Endlich gibt es Demos gegen diesen Scheiß!

Am 1. September fand in Berlin eine Demo gegen Sexismus in der Werbung statt. Die erste ihrer Art. Auf dieser haben Kathy Meßmer und ich eine Rede gehalten. Das Manuskript findet ihr nun hier. Grundsätzlich haben wir uns bemüht, verschiedene Diskriminierungslinien aufzuzeigen, klar zu machen, dass Sexismus ganz besonders nicht nur weiße cis-Frauen betrifft. Aber es spricht leider schon für sich, dass weiße cis-Frauen redeten …. Leider ist auf Großveranstaltungen immer Raum für die Reproduktion von Ausschlüssen. Das alles hat Nadia sehr gut beschrieben. Danke dafür. Ganz im Sinne Luxemburgs denke ich, dass ‚Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik Lebensluft und Lebenslicht der feministischen Bewegung ist‘. Ich hoffe trotzdem, dass ihr die Rede mögt. Kritik gerne in den Kommentaren 🙂 „Endlich gibt es Demos gegen diesen Scheiß!“ weiterlesen

Der Tod der Autorin ist nur ihr Anfang

Die folgende Rede habe ich als Keynote in Hagen auf dem Kultursymposium “Der Autor ist tot, es lebe der Autor!” gehalten.

Da ich mich nicht mit der geistesgeschichtlichen Dekonstruktion der Autorin als Punkt im Diskurs auseinandersetzen werde, spreche ich heute über die Autorin, den Angelpunkt der Individualisierung, in Zeiten der Digitalisierbarkeit aus durchaus persönlicher Sicht. Anders scheint es nicht zu gehen. Blickt eins in die Entwicklungen der letzten Jahre, betrachtet anonyme Kollektivliteratur und die Geschwindigkeit mit der Texte um die Welt wandern, oft nicht mehr zuordnungsfähig, fühlt es sich nur konsequent an, was die Poststrukturalistinnen einst verkündeten: Der Tod der Autorin ist realer denn je. Der Kontrollverlust, der in den Arbeiten zur toten Autorin bereits angelegt ist, wird vollkommen, die Autorin verliert Deutungshoheit und Kontrolle über ihren Text. „Der Tod der Autorin ist nur ihr Anfang“ weiterlesen

Es sind die Nebensätze.

“Daher ist der ‚Alternative für Deutschland‘ Erfolg zu wünschen.”

Dieser Nebensatz ist es, der die eben noch spannende Lektüre über die Problematik der Vereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus, überschattet. Gewohnt pointiert schreibt Habermas in der aktuellen Ausgabe der Blätter, was wir alle wissen sollten, was die Krise der letzten Jahre vollauf bestätigte: Demokratie bedeutet auch einen Kampf gegen Kapitalakkumulation und die eigentlichen strukturellen Probleme wurden mit zweifelhaften politischen Instrumenten überdeckt, die EU hechelt hinterher und jetzt geht alles irgendwie wieder seinen gewohnten Gang. Nochmal gut gegangen. Für einige wenige zumindest. „Es sind die Nebensätze.“ weiterlesen

Kunst ist Kritik

Dieser Text basiert auf einem Text, der in dem Sammelband „Blackbox Urheberrecht“ erschienen ist.

In der Debatte um eine Reform des Urheberrechts wird hart gekämpft. Wie könnte es auch anders sein, schließlich geht es um nichts weniger als Kunst, Kultur und Geld. Auch wenn um viel anderes gesprochen wird. Im Zuge der Debatte wird dabei ein Thema selten berührt: Die gesellschaftliche Funktion von Kunst. Der folgende Text soll ein kleiner, kämpferischer Anfang sein, dies zu ändern. „Kunst ist Kritik“ weiterlesen

Büchlinge!

Diesen Monat erscheinen zwei Bücher mit mir und mit über mich. Ich stelle sie euch hier einmal kurz vor:

Legenden von morgen
Geschrieben von der wunderbaren Kathi (@DieKathiWeiss) und ihrem Kollegen Philipp, die junge Menschen interviewt haben, denen sie zutrauen Legenden zu werden. Ich bin auch dabei, was mich sehr ehrt. Weitere Infos: http://www.schwarzkopf-verlag.net/katharina-weiszligphilipp-zumhasch-legenden-von-morgen.html

Blackbox Urheberrecht
Schon länger plante ich einen Text zum Thema Kunst und Gesellschaft, Walter Benjamin, Kapitalismus und meinen mir unterstellten Künstlerhass. Entsprechend kam mir das Angebot einen Beitrag in einem Sammelband zu schreiben gelegen. Grundthese: Unpolitische Kunst dient (Ur-)Faschismus. Steil wie immer und in erster Linie ein kleiner Anfang in einer Debatte um Kunst und Kultur, die mir zu sehr von Geld und Geschäftsmodellen dominiert war. Ich hoffe also auf eifrige Erwiderungen und Kritik! 😉

Weiteres zum Sammelband und die Erklärung zum Geschäftsmodell (kein DRM, reines eBook, Selbstverlag, kein total buy-out) steht auf dem Blog des Herausgebers Daniel Brockmeier, der einen tollen Job geleistet hat: http://www.privatsprache.de/buecher/blackbox-urheberrecht/ Neben meinem findet ihr im Buch Beiträge von Thomas Stadler, Mspro, Neelie Kroes, Leutheusser-Schnarrenberger, Anatol Stefanowitsch und anderen.

Enteignung.

Plötzlich ist der Begriff da.

Also ernsthaft, echt. Nicht wie sonst. Nicht als Witz. Einfach da. Mit Flyern, mit Passion, mit Rudi im Geist. Und dann kommen die Mahner. Sie haben das Grundgesetz und Vorstellungen vom Marxismus, die meistens auch gar nicht stimmen. Sie kämpfen für eine Ordnung, von der sie eigentlich selbst nur wenig profitieren. Aber sie glauben daran. An die protestantische Ethik, an die Berufung und anderen religiösen Trödel, den wir im Kapitalismus entsorgt haben. Der jetzt zurückschlägt. Mit Neocons und globalisierten Finanzmärkten, mit Welthunger und Frontex, mit richkidsoninstagram.com und Intimoperationen. Und vielleicht profitieren sie ja doch. Also im Vergleich. Aber was nutzt der Vergleich, was nutzt der Trend, wenn der Backlash da ist, wenn das Haben nur wenigen gehört. Ja, gehört. Das gestehen wir ihnen zu, sie, die Wenigen, die wieder weniger werden, kleiner, elitärer. Und sie spielen. Mit Leben, mit Hoffnungen, mit unbetrauerbaren Körpern, die niemanden interessieren. Hauptsache vernetzt, gute Laune trinkend für einen Monatssatz. Wie wir verinnerlicht haben, dass Menschen verdienen, was sie haben, einfach so, dass ihnen zusteht, was sie sich nehmen. Egal zu welchem Preis. Und sei es nur der Verrat an der Kontingenz. Dieses Aushalten von Gegensätzen, logischen Ausschlüssen, Verfemung, das Glorifizieren des Machenden. Hauptsache machen. Wie die Mafia. Gold und Machen. Und wenn du es gemacht hast, brauchst du dich nicht rechtfertigen für obszönen Reichtum, für vollständige Ignoranz, für den Glauben an den Leistungsträger, der sich eigentlich nur eine Leistungsberechtigung erschleicht, der setzt, behauptet. Und gewinnt. Du brauchst nicht rechtfertigen, wieso dir ein Großteil der globalen Ressourcen zusteht. Und du siehst es nicht. Wie Marie Antoinette. Du nimmst, bestimmst und kommandierst ohne Widerspruch, ohne Gegenaktion, ohne die Verteidigung. Das ist deine Normalität. Manchmal sitzt du sogar in abendlichen Quäkerrunden im Fernsehen. Du stiehlst, lügst, gibst vor etwas zu dürfen, was andere nicht können, weil sie nicht sind wie du. Weil du hast die Gnade der Welt erfahren. Erkennbar an der Uhr an deinem Handgelenk.

Und plötzlich ist er da. Der Begriff. Und der Schreck. Aber der vergeht. Und am Ende stehen die Anderen, die Vergessenen, die Mehrheit. Und wir sind verwirrt, wir sehen sie trinken und rechtfertigen. Sie sagen uns, dass wir nur härter arbeiten sollen, mehr, besser, funktionaler. Aber sie sagen es, weil sie uns verwirren wollen, ablenken von ihrer Spielerei und dem Anspruch, denen ihnen nur die Geschichte gab. Und sie sich selbst. Zufällig. Aber der Begriff ist ja nun da. Und wir brauchen uns nicht fürchten. Wir brauchen ihn uns nur zueignen.

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Die Partei.

Vielleicht geht es gar nicht um Politik, sondern um den Glauben an eine Gesellschaft, um die Hoffnung doch nicht alleine zu sein. Und ist es nicht so, dass die Momente glücklich machen, in denen sich alle friedlich an den Händen halten im Inneren der sturmenden Welt und eine Entscheidung für das gute Leben treffen? Das gute Leben. Für alle. Abseits des Weltgetöses ist es diese Ruhe der Einigkeit, die allen Zweifel an der Welt übertönt, die vergessen lässt, dass Menschen selten durch Einsicht lernten und meistens nur durch Gewalt, durch Krieg. Für diese Momente leben wir; für die Harmonie, die Selbstbefriedigung, dass die Welt doch gut ist, dass wir doch nicht falsch und überflüssig sind, für die Haltung entgegen der ständig negativen Resonanz, die dir sagt, dass es sinnlos ist. Und dann erinnerst du dich an Ghandi. Oder Stalin. Du versuchst zu lernen, es anders zu machen. Gemeinsam diesmal. Doch irgendwie soll es dennoch einsam sein, denn es geht um dich, um deine Leidenschaft, deine Liebe zu dir selbst, die du immer wieder suchst. Es geht um dein Selbst, das dir fehlt und um einen Kampf, den du voller Liebe führen willst. Liebe für die Wahrheit. Und manchmal lässt dich genau diese Liebe vergessen, was Liebe ist und wie du sie leben kannst. Dann verlierst du dich im Raunen der Überheblichkeit. Denn in deinem Kopf ist alles klar. Nur in deinem Herzen nicht. Aber das stört ja nicht. Wen auch? Sie hat es ja sowieso nie interessiert, denn sie tun einfach, was ihnen gerade einfällt. Sie können das. Sie sind Menschen. Und ihnen gefällt das. Und macht es das nicht besser? Sie sind wie alle anderen. Sie sind echt. Sie richten es an. Und wir verzehren uns danach. Wir laufen hinterher. Wir glauben dieser Zeitung, auch wenn sie mit uns spielt, dabei in unser Gesicht lacht. Aber wir haben Angst vor dem Rückfall in die Taubheit, die Einsamkeit. Den Verlust der Gemeinsamkeit. Und dann erkenne ich in der Behäbigkeit wie grausam ich geworden bin, wie mich der Mut verlässt an uns zu glauben. Und dann gehe ich, lasse dich im Stich, denn es geht nicht mehr.

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Die Ehe.

Der Kampf tobt. Schon lange tut er das. Er tobt über die Frage der Definition um Ehe. Er tobt auch in mir. Und in dir. Das weiß ich. Dieser Kampf ist ein Schlachtfeld, auf dem viele andere gesellschaftliche Normen verhandelt werden.

Der Kampf um die Ehe für alle ist ein Kampf um die progressive Erneuerung unseres gesellschaftlichen Selbstverständnis. Es ist ein Symbolkampf, den es durchaus zu kritisieren gilt, vor allem, weil er im Kleinen denkt, nicht im Großen. Es ist ein einfacher Kampf, ein unterkomplexer. Ein Kampf, der die Masse packt wie die Wok-WM. Dennoch begrüße ich diese Neuverhandlung um die Ehe, denn eine gesellschaftliche Neuverhandlung auf dem Schlachtfeld Ehe bedeutet auch eine Neuverhandlung intimster gesellschaftlicher Normen. Das kann nur gut sein.

Der Begriff Ehe ist dabei natürlich schwer vorbelastet: Feindlich für alle, die nicht einer heteromonosexistischen Norm entsprechen. Die Ehe, wie wir sie heute kennen ist ein zutiefst bürgerliches Projekt und spiegelt eben so auch alle Abgründe des Bürgerlichen wider, die sich in der gesellschaftlichen Sanktionierung von Normabweichung zeigen. Die Norm ist dabei das Bürgerliche selbst, dass sich manifestiert in weißen, christlichen, monogamen, heterosexuellen cis-Menschen, die einander Versprechungen machen, die sie nicht halten können. Und genau diese Norm gilt es zu durchbrechen – die Ehe ist ein Symbol dieser Norm. Der Kampf um die Öffnung der Ehe kann also nur ein Kampf um das Aufbrechen der bürgerlichen Norm sein. Dass das nicht immer der Fall ist, hat Riot Mango bei der Mädchenmannschaft schön beschrieben.

Aber um was geht es bei einer Ehe eigentlich? Die Ehe ist die Ritualisierung des Versprechens, es miteinander auszuhalten, bis es gar nicht mehr geht. Bis zum bitteren Ende. Für einander zu sorgen. Einander zu akzeptieren, zu achten in einer Welt, in der Achtung kaum Relevanz hat. Niemals hatte. Das Versprechen bedeutet eine Zeremonie, das Versammeln geliebter Menschen, vor denen wir uns das Versprechen gaben füreinander zu sorgen, ehrlich zueinander zu sein. Trotz allem. Trotz deiner Sturheit und meinem unsteten Gemüt.

Und es beinhaltet ein Fest, wo all die Menschen vereint werden, wie sie so nie wieder vereint werden. Vereint werden können. Denn sie kommen wegen des Rituals, wegen des Versprechens, wegen der Hoffnung und wegen der Familie, die wir gemeinsam gründen wollen. Irgendwie.

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Die Idee der Ehe wurde missbraucht, sie wurde entstellt für Machtspiele und Unterdrückung, für Strafe und Politik. Dabei geht es um eine Familie, die ich mir selbst aussuche, um ein Bündnis mit Menschen, die ich liebe, die ich als Teil meines Lebens betrachten möchte, die andere als Teil meines Lebens betrachten sollen. Und um eine richtig coole Party. Dennoch behalte ich meinen Namen, denn ich mag es alleine zu sein. Und ich verstehe jeden, der sein Leben ohne jemanden wie dich verbringen will. Ehe mit sich selbst, Ehe mit Freunden, Ehe ohne Körperlichkeit.

Die Ehe ist für mich ein Kampf mit meinen eigenen Dämonen, mit meiner Priviligiertheit. Unser Ring erinnert mich jeden Tag daran, dass diese Welt scheiße ist. Er erinnert mich daran, dass ich die Scheiße nicht alleine ertragen muss; er einnert mich daran, dass ich trotzdem dankbar sein kann, ihn tragen zu dürfen. Der Kampf für die Ehe für alle bedeutet einen Kampf gegen meine eigenen Privilegien, für eine Welt, in der alle Menschen jemanden wie dich haben. Oder euch. Oder sich. Oder eben auch nicht.

Weiter lesen. Kritisch, affirmativ oder einfach schön:

http://kleinerdrei.org/2013/04/aber-ich-will-doch-gar-nicht-heiraten/
http://flannelapparel.blogspot.it/2012/10/eure-liebe-ist-straight-scharf-wie-ein.html

Okkupiert die Ehe!


Das Programm der Piraten finde ich diesbezüglich übrigens sehr gelungen: https://www.piratenpartei.de/politik/selbstbestimmtes-leben/geschlechter-und-familienpolitik/#Zusammenleben

Betroffenheit und (emanzipatorische) Politik

„Schlimmer noch, wir bestärken die Leute darin, die Vergangenheit – und ihre Lektionen – aus der Perspektive ihrer je eigenen leidvollen Erfahrung (beziehungsweise der ihrer Eltern und Großeltern) zu sehen. Heute setzt sich die „allgemeine“ Interpretation der jüngsten Geschichte also zusammen aus Fragmenten unterschiedlicher Vergangenheiten (von Juden, Polen, Serben, Armeniern, Deutschen, Afroamerikanern, Palästinensern, Iren, Homosexuellen uws.), die allesamt von Leid und Opfer geprägt sind. Das Mosaik, das sich daraus ergibt, verbindet uns nicht mit einer gemeinsamen Vergangenheit, sondern trennt uns voneinander.“ Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr der Intellektuellen, Frankfurt 2011, S. 14.

In emanzipatorischen Kreisen geht es in der Sache oft erstmal um die (praktische) Emanzipation marginalisierter – immer meist nicht-männlicher, nicht-weißer, nicht-europäischer, nicht-cis, nicht-heterosexueller – Gruppen, deren Position mit handfesten ideellen und materiellen Nachteilen im Alltag verbunden ist. Marginalisierung und die alltägliche Ungerechtigkeit bedingen einander, aber das ist ein anderer Blogpost. Der Kampf gegen diese Ungerechtigkeiten bedeutet neben der konkreten Veränderung der Situation auch oft eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit und Kritik an der Gesellschaft. Zu diesen Mechanismen gibt es ganze Bibliotheken mit Literatur und diese kurze Ausführung soll hier nur einen Rahmen vorgeben. Auch möchte ich im Folgenden die Trennung zwischen Theorie und Praxis einmal stärker betonen und anmerken, dass dies in vielen Diskussionen um emanzipatorische Bewegungen zu sehr vernachlässigt wird. Nun jedoch zum eigentlichen Thema: Betroffenheit und emanzipatorische Politik. Ich will dazu erst ein paar theoretische Überlegungen ausführen und dann ein praktisches Beispiel anhand meiner Erfahrungen rund ums #refugeecamp geben.

Betroffenheit ist ein wichtiger praktischer Erfahrungswert, welcher die Wahrnehmung und Beruteilung der Welt formt. Betroffenheit ergibt sich aus meiner Position in der Gesellschaft: Wie nehmen mich andere wahr? In welchen Schubladen stecke ich und wie sehen die aus? Das Bilden von Schubladen dient in erster Linie der Komplexitätsreduktion – je mehr Schubladen ich habe, in die ich Menschen schnell (anhand äußerlicher Merkmale ist zB sehr schnell) einordnen kann, desto intuitiver komme ich durchs Leben. Die Ambivalenz der Schubladen stellt uns vor das Problem, wie mit den Schubladen umgegangen werden soll, die schädlich sind, die Menschen das Leben zur Hölle machen. Analysiert sind diese Schubladen und wie sie entstehen schon ziemlich gut, tatsächlich gibt es kaum noch Bedarf die Theorie ob des Entstehens von Schubladen zu erarbeiten. Da wurde im 20. Jahrhundert ganze Arbeit geleistet. Die Frage, die bleibt: Wie gehen wir in der Praxis mit Schubladen um, in denen Menschen handfeste Nachteile auf Grund unveränderbarer Merkmale haben? Und wie reden wir darüber?

Selbst in der Schublade zu stecken bedeutet dabei ersteinmal zu wissen, wie die Schublade von innen aussieht. Eine Perspektive, die nur bei denjenigen vorhanden ist, die sich auch in der Schublade befinden. Um mit den Schubladen kritisch umgehen zu können, ist das ein Wissen, was *unverzichtbar* ist. Gleichzeitig bedeutet Betroffenheit nicht die bisherigen Theorien verstanden zu haben, ja es ist nicht mal notwendig sich mit diesen beschäftigt zu haben. Im Gegenteil sind persönliche Erfahrungen und daraus abgeleitetes Wissen oft diametral zu vielen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, die erstmal kontraintuitiv sind. Identität bedeutet nicht automatisch theoretisches Wissen zu einem Wissenschaftsfeld, Identität kann diesen Anspruch aber auch nicht haben – das wäre essentialistisch, etwas, was eine kritische Auseinandersetzung mit Schubladen verhindern und das Ganze ad absurdum drehen würde. Jedoch, während die Betroffenensicht im Diskurs wesentlich ist, kann auf gelernte Theorie von nicht-Betroffenen durchaus verzichtet werden. Sollte es aber nicht.

Theorie ist natürlich nie frei von (nicht-)Betroffenheit – der Anspruch sollte aber sein, dass theoretische Debatten es sind. Nur weil es keine objektive Wahrheit gibt und wir uns in einer subjektivistischen Welt voller vieler individueller Wahrheiten befinden, sollte der Versuch eine gemeinsame wahrhaftige Realität zu schaffen niemals aufgegeben werden. Denn Politik ist das Aushandeln maximal allgemeingültiger Regeln, das Finden eines gesellschaftlichen Konsens, der für maximal viele alle Menschen ein Leben ermöglicht, das die Existenz sichert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Eigentlich ist das so trivial, dass es nicht weiter besprechen werden müsste, jedoch, so erscheint es mir, stehen in derzeitigen politischen Prozessen nicht ein fairer Ausgleich zwischen den Partikularinteressen im Vordergrund, sondern der Versuch die bestehenden Verhältnisse an der eigenen Betroffenheit zu orientieren. Die Frage ist somit de facto nicht, inwiefern wir maximal vielen allen Lebewesen auf der Welt ein würdiges Leben ermöglichen können, sondern wie ich als Vertreter_in einer Betroffenengruppe deren und somit meine Ziele durchsetzen kann. Die Frage ist nicht, wie wir wissenschaftliche Ergebnisse sinnvoll nutzen können, um Ressourcen effizient zu nutzen, sondern wie meine Betroffenengruppe die meisten Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommt. Das ist erstmal Lobbyismus und in einem demokratischen System auch legitim, ja notwendig, jedoch fehlt das Bewusstsein, dass es sich auch immer um das große Ganze handeln muss. Im Strudel der Betroffenheit werden rationale Herangehensweise geopfert – die mächtigste Gruppe kann die eigene Betroffenheit zur Norm erheben und tut das auch, wie wir es anhand der CDU schön betrachten können. Doch genau diese Norm ist die Gebrauchsanweisung für die Hierarchisierung von Schubladen. Die Norm ist dabei theoretisch flexibel, auch wenn sie in unseren Beitengraden patriarchal ist. Was nun also bleibt ist auch hier eine Trennung von theoretischem Wissen über die Beschaffenheit von Gesellschaft, was in sich unabhängig von der eigenen identität ist und praktischer Erfahrung als Teil der Gesellschaft inklusive der wirkmächtigen Position. Identität bedeutet also nicht automatisch theoretisches Wissen und theoretisches Wissen bedeutet nicht automatisch Identität.

Praktisch gesehen ist das Ganze nun wesentlich komplizierter, denn praktisch gesehen ist Identität und Theorie tatsächlich kaum trennbar. Ein erhellendes Erlebnis hatte ich um das #refugeecamp herum. Ich traf einen Teil der Refugees das erste Mal in Würzburg, wo wir ihnen das Geld aus der #hosengate-Aktion überreichten. Ich verhielt mich von Beginn an sehr zurückhaltend und wollte nicht aufdringlich sein – ich empfand es als problematisch mich im Leben dieser Menschen irgendwie sichtbar zu machen, gerade weil ich weiß, in welchen Schubladen sie stecken und wieviel Mut und Kraft sie aufbringen aus diesen herauszukommen. Ich wollte sie nichtmal nach ihren Geschichten fragen. Ich empfand es vielmehr als unangebracht überhaupt Teil dieser ganzen Sache zu sein, mich ihnen aufzudrängen, ihnen helfen zu wollen. Ich empfand es schon im Sommer in Würzburg als hochproblematisch mich irgendwie in diesem Kosmos angemessen an mein theoretisches Wissen zu positionieren – ich war passiv-gelähmt.

Nun kamen die Refugees nach Berlin und suchten Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu finden. Im Rahmen dessen beteiligte ich mich an der #tits4humanrights-Aktion, die im Kern sehr gut funktionierte. (Twitter flippte aus und im Laufe der Woche wurde ernsthaft über die Thematik der Asylpolitik gesprochen.) Im Vorfeld hatten die Refugees im Plenum für die Aktion gestimmt und unseren aufmerksamkeitsökonomischen Vorschlag als Unterstützung für ihre Sache angenommen. Im Nachinein nun kamen einige Aktivistinnen zu uns und kritisierten die Aktion. Und obwohl ich die Kritik erwartet hatte und auch verstehen kann (letztlich ist die Kritik ja offensichtlich und das Ganze eine Frage der Abwägung, was nun sinnvoller ist), empfand ich es als Unverschämtheit, dass es da tatsächlich hieß, dass das Plenum der Refugees ja nicht entscheidungsfähig gehandelt hätte, als die Aktion beschlossen wurde.

Plötzlich war ich einer neuen Welle von Betroffenheit ausgesetzt, die auf der Länge des Aktivismus und der Nähe zu den Refugees basiert, letztlich jedoch nur Bevormundung bedeutet und fehlenden Respekt gegenüber denen, die dort tagelag im Hungerstreik saßen und mehr Mut und Kraft zeigten, als ich mir selbst vorstellen konnte. Im Anschluss an die Aktion war ich erstmal krank und saß vor Twitter, verfolgte jeden Schritt und versuchte den digitalen Faschos keinen Fußbreit zu zeigen. Und während ich als Virenschleuder vom Refugeecamp gebannt war, dachte ich wieder über Betroffenheit nach und meine Rolle. Was kann ich denn nun tun? Und mache ich es nicht automatisch falsch? Wie kann ich meine gesellschaftliche Position, mein fehlendes Wissen über Flucht und Vertreibung, das fehlende Leid ausblenden? Wie kann ich auf Augenhöhe mit diesen Menschen überhaupt sprechen?

Die wesentliche Zwickmühle dabei ist, dass die Betroffenen ihre Marginalisierung nicht ohne die nicht-Betroffenen (und nur schwer mit nicht-Betroffenen) überwinden können. Dass das Refugeecamp die Schikanen der Polizeit überlebte, lag vor allem an den tapferen nicht-Betroffenen (besonders auch Parlamentariern), die das Camp schützten, die keine Virenschleudern oder gelähmt-feige Überanalysierer waren. Ohne diese Menschen wäre viel von dem Protest wieder verloren gegangen. Ohne die Solidarität wäre der Protest verhallt. Und dennoch schämte ich mich wieder zum Refugeecamp zu gehen, mich potentiell in die Kleinkriege der Aktivist_innen zu begeben, die ihre fehlende Betroffenheit irgendwie zu kompensieren suchen, den Kampf der Betroffenen durch meine Identität potentiell zu überschatten, sie zu bevordmunden durch meine Art zu reden, kurz: durch meine gesellschaftliche Position ihre noch stärker zu schwächen. Dennoch weiß ich, dass es keine Veränderung geben kann ohne das die nicht-Betroffenen sich dem Kampf anschließen. Und wie lassen sich die nicht-Betroffenen für eine Kampf, der sie „eigentlich und irgendwie nichts angeht“, obwohl er doch so wichtig für die ganze Gesellschaft ist, gewinnen? Durch Theorie, durch Schreiben, durch Kommunikation und Dialog, durch das stetige Erarbeiten fairer Umgangsregeln, duch einen gesellschaftlichen Dialog, der nicht auf der Betroffenheit einzelner, sondern dem Ziel einer gerechten Gesellschaft fußt.

Politischs Handeln muss mehr sein als Betroffenheit. Politisches Handeln muss mehr sein als nicht-Betroffene, die sich abseits der Realität Theorien zusammenbasteln, die sie anschließend als universell verkaufen. Politisches Handeln muss mehr sein als das Verteidigen der eigenen Privilegien. Politisches Handeln muss mehr sein als anderen die Privilegien vorhalten. Politisches Handeln muss mehr sein als das Ausspielen der Theorie gegen die Praxis. Politisches Handeln muss sich einer gerechten Gesellschaft verpflichten.

Dieser Text entstand Ende 2012 und wurde leicht bearbeitet Ende 2015.