Deutschland und Kulturnation

Lieber Thilo,

nun gebe ich dir auch einmal Aufmerksamkeit. Ich duze dich, denn ich denke, dass du mich mögen wirst, schließlich bin ich angeblich intelligent und wohl erzogen worden – in deutsch. Und ich bin getauft worden. Sogar christlich.  Mein dunkelblondes, halbblauäugiges Wesen schlägt gerade auch eine Namensänderung in Gottholde vor. Deiner Zuneigung muss ich mir so sicher sein, richtig, lieber Thilo? Soll ich mir vielleicht noch Zöpfe flechten? Ach, Thilo, du würdest mich bezaubernd finden!

Ich habe dein Buch nicht gelesen und werde das auch nicht tun – lieber lese ich Bücher, die mir erklären, woher deine Ansichten kommen und wieso sie auf so fruchtbaren Boden fallen. Diese Bücher nun sagen mir, lieber Thilo, dass du ein recht altes Konzept deiner Nationsvorstellung polemisch und auch etwas dumm in die Welt trägst: Die Idee der deutschen Kulturnation. Nun, ich möchte doch fair sein und dir wohl erklären, was nun das Problem an diesem Konzept ist, welche Gegenkonzepte es gibt und warum du mit deinem Buch wahrhaftig ein Brunnenvergifter bist – ja, mir, die du doch so gerne mögen würdest, alle Grundlage für anständige, gemeinwohlorientierte Politik nimmst. Doch gehen wir ein paar Schritte zurück, denn, obwohl du dich selbst sehr wohl in den Kreis der auserwählten Intelligenzja dieses Landes rechnest, offenbaren doch deine Aussagen gänzlich das Gegenteil, so dass ich mich verpflichtet fühle dir grundlegend zu erklären warum du ein Rassist bist.

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Figuration und Revolution

„Das ist eigentlich mein Ziel: Wie kann man Politik von den großen Worten, von den unwirklichen Idealbildern befreien, die sie heute beherrschen, und sie auf die solide Basis des Verständnisses und der Kenntnis, wie eine Gesellschaft wirklich funktioniert, zurückbringen?“ (Norbert Elias)

Nun denk‘, die Piratenwelt steht auf dem Kopf. Apodiktische Beschwörungen folgen einander, die Presse lobt unverichteter Dinge, der Bundesvorstand ist zerissen ob Hahnenkämpfe und Kritik will sich keiner zu eigen machen. Die Einführung des digitalen Meinungsbildungstool Liquid Feedback wurde also erstmal gestoppt – sehr zu meinem Bedauern, war ich doch von Anfang an ein glühender Verfechter, ja bin ein leidenschaftlicher Anhänger der Idee. Und obwohl Liquid Feedback und Liquid Democracy nicht identisch sind, bin und war ich doch gewillt Liquid Feedback als die Gelegenheit der Stunde zu akzeptieren, endlich den Betrieb aufzunehmen und zu gucken, was so passiert. Erst mal Handeln, dann reden. In der Ablehnung manifestieren sich nun verschiedene Problem- und Konfliktlinien: Ideologischer, strategischer und zwischenmenschlicher Natur. Ideologisch spitzen sich die Flügel Datenschutz vs. Transparenz zu, auf der einen Seite die Angst vor dem Anonymitätsverlust im Netz, auch gerade bei politischen Entscheidungen; auf der anderen Seite die Forderung nach totaler Transparenz. Grundlegend sind hier nun die Fragen: Wer handelt politisch? Ab wann handelt man politisch, ja was ist politisches Handeln? Diese Fragen brennen auf der zarten Seele der liquiden Demokratie und beschäftigen die Menschen seit, ja – jeher? Gläserner Staat, statt gläserner Bürger – aber was ist ein einfaches Parteimitglied? Teil des Staates oder Teil der Bürger? „Figuration und Revolution“ weiterlesen