10 Jahre Merkel. Zeit für neue Kritik.

September 2005. Es war die erste Bundestagswahl, bei der ich wählen durfte. Ich verfolgte die Berichterstattung sehr genau, war aber unsicher. Was würde aus Schröder werden, dem fleischgewordenen Albtraum linker Politik? Große Koalition? Schwarz-gelb-grün? Und dann diese Elefantenrunde. Eine legendäre Show Schröders, der, in völliger Ignoranz ob der Realität, Angela Merkel deutlich macht, dass sie niemals Kanzlerin werden wird. Nicht unter seiner SPD. Bis heute ist sein Ausfall auf YouTube als best-of sozusagen abrufbar.

Anfang 2015 sehen wir, wie falsch Schröder lag. Die Große Koalition kam und an ihrer Spitze Angela Merkel. Später formte sie eine Regierung mit Guido Westerwelle und mit den Grünen koaliert die CDU schonmal in Hessen. Angela Merkel steht blendend da, die Welt liebt sie, die wahlberechtigte deutsche Bevölkerung liebt sie und selbst die Hauptstadtjournalisten (!) sind eher an der Oberfläche kritisch, wie der New Yorker schön herausgearbeitet hat. Angela Merkel wird geliebt und bewundert. Gehasst wird sie eigentlich nur von denen, die sie auf ihrem Weg am Rande liegen ließ. Ablehnung aus der Bevölkerung trifft sie, wie Ablehnung Kanzler_innen qua Amt nunmal trifft. Und auch eine linke Auseinandersetzung erschöpft sich an der routinierten Choreographie bekannter Staatskritik.

Feministische Betrachtungen gehen sogar weitesgehend komplett unter – Kritik wird zielorientiert an den Ressortentscheidungen der Regierung geübt, viele Feminist_innen freuen sich über die erstaunlich progressive Personalpolitik Merkels und – ehrlich – ein wenig Freude, dass eine Frau an der Spitze des deutschen Staats steht, stellt sich halt auch ein. Anführerin des feministischen Fandoms ist natürlich Alice Schwarzer, die in ihrem Blatt auch schon Marine Le Pen ein wenig feierte. Kein Wunder also, dass die CDU in der EMMA-Ausgabe vor der Bundestagswahl 2013 eine ganzseitige Anzeige auf der Rückseite des Blattes schaltete.

Merkel confusedAls eher linke und feministische Politikwissenschaftlerin, die sich viel im Netz bewegt und dort arbeitet, war Merkel ein natürliches Forschungsobjekt. Die erste Frau in diesem Amt. Wie macht sie Politik? Was bedeutet ihr Frau-Sein? Wie hat sie sich gegen die hegemoniale Männlichkeit, die so offenbar in der CDU scheint, durchsetzen können? Und wieso kann das die SPD nicht? (Wobei wir da wieder bei Schröder wären, der erst ein linker Macker war, bis er in der Elefantenrunde nur noch Macker war) Warum ist Merkel eigentlich keine Witzfigur im gnadenlosen Gewitter digitaler Öffentlichkeit geworden? Und wie steht sie zum Feminismus? Diese Fragen führten mich immer mehr zu der Überzeugung, dass ich über Merkel schreiben möchte, denn wenn ich schreibe, verstehe ich. Und was läge da näher als ein Blog? Deswegen gibt es ab heute ein Merkel-Blog. Ein Blog über Macht. (Und warum der 9. Januar ein wichtiges Datum in der politischen Karriere von Angela Merkel ist und der ideale Tag ein Blog über sie zu starten, könnt ihr hier lesen: http://merkel-blog.de/angela-vs-andenpakt-eine-erfolgsgeschichte/)

Sozusagen.

merkel-blog.de

P.S. Text ist soweit im generischen Maskulinum geschrieben. Aus Stilgründen. Bildcredit: dirkvorderstrasse

 

 

 

Blutende Privatsphäre

Einst schien die Privatsphäre unabdingbar, um innerstaatlichen Frieden zu gewährleisten. Heute gibt es jeden Monat einen neuen Datenskandal, jeden Tag mehr Gewissheit, dass digitale Kommunikation irgendwem erlaubt auf private Daten zuzugreifen. Jeden Tag weniger Privatsphäre. Warum verschleudern wir dieses Gut, für das jahrhundertelang gekämpft wurde? Und liegt die Lösung wirklich darin, unsere Smartphones in die Ecke zu werfen?

Privatsphäre bedeutet auch manchmal Schweigen müssen. [Bild: Tom Murphy, CC-BY-SA-3.0]

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Der Tod der Autorin ist nur ihr Anfang

Die folgende Rede habe ich als Keynote in Hagen auf dem Kultursymposium “Der Autor ist tot, es lebe der Autor!” gehalten.

Da ich mich nicht mit der geistesgeschichtlichen Dekonstruktion der Autorin als Punkt im Diskurs auseinandersetzen werde, spreche ich heute über die Autorin, den Angelpunkt der Individualisierung, in Zeiten der Digitalisierbarkeit aus durchaus persönlicher Sicht. Anders scheint es nicht zu gehen. Blickt eins in die Entwicklungen der letzten Jahre, betrachtet anonyme Kollektivliteratur und die Geschwindigkeit mit der Texte um die Welt wandern, oft nicht mehr zuordnungsfähig, fühlt es sich nur konsequent an, was die Poststrukturalistinnen einst verkündeten: Der Tod der Autorin ist realer denn je. Der Kontrollverlust, der in den Arbeiten zur toten Autorin bereits angelegt ist, wird vollkommen, die Autorin verliert Deutungshoheit und Kontrolle über ihren Text. „Der Tod der Autorin ist nur ihr Anfang“ weiterlesen

Kunst ist Kritik

Dieser Text basiert auf einem Text, der in dem Sammelband „Blackbox Urheberrecht“ erschienen ist.

In der Debatte um eine Reform des Urheberrechts wird hart gekämpft. Wie könnte es auch anders sein, schließlich geht es um nichts weniger als Kunst, Kultur und Geld. Auch wenn um viel anderes gesprochen wird. Im Zuge der Debatte wird dabei ein Thema selten berührt: Die gesellschaftliche Funktion von Kunst. Der folgende Text soll ein kleiner, kämpferischer Anfang sein, dies zu ändern. „Kunst ist Kritik“ weiterlesen

Büchlinge!

Diesen Monat erscheinen zwei Bücher mit mir und mit über mich. Ich stelle sie euch hier einmal kurz vor:

Legenden von morgen
Geschrieben von der wunderbaren Kathi (@DieKathiWeiss) und ihrem Kollegen Philipp, die junge Menschen interviewt haben, denen sie zutrauen Legenden zu werden. Ich bin auch dabei, was mich sehr ehrt. Weitere Infos: http://www.schwarzkopf-verlag.net/katharina-weiszligphilipp-zumhasch-legenden-von-morgen.html

Blackbox Urheberrecht
Schon länger plante ich einen Text zum Thema Kunst und Gesellschaft, Walter Benjamin, Kapitalismus und meinen mir unterstellten Künstlerhass. Entsprechend kam mir das Angebot einen Beitrag in einem Sammelband zu schreiben gelegen. Grundthese: Unpolitische Kunst dient (Ur-)Faschismus. Steil wie immer und in erster Linie ein kleiner Anfang in einer Debatte um Kunst und Kultur, die mir zu sehr von Geld und Geschäftsmodellen dominiert war. Ich hoffe also auf eifrige Erwiderungen und Kritik! 😉

Weiteres zum Sammelband und die Erklärung zum Geschäftsmodell (kein DRM, reines eBook, Selbstverlag, kein total buy-out) steht auf dem Blog des Herausgebers Daniel Brockmeier, der einen tollen Job geleistet hat: http://www.privatsprache.de/buecher/blackbox-urheberrecht/ Neben meinem findet ihr im Buch Beiträge von Thomas Stadler, Mspro, Neelie Kroes, Leutheusser-Schnarrenberger, Anatol Stefanowitsch und anderen.

Betroffenheit und (emanzipatorische) Politik

„Schlimmer noch, wir bestärken die Leute darin, die Vergangenheit – und ihre Lektionen – aus der Perspektive ihrer je eigenen leidvollen Erfahrung (beziehungsweise der ihrer Eltern und Großeltern) zu sehen. Heute setzt sich die „allgemeine“ Interpretation der jüngsten Geschichte also zusammen aus Fragmenten unterschiedlicher Vergangenheiten (von Juden, Polen, Serben, Armeniern, Deutschen, Afroamerikanern, Palästinensern, Iren, Homosexuellen uws.), die allesamt von Leid und Opfer geprägt sind. Das Mosaik, das sich daraus ergibt, verbindet uns nicht mit einer gemeinsamen Vergangenheit, sondern trennt uns voneinander.“ Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr der Intellektuellen, Frankfurt 2011, S. 14.

In emanzipatorischen Kreisen geht es in der Sache oft erstmal um die (praktische) Emanzipation marginalisierter – immer meist nicht-männlicher, nicht-weißer, nicht-europäischer, nicht-cis, nicht-heterosexueller – Gruppen, deren Position mit handfesten ideellen und materiellen Nachteilen im Alltag verbunden ist. Marginalisierung und die alltägliche Ungerechtigkeit bedingen einander, aber das ist ein anderer Blogpost. Der Kampf gegen diese Ungerechtigkeiten bedeutet neben der konkreten Veränderung der Situation auch oft eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit und Kritik an der Gesellschaft. Zu diesen Mechanismen gibt es ganze Bibliotheken mit Literatur und diese kurze Ausführung soll hier nur einen Rahmen vorgeben. Auch möchte ich im Folgenden die Trennung zwischen Theorie und Praxis einmal stärker betonen und anmerken, dass dies in vielen Diskussionen um emanzipatorische Bewegungen zu sehr vernachlässigt wird. Nun jedoch zum eigentlichen Thema: Betroffenheit und emanzipatorische Politik. Ich will dazu erst ein paar theoretische Überlegungen ausführen und dann ein praktisches Beispiel anhand meiner Erfahrungen rund ums #refugeecamp geben.

Betroffenheit ist ein wichtiger praktischer Erfahrungswert, welcher die Wahrnehmung und Beruteilung der Welt formt. Betroffenheit ergibt sich aus meiner Position in der Gesellschaft: Wie nehmen mich andere wahr? In welchen Schubladen stecke ich und wie sehen die aus? Das Bilden von Schubladen dient in erster Linie der Komplexitätsreduktion – je mehr Schubladen ich habe, in die ich Menschen schnell (anhand äußerlicher Merkmale ist zB sehr schnell) einordnen kann, desto intuitiver komme ich durchs Leben. Die Ambivalenz der Schubladen stellt uns vor das Problem, wie mit den Schubladen umgegangen werden soll, die schädlich sind, die Menschen das Leben zur Hölle machen. Analysiert sind diese Schubladen und wie sie entstehen schon ziemlich gut, tatsächlich gibt es kaum noch Bedarf die Theorie ob des Entstehens von Schubladen zu erarbeiten. Da wurde im 20. Jahrhundert ganze Arbeit geleistet. Die Frage, die bleibt: Wie gehen wir in der Praxis mit Schubladen um, in denen Menschen handfeste Nachteile auf Grund unveränderbarer Merkmale haben? Und wie reden wir darüber?

Selbst in der Schublade zu stecken bedeutet dabei ersteinmal zu wissen, wie die Schublade von innen aussieht. Eine Perspektive, die nur bei denjenigen vorhanden ist, die sich auch in der Schublade befinden. Um mit den Schubladen kritisch umgehen zu können, ist das ein Wissen, was *unverzichtbar* ist. Gleichzeitig bedeutet Betroffenheit nicht die bisherigen Theorien verstanden zu haben, ja es ist nicht mal notwendig sich mit diesen beschäftigt zu haben. Im Gegenteil sind persönliche Erfahrungen und daraus abgeleitetes Wissen oft diametral zu vielen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, die erstmal kontraintuitiv sind. Identität bedeutet nicht automatisch theoretisches Wissen zu einem Wissenschaftsfeld, Identität kann diesen Anspruch aber auch nicht haben – das wäre essentialistisch, etwas, was eine kritische Auseinandersetzung mit Schubladen verhindern und das Ganze ad absurdum drehen würde. Jedoch, während die Betroffenensicht im Diskurs wesentlich ist, kann auf gelernte Theorie von nicht-Betroffenen durchaus verzichtet werden. Sollte es aber nicht.

Theorie ist natürlich nie frei von (nicht-)Betroffenheit – der Anspruch sollte aber sein, dass theoretische Debatten es sind. Nur weil es keine objektive Wahrheit gibt und wir uns in einer subjektivistischen Welt voller vieler individueller Wahrheiten befinden, sollte der Versuch eine gemeinsame wahrhaftige Realität zu schaffen niemals aufgegeben werden. Denn Politik ist das Aushandeln maximal allgemeingültiger Regeln, das Finden eines gesellschaftlichen Konsens, der für maximal viele alle Menschen ein Leben ermöglicht, das die Existenz sichert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Eigentlich ist das so trivial, dass es nicht weiter besprechen werden müsste, jedoch, so erscheint es mir, stehen in derzeitigen politischen Prozessen nicht ein fairer Ausgleich zwischen den Partikularinteressen im Vordergrund, sondern der Versuch die bestehenden Verhältnisse an der eigenen Betroffenheit zu orientieren. Die Frage ist somit de facto nicht, inwiefern wir maximal vielen allen Lebewesen auf der Welt ein würdiges Leben ermöglichen können, sondern wie ich als Vertreter_in einer Betroffenengruppe deren und somit meine Ziele durchsetzen kann. Die Frage ist nicht, wie wir wissenschaftliche Ergebnisse sinnvoll nutzen können, um Ressourcen effizient zu nutzen, sondern wie meine Betroffenengruppe die meisten Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommt. Das ist erstmal Lobbyismus und in einem demokratischen System auch legitim, ja notwendig, jedoch fehlt das Bewusstsein, dass es sich auch immer um das große Ganze handeln muss. Im Strudel der Betroffenheit werden rationale Herangehensweise geopfert – die mächtigste Gruppe kann die eigene Betroffenheit zur Norm erheben und tut das auch, wie wir es anhand der CDU schön betrachten können. Doch genau diese Norm ist die Gebrauchsanweisung für die Hierarchisierung von Schubladen. Die Norm ist dabei theoretisch flexibel, auch wenn sie in unseren Beitengraden patriarchal ist. Was nun also bleibt ist auch hier eine Trennung von theoretischem Wissen über die Beschaffenheit von Gesellschaft, was in sich unabhängig von der eigenen identität ist und praktischer Erfahrung als Teil der Gesellschaft inklusive der wirkmächtigen Position. Identität bedeutet also nicht automatisch theoretisches Wissen und theoretisches Wissen bedeutet nicht automatisch Identität.

Praktisch gesehen ist das Ganze nun wesentlich komplizierter, denn praktisch gesehen ist Identität und Theorie tatsächlich kaum trennbar. Ein erhellendes Erlebnis hatte ich um das #refugeecamp herum. Ich traf einen Teil der Refugees das erste Mal in Würzburg, wo wir ihnen das Geld aus der #hosengate-Aktion überreichten. Ich verhielt mich von Beginn an sehr zurückhaltend und wollte nicht aufdringlich sein – ich empfand es als problematisch mich im Leben dieser Menschen irgendwie sichtbar zu machen, gerade weil ich weiß, in welchen Schubladen sie stecken und wieviel Mut und Kraft sie aufbringen aus diesen herauszukommen. Ich wollte sie nichtmal nach ihren Geschichten fragen. Ich empfand es vielmehr als unangebracht überhaupt Teil dieser ganzen Sache zu sein, mich ihnen aufzudrängen, ihnen helfen zu wollen. Ich empfand es schon im Sommer in Würzburg als hochproblematisch mich irgendwie in diesem Kosmos angemessen an mein theoretisches Wissen zu positionieren – ich war passiv-gelähmt.

Nun kamen die Refugees nach Berlin und suchten Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu finden. Im Rahmen dessen beteiligte ich mich an der #tits4humanrights-Aktion, die im Kern sehr gut funktionierte. (Twitter flippte aus und im Laufe der Woche wurde ernsthaft über die Thematik der Asylpolitik gesprochen.) Im Vorfeld hatten die Refugees im Plenum für die Aktion gestimmt und unseren aufmerksamkeitsökonomischen Vorschlag als Unterstützung für ihre Sache angenommen. Im Nachinein nun kamen einige Aktivistinnen zu uns und kritisierten die Aktion. Und obwohl ich die Kritik erwartet hatte und auch verstehen kann (letztlich ist die Kritik ja offensichtlich und das Ganze eine Frage der Abwägung, was nun sinnvoller ist), empfand ich es als Unverschämtheit, dass es da tatsächlich hieß, dass das Plenum der Refugees ja nicht entscheidungsfähig gehandelt hätte, als die Aktion beschlossen wurde.

Plötzlich war ich einer neuen Welle von Betroffenheit ausgesetzt, die auf der Länge des Aktivismus und der Nähe zu den Refugees basiert, letztlich jedoch nur Bevormundung bedeutet und fehlenden Respekt gegenüber denen, die dort tagelag im Hungerstreik saßen und mehr Mut und Kraft zeigten, als ich mir selbst vorstellen konnte. Im Anschluss an die Aktion war ich erstmal krank und saß vor Twitter, verfolgte jeden Schritt und versuchte den digitalen Faschos keinen Fußbreit zu zeigen. Und während ich als Virenschleuder vom Refugeecamp gebannt war, dachte ich wieder über Betroffenheit nach und meine Rolle. Was kann ich denn nun tun? Und mache ich es nicht automatisch falsch? Wie kann ich meine gesellschaftliche Position, mein fehlendes Wissen über Flucht und Vertreibung, das fehlende Leid ausblenden? Wie kann ich auf Augenhöhe mit diesen Menschen überhaupt sprechen?

Die wesentliche Zwickmühle dabei ist, dass die Betroffenen ihre Marginalisierung nicht ohne die nicht-Betroffenen (und nur schwer mit nicht-Betroffenen) überwinden können. Dass das Refugeecamp die Schikanen der Polizeit überlebte, lag vor allem an den tapferen nicht-Betroffenen (besonders auch Parlamentariern), die das Camp schützten, die keine Virenschleudern oder gelähmt-feige Überanalysierer waren. Ohne diese Menschen wäre viel von dem Protest wieder verloren gegangen. Ohne die Solidarität wäre der Protest verhallt. Und dennoch schämte ich mich wieder zum Refugeecamp zu gehen, mich potentiell in die Kleinkriege der Aktivist_innen zu begeben, die ihre fehlende Betroffenheit irgendwie zu kompensieren suchen, den Kampf der Betroffenen durch meine Identität potentiell zu überschatten, sie zu bevordmunden durch meine Art zu reden, kurz: durch meine gesellschaftliche Position ihre noch stärker zu schwächen. Dennoch weiß ich, dass es keine Veränderung geben kann ohne das die nicht-Betroffenen sich dem Kampf anschließen. Und wie lassen sich die nicht-Betroffenen für eine Kampf, der sie „eigentlich und irgendwie nichts angeht“, obwohl er doch so wichtig für die ganze Gesellschaft ist, gewinnen? Durch Theorie, durch Schreiben, durch Kommunikation und Dialog, durch das stetige Erarbeiten fairer Umgangsregeln, duch einen gesellschaftlichen Dialog, der nicht auf der Betroffenheit einzelner, sondern dem Ziel einer gerechten Gesellschaft fußt.

Politischs Handeln muss mehr sein als Betroffenheit. Politisches Handeln muss mehr sein als nicht-Betroffene, die sich abseits der Realität Theorien zusammenbasteln, die sie anschließend als universell verkaufen. Politisches Handeln muss mehr sein als das Verteidigen der eigenen Privilegien. Politisches Handeln muss mehr sein als anderen die Privilegien vorhalten. Politisches Handeln muss mehr sein als das Ausspielen der Theorie gegen die Praxis. Politisches Handeln muss sich einer gerechten Gesellschaft verpflichten.

Dieser Text entstand Ende 2012 und wurde leicht bearbeitet Ende 2015.

Nazis und Poststrukturalismus

Zu Beginn noch einen kleinen Einschub: Hört bitte auf totalitär oder extrem als politische Kampfbegriffe zu nutzen – diese Begriffe sind nicht operationalisierbar für eine fundierte Analyse der Wirklichkeit und dienen ausschließlich dem politischen Kampf. Und hier liegt auch ein Kern des Fehlglaubens: Extremisten werden als Nazis empfunden, obwohl sie mit der eigentlichen Vorstellung der Nazis nichts zu tun haben. (Wir wären btw. auch Extremisten, falls wir die Freiheit des Netzes forderten, das aber nicht die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung wäre, denn Extremismus ist eine Meinung an den Rändern einer vermeintlichen Mitte) Was die eigentlich problematischen Ansichten sind und wieso “Nazi-tum” weit früher anfängt als die Piraten es sehen wollen und wieso wir deswegen tatsächlich ein “Nazi-Problem” haben, ist der Kern des Blogposts. Und nein, dass wird kein theatralisches “Kein Platz für Nazis” – Statement, denn wenn ich sehe, wer am einen Tag Scheiße labert und am nächsten Tag solche theatralischen Statements retweetet, etc. – ja, da bleibt mir nichts übrig, als Ignoranz, Uninformiertheit  oder Heuchelei zu attestieren. Ich will dem Problem an die Wurzel – ganz radikal also.

Es gibt wenig Begriffe, die so inflationär und willkürlich genutzt werden, wie “Nazi” (ich werde den Begriff in Anführungsstriche schreiben. Ich hoffe, dass am Ende des Blogposts klar wird, wieso). “Nazis” sind ein Synonym für “böse” für unfassbar “böse”, maximal “böse”. “Nazi” ist der Superlativ des Bösen. Doch was heißt eigentlich “Nazi”? Ich habe relativ lange gebraucht, bis ich begriffen habe, was die einzelnen Wörter in der ausgeschriebenen Version bedeuten: Nationalsozialisten. Es ist auch gar nicht verkehrt das Sozialistische bei den Nationalsozialisten zu betrachten, denn es ist ein Zugang zu der Zielsetzung und ein Schlüssel zum Entziffern der Ursachen für den Wahnsinn, der unter dem Begriff Holocaust oder auch Shoa in die Geschichte eingegangen ist. Ich zitiere mich einfach mal selbst: “Die nationalsozialistische Herrschaft fußte auf der Idee einen sozialistisch aufgebauten Volkskörper mit national orientierten (im Falle der Kulturnation Deutschland rassistisch-völkischen, siehe meinen Brief an den guten Thilo Sarrazin) Beteiligungsgrenzen zu schaffen. Diesem Volkskörper, bestehend auf der vermeintlich besseren Rasse, sollte in letzter Instanz die Welt und ihre Rohstoffe zur Verfügung stehen. Die Welt als Sklave des deutschen Volkes.” Hier und hier habe ich über Nationalstaaten geschrieben, falls ihr euch mehr damit auseinandersetzen wollt. Die Literaturliste ist jeweils recht umfangreich und ich denke, dass es da gute Anhaltspunkte zum lesen gibt.

Denken wir an Nazis in der Nacht, denken wir an Schlägertrupps, Glatzen und Morde an “ausländisch aussehenden” Menschen, also diejenigen, die von diesen “Neo-Nazis” als “Ausländer” definiert werden. Wir denken vielleicht noch an KZ-Wächter und Heinrich Himmler als Archetypen der Nazis. Oder an Dr. Schneider in Indiana Jones (was z.B. ein Element des Problems ist). So oder so ist es abstrakt, weit weg, irgendwie “böse” und “anders” – die Rolle unserer Großeltern ist nebensächlich, nicht gegenwärtig, nicht direkt mit “Nazis” verbunden. Und genau da liegt der Irrglaube – jeder von uns ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, die auf einem Diskurs basiert, in deren Bezugsrahmen das Verbrechen Holocaust begangen werden konnte. Ja, ich weiß Diskurstheorie ist anstrengend, aber ich empfinde es zum Teil als tief anti-intellektuell, wenn eine Partei sich dem wissenschaftlichen Stand der Geisteswissenschaften verweigert. Schön dazu der Podcast CRE zum Thema Poststrukturalismus. Bitte hören – es ist hochgradig frustrierend, wenn sich immer wieder Piraten zu Themen absolut uninformiert äußern, die mit poststrukturalistischen Instrumenten analysiert werden können. RTFM und so. Und wenn ihr es nicht versteht, dann …. Kresse oder Fragen. Sorry, aber das muss auch gesagt werden.

Der Diskurs nun, der den Holocaust ermöglichte und uns auch geprägt hat besteht aus verschiedenen Elementen, die bis heute eine Rolle spielen, die auch in der Piratenpartei virulent sind und vor allem in der Gesellschaft: Die Zustimmung zu Sarrazin ist dafür ein schönes Beispiel. Folgende Vorstellungen sind Teil dieses Diskurses.

  • Dass es eine natürliche Ordnung gibt, die Menschen befolgen sollten (Hierarchien, etc.)
  • Dass es ein deutsches Volk gibt, was eine Art Einheit darstellt/darstellen soll, welche auf der Sprache und der Kultur basiert (Angeschlossen daran: die Nation retten, erneuern, wiederbeleben; deutsches Volk als unterdrücktes Volk, das sich befreien muss, etc.)
  • Dass es menschliche Rassen gibt und das Menschen auf Grund ihrer “Rassenzugehörigkeit” gewisse Eigenschaften haben und dass es “überlegene Rassen” gibt
  • Dass es Menschen gibt, die überflüssig sind, z.B. Arbeitslose
  • Dass es “gesunde” und “ungesunde” Menschen gibt, die, im Sinne der “Volksgesundheit” eine gewisse Behandlung erfordern (Fettleibigkeit und psychische Abweichungen vom Normzustand zB)
  • Dass es einen richtigen Lebensentwurf gibt, an den sich Menschen anzupassen haben
  • Dass Homosexuelle “krank”, “komisch”, “unnatürlich”, etc. sind
  • Dass Intelligenz genetisch bedingt ist und über den Status in der Gesellschaft entscheiden soll
  • Dass Frauen und Männer binär zu trennen sind, gewisse Eigenschaften auf Grund ihres biologischen Geschlechts haben und diese Eigenschaften ihnen einen definierten Platz in der Gesellschaft geben
  • Dass es “die da oben” gibt – seien es nun „Bankster“, Juden (meist ja eh das gleiche in den Köpfen derer -.-), etc. die es zu “beseitigen” gilt
  • Metapunkt: Gewalt als legitime Form der Durchsetzung dieser Haltungen bzw. Notwendigkeit

Jeder dieser Punkte ist für sich eine hochproblematische Haltung, bedeutet einen Baustein im “Nazi-Denken” und sollte von uns abgelehnt werden. Vereinen sich alle diese Punkte kommt so was wie die NPD dabei raus. Doch jeder Einzelpunkt und das Bekenntnis zu einem dieser Einzelpunkte ist Teil eben jenes Diskurses, der es der NSDAP damals ermöglichte so viele Menschen für sich zu gewinnen. Und sie haben (fast) alle mitgemacht. Es ist deswegen unsere Pflicht, dass wir uns mit diesen Elementen unseres Denkens auseinandersetzen und jedem, der darauf beharrt dieses Denken haben zu dürfen, erklären, dass wir das nicht gut heißen, nicht wollen und dass wir andere Werte haben, die sich an der freien Entfaltung orientieren, an der Individualität, an der Kostbarkeit jedes Menschen und an einer Gesellschaft, die jedem einen würdigen Platz ermöglicht. Um Hedwig Dohm zu zitieren, bezogen auf die Frauen, aber auch auf alle anderen Menschen und diskriminierten Gruppen anwendbar. Transferleistung und so:

Wenn man mich um des Umstandes willen, dass ich mit weiblicher Körperbildung zur Welt kam, des Rechtes beraubt, meine Individualität zu entwickeln, wenn man der nach Wissen und Erkenntnis Verlangenden den wirklich überschätzten Kochlöffel in die ungeschickte Hand drückte, so jagte man damit eine Menschenseele, die vielleicht geschaffen war, herrlich und nutzbringend zu leben, in ein wüstes Phantasieland wilder und unfruchtbarer Träumereien, aus denen sie erst erwachte, als dieses Leben zur Neige ging.” (Die Antifeministen)

Und wenn jemand wie Sarrazin nun fordert, dass man die oben zusammengeführten Punkte – von denen er ja einige vertritt, wie ich das beobachten konnte – nun endlich wieder sagen können muss, dann heißt das in erster Linie nur, dass wir eigentlich einen gesellschaftlichen Konsens haben, der diese Diskursteile ablehnt, weil sie eben zu dem größten Verbrechen aller Zeiten führten. Und das ist gut, denn es zeigt, dass sich die Menschheit eigentlich irgendwie weiterentwickelt – weg von menschenfeindlichen Ansichten, hin zu Reflektion und so. (Übrigens: Biologie und Kultur zu trennen ist nicht zielführend und verstellt den Blick auf die eigentlichen Fragen. Und fragt euch mal: Wie kommt das Wissen, dass ihr habt in euren Kopf? Stichworte hier: Wissensoziologie, Wissensarchäologie)

Wenn wir als Piraten nun die Meinungsfreiheit missbrauchen, um auch nur einen dieser obigen Punkte als validen Diskussionsaspekt zu adeln; Menschen, die auch nur einen dieser Punkte lautstark vertreten Posten geben und dann auch noch ignorieren wie viele Menschen so denken, dann sind wir ein regressiver Haufen von Vollhonks, die die Welt nicht verbessern werden, sondern nur denen eine Plattform liefern, die tatsächlich noch tief in diesem alten Denken verhaftet sind, welches der Poststrukturalismus eigentlich schon sehr schön dekodiert hatte. Jeder von uns muss in sich gehen und darüber reflektieren, wieso er was über diese Menschheit denkt – auch ich habe zu viele Punkte auf der Liste irgendwann in meinem Leben vertreten und es war für mich ein schwerer Akt der Auseinandersetzung mit mir selbst, wieso ich so dachte. Heute kann ich mich davon distanzieren, denn ich verstehe, wie vergiftend dieses Denken ist. Ich will, dass sich dem jeder stellt, jeder. Und ich will, dass wir als Partei fordern, dass sich jeder damit beschäftigt, damit er bei uns mitmachen darf. Ich will, dass wir uns mit den Ursachen des Holocaust auseinandersetzen, daraus lernen. Das Wissen ist da. Es ist überall. Wir müssen es nur annehmen. Aufsammeln.

Und was passiert, wenn man sich mit den Ursachen des Holocausts nicht beschäftigt, kann man ja sehr schön im heutigen Internetdiskurs sehen. Ich freue mich schon auf die Kommentare! Feuer frei!

Bisher zu dem Thema

  • http://juliaschramm.de/2010/08/31/deutschland-und-kulturnation/
  • http://juliaschramm.de/2011/10/30/wahrheit-und-normen/

 

Demokratisierung und Publizieren

An anderer Stelle habe ich mich bereits über den verzerrten Blick einiger so genannter Kreativer geärgert. Nun möchte ich aber einen anderen Aspekt in der Debatte noch beleuchten: Die Demokratisierung des Publizierens.

Aber zunächst noch kurz zu der Kampagne des Handelsblatt. Neben sehr guten Kommentaren überall, brennt es mir als Feministin bei der Aussage „Mein Kopf gehört mir“ doch unter den Fingernägeln zu ranten; denn bitte, lasst uns kurz reflektieren, welches Mem hier bedient wird. Angelehnt an den berühmten Spruch „Mein Bauch gehört mir“ versuchen die Verantwortlichen (bestimmt irgendeine eine Werbeagentur) tatsächlich das Recht der Frau auf körperliche Selbstbestimmung mit dem Patentieren von Ideen und radikalem Umsetzen dieser Patente gleichzusetzen. Während die Debatte um Abtreibung ein wesentliches Element der Unversehrtheit des weiblichen Körpers darstellt (Stichwort „Engelmacher“ – viele Frauen starben an den unhygienischen Umständen von Abtreibungen, etc.) sprechen wir bei der Umsetzung des Urheberrechts von einem Geschäftsmodell, welches sich gegen einen freien Markt subventionieren lassen will. Es ist eine schiere Unverschämtheit dieses Mem, das für eine progressive und linke, ja selbstbestimmte Politik steht, zu missbrauchen, ja, ich betone, zu missbrauchen. Denn gucken wir uns doch mal an, was die Nutzung dieses Mems indirekt zu bedienen versucht. Die Kampagne „Mein Bauch gehört mir“ fällt in eine Zeit der Demokratisierung Deutschlands, eine Zeit, in der (junge) Menschen für Gleichberechtigung, Freiheit und soziale Gerechtigkeit kämpften. Der Kampf zur Abschaffung von §218 (was ja nur bedingt gelungen ist!) stellte die logische Konsequenz für die Frauen dieser Zeit dar. Die Macher hinter der Kampagne „Mein Kopf gehört mir“ wollen nun also suggerieren, dass sie die wahren demokratischen Kräfte sind, die sich für Demokratisierung und Bürgerrechte engagieren. Und exakt so argumentieren sie auch. Wiederholend wird angeführt, dass Kunst und Kultur wesentlich für die Demokratie sind, sie gar ausmachen, und wir einen gefährlichen Weg beschreiten, wenn wir die Kunst abschaffen. Das Ganze wird als Tabubruch gefeiert, was letztlich das ursprüngliche Mem komplett ad adsurdum führt. Entschuldigung, aber das ist einfach nur unfassbar, wie der Kampf für körperliche Selbstbestimmung für den Kampf gegen das Internet genutzt wird.

Denn eigentlich sieht das Ganze etwas anders aus: Was hier auf Spiel steht, sind nicht die Köpfe der bei Verwertungsgesellschaften unter Vertrag stehenden Künstler, sondern die Köpfe aller Menschen in unserer Gesellschaft. Die wahre Demokratisierung, die wir aktuell erleben, ist die Demokratisierung des Publizierens. Denn das Netz ist Kopieren und kopieren ist das Verbreiten von Meinungen – die Essenz von Meinungsfreiheit und Demokratie. Damit ist, was das Netz tut, im Kern die Vervielfältigung und Verbreiterung von Demokratie. Und das ist es, was den eigentlichen Streitpunkt darstellt. Die radikale Demokratisierung des Publizierens durch das Internet ist wohl die entscheidendste Veränderung moderner Gesellschaften.

Werfen wir einen Blick zurück:
Bis zum Buchdruck lag die Hoheit über den publizistischen Diskurs stets bei den Mächtigen des Klerus und des Adels. Mit der Industrialisierung von Buch und Schrift im 18. und 19. Jahrhundert bildeten sich, wie wir heute sagen, Verwertungsgesellschaften, die diese Industrialisierung verwalteten. Es bildeten sich also Oligopole, die neben Profit auch eine Kaste mehr oder minder Intellektueller hervorbrachten, die den politischen und kulturellen Diskurs im modernen Westen bis heute weitestgehend kontrollieren. Diese Kaste findet sich heute in den Chefetagen der Verlage und Zeitungen, an der Spitze von Kulturförderungen und Hochschulen. Diese Kaste hat den Diskurs nicht nur in den letzten Jahrzehnten geführt und kontrolliert, sie hat sich auch mit dem Selbstbewusstsein getragen, dass sie im Wesentlichen ein demokratisches Gegengewicht zur Politik und Wirtschaft bildet, beides hochgradig kulturlose Veranstaltungen. Dass sich sowohl aus Politik und Wirtschaft die führenden Köpfe stets mit den von Kultur durchzogenen Kastenvertretern zu legitimieren versuchen, zeigt die Sublimierung der Kultur sehr exemplarisch. Kultur (und vor allem Ästhetik) ist eine säkulare Religion im modernen Westen. Und die Hohepriester fürchten um ihre Macht.

Das Internet nun greift diese feste Struktur des Profits und der Meinungs- bzw. Deutungshoheit an. Jeder Mensch ist heute potentiell in der Lage, ein Meinungsführer zu werden, Kunst zu schaffen, den Diskurs zu beeinflussen, zu bereichern und zu verändern. Die Veränderungen sind rasend, die Heldinnen kommen und gehen und der 15-Minuten-Ruhm weicht eher einem 15-Sekunden-Ruhm. Jeder Mensch ist potentiell ein Leitartikler, ein Autor, ein Musiker, kurz: ein Künstler. Jeder Mensch kann sich in die tiefen Gründe des Netzes und die Köpfe der Menschen mit Kunst eingraben, die er nebenbei macht, ohne finanzielle Gegenleistung, einfach nur, weil er es macht. So ist jeder Mensch plötzlich Publizierender. Das Internet macht jeden Menschen potentiell zum Publizierenden und entwertet die Kaste der Kulturoligarchen. Deren Reaktion ist nun denkbar panisch, schließlich geht es nicht nur um Geld (was jedoch auch umstritten zu sein scheint) sondern vor allem um die Legitimation der eigenen Arbeit. Schließlich zehrt diese intellektuelle Kaste aus der so genannten „Gatekeeper“-Mentalität – also der Vorstellung den Menschen bei der Betrachtung der Welt helfen zu müssen. Es geht ja schließlich um Demokratie hier! Dass sich dahinter ein verachtendes Menschenbild versteckt, ist glaube ich deutlich sichtbar.

Die Argumente gegen die Demokratisierung des Publizierens sind entsprechend platt. Nicht nur heißt es, dass das, was die Kulturschaffenden im Netz produzieren, ausschließlich Plagiiertes sei, zudem wertlos (frei nach dem Motto: Was nichts kostet, ist auch nichts wert: Schön an der Stelle auch Sascha Lobo!). Auch wird die Gefahr für die Demokratie wieder und wieder bemüht. Als ob das Recht der Menschen, sich im Netz am kulturellen und politischen Diskurs zu beteiligen der Demokratie auch nur irgendwie schaden könnte! Auch werden Urheber, die nun in der Futterkette meist ganz untern stehen, vorgeschickt, um die Oligarchenposition moralisch aufgeladen verteidigen zu können. Gleichzeitig werden die Verfechter einer Demokratisierung des Publizierens als kulturlose Banausen gebrandmarkt – was für ein Hohn! Besonders, wenn man die Qualität der von der Kulturoligarchie zur Vermarktung ausgewählten Kunst der letzten Jahre betrachtet!

Nicht zuletzt fehlt dem Kampf gegen diese Demokratisierung die Ehrlichkeit, geht es doch nicht um das Retten der Demokratie, sondern im Gegenteil um den Erhalt der eigenen Macht und in letzter Konsequenz um die Zerstörung des Internets, wie wir es momentan nutzen. Das Internet und die ihm zu Grunde liegende Struktur erfordern nämlich für die strenge Umsetzung des jetzigen Urheberrechts einen umfassenden Kontrollapparat, der die Nutzer in ihrem Nutzerverhalten überwacht und die durch das Netz fliegenden Datenpakete auf ihren Inhalt untersucht. Statt das jedoch offen und ehrlich zu sagen, werden die armen Künstler vorgeschickt, die noch nie auf der Gewinnerseite standen. Die Kreierung und Okkupierung des Spruchs „Mein Kopf gehört mir!“ könnte in dieser Debatte kaum fehlplatzierter sein. Denn das Urheberrecht ist nicht in der Lage der Freiheit von Gedanken zu helfen. Das kann aber stattdessen das Internet als Freiheitsmedium. Was auf dem Spiel steht, sind nicht die Köpfe von Künstlern. Eher schon sind es vielleicht die Geldbeutel und Meinungsmacht der Verwerter. Aber vielmehr noch die Köpfe und die Stimmen der Internetnutzer, deren Rechte als Vervielfältiger und Teilhaber am demokratischen Diskurs eingeschränkt werden sollen. Sie hätten eigentlich das Recht auf die Barrikaden zu gehen und zu skandieren „Meine Stimme gehört mir!“.

P.S. Dieser Text ist eine erste Diskussionsgrundlage und ich würde mich freuen, wenn ihr in den Kommentaren weiterdenkt oder auch Beispiele liefert. Ich werde mich da mal bei Zeiten intensiver noch mit auseinandersetzen und etwas akademischer und fundierter schreiben.

Macht und Vorurteil

Update: Viele Kleinigkeiten und eine Ergänzung bei der Analyse über Obrigkeit 🙂

Im Zuge meiner Kandidatur für den Piraten-BuVo (nein, ich sage jetzt bewusst nicht „Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland“ denn diese Formulierung ist Teil des Problems) habe ich mich etwas intensiver und weniger theoretisch mit Fragen und Aussagen rund um den Komplex „Macht“ beschäftigt. Nicht zuletzt, weil mal wieder die altbekannten Phrasen „Kandidaten sind machtgeil“; „xy strebt doch nur Macht an“ und „die da oben“ oder auch „wir hier unten“ und so weiter geäußert werden. Einerseits erschreckt mich das sehr, andererseits ist es ein Ausdruck eines verhafteten Obrigkeitsdenken, das auch in dem netzwerkorientierten und niederschwelligem umkreis des Internets und der entsprechenden Aktivisten noch sehr präsent ist. Das spiegelt sich in der Bewertung von Vorständen, dem Umgang mit diesen, die Einschätzung der eigenen Rolle und der Vorstellung von fähigen Politikern wider.

Die (gedachte) Rolle von Vorständen ist bei der Piratenpartei eine sehr vorbildliche – Vorstände sollen keine politische Führung leisten, sondern eine Infrastruktur schaffen, in der sich die Mitglieder inhaltlich betätigen und Entscheidungen treffen können. Die Piratenpartei ist jedoch noch dabei Prozesse zu entwickeln, wie diese Infrastruktur effektiv gestaltet werden kann. Liquid Feedback steht am Ende eines Prozesses und muss vor allem in Hinblick auf Minderheitenmeinungen weiter konzeptioniert werden. Denn viele Menschen trauen sich nicht ihre Meinung zu äußern, wenn sie sich in der Minderheit sehen. Nein, Minderheitenschutz ist hierbei im Sinne des Parteiengesetzes kein sinnvoller Begriff – es handelt sich nämlich vielmehr um Minderheitenmeinungenschutz und freie Entfaltung und Äußerung einer Meinung. Auch muss es eine breite Diskussion geben, bevor Themen im LQFB spezifiziert werden. Nicht zuletzt braucht es einen Modus, wie die erfolgreichen Initiativen zur offiziellen Parteimeinung werden. Aber das nur am Rande. (Ein Konzept diesbezüglich kommt noch!)

Das grundsätzliche Problem ist die Lücke, die entsteht zwischen bezahlten Politikern und ehrenamtlich tätigen Mitgliedern. Bezahlte Politiker haben immer den Vorteil, dass sie sich rund um die Uhr mit den anstehenden Themen beschäftigen können. Sie gestalten die Grundsatzprogramme konkret aus, bekommen aber eben auch die Macht über die konkreten politischen Entscheidungen, die im parlamentarischen Alltag so anfallen. Diese Lücke zwischen bezahlten und ehrenamtlichen Politikern bzw. politisch aktiven Menschen ist bei den Piraten momentan noch sehr klein, was im Wesentlichen daran liegt, dass es noch nicht viele bezahlte Politiker bei den Piraten gibt. Diese Lücke müssen wir auf Dauer klein halten, die inhaltliche Macht muss bei den Mitgliedern institutionalisiert sein. Klar, wir können vor jedem Bundestagsplenum eine Mitgliederversammlung einberufen … aber das erscheint mir doch recht ineffektiv. Deswegen unterstütze ich auch die Versuche eine ständige Mitgliederversammlung zu etablieren: Das Ziel dieser muss sein, dass die Mitglieder jederzeit die inhaltliche Entscheidungsgewalt für sich beanspruchen können. Das ist die Aufgabe eines Vorstandes in meinen Augen – die Macht bei den Mitgliedern dauerhaft ansiedeln. Die anderen Parteien haben diese Bemühungen schon längst aufgegeben. Lasst uns nicht den gleichen Fehler machen. Denn wenn diese Lücke größer wird, dann verändert sich auch das Verständnis für die Vorstände und Mandatsträger, die bald sogar personell überschnitten sein werden. Auch das sieht man bei den anderen Parteien eindrucksvoll.

Denn zur Zeit sind wir noch in einem alten Denken verhaftet, was dazu führt, dass jeder Mensch, der sich in eine Position wählen lassen möchte (aus verschiedenen Gründen, die hier nicht auseinandergenommen werden sollen) als potentiell mächtig empfunden wird. Entsprechend ist der Umgang mit diesen Menschen. Stuhlgewitter und bösartige Unterstellungen sind die Folge. Sticheleien und Beleidigungen ebenso. Der Job an der vom Parteiengesetz geforderten „Spitze“ der Partei wird zum Höllenritt. Doch: Vorstände haben nur die Macht die wir ihnen zusprechen. Nur solange wir glauben, dass Vorstände und Mandatsträger unendliche Macht haben, haben sie auch welche. Die Lücke zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“ wird nur durch die Vorstellung aufrechterhalten, dass es Menschen gibt, die Macht haben, obwohl wir das nicht wollen. Wir bauen diese Lücke. Aber wenn wir das nicht wollen – wieso gestehen wir ihnen diese Macht dann zu? Liegt es nur an den Medien, die mit einem Menschen ohne Amt oder Mandat nicht reden wollen? Letztlich ist dieser Anspruch der Medien nur ein Symptom dafür, dass die Mehrheit der Menschen in diesem Land immer noch glaubt, dass ein Amt oder Mandat automatisch Macht bringt. Aber nochmal: Macht wird Menschen gegeben. Wir können ihnen die Macht wegnehmen, wenn wir das wollen!

Die Grundvorstellung, dass Vorstände und Mandatsträger automatisch Macht haben führt zu einem komischen Verständnis davon, wie Menschen, die diese Positionen ausfüllen, zu sein haben. Da sie ja Macht haben, angeblich, und somit eine Führungsrolle, müssen sie gewissen Kriterien entsprechen, die jenseits jedweder Realität und Menschlichkeit rangieren. Menschen haben verschiedene Facetten und Eigenschaften, die sich zum Teil bedingen. Jemand, der furchtlos in die Kamera blickt wird wohl kaum stets still und leise im Hintergrund arbeiten. Jemand, der sich über alles so viele Gedanken macht, dass er jede Position in Betracht zieht und durchdenkt, wird schwer eine Frage- und Grillrunde bei Anne Will mit einem Beißhund wie Westerwelle überleben. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, die in einer funktionierenden Gesellschaft notwendig sind. Manche Menschen dienen als Botschafter an der Spitze einer Gruppe, andere machen Orgadinge, wieder andere soziale Flauschung, etc. Jede Position muss gleichwertig sein und als solche behandelt werden. Es ist eine Schande, dass wir Menschen, die „in den Medien“ sind für mächtiger halten, als die Menschen, die die Gesetze schreiben. Wer glaubt, dass die Grüßaugusten die eigentliche Macht haben, hat nicht verstanden, wie Politik funktioniert. Politik ist ein Prozess, in dem jeder eine Rolle hat. Manche exponierter als andere, aber doch jeder in seiner Rolle. Die Vorstellung, dass es eine „starke Person an der Spitze“ braucht ist quatsch und ist neben einer seltsamen Obrigkeitshörigkeit auch wesensähnlich dem strukturellen Antisemitismus nach Adorno. (Wunsch <-> Kampf ==> Elite)

Weitverbreitet ist darüber hinaus die Vorstellung von Politikern, die keinen Schwäche haben dürfen. Als ob sie die nicht hätten! Schnell artet es dann in die Forderung aus, dass Politiker keine Schwäche zeigen dürfen. Doch wieso verlangen wir von jemandem wie Christian Wulff, dass er Schwäche zeigt und Fehler eingesteht, wenn er gelernt hat eben das niemals zu tun. Zwangsneurosen, Minderwertigkeitskomplexe, fehlenden Selbstwert, Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, Selbstzweifel etc. haben wir alle, jeder Mensch irgendwie. Es ist sogar nachgewiesen, dass die Chefs verschiedener Unternehmen zur Zeit hochgradige Störungen haben! Die Menschen, die diese Schwächen offen angehen sind notwendig. Der Glaube, dass Menschen, die in der „Spitze“ agieren stark, fähig und kompetent sind ist die größte Lüge des Hedonismus der 80er Jahre. Zum Glück bin ich ein Jahrzehnt später aufgewachsen.

Wenn wir fordern, dass Menschen, die angeblich Macht haben, diese nicht haben, so erwarten wir Menschen, die keine mehr sind. Diese Forderung entspringt einem tiefverwurzeltem Obrigkeitsdenken. Denn nur wer stark ist, kann mich führen. Ein externes Wesen soll mich führen, mit dem ich mich nicht messen muss, kann. Wie ein Engel. Oder ein von Gott gesandter König.

Und offensichtlich wollen viele Menschen noch geführt werden, fremdbestimmt werden, sehnen sich nach einem Gott, einer Führungskraft (sic!). Aber diese Fremdbestimmung darf nicht von jemanden ausgeführt werden, der genauso schwach ist, wie die Person selbst, die fremdbestimmt werden will – das würde diese ja ad absurdum führen und die Person könnte es ja tatsächlich selbst tun! Die Forderung an Politiker „stark“ zu sein wird gleichgesetzt mit der Forderung die Meinung nicht ändern zu dürfen und jederzeit das zu verteidigen, was sie bisher getan haben. Das ist jedoch ein wesentliches Problem in unserer heutigen politischen Landschaft. Beispiel Renate Künast, die sich vorbildlich diesbezüglich zeigte im Berliner Wahlkampf und danach: Bis heute hat sie öffentlich ihre Fehler (die dazu geführt haben, dass viele Grüne in Berlin die Piraten wählten – frei nach dem Motto: So werden wir die los! Danke für 3% extra!) nicht eingestanden, ihre Linie bekräftigt und den Grünen damit nachhaltig geschadet. In der CDU funktioniert das, bei den Grünen nur bedingt. Zum Glück.

Wir schaffen Machtverhältnisse, in dem wir staatstragende Begriffe entwickeln (siehe eingangs) glauben, dass es etwas Tolles ist mit einem Bundesvorstand Zeit zu verbringen (oder aber mit berühmten liberalen Datenschützern über deren Begegnung man dann so rumprahlt, dass alle Menschen sonst was denken …) und verlangen von gewählten Vertretern, dass sie unsere Rettung sind bei all den kleinen Problemen, die wir in der täglichen politischen Arbeit haben. Es gibt kein „die da oben“ es gibt nur uns und wir dürfen uns nicht verführen lassen uns unsere Selbstbestimmung abnehmen zu lassen. Niemals.

Das ist mein Verständnis von Politik und Vorstandsarbeit. Das ist meine Quest, mit euch und mir selbst. Ich bin nicht die richtige, wenn ihr jemanden wollt, der euch sagt wo es lang geht. Ich will euch nur eine Struktur geben, mit der ihr das selbst rausfinden könnt.

Deswegen ist meine Parole als BuVo-Kandidatin: Ich bin nicht eure Mutti. Und werde es auch nie sein. Lebt selbstbestimmt und gebt Menschen keine Macht, wenn ihr das nicht wollt!

Feminismus und Piraten

Seit ich meine Kandidatur bekannt gegeben habe ist ein Aspekt meiner Persönlichkeit wieder mehr in der Debatte vertreten: Feminismus. Leider gibt es sehr viele Unterstellungen und Missverständnisse, die ich hier einmal addressieren möchte.

Warum nenne ich mich Feministin?
Ich habe mich lange gegen den Begriff gewehrt, weil ich nicht verstand, worum es dabei geht. Frauen sind doch rechtlich gleichgestellt. Die großen Kämpfe haben wir doch hinter uns! Wieso kriegen die Frauen den Arsch nicht hoch und nutzen ihre Vorteile? Männer sind doch auch oft Opfer von Frauen! Die Liste an Argumenten geht ewig weiter. Doch spätestens, als ich während meines Shitstorms wegen des Spackeriainterviews merkte, wie sexualisiert und frauenfeindlich viele der Aussagen waren („Die soll putzen, nicht reden.“ – „Die muss man mal ordentlich durchnehmen“ – „Das passiert, wenn man Frauen wählen lässt“ etc.), beschäftigte ich mich intensiver mit Feminismus. Ich begann feministische Twitterstreams zu verfolgen. Und mit diesem Tweet begann alles Sinn zu machen: https://twitter.com/#/antjeschrupp/status/48075623335337984

JA! Genau, eine Analysekategorie! Natürlich! Es geht nicht um Zementierung von Geschlechterrollen oder Kampf gegen Männer oder Frauenförderung – das sind Seiteneffekte. Es geht um die Analyse der Geschlechterdifferenz. Also für mich. Und genau das ist auch mein Feminismus: Was ist biologisch, was sozialisiert? Kann man das trennen? Wieso reproduzieren sich Jahrhunderte alte Muster? Wieso denken wir, dass ein Kind zur Mutter gehört und nicht zum Vater? (Ich meine ja, dass Kinder Liebe, was zu essen und jemanden der ihnen den Arsch abwischt brauchen, aber gut…) Welche Eigenschaften werden Männer bzw. Frauen zugeschrieben? Inwiefern werden sie in Muster gesteckt, nur weil sie ein biologisches Geschlecht haben? Wo kommen die Klischees her? Wie sehen Rollenerwartungen aus, die an mich gestellt werden, nur auf Grund meines Geschlechts? Die Frageliste ist ewig und von mir noch lange nicht beantwortet. Noch lese ich viel dazu, habe mir zu einigen Fragen Antworten bilden können und verstehe nun sehr viel besser, was gegenwärtiger Feminismus ist und wieso er wichtig ist. Und er ist wichtig, denn Gleichstellung der Geschlechter haben wir noch lange nicht. Fürsorge liegt immer noch zu 3/4 in weiblicher Hand, ebenso wie 3/4 der Männer die Ernäherrolle spielen müssen, egal, ob sie die wollen. Männer sollen zum Bund, sollen stark sein und „harte Kerle“, während Frauen „weich“ und „lieb“ sein sollen. Und wenn sie es nicht sind, werden sie sozial bestraft. Häusliche Gewalt ist immer noch „normal“ und in den USA fangen sie sogar an die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper wieder einzuschränken. Und Frauenrechte sind außerhalb von Europa immer noch eine riesige Katatstrophe! Und ja, ich will mich für diese Frauen einsetzen und ihnen ermöglichen, was ich ermöglicht bekommen habe! Und darum geht es bei meinem Feminismus: Diese Stereotype aufbrechen, die eine freie Entfaltung verhindern, die Gewalt produzieren und Menschen unterdrücken. Denn Ideen beherrschen Menschen. Und die Idee der binären Geschlechter, die gewisse Rollen zu erfüllen habe, ist eine der destruktivsten!

Die Wege sind vielleicht manchmal widersprüchlich, aber unser aller Ziel muss es sein, dass sich jeder Mensch frei entfalten kann – unabhängig von Druck und Zwang durch gesellschaftliche Vorstellungen, die auf den Chromosomen basieren. Denn das steht in unserem Grundsatzprogramm. (Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass die Partei nicht genau weiß, was sie damals in Chemnitz verabschiedet hat!)

Und natürlich nenne ich mich Feministin, weil Feministinnen dafür gekämpft haben, dass ich die (wie auch immer gute/schlechte) Chance habe Parteivorsitzende einer der größten Parteien in einem G8-Land zu werden. Alleine, dass ich dafür kandidieren darf ist ein unendlich epischer Gewinn im Vergleich zu vor 100 Jahren! Um es mit den Worten Hanna Beitzers zu sagen: Ich danke den Feministinnen jeden Tag auf Knien „dafür, dass Frauen heute in Deutschland Universitäten besuchen dürfen, dafür, dass sie wählen dürfen, dafür, dass sie auch ohne die Zustimmung ihres Ehemannes arbeiten dürfen, dafür, dass sie nicht mehr automatisch als Mündel des Gatten gelten, dafür, dass Vergewaltigung in der Ehe heute eine Straftat ist.“ Und ja, ich nenne mich Feministin, weil ich denke, dass Feminismus „ein Kampf für Freiheit, für Gleichheit und für Gerechtigkeit“ ist. http://www.sueddeutsche.de/politik/genderdebatte-in-der-piratenpartei-die-piraten-leiden-unter-feminismus-paranoia-1.1303473

Und ich finde, dass eine Partei, die sich Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat den Feminismus als positiven Freiheitskampf anerkennen sollte! Natürlich geht in so einem Freiheitskampf mal was schief. Ich meine, was haben wir Piraten schon alles dämliches gesagt, getan, gefordert? Freiheit ist unser Ziel, wieso bekämpfen wir eine Freiheitsbewegung? Und ist jede Aussage einer selbsternannten Feministin repräsentativ? Mir fallen da ein paar Piratensprüche ein, bei denen wir uns regelmäßig verwehren, dass die als repräsentativ wahrgenommen werden!

Auch halte ich an dem Begriff fest, weil er eine Tradition, eine Geschichte hat, die wir in der ganzen Fülle akzeptieren sollten. Piratenpartei war lange auch ein doofer Name. Aber wir haben ihn mit Leben gefüllt. (Und wenn ihr euch nicht Feminist nennen wollt ok, nennt euch von mir aus Equalist oder Tralilü. Solange ihr euch mit den Themen beschäftigt und die Probleme des Sexismus ernst nehmt ist mir das wirklich komplett egal. Aber bitte hört auf Feminismus per se als etwas schlechtes zu bezeichnen, wenn ihr nicht wisst, was die Person, die sich so nennt, damit verbindet.) Und ich will auch keine männlich sozialisierten Menschen diskriminieren, im Gegenteil. Ich verstehe unter Sexismus die Festlegung auf Rollenmuster. Das gilt für männlich sozialisierte Menschen genauso. Ich sehe, dass männlich sozialisierte Menschen als Hausmann und Väter eine wahnsinnige Diskriminierung erleben, dass sie zum Bund müssen und früher sterben. (Was aber auch an der Ernährung liegen kann. Was aber auch wieder Rollenklischees sind …)

Ja, das ist ein Problem, was aber auch darauf basiert, dass weiblich sozialisierte Menschen als „weich“ und „schwach“ stigmatisiert werden. Sexismus ist eine grundsätzliche Art und Weise die Gesellschaft wahrzunehmen, nämlich: Biologistisch. („Typisch Mann, die können nichts dafür, dass sie so sind“ oder „Männer sind nicht gefühlvoll, ist halt so“ sind für mich ebenso Sexismus wie „Frauen und Technik! :rolleyes:“) Es geht bei dem Thema um viel mehr, als nur „Wieso sind so wenig weiblich sozialisierte Menschen in DAX-Vorständen?“ Es geht auch darum: Wieso gibt es so wenig männlich sozialisierte Menschen in der Fürsorge? Wieso sind so wenig männlich sozialisierte Menschen Hausmann und Vater? Wir haben es in den letzten 40 Jahren geschafft weiblich sozialisierte Menschen Stück für Stück aus der traditionellen „Privaten Sphäre“ zu bringen, haben aber vergessen, dass wir die „Private Sphäre“ auch für männlich sozialisierte Menschen öffnen müssen. Dafür müssen wir gängige Geschlechterklischees bekämpfen, Männer als Vater denken und Frauen als Chefin. Und generell sollten wir die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ abschaffen – aber das geht nicht durch Augen und Ohren schließen und „lalala“ brüllen.

Jeder von uns muss sich darüber bewusst werden, welche Eigenschaften er Menschen zuweist, nur weil sie vermeintlich Penen oder Vagen haben! Jeder von uns muss sich hinterfragen. Und manchmal sind wir halt Sexisten. Solange wir wissen, dass es sexistisch ist und eigentlich doof, ist alles ok.

Das Gleiche gilt im Prinzip auch für Rassismus. Nur mit Herkunft statt Geschlecht und anderen Rollenzuweisungen! Siehe auch: http://juliaschramm.de/2011/10/30/wahrheit-und-normen/