Der neue Geheimdienstoptimismus ist da!

Der Name Edward Snowden steht schon jetzt für die Enthüllungen des größten Überwachungsskandals in der Geschichte. Die Enthüllungen bestätigen, was noch vor Kurzem skeptisch als paranoid bezeichnet wurde: Die Nachrichtendienste dieser Welt nutzen die neuen technischen Möglichkeiten, um Informationen über die Bevölkerung zu sammeln. Und das in einem überraschenden Ausmaß. Also überraschend für diejenigen, die bisher davon ausgingen, dass die Nachrichtendienste sich im rechtsstaatlichen Rahmen bewegen. Dies ist nicht der Fall. „Der neue Geheimdienstoptimismus ist da!“ weiterlesen

Orwell und die Piratenpartei, oder: Warum der Einzug in den Bundestag scheitern musste.

Hier endlich mal wieder ein Gastbeitrag. Diesmal von @harryliebs, der eine Antwort darauf sucht, was im Wahlkampf der Piratenpartei zur Bundestagswahl 2013 schief gelaufen ist. Viel Spaß! (Und wenn ihr auch mal gastbeitragen wollt, meldet euch!)

Keine deutsche Partei hat sich gefühlt so oft auf George Orwell und seinen Roman 1984 bezogen wie die Piratenpartei. Bei der Qualitität der Bezüge sieht es wohl anders aus, sonst hätten wir vielleicht gemerkt, dass zwischen den „five eyes“ (Geheimdienste der USA, UK, Neuseeland, Australien, Kanada) und Oceania eine geographische Parallele besteht und wir den Wahlkampf damit verbrachten „death to Oceania“ zu rufen. Wir hätten vielleicht auch gemerkt, dass es bei Orwell um Machterhalt durch die Verunmöglichung von Freundschaft, Liebe und Solidarität geht, etwas was in unserer Partei weitgehend fortgeschritten ist. Aber dazu später mehr.

These 1: Das Internet ist Angstraum geworden

Alles in was wir unsere Hoffnungen gesetzt haben – die Vernetzung der Bevölkerung, die Schaffung digitaler Plattformen zur politischen Selbstbestimmung, die Welt, die wir vor Sperren, Verboten und staatlichen Zumutungen retten wollten, wir haben Angst vor ihr und diese haben wir auch vermittelt. Vielleicht konnten wir gar nicht anders als mit einzustimmen als die Zeit der Facebook- und Twitterrevolutionen vorbeiging. Es bleibt jedoch festzustellen: Die Kommunikation im Netz ist eine Frage der nationalen Verteidigung geworden und angesichts dessen sprang ein Großteil der Bevölkerrung der CDU/CSU auf den Schoß. Vor lauter NSA und GCHQ, deutschem Boden und deutscher Souveränität ist uns der Optimismus verloren gegangen. Dabei hat gerade die Episode um den Taksim Platz in Istanbul gezeigt, dass die Möglichkeiten der Kommunikation im Netz zu allererst ein Quell der Angst für autoritäre Regierungen sein sollten.

These 2: Unsere Kommunikation trägt dazu bei.

Auch die Art, wie wir Pirat*innen (mich eingeschlossen) miteinander kommunizieren, hat zumindest das Potential, Angst zu wecken. Das Problem sind nicht nur irgendwelche übriggebliebenen von Klüngeln schwafelnden Parteitrolle, sondern es ist der allgemeine Neid, die Missgunst und das grenzenlose Misstrauen in Menschen, denen wir am Tag zuvor noch Verantwortung gegeben haben. Kein Amt ist unwichtig genug, um nicht Machtmissbrauch anzuprangern, kein Argument unter den Grundrechten ausreichend und keine Gefahr niedriger zu werten als z.B. der Daten-Gau. Dass es, wenn wir die jetzige Entwicklung fortschreiben, bald keine Ressourcen mehr zu verteilen gibt und die Verlockung zum Machtmissbrauch gegen Null gehen wird, ist da Nebensache. Menschen, die so viel Misstrauen verinnerlicht haben, die diese maximale gegenseitige Kontrolle (wir nennen das verharmlosend Transparenz) praktizieren, traut eins keine passable Kampagne gegen die Überwachungs- und Kontrollgesellschaft zu. Daneben galt es den Linksruck, Vergrünung, Feminismus und Verfassungsfeinde allerorten abzuwehren, bzw. dem bürgerlichen Flügel das Wasser abzugraben.

These 3: Wir waren kampagnenunfähig.

Durch unsere Weigerung, uns einer politischen Auseindersetzung über die Ausrichtung der Partei zu stellen, für welche ohnehin immer noch keine geeignete Plattform besteht , blieb uns nichts anderes übrig als ungefährliche Themen zu bearbeiten. So wurde ein durchaus gruseliges Uni-Projekt in Kleinstdemos so bekämpft, als handele es sich um Skynet und jede noch so affirmative Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts jubelnd begrüßt. Die Parole war: Durchhalten bis zur Bundestagswahl!

These 4: Wir werden auch kaum mehr kampagnenfähig werden.

Die Veröffentlichung der Snowden Papers schreitet scheibchenweise voran, wir hetzen den Themen hinterher. Ihre vermeintliche Relevanz und der damit verbundene Leistungsdruck, wird es uns weiterhin verbieten eine Kampagne gegen staatliche Überwachung zu beginnen. Weder werden wir definieren noch vermitteln können was Privatsphäre ist, noch die Kontrollgesellschaft bekämpfen, welche wir wie oben beschrieben sowieso für absolut notwendig erachten. Ehrlicherweise – wir waren nicht einmal in der Lage „Asyl für Snowden“ und unser durchaus hervorstechendes Asylprogramm gemeinsam zu kommunizieren. Wenn neue Snowden Papers auf den Markt kommen, ist jede Arbeit von Landtagsfraktionen und ihre bisherigen Bearbeitungsstände vergessen, es gilt nun, diese möglichst schnell garniert mit den Buzzwords „Orwell“ und „Grundgesetz“ in PM-Form zu pressen. Bei so ziemlich jeder PM zur NSA während des Wahlkampfes fühlte ich mich an den Two Minute Hate in 1984 erinnert.

Es ist daher durchaus möglich, dass die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU und ihre Bündnispartner die NSA zurechtstutzen werden, während der ebenfalls full-take betreibende BND seinen Prachtbau unweit unserer Parteizentrale beziehen wird und durch die VDS die Ermittlungsbehörden freie Hand haben werden. Dabei wären es doch gerade wir, die sich überzeugend gegen Überwachungsschland wenden könnten.

These 5: Lost causes are beautiful.

2014 ist ein neues Jahr. Es wird eine Europawahl, drei Landtagswahlen und Kommunalwahlen geben, nicht nur wird der Pöstchengenerator auf Hochtouren laufen, wir haben zumindest drei große Chancen, den Hype von 2011 zu wiederholen. Ich bin der Auffassung, wir sollten dies trotz des obigen negativen Ausblicks tun. Manche von uns sind einfach zu chaotisch und unangepasst, um in einer anderen Partei Politik zu gestalten, andere zu alt. Die Piratenpartei hat die Chance, eine freiheitlich linke Partei zu sein und damit eine immer weiter klaffende Lücke im Parteiensystem zu schließen. Tut sie das nicht, werden es hoffentlich bald andere tun.

Sex als Ware.

„Weiße Sklaverei“ heißt es in dem Aufruf von Alice Schwarzer und vielen bekannten Köpfen, in dem ein Prostitutionsverbot gefordert wird. Eine bittere Wortwahl, die sich nahtlos in die immer wieder rassistischen Ressentiments der EMMA einreiht und recht deutlich macht, welche Rolle Sexarbeiter*innen in dem dargelegten Weltbild zugewiesen wird – die des ohnmächtigen Opfers. In ewigen Elegien über die notwendige Rettung versklavter Frauen oder mindestens verirrter Sexarbeiter*innen ergießt sich der Aufruf garniert mit den ernsten Blicken deutscher Prominenter. Die Medienanstalten des Landes freuen sich – endlich können sie wieder halbnackte Frauenkörper in zwielichtigen Situationen zeigen, vermutetes Leid inszenieren und gleichzeitig mit plattem Sexismus Quote machen.

Dem setzen sich nun zunehmend organisierte Sexarbeiter*innen entschieden entgegen und betonen, dass Sexarbeit immer selbstbestimmt sei, dass ohne Einwilligung nicht von solcher gesprochen werden dürfe. Es liegt auch nahe, dass Sexarbeit tatsächlich freiwillig gemacht wird und gemacht werden kann. Dennoch lässt sich bezweifeln, dass „nicht nur Deutsche, sondern auch Migrant_innen überwiegend freiwillig und selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig“ sind, wie es im Gegenaufruf für Prostitution heißt.

Nun muss hierbei in Betracht gezogen werden, dass die betroffenen Sexarbeiter*innen zusätzlich zum ohnehin hohen Berufsrisiko staatlichen Repressionen ausgesetzt sind und wesentliche Rechte verweigert bekommen – das ist ein unhaltbarer Zustand. Es ist notwendig sich an dieser Stelle mit den Betroffenen zu solidarisieren und die fehlenden Rechte mit einzuklagen respektive sich gegen ein Prostitutionsverbot einzusetzen. Eine kritische Betrachtung heutiger Prostitution ist zwar wichtig, muss aber immer in dem Zusammenhang gesehen werden, dass die Betroffenen sich in einem politischen Kampf befinden, der zunächst mal ein grundsätzliches Verständnis für Sexarbeit zu erkämpfen sucht. Trotzdem kommen in der ausgelösten Debatte die Töne zu kurz, die Prostitution kritisch sehen, obwohl sie sich gegen ein Prostitutionsverbot aussprechen.

Denn irgendwo zwischen dem selbstherrlichen Paternalismus bürgerlicher Feminist*innen unter EMMA-Ägide und der Selbstbestimmungsromantik privilegierter Sexarbeiter*innen liegt die eigentlich kritische Auseinandersetzung mit Prostitution und was ihre aktuelle Ausprägung – in Form von Flatrate-Bordellen zum Beispiel – uns über den Kapitalismus und die Rolle von Frauen in diesem sagt. Diese Auseinandersetzung jedoch scheuen sowohl Verfechter*innen eines Verbotes, als auch Gegner*innen. Auf der einen Seite scheinen die Verfechter*innen eines Verbots tatsächlich zu glauben ein solches würde effektiv das Anbieten von Arbeitskraft in Form von Sex verhindern. Ganz im Sinne des alten Spruchs, dass ein Verbot unter Brücken zu schlafen für alle gilt, sowohl für Millionäre, als auch für Obdachlose. Auf der anderen Seite verschweigen einige der Sexarbeits-Aktivist*innen die Tatsache, dass ökonomische Notwendigkeiten de facto bedeuten, dass ein „Nein“ zu Freiern oft nicht möglich ist und dass die Realität vieler Sexarbeiter*innen hochgradig prekär ist. Dies lässt sich nicht zuletzt an den realen Preisen für Sex bemessen, die zum Teil bei 30 Euro pro Geschlechtsakt liegen.

Die Pauschalverurteilung derjenigen, die dieser Arbeit nachgehen, als ewiges Opfer ist auf der anderen Seite jedoch nur der Ausdruck einer mystifizierten Vorstellung von Sex als immer gegenseitigem Akt der Liebe, die an den Lebensrealitäten scheitert. Dieser Illusion von ewiger Liebe, von reinen Seelen oder sonstigen bürgerlichen Wahnvorstellungen muss entschieden widersprochen werden, ganz besonders, wenn es dazu dient die Entscheidung von Menschen, wie sie ihre Arbeitskraft verkaufen, repressiv einzuschränken. Der kapitalistische Zwang seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen bedeutet auch die Entscheidung, wie die Arbeitskraft verkauft wird, treffen zu müssen. Dass sexuelle Dienstleistungen im Zweifel bevorzugt werden, ist eine legitime Entscheidung und sollte nicht mit eigenwilligen moralischen Vorstellungen überladen werden. Sex hat natürlich Warenform und eröffnet insbesondere Frauen Handlungsoptionen, die ihnen ihm patriarchalen Kapitalismus verweigert werden. Schon die organisierten Sexarbeiterinnen der Weimarer Republik betonten die durch Sexarbeit erworbene Unabhängigkeit.

Dennoch ist Sexarbeit (im patriarchal-kapitalistischen System) kein „normaler Job“. Die Berufsrisiken von Sexarbeiter*innen sind unweit höher, das Risiko Opfer unbestrafter Gewalt und Ermordung zu werden im Vergleich zur, sagen wir mal, Sachbearbeiter*in deutlich gesteigert, ganz zu schweigen von gesundheitlichen Risiken. Hinzukommt, dass Sexarbeiter*innen geächtet werden und als Schablone für Beleidigungen dienen. Die gesellschaftliche Abwertung von Frauen kulminiert in den Umständen, denen Sexarbeiter*innen ausgesetzt sind, der Tatsache, dass es Frauen gibt, denen keine anderen Optionen bleiben und der gesellschaftlichen Bewertung dieser Form der Arbeit. Kapitalistische Ausbeutung ist für die überwältigende Mehrheit der Menschheit Realität – im Fall von Prostitution zeigt sie sich aber besonders abgründig. Nicht nur werden Sexarbeiter*innen grundlegende Schutzrechte verweigert, die Gründung organisierter Interessenvertretungen deutlich erschwert und eine gesellschaftliche Stigmatisierung betrieben, sondern auf der anderen Seite werden die Risiken und Probleme der Sexarbeiter*innen gesellschaftlich ausgeblendet, während Bordellbesuche immer noch gängig sind. Konkret heißt das, dass die Unterstützung des Kampfes der Sexarbeiter*innen für das Recht ihre Arbeitskraft sicher verkaufen zu können, uns nicht davon befreit die Rolle der (meist männlichen) Freier kritisch zu betrachten.

Bernd Ulrich schreibt in der ZEIT, dass der Freier „in Wirklichkeit nicht für den Sex, sondern für die Abwesenheit der Frau als Person, als Mensch“ bezahlt. Bettina Flitners Reportage über Freier in einem Stuttgarter Bordell bestätigen diese Aussage – den befragten Freiern geht es darum, mit den Sexarbeiter*innen machen zu können, was sie wollen, keine teuren Essen zahlen zu müssen und jederzeit eine andere haben zu können. Die Wahrnehmung und Bewertung der Frau in diesem Zusammenhang ist eindeutig; Sex in diesem Kontext keine gegenseitige Sache, sondern etwas, was dem Mann gegeben wird, was der Mann sich nimmt, worauf er ein Recht hat, unabhängig davon, ob die Frau das möchte, geschweige denn Spaß hat. Hier zeigt sich auf brutale Art und Weise, welche Wertigkeit weibliche Sexualität hat und mit welcher Selbstverständlichkeit sie als austauschbar verstanden wird. Und diese Austauschbarkeit ist es schließlich, die sexualisierte Gewalt gegen Frauen so alltäglich macht, wie die Debatte im Zuge von #aufschrei gezeigt hat. Flatrate-Bordelle sind der tragische Tiefpunkt dieser konstanten und gewalttätigen Abwertung. Das Bordell wird so zum Ort von radikalisiertem Frauenhass. Anna-Katharina Meßmer formuliert es in der ZEIT (46/2013) so, dass Sexarbeit die krasse Ausprägung sexistischer, kapitalistischer und rassistischer Machtstrukturen ist.

Flitners Reportage zeigt dann aber auch, dass Freier oft mit einer bizarr romantischen Grundhaltung an Bordellbesuche herangehen. Sie nehmen das „Ich liebe dich“ der Sexarbeiter*in mit, auch wenn sie wissen, dass sie es nur sagen, weil sie sonst die Miete nicht zahlen können. Kundenbindung. So zeigt sich, dass die Warenform von Sex die simulierte Gegenseitigkeit ist, das Kaufen eines gelogenen „Ich liebe dich.“  Oder eben das sadistische Ausüben von Macht in einer Welt, in der das Männliche sich zunehmend unter Beschuss zu sein wähnt.  Widersprüchlichkeit wohnt dem Kapitalismus inne und zeigt sich im Fall von Prostitution deutlich in der Zwiespältigkeit, etwas, das sich über Freiwilligkeit konstituiert, kaufen zu wollen.

Was heißt das jetzt aber für die konkrete Auseinandersetzung mit dem geforderten Prostitutionsverbot? Alice Schwarzer hat mit ihrem Aufruf eine Debatte losgetreten, in der sich abermals nicht an dem abgearbeitet wird, was für die betroffenen Menschen die Realität ist, sondern an kruden Vorstellungen davon, was Liebe und Sex sein darf und soll. Generell zeigt sich hier die zutiefst konservative Haltung eines bürgerlichen Feminismus, der sich auch nicht zu schade ist mit der CDU zu kollaborieren. Dass dies nun auf dem Rücken von Sexarbeiter*innen ausgetragen wird ist unerträglich. Es ist unumgänglich, dass Sexarbeiter*innen geschützt werden, dass deutlich wird, dass Sexualität eben auch Arbeitskraft sein kann, dass ihnen grundlegende (Arbeits-)Rechte zuerkannt werden. Ein Verbot von Prostitution würde in der jetzigen Situation Sexarbeiter*innen schaden. Dass die real existierende Prostitution jedoch eine besonders fiese Ausprägung des patriarchal-kapitalistischen Systems ist und ein Spiegel für den umfassenden Sexismus in unserer Gesellschaft, darf dabei unter keinen Umständen vergessen werden.

Deutschland, Deutschland in der Nacht.

Irgendwas scheint weh zu tun bei dem Gedanken daran. Also körperlich weh. Irgendwie halt. Etwas wehrt sich gegen den Gedanken, dass Deutschland sterben kann. Muss.

In der Nacht kommen die Fackel. Auch heute wieder. In alter Tradition zücken sie eine Flamme für das, was sie glauben zugestanden bekommen zu müssen. Sie lieben eine Idee, ein Gefühl, das sie mit Deutschland verknüpfen, mit Heimat, Einheit, Kampf. Wenn sie bei sich sind, Heldentaten simulieren können, Folklore leben, die sie ihre Angst vergessen, ein gemeinsam spüren lässt, wo es sonst so kalt ist. Sie hängen einer Idee an, die ihnen Sicherheit gibt, weil sie nicht alleine sind, nie alleine sein müssen und weil sie sich verbinden können mit denen, die tun, was sie nie tun könnten. Nie denken könnten. Sie sind stolz auf etwas, was sie gerne wären und nur sein können, wenn sie auch Deutschland sind. So wie die Wehrmacht. Wie der Opa, der eigentlich doch ok war, der so gütig gucken konnte, wenn er schwieg. Und der eigentlich auch Recht hatte. Irgendwie. Auch nur ein Mensch. Unzulänglich nur, wenn er nicht Deutschland ist. Es brennt alles bei dem Gedanken daran etwas nicht lieben zu dürfen, was alles ist, das eins gerne wäre, zu verlieren, was echter ist als das eigene Versagen. Und deswegen erheben sie die Flamme, recken sich nach dem Sonnenplatz, der ihnen versprochen wurden, der nur standesgemäß ist, der am Horizont funkelt, blutunterlaufen. Und aus den Partikeln erhebt sich der Geist, der eigentlich fehlt. Homo homini deus est.

Aber eigentlich tut es nur weh. Also alles. Also das mit Opa. Oder Papa. Die Kälte aus Stalingrad gebracht, die Demütigung geerbt, nicht verzeihen, nicht vergessen. Schon gar nicht denen, die nicht sterben wollten. Für Deutschland. Damit Deutschland leben kann. Damit es geliebt werden kann. Umarmt. Und wie er dich eigentlich braucht, sich aber geniert, weil die Angst zu groß ist. Die Bilder zu stark. Zu lebendig. Wie die wehende Flagge um die Schultern, an der er sich nicht ausweinen darf. Gemeinsam dagegen. Ein Volk. Ein Blut. Ein Geist.

Bekenntnisse eines Volvicmädchens.

„Kann ich deine Unterlagen haben?“ fragt mich der Typ einen Tag vor der Klausur. Er sieht aus wie eine Mischung aus Skater und Hipster. Er hat die Haare etwas länger, wuschig-fettig über die Ohren gestylt, braune Wildlederschuhe und alles was er tut ist immer total ironisch. Witzig. Aber doch schon geistreich. Darauf besteht er. Eigentlich ist er nämlich genial. Ein Gammeljunge aus reichem Elternhaus, der nicht genau weiß, warum er eigentlich studiert, aber mit dem Status Student eine Ausrede hat, wieso seine Eltern auch die Selbstfindungsreise in den Jemen bezahlen sollen. Also studiert er irgendwas, von dem er glaubt, dass es einfach sei. Politik. Literatur. Vielleicht was exotisches!

Das wird bestimmt locker zu machen sein denkt er sich, während er sich durch meine mit Neonfarben sortierten Unterlagen wühlt. „Machst du das immer so? Das sieht ja nach Arbeit aus.“ Ich lächle gezwungen, zucke mit den Lidern und erinnere mich daran, dass ich heute morgen aus dem Haus gegangen bin, als es noch dunkel war. Ich packte meine aus dem Wasserhahn befüllte Wasserflasche in die große Tasche voller Bücher, schmierte mir ein paar Brote und schlang meinen Schal, der auch als Bettlaken durchgehen könnte, um meinen Kopf. Mir war schon klar, dass ich die Bibliothek erst verlassen können würde, wenn es wieder dunkel ist, wenn ich viele Seiten Text gelesen oder geschrieben habe, wenn meine neon farbenen Textmarker in vollem Einsatz waren und der Gong ertönt, dass die Bibliothek in 15 Minuten schließt. Seit Monaten sitze ich viele Stunden hier, zwischen zwei Nebenjobs, um mein Studium in Regelstudienzeit abzuschließen, meinen Eltern keine Bürde mehr zu sein. Sie, die sich für mich abrackern, stolz zu machen, mit einem „sehr gut“ abzuschließen, finanziell endlich komplett unabhängig zu sein. Und das obwohl ich zu denen gehöre, die nicht arbeiten müssten, um zu studieren. Aber das wäre mir peinlich.

Ich bin die erste Generation Frau in meiner Familie, die studieren kann, darf, die von der sozialen Mobilität der früheren BRD profitiert hat. Zu einem anderen Zeitpunkt in der Geschichte wäre ich wohl Milchbäuerin und die Ehefrau irgendeines Idioten geworden. Wahrscheinlich mag ich es deswegen in der Bibliothek zu sitzen, das Privileg zu haben lernen zu können. Ich liebe studieren und ein wenig liebe ich auch meine Textmarker, die zerbeulte Volvicflasche und das Gefühl mich zwischen den Büchertürmen in meinen riesigen Schal zu wickeln.

„Haha! Du bist ja auch eine Streberin!“ ruft der Gammeljunge mir zu und plötzlich schäme ich mich. Für meinen Ehrgeiz, für die Angst meine Eltern vielleicht zu enttäuschen, keine Selbstfindungsreise nach Nordkorea gemacht zu haben. Außerdem werde ich wütend bei dem Gedanken an meine Freundinnen, für die jedes weitere Semester, jede vergeigte Klausur eine Existenzbedrohung heißt.“Ach, komm, das ist doch nicht so dramatisch!“ höre ich den Gammeljungen sagen, als er mir von seinen Reiseplänen nach Sibirien erzählt. Danach kann er dann in der Firma von Papi anfangen. Ich lächle wieder gezwungen und gebe ihm eine Kopie meiner Unterlagen. Er wird sie eh nicht brauchen.

Denn nach Auschwitz kann es nur Lyrik geben.

Als ich zu Beginn diesen Jahres auf dieses Gedicht stieß, hatte ich das erste Mal seit Jahren das Bedürfnis Lyrik zu schreiben. Also begann ich. Ziemlich diletantisch zunächst, da ich mich zwar theoretisch und akademisch seit Jahren mit Gedichten auseinandersetze, aber den Schritt zu schreiben immer ein wenig gescheut habe. Ein wenig sehr. Doch seit diesem Jahr ist alles anders, denn nicht nur ergaben sich im letzten Jahr Dinge für mich, die nur in Lyrik ausgedrückt werden können und zum anderen leben wir in einer Zeit, in der die Welt komplexer wird, die Sprache jedoch zu wenig. Im Gegenteil finden sich verstärkt die Gläubigen einer naturalisierten Vorstellung von Sprache. Dabei brauchen wir neue Wörter für neue Zusammenhänge, Wörter, die Komplexität angemessen abbilden, präziser sind. Lyrik ist ein Weg Sprache auszureizen, neue Metaphern, neue Perspektiven zu finden. Zusammenhänge benennen, die nicht viele sehen, mit Assoziationen, die zwicken. Denn nur so entstehen neue Ideen. Politische Ideen. Und nur so wird das mit den Revolutionen und den Umstürzen noch mal was. Glauben wir.

Deswegen haben Johannes Finke und ich ein kleines Projekt gestartet. Chelsea – Lyrik Intelligence. Das Magazin für textbasierte Umsturzversuche. Dabei sind tolle Autor*innen, die über Berlin in der Nacht, Angela Merkel und Demütigungen schreiben, über Leben, Ausgrenzung, Diskriminierung. Warum wir Chelsea heißen? Weil die Zeiten sich ändern.

Ich habe auf der Seite das erste Mal meinen Fleischzyklus veröffentlicht, der aus folgenden Gedichten besteht und in dem es um Sexismus, Liebe, Ehe, Gewalt und Depressionen geht. Und sowas halt.

#aufschrei
Gepresstes Fleisch
Fleischeshitze
Fleischbeben
Schlachthof, in der Bibliothek.

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Denn die Hitze macht verantwortungslos.

08.07.2013
Unbekümmertheit
Plötzlich prallt die Nachricht auf
vergessenen Durst

Der Hauch eines Geruchs
rast durch den Körper, schüttelt
wach. Gleichberechtigt

10.07.2013
Taksi statt Taksim
Drei Stunden in Istanbul
Parkplatz ohne Gas

24.07.2013
Klares Meer, türkis
Zwischen den roten Bergen
schwimmt die Kriegsflotte

Strahlende Straßen
klarer Himmel, trüber Geist
Blick über die Welt

30.07.2013
Verkühlter Nacken
Und plötzlich nur die Stille
zu verbrannter Haut.

… oder Piraten.

„How does it feel to be a hero?“ Mein Herz rast. Heldin? Ich? Ich habe doch nichts gemacht! Ich sitze im Presseraum einer Diskothek, die heute die Wahlparty der Piratenpartei Berlin beherbergt. 8,9% haben am Ende auf der Leinwand geprangt. 8,9% bedeuten einen Erdrutsch, für die Partei, für mich, für Deutschland und alle Piratenparteien auf der Welt. Deswegen sitzt der Gründer der Piraten neben mir und fragt mich, wie es sich anfühlt zu den Helden einer neuen Politikrechnung zu gehören. Ich weiß nicht, was ich antworten soll, es ist spät, verraucht und ich habe die letzten Tage kaum geschlafen. Die Anspannung hatte jeden Millimeter meines Körpers durchzogen. Berlin war die Entscheidung. Berlin war der Knackpunkt. Berlin sollte die Zukunft weisen, wie es mit der Piratenpartei weitergehen wird. Das wussten wir von Anfang an. Seit Monaten haben wir uns gestritten, geplant, gewählt, geschrieben, gebastelt, geredet, geschrien. Ich habe mich zwischendurch immer wieder zurückgezogen, mich abgeseilt, wurde die Spannung doch zu groß und belastend. Und jetzt sitze ich hier, inmitten frischgebackener Abgeordneter und Presseteams wie Al-Jazeera, und werde gefragt, wie es sich anfühlt. Was eigentlich? Ich stammele vor mich hin. Wir reden nur kurz, denn die Presse verlangt auch ihn, den Gründer der Piratenpartei. Natürlich. Ich stehe auf, bahne mir den Weg durch die Menschen und den Rauch, die Masse, die sich in allen Teilen des Gebäudes befindet, die aus allen Teilen der Welt angereist ist und die heute jubelt über einen Erfolg, an den nur wenige wirklich geglaubt haben. Also so wirklich echt geglaubt. Deswegen ist die Kandidatenliste auch fast zu kurz gewesen. 15 Kandidaten, 15 Mandate.

Ich stehe am Tresen, es ist jetzt zwei Stunden offiziell. Ich kneife meine Schultern immer noch zusammen, als müsste ich die Ergebnisse erwarten. Ich bestelle einen Gin Tonic. Ich liebe Gin seit ich Orwells 1984 gelesen habe. Benommen blicke ich durch den Raum, die freudigen Menschenmassen, die Presse – es ist alles surreal und ich begreife nicht so recht, was passiert. Ich will mich freuen, ich will lachen, ich will weinen. Aber ich stehe nur an den Tresen betoniert und umklammere mein Glas. Da ertönt leise der orgelartige Anfang des Liedes, nach dem unsere Party benannt ist: With a little help from my friends. Joe Cocker. Der Raum ist totenstill, die Gäste zerstreut, die Musik dröhnt durch die Boxen und auf der Leinwand prangt der Flyer für die Wahlparty. Das Schlagzeug setzt ein und ich bekomme Gänsehaut. Mein Körper fängt an zu zittern, meine Kehle schnürt sich zu und ich beginne an zu schluchzen. Was genau ist hier eigentlich passiert? Mit Tränem verschleiertem Blick gucke ich um mich herum. All diese Menschen, sie sind heute hier, weil sie an eine neue Politik glauben, an sich, an uns, an diese Bewegung, die es seit Jahren nun gibt und die ihre Ideen in die Welt schreit, ohne Erbarmen, ohne Rücksicht. Warum auch? Wir wollten eine Stimme und plötzlich haben wir eine. Plötzlich interessieren sie sich für uns. Für uns, die aus diesem Internet kommen. Ihre Augen blitzen, als seien ihnen Engel oder wahlweise Aliens begegnet. Sie versichern, dass sie dieses Internet auch nutzen möchten und nutzen. Sie scheinen sich zu rechtfertigen. Vor uns und den Veränderungen dieser Zeit, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Sie fragen absurde Dinge über Datenschutz und Privatsphäre, über Facebook und YouTube. Sie fragen, wie es sich anfühlt in diesem Internet. Und sie bewundern uns, so scheint es mir. Bewundern für ein Wissen, das wir uns kaum freiwillig aneigneten. Ein Wissen, das ein Kind meiner Zeit ist. Genau wie ich. Genau wie sie. Dabei ist das Internet auch viel mehr, eine Idee, die diese Welt jetzt schon nachhaltig verändert hat. Eine neue Moderne – meta. Gemerkt haben es nur wenige, dass sich in einer Parallelwelt eine Bewegung gebildet hat, die so heterogen, wie kreativ ist, die gleichen Werte teilt, eine freie, eine faire Welt herbeisehnt, auf der für jeden Menschen ein Platz ist. Für jeden. Auch für mich. Plötzlich ergibt alles Sinn.

Die Gründung der Piraten beobachtete ich ganz genau. 2006 war sie eine logische Folge der Repressionen gegen The Pirate Bay. Eine logische Folge der Politisierung einer ganzen Generation, die keine ist und keine sein will. Wir sind alt, wir sind jung, wir sind männlich und weiblich und alles dazwischen, wir kommen aus allen Teilen der Welt und sind im Geist doch verbunden. Wir sind Menschen, die das Netz mit aufgebaut haben, die es nutzen, seit sie klein sind, die im Netz leben, dort arbeiten, Geld verdienen und ausgeben. Wir bewegen uns wie selbstverständlich in den digitalen Sphären, sind geprägt in unserem Denken, unserer Art die Welt wahrzunehmen, Politik machen zu wollen.

Zunächst stand ich der Parteigründung jedoch skeptisch gegenüber: Wie oft hatten sich Subkulturen schon aufgemacht die Parteienlandschaft aufzumischen? Mit dem geschult arroganten Blick einer angehenden Politikwissenschaftlerin nahm ich die Partei zunächst nicht ernst. Stattdessen suchte ich mein parteipolitisches Glück bei den Jungen Liberalen. Mit dem Glauben liberal, ideologiefrei, pragmatisch zu sein und der Hoffnung, dass das sozial-liberal in der FDP noch vorhanden sein möge, trat ich der Jugendorganisation bei, der ich jedoch real fern und somit Karteileiche blieb. Trotzdem entschied ich mich zu Beginn des Jahres 2009 für ein Praktikum bei der FDP im Düsseldorfer Landtag. Ich wurde bitter enttäuscht. Nachdem ich zur Bundestagswahl die FDP gewählt hatte, machte ich mein Kreuzchen 2009 zur Europawahl bei den Piraten und war somit eine von 0,9% – eine geringe Zahl, so denkt man, die jedoch der Anfang einer republikerschütternden Entwicklung sein sollte. Mein Interesse an der FDP war mit den vier Wochen Landtag erloschen, vergessen der Wunsch Dahrendorf zurückzubringen, was schon damals lächerlich vermessen klang. Stattdessen suchte ich nun den Kontakt zu den lokalen Piraten und verliebte mich Hals über Kopf in eine Partei, die in ihrer Heterogenität eins verbindet: Der Kampf gegen Repressionen und für Freiheit. Der Kampf für die freie Entfaltung des einzelnen. Als sich während des Bundestagswahlkampf eine Welle des Hasses über uns Bahn brach, wusste ich, dass ich richtig bin. Eine Gruppe, die mit ihrer Forderung nach Freiheit und Solidarität so viel Hass und Ablehnung einzustecken hat, musste der richtige Ort für mein parteipolitische Engagement sein. Jetzt oder nie.

(Geschrieben: 19. September 2011)