Demokratisierung und Publizieren

An anderer Stelle habe ich mich bereits über den verzerrten Blick einiger so genannter Kreativer geärgert. Nun möchte ich aber einen anderen Aspekt in der Debatte noch beleuchten: Die Demokratisierung des Publizierens.

Aber zunächst noch kurz zu der Kampagne des Handelsblatt. Neben sehr guten Kommentaren überall, brennt es mir als Feministin bei der Aussage „Mein Kopf gehört mir“ doch unter den Fingernägeln zu ranten; denn bitte, lasst uns kurz reflektieren, welches Mem hier bedient wird. Angelehnt an den berühmten Spruch „Mein Bauch gehört mir“ versuchen die Verantwortlichen (bestimmt irgendeine eine Werbeagentur) tatsächlich das Recht der Frau auf körperliche Selbstbestimmung mit dem Patentieren von Ideen und radikalem Umsetzen dieser Patente gleichzusetzen. Während die Debatte um Abtreibung ein wesentliches Element der Unversehrtheit des weiblichen Körpers darstellt (Stichwort „Engelmacher“ – viele Frauen starben an den unhygienischen Umständen von Abtreibungen, etc.) sprechen wir bei der Umsetzung des Urheberrechts von einem Geschäftsmodell, welches sich gegen einen freien Markt subventionieren lassen will. Es ist eine schiere Unverschämtheit dieses Mem, das für eine progressive und linke, ja selbstbestimmte Politik steht, zu missbrauchen, ja, ich betone, zu missbrauchen. Denn gucken wir uns doch mal an, was die Nutzung dieses Mems indirekt zu bedienen versucht. Die Kampagne „Mein Bauch gehört mir“ fällt in eine Zeit der Demokratisierung Deutschlands, eine Zeit, in der (junge) Menschen für Gleichberechtigung, Freiheit und soziale Gerechtigkeit kämpften. Der Kampf zur Abschaffung von §218 (was ja nur bedingt gelungen ist!) stellte die logische Konsequenz für die Frauen dieser Zeit dar. Die Macher hinter der Kampagne „Mein Kopf gehört mir“ wollen nun also suggerieren, dass sie die wahren demokratischen Kräfte sind, die sich für Demokratisierung und Bürgerrechte engagieren. Und exakt so argumentieren sie auch. Wiederholend wird angeführt, dass Kunst und Kultur wesentlich für die Demokratie sind, sie gar ausmachen, und wir einen gefährlichen Weg beschreiten, wenn wir die Kunst abschaffen. Das Ganze wird als Tabubruch gefeiert, was letztlich das ursprüngliche Mem komplett ad adsurdum führt. Entschuldigung, aber das ist einfach nur unfassbar, wie der Kampf für körperliche Selbstbestimmung für den Kampf gegen das Internet genutzt wird.

Denn eigentlich sieht das Ganze etwas anders aus: Was hier auf Spiel steht, sind nicht die Köpfe der bei Verwertungsgesellschaften unter Vertrag stehenden Künstler, sondern die Köpfe aller Menschen in unserer Gesellschaft. Die wahre Demokratisierung, die wir aktuell erleben, ist die Demokratisierung des Publizierens. Denn das Netz ist Kopieren und kopieren ist das Verbreiten von Meinungen – die Essenz von Meinungsfreiheit und Demokratie. Damit ist, was das Netz tut, im Kern die Vervielfältigung und Verbreiterung von Demokratie. Und das ist es, was den eigentlichen Streitpunkt darstellt. Die radikale Demokratisierung des Publizierens durch das Internet ist wohl die entscheidendste Veränderung moderner Gesellschaften.

Werfen wir einen Blick zurück:
Bis zum Buchdruck lag die Hoheit über den publizistischen Diskurs stets bei den Mächtigen des Klerus und des Adels. Mit der Industrialisierung von Buch und Schrift im 18. und 19. Jahrhundert bildeten sich, wie wir heute sagen, Verwertungsgesellschaften, die diese Industrialisierung verwalteten. Es bildeten sich also Oligopole, die neben Profit auch eine Kaste mehr oder minder Intellektueller hervorbrachten, die den politischen und kulturellen Diskurs im modernen Westen bis heute weitestgehend kontrollieren. Diese Kaste findet sich heute in den Chefetagen der Verlage und Zeitungen, an der Spitze von Kulturförderungen und Hochschulen. Diese Kaste hat den Diskurs nicht nur in den letzten Jahrzehnten geführt und kontrolliert, sie hat sich auch mit dem Selbstbewusstsein getragen, dass sie im Wesentlichen ein demokratisches Gegengewicht zur Politik und Wirtschaft bildet, beides hochgradig kulturlose Veranstaltungen. Dass sich sowohl aus Politik und Wirtschaft die führenden Köpfe stets mit den von Kultur durchzogenen Kastenvertretern zu legitimieren versuchen, zeigt die Sublimierung der Kultur sehr exemplarisch. Kultur (und vor allem Ästhetik) ist eine säkulare Religion im modernen Westen. Und die Hohepriester fürchten um ihre Macht.

Das Internet nun greift diese feste Struktur des Profits und der Meinungs- bzw. Deutungshoheit an. Jeder Mensch ist heute potentiell in der Lage, ein Meinungsführer zu werden, Kunst zu schaffen, den Diskurs zu beeinflussen, zu bereichern und zu verändern. Die Veränderungen sind rasend, die Heldinnen kommen und gehen und der 15-Minuten-Ruhm weicht eher einem 15-Sekunden-Ruhm. Jeder Mensch ist potentiell ein Leitartikler, ein Autor, ein Musiker, kurz: ein Künstler. Jeder Mensch kann sich in die tiefen Gründe des Netzes und die Köpfe der Menschen mit Kunst eingraben, die er nebenbei macht, ohne finanzielle Gegenleistung, einfach nur, weil er es macht. So ist jeder Mensch plötzlich Publizierender. Das Internet macht jeden Menschen potentiell zum Publizierenden und entwertet die Kaste der Kulturoligarchen. Deren Reaktion ist nun denkbar panisch, schließlich geht es nicht nur um Geld (was jedoch auch umstritten zu sein scheint) sondern vor allem um die Legitimation der eigenen Arbeit. Schließlich zehrt diese intellektuelle Kaste aus der so genannten „Gatekeeper“-Mentalität – also der Vorstellung den Menschen bei der Betrachtung der Welt helfen zu müssen. Es geht ja schließlich um Demokratie hier! Dass sich dahinter ein verachtendes Menschenbild versteckt, ist glaube ich deutlich sichtbar.

Die Argumente gegen die Demokratisierung des Publizierens sind entsprechend platt. Nicht nur heißt es, dass das, was die Kulturschaffenden im Netz produzieren, ausschließlich Plagiiertes sei, zudem wertlos (frei nach dem Motto: Was nichts kostet, ist auch nichts wert: Schön an der Stelle auch Sascha Lobo!). Auch wird die Gefahr für die Demokratie wieder und wieder bemüht. Als ob das Recht der Menschen, sich im Netz am kulturellen und politischen Diskurs zu beteiligen der Demokratie auch nur irgendwie schaden könnte! Auch werden Urheber, die nun in der Futterkette meist ganz untern stehen, vorgeschickt, um die Oligarchenposition moralisch aufgeladen verteidigen zu können. Gleichzeitig werden die Verfechter einer Demokratisierung des Publizierens als kulturlose Banausen gebrandmarkt – was für ein Hohn! Besonders, wenn man die Qualität der von der Kulturoligarchie zur Vermarktung ausgewählten Kunst der letzten Jahre betrachtet!

Nicht zuletzt fehlt dem Kampf gegen diese Demokratisierung die Ehrlichkeit, geht es doch nicht um das Retten der Demokratie, sondern im Gegenteil um den Erhalt der eigenen Macht und in letzter Konsequenz um die Zerstörung des Internets, wie wir es momentan nutzen. Das Internet und die ihm zu Grunde liegende Struktur erfordern nämlich für die strenge Umsetzung des jetzigen Urheberrechts einen umfassenden Kontrollapparat, der die Nutzer in ihrem Nutzerverhalten überwacht und die durch das Netz fliegenden Datenpakete auf ihren Inhalt untersucht. Statt das jedoch offen und ehrlich zu sagen, werden die armen Künstler vorgeschickt, die noch nie auf der Gewinnerseite standen. Die Kreierung und Okkupierung des Spruchs „Mein Kopf gehört mir!“ könnte in dieser Debatte kaum fehlplatzierter sein. Denn das Urheberrecht ist nicht in der Lage der Freiheit von Gedanken zu helfen. Das kann aber stattdessen das Internet als Freiheitsmedium. Was auf dem Spiel steht, sind nicht die Köpfe von Künstlern. Eher schon sind es vielleicht die Geldbeutel und Meinungsmacht der Verwerter. Aber vielmehr noch die Köpfe und die Stimmen der Internetnutzer, deren Rechte als Vervielfältiger und Teilhaber am demokratischen Diskurs eingeschränkt werden sollen. Sie hätten eigentlich das Recht auf die Barrikaden zu gehen und zu skandieren „Meine Stimme gehört mir!“.

P.S. Dieser Text ist eine erste Diskussionsgrundlage und ich würde mich freuen, wenn ihr in den Kommentaren weiterdenkt oder auch Beispiele liefert. Ich werde mich da mal bei Zeiten intensiver noch mit auseinandersetzen und etwas akademischer und fundierter schreiben.

flattr this!

  • Ghodly

    Genial geschrieben. Die Herkunft des Memes war mir weitestgehend unbekannt. Die Entwicklung hin zu einer Urheberrechtsreform ist klar. Ein Aspekt über den sich vielleicht nachdenken lohnt: Wie wird sich der durch das Internet induzierte kulturelle Wandel vollziehen? Fließend, stoßweise, oder mit einem großen Knall.
    Ein Knall wäre nicht gut, denn keiner könnte die Zerstörungswucht kontrollieren, und hinterher aufzuräumen wäre schwer. Ein gradueller Wandel an dem möglichst Viele beteiligt sind wäre besser. Das fordert Geduld auf der einen, und Veränderungsbereitschaft auf der anderen Seite.

  • http://gendalus.de gendalus

    Hallo,

    ich fände es gut, wenn zwei Sachen in die Diskussion mit einbezogen würden. Zum ersten ist es nicht so, dass alle Menschen plötzlich UrheberInnen, MeinungsführerInnen oder was auch immer werden können. Denn in der Beschreibung hier können auch das nur Menschen, die überhaupt einen Internetzugang besitzen. Das sind zwar immer mehr Menschen, aber allein durch die Einstiegshürde internetfähiges Device werden viele Menschen ausgeschlossen. Dadurch, dass Computer auch gepfändet werden können, (im Gegensatz zu TV-Geräten) können Menschen ihren Netzzugang auch wieder verlieren. Einige Menschen bekommen nicht einmal die Gelegenheit einen zu besitzen. Einen Vortrag dazu gab es unter anderem auf dem 27C3 media.ccc.de/browse/congress/2010/27c3-4085-de-digitale_spaltung_per_gesetz.html
    Ich würde deswegen sagen, dass zwar viele Menschen mehr den Zugang zum Publizieren finden, aber eben nicht alle. Was in der Konsequenz heißt, dass *das Internet* sein Heilsversprechen nur halten kann, wenn *alle* freien Zugang haben, und nicht wieder eh schon marginalisierte ausgeschlossen werden.

    Als zweites habe ich ein wenig Bauchschmerzen mit dem Begriff Demokratisierung. Aus diesem Text lese ich heraus, dass ein demokratischer Zustand ist, wenn alle die Chance haben auch mal an der Spitze der Meinungshoheit, der Aufmerksamkeit o.ä. zu stehen. JedeR kann, wenn er/sie nur will. Ich habe den Eindruck, dass hier ein liberales Demokratieverständnis zu Grunde liegt.
    Ich glaube aber nicht, dass das so ist. Das ist kein Zustand, den das Internet einfach so automatisch mit sich bringt. Denn im Internet bilden sich gesellschaftliche Zustände auch immer wieder ab (auch wenn nicht eins zu eins wie in der analogen Medienwelt). Beste Beispiele für Verhältnisse, die sich auch im Internet abbilden, sind Rassismus und Sexismus. Vor zwei drei Jahren war die Diskussion um die Blogcharts und das Phänomen, dass vor allem die “harten” Themen (der Männer) viel stärker rezipiert werden, in der Debatte groß. Noch immer haben Feministinnen damit zu kämpfen, dass versucht wird sie aus der Netzöffentlichkeit zu verdrängen und noch immer werden die Positionen von unter anderem PoC ignoriert und marginalisiert.
    Deswegen müsste für mich der Begriff der Demokratie in Demokratisierung inhaltlich gefüllt werden, denn es ist meiner Meinung nach mehr als (zugespitzt) “Jeder darf mal seine Meinung sagen”. Demokratisierung heißt dann eben auch die Frage zu stellen, welche Herrschaftsverhältnisse sich im Internet genau so, wenn nicht sogar schlimmer als in der analogen Medienöffentlichkeit, rekonstituiert werden. Es wäre deswegen gut, wenn auch im Hinblick auf die digitale (Netz-)Öffentlichkeit Herrschaftskritik geübt würde und das im gleichen Atemzug wie die Kritik an der spezifischen Vermachtung der analogen Medien.

  • http://www.piratenpartei-goettingen.de/?p=5973 Andreas

    Moin,

    ich greife mir einmal einen Satz heraus:

    –Zitat
    Dass sich sowohl aus Politik und Wirtschaft die führenden Köpfe stets mit den von Kultur durchzogenen Kastenvertretern zu legitimieren versuchen, zeigt die Sublimierung der Kultur sehr exemplarisch.
    –Ende Zitat

    Wenn Du schreibst führende Köpfe aus Politik und Witschaft, meinst Du wahrscheinlich Wirtschafts- und Politikelite. Aber was hat das religigiöse Element der Kaste damit zu tun? Warum soll es nicht anerkennenswert (im Sinne von Legitimität verschaffend) sein, Menschen zu treffen und was macht die Tatsache, dass es Kulturschaffende sind, die vielleicht der untersten Kaste angehören, hier aus.

    Für mich mindert sich der Aussagewert der Sätze mit der Komplexität des Satzbaus und der Anzahl der Fremdworte. Weniger ist mehr.

    Ansonsten habe ich (als Mann?) auch erst nach Deinem Artikel gemerkt, dass der Sprch “mein Bauch gehört mir” möglicherweise Pate gestanden hat. Danke für den Hinweis.

    Argumentativ finde ich Tabubrüche und auch vermeitliche Tabubrüche einer sachlichen Diskussion im Normalfall hinderlich. Dies gilt auch für den Vorwurf derselben.

    Die Demokratisierung des Publizierens durch das Internet ist so eine Sache. Wenn Du schaust, wie die Netzzugänge und die Publikationsmöglichkeit auf der weltweiten Ebene verteilt sind, kannst Du nicht ersthaft von einer Demokratie sprechen. Wenn ja, gibt es wohl ein Zensuswahlrecht der Internetanschlussbesitzer mit WordPresskenntnissen.

    Summa sumarum fand ich den Eintrag aber deshalb interessant, weil ich mich aus dieser Perspektive noch nicht dem Artikel genähert hatte.

    Grüße,
    Andreas

  • Alexander Erben

    Liebe Julia, das macht in Inhalt und Form einfach Riesenspaß zu lesen, und alle angeführten Punkte leuchten mir ein.. :) Ganz dickes Kompliment.
    Eine konkrete Maßnahme für jeden einzelnen könnte lauten, jedes sehr von DRM gegängelte Produkt zu meiden und die “freie” Kunst (also Urheber die sich selbst verwerten und vertrauen statt zu überwachen) zu bevorzugen.

  • http://www.nachtpult.de nachtpult

    Netter Text; darf ich an dieser Stelle mal auf einen sehr passenden Text bezüglich der Thematik “mein Kopf gehört mir” verweisen:
    www.blog-cj.de/blog/2012/04/06/mein-kropf-gehort-mir/

  • Bernhard Hanakam

    Ich weiß schon, wieso ich eher selten blogge, mit diesem Niveau kann man nur schwer mithalten. Generell kann ich mich meinem Vorschreiber nur anschließen: sowohl inhaltlich als auch sprachlich ein toller Artikel, der genau das widergibt, was mir im Kopf rumschwirrt. Zur Zeit wird ja auch auf Facebook heiß diskutiert, mittlerweile sogar emotional, was das ganze noch schwieriger macht. Dabei hab ich selbst oft den Eindruck, gegen eine Wand zu reden, wobei die meine Meinung immerhin in Form eines Echos zurück werfen würde.
    Ich denke, da kommt noch einiges an Arbeit auf uns zu.

  • http://www.brd-reloaded.de/ Joachim Häbich

    Die Art der Diskussion um das Thema schadet dem eigentlichen Ziel. Warum nicht direkt die Kontrahenten zu einem offenen Dialog einladen, in der konstruktiv die Ansichten ausgetauscht werden? Es wäre auch mal ratsam, dass von allen aus ihrer Sicht die (un)begründeten Folgen und daraus resultierenden Befürchtungen kommuniziert werden und in einer produktiven Brainstorming Atmosphäre zielführend zusammengefasst werden und daraus endlich die notwendigen Ansätze entstehen.

    Wir behandeln hier als Gesellschaft ein Thema des Internets. Alle beteiligten Gruppen und Personen kennen aus ihrer täglichen Arbeit die Effizienz von projektbezogenem Arbeiten. Aber beim Thema Urheberschutz verhalten sich alle wie zu Zeiten Guttenbergs (Buchdruck-nicht Nachdruck!) Wie die Bauern und Fürsten sitzt man sich auf dem Feld gegenüber und wählt die politische Schlacht. Aber selbst die Entscheider in den Medienhäusern, bei denen es auch um mehr geht, als ihnen bisweilen unterstellt wird, wissen, dass es eine Lösung geben muss, die beiden Seiten gerecht wird.

    Man twittert mineindander, schreibt e-mails, es ist armselig, dass dennoch nicht mehr rüberkommt. Man hört sich zu, verstehen will man sich nicht. Dabei liegt bei diesem Thema die Lösung eh in der Mitte. Wir brauchen beides, die Verwerter, die durch ihre Kapitalausstattung guten Journalismus, grössere Kunstprojekte, ja, und auch politische Aufklärung erst möglich machen. Genauso wie die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Journalisten und eine wirtschaftliche Chance von Künstlern.

    Aber solange man aneinander vorbei redet und im Verlauf blind auf seine Positionen verharrt, wird es keine baldige und befriedigende Lösung geben.

    Das fatale ist, die derzeitige Situation nützt beiden Seiten. Wir Piraten brauchen dieses Aufhänger Thema noch, die Verwerter den Status Quo. Machen wir uns also keine Hoffnung. Buisiness as usual.

  • http://mirkoschroeder.de Mirko Schröder

    Hi Julia,
    vielen Dank für diesen Artikel, ich habe ihn GANZ gelesen, womit wohl alles gesagt ist. Mein Problem: du hast 5363 Folger (Augenblick: +1), aber ich kann diesen Artikel nicht zwitschern?! Hab ich was übersehen?

    Und auf deine Netiquette Seite werde ich auch das ein oder andere mal verlinken.

    Danke.

  • simon lieret

    ich habe eine frage. als professioneller fotograf bin ich darauf angewiesen, für bilder geld in die hand zu nehmen. wir reden hier nicht von portraits oder klickklick schüssen im knackigen reportage style im vorbeigehen, sondern von inszenierter fotografie. d.h. wenn ich eine bestimmte kulisse bauen möchte, muss ich die dafür entsprechenden requisiten organisieren und finanziell stemmen. mal abgesehen von den kosten für kameras, computer, bildbearbeitungssoftware, etc.., die in meinem persönlichen fall seit 2005 alleine bereits über 100k.€ an ausgaben erfordert haben. der druck auf den auslöser ist der letzte kurze moment eines langen entstehungsprozess des bildes, der sehr teuer sein kann.

    meine möglichkeiten werden deutlich geringer, wenn ich (bereits vorgekommen) bilder von mir im internet entdecke, die ohne zu fragen (geschweige denn eine materielle gegenleistung zu bringen) für zwecke mit denen ich eventuell nicht einmal einverstanden bin, verwendet werden.

    ein musiker, der nicht nur gitarrengeklampfe von sich gibt, sondern eventuell einen hang zum perfektionismus hat und dafür studiozeit mieten muss, bzw. eigene geräte für sehr hohe kosten vorhalten muss, wird weniger verdienen, wenn direkt nach veröffentlichung seine tracks für jedermann unentgeltlich frei verfügbar werden.

    brauchen qualitativ hochwertige kreative ausdrucksformen nicht häufig sehr viel zeit? jemand der acht stunden täglich arbeiten muss, um sich seinen lebensunterhalt zu verdienen bringt diese zeit im regelfall nicht mehr auf.

    abgesehen davon kann man wirklich spektakuläre ideen nicht erzwingen und nebenbei mal schnell feierabends entwickeln (permanenter ökonomischer druck ist dafür meines erachtens auch nicht besonders förderlich).

    selbst ein schriftsteller, der im prinzip “nur” phantasie (ohnehin zumindest in meinem subjektiven empfinden, ein eher seltenes phänomen), papier und einen stift benötigt, wird viel energie und zeit auf die entwicklung eines entsprechenden weltbilds (eine entwicklung die häufig viele jahre und enorm viel energie und eigenleistung bedingt) und der daraus resultierenden stoffe aufwenden.

    ich möchte hier gar nicht einer gierigen kulturindustrie nach dem mund reden; dass beispielsweise musik- und filmindustrie keine besonders gute figur gemacht haben in den letzten jahren, steht ausser frage.

    dass dialog und ideenaustausch befeuert werden, wenn man für gedankliche, musikalische und filmische “remixe” und zitate nicht jedesmal mit teuren abmahnungen und anderem justiziablen unbill gequält wird, ist mir auch bewußt.

    nichtsdestotrotz stelle ich mir die frage, ob man nicht durch eine absolute abschaffung geistigen eigentums, kreative ausdrucksformen massiv erschwert; gerade solche, die darauf angewiesen sind teilweise sündhaft teure technologische nischenprodukte (kameras, mischpulte, etc…) zu verwenden.

    läuft man dadurch nicht gefahr, dass kunst nur noch im “laienhaften” hobbybereich schaffbar bleibt und dadurch eine gesellschaft einige ihrer spektakulärsten erfahrungen und erlebnisse beraubt.

    ein stanley kubrick film (ich bin ein fan dieses mannes; 2001 space odyssey ist der grund, weshalb ich als jugendlicher mit der fotografie überhaupt erst begonnen habe – es gäbe aber auch unzählige andere beispiele) ist ein erlebnis, das einige menschen und ihre seelen mit einem schlag verändern kann, oder vielleicht einfach nur glücklich macht für einen moment.

    ein solcher film ist nur machbar, wenn er zumindest die enormen kosten, die bei seiner produktion entstehen einigermaßen deckt. umgehende kostenlose verbreitung im netz, direkt nach seiner veröffentlichung untergräbt die chance darauf ganz massiv.

    mir ist bewußt, dass es mäzenatentum und crowdfunding und diverse andere möglichkeiten der finanzierung gibt. bei vielen dieser möglichkeiten ist allerdings ein kompromiß zugunsten eines künstlerisch weniger begabten geldgebers (und sei es eine crowd) unumgänglich. die vision des urhebers wird dabei häufig bestenfalls verwässert, schlechtestenfalls komplett zerstört; mit entsprechender konsens-soße, die dabei herauskommt. wer wissen möchte, wie so etwas aussieht, braucht sich nur
    einmal näher mit der deutschen film- und kinolandschaft näher zu befassen.

    wenn man künstlern die möglichkeit nimmt, ihr komplettes leben für ihr werk in die waagschale zu werfen und sie dazu zwingt, anderweitig ihr geld zu verdienen, läuft man meines erachtens gefahr, einige der möglichen kreativen juwelen, die vielen menschen freude, hoffnung, “aha erlebnisse”, und glück verschaffen, zugunsten von ohnehin schon immer brachialer werdendem mittelmaß zu opfern.

    mich würden deine (eure) “piratenideen” zu dieser problematik interessieren. oder sehe ich das ganze einfach zu schwarz und bin einfach ein zu egozentrischer kreativer eigenbrötler?

    s.l.

  • Pingback: Démocratisation de la publication, par Julia Schramm

  • http://twitter.com/thetruemilhouse Jörg Fischer

    “sprechen wir bei der Umsetzung des Urheberrechts von einem Geschäftsmodell, welches sich gegen einen freien Markt subventionieren lassen will. ”

    Das Urheberrecht ist ein Geschäftsmodell, dass sich gegen einen freien Markt subventionieren lassen will? Wo? Von wem?

    Sprichst du hier vom Leistungsschutzrecht? Das bildet, wenn überhaupt, nur einen winzig kleinen Teil der Urheberrechtsproblematik ab und spielt bei der Handelsblatt-Aktion so gut keine Rolle.

    Wo fordern Urheber also Subvention?

    Wieso ist denn das UrheKannst du belegen, wo die Durchsetzung des Urheberrechts durch Subventionierung gewährleiste werden soll?

  • http://twitter.com/thetruemilhouse Jörg Fischer

    Au weh, der letzte Absatz ist ein Fragment, das ignoriert werden kann.

  • Benni

    Sehr schöner Beitrag! Schade, dass den keiner der herrschenden Oligopolisten als Leitartikel veröffentlichen wird …

  • http://demokratisch.beteiligen.net Ulrich

    Deiner Analyse stimme ich im Grundsatz zu. Fraglich ist nur, ob die Beseitigung der “Gatekeeper” aus der “Kulturindustrie” allein schon demokratieförderlich wäre. Bezogen auf ein faireres Urheberrecht wäre eine Neujustierung sicher wünschenswert. Für eine demokratische Gesellschaft sind Gatekeeper aber weiterhin erforderlich, denke ich.
    Eine vitale Demokratie braucht eine politische Öffentlichkeit als Grundlage, also eine gemeinsam geteilte Basis an Wissen und Einschätzungen über Gesellschaft und Politik, aus der heraus sich politisches Raisonnement entwickeln kann. Moderne Medien und Kommunikationsmittel führen nach Habermas und anderen zu sich immer weiter fragmentierenden Öffentlichkeiten, die kaum noch miteinander in Verbindung zu bringen sind.
    Hier spielten – und spielen nach meiner Ansicht – die Gatekeeper eine wesentliche Rolle. Sie stellen auf der Basis professioneller Standards Elemente der fragmentierten Öffentlichkeiten dem gesellschaftlichen Diskurs zur Verfügung. Gerade weil immer mehr Akteure zur öffentlichen und teilöffentlichen Kommunikation hinzutreten wird die Rolle der Gatekeeper immer wichtiger. Insofern geht es weniger darum, sie zu beseitigen, also sie stärker in die demokratisierende Pflicht zu nehmen, denke ich.

  • Mike

    “sprechen wir bei der Umsetzung des Urheberrechts von einem Geschäftsmodell, welches sich gegen einen freien Markt subventionieren lassen will. ”

    Erstens ist es ja gar nicht mit dem freien Markt zu vergleichen. Ein Auto lässt sich nicht so leicht stehlen wie ein Lied. Wenn du ein Auto kaufen willst liest du Testberichte, fährst Probe, vergleichst und unterhälst dich mit Bekannten, die sich auskennen. Dann tätigst du den Kauf. Bei Musik oder Filmen wird einfach runtergeladen und das wars dann. Da kommt es gar nicht groß zur Frage: Madonna oder Beethoben? Sondern einfach “Lade ich beides runter und dann schaue ich mal” Der Markt wird ja vollkommen umgangen. Außerdem ist es fragwürdig, dass gerade eine linke Partei wie die Piraten das Marktargument nimmt, wenn es in die Argumentation passt und ernsthaft Kunst als freien Markt darstellen will. Subventionen für Kunst hat es immer gegeben und sie sind auch nötig, da es über einen freien Markt nunmal nur Bohlen und Spears geben würde in der Musik beispielsweise.

    Ich bin gegen ATCA auf Grund der Überwachung, die Piratenpartei sollte sich aber auch im Endeffekt gegen eine Kostenloskultur ausprechen. Die Stimmen in der Partei, die immernoch keinen Cent für Kunst, die sie sehr gerne konsumieren, zahlen wollen sind viel zu zahlreich als das man eure Bemühungen als Kampf für die Künstler ansehen kann. Es geht eher um die eigene Gier und das Nichtzahlen wollen für eine Dienstleistung/ein Produkt.

  • danielmite

    Flacher Artikel.

    Nicht jeder ist ein Künstler oder Urheber. Man braucht eine gewisses Talent dafür und man muss Zeit investieren. Dazu kommt noch, wenn man qualitativ hochwertige geistige Erzeugnisse abliefern möchte, muss man noch mehr Zeit investieren. Beispiel:
    Wenn man gute klassische Musik machen möchte, muss man früh anfangen zu lernen und sehr viel Zeit in sein Instrument investieren. Warum sollte man diese Leistung erbringen, wenn man davon nicht leben kann, weil jeder sich die Audiodateien kopieren würde?

    Das Problem an der Diskussion ist nicht das Urheberrecht, das ist eindeutig geregelt. Die zentrale Frage ist doch: Wie kann man sicherstellen, dass die Urheber fair entlohnt werden? Was ist fair? Das sind die zentralen Fragen auf die die Partei eine Antwort finden muss! Dass die Verwerter langsam obsolet werden, ist den meisten Künstler ohnehin klar..
    Die Kulturflatrate halte ich in dem Fall für einen riesigen Fail und würde als Pirat auch nicht damit werben.. ich frage mich immer noch wie der CCC auf die Idee kommt, dass zu unterstützen. Ich selber habe keine Lösung und eine die alle zufrieden stellt, gibt es auch gar nicht. Die Verwerter werden eh gegen jede Lösung Sturm laufen, die irgendwie negativ sein könnte und da die das meiste Geld und die größte Lobby haben, wird es kein einfacher Kampf.
    Ich weiß nur eines: Die Lösung für das Problem, muss eine globale sein. Es muss etwas sein, was dem Internet entspricht. Eine einheitliche, global- und standardisierte Zahlungsmöglichkeit vllt. So was wie ein Flattr für alle. Aber so was wird wohl nie möglich sein, gibt ja nicht mal global geltende Wirtschaftsregeln.

    PS: Ein Schrift mit Serifen wäre bei längeren Artikeln besser lesbar..

  • Fosca Estepario

    Das mit der „Gatekeeper“-Mentalität erinnert mich an Luther – der wollte mit seiner Bibelübersetzung ins Deutsche dafür sorgen, dass diese “von jedem Deutschen, egal welcher persönlicher Bildung, verstanden werden konnte.”

    Den “Gatekeepern” in Rom hat das gar nicht gefallen…

    www.planet-wissen.de/kultur_medien/religion/martin_luther/luther_bibel.jsp

    Da kann man eigentlich nur hoffen, dass die “Demokratisierung des Publizierens” etwas unblutiger vonstatten geht, als die Demokratiserung des Zugangs zur Bibel.

    Menschen, die das Glück hatten Dinge zu produzieren, die sich beliebig oft kopieren und verkaufen lassen, hatten in der Vergangenheit enorme Vorteile gegenüber denen, die ihre Arbeitskraft nur an einzelne Personen verkaufen konnten. In Zukunft wird sich dieser Vorteil ein wenig reduzieren – das scheint mir eher gerecht als tragisch.

    Ich sehe nicht ein, dass zum Erhalt dieses Privilegs Weniger mein Grundrecht auf freien, unüberwachten Datenaustausch eingeschränkt werden soll.

    Aber selbst, wenn diese Überwachung kommt und halbwegs funktioniert: das kostbare Gut Zeit/Aufmerksamkeit ist nun einmal dummerweise beschränkt und wird in Zukunft womöglich eher den Künstlern geschenkt werden, die ihre Finanzierung so organisieren, dass ihre Produkte frei zugänglich sind.

    ‘Mein Kopf gehört mir’ gilt eben auch für die Konsumenten…

  • http://neonleuchte.blogspot.com m(en)o(i)T(ios)

    Indem Du die deiner Ansicht nach ungebührliche Verballhornung des “Mein Bauch gehört mir!”-Mems kritisierst, scheinst Du genau das anzugreifen, was Du eigentlich einforderst: Das Recht aufs (und wieso nicht auch aufs geschmacklose?) Zitat. Darum geht es ja gerade: Kultur ist immer Zitat und Variation. Kein Künstler fängt genial von vorn an, “everything is a remix”, “Zwerge auf den Schultern von Riesen”, undsoweiter. Wieso also gerade in diesem Kontext ein Zitat kritisieren?

    Ich glaube viel eher, dass man mit der Betonung dieses Aspekts argumentationsstrategisch sehr viel bessere Chancen auf Einigung erzielen kann (und um die wird es ja hoffentlich gehen und nicht um die Reproduktion einer Differenz von “die da” und “wir hier”). Lasst uns aufzeigen, dass Kultur immer schon Zitat, Variation und Weitermachen von etwas ist, was man nicht selbst gemacht hat. Dann könnte auch deutlicher werden, inwiefern gerade das Internet eine gewaltige Chance für alle Kulturgestaltenden darstellt.

    “Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden.” Walter Benjamin

  • Peter

    Hi Julia, interessante Gedanken, die bezogen auf Demokratie, Gatekeeper usw viel Wahres enthalten. Allerdings ist Kunst zwar ein Teil des demokratischen Diskurses, für sich selbst aber zunächst ein individueller Ausdruck, der originär der künstlerischen Person zu eigen ist. Kunstproduktion ist ein Prozess in dem Material neu gestaltet wird. Ein Tonklumpen ist noch keine Vase, erst der schöpferische Prozess gibt dem Material den individuellen Ausdruck, der dadurch, dass der Betrachter den Gegenstand auf seine Weise betrachtet zur Kommunikation zwischen Künstler und Betrachter führt.
    Wenn man davon ausgeht, dass Kultur weitgehend daraus besteht, sich nonverbal durch ästhetisch empfundene Objekte zu verständigen, folgt daraus ein inneres Bedürfnis der Menschen, den künstlerischen Ausdruck anderer zu genießen und den nicht eigenen Ausdruck trotzdem zu einem Symbol für den eigenen Geschmack und die eigene Haltung zu machen. Aufgabe des Künstlers ist es, den Sprachlosen einen Ausdruck zu geben, der ihr Gefühl repräsentiert und ihnen hilft, das wiederum weiter zu kommunizieren. Dieser Vorgang ist in sich immens demokratiefördernd, weshalb es notwendig ist, die Künstler von der Willkür der Herrschenden zu befreien, indem man sie materiell absichert, um als Seismographen Symbole für die Gefühls- und Gedankenwelt aufzugreifen, zurückzuspiegeln und damit den Sprachlosen einen kollektiven Ausdruck zu geben, der wiederum tiefer empfunden und damit verstanden werden kann, als der rein intellektuelle Diskurs.
    Eben dafür wurde das Urheberrecht geschaffen. Die sich emanzipierende bürgerliche Gesellschaft hat die wichtige Rolle des künstlerischen Ausdrucks für demokratische Willensbildung erkannt und deshalb das gestaltete Werk geschützt.
    Niemand sollte fortan die Gedanken und Worte der Menschen kontrollieren können, indem er den aufmüpfigen Künstler verhungern lässt.
    Insofern scheint das Internet auf den ersten Blick tatsächlich befreite Kunst zu garantieren, indem es die Gatekeeper umgeht. Tatsächlich unterhöhlt es auf der anderen Seite die ökonomische Basis, die dem Künstler erst ermöglicht, sich die Zeit für Kunstproduktion zu nehmen, und verhindert somit gerade das, was es zu fördern verspricht. Kunstproduktion folgt anderen Gesetzen, als der politisch, intellektuelle Diskurs. Was für den schnellen Austausch von Ideen und Meinungen noch gilt, ist schon für einen Popsong nicht mehr möglich, geschweige denn für einen Film.
    Und hier liegt das grundsätzliche Problem. Die meisten Diskutanten der Piraten sind keine künstlerischen Urheber, sondern welche, die vom schnellen Diskurs leben oder anonymer Teil von Softwareentwicklung werden. Was dafür gilt, muss nicht automatisch tauglich für den Schriftsteller oder Filmemacher sein.
    Kunst die bewegt ist überwiegend das Ergebnis langer Prozesse. Meist Ergebnis einer Lebens für die Kunst. Es ist ein Irrglaube, dass man durch reine Menge und Geschwindigkeit zu wichtigen Erkenntnissen kommt.
    Kultureller, vor allem nichtverbaler Ausdruck gehört zum demokratischen Menschen. Willensbildung findet vor allem empathisch statt. Die Verdichtung von Empfindungen und Gedanken als eigener Ausdruck sind essentiell für einen Austausch freier Individuen. Deswegen ist es unverzichtbar, Kunst möglich zu machen, indem man ihr Raum gibt. Zeit braucht Geld.
    Wie aber generieren wir Geld für Kunst? In einer freien, vom Austausch von Waren bestimmten Welt, drücken wir Wertschätzung aus, indem wir Geld für etwas ausgeben. Da es Aufgabe der Künstler ist, kunst zu schaffen, haben sich, wie in allen Bereichen, die Händler zwischengeschaltet, welche die Verbreitung der Kunst organisieren und dafür sorgen, dass der Künstler ausreichend abgesichert ist, um neu Kunst herzustellen. Diese Verwertung an ich ist also noch nichts Schlechtes, sondern ein funktionierendes System, dass dafür gesorgt hat, den Königen die alleinige Hoheit über die Kunst zu nehmen und für eine breite Teilhabe an Kunst durch die Völker gesorgt hat. Die Profitgier der Händler war der Motor, die Kunst so zu verteilen, das möglichst viele Menschen an ihr Teilhaben können.
    Diese Aufgabe soll nun das Internet übernehmen. Das kann es allerdings nur, wenn es die Verantwortung für die finanzielle Grundlage der Urheber übernimmt.
    Raubritter pflanzen nicht, sie nehmen die Früchte anderer mit Gewalt. Nachhaltiges Wirtschaften braucht die Pflege des Bestands.
    In der Kommunikationswirtschaft wird Geld oft nicht durch den Kauf eines Produktes verdient, sondern auf Umwegen. Ich gebe dir Kultur, deswegen klickst du auf meine Webseite, gleichzeitig verlinke ich deine Botschaft, die der eigentliche Grund für den Besuch der Seite ist, mit einer anderen, etwa Werbung. Damit verdient die Plattform ine Menge Geld, wie wir wissen. D.h. die Werbung nutzt den Youtubesong, um an den Kunden zu kommen, bezahlt dafür aber nicht mehr den Künstler, sondern die Plattform. Das führt dazu, das die Plattform, angetrieben durch die kostenlose Kreativität, das Geld bekommt und nicht der Künstler. Die Plattformen entscheiden, in welchem lächerlichen Masse sie diejenigen beteiligen, die die Grundlage ihres Geschäfts sind.
    Es ist leicht, sich auszumalen, wohin das führt. Jeder, der es sich leisten kann oder die Macht hat, sich nicht darauf einzulassen, wird das Internet in der Form meiden. Die Inhalte, die etwas wert sind, wird man dort nicht mehr finden. Was man findet, werden die Werbung, der Teaser, die Amatuerkunst sein.
    Die Bedeutung wird woanders ihr Forum suchen. Man kann ja heute schon beobachten, dass das Bedürfnis nach dem Besonderen und aufwendig gearbeitetem sehr groß ist. Gemäldesammlungen und Ausstellungen, die die Exklusivität garantieren erfreuen sich äußerster Beliebtheit. Kunst wird wieder exklusiver Besitz der Herrschenden. Damit wird die Kommunikation des Künstlers mit dem Publikum wieder zu einem ausschließenden Akt, der nur den Privilegierten zugute kommt. Man kann das an den Eintrittspreisen für Konzerte und Ausstellungen sehen.
    Will heißen, wenn das Internet ein relevantes Medium für künstlerischen Austausch bleiben will, wird es um eine angemessene Teilhabe der Künstler nicht umhin kommen. Bislang verdienen die Plattformen (Google, Facebook & Co), die Gerätehersteller (Apple, Dell usw), die Softwareindustrie (Microsoft, IBM) unglaublich viel Geld, wie wir wissen. Diejenigen, die die Inhalte stellen, so gut, wie nichts.
    Don´t forget, Software verteilt und verwaltet Daten, sie kreiert keine originären Inhalte, da ihr die Emotionalität fehlt. Ohne menschliche Kreativität ist das Internet nichts.
    Deswegen gehört das Urheberrecht mindestens genauso geschützt, die die Software, die Plattformen und ihre Patente. Während die Protagonisten des Internets jeden mit Patentklagen überziehen, der ihnen zu nahe kommt, fördern sie den Gedanken des freien Internets, der nichts als den Verzicht auf Einkommen im Tausch für den freien Austausch Inhalten bietet.
    Wertiger Inhalt als Teil der emotionalen Willensbildung wird also verdrängt. Und das soll demokratiefördernd sein?!
    Wenn wir diesen Wiederspruch nicht lösen, wird das Internet und seine Protagonisten eher eine Bedrohung für die Demokratie, da es vor allem das Niederschreien anders Denkender befördert, als den langsamen Prozess des Diskurses zu befördern.
    Diese Seite bildet eine Wohltuende Ausnahme!

    Beste Grüße!

  • http://duckhome.de Jochen Hoff

    Ich glaube auch das es um viel mehr als um das Urheberrecht geht. Es geht unter anderem auch darum systematisch die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken und die Menschen mundtot zu machen.

    duckhome.de/tb/archives/10077-Die-ErPresseRagentur-AFP,-der-NDR-und-das-Hamburger-Landrecht.html

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