Die Ehe.

Der Kampf tobt. Schon lange tut er das. Er tobt über die Frage der Definition um Ehe. Er tobt auch in mir. Und in dir. Das weiß ich. Dieser Kampf ist ein Schlachtfeld, auf dem viele andere gesellschaftliche Normen verhandelt werden.

Der Kampf um die Ehe für alle ist ein Kampf um die progressive Erneuerung unseres gesellschaftlichen Selbstverständnis. Es ist ein Symbolkampf, den es durchaus zu kritisieren gilt, vor allem, weil er im Kleinen denkt, nicht im Großen. Es ist ein einfacher Kampf, ein unterkomplexer. Ein Kampf, der die Masse packt wie die Wok-WM. Dennoch begrüße ich diese Neuverhandlung um die Ehe, denn eine gesellschaftliche Neuverhandlung auf dem Schlachtfeld Ehe bedeutet auch eine Neuverhandlung intimster gesellschaftlicher Normen. Das kann nur gut sein.

Der Begriff Ehe ist dabei natürlich schwer vorbelastet: Feindlich für alle, die nicht einer heteromonosexistischen Norm entsprechen. Die Ehe, wie wir sie heute kennen ist ein zutiefst bürgerliches Projekt und spiegelt eben so auch alle Abgründe des Bürgerlichen wider, die sich in der gesellschaftlichen Sanktionierung von Normabweichung zeigen. Die Norm ist dabei das Bürgerliche selbst, dass sich manifestiert in weißen, christlichen, monogamen, heterosexuellen cis-Menschen, die einander Versprechungen machen, die sie nicht halten können. Und genau diese Norm gilt es zu durchbrechen – die Ehe ist ein Symbol dieser Norm. Der Kampf um die Öffnung der Ehe kann also nur ein Kampf um das Aufbrechen der bürgerlichen Norm sein. Dass das nicht immer der Fall ist, hat Riot Mango bei der Mädchenmannschaft schön beschrieben.

Aber um was geht es bei einer Ehe eigentlich? Die Ehe ist die Ritualisierung des Versprechens, es miteinander auszuhalten, bis es gar nicht mehr geht. Bis zum bitteren Ende. Für einander zu sorgen. Einander zu akzeptieren, zu achten in einer Welt, in der Achtung kaum Relevanz hat. Niemals hatte. Das Versprechen bedeutet eine Zeremonie, das Versammeln geliebter Menschen, vor denen wir uns das Versprechen gaben füreinander zu sorgen, ehrlich zueinander zu sein. Trotz allem. Trotz deiner Sturheit und meinem unsteten Gemüt.

Und es beinhaltet ein Fest, wo all die Menschen vereint werden, wie sie so nie wieder vereint werden. Vereint werden können. Denn sie kommen wegen des Rituals, wegen des Versprechens, wegen der Hoffnung und wegen der Familie, die wir gemeinsam gründen wollen. Irgendwie.

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Die Idee der Ehe wurde missbraucht, sie wurde entstellt für Machtspiele und Unterdrückung, für Strafe und Politik. Dabei geht es um eine Familie, die ich mir selbst aussuche, um ein Bündnis mit Menschen, die ich liebe, die ich als Teil meines Lebens betrachten möchte, die andere als Teil meines Lebens betrachten sollen. Und um eine richtig coole Party. Dennoch behalte ich meinen Namen, denn ich mag es alleine zu sein. Und ich verstehe jeden, der sein Leben ohne jemanden wie dich verbringen will. Ehe mit sich selbst, Ehe mit Freunden, Ehe ohne Körperlichkeit.

Die Ehe ist für mich ein Kampf mit meinen eigenen Dämonen, mit meiner Priviligiertheit. Unser Ring erinnert mich jeden Tag daran, dass diese Welt scheiße ist. Er erinnert mich daran, dass ich die Scheiße nicht alleine ertragen muss; er einnert mich daran, dass ich trotzdem dankbar sein kann, ihn tragen zu dürfen. Der Kampf für die Ehe für alle bedeutet einen Kampf gegen meine eigenen Privilegien, für eine Welt, in der alle Menschen jemanden wie dich haben. Oder euch. Oder sich. Oder eben auch nicht.

Weiter lesen. Kritisch, affirmativ oder einfach schön:

http://kleinerdrei.org/2013/04/aber-ich-will-doch-gar-nicht-heiraten/
http://flannelapparel.blogspot.it/2012/10/eure-liebe-ist-straight-scharf-wie-ein.html

Okkupiert die Ehe!


Das Programm der Piraten finde ich diesbezüglich übrigens sehr gelungen: https://www.piratenpartei.de/politik/selbstbestimmtes-leben/geschlechter-und-familienpolitik/#Zusammenleben

Die kulinarischen Staaten von Amerika (2/3)

The second part of my travel report on the US. My poor translation here: http://juliaschramm.de/translationusa2/

Seattle. Endlich. Ich werde abgeholt. Mit dem Auto. Zum Glück. Die Tränen sind getrocknet, das von der TSA durchwühlte Gepäck eingesammelt und das freie W-Lan gefunden. Seattle ist trocken, sonnig und durchaus anders, als das, was ich von der Ostküste nun kenne. Weiter, flacher, irgendwie verträumter. Bei der Rundreise durch das EMP-Museum, der Betrachtung des offensichtlichen Reichtums der Stadt (Microsoft, Amazon, Starbucks, Boeing sind hier u.a. ansässig) und der rauhen Landschaft verstehe ich besser und eindringlicher, wie Grunge entstehen konnte. Irgendwo zwischen Mittelschicht und Freiheitsdrang, zwischen offenem Erfindergeist und karierter Spießigkeit. „Die kulinarischen Staaten von Amerika (2/3)“ weiterlesen

Die ausgestellten Staaten von Amerika. (1/3)

Disclaimer: I have written this series on my travels in the US in German. Nevertheless I kind of managed to translate it. Have fun! Thanks to my wonderful hosts! <3

Lange zog es mich nicht in dieses Land, was mich geprägt hat wie kaum ein anderes, dessen Sprache ich spreche, mit dessen Kultur ich aufwuchs und die ich bis heute liebe. Ein Land, dass ich nur aus der Erzählung kenne, aus der Betrachtung. Dennoch habe ich die Pläne Fuß auf diesen Boden zu setzen nie umgesetzt, der Sehnsucht nach dem gepriesenen Land nie eine hohe Priorität eingeräumt. Stattdessen habe ich das Land betrachtet, das wie kein anderes betrachtbar scheint, habe zugeschaut, wie es sich seit dem 11. September verändert hat, habe Fox News verfolgt, Ron Paul und Michelle Bachmann. Ich las über das, was ich irgendwann sehen wollte.

Und vielleicht wartete ich auch ab, bis ich die Chance haben konnte mir die Zeit für diese Reise zu nehmen. Vielleicht habe ich mich auch auf diese Erfahrung einfach gründlich vorbereiten wollen. Dieses Jahr machte ich mich schließlich auf. Einen Monat, 6 Städte, 3 alte Freunde, 24000 km. „Die ausgestellten Staaten von Amerika. (1/3)“ weiterlesen

2012: Rückblicke und Rücktritte

Der letzte Teil meiner Jahresrückblickstrilogie (Teil 1+2 findet ihr hier und hier) ist gleichzeitig der schwerste, behandelt er doch die Zeit um die Veröffentlichung meines Buches und meinen Rücktritt. Diese Trilogie ist die Verarbeitung mit einem Jahr, in dem sich die Wege vollends erhellten die ich beschritt und ich lernte abzuwägen. Eine Erkenntnis hat sich dabei finden können: Schreiben ist für mich keine Wahl, sondern eine innere Pflicht, ein inneres Bedrängt-werden. Dabei kennt mein Schreiben keinen Ausweg, die innere Bedrängnis ist die Liebe für Ideen, mein Antrieb zu leben. Und zu lieben. Nicht zu schreiben brächte mich um.

„unless it comes out of
your soul like a rocket,
unless being still would
drive you to madness or
suicide or murder,
don’t do it.
unless the sun inside you is
burning your gut,
don’t do it.“

So You Want To Be a Writer: Bukowski Debunks the “Tortured Genius” Myth of Creativity

Da ich immer noch nicht die richtigen Worte für all das gefunden habe (siehe: http://juliaschramm.de/2012/12/17/dackelkriege-und-reflektionen/) sind die folgenden Tweets einfach ein Ausschnitt der letzten Wochen, in denen ich mich das erste Mal seit langem wirklich mit mir auseinandersetzen konnte. Aber lest selbst.

>>> https://storify.com/laprintemps/ruckblicke-und-rucktritte

Diese letzten Tweets zu durchforsten und zu bewerten war schwerer als gedacht. Mag es auch nicht gelungen sein – es ist mein Leben

2012: Hochzeiten

2012 war außergewöhnlich und anstrengend. Im letzten Post habe ich bereits den ersten Teil der Rückblickstriologie gestartet – bis zu meiner Wahl in den Bundesvorstand. Dieser Post ist der Zeit bis zur Buchveröffentlichung gewidmet und war vor allem von privatem und piratigem Tun geprägt. Das Buch musste noch überarbeitet werden … aber das kam etwas zu kurz 😉 Da ich einen sehr ausführlichen Tätigkeitsbericht geführt habe, kombiniere ich diesen mit Tweets und Blogbeiträgen, sowie Instragrambildern. Kursive Texte habe ich neu eingefügt, die anderen sind original aus der Zeit 😉 Viel Spass!

„2012: Hochzeiten“ weiterlesen

Der Denis-Scheck-Gedächtnis-Selbstveriss

Wie bereits an einigen Stellen angedeutet wurde (u.a. hier: http://ennolenze.de/interview-mit-wolfgang-ferchl/547) sah ich einen Selbstveriss für den Epilog zu meinen Bekenntnissen vor. Vielleicht war das eine Sache, auf die ich hätte bestehen sollen – jedenfalls ist er nicht im Buch gelandet und ich dachte mir nun, dass ich ihn vor Weihnachten endlich veröffentliche. Ein Geschenk an die Trolle! Ein Herz für Hater! Ich finde ihn tatsächlich immer noch sehr passend und gelungen, aber lest selbst!

Epilog:
Über dieses Buch – Ein Selbstverriss

Was für ein vulgärer Titel – das ist wohl der erste Gedanke, den man an „Klick mich – Bekenntnisse einer Internetexhibitionistin“ richtet, und schnell fragt man sich: Ist das nun Charlotte Roche mit Internet statt Körperflüssigkeiten? Wurde hier abermals eine junge Frau von der Verlagsindustrie gekauft, um ihre pubertären Probleme in das Gesicht der Leser zu reiben, die eigentlich kein Interesse daran haben können und erst Recht keinen Mehrwert davon haben? Und das Ganze dieses Mal als „Sachbuch“ maskiert und als solches aufgeladen mit einem gesellschaftspolitisch relevanten Überbau inklusive sozialrevolutionärem Gestus?
So wirkt es auf den ersten Blick und so zieht es sich durch das ganze Buch. Da geht es um das Leiden an der Pubertät und den kindlichen Hass auf die Mutter, um unglückliche Liebe und eine seltsame und kaum nachvollziehbare, theatralisch inszenierte Hassliebe zu einer Figur namens Maya. Dazu ein bisschen verspätete Großstadtneurose, garniert mit Feminismus und Pornographie, was sich liest, als hätte ein pubertierendes Mädchen in sein Poesiealbum gespuckt.
Mühevoll wird versucht, eine kohärente Geschichte vorzuspiegeln, was misslingt. Der Exhibitionismus ist Programm und die Hauptfigur nicht gerade sympathisch, dreht sie sich doch nur um sich selbst und ihre kleinen Gedanken, besser gesagt, ihre unverdauten Lesefrüchtchen, die sie sich im Internet zusammengesucht hat. Die Figuren, unglaubwürdig allesamt, dienen nur der Inszenierung der narzisstischen Ich-Erzählerin.
Provozierend ist auch ist die plumpe Aneinanderreihung von simpelsten geistes- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen, nirgends ist die Autoren gedanklich wirklich satisfaktionsfähig. Der Text ist nachlässig geschrieben wie ein Girlytweet und gibt so einen Einblick in die Verrohung der deutschen Sprache im digitalen Zeitalter. Ein gutes Beispiel für den Niedergang unserer Kultur. Die Demokratisierung der Kunst hat einen neuen Tiefpunkt erreicht.
Diese schmerzhafte Gedankenarmut und Nachlässigkeit in der Darstellung sind eine angeblich absichtsvoll konstruierte Reaktion auf die eingebildete Ohnmacht dieser Vertreterin einer selbst ernannten „Netz-Generation“, die glaubt, in der Gewissheit aufgewachsen zu sein, dass alles, was sie sagt, schon gesagt und gedacht worden ist. In der vorliegenden Umsetzung der Julia Schramm wirkt es jedoch wie ein chronischer Unfall.
Nimmt man das Werk als Sachbuch ernst, fällt auf, dass es nicht mal im Ansatz irgendeiner Form von Standards verpflichtet ist. Stattdessen rauschen die Kapitel in immer gleichem Strickmuster an einem vorbei, es liest sich wie ein nicht endender Nachmittag in schlechter Gesellschaft. Alles wird angerissen, nichts vertieft.
Der Text ist nicht stringent, sondern fragmentiert und geprägt von Momenteindrücken und der aktuellen Stimmungslage der Verfasserin. Wenn die Sprache auf die Metamoderne kommt, ein wirrer Theoriehybrid, den sich die Verfasserin wohl in jahrelangen Rauschzuständen domestiziert hat, so wird aus der Nabelschau, die Nabelschau der Nabelschau. Das Betrachten der Roche’schen Vaginalausscheidung erscheint dagegen umgehend als sympathisch.
Politisch gesehen ist dieses Kleine-Mädchen-Buch konsequenterweise ein fragmentarischer Denkversuch zwischen Vulgärmarxismus und Erlösungsphantasien einer westlichen Wohlstandsgöre – die Verfasserin bezeichnet sich selbst pseudoironisch als „Privilegienmuschi“ -, welche sich für mehr oder minder belesen hält.
Fast scheint es, als habe die Autorin all diese Mühe auf sich genommen, um ihren Zaubertrank gegen alle Übel dieser Welt einzuführen: Transparenz! Internet, ich hör dir trapsen.
Wie ein Messias entsteigt der Begriff gegen Ende dieses seltsamen Büchleins der trüben Theorie- und Meinungssuppe, die die Verfasserin zusammengebraut hat. Diese Überladung der „Transparenz“ ist hochgradig obszön und strebt letztlich nach dem Auslöschen des Menschlichen. Hier wird, vielleicht sogar unbeabsichtigt (macht es das besser?), einer totalitären Ideologie Vorschub geleistet. Mit ihrem sturen Beharren auf „Transparenz“ zeigt Schramm, dass ihr Vertrauen und Menschlichkeit ungewohnt, gar lästig sind. Neugier als zerstörerischen Trieb, der jeglichem totalitären Zugriff eines wie auch immer gearteten „Kollektivs“, einer Volksgemeinschaft vielleicht, Vorschub leistet, kennt sie nicht. Sie repräsentiert so einen Zeitgeist, der gefährlicher und unberechenbarer nicht sein könnte. Dies wird mit der paradoxen Forderung nach Anonymität im Netz wenig überzeugend relativiert. Und dass die Autorin so tut, als sei sie sich der Abgründe der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert bewusst, macht das Ganze eher schlimmer statt besser.
Muss dieses Buch als Sachbuch als bestenfalls wirr und in jeder Hinsicht gescheitert angesehen werden, erzählt es doch nicht einmal die Biographie der Julia Schramm mit Erkenntnisanspruch für Eltern anderer „Netzkinder“, so stellt sich die Frage, ob es vielleicht ein Stück Literatur sein könnte.
Die Verfasserin selbst legt diese Spur, spielt sie doch mit diesem Moment, da sie wiederholt das Bild von sich selbst als gescheiterter Schriftstellerin bemüht, die sich das stigmatisierende Etikett „Schriftstellerin“ nur gegeben hat, um ihren Selbsthass und ihre Zweifel zu kultivieren. Obwohl sie wiederholt betont, Schriftsteller und deren übertriebene Liebe zum Leid seien „nervtötend“ und die vorgetäuschte Demut sei „abgefuckt“, lässt sie sich selbst auf das Spiel ein. Will sie sich damit gegen Kritik immunisieren oder ist das nur Zeichen von Unreife, Unfähigkeit oder Schlimmerem?
Leider ist die Verfasserin jedoch auch in keinster Weise eine Schriftstellerin, erreicht sie doch keine originelle Schöpfungshöhe; sie kopiert und setzt willkürlich zusammen – ein Sinnzusammenhang oder Kohärenzen entstehen nicht. Oberflächlich mixt sie Adorno mit kindischen Internethypes, die sich Meme schimpfen und wiederrum keine Schöpfungshöhe haben. Die Referenzen sind teilweise derart unklar, dass man fast fürchten muss, es handelte sich wie im Fall Hegemann vielleicht um eine Art Plagiat. Solchen Verfahrensweisen ist gemeinsam, dass den Autoren der Respekt vor einer Kultur, deren Erben und Profiteure sie sind, vollständig fehlt. Dazu gehört auch, dass sich das „Werk“ weigert, sich einer Form unterzuordnen, was doch ein Werk erst zu einem Werk macht.
Grundsätzlich aber scheitert der Text formal an dem Versuch, verschiedene Elemente moderner Erzähltechnik zu vereinen. Die Geschichte endet so abrupt und zufällig, wie sie beginnt, ja es wirkt, als hätte die Verfasserin am Ende eines Literaturseminars ein Buch geschrieben, in dem sie Angelerntes einmal ausprobiert. Nur so lässt sich die funktionslose und damit gescheiterte Montagetechnik, die eine Hommage an die Fragmentierung der postmodernen Gesellschaft hätte sein können, erklären.
Das Peinlichste an diesem Text ist aber die Art und Weise, wie die Autorin ihr eigenes Leid in den Kontext aller Leiden gestellt, dadurch relativiert und doch feiert – als einen Akt der Selbstbestimmung. So wird dieser Text zu einem Menetekel für die unberechenbaren Resultate einer radikalen Subjektivierung der Gesellschaft und den gleichzeitigen Versuch, dieser Subjektivität zu entfliehen – um sich damit direkt einem neuen weltbeglückendem Totalitarismus in die Arme zu werfen. Kann man auch mit 26 Jahren und einem abgeschlossenen Studium an einer deutschen Hochschule so naiv sein?
Angesichts so viel existentiellen Leids bleibt beim Leser das Bedürfnis, die Verfasserin dieses absonderlichen und grandios misslungenen Versuchs eines exemplarischen Bildungsromans der digitalen Generation ganz fest in den Arm zu nehmen und ihr eine Honigstulle mit warmen Kakao zuzubereiten. Vielleicht muss sie uns dann nicht wieder mit einem Buch behelligen.

Dackelkriege und Reflektionen

oder: Pseudo-Autobiographien sind das neue Schwarz.

Dieser Tage schickte mir Ada Blitzkrieg ihr Debut “Dackelkriege – Rouladen und Rap” als Rezenzionsexemplar. Ein Buch, das im Eigenverlag erscheint, als eBook. Weitere Infos findet ihr hier: http://textkrieg.de/pages/dackelkrieg
Vielleicht erscheint es noch als gedrucktes Buch. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls erscheint es auf den Tag genau drei Monate nach meinem Buch. Montag, der 17. Zeit für ein paar Worte, um die ich schon lange ringe, für etwas Werbung und eine Verpflichtung für den Mut zum neuen Geschäftsmodell.

Ada Blitzkrieg hat einen Roman geschrieben, der von einer zugezogenen Berlinerin handelt, die dazu beiträgt die Mieten zu versauen. Durchzogen von einem halb-rebellischem Leben in der suburbanen Hölle zur Mitte der 90er Jahre – Abhängen am Busbahnhof, Angst vor Pferden und zuviel Mutterliebe inklusive – lässt sie uns an ihren Gedanken teilhaben, die uns in Fetzen bereits jeden Tag auf Twitter zu Teil werden, und reflektiert ihre Pubertät.

Alles erscheint mir sehr bekannt, denn auch ich wuchs auf zwischen Frankfurt und Köln, irgendwo da halt, wo der Bus nur einmal in der Stunde fährt und das auch nur bis 8. Die Freunde sind eher Jungs ™, denn die Mädchen ™ reden irgendwie nur von dem, was sie Liebe nennen. Nur die Reformhausmutter war immer die der anderen. Sehr präzise galoppiert der Text durch den Konsumterror zwischen Center Schock und Inline-Skates, um am Ende der völligen Überforderung im Berliner Supermarkt zu erliegen. Zwischen frischer Ziegenmilch und Hipstern. Das Buch ist nicht zuletzt eine Liebeserklärung an Berlin. Und diese Liebe fand ihren Anfang in der Faszination von verwöhnten 80er-Jahre Landgören für den Zerfall, für das Morbide. Für das Irre.

Das Buch ist wie @bangpowwws Tweets: Schrill und in einem metamodernen Jargon, gespickt mit Fäkalsprache und einer immer wohltuenden Tiefe. Außerdem hat sie es irgendwie mit Tieren, was ich einfach gar nicht nachvollziehen kann. Wobei – sie redet mit Tieren, ich rede mit früheren Versionen meiner selbst. Auch irgendwie animalisch. Animalisch rechnet sie dann auch mit der Netzgemeinde ™ ab. Und ich lache dabei sehr laut. Also innerlich, weil ich das Buch im Zug lese. Die leisen Töne sind sowieso die Stärke des Buches. Poetisch beschreibt sie den Grad der Zerstörung unserer Gesellschaft, ohne dabei zu einem dieser peinlichen Kulturpessimisten zu werden, die hochtrabend in gedruckten Zeitungen kleine Bröckchen über den Untergang des Abendlandes kotzen, um sie bei der privaten Eigenlektüre selbstgefällig wieder zu futtern.

Bei Ada weißt du zum Glück nie, was sie ernst meint, was fiktiv ist und was real. Pseudo-Autobiographien sind das neue Schwarz. Und vielleicht ist die Identifikation mit dem Zusammenhang von Golden Toast und Depressionen doch generationenspezifisch. So wie Saurer Apfel, Nick Carter und das tattrig-wohlige Gefühl beim Gedanken an Ernte23 und lila-türkise Jogginganzüge.

Ada schrieb mir, dass sie stolz sei auf ihr Buch, weil es ihr Baby sei, ihr Werk, ganz ohne Verlag, ohne Einmischung, mit totaler Kontrolle – ganz einfach ihr Buch. Auch etwas, was vielleicht generationenspezifisch ist – Kontolle, Autarkie und Multifunktionalität. Die radikale Individualisierung in digitaler Buchform. Doch natürlich hinterließen mich diese Zeilen grübelnd und ich fragte mich, inwiefern ich zu meinem Buch eine ähnliche Bindung habe. Und ich musste erkennen, dass ich diese nicht habe, ja ich glatt traurig und neidisch bin diesen Stolz nicht empfinden zu können. Und so bleibt die Frage: Liegt es daran, dass ich innerlich noch toter als Ada bin oder daran, dass ich mit der Bindung an einen Verlag mein Baby verkaufte? Der Titel meines Buches stammt nur indirekt von mir, dem Titelbild stimmte ich halbherzig zu, der Text wurde verändert und umgestellt (letztlich wurde der Text dadurch erst zugänglich!) und bei der Pressearbeit und dem Marketing habe ich mich nicht wirklich eingebracht. Meine Idee, wie der Interessenkonflikt zwischen Urheberrecht, Schreiberling und Partei hätte zusammengebracht werden können, ohne den Eklat auszulösen, der ausgelöst wurde, verhallten in meiner Lethargie und dem Glauben daran, dass der Verlag schon wüsste, was er tut. Ada hat sich dem entzogen. Zu Recht, wie ich nach der Lektüre finde. Dackelkrieg ist ein Buch, das sich nicht den Konventionen einer Welt anbiedert, die wir nur aus Parodien kennen. Das bewundere ich, hatte ich selbst doch den Mut nicht.

(Abgesehen davon, habe ich mich nie mehr verstanden gefühlt, als bei diesem Absatz zur Kelly Family. „Ich war ein Megafan der langhaarigen Familie und ein paar Jahre später war es mir unglaublich peinlich, obwohl ich heute der festen Überzeugung bin, dass die schmuddeligen Inzestmusikanten hinsichtlich Backstreet Boys und Boyzone definitiv das kleinere Übel gewesen sind.“)

Aber warum ließ ich mich überhaupt auf ein Abenteuer ein, das nur im Desater enden konnte? Eigentlich kann ich kaum etwas dazu sagen. Die richtigen Worte für eine bizarre Ereignisfolge zu finden, versuche ich seit Wochen. Ich dachte an einen Podcast (Sorry, an die, die anfragten – es ging nicht!), an einen Blogpost, an einen Vortrag, ein Buch (nein, Scherz). Aber mir fehlen bis heute die richtigen Worte für eine komplexe und verfahrene Sache, die ich nur unzureichend im Voraus geplant hatte.

Denn sich selbst aufrichtig zu beschreiben ist kaum möglich, der Selbstdarstellung wird der Anspruch auf objektive Erzählung geopfert, auf Zugänglichkeit. Fehler werden in Selbstdarstellungen glorifiziert, echte Stärken unter neurotischer Beschreibung versteckt und das Ganze nur unzureichend in Kontext gesetzt. Darüber schreiben, was einer wirklich widerfahren ist – eine Aufgabe, an der ich scheiterte.

Selbstdarstellung und das Scheitern an ihr ist eigentlich auch das zentrale Thema meines Buches, indem es letztlich um das Verlieren des kohärenten Ichs in der totalen Selbstdarstellung geht. Genauso ist auch Dackelkrieg von diesen Überlegungen durchzogen. Aber vielleicht ist das auch nur meine subjektive Wahrnehmung.

Dabei wollte ich eine Erklärung verfassen, nachvollziehbar machen, was eigentlich passiert ist mit mir in diesem Jahr und Internet. Viele fragten mich danach. Im Januar wird nun ein Portrait von mir in einer größeren Zeitung erscheinen. Ein paar Augen werden rollen, Fragen, ob ich denn nichts gelernt habe werden kommen. Häme und Hater – so wie immer. Dennoch, ich habe mich sehr bewusst dafür entschieden einer völlig externen, gelehrnten (sic! ;)) Person meine Seite der Geschichte zu zeigen und es ihr zu überlassen Worte zu finden für etwas, was ich nicht beschreiben kann. So objektiv wie möglich, auch wenn objektiv schmerzhaft sein kann. Letztlich kann ich mich meiner eigenen Geschichte nicht entziehen, mich nicht verstecken.

Was ist nun meine Conclusio der letzten drei Monaten und mit der Lektüre von Dackelkrieg im Hinterkopf? Einem Verlag mit der Produktion meines langersehnten Babys zu beauftragen war wohl eine Mischung aus Gelegenheit-beim-Schopfe-packen-Naivität, Feigheit vor der absoluten Selbstständigkeit inklusive Geldnot und dem Glanz einer professionellen Welt. Der Plan ging nicht auf, das Buch wurde niedergeschrien, ging unter im Krawall unserer Gegenwart. Dackelkrieg geht nun einen anderen Weg und ich hoffe, dass wir(tm) jetzt beweisen können, dass wir(tm) für spannende Bücher auch Geld ausgeben wollen.

Update: Habe versucht ein paar Fehler auszubügeln. Aber der Text ging ohne Korrekturlesung raus – wollte ja den 17. mitnehmen 😉

Stuhlgewitter und andere Unannehmlichkeiten

Stuhlgewitter sind die Aufstände derer, die sich machtlos wähnen. Im Schwarm vereinen sie sich, widerstehen der vermeintlich bekannten Hierarchie und lehnen sich gegen die “Mächtigen” auf. Gegen jene, die über Kapital verfügen, welches sie nutzen, um ihre eigene Position zu verteidigen. Zumindest wirkt es so. Stuhlgewitter sind somit ein Machtkorrektiv. Doch was passiert in einer Umgebung der totalen Selbstdarstellung, die uns qua Internet nahezu aufgenötigt wird? In Zeiten, wo echte Macht und scheinbare Macht kaum noch zu unterscheiden sind? In einer Welt, die in erster Linie textbasiert ist, kann es nur aktive Selbstdarstellung geben. Schon die Auswahl des Namens auf einer $socialmediaplattform bedeutet Selbstdarstellung. In diesem Umfeld wird Macht über Follower und Reichweite definiert. Vielleicht auch über die Fähigkeit Meinungen zu beeinflussen und/oder damit Geld zu verdienen, für etwas zu kämpfen, was anderen nicht passt. Und ganz bestimmt über vermeintliche Gruppenzugehörigkeiten.

Und so richtet sich digitaler Hass schnell gegen Symbole oder Vertreter imaginierter Gemeinschaften. Nehmen wir den Hass gegen den Ponykult um die Kinderserie my little pony. Ein Mensch, dessen Leben erfüllt ist, würde vielleicht müde über die Bronies lachen, darüber, dass erwachsene Menschen sich mit dieser leicht trashigen Fernsehserie identifizieren. Aber aktiv hassen ist doch bemerkenswert. Wieso nicht einfach ignorieren? Meine freizeitpsychologische Vermutung ist, dass sie sie die Ponys nur hassen, weil sie denken, dass hinter den Ponys eine verschworene Gemeinschaft steht, von der sie sich ausgeschlossen fühlen. Sie fühlen sich wieder wie auf dem Schulhof, wo sie nicht mitspielen durften. Anders lässt sich der aktive Hass nicht erklären. Dass diese imaginierten Gemeinschaften meist nicht so existieren, wie die Angreifer denken und die Menschen, die wegen ihrer angeblichen Zugehörigkeit angegriffen werden, meist sehr sensibel sind, juckt die Angreifer nicht. Sie wollen Dominanz ausüben, in diesem einen Moment Macht spüren, um sich zu versichern, dass sie nicht so ohnmächtig sind, wie sie sich fühlen.

Hass ist immer ein Ausdruck eigener Probleme und hat eigentlich nie etwas mit dem Gehassten zu tun. Hass offenbart nur die seelischen Abgründe des Gegenübers. Aber die sind nicht das Problem des Angegriffenen. Hass ist zwar ein veritabler Antrieb, aber um für eine bessere Welt zu kämpfen sollte es dessen nicht bedürfen.

Nachdem ich nun selbst schon für hassenswert und vogelfrei erklärt und entsprechend Opfer bizarrer Hassauswüchse wurde, habe ich mal aufgeschrieben, wie eins mit diesem Hass umgehen kann:

10 Regeln für das Überleben im digitalen Haifischbecken

1. Nicht persönlich nehmen. Die meisten Angriffe haben mit dir als Mensch rein gar nichts zu tun. Stattdessen handelt es sich um eine Projektion. Deine Angreifer sehen in dir ihre eigenen Schwächen, sie glauben, dass du etwas hast, was ihnen fehlt. Sie glauben, dass du stark und unangreifbar seist. Je härter sie dich angreifen, desto mehr sind sie davon überzeugt, dass es an dir abprallt. Sie wollen dir eine Lektion erteilen, weil sie denken, dass du ignorant über den Dingen stehst.

2. Suche niemals nach deinem bürgerlichen Namen bzw. deinem nicht-Nickname auf $socialmediaplattform. Just don’t do it. Die härtesten und fiesesten Angriffe kommen ohne Mention. Sie wollen nicht mit dir reden, sondern über dich. Also lies es auch nicht. Ähnliches gilt für Kommentare auf diversen Webseiten. Besonders, wenn ein Artikel von dir oder über dich erscheint. Die wenigen guten Kommentare fallen dann zwar runter, aber das sollte dir deine psychische Integrität wert sein.

3. Blocken, blocken, blocken. Meinungsfreiheit bedeutet sagen zu dürfen, was mensch möchte ohne staatliche Repressionen. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jeder Mensch das Recht hat, dass seine/ihre Meinung (wobei die Frage ist, inwiefern Belästigung, Beleidigung, etc. eine schützenswerte Meinung ist) gehört wird von denen, an die sie gerichtet ist. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass eins sich alles anhören muss, was über eins gesagt wird. Auch fällt unter Meinungsfreiheit nicht, dass mensch in deinem Blog kommentieren dürfen muss. TweetDeck hat zum Beispiel eine tolle GlobalFilter-Funktion. Und WordPress Plugins, mit denen du die Kommentarfunktion schließen kannst.

4. Keine Rechtfertigungen. Ab und an Bedarf es einer Erklärung, ja, aber versuche nicht auf $socialmediaplattform deine Angreifer zu entkräften, denn dadurch gibst du ihnen die Aufmerksamkeit, die sie wollen. Und sie werden immer einen Weg finden, wie sie dir die Worte im Mund herumdrehen, denn es geht nicht um Dialog und es geht auch nicht um dich, sondern um sie selbst, um die Menschen, die dich angreifen, um ihre Probleme, die sie auf dich projizieren. Jede Erklärung/Rechtfertigung prallt an ihnen ab.

5. Denke immer daran, dass die Menschen, die dich angreifen, die viel Zeit damit verbringen dich zu attackieren, in erster Linie traurig sind. Je mehr Hass und Häme, Spott und Belästigung Menschen auf dich verwenden, desto mehr offenbart sich das Loch in ihrer Seele. Niemand, der mehr als 1 Minute damit verbringt dich zu hassen, hat ein ausgefülltes Leben.

6. $socialmediaplattform einfach mal nicht nutzen, einfach mal nicht lesen, was Menschen über dich sagen wollen. Stattdessen ein Buch lesen, ins Museum gehen oder Sex haben.

7. Einfach mal lachen. Ist es nicht absurd, dass sich Menschen so obsessiv mit dir auseinandersetzen, obwohl du kein blutrünstiger Diktator mit privater Sicherheitsarmee bist? Ist es 🙂

8. Einfach mal heulen. Es ist vollkommen ok, dass dich die Angriffe fertig machen. Diese Angriffe, auch wenn eins sie nicht unbedingt persönlich nimmt, sind doch immer eine Bankrotterklärung der Welt und schütten Öl in das Weltschmerzfeuer – aber dass die Welt schlecht ist, soll dir ja bewiesen werden. Du sollst die Welt so hassen, wie deine Angreifer das tun. Ab und an deswegen zu weinen ist nachvollziehbar. Und menschlich.

9. Einfach mal lästern. Erfinde komische Spitznamen für die regular Haters, mache dich über sie lustig, erinnere dich daran, wie traurig ihr Leben sein muss, dass sie dich so sehr hassen. Aber verschwende nicht zu viel Zeit darauf.

10. Veröffentliche die härtesten Sachen. Öffentlichkeit bedeutet in diesem Fall Schutz und Solidarität, Privatheit bedeutet lediglich, dass du dich selbst mit dem Abfall alleine lässt. Veröffentliche es ruhig anonym, oder auch mit Namen. Jedenfalls gilt: Anonymität ist nicht unbedingt ein Katalysator für Hass. Die härtesten Sachen kommen oftmals von Menschen, die in ihrer Signatur mit vollen Namen auftreten. Meistens noch mit Titelbezeichnung: Peter Müller, Fachanwalt für Steuerrecht. Oder so.

Und schließlich gilt:

What other people think of you is none of your business.

Betroffenheit und (emanzipatorische) Politik

„Schlimmer noch, wir bestärken die Leute darin, die Vergangenheit – und ihre Lektionen – aus der Perspektive ihrer je eigenen leidvollen Erfahrung (beziehungsweise der ihrer Eltern und Großeltern) zu sehen. Heute setzt sich die „allgemeine“ Interpretation der jüngsten Geschichte also zusammen aus Fragmenten unterschiedlicher Vergangenheiten (von Juden, Polen, Serben, Armeniern, Deutschen, Afroamerikanern, Palästinensern, Iren, Homosexuellen uws.), die allesamt von Leid und Opfer geprägt sind. Das Mosaik, das sich daraus ergibt, verbindet uns nicht mit einer gemeinsamen Vergangenheit, sondern trennt uns voneinander.“ Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr der Intellektuellen, Frankfurt 2011, S. 14.

In emanzipatorischen Kreisen geht es in der Sache oft erstmal um die (praktische) Emanzipation marginalisierter – immer meist nicht-männlicher, nicht-weißer, nicht-europäischer, nicht-cis, nicht-heterosexueller – Gruppen, deren Position mit handfesten ideellen und materiellen Nachteilen im Alltag verbunden ist. Marginalisierung und die alltägliche Ungerechtigkeit bedingen einander, aber das ist ein anderer Blogpost. Der Kampf gegen diese Ungerechtigkeiten bedeutet neben der konkreten Veränderung der Situation auch oft eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit und Kritik an der Gesellschaft. Zu diesen Mechanismen gibt es ganze Bibliotheken mit Literatur und diese kurze Ausführung soll hier nur einen Rahmen vorgeben. Auch möchte ich im Folgenden die Trennung zwischen Theorie und Praxis einmal stärker betonen und anmerken, dass dies in vielen Diskussionen um emanzipatorische Bewegungen zu sehr vernachlässigt wird. Nun jedoch zum eigentlichen Thema: Betroffenheit und emanzipatorische Politik. Ich will dazu erst ein paar theoretische Überlegungen ausführen und dann ein praktisches Beispiel anhand meiner Erfahrungen rund ums #refugeecamp geben.

Betroffenheit ist ein wichtiger praktischer Erfahrungswert, welcher die Wahrnehmung und Beruteilung der Welt formt. Betroffenheit ergibt sich aus meiner Position in der Gesellschaft: Wie nehmen mich andere wahr? In welchen Schubladen stecke ich und wie sehen die aus? Das Bilden von Schubladen dient in erster Linie der Komplexitätsreduktion – je mehr Schubladen ich habe, in die ich Menschen schnell (anhand äußerlicher Merkmale ist zB sehr schnell) einordnen kann, desto intuitiver komme ich durchs Leben. Die Ambivalenz der Schubladen stellt uns vor das Problem, wie mit den Schubladen umgegangen werden soll, die schädlich sind, die Menschen das Leben zur Hölle machen. Analysiert sind diese Schubladen und wie sie entstehen schon ziemlich gut, tatsächlich gibt es kaum noch Bedarf die Theorie ob des Entstehens von Schubladen zu erarbeiten. Da wurde im 20. Jahrhundert ganze Arbeit geleistet. Die Frage, die bleibt: Wie gehen wir in der Praxis mit Schubladen um, in denen Menschen handfeste Nachteile auf Grund unveränderbarer Merkmale haben? Und wie reden wir darüber?

Selbst in der Schublade zu stecken bedeutet dabei ersteinmal zu wissen, wie die Schublade von innen aussieht. Eine Perspektive, die nur bei denjenigen vorhanden ist, die sich auch in der Schublade befinden. Um mit den Schubladen kritisch umgehen zu können, ist das ein Wissen, was *unverzichtbar* ist. Gleichzeitig bedeutet Betroffenheit nicht die bisherigen Theorien verstanden zu haben, ja es ist nicht mal notwendig sich mit diesen beschäftigt zu haben. Im Gegenteil sind persönliche Erfahrungen und daraus abgeleitetes Wissen oft diametral zu vielen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, die erstmal kontraintuitiv sind. Identität bedeutet nicht automatisch theoretisches Wissen zu einem Wissenschaftsfeld, Identität kann diesen Anspruch aber auch nicht haben – das wäre essentialistisch, etwas, was eine kritische Auseinandersetzung mit Schubladen verhindern und das Ganze ad absurdum drehen würde. Jedoch, während die Betroffenensicht im Diskurs wesentlich ist, kann auf gelernte Theorie von nicht-Betroffenen durchaus verzichtet werden. Sollte es aber nicht.

Theorie ist natürlich nie frei von (nicht-)Betroffenheit – der Anspruch sollte aber sein, dass theoretische Debatten es sind. Nur weil es keine objektive Wahrheit gibt und wir uns in einer subjektivistischen Welt voller vieler individueller Wahrheiten befinden, sollte der Versuch eine gemeinsame wahrhaftige Realität zu schaffen niemals aufgegeben werden. Denn Politik ist das Aushandeln maximal allgemeingültiger Regeln, das Finden eines gesellschaftlichen Konsens, der für maximal viele alle Menschen ein Leben ermöglicht, das die Existenz sichert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Eigentlich ist das so trivial, dass es nicht weiter besprechen werden müsste, jedoch, so erscheint es mir, stehen in derzeitigen politischen Prozessen nicht ein fairer Ausgleich zwischen den Partikularinteressen im Vordergrund, sondern der Versuch die bestehenden Verhältnisse an der eigenen Betroffenheit zu orientieren. Die Frage ist somit de facto nicht, inwiefern wir maximal vielen allen Lebewesen auf der Welt ein würdiges Leben ermöglichen können, sondern wie ich als Vertreter_in einer Betroffenengruppe deren und somit meine Ziele durchsetzen kann. Die Frage ist nicht, wie wir wissenschaftliche Ergebnisse sinnvoll nutzen können, um Ressourcen effizient zu nutzen, sondern wie meine Betroffenengruppe die meisten Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommt. Das ist erstmal Lobbyismus und in einem demokratischen System auch legitim, ja notwendig, jedoch fehlt das Bewusstsein, dass es sich auch immer um das große Ganze handeln muss. Im Strudel der Betroffenheit werden rationale Herangehensweise geopfert – die mächtigste Gruppe kann die eigene Betroffenheit zur Norm erheben und tut das auch, wie wir es anhand der CDU schön betrachten können. Doch genau diese Norm ist die Gebrauchsanweisung für die Hierarchisierung von Schubladen. Die Norm ist dabei theoretisch flexibel, auch wenn sie in unseren Beitengraden patriarchal ist. Was nun also bleibt ist auch hier eine Trennung von theoretischem Wissen über die Beschaffenheit von Gesellschaft, was in sich unabhängig von der eigenen identität ist und praktischer Erfahrung als Teil der Gesellschaft inklusive der wirkmächtigen Position. Identität bedeutet also nicht automatisch theoretisches Wissen und theoretisches Wissen bedeutet nicht automatisch Identität.

Praktisch gesehen ist das Ganze nun wesentlich komplizierter, denn praktisch gesehen ist Identität und Theorie tatsächlich kaum trennbar. Ein erhellendes Erlebnis hatte ich um das #refugeecamp herum. Ich traf einen Teil der Refugees das erste Mal in Würzburg, wo wir ihnen das Geld aus der #hosengate-Aktion überreichten. Ich verhielt mich von Beginn an sehr zurückhaltend und wollte nicht aufdringlich sein – ich empfand es als problematisch mich im Leben dieser Menschen irgendwie sichtbar zu machen, gerade weil ich weiß, in welchen Schubladen sie stecken und wieviel Mut und Kraft sie aufbringen aus diesen herauszukommen. Ich wollte sie nichtmal nach ihren Geschichten fragen. Ich empfand es vielmehr als unangebracht überhaupt Teil dieser ganzen Sache zu sein, mich ihnen aufzudrängen, ihnen helfen zu wollen. Ich empfand es schon im Sommer in Würzburg als hochproblematisch mich irgendwie in diesem Kosmos angemessen an mein theoretisches Wissen zu positionieren – ich war passiv-gelähmt.

Nun kamen die Refugees nach Berlin und suchten Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu finden. Im Rahmen dessen beteiligte ich mich an der #tits4humanrights-Aktion, die im Kern sehr gut funktionierte. (Twitter flippte aus und im Laufe der Woche wurde ernsthaft über die Thematik der Asylpolitik gesprochen.) Im Vorfeld hatten die Refugees im Plenum für die Aktion gestimmt und unseren aufmerksamkeitsökonomischen Vorschlag als Unterstützung für ihre Sache angenommen. Im Nachinein nun kamen einige Aktivistinnen zu uns und kritisierten die Aktion. Und obwohl ich die Kritik erwartet hatte und auch verstehen kann (letztlich ist die Kritik ja offensichtlich und das Ganze eine Frage der Abwägung, was nun sinnvoller ist), empfand ich es als Unverschämtheit, dass es da tatsächlich hieß, dass das Plenum der Refugees ja nicht entscheidungsfähig gehandelt hätte, als die Aktion beschlossen wurde.

Plötzlich war ich einer neuen Welle von Betroffenheit ausgesetzt, die auf der Länge des Aktivismus und der Nähe zu den Refugees basiert, letztlich jedoch nur Bevormundung bedeutet und fehlenden Respekt gegenüber denen, die dort tagelag im Hungerstreik saßen und mehr Mut und Kraft zeigten, als ich mir selbst vorstellen konnte. Im Anschluss an die Aktion war ich erstmal krank und saß vor Twitter, verfolgte jeden Schritt und versuchte den digitalen Faschos keinen Fußbreit zu zeigen. Und während ich als Virenschleuder vom Refugeecamp gebannt war, dachte ich wieder über Betroffenheit nach und meine Rolle. Was kann ich denn nun tun? Und mache ich es nicht automatisch falsch? Wie kann ich meine gesellschaftliche Position, mein fehlendes Wissen über Flucht und Vertreibung, das fehlende Leid ausblenden? Wie kann ich auf Augenhöhe mit diesen Menschen überhaupt sprechen?

Die wesentliche Zwickmühle dabei ist, dass die Betroffenen ihre Marginalisierung nicht ohne die nicht-Betroffenen (und nur schwer mit nicht-Betroffenen) überwinden können. Dass das Refugeecamp die Schikanen der Polizeit überlebte, lag vor allem an den tapferen nicht-Betroffenen (besonders auch Parlamentariern), die das Camp schützten, die keine Virenschleudern oder gelähmt-feige Überanalysierer waren. Ohne diese Menschen wäre viel von dem Protest wieder verloren gegangen. Ohne die Solidarität wäre der Protest verhallt. Und dennoch schämte ich mich wieder zum Refugeecamp zu gehen, mich potentiell in die Kleinkriege der Aktivist_innen zu begeben, die ihre fehlende Betroffenheit irgendwie zu kompensieren suchen, den Kampf der Betroffenen durch meine Identität potentiell zu überschatten, sie zu bevordmunden durch meine Art zu reden, kurz: durch meine gesellschaftliche Position ihre noch stärker zu schwächen. Dennoch weiß ich, dass es keine Veränderung geben kann ohne das die nicht-Betroffenen sich dem Kampf anschließen. Und wie lassen sich die nicht-Betroffenen für eine Kampf, der sie „eigentlich und irgendwie nichts angeht“, obwohl er doch so wichtig für die ganze Gesellschaft ist, gewinnen? Durch Theorie, durch Schreiben, durch Kommunikation und Dialog, durch das stetige Erarbeiten fairer Umgangsregeln, duch einen gesellschaftlichen Dialog, der nicht auf der Betroffenheit einzelner, sondern dem Ziel einer gerechten Gesellschaft fußt.

Politischs Handeln muss mehr sein als Betroffenheit. Politisches Handeln muss mehr sein als nicht-Betroffene, die sich abseits der Realität Theorien zusammenbasteln, die sie anschließend als universell verkaufen. Politisches Handeln muss mehr sein als das Verteidigen der eigenen Privilegien. Politisches Handeln muss mehr sein als anderen die Privilegien vorhalten. Politisches Handeln muss mehr sein als das Ausspielen der Theorie gegen die Praxis. Politisches Handeln muss sich einer gerechten Gesellschaft verpflichten.

Dieser Text entstand Ende 2012 und wurde leicht bearbeitet Ende 2015.