Chancen.

Es ist nicht oft, dass sich große Chancen ergeben. Oder das Menschen an dich glauben, auch wenn du es schon selbst gar nicht mehr tust. Vor mehr als 3 Jahren erschien mein erstes Buch. Sagen wir so: Es lief alles nicht so gut. Ich habe daraus viel gelernt, auch wenn es manchmal schmerzhaft war. Zumindest hatte ich aber fest damit gerechnet, dass ich jetzt meine Chance gehabt habe und ja … dass es das jetzt war. Ich arrangierte mich mit dem Gedanken vielleicht nie wieder in einem großen Verlag publizieren zu können, meine Stimme im medialen Zirkus verloren zu haben. Aber es kam anders. Genau genommen gab es nämlich viele Menschen, die eigentlich der Meinung waren und sind, dass ich vieles gute kann, dass ich zäh bin und Druck aushalten kann. Und darum geht es, wie Schirrmacher das schonmal feststellte.

Eine von diesen Menschen ist Elisabeth Ruge. Seit März diesen Jahres bin ich bei ihr unter Vertrag. Es ging von Anfang an um ein Buch über Angela Merkel. Aber ich wusste nicht genau, wie ich es angehen kann, muss, will. Also setzte ich mich in einen Kurs von Elisabeth, die sie im Rahmen ihrer Agentur anbietet. Letzten Donnerstag habe ich den Vertrag für das Merkelbuch mit einem phantastischen Verlag abgeschlossen (mehr dazu am Dienstag!) und ich könnte nicht aufgeregter und freudiger sein. Ich hätte nicht gedacht, dass so eine Chance nochmal kommt. Habe aber auch gelernt, dass es mehr ist als Zufall, als Glück. Dass es auch viel harte Arbeit bedeutet. Elisabeth sagt dazu non-chalant „Wenn ihr gute Bücher schreibt, dann klappt das auch.“ Und das mit dem gute Bücher schreiben ist der genau der Punkt. Woher weiß ich, dass mein Buchprojekt gut ist? Ist mein Projekt überhaupt interessant? Was muss ich bedenken? All diese Fragen finden im Kurs Platz – plus substantielle Textkritik (SO GUT!!! <3) und Raum und Zeit für Entfaltung. Und am Ende steht vielleicht eine echte Chance ein tolles Buch bei einem passenden Verlag unterzubringen. Dass es aber um viel mehr geht, sehr ihr in dem kurzem Video von mir:

Das hier ist natürlich auch ein kleiner Werbeblock. Denn ihr könnt die Kurse auch selbst belegen. Es gibt finanzielle und qualitative Hürden, aber …. wenn es euch mit dem Schreiben ernst ist – hier ist der Ort, wo ihr rausfindet ob ihr eine Chance habt und haben wollt. Hier bekommt ihr richtiges Feedback, konstruktive Kritik und am Ende vielleicht eine Chance.

Alle Infos findet ihr hier: http://elisabeth-ruge-agentur.de/schreibkurse/

Am kommenden DIENSTAG, den 3. November 2015 um 18 Uhr findet ein Info-Abend statt. Ich werde auch da sein und euch vom Kurs berichten. Falls ihr also Interesse habt: Kommt vorbei!

 

 

 

Denn nach Auschwitz kann es nur Lyrik geben.

Als ich zu Beginn diesen Jahres auf dieses Gedicht stieß, hatte ich das erste Mal seit Jahren das Bedürfnis Lyrik zu schreiben. Also begann ich. Ziemlich diletantisch zunächst, da ich mich zwar theoretisch und akademisch seit Jahren mit Gedichten auseinandersetze, aber den Schritt zu schreiben immer ein wenig gescheut habe. Ein wenig sehr. Doch seit diesem Jahr ist alles anders, denn nicht nur ergaben sich im letzten Jahr Dinge für mich, die nur in Lyrik ausgedrückt werden können und zum anderen leben wir in einer Zeit, in der die Welt komplexer wird, die Sprache jedoch zu wenig. Im Gegenteil finden sich verstärkt die Gläubigen einer naturalisierten Vorstellung von Sprache. Dabei brauchen wir neue Wörter für neue Zusammenhänge, Wörter, die Komplexität angemessen abbilden, präziser sind. Lyrik ist ein Weg Sprache auszureizen, neue Metaphern, neue Perspektiven zu finden. Zusammenhänge benennen, die nicht viele sehen, mit Assoziationen, die zwicken. Denn nur so entstehen neue Ideen. Politische Ideen. Und nur so wird das mit den Revolutionen und den Umstürzen noch mal was. Glauben wir.

Deswegen haben Johannes Finke und ich ein kleines Projekt gestartet. Chelsea – Lyrik Intelligence. Das Magazin für textbasierte Umsturzversuche. Dabei sind tolle Autor*innen, die über Berlin in der Nacht, Angela Merkel und Demütigungen schreiben, über Leben, Ausgrenzung, Diskriminierung. Warum wir Chelsea heißen? Weil die Zeiten sich ändern.

Ich habe auf der Seite das erste Mal meinen Fleischzyklus veröffentlicht, der aus folgenden Gedichten besteht und in dem es um Sexismus, Liebe, Ehe, Gewalt und Depressionen geht. Und sowas halt.

#aufschrei
Gepresstes Fleisch
Fleischeshitze
Fleischbeben
Schlachthof, in der Bibliothek.

Ihr findet uns auch bei Twitter und Facebook.

Der Tod der Autorin ist nur ihr Anfang

Die folgende Rede habe ich als Keynote in Hagen auf dem Kultursymposium “Der Autor ist tot, es lebe der Autor!” gehalten.

Da ich mich nicht mit der geistesgeschichtlichen Dekonstruktion der Autorin als Punkt im Diskurs auseinandersetzen werde, spreche ich heute über die Autorin, den Angelpunkt der Individualisierung, in Zeiten der Digitalisierbarkeit aus durchaus persönlicher Sicht. Anders scheint es nicht zu gehen. Blickt eins in die Entwicklungen der letzten Jahre, betrachtet anonyme Kollektivliteratur und die Geschwindigkeit mit der Texte um die Welt wandern, oft nicht mehr zuordnungsfähig, fühlt es sich nur konsequent an, was die Poststrukturalistinnen einst verkündeten: Der Tod der Autorin ist realer denn je. Der Kontrollverlust, der in den Arbeiten zur toten Autorin bereits angelegt ist, wird vollkommen, die Autorin verliert Deutungshoheit und Kontrolle über ihren Text. „Der Tod der Autorin ist nur ihr Anfang“ weiterlesen

Die Ehe.

Der Kampf tobt. Schon lange tut er das. Er tobt über die Frage der Definition um Ehe. Er tobt auch in mir. Und in dir. Das weiß ich. Dieser Kampf ist ein Schlachtfeld, auf dem viele andere gesellschaftliche Normen verhandelt werden.

Der Kampf um die Ehe für alle ist ein Kampf um die progressive Erneuerung unseres gesellschaftlichen Selbstverständnis. Es ist ein Symbolkampf, den es durchaus zu kritisieren gilt, vor allem, weil er im Kleinen denkt, nicht im Großen. Es ist ein einfacher Kampf, ein unterkomplexer. Ein Kampf, der die Masse packt wie die Wok-WM. Dennoch begrüße ich diese Neuverhandlung um die Ehe, denn eine gesellschaftliche Neuverhandlung auf dem Schlachtfeld Ehe bedeutet auch eine Neuverhandlung intimster gesellschaftlicher Normen. Das kann nur gut sein.

Der Begriff Ehe ist dabei natürlich schwer vorbelastet: Feindlich für alle, die nicht einer heteromonosexistischen Norm entsprechen. Die Ehe, wie wir sie heute kennen ist ein zutiefst bürgerliches Projekt und spiegelt eben so auch alle Abgründe des Bürgerlichen wider, die sich in der gesellschaftlichen Sanktionierung von Normabweichung zeigen. Die Norm ist dabei das Bürgerliche selbst, dass sich manifestiert in weißen, christlichen, monogamen, heterosexuellen cis-Menschen, die einander Versprechungen machen, die sie nicht halten können. Und genau diese Norm gilt es zu durchbrechen – die Ehe ist ein Symbol dieser Norm. Der Kampf um die Öffnung der Ehe kann also nur ein Kampf um das Aufbrechen der bürgerlichen Norm sein. Dass das nicht immer der Fall ist, hat Riot Mango bei der Mädchenmannschaft schön beschrieben.

Aber um was geht es bei einer Ehe eigentlich? Die Ehe ist die Ritualisierung des Versprechens, es miteinander auszuhalten, bis es gar nicht mehr geht. Bis zum bitteren Ende. Für einander zu sorgen. Einander zu akzeptieren, zu achten in einer Welt, in der Achtung kaum Relevanz hat. Niemals hatte. Das Versprechen bedeutet eine Zeremonie, das Versammeln geliebter Menschen, vor denen wir uns das Versprechen gaben füreinander zu sorgen, ehrlich zueinander zu sein. Trotz allem. Trotz deiner Sturheit und meinem unsteten Gemüt.

Und es beinhaltet ein Fest, wo all die Menschen vereint werden, wie sie so nie wieder vereint werden. Vereint werden können. Denn sie kommen wegen des Rituals, wegen des Versprechens, wegen der Hoffnung und wegen der Familie, die wir gemeinsam gründen wollen. Irgendwie.

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Die Idee der Ehe wurde missbraucht, sie wurde entstellt für Machtspiele und Unterdrückung, für Strafe und Politik. Dabei geht es um eine Familie, die ich mir selbst aussuche, um ein Bündnis mit Menschen, die ich liebe, die ich als Teil meines Lebens betrachten möchte, die andere als Teil meines Lebens betrachten sollen. Und um eine richtig coole Party. Dennoch behalte ich meinen Namen, denn ich mag es alleine zu sein. Und ich verstehe jeden, der sein Leben ohne jemanden wie dich verbringen will. Ehe mit sich selbst, Ehe mit Freunden, Ehe ohne Körperlichkeit.

Die Ehe ist für mich ein Kampf mit meinen eigenen Dämonen, mit meiner Priviligiertheit. Unser Ring erinnert mich jeden Tag daran, dass diese Welt scheiße ist. Er erinnert mich daran, dass ich die Scheiße nicht alleine ertragen muss; er einnert mich daran, dass ich trotzdem dankbar sein kann, ihn tragen zu dürfen. Der Kampf für die Ehe für alle bedeutet einen Kampf gegen meine eigenen Privilegien, für eine Welt, in der alle Menschen jemanden wie dich haben. Oder euch. Oder sich. Oder eben auch nicht.

Weiter lesen. Kritisch, affirmativ oder einfach schön:

http://kleinerdrei.org/2013/04/aber-ich-will-doch-gar-nicht-heiraten/
http://flannelapparel.blogspot.it/2012/10/eure-liebe-ist-straight-scharf-wie-ein.html

Okkupiert die Ehe!


Das Programm der Piraten finde ich diesbezüglich übrigens sehr gelungen: https://www.piratenpartei.de/politik/selbstbestimmtes-leben/geschlechter-und-familienpolitik/#Zusammenleben

Der Denis-Scheck-Gedächtnis-Selbstveriss

Wie bereits an einigen Stellen angedeutet wurde (u.a. hier: http://ennolenze.de/interview-mit-wolfgang-ferchl/547) sah ich einen Selbstveriss für den Epilog zu meinen Bekenntnissen vor. Vielleicht war das eine Sache, auf die ich hätte bestehen sollen – jedenfalls ist er nicht im Buch gelandet und ich dachte mir nun, dass ich ihn vor Weihnachten endlich veröffentliche. Ein Geschenk an die Trolle! Ein Herz für Hater! Ich finde ihn tatsächlich immer noch sehr passend und gelungen, aber lest selbst!

Epilog:
Über dieses Buch – Ein Selbstverriss

Was für ein vulgärer Titel – das ist wohl der erste Gedanke, den man an „Klick mich – Bekenntnisse einer Internetexhibitionistin“ richtet, und schnell fragt man sich: Ist das nun Charlotte Roche mit Internet statt Körperflüssigkeiten? Wurde hier abermals eine junge Frau von der Verlagsindustrie gekauft, um ihre pubertären Probleme in das Gesicht der Leser zu reiben, die eigentlich kein Interesse daran haben können und erst Recht keinen Mehrwert davon haben? Und das Ganze dieses Mal als „Sachbuch“ maskiert und als solches aufgeladen mit einem gesellschaftspolitisch relevanten Überbau inklusive sozialrevolutionärem Gestus?
So wirkt es auf den ersten Blick und so zieht es sich durch das ganze Buch. Da geht es um das Leiden an der Pubertät und den kindlichen Hass auf die Mutter, um unglückliche Liebe und eine seltsame und kaum nachvollziehbare, theatralisch inszenierte Hassliebe zu einer Figur namens Maya. Dazu ein bisschen verspätete Großstadtneurose, garniert mit Feminismus und Pornographie, was sich liest, als hätte ein pubertierendes Mädchen in sein Poesiealbum gespuckt.
Mühevoll wird versucht, eine kohärente Geschichte vorzuspiegeln, was misslingt. Der Exhibitionismus ist Programm und die Hauptfigur nicht gerade sympathisch, dreht sie sich doch nur um sich selbst und ihre kleinen Gedanken, besser gesagt, ihre unverdauten Lesefrüchtchen, die sie sich im Internet zusammengesucht hat. Die Figuren, unglaubwürdig allesamt, dienen nur der Inszenierung der narzisstischen Ich-Erzählerin.
Provozierend ist auch ist die plumpe Aneinanderreihung von simpelsten geistes- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen, nirgends ist die Autoren gedanklich wirklich satisfaktionsfähig. Der Text ist nachlässig geschrieben wie ein Girlytweet und gibt so einen Einblick in die Verrohung der deutschen Sprache im digitalen Zeitalter. Ein gutes Beispiel für den Niedergang unserer Kultur. Die Demokratisierung der Kunst hat einen neuen Tiefpunkt erreicht.
Diese schmerzhafte Gedankenarmut und Nachlässigkeit in der Darstellung sind eine angeblich absichtsvoll konstruierte Reaktion auf die eingebildete Ohnmacht dieser Vertreterin einer selbst ernannten „Netz-Generation“, die glaubt, in der Gewissheit aufgewachsen zu sein, dass alles, was sie sagt, schon gesagt und gedacht worden ist. In der vorliegenden Umsetzung der Julia Schramm wirkt es jedoch wie ein chronischer Unfall.
Nimmt man das Werk als Sachbuch ernst, fällt auf, dass es nicht mal im Ansatz irgendeiner Form von Standards verpflichtet ist. Stattdessen rauschen die Kapitel in immer gleichem Strickmuster an einem vorbei, es liest sich wie ein nicht endender Nachmittag in schlechter Gesellschaft. Alles wird angerissen, nichts vertieft.
Der Text ist nicht stringent, sondern fragmentiert und geprägt von Momenteindrücken und der aktuellen Stimmungslage der Verfasserin. Wenn die Sprache auf die Metamoderne kommt, ein wirrer Theoriehybrid, den sich die Verfasserin wohl in jahrelangen Rauschzuständen domestiziert hat, so wird aus der Nabelschau, die Nabelschau der Nabelschau. Das Betrachten der Roche’schen Vaginalausscheidung erscheint dagegen umgehend als sympathisch.
Politisch gesehen ist dieses Kleine-Mädchen-Buch konsequenterweise ein fragmentarischer Denkversuch zwischen Vulgärmarxismus und Erlösungsphantasien einer westlichen Wohlstandsgöre – die Verfasserin bezeichnet sich selbst pseudoironisch als „Privilegienmuschi“ -, welche sich für mehr oder minder belesen hält.
Fast scheint es, als habe die Autorin all diese Mühe auf sich genommen, um ihren Zaubertrank gegen alle Übel dieser Welt einzuführen: Transparenz! Internet, ich hör dir trapsen.
Wie ein Messias entsteigt der Begriff gegen Ende dieses seltsamen Büchleins der trüben Theorie- und Meinungssuppe, die die Verfasserin zusammengebraut hat. Diese Überladung der „Transparenz“ ist hochgradig obszön und strebt letztlich nach dem Auslöschen des Menschlichen. Hier wird, vielleicht sogar unbeabsichtigt (macht es das besser?), einer totalitären Ideologie Vorschub geleistet. Mit ihrem sturen Beharren auf „Transparenz“ zeigt Schramm, dass ihr Vertrauen und Menschlichkeit ungewohnt, gar lästig sind. Neugier als zerstörerischen Trieb, der jeglichem totalitären Zugriff eines wie auch immer gearteten „Kollektivs“, einer Volksgemeinschaft vielleicht, Vorschub leistet, kennt sie nicht. Sie repräsentiert so einen Zeitgeist, der gefährlicher und unberechenbarer nicht sein könnte. Dies wird mit der paradoxen Forderung nach Anonymität im Netz wenig überzeugend relativiert. Und dass die Autorin so tut, als sei sie sich der Abgründe der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert bewusst, macht das Ganze eher schlimmer statt besser.
Muss dieses Buch als Sachbuch als bestenfalls wirr und in jeder Hinsicht gescheitert angesehen werden, erzählt es doch nicht einmal die Biographie der Julia Schramm mit Erkenntnisanspruch für Eltern anderer „Netzkinder“, so stellt sich die Frage, ob es vielleicht ein Stück Literatur sein könnte.
Die Verfasserin selbst legt diese Spur, spielt sie doch mit diesem Moment, da sie wiederholt das Bild von sich selbst als gescheiterter Schriftstellerin bemüht, die sich das stigmatisierende Etikett „Schriftstellerin“ nur gegeben hat, um ihren Selbsthass und ihre Zweifel zu kultivieren. Obwohl sie wiederholt betont, Schriftsteller und deren übertriebene Liebe zum Leid seien „nervtötend“ und die vorgetäuschte Demut sei „abgefuckt“, lässt sie sich selbst auf das Spiel ein. Will sie sich damit gegen Kritik immunisieren oder ist das nur Zeichen von Unreife, Unfähigkeit oder Schlimmerem?
Leider ist die Verfasserin jedoch auch in keinster Weise eine Schriftstellerin, erreicht sie doch keine originelle Schöpfungshöhe; sie kopiert und setzt willkürlich zusammen – ein Sinnzusammenhang oder Kohärenzen entstehen nicht. Oberflächlich mixt sie Adorno mit kindischen Internethypes, die sich Meme schimpfen und wiederrum keine Schöpfungshöhe haben. Die Referenzen sind teilweise derart unklar, dass man fast fürchten muss, es handelte sich wie im Fall Hegemann vielleicht um eine Art Plagiat. Solchen Verfahrensweisen ist gemeinsam, dass den Autoren der Respekt vor einer Kultur, deren Erben und Profiteure sie sind, vollständig fehlt. Dazu gehört auch, dass sich das „Werk“ weigert, sich einer Form unterzuordnen, was doch ein Werk erst zu einem Werk macht.
Grundsätzlich aber scheitert der Text formal an dem Versuch, verschiedene Elemente moderner Erzähltechnik zu vereinen. Die Geschichte endet so abrupt und zufällig, wie sie beginnt, ja es wirkt, als hätte die Verfasserin am Ende eines Literaturseminars ein Buch geschrieben, in dem sie Angelerntes einmal ausprobiert. Nur so lässt sich die funktionslose und damit gescheiterte Montagetechnik, die eine Hommage an die Fragmentierung der postmodernen Gesellschaft hätte sein können, erklären.
Das Peinlichste an diesem Text ist aber die Art und Weise, wie die Autorin ihr eigenes Leid in den Kontext aller Leiden gestellt, dadurch relativiert und doch feiert – als einen Akt der Selbstbestimmung. So wird dieser Text zu einem Menetekel für die unberechenbaren Resultate einer radikalen Subjektivierung der Gesellschaft und den gleichzeitigen Versuch, dieser Subjektivität zu entfliehen – um sich damit direkt einem neuen weltbeglückendem Totalitarismus in die Arme zu werfen. Kann man auch mit 26 Jahren und einem abgeschlossenen Studium an einer deutschen Hochschule so naiv sein?
Angesichts so viel existentiellen Leids bleibt beim Leser das Bedürfnis, die Verfasserin dieses absonderlichen und grandios misslungenen Versuchs eines exemplarischen Bildungsromans der digitalen Generation ganz fest in den Arm zu nehmen und ihr eine Honigstulle mit warmen Kakao zuzubereiten. Vielleicht muss sie uns dann nicht wieder mit einem Buch behelligen.

Dackelkriege und Reflektionen

oder: Pseudo-Autobiographien sind das neue Schwarz.

Dieser Tage schickte mir Ada Blitzkrieg ihr Debut “Dackelkriege – Rouladen und Rap” als Rezenzionsexemplar. Ein Buch, das im Eigenverlag erscheint, als eBook. Weitere Infos findet ihr hier: http://textkrieg.de/pages/dackelkrieg
Vielleicht erscheint es noch als gedrucktes Buch. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls erscheint es auf den Tag genau drei Monate nach meinem Buch. Montag, der 17. Zeit für ein paar Worte, um die ich schon lange ringe, für etwas Werbung und eine Verpflichtung für den Mut zum neuen Geschäftsmodell.

Ada Blitzkrieg hat einen Roman geschrieben, der von einer zugezogenen Berlinerin handelt, die dazu beiträgt die Mieten zu versauen. Durchzogen von einem halb-rebellischem Leben in der suburbanen Hölle zur Mitte der 90er Jahre – Abhängen am Busbahnhof, Angst vor Pferden und zuviel Mutterliebe inklusive – lässt sie uns an ihren Gedanken teilhaben, die uns in Fetzen bereits jeden Tag auf Twitter zu Teil werden, und reflektiert ihre Pubertät.

Alles erscheint mir sehr bekannt, denn auch ich wuchs auf zwischen Frankfurt und Köln, irgendwo da halt, wo der Bus nur einmal in der Stunde fährt und das auch nur bis 8. Die Freunde sind eher Jungs ™, denn die Mädchen ™ reden irgendwie nur von dem, was sie Liebe nennen. Nur die Reformhausmutter war immer die der anderen. Sehr präzise galoppiert der Text durch den Konsumterror zwischen Center Schock und Inline-Skates, um am Ende der völligen Überforderung im Berliner Supermarkt zu erliegen. Zwischen frischer Ziegenmilch und Hipstern. Das Buch ist nicht zuletzt eine Liebeserklärung an Berlin. Und diese Liebe fand ihren Anfang in der Faszination von verwöhnten 80er-Jahre Landgören für den Zerfall, für das Morbide. Für das Irre.

Das Buch ist wie @bangpowwws Tweets: Schrill und in einem metamodernen Jargon, gespickt mit Fäkalsprache und einer immer wohltuenden Tiefe. Außerdem hat sie es irgendwie mit Tieren, was ich einfach gar nicht nachvollziehen kann. Wobei – sie redet mit Tieren, ich rede mit früheren Versionen meiner selbst. Auch irgendwie animalisch. Animalisch rechnet sie dann auch mit der Netzgemeinde ™ ab. Und ich lache dabei sehr laut. Also innerlich, weil ich das Buch im Zug lese. Die leisen Töne sind sowieso die Stärke des Buches. Poetisch beschreibt sie den Grad der Zerstörung unserer Gesellschaft, ohne dabei zu einem dieser peinlichen Kulturpessimisten zu werden, die hochtrabend in gedruckten Zeitungen kleine Bröckchen über den Untergang des Abendlandes kotzen, um sie bei der privaten Eigenlektüre selbstgefällig wieder zu futtern.

Bei Ada weißt du zum Glück nie, was sie ernst meint, was fiktiv ist und was real. Pseudo-Autobiographien sind das neue Schwarz. Und vielleicht ist die Identifikation mit dem Zusammenhang von Golden Toast und Depressionen doch generationenspezifisch. So wie Saurer Apfel, Nick Carter und das tattrig-wohlige Gefühl beim Gedanken an Ernte23 und lila-türkise Jogginganzüge.

Ada schrieb mir, dass sie stolz sei auf ihr Buch, weil es ihr Baby sei, ihr Werk, ganz ohne Verlag, ohne Einmischung, mit totaler Kontrolle – ganz einfach ihr Buch. Auch etwas, was vielleicht generationenspezifisch ist – Kontolle, Autarkie und Multifunktionalität. Die radikale Individualisierung in digitaler Buchform. Doch natürlich hinterließen mich diese Zeilen grübelnd und ich fragte mich, inwiefern ich zu meinem Buch eine ähnliche Bindung habe. Und ich musste erkennen, dass ich diese nicht habe, ja ich glatt traurig und neidisch bin diesen Stolz nicht empfinden zu können. Und so bleibt die Frage: Liegt es daran, dass ich innerlich noch toter als Ada bin oder daran, dass ich mit der Bindung an einen Verlag mein Baby verkaufte? Der Titel meines Buches stammt nur indirekt von mir, dem Titelbild stimmte ich halbherzig zu, der Text wurde verändert und umgestellt (letztlich wurde der Text dadurch erst zugänglich!) und bei der Pressearbeit und dem Marketing habe ich mich nicht wirklich eingebracht. Meine Idee, wie der Interessenkonflikt zwischen Urheberrecht, Schreiberling und Partei hätte zusammengebracht werden können, ohne den Eklat auszulösen, der ausgelöst wurde, verhallten in meiner Lethargie und dem Glauben daran, dass der Verlag schon wüsste, was er tut. Ada hat sich dem entzogen. Zu Recht, wie ich nach der Lektüre finde. Dackelkrieg ist ein Buch, das sich nicht den Konventionen einer Welt anbiedert, die wir nur aus Parodien kennen. Das bewundere ich, hatte ich selbst doch den Mut nicht.

(Abgesehen davon, habe ich mich nie mehr verstanden gefühlt, als bei diesem Absatz zur Kelly Family. „Ich war ein Megafan der langhaarigen Familie und ein paar Jahre später war es mir unglaublich peinlich, obwohl ich heute der festen Überzeugung bin, dass die schmuddeligen Inzestmusikanten hinsichtlich Backstreet Boys und Boyzone definitiv das kleinere Übel gewesen sind.“)

Aber warum ließ ich mich überhaupt auf ein Abenteuer ein, das nur im Desater enden konnte? Eigentlich kann ich kaum etwas dazu sagen. Die richtigen Worte für eine bizarre Ereignisfolge zu finden, versuche ich seit Wochen. Ich dachte an einen Podcast (Sorry, an die, die anfragten – es ging nicht!), an einen Blogpost, an einen Vortrag, ein Buch (nein, Scherz). Aber mir fehlen bis heute die richtigen Worte für eine komplexe und verfahrene Sache, die ich nur unzureichend im Voraus geplant hatte.

Denn sich selbst aufrichtig zu beschreiben ist kaum möglich, der Selbstdarstellung wird der Anspruch auf objektive Erzählung geopfert, auf Zugänglichkeit. Fehler werden in Selbstdarstellungen glorifiziert, echte Stärken unter neurotischer Beschreibung versteckt und das Ganze nur unzureichend in Kontext gesetzt. Darüber schreiben, was einer wirklich widerfahren ist – eine Aufgabe, an der ich scheiterte.

Selbstdarstellung und das Scheitern an ihr ist eigentlich auch das zentrale Thema meines Buches, indem es letztlich um das Verlieren des kohärenten Ichs in der totalen Selbstdarstellung geht. Genauso ist auch Dackelkrieg von diesen Überlegungen durchzogen. Aber vielleicht ist das auch nur meine subjektive Wahrnehmung.

Dabei wollte ich eine Erklärung verfassen, nachvollziehbar machen, was eigentlich passiert ist mit mir in diesem Jahr und Internet. Viele fragten mich danach. Im Januar wird nun ein Portrait von mir in einer größeren Zeitung erscheinen. Ein paar Augen werden rollen, Fragen, ob ich denn nichts gelernt habe werden kommen. Häme und Hater – so wie immer. Dennoch, ich habe mich sehr bewusst dafür entschieden einer völlig externen, gelehrnten (sic! ;)) Person meine Seite der Geschichte zu zeigen und es ihr zu überlassen Worte zu finden für etwas, was ich nicht beschreiben kann. So objektiv wie möglich, auch wenn objektiv schmerzhaft sein kann. Letztlich kann ich mich meiner eigenen Geschichte nicht entziehen, mich nicht verstecken.

Was ist nun meine Conclusio der letzten drei Monaten und mit der Lektüre von Dackelkrieg im Hinterkopf? Einem Verlag mit der Produktion meines langersehnten Babys zu beauftragen war wohl eine Mischung aus Gelegenheit-beim-Schopfe-packen-Naivität, Feigheit vor der absoluten Selbstständigkeit inklusive Geldnot und dem Glanz einer professionellen Welt. Der Plan ging nicht auf, das Buch wurde niedergeschrien, ging unter im Krawall unserer Gegenwart. Dackelkrieg geht nun einen anderen Weg und ich hoffe, dass wir(tm) jetzt beweisen können, dass wir(tm) für spannende Bücher auch Geld ausgeben wollen.

Update: Habe versucht ein paar Fehler auszubügeln. Aber der Text ging ohne Korrekturlesung raus – wollte ja den 17. mitnehmen 😉

Sich am Weltgeschehen verschlucken

Auch diese Woche gibt es wieder ein neues Kapitel! Diesmal geht es um Revolutionen und so 😉 Und @herrurbach schrieb auch viel!

Sich am Weltgeschehen verschlucken

tl;dr: Das Internet bringt die ganze Welt in mein Wohnzimmer, Elend und Ungerechtigkeit inklusive. Bin ich dafür verantwortlich, wenn im Nahen Osten gemordet wird oder ob es in der äußersten Mongolei Demokratie gibt? ­Niemand kann überall gleichzeitig sein, und es ist in Ordnung, mit der politischen Arbeit im eigenen Land zu beginnen. Aber ich kann ­zumindest für die Freiheit und Anonymität des Netzes eintreten. Für alle, überall.
{{Kommentar Stephan Urbach: Wir können für all diese Dinge eintreten – aber wir müssen aufpassen, nicht selbst daran zu Grunde zu gehen, denn das Elend der Welt wird nicht mehr in Häppchen über die Nachrichten präsentiert, sondern im Livestream. Wir bekommen nicht mehr bloß die abstrakten Zahlen, im Zweifel können wir jeden einzelnen Bombentoten beim Sterben beobachten.}}
Revolution. Es ist so weit. Die News-Ticker flippen aus. Revolution im Nahen Osten. Erst Tunesien, dann Ägypten, jetzt Juntos Heimat. Mortensen ist seit ­Stunden damit beschäftigt, die Internetversorgung für die Demokratisierungsbewegung sicherzustellen, denn Juntos Regierung sabotiert das Netz.

Der Bildschirmrand flackert, das Autorisierungsfeld öffnet sich. Ach, SPAM, denke ich und klicke aus Langeweile auf das Profil. Normalerweise steht da etwas in kyrillischen Buchstaben, oftmals in Kombination mit lateinischen Buchstabenfolgen wie sexyGirl1993. Diesmal nicht. Diesmal ist es Junto. Mein Atem stockt. Er hat seinen Rechner und alle Accounts neu aufgesetzt. Mortensens Plan ist also aufgegangen. Ich hatte seit dem letzten Chat nichts mehr gehört, nur Mortensen hatte berichtet, dass es Junto gut gehe. Soweit das überhaupt möglich ist. Denn das Internet spricht anderes, von Mord und Folter, von Gewalt und Verhaftungen.
Junto schreibt: In diesen Zeiten sind wir alle Familie. Menschen. Vergesst das nicht. Das Blut unschuldiger Menschen. Unser Blut.{{Kommentar Stephan Urbach: Viele solcher Geschichten stehen im Internet. Sie sind Zeugnis einer Generation von Menschen, die für ihre Träume und Ideale einer freien Welt aufgestanden sind und sich gegen Diktatoren gewandt haben. Ihre Diktatoren. Zu oft wurde und werden Proteste mit Waffen seitens der Machthaber beantwortet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir in Europa solche Zeilen in das Netz schreiben, weil Polizei und Militär anfangen, diejenigen, die sich für eine freiere Welt einsetzen und dafür auf die Straße gehen, zusammenzuknüppeln oder gar zu erschießen.}} Die Tränen der Eltern, der Freunde und Liebsten. Vergesst das nicht. Vergesst unsere Geschichten nicht. Bitte.

Erstarrt blicke ich auf die Zeilen. Was kann ich tun? Kann ich etwas tun? Während mir Tränen die Wangen herunterlaufen, weiß ich nicht, wie ich reagieren soll. Was soll ich ihm sagen? Wie kann ich ihm Mut machen? Ich sitze Tausende Kilometer entfernt, habe keinen Einfluss auf die politischen oder gar militärischen Entscheidungen des Westens. Soll der Westen überhaupt eingreifen?

Was in Juntos Heimat passiert, grenzt an staatlichen Massenmord. Oder ist ­einer. Ich weiß es nicht.

Ich spüre, dass mich das etwas angeht, und habe Angst um Junto – und doch stehe ich in seltsamer Distanz zu dem, was er schreibt. {{Kommentar Stephan Urbach: Diese seltsame Distanz vermischt sich mit der Unfähigkeit, etwas direkt zu tun. Es ist nicht schön, aber man gewöhnt sich (nie) daran.}}

Einerseits bin ich froh, von ihm zu hören, andererseits fühle ich mich so schlecht und hilflos, dass ich einen Moment lang wütend auf ihn werde. Wieso setzt er mich dem aus? Oder vielmehr das Internet. Ich sitze ohnmächtig vor dem Bildschirm, bin mitten im Geschehen, ohne etwas tun zu können.
Junto schreibt weiter über seine Hoffnung und den Willen, für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Er glaubt daran, dass wir eine gerechte und freie Welt schaffen können. Er spricht davon, dass er den Sieg für die gute Sache vielleicht nicht mehr er­leben wird. Ich beginne zu schluchzen. Zum Glück sieht 
mich Junto so nicht. Er würde versuchen, mich zu trös­ten. Das wäre mir peinlich. So kann ich ihm sagen, dass er für das Richtige kämpft. Und dass ich ihn bewundere. Von meinem Schreibtisch aus kann ich ihn in seinem Mut bestärken, den ich selbst kaum hätte.
Traurig und aggressiv klappe ich den Rechner zu. Vor meinem geistigen Auge erscheinen Fernsehbilder von verhungernden Kindern, die mit großen Augen und aufgeblähten Bäuchen in die Kamera blicken. Die Bilder aus den KZs mit den ausgemergelten Leichen. Ich denke an das Essen, das wir täglich wegwerfen, die Stunden, die ich vor Monitoren verbringe, die kleinen Probleme und Streitigkeiten über hellblauen Lidschatten und Altersbeschränkung bei Bobbycars. An die Menschen, die auf dieser Welt schuften, damit ich für 39,90 eine Digitalkamera erwerben kann.
Ein Rat versammelt sich in meinem Kopf, besetzt mit Karl Marx, Ulrike Meinhof, Theodor Adorno, Marie Antoinette, Ralf Dahrendorf, Hannah Arendt, Max Weber, meinen Eltern (wobei Vater von der Unmöglichkeit des Kommunismus spricht und Mutter von der Devise, jeder Mensch sei so, wie er ist, in Ordnung). Friedrich Nietzsche, Kurt Schumacher und Konrad Adenauer sind auch dabei, und sie streiten. Über Sinn und Unsinn der Marktwirtschaft, über die menschliche Natur und die Durchsetzbarkeit von Idea­len, über Moral und das gute Leben. Einige schreien, andere weisen darauf hin, dass wütende Menschen nicht denken, was Marie Antoinette mit einem süffisanten »Ist doch egal!« beantwortet. Hitler und Stalin habe ich heute mal ausgeladen. Ebenso Hegel. Mich überkommt ein bebendes Bedürfnis, diese Welt zu verändern, radikal, jetzt. Ich klappe den Rechner wieder auf.
Junto ist weg. Ich habe mich nicht von ihm verabschiedet.
Stattdessen huschen am linken Bildschirmrand die Nachrichten des Tages vorbei. Irgendein Popstar ist gestorben. Und es gab eine Flutkatastrophe mit ein paar hundert Toten in Afrika. Ein Maßnahmenplan gegen den Klimawandel ist geplatzt. Ich kann der Bombardierung einer Stadt in Libyen per Stream zuschauen. Im Zoo von Pjöngjang ist ein Kamel gestorben, ein Panther hat es gefressen. Das YouTube-Video wird wieder und wieder im Fernsehen gezeigt.
Das digitale Zeitalter vernetzt uns mit dem Rest der Welt. Elend und Not sind noch viel mehr Teil von mir, als sie es im Zeitalter des Fernsehens waren. Jeden Tag prasselt der wahre Zustand dieser Welt auf mich ein, erdrückt mich mit der Forderung nach ­Verantwortung, danach, mein Leben anders zu gestalten, alle Leben anders zu gestalten. Jeden Tag lese ich von Ausbeutung und Machtmissbrauch ­irgendwo auf der Welt, von Menschen, die leiden, von korrupten Regierungen, Kriegstreibern, Waffenhändlern, gierigen Konzernen und Superreichen. Ich lese über irrelevante Promis und Abnehmtipps, über Geldvernichtung und andere absurde Auswüchse menschlicher Kultur, und ich fühle mich schäbig. Jeden Tag versuche ich zu handeln. ­Jeden Tag scheitere ich. Mein Leben ist durchzogen von Inkon­sequenz, dauernd lebe ich im Widerspruch dazu, dass ich es besser weiß oder wissen müsste, als ich tatsäch­lich handle. Es gibt kein konsequentes Leben im falschen.
Das Internet transportiert die ganze Spannweite menschlichen Seins und der Antworten auf dieses Elend – und trotzdem wird mir ständig bewusst, dass wir nichts gegen die Missstände tun können. Es gäbe so vieles besser zu machen. Aber wo anfangen? Bei uns, die wir selbst genug damit zu tun haben, das Leben zu meistern? Überfordert von eigenen Problemen, werden wir von den Problemen der anderen weiter in den moralischen Abgrund gezogen. Und doch: Kann man jemandem vorwerfen, kein Elend erlebt zu haben? Leid nur aus der Betrachtung zu kennen?
Wieder eine Petition. Seit es die Petition gegen Netzsperren geschafft hat, viele Unterschriften zu sammeln, trudeln jede Woche neue ein. Mit einem Klick rette ich die Welt, das ist die Absicht. Klicken für Ideen, für Protest. Es gibt inzwischen massenhaft Politklicker. Sofa-Aktivisten. Ist es tatsächlich eine Verbesserung, wenn sich Menschen so populistisch und oberflächlich mit den Problemen in Afrika beschäftigen? Zufällig geraten wir auf eine Seite im Netz, werden Zeuge, wie Kinder sterben, weil sie am falschen Ort geboren wurden. Wir sehen ihnen dabei zu. Wir filmen sie, stellen sie aus. Und die werbefinanzierten Portale ziehen daraus Profit, je mehr wir klicken, desto mehr. Wir beobachten, ohne uns ernsthaft dem zu stellen, was zu diesem unnötigen Leid und Elend führt. Gefällt mir, gefällt mir nicht.
Die neuen Kommunikationsformen überwinden die Distanzen und bringen uns jeden Ort der Welt ins Wohnzimmer. Doch bringen sie uns dadurch Nähe? Macht es mich nicht einfach nur sinnlos betroffen?
»Du musst dir deiner Begrenztheit bewusst werden. Dann kannst du auch andere akzeptieren, weil sie andere Fähigkeiten und Kompetenzen in ihrer Begrenztheit haben.« Diese Worte finde ich in einem Interview mit Vilem Flusser. Er spricht von Demut und dass ich nicht dafür verantwortlich bin, »ob in der äußeren Mongolei Demokratie eingeführt wird oder nicht«. Mir gefällt das, auch wenn es unbefriedigend ist. Denn Flusser hat recht, wenn er sagt, dass die Ethik des Konkreten im End­effekt wie Nationalismus ist, denn sie bezieht sich nur auf das Unmittelbare in meiner Umgebung. Auch wenn diese Umgebung virtuell ist.
Trotzdem gibt es auch bei uns moderne Helden. Echte Aktivisten, die ihre Arbeit den Veränderungen widmen, die vom Sofa aufstehen. So wie Mortensen. Kleinkriminelle Freunde zeigten ihm, wie man digitale Sicherungssysteme knackt. Kleine Jungs – der größte Feind der CIA im digitalen Zeitalter. So wurde aus Mortensen ein Hacker. Und das Hacken gab ihm den Glauben daran, etwas bewegen zu können, zurück. Hacken ist eine Philosophie radikal eigenverantwortlichen, regelbrechenden Handelns. Mortensen lernte, »die Welt« zu programmieren. Er lernte, Einfluss zu haben. Seit er allerdings öffentlich über das spricht, was er tut, häuft sich der Hass gegen ihn. Inzwischen hat Mortensen ein paar Nachrichtendienste gegen sich. Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn man Rebellen unterstützt und ihnen erklärt, wie sie sich der staatlichen Observation entledigen können. Und so anonymisiert Mortensen zunehmend sein eigenes Leben. Doch Datenschutz konsequent zu leben erfordert heute große Hingabe.
Wie man sich im Netz mehr oder minder unerkannt bewegt? Ist gar nicht so einfach!
(Es folgt: eine Anleitung) {{Kommentar Stephan Urbach: Es gibt Hunderte solcher Anleitungen. Sie alle sind wichtig, denn Teile daraus kann jeder Mensch für sein eigenes Handeln im Netz verwenden. Kommt aber auch darauf an, wo auf der Skala zwischen Paranoia und Offenheit man sich befindet.}}
Schecks und Kartenzahlung sind tabu, alle Zahlungen müssen bar getätigt werden. Keine Briefe und Post an die tatsächliche Adresse. Generell darf die Adresse nicht notiert sein. Auch nicht beim Meldeamt. Damit ist bereits die Grenze des Legalen überschritten.
Dann: Verschlüsselung ist das Herz eines datenschutzbewussten Lebens. Verschlüssle alle Verbindungen, die du aufbaust. Gib nie dein Geburtsdatum an, denn viele Datensätze, vor allem in Behörden, sind darüber zugänglich. Passwörter müssen individualisiert und regelmäßig geändert werden. Sie bestehen idealerweise aus circa 30 Sonderzeichen. Das Netz kann nur eingeschränkt genutzt werden. Nach jeder Reise und jedem Scan durch die Sicherheitssysteme etwa am Flughafen ist ein neuer Laptop notwendig, denn es werden nicht selten Spionageprogramme bei solchen Sicherheitskontrollen installiert. Ohne dein Wissen.
Alles muss über Proxys laufen, Zwischenstellen, die den Ursprung der Daten verschleiern. So funktioniert beispielsweise »TOR«. TOR steht für The Onion Router: Wie bei einer Zwiebel gibt es mehrere Verschlüsselungsschichten, die mehr oder minder unabhängig voneinander sind. Zumindest so unabhängig, dass sie einzeln ver- und entschlüsselt werden müssen. Im Grunde genommen funktioniert es wie Stille Post in der Schule. Zettelchen werden weiter- und zurückgegeben, und jeder kennt nur das unmittelbare Ziel und seine direkten Vorgänger. Ein Proxy unterbricht den Datenfluss, schaltet sich dazwischen und führt die Observatoren damit in die Irre. Damit TOR effektiv funktionieren kann, muss es viele Knotenpunkte geben. Jeder, der einen Proxy auf dem eigenen Rechner laufen lässt, leistet digitale Solidarität, mit den Menschen, die Sperren und Einschränkungen in ihren Ländern umgehen können.
Man schenkt diesen Menschen quasi einen Tarnumhang. Das ist eine Art, dazu beizutragen, dass Menschen anonym und frei kommunizieren können. Frei von sozialem Druck und Mehrheitsterror.
Anonymität bringt aber auch Herausforderungen mit sich, vor allem bezüglich der Umgangsformen. Wüste Beschimpfungen und Unterstellungen, Drohungen und sexuelle Belästigung äußern sich im Schutz der Anonymität ungehemmter. Ein Preis, den ich gerne für freie Meinungsäußerung zu zahlen bereit bin. Denn noch nie lag uns das, was die Menschen wirklich denken, so detailliert dokumentiert vor. Deswegen unterstütze ich auch, dass Mortensen nicht unterscheidet zwischen guten und bösen Nutzern anonymer Kommunikation, die vielmehr ein Grundrecht ist. In Gut und Böse einteilen, das geht nur mit Überwachung der Nutzer und ihrer Datenströme. Anonymität ist aber eben die Abwesenheit von Überwachung. Wie viel Anonymität eine Gesellschaft braucht? {{Kommentar Stephan Urbach: Die Freiheit einer Gesellschaft muss sich immer an der Freiheit ihrer Netze messen lassen.}}

Viel.

Mortensen braucht TOR jedes Jahr, das ich ihn kenne, ein bisschen mehr. Es wird immer gefährlicher für ihn, im Netz zu agieren. Warum er es trotzdem tut? Das fragt er sich auch. {{Kommentar Claudia Schramm: Was weiß ich schon von dieser Welt, in der mit einer unglaublichen Macht gelebt wird. Ich bin ganz schön naiv.}}

Digitale Freunde sind pflegeleicht (Auszug die Zweite)

Wie letzte Woche angekündigt wird ein Teil meines Buches „Klick mich“ hier im Blog frei verfügbar sein. Diesmal mit dem Kapitel zu Freundschaft. Die Kommentarfunktion schließe ich diesmal. Bitte seht es mir nach. Nächste Woche gibt es dann noch eins. Und dann noch eins. Und noch eins 🙂 Jedes Kapitel hat ein tl;dr – es gehört also ganz normal zum Buch. Viel Spaß!

Digitale Freunde sind pflegeleicht

tl;dr: Nicht das Internet macht einsam, sondern ich bin im Internet, weil ich einsam bin. Und nicht das Internet pflegt oder beendet eine Freundschaft, Freunde tun das, denn Freundschaft ist unabhängig vom Medium. Übrigens: Daten-Exhibitionisten können auch ohne Facebook glücklich werden. {{Kommentar Stephan Urbach: Übrigens: Auch datensparsame Menschen können ohne Facebook glücklich werden.}}

Ja, ich habe mich bei Facebook gelöscht. Ja, ich habe mich mit meinem ganzen Leben, den Freunden, die eigentlich nie welche waren, und allem Angenehmen gelöscht. Meine Facebook-Identität vernichtet. Mich vom sozialen Druck der Bildmarkierung und Beziehungsstatusangabe gelöst. Emanzipiert. Ich biete dem Mainstream die Stirn. Versage mich der bunten Timeline und dem Zwang zu Netzwerken. Ein paar Mal noch öffne ich aus reiner Gewohnheit ein Tab im Browser und tippe fac ein, bevor ich realisiere, dass meine Zeit auf dieser Plattform beendet ist.

Mein Abschied von Facebook hat verschiedene Gründe. Neben der Tatsache, dass mir das Unternehmen Facebook zunehmend Angst macht, weil es alles über mich sammelt (und zwar so, dass ich nicht nachvollziehen kann, was sie wie haben und an wen sie es weitergeben), habe ich mich geirrt in seiner Bedeutung für mein Leben. Ja, ich liebe es, mich im Internet zu präsentieren und meine kleinen neurotischen Anfälle akribisch zu dokumentieren. Ich trete gerne in Kontakt mit Fremden und offenbare mich. Das geht aber nur, weil mich diese Menschen nicht persönlich kennen, weil ich mit einer anonymen Masse spreche. In der anonymen Masse gebe ich mir mit der Selbstoffenbarung die Bestätigung, lebendig zu sein, doch bei Facebook spiegele ich mich in erster Linie in den Menschen, die ich kenne, mit denen ich verschiedene Episoden in meinem Leben verbinde. Abgeschlossene Episoden. Im ersten Moment freue ich mich, die Gesichter alter Freunde auf Facebook wiederzuerkennen, frage mich, wo sie leben, was sie tun. Wir baden dann in Sentimentalitäten, die der Realität nicht entsprechen, so wie romantische Bilder in Magazinen Gefühle über Gefühle auslösen, die niemals gefühlt werden. Ich übertrage meine Gegenwart in meine Vergangenheit, die sich geschlossen in einem Raum befindet wie eine große Clique, die ich eigentlich nie hatte. Meine Freunde kennen sich ja kaum untereinander! Facebook jedoch ist wie ein Geisterschulhof, der dir im Traum begegnet. Bei Facebook sind immer alle da. Das ist anstrengend. Genauso wie der Versuch, die Gewissheit zu verschleiern, nur sich selbst zu haben. Denn Freundschaft ist eine Gemeinschaft der einsamen Geister, sie findet statt in dem Glauben an die Großartigkeit des Gegenübers. Jedes Medium ist grundsätzlich in der Lage, Freundschaft zu transportieren, die Sprache zu übermitteln.
Eine Zeit lang dachte ich, dass Facebook mir helfen würde, meine Vergangenheit und die Menschen darin zu erleben, besser mit ihnen verbunden zu sein. Aber das stimmt nicht: bei Facebook bestrahle ich sie vielmehr mit meinem Leben, das ich für die kleinen, begrenzten Statusnachrichten aufarbeite.

Und Menschen, die du bereits kennst, werden durch ihre Statusnachrichten bei Facebook nicht unbedingt interessanter. Schlimmer noch: meistens liest du plötzlich die politische Meinung von jemandem, mit dem du bisher ungezwungen Spaß hattest beziehungsweise glaubtest, diesen gehabt zu haben. Niemals wollte ich wissen, dass meine gute Freundin aus der Schule zu Guttenberg mag. Wir haben uns damals nur über Jungs unterhalten, aber dass sie Sozialhilfe abschaffen will, lässt mich an der Vergangenheit zweifeln und an meiner Menschenkenntnis. Es ist mir unangenehm. Ich möchte das nicht lesen, sehen, wissen- und das, obwohl es in unserer kulturellen Kodierung liegt, dass wir gerne viele Freunde haben. Große Cliquen sind ein Statussymbol, Netzwerker gelten als erfolgreicher. Die sozialen Netzwerke entsprechend zu bauen und mit Freundschaft zu assoziieren, ist maßgeblich geworden für das, was man heute Erfolg nennt. Freunde sammeln, archivieren, beobachten, vorzeigen. Ein virtuelles Poesiealbum.

Es ist Selbstbetrug, sich einzureden, nicht alleine zu sein, schießt es mir durch den Kopf. Freundschaft ist der lebenslange Versuch, eine Gemeinschaft zu schaffen, eine Gemeinschaft des Denkens und Lachens, des Redens und Schweigens, eine Gemeinschaft des Geistes. Maya und ich machen es uns nicht leicht. Seit ­Jahren sind wir befreundet, offline und online. Der Spiegel, den sie mir vorhält, blendet und schmerzt und ist manchmal schwer zu ertragen. Und doch setze ich mich dem aus, auch um mich selbst in ihr zu erkennen.

Ihre Ignoranz gegenüber den Problemen dieser Welt belastet mich so sehr, wie sie mich verführt. Mit ihr kann ich meinen Weltschmerz vergessen, in der Verzweiflung über die Welt als ewiges Hamsterrad erscheint die Flucht in die Subjektivität charmant, ja verwegen. Wer traut sich denn schon zu sagen, dass die anderen Menschen irrelevant für die eigene Lebensplanung sind? Maya traut sich das – auf ihre naive­ und trotzige Art, die Welt gerade nicht zu verstehen. Sie versteckt sich hinter Kaschmirpullovern und Opernbesuchen (obwohl sie von Oper keine Ahnung hat), die ihr eine seltsame Sicherheit geben, so in der Welt zu leben, wie es ihr richtig erscheint: frei und selbstsüchtig. Auf die Bewunderung folgt jedes Mal der Moment der Ernüchterung, in dem mir die Tatsache, dass dieser Strudel der Ignoranz mich packen konnte, wie eine Bankrotterklärung meines Geistes vorkommt. Dann beginnt die Entfremdung von Maya und ich krame mein idealistisches Ich wieder hervor und greife sie an. An diesem Punkt wird das Internet regelrecht zum Feind unserer Freundschaft, weil digitale Kommunikation, das, was wir ohnehin schon schwer ausdrücken können, oft zusätzlich und unnötig verzerrt. Manchmal sitze ich vor dem Bildschirm und schreie laut angesichts dessen, was Maya mir abermals um die Ohren tippt. In das Fenster des Chats schreibe ich jedoch 
einen Satz, der mich abgebrüht wirken lässt, versehen mit einem grinsenden Smiley 😉 – kein Smiley provoziert stärker durch seine Selbstherrlichkeit. Kein Smiley täuscht Desinteresse besser vor. Kein Smiley drückt unsere zwanghafte Ironie besser aus. Nichts ist so ­gemeint, wie es geschrieben wurde. An alles kommt der alles relativierende Smiley. An alles. Mit diesem Smiley mache ich mich unangreifbar, ich stelle alles infrage, meine nichts so, wie ich es sage. Dieser Smiley ist mein Schutzschild, hinter dem ich alles sagen kann, was mich umtreibt: jede Bösartigkeit, jede Frechheit, alles Verletzende. Ich kann all das sagen, was ich mich ohne Smiley nicht traue. Und dank Smiley merkt mein Gegenüber nichts von meinem emotionalen Ausbruch, sondern liest nur einen Satz, der ebenso cool wie verletzend gedacht ist und an dessen Ende dieser hochnäsige Smiley steht.

Habe ich anschließend erreicht, was ich wollte – Maya lässt nun ihrer Cholerik freien Lauf –, sitze ich mit einem strammen Hauch der Genugtuung vor den wild auf meinem Bildschirm aufspringenden Buchstaben. Wird es mir zu viel, klappe ich den Laptop einfach zu und stelle mir die tobende Maya in einem Käfig vor, denn ihre Wut kann mich nicht von Angesicht zu Angesicht erreichen. Dass sie mich dennoch immer trifft, muss sie ja nicht wissen.

Dass eine Freundschaft im Netz durchaus funktionieren kann, beweist meine rein digitale Freundschaft mit Junto. Ich lernte den Internet-Aktivisten aus dem Nahen Osten bei einem von Mortensens IRC-Chats kennen. Mortensen, der Junto auch nur über das Netz kannte, hatte schon viel von ihm berichtet, und so fiel mir der Name in der Liste der Chatteilnehmer sofort auf. Wir merkten schnell, dass wir uns viel zu sagen hatten. Wir diskutieren vor allem über Politik. Mit jedem Gespräch wächst unsere Vertrautheit. {{Kommentar Stephan Urbach: Im Laufe meines Aktivistenlebens habe ich viele Menschen im IRC oder über andere Plattformen kennengelernt. Ich habe Freunde in Syrien, die gegen das Assad-Regime kämpfen, die in einen Bürgerkrieg geraten sind. Junge Menschen, 20, 21 Jahre alt. Studierende. Ich kenne ihre Familiengeschichte, ihre Hobbys, Träume. Wir verabschieden uns aus den gemeinsamen Gesprächen immer mit „Let‘s meet in better times.“ Mittlerweile sind fast alle tot. Keiner von Ihnen hat es bisher nach Deutschland geschafft.}}Wenn wir chatten, ist es, als sähen wir uns in die Augen. Und obwohl ich Junto noch nie in die Augen geguckt habe, vertraue ich ihm, mag ihn und, ja, wertschätze ihn als den Menschen, der er ist. Ich habe gar nicht das Bedürfnis, ihn persönlich zu treffen, so gut kenne ich ihn. Ich fühle mich eher wie ein Romantiker, der in der Ferne die Intensität verspürt. Wir haben eine Geschichte zusammen, wir haben Geheimnisse und ein ganzes Set an Humor und Themen. Das verbindet uns, auch wenn wir uns noch nie getroffen haben. Einmal war Junto in Deutschland. Aber ich habe ihn verpasst. Zum Glück.

Funktionierende digitale Freundschaften können mise­rabel werden, wenn die Körper zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind. Viel zu oft ist es mir schon passiert, dass ich darauf gepocht hatte, Menschen zu treffen, deren Internetart ich liebte, nur um anschließend zu merken, dass wir uns im echten Leben nichts zu sagen haben. Wo war der Charme, der Esprit, der Witz von @Mlle_Amalthea?

Stattdessen große, leere Augen, versiegelte Lippen und die Frage: Wie kannst du in 140 Zeichen so sprühend sein, wie du bist, wenn du doch so scheu bist, wie du bist?! {{Kommentar Claudia Schramm: Das passiert auch im „realen“ Leben: Wir projizieren in eine/einen Unbekannte/n all unsere Sehnsüchte und Wünsche und glauben daran, dass der oder diejenige so zu sein scheint, wie wir uns das wünschen.}}

Einvernehmlichkeit im Geiste kann leicht an den Körpern scheitern. Oder umgekehrt an der bloßen Reduktion auf den Geist. Junto und ich kommunizieren vor allem über das geschriebene Wort, das mittlerweile die gleiche Geschwindigkeit erreicht hat wie das gesprochene. Und so lerne ich auf eine neue Art Menschen kennen und lieben.
Digitale Freundschaft tippe ich in die Suchmaschine und hoffe auf clevere Artikel, die das Phänomen erläutern und Licht ins Dunkel der metamodernen Freundschaft bringen. Hilfreich erscheint mir das alles nicht. Freundschaft ist ein Konzept der Moderne, gebunden an alles, woran wir glauben: Gleichheit, Wahlfreiheit und Individualismus. Wir begegnen unseren Freunden auf Augenhöhe, dass sie einem Zweck dienen, ist verpönt. Unsere Freundschaften bestehen außerhalb unseres täglichen Tuns, wir sind nicht abhängig von unseren Freunden, die wir selbst wählen. Freunde sind die Familie, die wir uns selbst aussuchen; das Versprechen der Aufklärung ist die Freiheit, über unser Umfeld zu bestimmen. Freundschaft wird so zu dem 
Ort, der vor der bösen Welt beschützt. Digitale Freundschaften sind anders und doch irgendwie gleichwertig. Jede Freundschaft hat ihre Sprache, ihre Form der Kommunikation. Chatten zerstört keine Freundschaft – Freunde tun das. Und Facebook erhält keine Freundschaft, Facebook stellt sie nur ins Schaufenster.

Vorwort (Auszug aus Klick Mich)

Heute erscheint mein erstes Buch: Klick mich – Bekenntnisse einer Internetexhibitionistin im Knaus Verlag. Ihr könnt es als Hardcover und eBook erwerben (zB hier: http://www.randomhouse.de/Buch/Klick-mich-Bekenntnisse-einer-Internet-Exhibitionistin/Julia-Schramm/e408990.rhd ) Während nun das gedruckte Buch ein Referenzwerk ist, dass so steht, wie es steht, kam in uns die Idee auf, die neuen Möglichkeiten besser zu nutzen und das Buch vorab kommentieren zu lassen. Also fragten wir Stephan Urbach (an den eine Figur angelehnt ist) und meine Mutter, ob sie das Buch nicht kommentieren möchten. Das taten sie. Das Ergebnis seht ihr hier. Diese Woche könnt ihr das Vorwort kostenfrei lesen. Nächste Woche dann ein anderes Kapitel. Insgesamt werden hier ein paar Kapitel vorab zu lesen sein – jeweils mit den Kommentaren von Stephan und meiner Mutter. Wenn ihr selbst kommentieren wollt, könnt ihr das natürlich in den Kommentaren! Viel Spass.

Vorwort
Mein Name ist Julia und ich lebe im Internet. Ich bin da ziemlich glücklich, habe Freunde, die ich nur digital kenne und abschalten kann, wann ich will. Wir reden, lachen, weinen, streiten, hassen, tauschen Gedanken und Videos aus, lästern und verlieben uns. Diese Welt ist Teil unserer Realität und hat doch ihre eigenen Regeln. Sie legt sich wie ein Schleier auf unsere Kohlenstoffwelt, verändert sie und ist doch eigenständig. Für viele ist diese Welt des Geistigen hinter dem Monitor künstlich. Doch für mich ist sie wahrhaftig und real. {{Stephan Urbach: Julias Vorstellung von sich und ihrem Leben steht exemplarisch für die Abertausenden, die gerne als „digital natives“ bezeichnet werden. Ja, Julia ist nicht wie ich aus der bürgerlichen Welt ins Netz emigriert, sondern im Netz geboren. Sie schaut mit dem gleichen Stolz auf das Netz wie der typische US- Amerikaner auf „sein Land“, völlig ignorierend, dass die „ersten“ Einwanderer das Netz überhaupt erst für sie  bereitet haben; wie die Pilgerväter das Land den Ureinwohner Abnahmen, nahmen wir Immigranten den Admins das Netz weg.}}

Angefangen hat mein Leben aber jenseits dieser neuen, aufregenden Welt, denn aufgewachsen bin ich mit der Liebe zu Büchern, dem Schreiben und sehr gut behütet in einer kleinen deutschen Stadt. Mein Weg an den Computer Mitte der 1990er Jahre war ein selbstverständlicher Schritt.

 

Dank einer kostenlosen Stand­leitung meines Vaters, die damals jedoch nur benutzt werden konnte, wenn niemand telefonierte, begriff ich den Computer und das Internet bald als idealen Ort für meine Neugier und meine Ideen, auch wenn die Ladezeiten mich trotz privilegierter Stellung (immerhin bleiben mir AOL-CDs erspart!) zu Beginn in den Wahnsinn trieben. {{Stephan Urbach: Julia verkennt, dass diese AOL-CDs erst vielen Menschen den Weg ins Netz gezeigt hat. Ohne AOL wäre das Netz erst viel später im großen Stil besiedelt worden. Wir sollten sie in Schreinen verehren. Oder doch nicht?}} Denn meine ersten Erfahrungen mit den unendlichen Weiten des Internets machte ich in einer Zeit, in der sie noch gar nicht so weit waren.

Ich bin 1985 geboren, 1982 hatte das Time Magazine den Computer zum »Man of the Year« ernannt.  Wie selbstverständlich nutzte ich jede Plattform zur Anhäufung von Informationen und Wissen – Bücher, Teletext, Pager, Zeitungen, Cornflakespackungen und das World Wide Web. Dass sich mein Leben bald so weit wie möglich digitalisieren würde, ahnte ich damals nicht. Wie auch? Jahrelang bewegte ich mich intuitiv im Netz, bevor ich halbwegs verstehen konnte, wie das Internet funktioniert. Und deswegen bin ich wohl ein Digital Native. Eine digitale Eingeborene.

Von klein auf habe ich meine Zeit mit Mal- und Schreibprogrammen und in den Weiten des WWW verbracht, meine Gedanken in Pixel transformiert. Mit Hilfe dieser Pixel rufe ich meine gefilterte Wahrnehmung in die Welt hinein, ohne ein Megaphon, ohne einen direkten Empfänger. So ist sie für immer und ewig den unendlichen Dimensionen des Internets eingeschrieben. Theoretisch. Ich webe meine Sätze in dieses kaum kontrollierbare Flechtwerk elektrischer Impulse. Teile überleben, werden gespeichert, Teile verschwinden. Dabei weiß ich nie, wer letztlich meine Worte liest oder was mit ihnen passiert. Ob es mir Angst macht, dass meine Gedanken eventuell verewigt werden, auch wenn sie oft gedankenlos sind, frage ich mich zwar, doch berühren tut es mich nicht. Gedanken, die meinen Kopf verlassen, gehören der Welt, für die ich sie ver­pixele. Die Programme haben sich inzwischen verändert. Die Funktion nicht. Ich bin täglich neu Teil des Netzes. Ich werde digital. Die Bedienung ist heute schöner, ja, auch einfacher und trotzdem bleibt das Internet für mich ein Ort – meine Heimat. Doch diese wird seit geraumer Zeit angegriffen, von großen Unternehmen und Politikern, die sich vor den rasanten Veränderungen fürchten, die Kontrolle brauchen. Auch deswegen möchte ich von meinem Leben im Netz berichten, von meiner Entwicklung dort, eine Tür zu meiner Welt öffnen. Einen Einblick gewähren. Ich möchte von einem Kampf berichten, der vom Traum einer virtuellen Polis motiviert ist, in der es jedoch keine Unterdrückten gibt, keine Ausgebeuteten, sondern nur freie Menschen. Und wenn ich den dunklen Seiten der digitalen Freiheit meine Aufmerksamkeit schenke, den Abgründen und Ängsten, dann nur, weil auch sie zu meiner Heimat gehören. Denn diese ist wie jeder andere menschliche Ort auch eine Pfütze der Eitel- und Begehrlichkeiten.

Wie jede andere Heimat auch ist meine Heimat von Menschen bevölkert. In meiner Heimat jedoch können alle Menschen – so sie freien Zugang zum Internet ­haben – gleichzeitig sein, hier werden das Wissen und die Geschichten aller Menschen vereinigt, gesammelt und archiviert. Das Große und das Banale, das Heilige und das Profane, das Nützliche und das Unnütze. Eine riesige Bibliothek, die eine Erweiterung meiner Möglichkeiten bedeutet, einen Einblick gibt in das Wissen und Denken unserer Zeit, aller Zeiten. Als Element dieser, meiner Welt bin ich stets im Wandel, eine ständige, sich verändernde Kopie der Welt und meiner selbst, die alten Versionen immer gegenwärtig und vor Augen. {{Stephan Urbach: Ja, wir wandeln uns ständig. Nicht nur im Netz, auch außerhalb. Im Netz fällt es uns nur leichter, diesem Wandel Raum zu gewähren, denn wir sind freier. Soziale Zwänge, eine Identität zu behalten, existieren im Netz nicht. Im Laufe unseres Lebens erschaffen wir viele Alter Egos – im Netz können wir sie auch sein.}}

Dieses Buch ist in erster Linie von mir, Julia, geschrieben, aber auch von den verschiedenen älteren Versionen meines Ichs und meinen diversen Rollen. Denn bis heute habe ich im Netz verschiedene Identitäten geschaffen, die sich durch verschiedene Pseudonyme ausdrücken. Sie entsprechen meinen Lebensphasen und dokumentieren meine Entwicklung.
In meiner ersten rebellischen Phase mit 13 nannte ich mich chloe.f.f.w – chloe for a free world. So hieß auch meine Beepworldseite, die ich bereits damals mit Parolen gegen den Kapitalismus und für Gerechtigkeit füllte.

Mein Pseudonym war als Programm gedacht, auch wenn man das nicht erkennen konnte. Ich selbst wusste von meinen heroischen Absichten, das genügte. Im Geiste dieses Pseudonyms stritt ich mit meinem Vater, der mich darauf hinwies, dass man in meinem Alter nun mal Kommunist sei und dass das weggehen würde. Einmal beim Abendessen diskutierten wir die Frage, ob jeder Mensch automatisch das größere Stück Fleisch nehmen würde. Wir schnitten unser Schnitzel in ungleiche Stücke und philosophierten über die menschliche Natur. Zerknirscht aß ich anschließend ein kleines, kaltes Stück Schnitzel.

Eine Zeit lang, ungefähr von 19 bis 24, nannte ich mich jade – ob englisch oder deutsch ausgesprochen, konnte sich jeder aussuchen. Hart, kalt und schön – eine Zuschreibung, die mich im Netz ein paar Jahre begleitete, mit der ich jedoch auch offline völlig selbstverständlich angesprochen wurde. jade hatte dem Idea­lismus den Rücken gekehrt und versuchte sich mit Zynismus dem politischen Kampf für eine Welt zu verschreiben, die per Computer wenigstens ein bisschen besser organisiert werden könnte. You can’t change the world but you can look gorgeous while trying it.
Pseudonyme sind für mich etwas sehr Persönliches und Individuelles, sind eine Ausdrucksform für meine Identitäten und die Person, die ich gerne sein möchte. {{Claudia Schramm: Wir alle unterliegen mehr oder weniger dem Eindruck „Ich bin nicht gut genug – wäre ich anders, würde ich mehr geliebt und gewertschätzt.“ Was für eine Gefahr! Und welch ein Trugschluss, der uns früher oder später unglücklich macht.}}

Ein Anker in der Geschichte meiner Persönlichkeit und ein Anknüpfungspunkt. Ein kreatives Pseudonym ist außerdem ein präzises Erkennungsmerkmal in einer Welt, in der äußerliche Merkmale keine Rolle spielen und weltliche Namen Massenware sind. Seit 2009 heiße ich im Netz nicht jade oder chloe.f.f.w oder ­Julia, wie alle Mädchen meines Jahrgangs, sondern vor allem laprintemps, angelehnt an das Ballett »Le sacre du printemps« von Strawinsky. Nicht nur gehört die Frühlingsweihe seit Disneys »Fantasia« zu meinen musikalischen Lieblingen, auch verliebte ich mich in das Wort »printemps«. Fröhlich, doch eigen, schön, doch hart. Umständlich, doch klar. Und wie das Musikstück etwas seltsam. So seltsam, dass ich es selbst nicht immer auf Anhieb erkenne. Oft werde ich gefragt, ob ich denn wisse, dass es der Frühling heißt, also le printemps. Dabei habe ich den französischen Begriff ganz bewusst aufgegriffen und ihn mit la feminisiert – die Frühling. Dass ich den Frühling gar nicht richtig mag und mein Französisch stark verbesserungswürdig ist? Eine Randnotiz. Im Internet kann ich mich erschaffen, wie es mir beliebt. Existenzialismus live.

Und so gehören die Aussagen und Positionen, die ich in diesem Buch wiedergebe, zu meinen verschiedenen Identitäten und dienen der Veranschaulichung ­eines sich entwickelnden Lebens. Denn dieses Buch ist nicht nur meine Geschichte, sondern die Geschichte ­eines Subjekts inmitten der digitalen Revolution. Eine Folge davon ist, dass man mir und allen, die ihre Gedanken ins Netz geben, beim Denken zuschauen kann; dabei, wie ich von Auseinandersetzungen und Kritik, von Lektüren und Bildern und Tönen verändert werde, wie sich meine Standpunkte ändern. Deswegen werden wir uns manchmal nicht einig werden und meine Gedanken werden irritieren. Manchmal wird der Leser denken, dass ich mir widerspreche. Und genau das tue ich, denn Denken bedeutet widersprechen, sich nicht einig sein.

So wird mich der Leser in größter Disharmonie mit mir selbst erleben. Aber das ist wichtig, denn harmonische Systeme sind dumm. {{Claudia Schramm: Ich halte die Harmoniesucht nicht für dumm, dennoch halte ich es für gefährlich, um der Harmonie willen mit Scheuklappen durch die Welt zu laufen. In Harmonie leben sollte vielmehr bedeuten, Dinge aus einer anderen Sicht zu sehen, sich dafür einzusetzen, sie zu verändern, und sich nicht durch Manipulation gesellschaftskonform beruhigen und kleinhalten zu lassen. Das ist für mich eine Form der Unterdrückung.}}

Auch deswegen halte ich die analoge Welt nicht für in der Lage, die Probleme der Welt konsequent demokratisch zu lösen. In der analogen Welt muss immer die Illusion aufrechterhalten werden, es herrsche Harmonie, als gebe es eine Formel, eine Wahrheit – und nicht nur eine unendliche Kakophonie der Meinungen. Diese Geschichte spielt an einem Nicht-Ort.Es gibt keine Stadt oder Landschaft, an der sie sich orientiert und im Einklang mit den Ereignissen steht. Die Geschichte spielt sich an einem Ort ab, der überall ist und nirgendwo, immer und nie erreichbar. Denn sie spielt im Internet, einem real gewordenen Nicht-Ort, einem Ort, der wie eine Märchenwelt hinter kleinen Türen anmutet und den ich nur durch Klicken erreiche. Und dieser Ort prägt die Geschichte und die Sprache der Geschichte. Er gibt den Takt vor.

Die Welt, aus der ich erzähle, ist so fragmentarisch wie der Text, der von ihr erzählt. Die Sprache dieser Welt ist die beschleunigte Sprache der Digitalität. In Echtzeit schreiben wir unsere Gedanken auf, teilen sie der Welt mit, verpixeln unsere Gedanken und unsere Seele. Die Entscheidung, ob die Ereignisse in diesem Buch meinem Leben oder meinem Kopf entsprungen sind, bleibt dem Leser überlassen. Alles, was hier steht, ist irgendwie passiert, auch wenn es nicht geschehen ist. Meine Wahrheit über die Vergangenheit ist in meiner Erinnerung. So wie bei jedem von uns. Dort kann sie uns niemand streitig machen oder gar nehmen. {{ Claudia Schramm: Da sehe ich eine Gefahr. Woher weißt Du, dass die Vergangenheit in Deiner Erinnerung die Wahrheit ist beziehungsweise war? Das gilt es zu hinterfragen, denn sonst bleiben die nicht hinterfragten Gedanken, die man für wahr hält und Leid mit sich bringen, wie Blei an der oder Deiner Seele kleben.}}

Im Internet ist in der Darstellung in Text und Bild alles möglich, die Grenzen, ob es sich um eine echte Begebenheit oder um Fiktion handelt, sind schon lange verschwommen. Deswegen ist meine Darstellung möglich, wahr und doch nur eine Geschichte. Alles ist Dokumentation, auch wenn es fiktiv ist.

Ursprünglich lebe ich in einer Welt, in der ich Politologin bin, Piratin, Tochter und Ehefrau, in der ich auf andere kohlenstoffbasierte Entitäten treffe und mit meinen Sinnen wahrnehme. Doch auch das verschwimmt. Was haben wir im Chat, was auf der Parkbank besprochen? Geht es als Party durch, vor dem Bildschirm zu sitzen, mit Freunden zu chatten und Wein zu trinken? {{Stephan Urbach: Der wundervolle Zustand, wenn man nicht mehr weiß, wo man sich mit Menschen getroffen oder unterhalten hat. Wenn der Geist mit der Maschine verschmilzt, ist es egal, wo wir uns unterhalten.}}

Ich fühle mich sicher und wohl hinter dem Bildschirm, in diesem Ausschnitt einer zusammengeführten Welt von komprimierten Informationen, Meinungen, Ideen und Visionen, verdichtet wie eine zusammengestampfte Wolke. Ich flattere hin und her zwischen der alten Welt, mit ihren großen Dichtern und Denkern, mit epischen Opern und pompösem Ballett, und der neuen Welt, in der ich nicht nur rezipiere, sondern partizipiere. Manchmal gucke ich mir alte Filme auf Video­portalen an, schwelge in den 
Hoffnungen des 19. und den Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts. Stelle mir vor, mit Rosa Luxemburg zu diskutieren, Churchill die Meinung zu sagen und Che Guevara zu küssen. Ich denke mich zurück in die deutsche Nachkriegszeit und versuche eine Welt zu fühlen, die ich nur verarbeitet serviert bekommen habe. Ich lebe in der Zeit nach der Postmoderne, in der Hitler ein para­humanes Monster und doch eine Witzfigur ist. Eine Zeit, für die Joseph Beuys keine Provokation mehr ist und sein kann. Ein Leben, das Konventionen nur aus Parodien kennt. Ein Leben mit und im digitalen Zeitalter. Willkommen.