-ism und Judentum (Lieber Kevin)

I couldn’t help myself.

Dieser Post ist eine Mischung aus http://juliaschramm.de/2011/01/06/irrtum-und-holocaust/ und http://juliaschramm.de/2011/10/30/wahrheit-und-normen/ Achja und einige von euch haben vielleicht auch meine Briefe an xy satt. Sorry! xoxo

Lieber Kevin Barth,

nun, du bist also gewählter Pirat. Eigentlich hatte ich angefangen dir eine private Nachricht zu schreiben, aber dann dachte ich, dass dein Tweet zu Thema Israelpolitik und Judentum exemplarisch ist. Außerdem liebe ich offene Briefe! Und deswegen soll das auch meine Antwort hier sein. Denn ich weiß, dass viele Menschen so denken wie du. Das macht dich nicht automatisch zu einem schlechten Menschen, jedoch sind deine Aussagen hochgradig gefährlich.

Du fragst also, ob es dich zum Antisemiten macht, wenn dir der „Jude an sich“ unsympathisch ist. Hier eine Antwort: Ja. Lass mich spezifizieren: Du bist nicht automatisch ein Antisemit, wenn du eine solche Aussäge tätigst. Genauso wie dich die Aussage „$Geschlecht an sich“ nicht automatisch zum Sexisten und „$Ethnie an sich“ automatisch zum Rassisten macht.(Gutes Video dazu: http://www.illdoctrine.com/2008/07/how_to_tell_people_they_sound.html)

Deine Aussage jedoch ist zu 100% antisemitisch, du handelst in diesem Moment zu 100% antisemitisch. Denn es scheint deine generelle Meinung zu sein, die du öffentlich darlegst. Die Aussage, dass „xy an sich“ ist ist das eine, dass du aber alle Juden per se einfach ablehnst – nun das macht dich zum Antisemiten. Und das ist ein Problem. Ein sehr großes. Deswegen lass‘ es mich direkt sagen: Ich an deiner Stelle würde zurücktreten. Aber meine ethischen Maßstäbe sind auch relativ hoch, selbst für Piraten. Dennoch: Dein (gelöschter) Tweet ist eine Katastrophe. Tritt zurück und lies ein Buch über das Wesen von Antisemitismus. Bitte.

Nochmal zur Sicherheit: Wikipedia definiert Antisemitismus wie folgt: Judenfeindlichkeit (auch Judenhass, Judenfeindschaft, gegebenenfalls Judenverfolgung) bezeichnet eine pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums.

Wir erinnern uns an deine Aussage: Du hast das Judentum pauschal (Juden an sich) abgelehnt (unsympathisch). Wir sehen also: Deine Aussage ist antisemitisch. Und wenn du davon überzeugt bist und es dein Denken und Handeln durchzieht, dann bist du ein Antisemit.

Doch ich will auf deine Aussage noch detaillierter eingehen.

Fangen wir mit Israel an. Israel zu kritisieren ist ja en vouge. Jede meint eine fundierte Meinung dazu zu haben, was in den meisten Fällen nicht stimmt. Der Nahost-Konflikt ist sehr komplex und hat wesentlich mehr Facetten, als es immer dargestellt wird. Ja, den Palästinensern geht es schlecht, das muss man kritisieren, aber das automatisch mit dem Judentum gleichzusetzen ist falsch. Und dann wieder eine antisemitische Aussage. Die Idee hinter Israel ist einen Nationalstaat mit jüdischer Mehrheit zu erhalten (aus obvious Gründen: Wer die Mehrheit stellt, kann nicht verfolgt werden), das heißt aber nicht automatisch, dass Israel das Judentum darstellt, repräsentiert oder oder oder. (Der Talmud ist übrigens streng gelesen nicht sonderlich für einen jüdischen Staat, aber das ist ein anderes Thema) Es heißt nur, dass dieser Staat eine Prämisse hat. Diese Prämisse basiert eigentlich auf einer Religion, ist jedoch viel mehr eine Kultur und manche sagen auch Ethnie (wobei mir das zu biologistisch ist). Und auch wenn es eine gewisse Verbindung zwischen Menschen gibt, die eng mit dem Judentum verbunden aufgewachsen sind und leben, kannst du keine Aussagen über „Juden an sich“ treffen. Warum? Weil das biologistischer Determinismus ist. Warum das scheiße ist? Naja, Determinismus ist die atheistische Form von Gott und lässt dich im Endeffekt mit einem Schulterzucken zurück, denn: Wenn alles determiniert ist, wieso dann für Veränderungen kämpfen? Wenn unsere Gene, Hormone oder Aktionspotentiale alles festlegen: Wieso dann nicht die Natur machen lassen?

Die Aussage „xy an sich“ ist eine essentialistische Aussage – also eine Aussage, die ein festes Wesen (Essenz) der beschrieben Person oder Sache definiert. Die Aussage „der Jude an sich“ ist nun basierend auf einem Merkmal, dass sich die Person nicht selbst ausgesucht hat (im jüdischen Glauben bist du jüdisch, wenn du eine jüdische Mutter hast). Genauso wie „der Schwarze an sich“ oder „die Frau an sich“ dieses Merkmal nicht gewählt haben oder es ablegen können (also schon, ja, aber mit nur einem enormen Aufwand an (plastischer) Chirugie!) – ein Mensch sein, der unter die gesellschaftliche Kategorie „Jude“ fällt hat sich das in sehr vielen Fällen nicht selbst ausgesucht. (Mutter und so) Die Aussage „an sich“ impliziert, dass es ein festes Wesen gibt, das alle Juden teilen, ein Wesen, dass ewig ist, unauslöschbar. Die klassischen Assoziationen diesbezüglich sind meist irgendwie mit Geld und Macht verbunden. Und ich hoffe, dass du hier das Problem bereits siehst: Du schmeisst alle Menschen, die jüdisch sind oder Teil des Judentums in einen Topf und barndmarkst sie als unsympathisch. Nicht, weil du sie kennst, sondern weil du glaubst sie zu kennen. Du magst jemanden nicht, wegen eines Merkmals, welches in die Wiege gelegt wurde. Handelt es sich um Juden, dann ist das die Essenz des Antisemitismus.

Und hier kommt nun das Piratending ins Spiel: Wollten wir nicht das Individuum schützen und respektieren? Ist die Piratenpartei nicht eine Bürgerrechtspartei? Eine Partei, die jeden Menschen so betrachtet, wie er ist, die Freiheit ermöglichen will, weil sie daran glaubt, dass jeder Mensch einen Wert hat? Das ist zumindest meine Piratenpartei und ich frage mich, wie deine Aussage damit zusammengeht? Wie kannst du dich diesen Prinzipien verschreiben, wenn du Menschen, die du als Juden betrachtet, das Recht auf Individualität absprichst? Du behauptest, dass es ein festes Wesen von Juden gibt, ein Wesen, dass sich durch die DNA zieht? Durch die Geschichte? Nun, lieber Kevin, das ist Antisemitismus in Reinform und deswegen bist du in diesem Moment ein Antisemit gewesen. Ob du das weiterhin bist, ist dir überlassen.

Wenn du noch Fragen hast, melde dich einfach.

Liebe Grüße

Julia

 

Freunde und Gefälligkeit

Ich versuche mich mal an Sensibilität: Der Text hat wohl bedingt Triggerpotential. Also nicht so schlimm, aber bestimmt aufwühlend, vielleicht. Ist ja schnell so, bei Themen, die Liebe und Sexualität, Intimität und Verletzungen betreffen. Außerdem neige ich zu unangemessenem Zynismus und betreibe auch bei diesen Themen gerne Satire. Also so fyi für die unter euch, die sich angegriffen fühlen könnten oder die Angst vor zu hohem Blutdruck haben 🙂

Trotz meines erholsamen Social Media Urlaubs kriege ich ab und an noch mit, was bei euch da so läuft. Und der heiße Scheiß scheint zur Zeit die Debatte um die „Friend-Zone“ zu sein. Ich habe mich also entschlossen dazu zu bloggen. Warum? Nun, ich bin Täterin, Opfer, Beobachterin, Kritikerin. Ich kenne die Friend-Zone, die Meme und die „Wahrheit“ dahinter. In und auswendig. Glaube ich. Da ich aber Nihilist bin und fehlbar: Ergänzt doch bitte in den Kommentaren.

Vorweg: Viel zu viele Menschen lassen sich viel zu lange scheiße behandeln. Und ja, wenn jemand verliebt ist und der andere nicht entsteht ein ungleiches Machtverhältnis (was es ja auch eh immer gibt eigentlich, aber … wisseschon ^^) zu Gunsten der nicht-verliebten Person. Das ist unabhängig vom Geschlecht. Es äußert sich lediglich anders, da unsere sexistische Gesellschaft sich der Kodierung unterwirft: Frau(tm) will Liebe und Status, Mann(tm) will Sex; das führt dazu, dass alle glauben, es sei normal, dass Frauen sich sexuell ausbeuten lassen und Männer alles tun, um sexuell befriedigt zu werden. Konkrete Klischees, die wir alle kennen und die sich auch in Mem-Form im Netz weitertragen sind z.B. „Sie ist verliebt und er ruft sie nur an, wenn er „Druck“ hat und nutzt sie sexuell aus = Er ist verliebt und sie ruft ihn nur an, wenn sie nachts um drei vom Bahnhof abgeholt werden will.“ Dahinter steht, dass die gesellschaftliche Erwartungshaltung an den Mann(tm) mit einer Form von Unemotionalität verbunden ist. Emotionalität wird mit fehlender Stärke und Durchsetzungskraft gleichgesetzt, Schwäche zeigen sanktioniert. Er hat also potentiell zu verlieren, wenn er sich verliebt, so die urbane Legende. Die gesellschaftliche Erwartung an Frauen(tm) dagegen ist, dass sie rein, schön und weich sein sollen. Der in unserer Kultur  oftmals als brutale  dargestellte Akt des Sexuellen ist eine Ausübung der Macht, derer sich die Frau entziehen muss außerhalb eines definierten Rahmens. Anderes wird sanktioniert. Sie hat also was mit ausgelebter Sexualität zu verlieren, so die urbane Legende. Und aus ganz bizarren, hier wohl kaum erläuterbaren Gründen, nehmen die Menschen diese Bilder an und entsprechen ihnen. Ich schiebe es mal ganz locker auf Hollywood, ha!

Das fatale Missverständnis jedoch: Männer denken die Frauen haben es besser und andersherum. Dabei sind die Situationen schon mit einer anderen Wertigkeit belegt, da sie in einem sexistischen, binären und heteronormativem System verankert sind.

[Dass hier Menschen außerhalb des binären, heteronormativen Systems meistens rausfallen ist zusätzlich problematisch, da sie gesellschaftlich sanktioniert werden, wenn sie diesen oben genannten Kodierungen nicht entsprechen. (Homosexualität wird dann z.B. sogar zum Kampfbegriff innerhalb der gesellschaftliche normierten Vorstellung ==> „Was weinst du denn du Sissi!“)]

Zurück zum Schwerpunkt des Textes: Friendzone (Die in meinen Augen ein Phänomen meist sehr junger Menschen ist. Oder gibt es Opi-Friendzone-Meme? :D)

Als Täterin kann ich sagen: Es ist eigentlich nie so, wie es in den Memen dargestellt wird. Meistens sind Frauen viel zu unsicher, um zu glauben oder zu merken, dass ein Typ in sie verliebt ist. Sie denken vielmehr, dass er sie mag und geben ihm oftmals noch Tips und wollen ihn unterstützen. Klar gibt es auch die Fälle, die sabotieren und intrigieren, aber das sind meistens die, die am unsichersten sind. Teil der Unsicherheit ist eben auch, dass eine sexuelle Beziehung in Kombination mit Gefühlen zwar angestrebt, jedoch nicht umgesetzt werden kann.  Und da ist eine Beziehung, die jeweils nur eins abdeckt etwas leichter. Außerdem werden Dinge projiziert, die Unsicherheit dominiert das Verhalten, ebenso wie ERWARTUNGEN (btw. Eins kann ich euch sagen: Erwartungen machen alles kaputt. Alles. Kein Witz. Keine Erwartungen und die Beziheung wird glücklich sein.) und ein gesunder, leichter Umgang mit Gefühlen und sexueller Neugier ist unmöglich. Ich befürchte, dass das in den letzten 30 Jahren noch krasser geworden ist – täglich umgibt uns die Doktrin: Du musst schön, schlau, reich und dünn sein – sonst KANNST du niemals Sex haben oder geliebt werden NIEMALS! Ja und dann biste ein Mädchen mit Brille und drallem Körper und denkst dir: Klar, wie soll man mich denn mögen? Dass ein Junge, mit dem du dich gut verstehst, der gerne mit dir Zeit verbringen will, dich eigentlich nackt sehen will – ehrlich: Das begreifen 90% der Frauen in ihrem Selbsthass nicht. Ich habe lange gebraucht, bis ich begriffen habe, was da abgeht. Und mittlerweile vermeide ich solche „Freundschaften“, denn ES SIND KEINE!

Womit wir bei dem Thema wären, was viele Feministinnen ZU RECHT beklagen: Der Umgang mit Frauen, die Männer ablehnen. Und die moralische Integrität der Männer, die sich bitterlich über die bösen Frauen(tm) beschweren.

1. Nein heißt nein. Die Vorstellung, dass man nur lange genug betteln muss, damit es klappt ist respektlos. Ich habe mehr als einmal erlebt, dass Männer laustark ihre „beste Freundin“ anbettelten, doch bitte mit ihnen zu schlafen. Ja, richtig, Plural. Einfach so! Das sei doch kein Akt! Mal schnell ficken. Liebe Leute: Das ist widerlich.

2. In diesem ganzen Diskurs werden klassiche Frauenstereotype bedient, die einfach nur frauenfeindlich sind: Die Frau ist die kalte, berechnende Hexe, die ihre Gefühle und Sexualität komplett unter Kontrolle hat und sie nutzt um den Mann, der ja ausgeliefert ist angesichts der Schönheit der Frau, zu manipulieren, auszunutzen, in den Ruin zu treiben. Auch werden alte Konzepte ausgegraben, die auf die aktuelle Situation angewendet werden: Die katholische Ehe muss vollzogen werden – die Freundschaft auch? Frauen werden wiederrum nicht als handelnde Subjekte wahrgenommen bzw. akzeptiert. Jetzt kann man sagen: wenn es immer diese Klischees gab, es immer so war, dann wird es wohl wahr sein. Oder eben: Really? Wir sind darüber immer noch nicht hinaus? Sad world.

3. Frauen(tm) lernen meistens nicht Konflikte auszutragen, weil sie mehrheitlich als „Weibchen“ erzogen werden, dass nicht widersprechen soll. So und von denen wird jetzt verlangt, dass sie die Menschen aus ihrem Leben streichen, die sie am liebsten mögen. Und das auch noch aktiv? Das ist ein Ausbruch aus der Verhaltensrolle, der echt schwer ist und nicht allen gelingt. Vor allem, wenn der betroffene Typ vielleicht tatsächlich der einzige echte Freund ist, was ich auch schon sehr oft gesehen habe. Also gefühlt, weil er ist ja kein echter Freund. Sonst würde er nicht schreien „SCHLAF‘ MIT MIR!“

4. Es ist recht „normal“, dass Männer(tm) dazu neigen, die Frauen zu beschimpfen oder fertig zu machen, wenn es keine sexuellen Kontakte gibt. Meist werden die gemeinsamen Freunde gegen die Frau manipuliert. Der Freundeskreis wendet sich von der „Hexe“ ab. Oder manchmal wird es auch ganz offen kommuniziert: „Du Schlampe!“ oder auch beliebt subtile Andeutungen, die ziemlich deutlich machen, dass es nicht um Freundschaft geht, sondern dass der Typ einen nur als Loch betrachtet, nicht als Mensch. Zitat „Solange ich noch eine Chance sehe, dass du mich ranlässt, bin ich nett zu dir.“ (Post-Privacy-Note: Ich hatte einmal was mit meinem damaligem „besten Freund“ – nicht ganz klassischer Nice Guy, aber bisschen – und irgendwann meinte er: „Du bist mein größter Triumph.“ Aufgestanden, gegangen, nie wieder mit einander geredet. Und ich kenne zahlreiche Geschichten in die Richtung.)

Interessant dazu und mit vielen wichtigen Punkten, wenn auch gerantet: https://puzzlestuecke.wordpress.com/2012/01/11/nein-heist-nein-oder-friend-zone-my-ass/

So, als Betroffene kann ich sagen: Es suckt. Meine Güte, war ich in den Typ verliebt und der wusste das, glaube ich! Der Sack! Und benutzte mich als Kummerkasten für seine Verflossene. Ewig hat er mir von der Alten erzählt! [Notiere: Ich fragte auch immer nach ;-)] Und er wollte auch keinen Sex (was mich in der Annahme bestätigte, siehe Analyse oben, dass er ja dann Gefühle haben müsste!). Er hat mich emotional ausgenutzt. Aber: Ich habe ihn konfrontiert, er hat mir einen Korb gegeben und ich habe mich anderem zugewandt. Du kannst andere nicht ändern, nur dich selbst, also krieg den Arsch hoch 😉

Als Beobachterin, Standardkummerkasten für die Nerds und Mr. Nice Guys (weil abgesehem vom Jammern, sind das gute Leute :)), kann ich sagen: Ja, ich habe die Frauen(tm) auch gehasst, die meinen Freunden Hoffnungen zu machen schienen, die sie ausnutzen für ihre Ego-Trips, etc. Ja, mir taten meine Freunde leid. Aber irgendwann … nun, ging ich dazu über, (wie auch bei Freundinnen!) zu sagen: „Wenn sie dich nicht will, dann get the fuck over it! Entweder du wirst so, wie sie dich will, oder du hälst die Klappe.“ Ja und sorry Jungs, aber so ist es.

Zur echten Kritikerin der Frauen(tm), die Männer(tm) so „behandeln“ wurde ich, als ich Frauen(tm) sah, die es wirklich ausnutzen, die in ihrer schieren Unsicherheit Typen zu Hündchen erzogen. Mit allem drum und dran: Emotionaler Erpressung, Manipulation, Lügen, ab und an mal bisschen sexuelle Handlungen, wie Küssen oder eine Brust anfassen (KEIN WITZ!). Mein Problem dabei ist darüber hinaus auch etwas vielfältiger: „Diese Frauen“(tm) haben sehr wenig Selbstwert und suchen sich Anerkennung über die emotionale Offenbarung von Männern(tm). Da entstehen dann so bizarre Unterhaltungen wie: „Ich liebe dich! Ich weiß es, ich will mit dir zusammen sein“ – „Nein, du bist nicht in mich verliebt, du denkst das nur, weil du irgendeine Frau brauchst …“ Das groteske daran: Beide haben recht! Nicht nur liebt er sie wahrscheinlich wirklich in seinem Empfinden, vielmehr liebt er wahrscheinlich wirklich nur ein Bild von ihr bzw. betrachtet sie als Loch. Eigentlich sollten beide sagen: Ey, das macht hier keinen Sinn mit uns. Aber: Diese Beziehungen bestehen aus sehr krassen Abhängigkeiten. Sie braucht ihn genauso wie er sie. Darüber hinaus neigen diese extremen Beispielfrauen(tm) auch dazu, andere Geschlechtsgenossinnen per se als Konkurrenz zu betrachten, Solidarität zu anderen Frauen fehlt komplett – so dass die Abhängigkeit von der Gunst steigt, das eigene Selbstwertgefühl nur auf dem Begehren des Mannes basiert. Auch leider ein Phänomen, dass uns die Kultur vermittelt: Frauen(tm) sind nur ein Produkt des Mannes, seine Rippe … aber genau das ist eben der Kampf des Feminismus:

FRAUEN (TM) ALS HANDELNDE SUBJEKTE BETRACHTEN!

Nationalismus und Primaten (beta)

Die Überraschung mit der die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds zum Teil bewertet werden lässt tief blicken in die Untiefen deutscher Diskurse über rechtes Gedankengut. Seit Jahren schon wird mit der unsäglichen Gleichung von Links- und Rechtsextremismus Sachbeschädigung mit Mord gleichgesetzt, was jedoch nicht die Sachbeschädigung negativ aufwertet, sondern die Morde und Mordversuche trivialisiert. Generell ist die Einteilung in links und rechts überholt und verdeckt die wahren Probleme, die ich persönlich unter dem Begriff Faschismus zusammenfasse. Im Namen des Kampfes gegen soziale Veränderung bedienen sich die Profiteure aller erdenklichen Mittel. Und verblendete Idealisten, und seien die Ideale noch so menschenverachtend, waren auch für staatliche Organe immer brauchbar. Man denke nur an die RAF und die Stasi.

Bizarr mutet es jedoch an, wenn die Ideale der Täter nicht in einem rassistischen, biologistischen und nationalistischen Denken verortet werden. Wenn Fremdenhass vermeintlich nicht mehr als Motiv ausreicht. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die gesellschaftliche Verdammung von Rassismus hat nicht bewirkt, dass eben dieser verschwunden ist, sondern viel mehr einen gesellschaftlichen Deckmantel geliefert sich mit den Gefahren einer aufflammenden nationalsozialistischen Ideologie auseinander zusetzen. (Dass die Geheimdienste z.T. auch dieser Ideologie verfallen sind und auch tendenziell immer waren ist ein anderes Kapitel. Stichwort: Gladio)

„Das Problem ist die Botschaft: dass all das nun hinter uns liegt, dass wir die Geschichte verstanden haben und nun, unbelastet von den Irrtümern der Vergangenheit, voranschreiten können in eine andere, eine bessere Zeit. Doch solch offizielles Gedenken, wie gutgemeint auch immer, ist unserem Geschichtsbewusstsein nicht förderlich. Es ist ein Ersatz, ein Surrogat. Statt die Schüler mit der jüngsten Geschichte vertraut zu machen, lassen wir sie Museen und Gedenkstätten besichtigen.“ (Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr der Intellektuellen, Frankfurt 2011, S. 14)

Ja, wir glauben aus der Geschichte gelernt zu haben. Wir glauben, dass wir Rassismus, Biologismus und Nationalismus überwunden haben, weil wir es in den Museen sehen. Wir glauben, dass wir post-ideologisch sein können. Doch ist die Wirklichkeit weit davon entfernt. Vielmeht bewegen wir uns nicht in einer Zeit, in der eben diese -ismen wieder Hochkonjunktur haben. Die Sarrazin-Debatte letztes Jahr hat auf grausame Art und Weise gezeigt, dass es nicht um Fakten geht. Sie hat gezeigt, dass es um Weltanschauung geht, um Ideologie. Und diese Ideologie besteht aus Nationalismus, Rassismus und Biologismus, was meinem Verständnis von Faschismus entspricht (plus einen Ganzheitsanspruch und eine zentrale Wirtschaftslenkung)

„Der erste Appell einer faschistischen oder vorfaschistischen Bewegung richtet sich gegen Eindringlinge. So ist der Urfaschismus qua Definition rassistisch.“ (Umberto Eco)

Doch wo finden wir denn noch deutschen Nationalismus? PAH! Im Gegenteil, fehlt uns Nationalismus, ein gesunder. Und diese linken Spinner, die Nationalismus als Verbrechen bezeichnen erst! Die Bedeutung von Nationalismus, die Entstehung von Nationalstaaten und die Idee der Nation werden in diesen Diskussionen geschichtsvergessen genutzt. Mehr noch: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Vergleiche mit anderen Staaten werden zu Gunsten der stereotypen Vorstellungen, anhand der deutschen Nation, regelrecht missachtet. Die Nation ist ein Konstrukt, eine ausgedachte Gemeinschaft, ein Ersatz für Gott als Ordnungsprinzip. Die Nation ist das Band, was eine Gesellschaft zusammenhalten kann. Und eine Nation besteht auf verschiedenen Prämissen. Es gibt Staatsnationen, die sich auf Werte berufen – so zB die USA. Und es gibt Nationen, die sich auf Kultur und Sprache berufen – so zB Deutschland. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden diese Ideen der Nation als Alternativen zu den Ordnungen orientiert am Gottesgnadentum. Die Nation war eine demokratische, ja radikaldemokratische Alternative zu den selbsternannten Göttern auf Erden. Doch in Deutschland sollte es nicht dabei bleiben. Die Nationalisten wurden von Bismarck aufgesaugt und legitimierten einen Staat, der nicht mehr viel vom ursprünglichen Geist zu verzeichnen hatte. Mehr noch: Die deutsche Nation wurde verklärt zum deutschen Volkskörper. Die Einheit von Kultur und Sprache und Volk!! Welch‘ Wunder! Auch viele deutsche Denker, die wir heute noch bewundern entfalteten an dieser Stelle den Rassismus und Biologismus, den Hitler dann nur konsequent zu Ende dachte und führte. Geschichte in fast forward. Doch was hat das mit uns heute zu tun?

Diese Vorstellung der Nation, des Blut und Boden ist uns tief in die DNA eingebrannt. Wir definieren „das Deutsche“ über Blut und Tradition, nicht über Werte und Bekenntnisse. Wir teilen ein in gute und schlechte Deutsche – egal, ob der/die Schwarze seit 5 Generationen in Deutschland lebt, deutsch ist, Schwarz ist nicht deutsch!! Wir definieren einen deutschen Stereotyp und diskriminieren den Rest, indem wir sie ausstoßen. (ich möchte wetten, wieviele später hier unten kommentieren: Aber, Schwarze können nicht deutsch sein! Gehen sie zurück zum vorherigen Absatz und fragen sie bei Missverständnissen!) Und ob wir das wollen oder nicht: Es ist Teil von uns. Das Denken in menschlichen Rassen ist Teil von uns, Teil unserer Geschichte.

Robert Menasse hat auf dieser Veranstaltung gesagt, dass jeder von uns mal in sich horchen und sich fragen soll, wie sein „nationales Interesse“ aussieht, inwiefern dieses von den Interessen der restlichen Menschheit abweicht und spezifisch $national ist. Seine Aussage, dass er seine grundlegenden Interessen mit allen Menschen auf diesem Planeten teilt – ja, dieser kann ich nur emphatisch zustimmen. Nationen sind Konstrukte, die in einer Welt Zusammenhalt schafften, in der es kein umfassendes Bewusstsein einer Menschheit gab. Nationen sind überholt. Nationen müssen abgeschafft werden. Und wir waren schon sehr nahe dran.

Doch mit der Krise kam der Nationalismus zurück. Die Krise Europas, die Krise des Kapitalismus, die Krise der politischen Institutionen, die sich von einer fiktiven Wirtschaft treiben lassen. Die Krise, die uns zeigt, dass wir den Nationalismus endlich überwinden müssen. Denn das ist das Herz Europas. Das Projekt Europa und seine zahlreichen Namen (zur zeit EU) ist eine Lehre aus den beiden furchtbaren Weltkriegen. (Spätestens hier rollen wieder einige die Augen: „Nicht schon wieder! Krieg kommt nicht automatisch!“) Der Nationalismus hatte sich in einen Wahn versteigert – Familien kämpften mit- und untereinander (um das mal zu verdeutlichen: Russland, England und Deutschland, die im ersten Weltkrrieg irgendwie mit- und gegeneinander kämpften hatten an ihrer Spitze Männer, die alle eine Großmutter hatten: Queen Victoria) und richteten den Kontinent fast zu Grunde. Herausragend dabei waren die Deutschen. Und so wurde Europa politisch, aber vor allem wirtschaftlich verflochten, um Frieden zu stiften und um die Deutschen in ihrem Führungswahn ein und für alle mal zu besiegen. Um eine politische Einigkeit zu schaffen wurde zuerst die Schwerindustrie miteinander verwoben. Eine Union entstand. Der Euro war schließlich als Schutz gegen (deutschen) Nationalismus gedacht. Die deutsche Mark war der Preis der Wiedervereinigung. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Primat der Politik

Die europäische Gemeinschaft ist ein Auftrag. Der Auftrag einer gemeinsamen Ordnung. Der Auftrag für Solidarität innerhalb dieser Gemeinschaft. Ein politischer Auftrag für die Gestaltung einer Friedensordnung. Deswegen braucht es eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik. Mehr noch: Eine gemeinsame Sozialpolitik. Die Verflechtung der Staaten eine nachhaltige Friedensinitiative. Und Krieg entsteht durch unpolitische Räume, in denen der Markt entgrenzt herrscht. Ein rechtsfreier Raum.

„Wenn die Märkte in den vergangenen Jahren einmal richtig funktioniert haben, dann jetzt. Der Vorschlag des Sachverständigenrates [für Eurobonds, Anm. Verfasserin] dagegen setzt die Marktkräfte außer Kraft. Denn wenn Deutschland für die über den Tilgungsfonds ausgegebenen Gemeinschaftsanleihen mithaftet, sinken die Zinskosten der Euro-Krisenländer. Das schmälert den Druck auf sie, ihre Haushalte zu konsolidieren. Glauben die Weisen tatsächlich, politische Regeln oder Schuldenbremsen könnten die Aufgabe der Märkte übernehmen und die gleichen Disziplinierungswirkung erzielen?“

In diesen Sätzen aus der Wirtschaftswoche wird klar, wie der neue Nationalismus aussieht: An der deutschen Wirtschafts soll die Welt genesen! Und die Peitsche ist die Unbarmherzigkeit des Kapitalismus. Die faulen Griechen müssen zurechtgewiesen werden! Und die korrupten Italiener erst! Dabei wird eines klar: Wir befinden uns in einer Krise der politischen Institutionen. Keine Schuldenkrise, keine Kapitalismuskrise, keine Wirtschafts- oder Finanzkrise. Eine Politikkrise. Eine Krise durch Abwesenheit von politischem Handeln. Denn wer kann die Kräfte des Kapitalismus, die sich in freier Entfaltung nie zu Gunsten der freien Entfaltung der Menschen bewegt haben, Einhalt gebieten, wenn nicht die Politik? Die Marktgläubigkeit ist zu reinem Nationalismus verkommen, ja auf dem Weg zu einem Rassismus ante portas.

Die EU muss demokratischer werden. Und transparenter.

Doch das Ende der Krise wird mit ihren Ursachen bekämpft. Statt Geld in die Sozialsysteme, Infrastruktur und politische Strukturreformen zu investieren, werden diejenigen bei Laune gehalten, welche die Schwäche des Politischen gnadenlos ausgenutzt haben. Die Globalisierung des Kapitals hat weit vor der politischen Globalisierung stattgefunden. Und dieser Lücke wurde zu Gunsten einer massiven Umverteilung genutzt. Einer Umverteilung nach oben. Denn: Die Schulden Griechenlands, sind die Gewinne Deutschlands. Griechenland kaufte deutsche Militärausrüstung im Kampf gegen die Türkei. Windige und korrupte deutsche Verkäufer nutzen den ewigen Zwist zweier NATO-Länder, um sich zu bereichern.

Doch wollen wir hier nicht den Fehler bei den Verkäufern suchen. Auch hier fehlt es am Primat der Politik. Am Primat der legitimierten Entscheidung. Denn eins steht fest: Die EU hat neben allem ein massives Demokratiedefizit. Das hat vielfältige Gründe. Neben der nationalen Bedeutung der Parlamente und der Bindung der Europaparlamentarier an die nationale Politik, fehlt eine transnationale Öffentlichkeit. Der Europäische Rat erweist sich zunehmend als nationalistischer Geburtsfehler, als interner Störenfried in einer Gemeinschaft, die füreinander und nicht gegeneinander zu agieren verdammt ist. Und in diesem Vakuum politischen Nichtstun fühlen sich die Nationalisten wohl, denn es scheint sie zu bestätigen. Zu bestätigen, dass die deutsche Wirtschaft in irgendeiner Weise überlegen ist, dass die südlichen Länder faul und korrupt, rückständig und unfähig sind. Es fehlt an einem gemeinsamen Mythos, einer Identität, einer Idee. In diesem Vakuum hallen die Stimmen am lautesten, die vermeintlich albewährtes vorzutragen haben, selbst wenn es eine ganze Generation an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Die Stimmen, die mit einem albern antrainierten Duktus der Rationalität altbewährtes erhalten wollen. Die Stimmen, die Stimmungen bedienen, die wir kennen, die uns vertraut sind.

Dabei müssen wir weiter gehen. Wir müssen gemeinsam denken, handeln und Lösungen finden. Wir müssen Werte herausbilden, Grundlagen. Und endlich können wir das auch. Die Technologie erlaubt es uns. Europa, ja die Welt muss eine politische Gemeinschaft bilden, eine globale Staatsnation. Eine Gemeinschaft er Solidarität. Auch wenn das heißt, dass man die Schulden der anderen zahlt.

Das ist die andere Backe, die wir hinhalten.

Dieser Blogpost ist als Artikel in der Berliner Gazette erschienen: http://berlinergazette.de/krisen-gespenster-schramm/

 

Wahrheit und Normen

Oder: Warum eine Privilegienmuschihete nichts richtig machen kann.

Also erstmal vorweg: Ich bin eine klassische Privilegienmuschi. Das heißt, dass ich weiß bin, aus finanziell abgesichterten Verhältnissen komme (soweit das möglich ist), überwiegend heterosexuell lebe (naja, bisher immer mit Männern zusammen, aber an Frauen durchaus interessiert), cis-gender bin (also in einem Frauenkörper lebe und das gut finde), körperlich gesund und ansehnlich geboren wurde und in einem Land lebe, das zu den reichsten und einflussreichsten der Welt gehört (konkret heißt das eigentlich nur, dass eine Armee im Zweifel dafür kämpft, dass ich zu denen gehöre, die besser an Ressourcen kommen) – Teile dieser, zugegeben kaum wirklich beeinflussbaren, Merkmale haben mich davor bewahrt mit 7 Jahren ohne Schutzkleidung in einem Bergwerk arbeiten oder als Kindersoldatin leben zu müssen. Sie haben mir ermöglicht, dass ich jetzt hier mit einem Laptop im Bett liege, eine pyramidale Nacht hinter mir, und darüber reflektieren kann, wer ich bin, wo ich herkomme und was für eine Welt mich eigentlich umgibt. Ob mich das glücklicher macht als die im Bergwerk arbeitenden Kinder? Ich weiß es nicht, aber ich bilde es mir ein. Was wäre mein Leben auch sonst wert? Und: Jaja, ich weiß, das Leben ist auch ohne Probleme nicht leicht.

Die Merkmale, wie ich sie jetzt habe, ermöglichen mir, mich in der Welt, in der ich lebe, mit weniger Hindernissen zu bewegen, als das ohne diese Merkmale der Fall wäre bzw. mit gegenteiligen Merkmalen der Fall ist. (Also weiß, hetero, cis-gender, hochgebildete, gesund, mehrheitlich als hübsch wahrgenommen) Ich gehe unter in der weißen Masse, im bürgerlichen Mittelstand, in der Vielzahl der jungen Frauen an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten dieses Landes. Ich werde nicht anders wahrgenommen wegen meiner Hautfarbe, weil die sichtbare Mehrheit in meiner Umgebung diese Hautfarbe hat. Deswegen werde ich nicht auf meine Hautfarbe oder Ethnie (ich weiß nicht mal, ob ich das sagen darf …) reduziert, sondern werde differenzierter wahrgenommen. Wenn ich einen Mord begehe, wird die Bild wohl nicht schreiben „26-jährige Mitteleuropäerin begeht Mord“ – hätte ich einen von der herrschenden Norm in Deutschland abweichenden Phänotyp, würde er an dieser Stelle garantiert erwähnt. Das erleben wir täglich: „33-jähriger $nichtweißerdeutscher begeht brutalen Raubmord“ – während ich wahrscheinlich als 26jährige Berlinerin o.ä. bezeichnet würde.

Ich werde auch nicht gefragt, wann ich entdeckt habe, dass ich hetero sei, wie denn meine Umwelt auf diese Nachricht reagiert hätte, dass ich nun mit einem Mann zusammen sei und ob wir Probleme mit der Akzeptanz haben. Oder wie das so ist mit zwei Frauen bzw. Männern. So sexuell, ne.  Ich muss mich nicht mit mitleidigen Blicken auseinandersetzen, weil ich eine Behinderung habe oder eben so gar nicht dem Schönheitsbild entspreche. Ich werde nicht angestarrt, weil ich als Fremdkörper wahrgenommen werde. Und ich muss nicht einen schweren Kampf mit mir und meiner Umwelt austragen, weil mein seelisches und biologisches Geschlecht nicht zusammenpassen. Ich muss nicht bei der Krankenkasse darum betteln, dass sie mir eine Operation finanzieren, die mir die Chance gibt die biologischen Vorraussetzungen so zu verändern, dass ich mich endlich wohl fühle. Und ich muss nicht damit umgehen, dass ich intersexuell (also mit zwei Geschlechtern) auf die Welt gekommen bin. All das muss ich nicht – und deswegen bin ich eine Privilegienmuschi.

Gesellschaften haben, so die Theorie von Jochen Hörisch (ja, der ist sogar noch Mann ;-)), die ich sehr überzeugend finde, drei Dinge zu verhandeln: Tauschen, begehren und kommunizieren. Alle Ordnungsprinzipien kreisen um die Ordnung dieser Dinge. Geld, Medien, Gott heißt ein anderes Buch von ihm, wo anhand des Titels die Theorie nochmal klarer wird. Ausgehend davon ist nun also die Auseinandersetzung mit der Art und Weise wie Kommunikation geordnet wird relevant. Wie wird Kommunikation sichtbar, wirkmächtig und beeinflussbar? Grundsätzlich, so eine einflussreiche Theorie, organisiert sich Kommunikation in Diskursen und deren Verläufen bzw. deren Evolution. Der dafür prominenteste Denker ist, neben Habermas, aber der ist da grad nicht so relevant,  Michel Foucault. Großer Mann. Ihn zu lesen will ich nicht jedem abverlangen. Ich plage mich damit rum seit ich 16 bin. Also, Foucault ist ein Wissens – Archäologe, der sich auf die Suche nach der Struktur und Entwicklung von Diskursen gemacht hat, untersucht hat, wie gesellschaftliche Kommunkation Machtstrukturen determiniert bzw. inwiefern sich Macht in diesen kommunikativen Strukturen abbildet. Was aus dieser nun folgt – ist nochmal ein ganz anderes Thema. Aber erstmal geht es mir darum Diskurs zu erläutern und die Rolle von Privilegienmuschis (und Privilegienpenissen! Ihr seid ja auch noch dazu Männer ;))  wie mir in diesem zu verdeutlichen.

Wahrheit wird gemacht

Ich zitiere mal aus der Wikipedia, weil ich finde, dass es dort ganz gut zusammengefasst ist: „Grob vereinfacht meint Foucault mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit einer jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was sagbar ist, was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden darf und von wem es wann in welcher Form gesagt werden darf (zum Beispiel nur in Form einer wissenschaftlichen Aussage)“ Grundsätzlich ist so eine Normsetzung bzw. Sprachregelung nicht notwendig schlecht, sondern vielmehr unausweichlich, ja omnipräsent und muss vielmehr ein Gegenstand der Reflektion sein. Auch muss man hierbei davon ausgehen, dass wir die Welt nur beschreiben, nicht erkennen. (siehe auch Richard Rorty) Damit haben schon viele Menschen Probleme – Wahrheit wird nicht gefunden – sie wird gemacht. Auch wenn ich verstehen kann, dass der Glaube an eine absolute Wahrheit ein einfacheres Weltbild ist, so ist die Foucault’sche Sicht auf die Welt für mich doch wesentlich plausibler. Angelehnt an die Idee, dass Sprache unser Denken wesentlich prägt, ist nun wiederum klar, dass eine Sprachregelung, vorgegeben durch die Tradition des Diskurses, eben auch das Denken und Handeln stark beeinflusst. Weiter resultiert eben aus dieser konstruierten Wirklichkeit eine Norm – diese Norm ist in erster Linie, global gesehen, der westlich-demokratische Nationalstaat. Alles was davon abweicht ist unterentwickelt, etc. Innerhalb dieser westlich-demokratischen Nationalstaaten ist nun die Norm weiß, hetero, cis-gender (also Einheit von biologischem Geschlecht und quasi gefühltem/seelischem) und, wenn man den Diskursverlauf der letzten sagen wir mal mindestens 500 Jahre beachtet (also Reformation/Neuzeit/Aufklärung/Weltkriege.), männlich, christlich und (hart) arbeitend. Weicht nun also jemensch (!) von dieser Norm ab, wird er als ab-normal empfunden. Und dafür, wie auch immer bestraft. Mal mehr, mal weniger offensichtlich. Darum geht es im Kern bei der metamodernen Rassismus- und Sexismusforschung. Mehr eigentlich nicht. Und wenn Menschen es passiert, dass sie auf Grund der Normabweichung diskriminiert werden, dann sprechen wir im allgemeinen von Diskriminierung. Also nicht im wörtlichen Sinne, weil diskriminieren heißt ja eigentlich nur Unterschiede ziehen.

Warum das jetzt so schwer zu vermitteln ist? Nun, die Konsequenzen aus dieser Sichtweise – Diskurs, Auseinandersetzung und Mobilisierung – sind beträchtlich und anstrengend und schließen tendenziell wiederum andere Menschen aus. Nämlich die, die den Normen entsprechen. Die nicht alleine auf Grund gewisser Merkmale diskriminiert werden, die nicht ständig in gewisse Schubladen gesteckt werden und daraus resultierend auch nicht ständig scheiße behandelt werden, weniger Rechte haben bzw. hatten, etc. Natürlich erleben Menschen, die der Norm entsprechen auch ständig Scheiße. Aber eben ohne die zusätzliche Scheiße, die denen widerfährt, die von der gesetzten Norm wie oben beschrieben unausweichlich, unverursacht und offensichtlich abweichen.

Anti-Rassismus ist harte seelische Arbeit

Anzuerkennen, dass es Erfahrungen gibt, die man niemals machen wird, ist hart – denn es entzieht einem Macht. Es bleibt nur Kontrollverlust. Dabei geht es eigentlich nur darum: Anzuerkennen, dass wir in Schubladen denken, dass diese Schubladen tradierte Vorstellungen von Unterdrückung reproduzieren und dass wir die freie Entfaltung von Menschen alleine schon dadurch einschränken, dass wir sie diesem Normterror unterwerfen wollen. Eben weil wir es auch selbst wollen. Denn wer will schon abnormal sein? (Dass es jetzt eine Bewegung gibt, die abnormal geil findet und dabei wiederrum zur Norm wird, ist nur ein Treppenwitz – gilt btw. auch für Anti-Rassisten und FeministInnen, die oftmals so tief in der neu definierten Norm drinstecken, dass sie wiederrum das tun, was sie anprangern – aber seis drum)

Es kommt also auf die diskursive Praxis und die daraus resultierenden Normen an. Und wie man damit umgeht.

1. Bewusstsein schaffen (auch durch Sprache). Auch wenn ich die gegenderte Sprache anstrengend zu lesen und zu schreiben finde (ich vergesse oft welche Worte ich jetzt wie umbauen muss), begrüße ich diese bewusste Auseinandersetzung mit Sprache und die folgende Sichtbarmachung. Jede Gender-Gap ist ein kleiner Arschtritt. Dass die Leute darauf genauso reagieren ist klar, aber auch bisschen traurig. Nehmt euch und die Sprache mal bitte nicht so furchtbar ernst. Ich erfinde in anderen Kontexten jeden Tag neue Wörter – ohne Bewusstsein zu schaffen. Und da meckert auch keiner.  Und auch deshalb finde ich eine Auseinandersetzung mit der Frage „Wie darf ich Schwarze Menschen eigentlich nennen“ wichtig, auch wenn ich mich selbst immer betreten verhalten, mich schäme, mich doof fühle – diese Gesellschaft kotzt mich an; ebenso wie ihr Umgang mit Gruppen, die von der Norm abweichen. Ich schäme mich dafür. Aber noch mehr schäme ich mich für mich – denn ich bin eine Privilegiemuschi, die diesen Normen auch unterworfen ist – ich bin mehr Rassistin, Sexistin und Chauvinistin, als mir lieb ist. Ja, das tut weh. Ja, das ist unangenehm. Und ja, es ist meine Pflicht, mich dem zu stellen. Dieses Gefühl muss man zulassen, auch wenn es weh tut. Erst dann ist es wirklich eine Form von „weißem Anti-Rassismus“. Erst dann zeige ich den Menschen, die von meinen Vorfahren misshandelt und missachtet wurden, Respekt und Demut.

2. Diskursive Praxis hinterfragen: Welche Begriffe sind Selbst- und Fremdzuschreibung? Wie wollen die Menschen bezeichnet werden? Was ist unfair, was ist übergriffig, was ist angemessen? Wie entstehen Begriffe? Woher kommen sie? Was sollen sie beschreiben und warum? Ist es notwendig sie zu benutzen? Sprache ist eine Waffe – wir müssen vorsichtig mit ihr umgehen!

3. De facto Herrschaftsverhältnisse anerkennen. In unserer Gesellschaft ist der default-Zustand für Machtausübung weiß, männlich, hetero und cis. Da kann man jetzt jammern, aber das ist erstmal so. Das männlich wird aufgebrochen, ebenso das weiß (Merkel und Obama) – momentan sind das aber auch noch Ausnahmen, Obama mehr als Merkel (und es gibt ja Menschen die meinen Obama sei nicht schwarz, weil seine Familie keine Sklavenerfahrung gemacht hat – was eine interessante Anekdote ist, denn sie zeigt, dass weiß und schwarz im Prinzip auch Konstrukte sind um Privilegierung/Diskriminierung sichtbar zu machen). Dieser default-Zustand von Herrschaft muss überprüft werden. Aber wie wir wissen – default-Eintellungen kann man nur ändern, regulieren – nicht gleich machen. Das ist es, was Menschen meinen, wenn sie sagen, dass die Privilegienmuschis und -penisse ihre Privilegienstellung nicht aufgeben wollen. Sie profitieren ja von diesem Zustand. Und ich kann auch verstehen, wenn Menschen wirklich sauer werden, wenn es dann flapsig heißt: Also in meiner Welt gilt das mit der white supremacy nicht – ja, genau. Denn in „deiner“ Welt regieren lesbische, schwarze Behinderte die Welt. Es geht mir jetzt auch nicht um die grundsätzliche Frage von Herrschaft. Erstmal geht es ja darum das anzuerkennen: Westen regiert die Welt, im Westen regieren die Weißen, hetero, cis-gender. Und ja, ich weiß, dass China und Indien das jetzt komplexer machen – ändert nichts an den traditionellen Diskursen. Und es geht darum, dass es Merkmale gibt, die jemand zufällig hat, die einen Zugang zu Macht wesentlich schwerer machen. Und diese Merkmale sind in unserer Tradition sehr stark verankert.

4. Weißen Stock aus dem Arsch ziehen. Diese Punkte mal zu reflektieren, mal anzunehmen, mal darüber zu reflektieren – ist ein erster Schritt. Dann kann man auch einfach mal darüber nachdenken, wie es für Noah Sow gewesen sein muss. Ich finde ihre Schilderungen wichtig und auch die Auseinandersetzung damit. Sie entspricht mit ihrem Verhalten weder dem Klischee „der Frau“, noch „der Schwarzen“ , und ist einfach mal offenbar genervt von der Ignoranz und Dummheit, eiskalt und weist diese unsensiblen und unwissenden Deppen in die Schranken. Mein Artikel über AstA-Linke hat sich eben mit genau diesen Menschen auseinandergesetzt. Diese Möchtegern-Weltretter, die sich als Anti-Rassisten, Anti-Faschischten und Feministen bezeichnen und dann nicht mal die Lesung der Autorin so vorbereiten, dass sie mit ihr halbwegs auf Augenhöhe reden können. Wenn sie sich nicht mit Rassismus beschäftigen wollen – ok, aber diesen Wohlfühl-Antirassismus können sie sich doch sparen, finde ich. ich bin jederzeit bereit es den Leuten zu erklären und finde es auch ätzend, wenn andere Menschen das nicht tun. Aber: bei soviel Inkompetenz kann ich die gute Frau Sow wirklich verstehen.

Dieser Blogpost war nun inspiriert von der Unglaublichkeit der Diskussion um Noah Sow. Der Beitrag von Malte Welding – auch wenn ich seine Kritik an der im Mittelpunkt stehenden Person nachvollziehen kann – ist so peinlich, dass ich ihn nicht verlinken werde. Und was die Empörungsindustrie von sich gegeben hat will ich auch nicht verlinken. Mein Anliegen war einfach nur mal zu erklären, was Diskurs ist und wieso Rassismus mehr ist als das N-Wort nutzen und Ausländer zusammentreten. Wieso wir in gesellschaftliche Normen denken und feststecken und das wir die auch nicht loswerden, uns aber wenigstens mal darüber Gedanken machen können und Demut zeigen. Und ja, als Privilegienmuschihete kannst du nichts richtig machen – aber irgendeinen Preis müssen die Privilegien ja auch haben.

Rassismus ist die Einteilung der Menschen in Rassen (die es so nicht gibt, tatsächlich … aber biologische Genauigkeit ist ja leider eh nicht Mainstream) und der Zuschreibung von gewissen Eigenschaften. Deswegen ist es auch Rassismus, wenn man behauptet, dass die Griechen per se weniger arbeiten. Oder dass die Juden per se schlauer sind. Oder, oder. Kategorien, Stereotype – das sind die Feinde. Wenn wir freie Entfaltung wollen, müssen wir diese Aufbrechen. Also ich will das. Denn das verstehe ich unter Emanzipation.

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tl;dr: Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

P.S. Ich beantworte alle eure Fragen gerne. Aber denkt bitte daran, dass ihr nicht mir die Schuld gebt, wenn ihr etwas nicht versteht. Fragt einfach. Ich antworte gerne. Und bleibe fair. So mein Anspruch in dieser Sache. Denn das Thema ist zu wichtig für Ego-Scheiße.

P.P.S Was ich von Blut und Boden -Ideologie als Bürgersystem halte, erläutere ich dem guten Sarrazin hier: http://juliaschramm.de/blog/moderne/deutschland-und-kulturnation/

Nochmal Auszüge von Foucault:
„Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbares Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materalität zu umgehen.“ (S. 7)

„Niemand kann in die Ordnung des Diskurses eintreten, wenn er nicht gewissen Erfordernissen genügt, wenn er nicht von vorneherein dazu qualifiziert ist. Genauer gesagt: nicht alle Regionen des Diskurses sind in gleicher Weise offen und zugänglich; einige sind stark abgeschirmt (und abschirmend), während andere fast allen Winden offenstehen und ohne Einschränkung jedem sprechenden Subjekt verfügbar erscheinen.“ (S. 26)

Literatur:

Braune Mob e.V. – Ein Verein von Schwarzen, die mal gut zeigen, was eigentlich die Probleme sind: http://www.derbraunemob.info/

Jochen Hörisch, Tauschen, sprechen, begehren. Eine Kritik der unreinen Vernunft, München 2011.

Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège de France – 2. Dezember 1970, München 1974.

Ideologie und Emanzipation

Oder: Wieso die Piraten nicht Post-Ideologisch sein können

Der Begriff Ideologie stammt aus der Zeit der französischen Revolution und erlebte drei begriffliche Taufen. In Gefolgschaft der franzöischen Revolution setzten sich die so genannten Idéologistes, ein Neologismus analog zur Ontologie, nach dem Sturz der Jakobiner das Ziel eine analytische Wissenschaft von Ideen einzuführen. Also die Frage nach der Entwicklung und den Elementen der Metaphysik. Als nächster Taufpate wird Napoleon verstanden, der diese Ideologen, den Werten der Aufklärung verbunden, herablassend verspottete – und schließlich als Kampfbegriff nutze um seine Gegner zu diffamieren. Jeder Widerspruch gegen ihn galt als Ideologie. Schließlich nahm sich auch Karl Marx dem Begriff Ideologie an und arbeitete heraus, dass Ideen von den Herrschenden zur Zementierung ihrer Herrschaft genutzt wurde. So münzte er seine Klassenkampftheorie um und erklärte die Ideologie zum Kampfbegriff gegen die herrschende Klasse. Man kann also erkennen, dass bereits im 18. und 19. Jahrhundert der Begriff sehr verschiedene Bedeutungen hatte. Dem folgend ist auch die Forschung mit diesem Begriff weitläufig und unordentlich – geprägt von verschiedenen Herangehensweisen und Interpretationen.

Die marxistische Dimension der Ideologie lasse ich an dieser Stelle aus und versuche die Ideologie als immanentes Gegenstück zur Religion zu erarbeiten. Dafür muss zunächst der Unterschied zur Religion dargestellt werden: Religionen sind seit Jahrunderten oder Jahrtausenden im Wandel und haben ganze Gesellschaften geprägt und aufgebaut, während Ideologien künstliche Gebilde einer modernen, säkularisierten Marktgesellschaft. sind Ideologien tauchen in diesen Gesellschaften als Antwort auf eine Krise der Religion auf. Beobachten kann man dies in erster Linie seit der europäischen Neuzeit, als Gott seine Omnipotenz zunehmend verlor, also ein Glaubenswettbewerb begann. Die Spaltung der römischen Kirche öffnete diesen Wettbewerb. Alternative Erklärungmodelle für die Gesellschaft, ihre Mechanismen und ihre Zukunft wurden entwickelt – das 19. Jahrhundert wurde zum Zeitalter der Utopie. Doch nicht nur das: Viele meinten, mit Ideologien die Werkzeuge für den richtigen Weg der Menschheit gefunden zu haben, den gesellschaftlichen Schlüssel zum Frieden, zum idealen Ende der Menschheit.

Die Rolle Gottes wurde nun der Geschichte, der Rasse, einer Idee oder einer Person zugeschrieben und am Ende dieses Jahrhundert der Utopien stand das Zeitalter der Extreme, wie es Eric Hobsbawn ausdrückt. Als Ideologien haben sich in diesem Zusammenhang vor allem der Nationalsozialismus und der Kommunismus erwiesen, an deren Beispielen die neuere Forschung in erster Linie orientiert war und ist. Auch der Islamismus wird zunehmend als Objekt des Interesses gehandelt und untersucht.

Was die literarische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts jedoch gezeigt hat, ist eine gesellschaftliche Funktionalität von Ideologie und Religion. Das menschliche Bedürfnis nach Sinnstiftung entspringt, so Voeglin, in seiner Kreatürlichkeit, so dass er eine höhere Ordnung braucht um seine Existenz zu erklären. Der Geist ermöglicht es über die bloße physische Existenz hinaus denken zu können, so dass der Mensch in der Spannung zwischen Transzendenz und Immanenz lebt und sich seine Existenz in einer Zwischensphäre abspielt. In einer höheren Ordnung einen Platz zugewiesen bekommen stillt die quälende Frage nach dem Sinn des Lebens. Die religiöse Transzendenzerfahrung ermöglicht es dem Menschen auf einem intellektuell anspruchslosen Niveau diese transzendentale Sehnsucht zu stillen. Im Verhältnis zu Gott kann man zu der inneren Ordnung und dem inneren Sein gelangen.

Hierbei handelt es sich in erster Linie um eine emotionale Erfahrung, welche die Ideologie zu replizieren versucht, jedoch ohne einen transzendenten Bezug. Gerade in kollektiven Massenereignissen scheint die Grenze zur Transzendenz immanent erreicht zu sein. Wesentlich für eine erfolgreiche Ideologie ist somit die Inklusion, als auch die Exklusion in Form der Erzeugung von Einzigartigkeit für den Einzelnen. Mein (imaginärer) Freund im Himmel oder der Reichskanzlei, gibt mir eben dieses Gefühl der Einzigartigkeit und gleichzeitig das Wissen Teil eines sinnhaften Ganzen zu sein.

Der Machtverlust der transzendenten Ebene in der modernen Gesellschaft, ausgelöst u.a. durch Industrialisierung, das aufkommende Bürgertum und die französische Revolution,  führte zu einer Verweltlichung der Religion, was wiederum eine massiven Entmysthifizierung mit sich brachte. Die Entzauberung der Welt, wie es Max Weber richtig erfasste. Und so ist die Religion und die Ideologie eine Form die Welt zu erfassen, denn beide wirken sinnstiftend. Unterschiede gibt es wesentlich in ihren Bezügen, nicht aber in ihrer Funktion, ihren Institutionen, den Verhaltensweisen, die sie bei ihren Anhängern hervorrufen. Die Ehrfurcht vor Gott wird in der Ideologie, wo der Mensch zum Gott erklärt wird, zur Ehrfurcht vor dem Führer der ideologischen Bewegung. Denker wie Voeglin schlossen daraus, dass eine christliche Gesellschaft ssomit weniger Schaden anrichten würde, frei nach dem Motto: Besser Christ, als Nazis.

Und vor allem das Sendungsbedürfnis ist sowohl bei Religionen, als auch Ideolgien stark. Schließlich will man die Wahrheit mitteilen, wenn man glaubt sie zu kennen. Während Religionen einen transzendentalen Bezug haben, die Erlösung überweltlich sehen, suchen und finden Ideologien vermeintlich die Erlösung innerweltlich. Das immanente Erlösungsmoment ist das zentrale Motiv der Ideologie: Das Paradies auf Erden schaffen. Und das mit rücksichtsloser Prinzipienhaftigkeit. Und spätestens hier wird dann auch der Bezug zur Piratenpartei klar.

Emanzipation als gesamtgesellschaftliche Aufgabe – Post-Ideologie als Politikanspruch

Man kann also festhalten, dass dem Menschen ein Wunsch nach Sinnstiftung, nach Transzendenz, ja, nach Wahrheit innewohnt und Ideolgien dieses Bedürfnis ebenso stillen, wie es Religionen tun. Ein geschlossenes Denksystem ist das Ziel, dass alles sinnhaft macht, dass dem Menschen eine Funktion im Weltgetriebe zuweist. Katalysiert werden kann das im Wesentlichen von den verschiedensten Bewegungen – Umweltfanatismus oder Promiskuität können dem Leben vermeintlich ebenso Wahrhaftigkeit verleihen. Lösung für diese “transzendentale Sehnsucht” ist zweifelsohne eine echte Emanzipation – also das Denken ohne Geländer, ohne geschlossenes Denksystem, ohne Zwänge. Oder wie es Adorno in “Dialektik der Aufklärung” ausdrückt: „Das Bestehende zwingt die Menschen nicht bloß durch physische Gewalt und materielle Interessen sondern durch übermächtige Suggestion. Philosophie ist nicht Synthese, Grundwissenschaft oder Dachwissenschaft, sondern die Anstrengung, der Suggestion zu widerstehen, die Entschlossenheit zur intellektuellen und wirklichen Freiheit.“ Die übermächtige Suggestion kann hierbei als das mittlerweile vielfältige Weltanschuungaangebot verstanden werden, das die Welt in ihrer Komplexität reduziert. Natürlich ist eine gewisse Komplexitätsreduktion notwendig um sich in der Gesellschaft zu orientieren, sobald jedoch eine Patentlösung für das ideale Ende der Gesellschaft vermeintlich erkannt wurde, sind wir schnell bei der Endlösung. Es geht also vielmehr um das Befreien des Denkens von dem Wunsch für alles eine Erklärung, eine Lösung zu haben. Echte Freiheit erweist sich hierbei als anstrengend, als Herausforderung. Die Unfreiheit, das Aufgehen in einem geschlossenen Denksystem, abseits jeder Verantwortung wirkt unter diesen Prämissen verführerisch. Deswegen sind Verschwörungstheorien so spannend und immer wieder präsent. Doch den heiligen Gral, die eine Lösung gibt es nicht. Weder gesellschaftlich, noch politisch. Das Anerkennen von Unsicherheit, Ungewissheit und dass das Sein wohl oder übel das Nichts ist, ist eine wesentliche Aufgabe des Individuums, muss jedoch als politischer Anspruch verankert sein. Konflikte dürfen nicht ausgemerzt werden, sie müssen institutionalisiert und als Motor des gesellschaftlichen Entwicklung verstanden werden. Ein post-ideologischer Anspruch kann somit nur im Bewusstsein einer zu erwirkenden Freiheit des Denkens verstanden werden – eines Denken der ganzen Komplexität und einer Anerkennung von Unzulänglichkeit. Der Versuch einer Zwangsharmonisierung kann nur in einer totaliätren Gesellschaft enden. Post-Ideologie kann so nur den Versuch sich gedanklicher Konstrukte so weit es möglich scheint abzuwenden  beschreiben, sich der Situation und der Gegenwart anzunehmen, sie zunächst zu akzeptieren und Lösungen zu finden, die unabhängig von einer höher gelegenen Sinnstiftung sind. Deswegen definiere ich Pragmatismus eben auch als Gegenpol zum Dogmatismus – unter den man in meinen Augen die transzendentale Sehnsucht zusammenfassen kann. Denn nur auf festen Füßen können Ideen ungefährlich gedeihen. Geschlechtsunabhängige Emanzipation, wie oben verstanden, kann und muss ein wesentliches Element einer progressiven Politik sein – muss das Leitprinzip sein, das Ideal. Hier werden auch andere philosophische Strömungen berührt, wie der Existenzialismus z.B. Wichtig ist hierbei  zum einen der Anspruch, jedoch auch die bildungspolitische Infrastruktur, denn  Politik muss, nach Hannah Arendt, Freiheit ermöglichen. Politische Freiheit existiert in einer Welt jedoch nur, solange die transzendente Ebene nicht ausgeschlossen ist und die entsprechenden Institutionen nicht verbannt werden. Toleranz und Pluralismus, sei es noch so konfliktträchtig, ist integraler Bestandteil einer offenen Gesellschaft und muss auch auf kleinster Ebene bereits gelebt werden.

Und wie sieht das im Verhältnis von Internet und Ideologie aus?

Das Internet bietet uns nun eine neue Dimension der Utopie: Eine demokratischere und freiheitlichere Gesellschaft, an der mehr Menschen partizipieren können, entscheiden können: Die Utopie einer besseren Gesellschaft. Am von mir beschriebenen transzendenten Grundbedürfnis des Menschen ändert sich jedoch nichts, so dass sich die Frage stellt: Wie katalysiert das Internet dieses Bedürfnis? Wie geht es damit um? Welche Chancen bietet es, welche Risiken entstehen? Das Verhältnis von Ideologie und Internet ist ebenso dual wie ambivalent. Vorteile und Chancen stellen somit auch potentielle Gefahren dar.

Denn Ideologien sind auch immer dichte Kommunikations- und Weltanschauungsnetze. Das Internet nun ermöglicht zum einen eine Dezentralisierung und somit eine stärkere Pluralisierung von Ideen und somit auch Ideologien, eine Auflöung scheint denkbar. Die digitale Aufklärung erscheint am Horizont. Mehr noch kann jeder seine individuelle Form der Ideologie erstellen. Ideologien ermöglichen, wie bereits angeführt, eine funktionale Rolle einzunehmen, die mit der Anerkennung und Wahrnehmung der eigenen Person verbunden ist. Es besteht eine Möglichkeit der radikalen Individualisierung, im extrem gar eine Vereinsamung. Gleichzeitig ergibt sich die Möglichkeit Gleichgesinnte zu finden, mit denen sich wiederrum Ideen verknüpfen lassen – die Grundlage für neue, globale Ideologien.

Sein ist Wahrnehmen und Wahrgenommen werden. Das Internet als globales Vernetzungsmedium erhöht hierbei Frequenz, als auch Fluktuation der eigenen Identitätsbildung. Die Kontrolle über das Wahrnehmen steigt ebenso wie die Kontrollmöglichkeit über das Wahrgenommenwerden steigt. Das Internet emuliert gleichzeitig auch das Gefühl in der Welt zu sein, zur Welt sprechen zu können. Der Wunsch nach Einzigartigkeit scheint zum Greifen nahe. Jedoch wird ebenso das Gefühl von Zusammengehörigkeit, das die Ideologie auch immer zu leisten vermag, kreiert. Internet kann in dieser Betrachtung auch selbst zur Ideologie verkommen bzw. wird es wohl von einigen Unwissenden als solche verteufelt! Doch in dieser globalen Plattform der Einzigartigkeit gibt es zunehmend eben auch Angleichungen, so dass die Gefahr globaler Ideologien nicht gebannt ist und sie ggf.,  mit größerer Verbreitungsmöglichkeit durchzusetzen sind.

Nicht zu vergessen ist dabei, dass das Internet durch seinen dokumentarischen  Charakter die Möglichkeit einer umfassenden Aufklärung gibt. Denn das Internet funktioniert als Gedächtnis und liefert dadurch Wissen. Auf der anderen Seite stellt das Internet auch eine Supermall der Ideen dar, in der man sich allzu schnell verlieren kann bzw. isoliert die Bestätigung seiner eigenen Welt findet. Eine inhaltliche Abkopplung von der realen Welt im Internet ist ungleich einfacher als einer inhaltlichen Diskussion in der realen Welt aus dem Weg zu gehen. Das Internet gibt die Möglichkeit einer Parallelwelt, die in sich wiederrum geschlossen ist. Es ist nicht nur das Medium der Aufklärung, auch potentiell das Medium der Ideologieverfestigung. Analog dazu ist der Vorteil des Internets eine Entkörperlichung, die eine pragmatische Herangehensweise, ohne emotionale Beladungen, ermöglichen kann. Persönliche Animositäten, Unsicherheiten können konstruktive Debatten verhindern, so dass eine transhumane Welt optional erscheint. Gleichzeitig gilt jedoch auch das Gegenteilige, wie die Mailinglisten zeigen – so dass sich vermuten lässt, dass körperliche Barrieren scheinbar Anstand schaffen. Natürlich muss man immer die Medien, die das Internet nutzen, unterscheiden, in diesem Beitrag geht es eher um Tendenzen, Vorstellungen und Ansätze. Grundsätzlich gilt die Frage nach der Herausarbeitung von Werten, abseits einer geschlossenen Gesamtideologie, denn erst Werte ermöglichen eine Gemeinschaft. Jedoch ist eine immaterielle Wertschöpfung ohne transzendenten bzw. sinnstiftenden Bezug sehr schwer und anspruchsvoll. Auch hier gilt, dass ein politischer Anspruch mit der Herausarbeitung von Mechanismen verbunden sein muss, die Werte schaffen.

Ein weiterer Punkt, der als Gefahren für die Ideologien bzw. als Befreiung funktionieren kann ist der zwanghafte Transparenzcharakter des Internets: Alles wir gespeichert, alles ist erfahrbar, alles ist herausfindbar. Wissen wird gespeichert, konzentriert, gefiltert, kritisch hinterfragt und ausgewertet. Die Welt wird sowohl kleiner, als auch größer, die Zeit weniger, als auch mehr. Das Wissen ist so vielfältig und zugänglich wie nie und da alles mit einer erhöhten Beschleunigung. Schneller, größer, besser?

Literaturempfehlung:
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht (1951)
Ralf Dahrendorf, Versuchungen der Unfreiheit (2006)
Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter (2010)