsam haben sie somit vor allem, dass ihnen überzeugende Antworten fehlen auf Fragen, die sehr komplex sind. So ruft einer auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor, dass er die wahren Gründe für den Konflikt in der Ukraine erfahren möchte. Als ob das nicht auch eigentlich möglich sei. Als ob eine verschwörerische Gruppe alle echten Informationen zurückhält. Als ob es nicht umfassende Untersuchungen und Theorien gäbe, die da Aufschluss ermöglichen könnten. Dass es sich ganz plump einfach um ein komplexes Problem handelt, dass sich nicht so einfach in ein konsumierbares buntes YouTube-Video verpacken lässt, lassen sie nicht gelten. Ohne es zu wissen, prangert die Mehrheit der Teilnehmenden auf dieser Demonstration fehlende Bildung an. Eigentlich ein zutiefst autoritätsorientiertes Vorgehen.

„Wir sind das Volk! Wir wollen Gerechtigkeit“, schallt es von der Bühne.

Das revolutionäre Subjekt in diesem Kosmos ist das Volk, was die krude Parole „Nicht links, nichts rechts!“ deutlich machen soll. Was dahinter steckt ist die Vorstellung eines Volkes, welches sich gegen die Unterdrückung von „denen da oben“ wehrt. Also eigentlich die klassische Klassenkampfaufteilung, nur halt ohne Idee, was dieser Klassenkampf soll. Und wo da nationale Vorstellungen Platz haben sollen. Für den Frieden. Ja. Für Gerechtigkeit. Ok. Aber dann? Wenn es zu den konkreten Fragen kommt, zeigt sich der Erfahrungshorizont, Situationen werden unterschiedlich bewertet und beantwortet. Wer hat denn nun in der Ukraine angefangen? Die meisten der Demoteilnehmenden haben zumindest laut Facebookgruppe ganz dezidierte Meinungen dazu. Deswegen sind sie ja auch da.

„Für den Frieden! Für die Menschen!“

Worte, die in er Vergangenheit der Menschheitsgeschichte so oft gesagt wurden. Worte, die voller Ideologie stecken. Und doch distanzieren sich die Anwesenden mit Verve von diesen Vergangenheiten. Reißen die Menschheit aus dem Kontext. Entleeren die Begriffe mit denen sie sich gegenseitig aufwühlen. So ist in diesem 1000 Mensch starken Demobrei am Brandenburger Tor Zuordnung kaum mehr möglich. Kleidung, Körperhaltung, Aufmachung geben keine Hinweise darauf, wer nun welche Meinung aus dieser Facebookgruppe vertritt. Das junges Mädchen auf der Decke neben mir notiert sich etwas in ihr Notizbuch. Sie hat kurze braune Haare, zum Zopfstümmel gebunden. Sie ist still. Als es heißt, dass die Systempresse alles kontrolliert reckt sie die Faust und brüllt etwas unverständliches, aber entschiedenes in die Berliner Abendsonne. Vielleicht ist das die entleerte Masse der Postdemokratie. Trotz meines inneren Widerwillens füge ich mich in die undefinierte Masse der Montagsdemo einfach ein. Meine Aufmachung könnte passen, so sehr auch meine Meinung nicht. Das sind also diese Leute von Facebook.


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