Logik und Leidenschaft

Manic depression is touching my soul
I know what I want but I just don’t know
How to, go about gettin’ it
Feeling sweet feeling,
Drops from my fingers, fingers
Manic depression is catchin’ my soul
(Jimi Hendrix)

Ich mag den Juni nicht. Er ist herzlos in seiner distanzierten Schwüle und spannt eine feucht-klebrige Glasglocke, unter der ich zu Ersticken drohe. Nur hört mein Japsen keiner während ich völlig entrückt durch Berlin wandele. Mein Blick ist permanent von einer Milchglasschicht getränkt, auf der ich die Abdrücke meiner verwunderten Hände zu ignorieren versuche, während ich mich in die kalten englische Moore sehne. Die Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Strukturen klar, die Entscheidungen irrational, aber zwingend waren, ist in solchen Momenten nie größer. In einer Gegenwart in der ich dazu verdammt bin alles tun zu dürfen, wird die Leidenschaft durch Rationalität verwässert, von der Rechtfertigung für überemotionales Handeln zerstört. Wir erheben Logik zu einem Götzen, der zumindest meinem Wesen eine grundsätzliche Unzulänglichkeit abverlangt.

Formale Logik ist das Dogma unserer Zeit – alles muss in sich schlüssig und folgerichtig sein. Selbst gesellschaftliche Organisation wird unter dem Stichwort Rationalisierung seit dem Utilitarismus diesem Dogma unterworfen. Widersprüche eindämmen, gemeinsam agieren, gemeinsam schaffen – zum Wohle aller. Konkret bedeutet das Leid maximal zu verringern. Schon die Stoiker hatten sich das Ziel gesetzt möglichst wenig Leid erfahren zu müssen. Ängste nehmen, Ungerechtigkeit aufheben, kurz: Eine bessere Welt schaffen, in der niemand leidet. Ist das Eindämmen des Leids das Endziel der Werte von 1789?

Leid vereint begrifflich alles, was eine Belastung für Seele und Geist darstellt, also die Nicht-Erfüllung von Bedürfnissen, Hoffnungen und Erwartungen, aber auch Verlust, äußere Zwänge, Bedrohung, Schmerz und zahlreiche andere Dinge, die subjektiv als Leid empfunden werden können. (Vgl. Wikipedia :)) Denn einig ist man sich nur im Belastungsmoment. Leid ist etwas sehr individuelles, etwas persönliches und definiert mich und meine Sicht auf die Welt. Es macht mich individuell. Ist es deswegen nicht gefährlich Leiden abschaffen zu wollen? Ist das Leid nicht eben das, was uns von einem Roboter unterscheidet? Die leidlose Gesellschaft ist die eigentliche Utopie hinter Brave new world.

Ich dagegen leide irgendwie gerne, denn nur in Zeiten des Leidens bin ich mir wirklich nahe, auch wenn ich kaum in der Lage bin mich klar zu artikulieren und der Welt gegenüber verschlossen bin – ver-rückt eben. Was passiert, wenn ich nicht mehr leiden will? Leiden unter den ewigen Wiederholungen, der selbst auferlegten Geiselhaft und dem Genie und der Leichtigkeit der Anderen. Verliere ich mich dann nicht in der Masse? Verliere ich meine Individualität, wenn ich nicht mehr beleidigen und beleidigt werden kann, wenn ich keine Leidenschaft mehr empfinde? Leid ist das Antonym der Freude – ohne Leid kann sie nicht bestehen. „Wie, wenn nun Lust und Unlust so mit einem Stricke zusammengeknüpft wären, dass, wer möglichst viel von der einen haben will, auch möglichst viel von der andern haben muss, — dass, wer das „Himmelhoch-Jauchzen“ lernen will, sich auch für das „zum-Tode-betrübt“ bereit halten muss?“ (Vgl. Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft) Und so definiert Nietzsche die fröhliche Wissenschaft als das Lernen vom Leben in Form von Leid und Freude, von Schmerz und Glück, garniert mit einer guten Prise Humor und Selbstironie. So wie Harry Haller das Lachen von Mozart lernt. Nicht zuletzt der Humor erschließt sich der Logik gerade nicht, sondern torpediert sie in ihrem Kern als Selbstzweck. Doch Humor ist ohne Leid und Freude nicht möglich. Denn seien wir ehrlich: Würden wir über Hitler ohne den Holocaust so lachen, wie wir es tun?

Eine Welt der totalen Gleichheit bedeutet eine Welt ohne Tragik, ohne Verzweiflung, ohne Liebe. Mit dem Ziel das Leid abzuschaffen, verschreiben wir uns der Idee die Freude, die Extreme, das Auf und Ab zu beenden; und letztlich das Individuum in der freud- und leidlosen Gesellschaft untergehen zu lassen. Eine Gesellschaft, in der jeder rational, vernünftig und besonnen ist. Eine Welt in der es keine Morde, keine Verleumdung, keine Beleidigungen, keine Depressionen gibt. Eine Welt, in der ich nicht werde leben können.

P.S. Der Text ist unter Eindruck dieses Videos entstanden: Wuthering Heights