Feminismus und Piraten

Seit ich meine Kandidatur bekannt gegeben habe ist ein Aspekt meiner Persönlichkeit wieder mehr in der Debatte vertreten: Feminismus. Leider gibt es sehr viele Unterstellungen und Missverständnisse, die ich hier einmal addressieren möchte.

Warum nenne ich mich Feministin?
Ich habe mich lange gegen den Begriff gewehrt, weil ich nicht verstand, worum es dabei geht. Frauen sind doch rechtlich gleichgestellt. Die großen Kämpfe haben wir doch hinter uns! Wieso kriegen die Frauen den Arsch nicht hoch und nutzen ihre Vorteile? Männer sind doch auch oft Opfer von Frauen! Die Liste an Argumenten geht ewig weiter. Doch spätestens, als ich während meines Shitstorms wegen des Spackeriainterviews merkte, wie sexualisiert und frauenfeindlich viele der Aussagen waren (“Die soll putzen, nicht reden.” – “Die muss man mal ordentlich durchnehmen” – “Das passiert, wenn man Frauen wählen lässt” etc.), beschäftigte ich mich intensiver mit Feminismus. Ich begann feministische Twitterstreams zu verfolgen. Und mit diesem Tweet begann alles Sinn zu machen: twitter.com/#/antjeschrupp/status/48075623335337984

JA! Genau, eine Analysekategorie! Natürlich! Es geht nicht um Zementierung von Geschlechterrollen oder Kampf gegen Männer oder Frauenförderung – das sind Seiteneffekte. Es geht um die Analyse der Geschlechterdifferenz. Also für mich. Und genau das ist auch mein Feminismus: Was ist biologisch, was sozialisiert? Kann man das trennen? Wieso reproduzieren sich Jahrhunderte alte Muster? Wieso denken wir, dass ein Kind zur Mutter gehört und nicht zum Vater? (Ich meine ja, dass Kinder Liebe, was zu essen und jemanden der ihnen den Arsch abwischt brauchen, aber gut…) Welche Eigenschaften werden Männer bzw. Frauen zugeschrieben? Inwiefern werden sie in Muster gesteckt, nur weil sie ein biologisches Geschlecht haben? Wo kommen die Klischees her? Wie sehen Rollenerwartungen aus, die an mich gestellt werden, nur auf Grund meines Geschlechts? Die Frageliste ist ewig und von mir noch lange nicht beantwortet. Noch lese ich viel dazu, habe mir zu einigen Fragen Antworten bilden können und verstehe nun sehr viel besser, was gegenwärtiger Feminismus ist und wieso er wichtig ist. Und er ist wichtig, denn Gleichstellung der Geschlechter haben wir noch lange nicht. Fürsorge liegt immer noch zu 3/4 in weiblicher Hand, ebenso wie 3/4 der Männer die Ernäherrolle spielen müssen, egal, ob sie die wollen. Männer sollen zum Bund, sollen stark sein und “harte Kerle”, während Frauen “weich” und “lieb” sein sollen. Und wenn sie es nicht sind, werden sie sozial bestraft. Häusliche Gewalt ist immer noch “normal” und in den USA fangen sie sogar an die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper wieder einzuschränken. Und Frauenrechte sind außerhalb von Europa immer noch eine riesige Katatstrophe! Und ja, ich will mich für diese Frauen einsetzen und ihnen ermöglichen, was ich ermöglicht bekommen habe! Und darum geht es bei meinem Feminismus: Diese Stereotype aufbrechen, die eine freie Entfaltung verhindern, die Gewalt produzieren und Menschen unterdrücken. Denn Ideen beherrschen Menschen. Und die Idee der binären Geschlechter, die gewisse Rollen zu erfüllen habe, ist eine der destruktivsten!

Die Wege sind vielleicht manchmal widersprüchlich, aber unser aller Ziel muss es sein, dass sich jeder Mensch frei entfalten kann – unabhängig von Druck und Zwang durch gesellschaftliche Vorstellungen, die auf den Chromosomen basieren. Denn das steht in unserem Grundsatzprogramm. (Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass die Partei nicht genau weiß, was sie damals in Chemnitz verabschiedet hat!)

Und natürlich nenne ich mich Feministin, weil Feministinnen dafür gekämpft haben, dass ich die (wie auch immer gute/schlechte) Chance habe Parteivorsitzende einer der größten Parteien in einem G8-Land zu werden. Alleine, dass ich dafür kandidieren darf ist ein unendlich epischer Gewinn im Vergleich zu vor 100 Jahren! Um es mit den Worten Hanna Beitzers zu sagen: Ich danke den Feministinnen jeden Tag auf Knien “dafür, dass Frauen heute in Deutschland Universitäten besuchen dürfen, dafür, dass sie wählen dürfen, dafür, dass sie auch ohne die Zustimmung ihres Ehemannes arbeiten dürfen, dafür, dass sie nicht mehr automatisch als Mündel des Gatten gelten, dafür, dass Vergewaltigung in der Ehe heute eine Straftat ist.” Und ja, ich nenne mich Feministin, weil ich denke, dass Feminismus “ein Kampf für Freiheit, für Gleichheit und für Gerechtigkeit” ist. www.sueddeutsche.de/politik/genderdebatte-in-der-piratenpartei-die-piraten-leiden-unter-feminismus-paranoia-1.1303473

Und ich finde, dass eine Partei, die sich Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat den Feminismus als positiven Freiheitskampf anerkennen sollte! Natürlich geht in so einem Freiheitskampf mal was schief. Ich meine, was haben wir Piraten schon alles dämliches gesagt, getan, gefordert? Freiheit ist unser Ziel, wieso bekämpfen wir eine Freiheitsbewegung? Und ist jede Aussage einer selbsternannten Feministin repräsentativ? Mir fallen da ein paar Piratensprüche ein, bei denen wir uns regelmäßig verwehren, dass die als repräsentativ wahrgenommen werden!

Auch halte ich an dem Begriff fest, weil er eine Tradition, eine Geschichte hat, die wir in der ganzen Fülle akzeptieren sollten. Piratenpartei war lange auch ein doofer Name. Aber wir haben ihn mit Leben gefüllt. (Und wenn ihr euch nicht Feminist nennen wollt ok, nennt euch von mir aus Equalist oder Tralilü. Solange ihr euch mit den Themen beschäftigt und die Probleme des Sexismus ernst nehmt ist mir das wirklich komplett egal. Aber bitte hört auf Feminismus per se als etwas schlechtes zu bezeichnen, wenn ihr nicht wisst, was die Person, die sich so nennt, damit verbindet.) Und ich will auch keine männlich sozialisierten Menschen diskriminieren, im Gegenteil. Ich verstehe unter Sexismus die Festlegung auf Rollenmuster. Das gilt für männlich sozialisierte Menschen genauso. Ich sehe, dass männlich sozialisierte Menschen als Hausmann und Väter eine wahnsinnige Diskriminierung erleben, dass sie zum Bund müssen und früher sterben. (Was aber auch an der Ernährung liegen kann. Was aber auch wieder Rollenklischees sind …)

Ja, das ist ein Problem, was aber auch darauf basiert, dass weiblich sozialisierte Menschen als “weich” und “schwach” stigmatisiert werden. Sexismus ist eine grundsätzliche Art und Weise die Gesellschaft wahrzunehmen, nämlich: Biologistisch. (“Typisch Mann, die können nichts dafür, dass sie so sind” oder “Männer sind nicht gefühlvoll, ist halt so” sind für mich ebenso Sexismus wie “Frauen und Technik! :rolleyes:”) Es geht bei dem Thema um viel mehr, als nur “Wieso sind so wenig weiblich sozialisierte Menschen in DAX-Vorständen?” Es geht auch darum: Wieso gibt es so wenig männlich sozialisierte Menschen in der Fürsorge? Wieso sind so wenig männlich sozialisierte Menschen Hausmann und Vater? Wir haben es in den letzten 40 Jahren geschafft weiblich sozialisierte Menschen Stück für Stück aus der traditionellen “Privaten Sphäre” zu bringen, haben aber vergessen, dass wir die “Private Sphäre” auch für männlich sozialisierte Menschen öffnen müssen. Dafür müssen wir gängige Geschlechterklischees bekämpfen, Männer als Vater denken und Frauen als Chefin. Und generell sollten wir die Kategorien “männlich” und “weiblich” abschaffen – aber das geht nicht durch Augen und Ohren schließen und “lalala” brüllen.

Jeder von uns muss sich darüber bewusst werden, welche Eigenschaften er Menschen zuweist, nur weil sie vermeintlich Penen oder Vagen haben! Jeder von uns muss sich hinterfragen. Und manchmal sind wir halt Sexisten. Solange wir wissen, dass es sexistisch ist und eigentlich doof, ist alles ok.

Das Gleiche gilt im Prinzip auch für Rassismus. Nur mit Herkunft statt Geschlecht und anderen Rollenzuweisungen! Siehe auch: juliaschramm.de/2011/10/30/wahrheit-und-normen/

flattr this!

  • Laser

    Interessant, dieser Wechsel vom Begriff Feminismus zum Begriff Sexismus. Ich sehe Feminismus nicht als Gegenpol zum Sexismus.
    Bei der Bekämpfung von Sexismus kann ich Dir voll zustimmen.
    Wobei nach meiner Erfahrung Sexismus innerhalb der Piratenpartei äußerst selten anzutreffen ist. Außerhalb – ist ja auch aktuell wieder in der Presse – muß noch einiges getan werden. Wobei es _auch_ oft nicht an “uns” Männern liegt, sondern _auch_ an den Frauen. Ähnlich wie bei den Piraten streben Frauen oft gar keine “Karriere” an.
    Im Alltag versuche ich einfach, Frauen gleich zu behandeln. Gleichbehandlung != Gleichberechtigung. (Wobei ich als älterer Mann, Frauen auch die Tür aufhalte und sowas aus der alten Schule halt ;-) )

    Btw. Für den Ton auf Twitter vorgestern muß ich mich entschuldigen. Don’t drink and tweet…

    Gruß
    @PiratLaser

    • Julia

      Feminismus in unserer Zeit bedeutet vor allem Kampf gegen Sexismus!

      Alles gut, habe den Artikel auch für dich geschriebenm :P

  • Maria

    Feminismus ist erstmal nur ein Wort: wie Demokratie. Sich Feministin zu nennen, zu studieren wie Menschen in diesem Fall Frauen mal leben mussten und es noch heute zu viele müssen (unterdrückt, einer Rolle zugewiesen, Gewalt ausgesetzt und vieles mehr), von Frauen (und auch wenigen Männern) zu wissen, die kämpften ist das zweite, aber auch noch lange nichts. Es ist plakativ und “Ich bin Feministin!” resultiert also nicht aus Erfahrungen und Taten, aus Mit-anderen-Menschen, aus Für-Sie sein, sondern eben aus dem Wort und aus Bildung.

    Wörter und Wissen sind mächtig, werden nunmal auch genutzt, instrumentalisiert, werden zu Schlagwörtern, Definitionen, Begriffen, zu Hashtags und zu Wahlkampf. Glücklicherweise aber lehrte mich zumindest die vor allem jüngere Geschichte, das letzte Jahrhundert ganz eindeutig, dass Menschlichkeit, die einfach _ist_, Taten und Zusammenhalt immer gewinnen werden. Dass aber Menschen, wie Politiker, die heute entweder junge Karrieristen sind oder alte Figuren, die alles wie Verkäufer als Produktionsmittel nutzen, sich schnell selbst entlarven, schnell selbst merken, dass hinter Wörtern und Wissen Menschen stecken, die nicht mit sich spielen lassen.

    Also: Politiker (mit oder ohne Partei) und Figuren (mit oder ohne Karriere) bedarf es nicht, aber auch nichtmal der Aufregung, dieses Gegen-sie-sein. Jedes Streben, das befreit, also das Ziel größtmögliche Freiheit für jeden einzelnen zu erreichen und zu erhalten, dafür braucht es nur Menschen, die es für sich selbst und für andere Menschen tun, nicht für Ziele einzelner oder Gruppen einzelner (Parteien) (wie Karriere), die nur noch Wörter sind.

    • PbIbbI

      interessant, aber bei Beckmann äußerst du dich für eine Frauen-Quote, welche sich nur auf eine kleine Gruppe Einzelner bezieht.
      Alles andere als 50% wäre aber ein Einschnitt in die Freiheit. Was sind die Alternativen?
      Und wenn es um Quoten geht, was ist mit transexuellen Menschen? Oder Geschlechtslosen? Oder Menschen mit körperlichem/geistigen Handicap? Immigranten? Homosexuellen? Um was genau geht es, das muss man doch analysieren und verstehen, am besten die betroffenen ansprechen.

      u.a. die freie entfaltung der eigenen! persönlichkeit und des lebensstiles benötigt freiheiten…(bitte “verinnerlichen”, denn das gehalt, der job und die karriere sind da auch mit eingeschlossen, die freiheit der berufswahl)

      Was soll nun die Quote in den DAX Unternehmen?
      böse Vorurteilstheorie: damit Fr. von der Leyen/Schröder/etc. im nächsten, übernächsten Wahljahr einen Sitz im Aufsichtsrat/Vorstand eines dieser Firmen ergaunern können. Um Vernunft oder das lösen von Ursachen geht es ihr garnicht, siehe Zensursula.

      • PbIbbI

        //edit plz
        Jede Art von Quote ist im eigentlichen ein Einschnitt in Freiheit.

        • PbIbbI

          nochmal edit…Entschuldige, ich denke, ich verwechsel dich mit Marina von der Piratenpartei :-D

        • Julia

          Steuern zahlen auch. Straßenverkehrsordnung auch. Schulzwang auch. Freiheit kann niemals grenzenlos sein.

          • PbIbbI

            stimm dir zu und
            die usa haben das auch schon mit afroamerikaner-quoten versucht (sowie extra 250punkte bei uni tests etc.)
            danach haben sie frauenquoten, hawaiianerquoten, latinoquoten, behindertenquoten und und und eingeführt…
            keine der quoten wurde je wieder abgesetzt, stattdessen kamen immer mehr..

            und bei VW möchte nun einer der Chefs seine Frau in den Aufsichtsrat holen….so hat man sich die frauenquote aber bestimmt nicht vorgestellt.

            in all der diskussion habe ich aber nie etwas zu alternativen einer quote gehört, vielleicht hat man sich einfach nie gedanken darüber gemacht…

          • Mike

            Nur dass durch Steuern quasi alle ihre Freiheit eingeschränkt bekommen.

            Bei einer Quote werden nun Männer per Gesetz diskriminiert. In den Branchen gibt es meist gar nicht genug Frauen, die für den Job geeignet sind. Genauso wie eine 50% Männer Quote im Kindergarten nicht durchsetzbar wäre. Es wird aber kommen, weil Gegner wieder öffentlich gebrandmarkt werden.

            Wenn ihr Feministinnen schlau seid seht zu, dass ihr die Schwarzer loswerdet, denn sonst werden die Leute den Feminismus bald komplett ablehnen.

  • http://www.spreemieze.com Sabrina von Fersen

    Ich nenne mich auch Feministin, weil es immer noch provoziert, und ich mag dieses kurze betretene Schweigen. Wie jetzt Feministin? Du siehst gar nicht so aus…

    Wie sieht man denn als Feministin aus??? Ja, ich schminke mich und das gerne, ich trage Kleider und Röcke und ich bin unabrückbar für die totale Gleichberechtigung für Mann und Frau. Menschenrechte sind Frauenrechte. Wir sind deine unterdrückte Mehrheit – auf der ganzen Welt!

    Es muss noch viel getan werden.

    • Mike

      Totale Gleichberechtigung? Als weg mit Frauenparkplätzen? keine Quote? Frauen als Möbelpacker, als Kanalarbeiterin und als todgeweihte Säuberin nach Kernschmelzen? _innen auch an negativ behaftet Worte gehängt und nicht nur an positive? Gleiches Strafmaß wie Männer? anerkennung, dass auch Frauen Kinder sexuell missbrauchen?

      Überlegs dir lieber nochmal.

      • Julia

        Ja.

      • Ute

        @Mike:
        >Totale Gleichberechtigung? Als weg mit Frauenparkplätzen?

        Frauenparkplätze sind an gut erreichbaren, gut beleuchteten Stellen, als ein kleines bisschen Schutz vor männlicher Gewalt. Sexualisierte Gewalt ist zu 99,9% männlich (bitte Statistiken googeln!). Sobald frau sich nicht mehr vor solcher Gewalt fürchten muss, brauchen wir auch sowas wie Frauenparkplätze oder Frauenhäuser nicht mehr. Also Männer – bewegt Euch!

        >keine Quote?

        Klar. Sobald Frauen die gleichen Chancen haben wie Männer brauchen wir doch keine Quote. Haben sie aber zur Zeit noch nicht.

        >Frauen als Möbelpacker, als Kanalarbeiterin und als todgeweihte Säuberin nach Kernschmelzen?

        Selbstverständlich. Sofern sich die betreffenden Frauen das selbst aussuchen. Die betreffenden Männer haben sich das ja auch selbst ausgesucht. Habe mal einen Möbelpacker, der für 4,50 Euro pro Stunde rackerte, gefragt, warum er nicht für 10 Euro die Stunde lieber putzen geht. Seine Antwort: Bevor er putzen geht, fällt er lieber tot um beim Möbelpacken.

        > _innen auch an negativ behaftet Worte gehängt und nicht nur an positive?

        Beispiele? Wird doch schon gemacht. Mörderinnen stehen auch in der Zeitung. Nur halt nicht so oft, weil nämlich 96% aller MörderInnen männlich sind.

        >Gleiches Strafmaß wie Männer?

        Für gleiche Verbrechen bekommen Frauen das gleiche Strafmaß. Allerdings begehen Frauen meistens weniger schwere Verbrechen als Männer. Über 80% aller Gewalttaten werden von Männern begangen. Recherchiere doch mal die Statistik.

        >anerkennung, dass auch Frauen Kinder sexuell missbrauchen?

        Haben wir doch schon. Aber siehe Statistik.

  • Alexander Erben

    Ich finde, das Problem wie bei jedem -ismus, welcher das davor stehende Kriterium (Rasse, Geschlecht, Nationalität, Rationalität oder Empirie usw.) als stark entscheidend in den Vordergrund rückt, ist die für viele, die es lesen, sich daraus ableitende relativ eng gesteckte Sicht. Wenn es aber inzwischen um so viel mehr geht, wenn die Bewegung und Forschung nicht mehr ausschließlich die freiheitlichen Belange von Frauen zum Inhalt hat, dann ist der Begriff Feminismus eben auch nicht mehr treffend, wie ich glaube.
    Und eine inhaltliche Begriffserweiterung, die man möglichst allen (auch und gerade den Skeptikern) verständlich machen möchte, gestaltet sich nun mal schwierig wenn auf rein äußerlich sprachlicher Ebene das ganze noch immer so benannt wird als wäre das hauptsächliche Thema das gleiche wie von vor 50 Jahren.
    Für sich und seine Mitstreiter eine neue Bezeichnung zu finden, welche der Sache, für man sich einsetzt, gerechter wird, hat meines Erachtens weder etwas mit Verrat noch überhaupt etwas mit Abgrenzung zum vorherigen Äußern und Handeln zu tun – wie gesagt, es geht um Erweiterung.
    Gewisse grundsätzliche Anti-Leute kriegt man natürlich auch damit wohl nicht. Für die ist “Genderologie” dann mindestens so ein starkes Reizwort wie “Feminismus” oder “Queer”. Aber die Leute, um die es sich um kämpfen lohnt – diejenigen, deren Meinung sich *nicht unbedingt* proportional zur Uninformiertheit verhält, die sind dann vielleicht weniger abgeneigt, zuzuhören. Erst mal provozieren zu wollen ist für mein Empfinden jedenfalls nicht der optimale Weg, um einen Dialog zu beginnen, weil dann direkt alles gefiltert wird was man sagt (“Jaja, die ist Feministin, ist ja klar dass sie das sagt, eigentlich will die ja heimlich nix weiter als Schwänze abschneiden gnagnagna”)
    Und aus diesem Grund nenne ich mich *nicht* Feminist – obwohl ich sonst alles zu 100% unterschreibe, was Julia hier über Inhalt und Wichtigkeit dessen, wofür sie sich einsetzt, geschrieben hat. :)

  • Rüdiger

    Gerade hatte ich einen halben Roman geschrieben und wieder gelöscht, weil ich mich in Nebensächlichkeiten verrannt hatte. Dabei wollte ich doch eigentlich nur danke sagen, dafür daß Du ständig meinen Horizont erweiterst.

    Ich hatte mich doch tatsächlich jahrzehntelang für einen Feministen gehalten. Dir hab ich’s zu verdanken, daß ich jetzt das Gefühl habe, wieder am Anfang zu stehen. Und das betrachte ich durchaus als Gewinn. Es bedeutet nämlich, daß ich wieder etwas bewegen kann, ohne bereits begangene (Denk-)Fehler zu wiederholen. Eine großartige Chance, mich zu verbessern.

    Grüße und Gottes Segen!

    Rüdiger

  • http://blog.katrin-roenicke.net dieKadda

    Auch halte ich an dem Begriff fest, weil er eine Tradition, eine Geschichte hat, die wir in der ganzen Fülle akzeptieren sollten.

    Dass ich diesen Satz in deinem Blog lesen darf <3

  • http://allesevolution.wordpress.com Christian

    Das Problem an dem Begriff Feministin ist doch, dass da alles mögliche reingestopft wird.

    Eigentlich heißt es ja im Feminismus immer wieder auf Kritik hin, dass es den Feminismus gar nicht gibt.
    Aber dann soll Feminismus wieder für alles stehen, was einem gerade passt.

    Hier eben für Gleichberechtigung und in dem Sinne ist ja auch wirklich nichts gegen Feminismus zu sagen.

    Das Problem tritt ja dann eher bei dem theoretischen Überbau auf. Da kann man eben sehr geteilter Meinung sein, was da richtig und falsch ist. Und die Aussage “ich bin Feministin, weil ich für Gleichberechtigung bin” ist halt von zB einer Genderfeministin einschließlich Privilegientheorie eher in Frage zu stellen, weil sie eben nicht mehr für Gleichberechtigung ist, weil Männerdiskriminierungen nicht gleichwertig angesprochen werden dürfen und Männer eingeschränkt werden.

    Dann doch lieber einfach dazu stehen, welche Richtung man im Feminismus vertritt, sich dann aber auch Kritik an dieser Richtung gefallen lassen und darüber diskutieren

  • Hypothetix

    Hallo Julia…schöner Eintrag.

    Ich bin nach anfänglicher Skepsis, durch viel nachdenken und Unterhaltungen zu der Überzeugung gekommen, dass wir in unserer Gesellschaft die geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen überwinden müssen. Es geht hier nicht um Frauenparkplätze oder sowat…wie oben erwähnt

    . Es geht einfach darum, dass an die Geschlechter Rollen gebunden sind. Sprich “Mann = (z.B) Ernährer der Familie”, “Frau = Behüterin der Kinder”. Man hört öfters das Männer erst ihre Familie, zum Schluß sich selbst hinrichten, weil sie nicht mehr wussten wie sie die Familie “durchbringen” können….da sieht man mal was für enorme Erwartungen an die Rolle geknüpft sind. Erwartungen die man auf keinenfall entäuschen darf, andererseits droht geselschaftliche Ächtung oder zumindest Isolation.

    Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass fast nichts von dem was wir tun biologisch bestimmt ist, sondern das Rollentypen immer wieder reproduziert werden.

    Wenn du deinem Rollentypus nicht entsprichst hast du’s schwer. Als Frau könntest du z.B als “Mannsweib” diffamiert werden, als Mann meinetwegen als Memme oder Schwuchtel oder was auch immer.

    Wir haben uns also sehr enge Rollen gebaut, die eine freie Entfaltung des Individuums verhindern. Hier sollte man gegen ankämpfen. Ich möchte mich frei entfalten, auch über irgendwelche Rollen hinweg….ich möchte tun und machen dürfen was ich will (solange ich damit keine anderen gefährde) und nicht nur vermeintlindlich männliche Sachen tun können, da ich sonst Gefahr liefe von der Gesellschaft nicht mehr wirklich anerkannt zu werden.

    Man darf auch nicht vergessen, dass es Menschen gibt die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. Was ist mit diesen Menschen? Es gibt keine Rolle für sie….sie müssen sich also entweder gegen ihr inneres Gefühl für eine ROlle entscheiden, oder aber am gesellschaftlichen Rand leben….das ist doch kein guter Zustand…..keine Freiheit, sondern Unterdrückung…in meinen Augen.

    Also mir als Mann, der erst so langsam begreift was Feminismus bedeutet, geht es ganz klar nicht darum das Frauenparkplätze abgeschafft werden oder sowas….es geht einfach darum, das wir jedem Menschen das Recht geben sich frei und unabhängig zu entfalten, ohne sich zwangsläufig für eine der geschlechtsspezifischen Rollen entscheiden zu müssen!

    Das Wort Feminismus macht es für viele vielleicht nicht ganz klar, es geht um HUMANISMUS. Es geht um den Blick auf den einzelnen Menschen…auf seine Gedanken, seine Gefühle und seine Ideen, losgelöst von dem engen Korsett der geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen.

    Dafür stehe zumindest ich ein!

  • http://www.fau.org Thomas

    “Und generell sollten wir die Kategorien “männlich” und “weiblich” abschaffen”

    Warum wird dann am Begriff des biologischen Geschlechts festgehalten? Wie soll mensch das Gender abschaffen, wenn mensch an dessen Basis dem sex festhält? Feminismus im 21. Jh. sollte weiter sein, spätestens seit Judith Butlers’ heterosexuellen Matrix oder medizinisch fundiert seit Heinz-Jürgen Voß Dissertation.

    Trotzdem schön zu sehen, dass es auch bei den Pirat_innen angekommen ist, dass es eben auch in der westlichen Welt noch lange kein erledigtes Thema ist und der Bezug auf die feministische Tradition verhindern hoffentlich die Wiederholung des alten Fehler, also die geschlechtsbezogene Diskriminierung von anderen Aspekte zu isolieren.

    • Julia

      Naja, da wäre halt noch die Fortpflanzung …

  • http://schwarzbart.wordpress.com schwarzbart

    Ich hab ein grundsätzliches Problem mit -Ismen. Aber das mag ein Definitionsproblem sein.
    Was ich wesentlicher finde, was ich überwunden sehen möchte, ist diese Kluft zwischen unserem So-Sein und den uns allen aufoktroyierten Rollenclichées.
    Nur ändert auch das nichts daran, dass ein paar Differenzen zumindest gehäuft auftreten zwischen Männern und Frauen. Wie ist zum Beispiel erklärbar, dass Frauen beklagen, weniger zu verdienen als Männer und sich dann immer wieder in den Jobs wiederfinden, in denen sie weniger verdienen MÜSSEN? Es mangelt ernsthaft an weiblichen Ingenieuren so wie es an männlichen Grundschullehrern fehlt.
    Hier wird eine Sozialisierung in eine freie, offene Gesellschaft hinein zweifellos zu bessere Ergebnissen führen als eine Erziehung auf Rollenmodelle hin.
    Aber Ismen mag ich dennoch nicht.

    • Ute

      Schwarzbart schrieb: Wie ist zum Beispiel erklärbar, dass Frauen beklagen, weniger zu verdienen als Männer und sich dann immer wieder in den Jobs wiederfinden, in denen sie weniger verdienen MÜSSEN?

      Müssen??? Andersrum wird ein Schuh draus: Wieso sind die Gehälter in traditionell weiblich besetzten Stellen geringer als in traditionell männlich besetzten? Wieso verdient denn der KFZ-Mechaniker mehr als die Erzieherin? Doch nur, weil die Gesellschaft denkt, sie kann Frauen für ihre Arbeit weniger bezahlen, und weil viele Frauen das zu akzeptieren bereit sind.
      Warum gibt es so wenige Männer in der Grundschule? Weil man da schlecht verdient. Und weil Mann eine Familie ernähren will bzw. muss. Und das “muss” er, weil er eine möglichst attraktive Partnerin finden will, und diese wiederum sucht einen Mann, der möglichst hohen Status und Gehalt hat. Und das wiederum sucht sie, damit ihre Kinder möglichst abgesichert aufwachsen können.
      Meine These: Macht die Mütter ökonomisch unabhängig. Dann ändern Frauen ihr “Beuteschema”. Dann geht der Druck weg von den Männern, immer der Geldmacker sein zu müssen. Dann nimmt vielleicht die Supertraumfrau lieber den armen Erzieher, weil der mehr Zeit hat und besser mit ihren Kindern umgehen kann, als den gestressten Daimlermanager, der viel Geld hat aber nie Zeit.

      Warum wird die Lebensleistung einer durchschnittlichen Frau mit halb so viel Rente vergütet wie die durchschnittliche Lebensleistung eines Mannes? Weil die Gesellschaft findet, dass das, was Frauen typischerweise tun (Kinder in die Welt setzen, erziehen, Alte pflegen, gestressten Männern den Rücken für Überstunden freihalten, Hausarbeit, Erzieherin sein, Lehrerin, Germanistin, Krankenschwester, Friseurin, Verkäuferin, etc. etc.) weniger wertvoll ist. Ist das gerecht?

      • Ich

        Danke Ute, gefällt mir gut. Insgesamt denke ich, daß vieles das als Frauenproblem genannt wird, eigentlich als Familienproblem gelöst werden sollte. Wenn man das, was oft Erziehungsarbeit bei Eltern genannt wird, auch als Arbeit vergütet. Wenn es eine Männerquote im Kindergarten und bei Schlecker gibt. Wenn es finanziell reizvoller ist, wenn der Vater auf 30h/Woche reduziert.

  • Ich

    “Wieso denken wir, dass ein Kind zur Mutter gehört und nicht zum Vater?”

    Ja Julia, wieso denken wir das? Wichtiger für mich ist aber: Wieso entscheiden Gerichte immer so? Und an dieser Stelle: Wo bleibt der Aufschrei der Feministen? Er ist nicht da. Er kommt nie. Mein Gleichstellungsbeauftragter sagt mir auch nie, ich solle “Terroristinnen und Terroristen” schreiben, wohl aber “Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter”.

    Feministen schauen gerne weg, wenn Männer benachteiligt werden. Die Benachteilung von Frauen ist ein unumstößliches Dogma, die Benachteilung von Männern eigentlich gar nicht existent. Und in dieses Horn stößt gerne auch Frau Schrupp.

    Und deshalb reagiere ich sehr gereizt, wenn sich jemand als Feministin bezeichnet.

  • Ute

    Warum denken wir, dass Kinder zur Mutter gehören?
    Könnte es vielleicht damit zusammen hängen, dass Mütter 9 Monate lang ihren Körper umgebaut bekommen, in dem das Kind wächst, dann ca. 1 Jahr lang wieder den Körper zurückgebaut bekommen, bis sie sich von der Schwangerschaft richtig erholt haben, dass für Pipi, Kacka, Kotze und Rotz normalerweise Mama zuständig ist, dass Mama das Kind i.d.R. 6 weitere Monate mit ihrem Körper ernährt, dass Mama die ist, die in der Nacht 5mal aufsteht zum Wickeln, Stillen, Rumtragen, Liedchensingen, die beim Elternabend in Kindergarten und Schule auf kleinen Holzstühlchen den Hintern plattdrückt, die Vesperdosen mit Apfelschnitzen zurechtmacht, im Sandkasten mit Kuchen backt, die Bilderbücher und später 3-Fragezeichen vorliest, Martinslaternen und Schultüten bastelt, Weihnachtssterne faltet und Ostereier färbt, die Hausaufgaben nachschaut, mit den Lehrerinnen redet, die Kinderwäsche kauft, wäscht,, bügelt, flickt, Pflaster dabei hat und Tränen abwischt, zum Musikunterricht und zum Sportverein kutschiert, die Geburtstagsparties plant und durchführt, Kinderzimmer aufräumt, über Sex aufklärt und noch so vieles andere mehr.Und die ihren eigenen Berufsweg und finanzielle Absicherung den Kindern opfert. Wer Kinder hat, guckt Euch mal um, wie oft Männer dies alles tun. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber das sind tatsächlich Ausnahmen. Sobald Männer genau diese Sachen auch tun, werden viele Leute natürlicherweise finden, dass Kinder genauso zum Vater gehören wie zur Mutter.

  • Ute

    Wir brauchen tatsächlich eine Männeremanzipation.

    In den letzten 50-100 Jahren haben sich Frauen vieles erkämpft, woran sie vorher kaum Teilhabe hatten. Das Resultat ist, dass heute bei uns viele Frauen eine gewisse Teilhabe in beruflichen und politischen Bereichen erreicht haben. Dafür können sie weniger Zeit für Kinder, Altenpflege, Hausarbeit aufbringen. Dort eingesprungen sind aber nicht die Männer, sondern andere Frauen, die als Putzfrau, Erzieherin, Tagesmutter, Altenpflegerin etc. arbeiten. Die ganze Entwicklung hat sich einfach innerhalb der Frauen abgespielt. Die Männer haben sich kaum verändert.

    Männer – erkämpft Euch eine gleiche Teilhabe an der Hausarbeit, an der Pflege Eurer Eltern, an der Betreuung der Kinder! (Für Details hierzu siehe mein letzes Posting :-) )

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