Urheberrecht und Repression

Lieber Herr Regener, liebe Tatort-Drehbuchautoren,

ich bin verwirrt. Als Mensch, Bürgerrechts- und Internetfreundin und Urheberin bin ich verwirrt. Also auf vielerlei Ebenen. Da sie aber auch verwirrt zu sein scheinen, ist das ja ein guter Boden für einen Dialog, den es geben muss. Um ihretwillen. Denn lassen sie mich ihnen vorweg sagen: Sie werden den Kampf verlieren. So oder so.

Doch fangen wir von vorne an. Das Internet ist ihr Problem. Ja, sagen wir es doch so wie es ist: Sie mögen das Internet in seiner Grundstruktur nicht. Und vielleicht ist ihnen das nichtmal klar. Denn vielleicht mögen sie es, wenn es ihnen das Leben erleichtert, z.B. um ihr hart verdientes Geld auszugeben. Vielleicht mögen sie es auch, um ihre Konten zu verwalten oder auf Facebook eine Fanpage zu haben, wo Menschen ihnen Feedback geben. Das sind die angenehmen Seiten – die muss man ja mögen. Vielleicht mögen sie das Internet auch für e-Mails und elektronische Kalender. Vielleicht glauben sie, dass Internet zu mögen. Vielleicht begreifen sie auch einfach nicht, dass das Internet diese Welt verändern wird, ja die Welt schon verändert hat. Sie betrachten diese Veränderung offenbar nur so lange positiv wie sie von der Entwicklung finanziell profitieren, wenn überhaupt. So funktioniert das aber nicht.

Diese Grundstruktur, die sie implizit anprangern, ist in erster Linie dezentral, pseudonym und manchmal sogar anonym. Und das muss sie auch bleiben. Unter allen Umständen. Denn nur so ermöglicht sie Freiheit. Diese Grundstruktur bedeutet, dass Menschen sich austauschen können, über Videos, Text und Audio; dass sie sich vernetzen, zusammenfinden. Diese Grundstruktur ermöglicht ebenfalls, dass die Wege kürzer werden – auch für den Austausch von Musik, Büchern und Filmen. Und da nun setzen sie an, die sie glauben, dass ihnen diese Entwicklung schaden wird.

Dafür kurz ein Realitycheck:

Element of Crime – eine Band von Herrn Regener, die von den vielen Downloads im Netz Schaden tragen soll. Guckt man in eine beliebige Tauschbörse, so sieht der Fall anders aus: 1-2 Seeds. Entweder interessiert sich die Raubmordkopiererszene nicht für die Band oder aber …. sie gucken alles auf YouTube! Immerhin gibt es da mal ein Video mit fast 100.000 Klicks. Die Videos sind in erster Linie Live-Aufnahmen und keine raubmordkopierte Aufnahme eines Albums.  Auch hier die Erkenntnis: Das Netz scheint sich nicht sonderlich für sie zu interessieren.

Herr Lehmann – Weder Buch noch Film sind im Netz für mich auf Anhieb zu finden.  Dafür hat sich das Buch über eine Millionen (!) Mal verkauft. Sonderbar. Oder einfach alles weggeklagt?

Tatort – Ich habe noch nie einen Tatort gesehen, aber dafür bezahlt. Ich denke, dass ich dazu nicht mehr sagen brauche.

Doch zurück zum eigentlichen Thema. Diese unsichtbare Wunderwelt hinter dem Monitor ermöglicht eine Vernetzung der Welt. Was in erster Linie eine Chance ist, wurde von den meisten Menschen lange nicht als solche begriffen. Nicht nur hat die Politik vergessen die Entwicklungen in und ums Internet zu antizipieren und ernst zu nehmen (was sich nun mit riesigen Wahlerfolgen der Piraten rächt) auch die Künstlerindustrie (!) hat sich den Entwicklungen lange verweigert. Die erste Tauschbörse – achja, wer erinnert sich noch an Napster! – war ein privates Projekt und das erste Armutszeugnis der Industrie, für die sich sich gerade vor den Karren spannen. Jahrelang hat sich die Industrie verweigert die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Erst Apple begann eine Infrastruktur zu schaffen, die legale Angebote ermöglicht. Das, und so frei darf ich sein, ist aber nicht das Problem des Netzes oder der User. Es ist nicht die Aufgabe der Gesellschaft einzelne Geschäftsmodelle auf Kosten von Bürgerrechten zu retten. Wieso die Bürgerrechte in Gefahr sind? Danke für die Frage!

Ihre Vorstellungen von der effektiven Durchsetzung der Verwerter- und Urheberrechte erfordert eine Kontrolle jedes Nutzers durch die Provider. Sie fordern also einen privaten Überwachungsapparat, der einzelne Nutzer in ihrem Verhalten überwachen und eventuelle Urheberrechtsverletzungen ahnden soll. Wie genau stellen sie sich das vor? Eine Millionen Menschen, die vor Rechnern das Nutzungsverhalten der User beobachten und auf einen roten Knopf drücken, falls jemand auf YouTube Element of Crime anguckt? Wer soll die Überwachung bezahlen? Der Staat? Die Provider? Die Verwerter? Ich hoffe, dass sie hier bereits erkennen, wieso dieses Vorgehen bürgerrechtlich problematisch ist. Denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht, um die Menschen davon abzuhalten immaterielle Güter zu tauschen. Es sei denn sie wollen das Netz direkt und komplett kaputt machen – das geht natürlich auch. Aber an dieser Stelle wiederhole ich gerne meine Ansage von Anfang: Diesen Kampf werden sie verlieren. Denn das Internet ist mehr, es ist eine Idee. Und sie, von allen Menschen überhaupt, sollten wissen, wie mächtig Ideen sind.

Womit wir an dem Punkt wären, wo die Urheberin in mir irritiert ist. Die Idee des geistigen Eigentums ist für mich bizarr. Natürlich bin ich als Urheberin interessiert daran, dass die Ideen, die ich entwickelt habe, meinen Namen tragen, dass sie mit mir verknüpft sind und ich damit eventuell Geld verdienen kann. (Das gesteht uns aber die Piratenpartei auch vollkommen zu. Es geht ja nur darum, dass man private Nutzer nicht repressiert!) Jedoch bin ich mir zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass meine Ideen, die in der Welt sind, nicht kontrollierbar sind, dass sie mir entschweben und auf andere Ideen treffen, dass sie sich vermehren und entwickeln, vielleicht auch mal mutieren. Ich bin doch nur ein Filter für diese Welt, auf dessen Seite ein Kompromat dieser steht. Durch mich fließt die Welt und ich setze sie zusammen, schaffe etwas, was nicht neu, aber ich ist. Und das kann niemals mir gehören, weil ich es nicht unter meinem Bett verstecken kann. Und will. Denn was ist eine Idee, die niemand in sich aufnimmt? Was ist eine Idee, die niemanden interessiert, berührt? An dieser Stelle kann ich nur auf Paulo Coelho verweisen, der eindrucksvoll darlegt, wieso die Verbreitung von Ideen der Kern von Urhebern ist! paulocoelhoblog.com/2012/01/20/welcome-to-pirate-my-books/

Aber ich will micht jetzt nicht in der Romantisierung des Urhebens verlieren, sondern auf die konkreten Sorgen und Nöte eingehen, die Künstler abseits von ihnen scheinbar, wie oben angeführt, durch das Netz tatsächlich haben. Die Verwerterindustrie hat nämlich auch Vorteile – ja wirklich! Nicht nur gibt es die Möglichkeit Werke zu finanzieren, die sonst keiner will, nein, es gibt auch die Chance Künstlern finanziellen Freiraum zu geben, um Stücke zu schaffen. (So wie mir zur Zeit mit meinem Buchvorschuss) Auch ist ein Dialog mit Produzenten oder Lektoren immer sehr fruchtbar. Die Industrie wird auch nicht sterben, wenn sie sich anpasst. Denn die Industrie muss sich von ihren alten Vorstellungen verabschieden: Wieso kostet ein e-Book mehr als ein Totholzbuch? Wieso gibt es das e-Book nicht für einen geringen Aufpreis zum Totholzbuch dazu? Wieso klammern wir uns an CDs? Die Industrie ist behäbig und versucht Besitzstandswahrung zu machen auf Kosten der Nutzer. Ja, ich möchte, dass für meine Bücher bezahlt wird, dass Menschen sie gerne kaufen. Aber wenn sie es nicht tun, dann möchte ich keinen Überwachungsapparat, der sie wie Schwerstkriminelle behandelt, weil sie meine Sachen kopieren. Das geht so nicht. Sorry. Auch die Panik, dass niemand mehr Kunst kauft oder Bücher ist nicht berechigt: Bücher wird es so lange geben, wie Papier kein Strom braucht. (Und dass sie sich verkaufen sieht man ja an … tada! Herr Lehmann!)

Kunst ist wichtig für die Gesellschaft, denn sie reflektiert sie. Kunst bedeutet Auseindersetzung mit der Umwelt, Kritik und Sublimierung. Aber seien wir doch mal ehrlich: Hat die Industrie immer nur hochwertige Kunst geschätzt? Selten nur setzen sich gute Künstler durch, schaffen es die Massen mit der Tiefe ihrer Kunst zu erreichen. Die wenigen Künstler, die es geschafft haben, klammern sich nun an den großen Bruder in Form der Verwerter. Nachvollziehbar, aber sinnlos. Auch der Journalismus als vierte Gewalt hat nicht immer die Qualität geliefert, die man erwartet hat. Das rächt sich nun. (Guckt man sich zB die faz an, so scheint es doch funktionieren zu können.) Die Jahre, in denen einzelne über die Qualität von Kunst und Kultur entschieden haben neigen sich dem Ende zu. Kunst und Publizieren wird final demokratisiert. Und das ist auch gut so.

Was wir nun konkret tun können?

– Die Nutzer nicht für privaten Austausch repressieren. Niemals.

– Legale Angebote schaffen (Wäre auch aus Jugendschutzgründen attraktiv, Stichwort: Erotikwerbung)

– Bessere Bezahlmöglichkeiten etablieren bzw. auch die staatliche Förderung grundlegend überdenken

– Die sozialen Sicherungssysteme erneuern, so dass unabhängiger und freier geschrieben, gebastelt und gekünstelt werden darf

Das Verbreiten von Ideen läuft heute dezentraler, ebenso das Geld verdienen mit Ideen. Wir erleben einen Strukturwandel, der einer kapitalistischen Logik folgt: Geschäftsmodelle sterben, Geschäftsmodelle entstehen.

Ach, sie finden das kapitalistische System scheiße? Achso, ja, dann machen sie sich doch nicht mit diesem gemein!

Mit freundlichen Grüßen