Die Ehe.

Der Kampf tobt. Schon lange tut er das. Er tobt über die Frage der Definition um Ehe. Er tobt auch in mir. Und in dir. Das weiß ich. Dieser Kampf ist ein Schlachtfeld, auf dem viele andere gesellschaftliche Normen verhandelt werden.

Der Kampf um die Ehe für alle ist ein Kampf um die progressive Erneuerung unseres gesellschaftlichen Selbstverständnis. Es ist ein Symbolkampf, den es durchaus zu kritisieren gilt, vor allem, weil er im Kleinen denkt, nicht im Großen. Es ist ein einfacher Kampf, ein unterkomplexer. Ein Kampf, der die Masse packt wie die Wok-WM. Dennoch begrüße ich diese Neuverhandlung um die Ehe, denn eine gesellschaftliche Neuverhandlung auf dem Schlachtfeld Ehe bedeutet auch eine Neuverhandlung intimster gesellschaftlicher Normen. Das kann nur gut sein.

Der Begriff Ehe ist dabei natürlich schwer vorbelastet: Feindlich für alle, die nicht einer heteromonosexistischen Norm entsprechen. Die Ehe, wie wir sie heute kennen ist ein zutiefst bürgerliches Projekt und spiegelt eben so auch alle Abgründe des Bürgerlichen wider, die sich in der gesellschaftlichen Sanktionierung von Normabweichung zeigen. Die Norm ist dabei das Bürgerliche selbst, dass sich manifestiert in weißen, christlichen, monogamen, heterosexuellen cis-Menschen, die einander Versprechungen machen, die sie nicht halten können. Und genau diese Norm gilt es zu durchbrechen – die Ehe ist ein Symbol dieser Norm. Der Kampf um die Öffnung der Ehe kann also nur ein Kampf um das Aufbrechen der bürgerlichen Norm sein. Dass das nicht immer der Fall ist, hat Riot Mango bei der Mädchenmannschaft schön beschrieben.

Aber um was geht es bei einer Ehe eigentlich? Die Ehe ist die Ritualisierung des Versprechens, es miteinander auszuhalten, bis es gar nicht mehr geht. Bis zum bitteren Ende. Für einander zu sorgen. Einander zu akzeptieren, zu achten in einer Welt, in der Achtung kaum Relevanz hat. Niemals hatte. Das Versprechen bedeutet eine Zeremonie, das Versammeln geliebter Menschen, vor denen wir uns das Versprechen gaben füreinander zu sorgen, ehrlich zueinander zu sein. Trotz allem. Trotz deiner Sturheit und meinem unsteten Gemüt.

Und es beinhaltet ein Fest, wo all die Menschen vereint werden, wie sie so nie wieder vereint werden. Vereint werden können. Denn sie kommen wegen des Rituals, wegen des Versprechens, wegen der Hoffnung und wegen der Familie, die wir gemeinsam gründen wollen. Irgendwie.

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Die Idee der Ehe wurde missbraucht, sie wurde entstellt für Machtspiele und Unterdrückung, für Strafe und Politik. Dabei geht es um eine Familie, die ich mir selbst aussuche, um ein Bündnis mit Menschen, die ich liebe, die ich als Teil meines Lebens betrachten möchte, die andere als Teil meines Lebens betrachten sollen. Und um eine richtig coole Party. Dennoch behalte ich meinen Namen, denn ich mag es alleine zu sein. Und ich verstehe jeden, der sein Leben ohne jemanden wie dich verbringen will. Ehe mit sich selbst, Ehe mit Freunden, Ehe ohne Körperlichkeit.

Die Ehe ist für mich ein Kampf mit meinen eigenen Dämonen, mit meiner Priviligiertheit. Unser Ring erinnert mich jeden Tag daran, dass diese Welt scheiße ist. Er erinnert mich daran, dass ich die Scheiße nicht alleine ertragen muss; er einnert mich daran, dass ich trotzdem dankbar sein kann, ihn tragen zu dürfen. Der Kampf für die Ehe für alle bedeutet einen Kampf gegen meine eigenen Privilegien, für eine Welt, in der alle Menschen jemanden wie dich haben. Oder euch. Oder sich. Oder eben auch nicht.

Weiter lesen. Kritisch, affirmativ oder einfach schön:

http://kleinerdrei.org/2013/04/aber-ich-will-doch-gar-nicht-heiraten/
http://flannelapparel.blogspot.it/2012/10/eure-liebe-ist-straight-scharf-wie-ein.html

Okkupiert die Ehe!


Das Programm der Piraten finde ich diesbezüglich übrigens sehr gelungen: https://www.piratenpartei.de/politik/selbstbestimmtes-leben/geschlechter-und-familienpolitik/#Zusammenleben

Betroffenheit und (emanzipatorische) Politik

„Schlimmer noch, wir bestärken die Leute darin, die Vergangenheit – und ihre Lektionen – aus der Perspektive ihrer je eigenen leidvollen Erfahrung (beziehungsweise der ihrer Eltern und Großeltern) zu sehen. Heute setzt sich die „allgemeine“ Interpretation der jüngsten Geschichte also zusammen aus Fragmenten unterschiedlicher Vergangenheiten (von Juden, Polen, Serben, Armeniern, Deutschen, Afroamerikanern, Palästinensern, Iren, Homosexuellen uws.), die allesamt von Leid und Opfer geprägt sind. Das Mosaik, das sich daraus ergibt, verbindet uns nicht mit einer gemeinsamen Vergangenheit, sondern trennt uns voneinander.“ Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr der Intellektuellen, Frankfurt 2011, S. 14.

In emanzipatorischen Kreisen geht es in der Sache oft erstmal um die (praktische) Emanzipation marginalisierter – immer meist nicht-männlicher, nicht-weißer, nicht-europäischer, nicht-cis, nicht-heterosexueller – Gruppen, deren Position mit handfesten ideellen und materiellen Nachteilen im Alltag verbunden ist. Marginalisierung und die alltägliche Ungerechtigkeit bedingen einander, aber das ist ein anderer Blogpost. Der Kampf gegen diese Ungerechtigkeiten bedeutet neben der konkreten Veränderung der Situation auch oft eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit und Kritik an der Gesellschaft. Zu diesen Mechanismen gibt es ganze Bibliotheken mit Literatur und diese kurze Ausführung soll hier nur einen Rahmen vorgeben. Auch möchte ich im Folgenden die Trennung zwischen Theorie und Praxis einmal stärker betonen und anmerken, dass dies in vielen Diskussionen um emanzipatorische Bewegungen zu sehr vernachlässigt wird. Nun jedoch zum eigentlichen Thema: Betroffenheit und emanzipatorische Politik. Ich will dazu erst ein paar theoretische Überlegungen ausführen und dann ein praktisches Beispiel anhand meiner Erfahrungen rund ums #refugeecamp geben.

Betroffenheit ist ein wichtiger praktischer Erfahrungswert, welcher die Wahrnehmung und Beruteilung der Welt formt. Betroffenheit ergibt sich aus meiner Position in der Gesellschaft: Wie nehmen mich andere wahr? In welchen Schubladen stecke ich und wie sehen die aus? Das Bilden von Schubladen dient in erster Linie der Komplexitätsreduktion – je mehr Schubladen ich habe, in die ich Menschen schnell (anhand äußerlicher Merkmale ist zB sehr schnell) einordnen kann, desto intuitiver komme ich durchs Leben. Die Ambivalenz der Schubladen stellt uns vor das Problem, wie mit den Schubladen umgegangen werden soll, die schädlich sind, die Menschen das Leben zur Hölle machen. Analysiert sind diese Schubladen und wie sie entstehen schon ziemlich gut, tatsächlich gibt es kaum noch Bedarf die Theorie ob des Entstehens von Schubladen zu erarbeiten. Da wurde im 20. Jahrhundert ganze Arbeit geleistet. Die Frage, die bleibt: Wie gehen wir in der Praxis mit Schubladen um, in denen Menschen handfeste Nachteile auf Grund unveränderbarer Merkmale haben? Und wie reden wir darüber?

Selbst in der Schublade zu stecken bedeutet dabei ersteinmal zu wissen, wie die Schublade von innen aussieht. Eine Perspektive, die nur bei denjenigen vorhanden ist, die sich auch in der Schublade befinden. Um mit den Schubladen kritisch umgehen zu können, ist das ein Wissen, was *unverzichtbar* ist. Gleichzeitig bedeutet Betroffenheit nicht die bisherigen Theorien verstanden zu haben, ja es ist nicht mal notwendig sich mit diesen beschäftigt zu haben. Im Gegenteil sind persönliche Erfahrungen und daraus abgeleitetes Wissen oft diametral zu vielen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, die erstmal kontraintuitiv sind. Identität bedeutet nicht automatisch theoretisches Wissen zu einem Wissenschaftsfeld, Identität kann diesen Anspruch aber auch nicht haben – das wäre essentialistisch, etwas, was eine kritische Auseinandersetzung mit Schubladen verhindern und das Ganze ad absurdum drehen würde. Jedoch, während die Betroffenensicht im Diskurs wesentlich ist, kann auf gelernte Theorie von nicht-Betroffenen durchaus verzichtet werden. Sollte es aber nicht.

Theorie ist natürlich nie frei von (nicht-)Betroffenheit – der Anspruch sollte aber sein, dass theoretische Debatten es sind. Nur weil es keine objektive Wahrheit gibt und wir uns in einer subjektivistischen Welt voller vieler individueller Wahrheiten befinden, sollte der Versuch eine gemeinsame wahrhaftige Realität zu schaffen niemals aufgegeben werden. Denn Politik ist das Aushandeln maximal allgemeingültiger Regeln, das Finden eines gesellschaftlichen Konsens, der für maximal viele alle Menschen ein Leben ermöglicht, das die Existenz sichert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Eigentlich ist das so trivial, dass es nicht weiter besprechen werden müsste, jedoch, so erscheint es mir, stehen in derzeitigen politischen Prozessen nicht ein fairer Ausgleich zwischen den Partikularinteressen im Vordergrund, sondern der Versuch die bestehenden Verhältnisse an der eigenen Betroffenheit zu orientieren. Die Frage ist somit de facto nicht, inwiefern wir maximal vielen allen Lebewesen auf der Welt ein würdiges Leben ermöglichen können, sondern wie ich als Vertreter_in einer Betroffenengruppe deren und somit meine Ziele durchsetzen kann. Die Frage ist nicht, wie wir wissenschaftliche Ergebnisse sinnvoll nutzen können, um Ressourcen effizient zu nutzen, sondern wie meine Betroffenengruppe die meisten Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommt. Das ist erstmal Lobbyismus und in einem demokratischen System auch legitim, ja notwendig, jedoch fehlt das Bewusstsein, dass es sich auch immer um das große Ganze handeln muss. Im Strudel der Betroffenheit werden rationale Herangehensweise geopfert – die mächtigste Gruppe kann die eigene Betroffenheit zur Norm erheben und tut das auch, wie wir es anhand der CDU schön betrachten können. Doch genau diese Norm ist die Gebrauchsanweisung für die Hierarchisierung von Schubladen. Die Norm ist dabei theoretisch flexibel, auch wenn sie in unseren Beitengraden patriarchal ist. Was nun also bleibt ist auch hier eine Trennung von theoretischem Wissen über die Beschaffenheit von Gesellschaft, was in sich unabhängig von der eigenen identität ist und praktischer Erfahrung als Teil der Gesellschaft inklusive der wirkmächtigen Position. Identität bedeutet also nicht automatisch theoretisches Wissen und theoretisches Wissen bedeutet nicht automatisch Identität.

Praktisch gesehen ist das Ganze nun wesentlich komplizierter, denn praktisch gesehen ist Identität und Theorie tatsächlich kaum trennbar. Ein erhellendes Erlebnis hatte ich um das #refugeecamp herum. Ich traf einen Teil der Refugees das erste Mal in Würzburg, wo wir ihnen das Geld aus der #hosengate-Aktion überreichten. Ich verhielt mich von Beginn an sehr zurückhaltend und wollte nicht aufdringlich sein – ich empfand es als problematisch mich im Leben dieser Menschen irgendwie sichtbar zu machen, gerade weil ich weiß, in welchen Schubladen sie stecken und wieviel Mut und Kraft sie aufbringen aus diesen herauszukommen. Ich wollte sie nichtmal nach ihren Geschichten fragen. Ich empfand es vielmehr als unangebracht überhaupt Teil dieser ganzen Sache zu sein, mich ihnen aufzudrängen, ihnen helfen zu wollen. Ich empfand es schon im Sommer in Würzburg als hochproblematisch mich irgendwie in diesem Kosmos angemessen an mein theoretisches Wissen zu positionieren – ich war passiv-gelähmt.

Nun kamen die Refugees nach Berlin und suchten Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu finden. Im Rahmen dessen beteiligte ich mich an der #tits4humanrights-Aktion, die im Kern sehr gut funktionierte. (Twitter flippte aus und im Laufe der Woche wurde ernsthaft über die Thematik der Asylpolitik gesprochen.) Im Vorfeld hatten die Refugees im Plenum für die Aktion gestimmt und unseren aufmerksamkeitsökonomischen Vorschlag als Unterstützung für ihre Sache angenommen. Im Nachinein nun kamen einige Aktivistinnen zu uns und kritisierten die Aktion. Und obwohl ich die Kritik erwartet hatte und auch verstehen kann (letztlich ist die Kritik ja offensichtlich und das Ganze eine Frage der Abwägung, was nun sinnvoller ist), empfand ich es als Unverschämtheit, dass es da tatsächlich hieß, dass das Plenum der Refugees ja nicht entscheidungsfähig gehandelt hätte, als die Aktion beschlossen wurde.

Plötzlich war ich einer neuen Welle von Betroffenheit ausgesetzt, die auf der Länge des Aktivismus und der Nähe zu den Refugees basiert, letztlich jedoch nur Bevormundung bedeutet und fehlenden Respekt gegenüber denen, die dort tagelag im Hungerstreik saßen und mehr Mut und Kraft zeigten, als ich mir selbst vorstellen konnte. Im Anschluss an die Aktion war ich erstmal krank und saß vor Twitter, verfolgte jeden Schritt und versuchte den digitalen Faschos keinen Fußbreit zu zeigen. Und während ich als Virenschleuder vom Refugeecamp gebannt war, dachte ich wieder über Betroffenheit nach und meine Rolle. Was kann ich denn nun tun? Und mache ich es nicht automatisch falsch? Wie kann ich meine gesellschaftliche Position, mein fehlendes Wissen über Flucht und Vertreibung, das fehlende Leid ausblenden? Wie kann ich auf Augenhöhe mit diesen Menschen überhaupt sprechen?

Die wesentliche Zwickmühle dabei ist, dass die Betroffenen ihre Marginalisierung nicht ohne die nicht-Betroffenen (und nur schwer mit nicht-Betroffenen) überwinden können. Dass das Refugeecamp die Schikanen der Polizeit überlebte, lag vor allem an den tapferen nicht-Betroffenen (besonders auch Parlamentariern), die das Camp schützten, die keine Virenschleudern oder gelähmt-feige Überanalysierer waren. Ohne diese Menschen wäre viel von dem Protest wieder verloren gegangen. Ohne die Solidarität wäre der Protest verhallt. Und dennoch schämte ich mich wieder zum Refugeecamp zu gehen, mich potentiell in die Kleinkriege der Aktivist_innen zu begeben, die ihre fehlende Betroffenheit irgendwie zu kompensieren suchen, den Kampf der Betroffenen durch meine Identität potentiell zu überschatten, sie zu bevordmunden durch meine Art zu reden, kurz: durch meine gesellschaftliche Position ihre noch stärker zu schwächen. Dennoch weiß ich, dass es keine Veränderung geben kann ohne das die nicht-Betroffenen sich dem Kampf anschließen. Und wie lassen sich die nicht-Betroffenen für eine Kampf, der sie „eigentlich und irgendwie nichts angeht“, obwohl er doch so wichtig für die ganze Gesellschaft ist, gewinnen? Durch Theorie, durch Schreiben, durch Kommunikation und Dialog, durch das stetige Erarbeiten fairer Umgangsregeln, duch einen gesellschaftlichen Dialog, der nicht auf der Betroffenheit einzelner, sondern dem Ziel einer gerechten Gesellschaft fußt.

Politischs Handeln muss mehr sein als Betroffenheit. Politisches Handeln muss mehr sein als nicht-Betroffene, die sich abseits der Realität Theorien zusammenbasteln, die sie anschließend als universell verkaufen. Politisches Handeln muss mehr sein als das Verteidigen der eigenen Privilegien. Politisches Handeln muss mehr sein als anderen die Privilegien vorhalten. Politisches Handeln muss mehr sein als das Ausspielen der Theorie gegen die Praxis. Politisches Handeln muss sich einer gerechten Gesellschaft verpflichten.

Dieser Text entstand Ende 2012 und wurde leicht bearbeitet Ende 2015.

Piraten und Pussy Riot

Ich habe heute mal folgendes Statement als Bundesvorständin abgegeben (as in: über den Presseverteiler gejagt. Danke an die Bundespresse!)

»Eine demokratische Gesellschaft muss sich an ihrem Umgang mit Widerspruch, mit Protest und Gegenwehr messen lassen. Die russischen Behörden haben mit der Inhaftierung der Frauen von Pussy Riot bereits deutlich gezeigt, dass die russische Gesellschaft immer noch von autoritären Strukturen regiert wird, die legitimen Protest gegen den Einfluss der Kirche auf die Politik, Sexismus und Unterdrückung ersticken wollen.

Das heutige Urteil ist darüber hinaus ein brutaler Beweis dafür, dass Protest gegen politische Korruption, die Bevormundung durch die Kirche und Sexismus nicht erwünscht ist. Mehr als bedenklich ist, dass die Trennung von Kirche und Staat, die jeder demokratischen Gesellschaft zu Grunde liegen muss, hier nahezu außer Kraft gesetzt wird. Schlimmer noch ist, dass die Kirche und die exekutiven Organe die Entscheidung des Gerichts direkt beeinflusst haben.
Wahrlich erweist sich Russland heute als alles andere als eine ›lupenreine Demokratie‹: Widerstand und Protest werden nicht geduldet, Disharmonie soll keinen Platz haben. Dabei werden systematisch Stimmen unterdrückt – in diesem Fall Stimmen, die sich gegen den Terror der Kirche engagieren und sich für ein freies und wirklich demokratisches Russland einsetzen.

Die weltweite Solidarität zeigt, dass es überall Menschen gibt, die sich für Meinungs- und Kunstfreiheit einsetzen und das Ergebnis dieses Schauprozesses nicht hinnehmen wollen, nicht hinnehmen können.«

Nazis und Poststrukturalismus

Zu Beginn noch einen kleinen Einschub: Hört bitte auf totalitär oder extrem als politische Kampfbegriffe zu nutzen – diese Begriffe sind nicht operationalisierbar für eine fundierte Analyse der Wirklichkeit und dienen ausschließlich dem politischen Kampf. Und hier liegt auch ein Kern des Fehlglaubens: Extremisten werden als Nazis empfunden, obwohl sie mit der eigentlichen Vorstellung der Nazis nichts zu tun haben. (Wir wären btw. auch Extremisten, falls wir die Freiheit des Netzes forderten, das aber nicht die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung wäre, denn Extremismus ist eine Meinung an den Rändern einer vermeintlichen Mitte) Was die eigentlich problematischen Ansichten sind und wieso “Nazi-tum” weit früher anfängt als die Piraten es sehen wollen und wieso wir deswegen tatsächlich ein “Nazi-Problem” haben, ist der Kern des Blogposts. Und nein, dass wird kein theatralisches “Kein Platz für Nazis” – Statement, denn wenn ich sehe, wer am einen Tag Scheiße labert und am nächsten Tag solche theatralischen Statements retweetet, etc. – ja, da bleibt mir nichts übrig, als Ignoranz, Uninformiertheit  oder Heuchelei zu attestieren. Ich will dem Problem an die Wurzel – ganz radikal also.

Es gibt wenig Begriffe, die so inflationär und willkürlich genutzt werden, wie “Nazi” (ich werde den Begriff in Anführungsstriche schreiben. Ich hoffe, dass am Ende des Blogposts klar wird, wieso). “Nazis” sind ein Synonym für “böse” für unfassbar “böse”, maximal “böse”. “Nazi” ist der Superlativ des Bösen. Doch was heißt eigentlich “Nazi”? Ich habe relativ lange gebraucht, bis ich begriffen habe, was die einzelnen Wörter in der ausgeschriebenen Version bedeuten: Nationalsozialisten. Es ist auch gar nicht verkehrt das Sozialistische bei den Nationalsozialisten zu betrachten, denn es ist ein Zugang zu der Zielsetzung und ein Schlüssel zum Entziffern der Ursachen für den Wahnsinn, der unter dem Begriff Holocaust oder auch Shoa in die Geschichte eingegangen ist. Ich zitiere mich einfach mal selbst: “Die nationalsozialistische Herrschaft fußte auf der Idee einen sozialistisch aufgebauten Volkskörper mit national orientierten (im Falle der Kulturnation Deutschland rassistisch-völkischen, siehe meinen Brief an den guten Thilo Sarrazin) Beteiligungsgrenzen zu schaffen. Diesem Volkskörper, bestehend auf der vermeintlich besseren Rasse, sollte in letzter Instanz die Welt und ihre Rohstoffe zur Verfügung stehen. Die Welt als Sklave des deutschen Volkes.” Hier und hier habe ich über Nationalstaaten geschrieben, falls ihr euch mehr damit auseinandersetzen wollt. Die Literaturliste ist jeweils recht umfangreich und ich denke, dass es da gute Anhaltspunkte zum lesen gibt.

Denken wir an Nazis in der Nacht, denken wir an Schlägertrupps, Glatzen und Morde an “ausländisch aussehenden” Menschen, also diejenigen, die von diesen “Neo-Nazis” als “Ausländer” definiert werden. Wir denken vielleicht noch an KZ-Wächter und Heinrich Himmler als Archetypen der Nazis. Oder an Dr. Schneider in Indiana Jones (was z.B. ein Element des Problems ist). So oder so ist es abstrakt, weit weg, irgendwie “böse” und “anders” – die Rolle unserer Großeltern ist nebensächlich, nicht gegenwärtig, nicht direkt mit “Nazis” verbunden. Und genau da liegt der Irrglaube – jeder von uns ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, die auf einem Diskurs basiert, in deren Bezugsrahmen das Verbrechen Holocaust begangen werden konnte. Ja, ich weiß Diskurstheorie ist anstrengend, aber ich empfinde es zum Teil als tief anti-intellektuell, wenn eine Partei sich dem wissenschaftlichen Stand der Geisteswissenschaften verweigert. Schön dazu der Podcast CRE zum Thema Poststrukturalismus. Bitte hören – es ist hochgradig frustrierend, wenn sich immer wieder Piraten zu Themen absolut uninformiert äußern, die mit poststrukturalistischen Instrumenten analysiert werden können. RTFM und so. Und wenn ihr es nicht versteht, dann …. Kresse oder Fragen. Sorry, aber das muss auch gesagt werden.

Der Diskurs nun, der den Holocaust ermöglichte und uns auch geprägt hat besteht aus verschiedenen Elementen, die bis heute eine Rolle spielen, die auch in der Piratenpartei virulent sind und vor allem in der Gesellschaft: Die Zustimmung zu Sarrazin ist dafür ein schönes Beispiel. Folgende Vorstellungen sind Teil dieses Diskurses.

  • Dass es eine natürliche Ordnung gibt, die Menschen befolgen sollten (Hierarchien, etc.)
  • Dass es ein deutsches Volk gibt, was eine Art Einheit darstellt/darstellen soll, welche auf der Sprache und der Kultur basiert (Angeschlossen daran: die Nation retten, erneuern, wiederbeleben; deutsches Volk als unterdrücktes Volk, das sich befreien muss, etc.)
  • Dass es menschliche Rassen gibt und das Menschen auf Grund ihrer “Rassenzugehörigkeit” gewisse Eigenschaften haben und dass es “überlegene Rassen” gibt
  • Dass es Menschen gibt, die überflüssig sind, z.B. Arbeitslose
  • Dass es “gesunde” und “ungesunde” Menschen gibt, die, im Sinne der “Volksgesundheit” eine gewisse Behandlung erfordern (Fettleibigkeit und psychische Abweichungen vom Normzustand zB)
  • Dass es einen richtigen Lebensentwurf gibt, an den sich Menschen anzupassen haben
  • Dass Homosexuelle “krank”, “komisch”, “unnatürlich”, etc. sind
  • Dass Intelligenz genetisch bedingt ist und über den Status in der Gesellschaft entscheiden soll
  • Dass Frauen und Männer binär zu trennen sind, gewisse Eigenschaften auf Grund ihres biologischen Geschlechts haben und diese Eigenschaften ihnen einen definierten Platz in der Gesellschaft geben
  • Dass es “die da oben” gibt – seien es nun „Bankster“, Juden (meist ja eh das gleiche in den Köpfen derer -.-), etc. die es zu “beseitigen” gilt
  • Metapunkt: Gewalt als legitime Form der Durchsetzung dieser Haltungen bzw. Notwendigkeit

Jeder dieser Punkte ist für sich eine hochproblematische Haltung, bedeutet einen Baustein im “Nazi-Denken” und sollte von uns abgelehnt werden. Vereinen sich alle diese Punkte kommt so was wie die NPD dabei raus. Doch jeder Einzelpunkt und das Bekenntnis zu einem dieser Einzelpunkte ist Teil eben jenes Diskurses, der es der NSDAP damals ermöglichte so viele Menschen für sich zu gewinnen. Und sie haben (fast) alle mitgemacht. Es ist deswegen unsere Pflicht, dass wir uns mit diesen Elementen unseres Denkens auseinandersetzen und jedem, der darauf beharrt dieses Denken haben zu dürfen, erklären, dass wir das nicht gut heißen, nicht wollen und dass wir andere Werte haben, die sich an der freien Entfaltung orientieren, an der Individualität, an der Kostbarkeit jedes Menschen und an einer Gesellschaft, die jedem einen würdigen Platz ermöglicht. Um Hedwig Dohm zu zitieren, bezogen auf die Frauen, aber auch auf alle anderen Menschen und diskriminierten Gruppen anwendbar. Transferleistung und so:

Wenn man mich um des Umstandes willen, dass ich mit weiblicher Körperbildung zur Welt kam, des Rechtes beraubt, meine Individualität zu entwickeln, wenn man der nach Wissen und Erkenntnis Verlangenden den wirklich überschätzten Kochlöffel in die ungeschickte Hand drückte, so jagte man damit eine Menschenseele, die vielleicht geschaffen war, herrlich und nutzbringend zu leben, in ein wüstes Phantasieland wilder und unfruchtbarer Träumereien, aus denen sie erst erwachte, als dieses Leben zur Neige ging.” (Die Antifeministen)

Und wenn jemand wie Sarrazin nun fordert, dass man die oben zusammengeführten Punkte – von denen er ja einige vertritt, wie ich das beobachten konnte – nun endlich wieder sagen können muss, dann heißt das in erster Linie nur, dass wir eigentlich einen gesellschaftlichen Konsens haben, der diese Diskursteile ablehnt, weil sie eben zu dem größten Verbrechen aller Zeiten führten. Und das ist gut, denn es zeigt, dass sich die Menschheit eigentlich irgendwie weiterentwickelt – weg von menschenfeindlichen Ansichten, hin zu Reflektion und so. (Übrigens: Biologie und Kultur zu trennen ist nicht zielführend und verstellt den Blick auf die eigentlichen Fragen. Und fragt euch mal: Wie kommt das Wissen, dass ihr habt in euren Kopf? Stichworte hier: Wissensoziologie, Wissensarchäologie)

Wenn wir als Piraten nun die Meinungsfreiheit missbrauchen, um auch nur einen dieser obigen Punkte als validen Diskussionsaspekt zu adeln; Menschen, die auch nur einen dieser Punkte lautstark vertreten Posten geben und dann auch noch ignorieren wie viele Menschen so denken, dann sind wir ein regressiver Haufen von Vollhonks, die die Welt nicht verbessern werden, sondern nur denen eine Plattform liefern, die tatsächlich noch tief in diesem alten Denken verhaftet sind, welches der Poststrukturalismus eigentlich schon sehr schön dekodiert hatte. Jeder von uns muss in sich gehen und darüber reflektieren, wieso er was über diese Menschheit denkt – auch ich habe zu viele Punkte auf der Liste irgendwann in meinem Leben vertreten und es war für mich ein schwerer Akt der Auseinandersetzung mit mir selbst, wieso ich so dachte. Heute kann ich mich davon distanzieren, denn ich verstehe, wie vergiftend dieses Denken ist. Ich will, dass sich dem jeder stellt, jeder. Und ich will, dass wir als Partei fordern, dass sich jeder damit beschäftigt, damit er bei uns mitmachen darf. Ich will, dass wir uns mit den Ursachen des Holocaust auseinandersetzen, daraus lernen. Das Wissen ist da. Es ist überall. Wir müssen es nur annehmen. Aufsammeln.

Und was passiert, wenn man sich mit den Ursachen des Holocausts nicht beschäftigt, kann man ja sehr schön im heutigen Internetdiskurs sehen. Ich freue mich schon auf die Kommentare! Feuer frei!

Bisher zu dem Thema

  • http://juliaschramm.de/2010/08/31/deutschland-und-kulturnation/
  • http://juliaschramm.de/2011/10/30/wahrheit-und-normen/

 

Feminismus und Piraten

Seit ich meine Kandidatur bekannt gegeben habe ist ein Aspekt meiner Persönlichkeit wieder mehr in der Debatte vertreten: Feminismus. Leider gibt es sehr viele Unterstellungen und Missverständnisse, die ich hier einmal addressieren möchte.

Warum nenne ich mich Feministin?
Ich habe mich lange gegen den Begriff gewehrt, weil ich nicht verstand, worum es dabei geht. Frauen sind doch rechtlich gleichgestellt. Die großen Kämpfe haben wir doch hinter uns! Wieso kriegen die Frauen den Arsch nicht hoch und nutzen ihre Vorteile? Männer sind doch auch oft Opfer von Frauen! Die Liste an Argumenten geht ewig weiter. Doch spätestens, als ich während meines Shitstorms wegen des Spackeriainterviews merkte, wie sexualisiert und frauenfeindlich viele der Aussagen waren („Die soll putzen, nicht reden.“ – „Die muss man mal ordentlich durchnehmen“ – „Das passiert, wenn man Frauen wählen lässt“ etc.), beschäftigte ich mich intensiver mit Feminismus. Ich begann feministische Twitterstreams zu verfolgen. Und mit diesem Tweet begann alles Sinn zu machen: https://twitter.com/#/antjeschrupp/status/48075623335337984

JA! Genau, eine Analysekategorie! Natürlich! Es geht nicht um Zementierung von Geschlechterrollen oder Kampf gegen Männer oder Frauenförderung – das sind Seiteneffekte. Es geht um die Analyse der Geschlechterdifferenz. Also für mich. Und genau das ist auch mein Feminismus: Was ist biologisch, was sozialisiert? Kann man das trennen? Wieso reproduzieren sich Jahrhunderte alte Muster? Wieso denken wir, dass ein Kind zur Mutter gehört und nicht zum Vater? (Ich meine ja, dass Kinder Liebe, was zu essen und jemanden der ihnen den Arsch abwischt brauchen, aber gut…) Welche Eigenschaften werden Männer bzw. Frauen zugeschrieben? Inwiefern werden sie in Muster gesteckt, nur weil sie ein biologisches Geschlecht haben? Wo kommen die Klischees her? Wie sehen Rollenerwartungen aus, die an mich gestellt werden, nur auf Grund meines Geschlechts? Die Frageliste ist ewig und von mir noch lange nicht beantwortet. Noch lese ich viel dazu, habe mir zu einigen Fragen Antworten bilden können und verstehe nun sehr viel besser, was gegenwärtiger Feminismus ist und wieso er wichtig ist. Und er ist wichtig, denn Gleichstellung der Geschlechter haben wir noch lange nicht. Fürsorge liegt immer noch zu 3/4 in weiblicher Hand, ebenso wie 3/4 der Männer die Ernäherrolle spielen müssen, egal, ob sie die wollen. Männer sollen zum Bund, sollen stark sein und „harte Kerle“, während Frauen „weich“ und „lieb“ sein sollen. Und wenn sie es nicht sind, werden sie sozial bestraft. Häusliche Gewalt ist immer noch „normal“ und in den USA fangen sie sogar an die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper wieder einzuschränken. Und Frauenrechte sind außerhalb von Europa immer noch eine riesige Katatstrophe! Und ja, ich will mich für diese Frauen einsetzen und ihnen ermöglichen, was ich ermöglicht bekommen habe! Und darum geht es bei meinem Feminismus: Diese Stereotype aufbrechen, die eine freie Entfaltung verhindern, die Gewalt produzieren und Menschen unterdrücken. Denn Ideen beherrschen Menschen. Und die Idee der binären Geschlechter, die gewisse Rollen zu erfüllen habe, ist eine der destruktivsten!

Die Wege sind vielleicht manchmal widersprüchlich, aber unser aller Ziel muss es sein, dass sich jeder Mensch frei entfalten kann – unabhängig von Druck und Zwang durch gesellschaftliche Vorstellungen, die auf den Chromosomen basieren. Denn das steht in unserem Grundsatzprogramm. (Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass die Partei nicht genau weiß, was sie damals in Chemnitz verabschiedet hat!)

Und natürlich nenne ich mich Feministin, weil Feministinnen dafür gekämpft haben, dass ich die (wie auch immer gute/schlechte) Chance habe Parteivorsitzende einer der größten Parteien in einem G8-Land zu werden. Alleine, dass ich dafür kandidieren darf ist ein unendlich epischer Gewinn im Vergleich zu vor 100 Jahren! Um es mit den Worten Hanna Beitzers zu sagen: Ich danke den Feministinnen jeden Tag auf Knien „dafür, dass Frauen heute in Deutschland Universitäten besuchen dürfen, dafür, dass sie wählen dürfen, dafür, dass sie auch ohne die Zustimmung ihres Ehemannes arbeiten dürfen, dafür, dass sie nicht mehr automatisch als Mündel des Gatten gelten, dafür, dass Vergewaltigung in der Ehe heute eine Straftat ist.“ Und ja, ich nenne mich Feministin, weil ich denke, dass Feminismus „ein Kampf für Freiheit, für Gleichheit und für Gerechtigkeit“ ist. http://www.sueddeutsche.de/politik/genderdebatte-in-der-piratenpartei-die-piraten-leiden-unter-feminismus-paranoia-1.1303473

Und ich finde, dass eine Partei, die sich Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat den Feminismus als positiven Freiheitskampf anerkennen sollte! Natürlich geht in so einem Freiheitskampf mal was schief. Ich meine, was haben wir Piraten schon alles dämliches gesagt, getan, gefordert? Freiheit ist unser Ziel, wieso bekämpfen wir eine Freiheitsbewegung? Und ist jede Aussage einer selbsternannten Feministin repräsentativ? Mir fallen da ein paar Piratensprüche ein, bei denen wir uns regelmäßig verwehren, dass die als repräsentativ wahrgenommen werden!

Auch halte ich an dem Begriff fest, weil er eine Tradition, eine Geschichte hat, die wir in der ganzen Fülle akzeptieren sollten. Piratenpartei war lange auch ein doofer Name. Aber wir haben ihn mit Leben gefüllt. (Und wenn ihr euch nicht Feminist nennen wollt ok, nennt euch von mir aus Equalist oder Tralilü. Solange ihr euch mit den Themen beschäftigt und die Probleme des Sexismus ernst nehmt ist mir das wirklich komplett egal. Aber bitte hört auf Feminismus per se als etwas schlechtes zu bezeichnen, wenn ihr nicht wisst, was die Person, die sich so nennt, damit verbindet.) Und ich will auch keine männlich sozialisierten Menschen diskriminieren, im Gegenteil. Ich verstehe unter Sexismus die Festlegung auf Rollenmuster. Das gilt für männlich sozialisierte Menschen genauso. Ich sehe, dass männlich sozialisierte Menschen als Hausmann und Väter eine wahnsinnige Diskriminierung erleben, dass sie zum Bund müssen und früher sterben. (Was aber auch an der Ernährung liegen kann. Was aber auch wieder Rollenklischees sind …)

Ja, das ist ein Problem, was aber auch darauf basiert, dass weiblich sozialisierte Menschen als „weich“ und „schwach“ stigmatisiert werden. Sexismus ist eine grundsätzliche Art und Weise die Gesellschaft wahrzunehmen, nämlich: Biologistisch. („Typisch Mann, die können nichts dafür, dass sie so sind“ oder „Männer sind nicht gefühlvoll, ist halt so“ sind für mich ebenso Sexismus wie „Frauen und Technik! :rolleyes:“) Es geht bei dem Thema um viel mehr, als nur „Wieso sind so wenig weiblich sozialisierte Menschen in DAX-Vorständen?“ Es geht auch darum: Wieso gibt es so wenig männlich sozialisierte Menschen in der Fürsorge? Wieso sind so wenig männlich sozialisierte Menschen Hausmann und Vater? Wir haben es in den letzten 40 Jahren geschafft weiblich sozialisierte Menschen Stück für Stück aus der traditionellen „Privaten Sphäre“ zu bringen, haben aber vergessen, dass wir die „Private Sphäre“ auch für männlich sozialisierte Menschen öffnen müssen. Dafür müssen wir gängige Geschlechterklischees bekämpfen, Männer als Vater denken und Frauen als Chefin. Und generell sollten wir die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ abschaffen – aber das geht nicht durch Augen und Ohren schließen und „lalala“ brüllen.

Jeder von uns muss sich darüber bewusst werden, welche Eigenschaften er Menschen zuweist, nur weil sie vermeintlich Penen oder Vagen haben! Jeder von uns muss sich hinterfragen. Und manchmal sind wir halt Sexisten. Solange wir wissen, dass es sexistisch ist und eigentlich doof, ist alles ok.

Das Gleiche gilt im Prinzip auch für Rassismus. Nur mit Herkunft statt Geschlecht und anderen Rollenzuweisungen! Siehe auch: http://juliaschramm.de/2011/10/30/wahrheit-und-normen/

Frauen und Lesen

<3

I want a girl who reads

“So, what do you go for in a girl?”
He crows, lifting a lager to his lips
Gestures where his mate sits
Downs his glass
“He prefers tits
I prefer ass.
What do you go for in a girl?”

I don’t feel comfortable
The air left the room a long time ago
All eyes are on me
Well, if you must know

I want a girl who reads
Yeah. Reads.
I’m not trying to call you a chauvinist
Cos I know you’re not alone in this
but…

I want a girl who reads
Who needs the written word
& uses the added vocabulary
She gleans from novels and poetry
To hold lively conversation
In a range of social situations

I want a girl who reads
Who’s heart bleeds at the words of Graham Greene
Or even Heat magazine
Who’ll tie back her hair while reading Jane Eyre
and goes cover to cover with each waterstones three for two offer
but I want a girl who doesn’t stop there

I want a girl who reads
Who feeds her addiction for fiction
With unusual poems and plays
That she hunts out in crooked bookshops for days and days and days
She’ll sit addicted at breakfast, soaking up the back of the conflakes box
And the information she gets from what she reads makes her a total fox
Cos she’s interesting & unique
& her theories make me go weak at the knees

I want a girl who reads

A girl who’s eyes will analyse
The menu over dinner
Who’ll use what she learns to kick my ass in arguments
so she always ends the winner
But she’ll still be sweet and she’ll still be flirty
Cos she loves the classics and the classics are dirty
So late at night she’d always have me in a stupor
As she paraphrases the raunchier moments from the works of Jilly Cooper

See, some guys prefer asses
Some prefer tits
And I’m not saying that I don’t like those bits
But what’s more important
What supercedes
For me
Is a girl a with passion, wit and dreams
So I want a girl who reads.

Quelle: http://markgrist.com/poems

Freunde und Gefälligkeit

Ich versuche mich mal an Sensibilität: Der Text hat wohl bedingt Triggerpotential. Also nicht so schlimm, aber bestimmt aufwühlend, vielleicht. Ist ja schnell so, bei Themen, die Liebe und Sexualität, Intimität und Verletzungen betreffen. Außerdem neige ich zu unangemessenem Zynismus und betreibe auch bei diesen Themen gerne Satire. Also so fyi für die unter euch, die sich angegriffen fühlen könnten oder die Angst vor zu hohem Blutdruck haben 🙂

Trotz meines erholsamen Social Media Urlaubs kriege ich ab und an noch mit, was bei euch da so läuft. Und der heiße Scheiß scheint zur Zeit die Debatte um die „Friend-Zone“ zu sein. Ich habe mich also entschlossen dazu zu bloggen. Warum? Nun, ich bin Täterin, Opfer, Beobachterin, Kritikerin. Ich kenne die Friend-Zone, die Meme und die „Wahrheit“ dahinter. In und auswendig. Glaube ich. Da ich aber Nihilist bin und fehlbar: Ergänzt doch bitte in den Kommentaren.

Vorweg: Viel zu viele Menschen lassen sich viel zu lange scheiße behandeln. Und ja, wenn jemand verliebt ist und der andere nicht entsteht ein ungleiches Machtverhältnis (was es ja auch eh immer gibt eigentlich, aber … wisseschon ^^) zu Gunsten der nicht-verliebten Person. Das ist unabhängig vom Geschlecht. Es äußert sich lediglich anders, da unsere sexistische Gesellschaft sich der Kodierung unterwirft: Frau(tm) will Liebe und Status, Mann(tm) will Sex; das führt dazu, dass alle glauben, es sei normal, dass Frauen sich sexuell ausbeuten lassen und Männer alles tun, um sexuell befriedigt zu werden. Konkrete Klischees, die wir alle kennen und die sich auch in Mem-Form im Netz weitertragen sind z.B. „Sie ist verliebt und er ruft sie nur an, wenn er „Druck“ hat und nutzt sie sexuell aus = Er ist verliebt und sie ruft ihn nur an, wenn sie nachts um drei vom Bahnhof abgeholt werden will.“ Dahinter steht, dass die gesellschaftliche Erwartungshaltung an den Mann(tm) mit einer Form von Unemotionalität verbunden ist. Emotionalität wird mit fehlender Stärke und Durchsetzungskraft gleichgesetzt, Schwäche zeigen sanktioniert. Er hat also potentiell zu verlieren, wenn er sich verliebt, so die urbane Legende. Die gesellschaftliche Erwartung an Frauen(tm) dagegen ist, dass sie rein, schön und weich sein sollen. Der in unserer Kultur  oftmals als brutale  dargestellte Akt des Sexuellen ist eine Ausübung der Macht, derer sich die Frau entziehen muss außerhalb eines definierten Rahmens. Anderes wird sanktioniert. Sie hat also was mit ausgelebter Sexualität zu verlieren, so die urbane Legende. Und aus ganz bizarren, hier wohl kaum erläuterbaren Gründen, nehmen die Menschen diese Bilder an und entsprechen ihnen. Ich schiebe es mal ganz locker auf Hollywood, ha!

Das fatale Missverständnis jedoch: Männer denken die Frauen haben es besser und andersherum. Dabei sind die Situationen schon mit einer anderen Wertigkeit belegt, da sie in einem sexistischen, binären und heteronormativem System verankert sind.

[Dass hier Menschen außerhalb des binären, heteronormativen Systems meistens rausfallen ist zusätzlich problematisch, da sie gesellschaftlich sanktioniert werden, wenn sie diesen oben genannten Kodierungen nicht entsprechen. (Homosexualität wird dann z.B. sogar zum Kampfbegriff innerhalb der gesellschaftliche normierten Vorstellung ==> „Was weinst du denn du Sissi!“)]

Zurück zum Schwerpunkt des Textes: Friendzone (Die in meinen Augen ein Phänomen meist sehr junger Menschen ist. Oder gibt es Opi-Friendzone-Meme? :D)

Als Täterin kann ich sagen: Es ist eigentlich nie so, wie es in den Memen dargestellt wird. Meistens sind Frauen viel zu unsicher, um zu glauben oder zu merken, dass ein Typ in sie verliebt ist. Sie denken vielmehr, dass er sie mag und geben ihm oftmals noch Tips und wollen ihn unterstützen. Klar gibt es auch die Fälle, die sabotieren und intrigieren, aber das sind meistens die, die am unsichersten sind. Teil der Unsicherheit ist eben auch, dass eine sexuelle Beziehung in Kombination mit Gefühlen zwar angestrebt, jedoch nicht umgesetzt werden kann.  Und da ist eine Beziehung, die jeweils nur eins abdeckt etwas leichter. Außerdem werden Dinge projiziert, die Unsicherheit dominiert das Verhalten, ebenso wie ERWARTUNGEN (btw. Eins kann ich euch sagen: Erwartungen machen alles kaputt. Alles. Kein Witz. Keine Erwartungen und die Beziheung wird glücklich sein.) und ein gesunder, leichter Umgang mit Gefühlen und sexueller Neugier ist unmöglich. Ich befürchte, dass das in den letzten 30 Jahren noch krasser geworden ist – täglich umgibt uns die Doktrin: Du musst schön, schlau, reich und dünn sein – sonst KANNST du niemals Sex haben oder geliebt werden NIEMALS! Ja und dann biste ein Mädchen mit Brille und drallem Körper und denkst dir: Klar, wie soll man mich denn mögen? Dass ein Junge, mit dem du dich gut verstehst, der gerne mit dir Zeit verbringen will, dich eigentlich nackt sehen will – ehrlich: Das begreifen 90% der Frauen in ihrem Selbsthass nicht. Ich habe lange gebraucht, bis ich begriffen habe, was da abgeht. Und mittlerweile vermeide ich solche „Freundschaften“, denn ES SIND KEINE!

Womit wir bei dem Thema wären, was viele Feministinnen ZU RECHT beklagen: Der Umgang mit Frauen, die Männer ablehnen. Und die moralische Integrität der Männer, die sich bitterlich über die bösen Frauen(tm) beschweren.

1. Nein heißt nein. Die Vorstellung, dass man nur lange genug betteln muss, damit es klappt ist respektlos. Ich habe mehr als einmal erlebt, dass Männer laustark ihre „beste Freundin“ anbettelten, doch bitte mit ihnen zu schlafen. Ja, richtig, Plural. Einfach so! Das sei doch kein Akt! Mal schnell ficken. Liebe Leute: Das ist widerlich.

2. In diesem ganzen Diskurs werden klassiche Frauenstereotype bedient, die einfach nur frauenfeindlich sind: Die Frau ist die kalte, berechnende Hexe, die ihre Gefühle und Sexualität komplett unter Kontrolle hat und sie nutzt um den Mann, der ja ausgeliefert ist angesichts der Schönheit der Frau, zu manipulieren, auszunutzen, in den Ruin zu treiben. Auch werden alte Konzepte ausgegraben, die auf die aktuelle Situation angewendet werden: Die katholische Ehe muss vollzogen werden – die Freundschaft auch? Frauen werden wiederrum nicht als handelnde Subjekte wahrgenommen bzw. akzeptiert. Jetzt kann man sagen: wenn es immer diese Klischees gab, es immer so war, dann wird es wohl wahr sein. Oder eben: Really? Wir sind darüber immer noch nicht hinaus? Sad world.

3. Frauen(tm) lernen meistens nicht Konflikte auszutragen, weil sie mehrheitlich als „Weibchen“ erzogen werden, dass nicht widersprechen soll. So und von denen wird jetzt verlangt, dass sie die Menschen aus ihrem Leben streichen, die sie am liebsten mögen. Und das auch noch aktiv? Das ist ein Ausbruch aus der Verhaltensrolle, der echt schwer ist und nicht allen gelingt. Vor allem, wenn der betroffene Typ vielleicht tatsächlich der einzige echte Freund ist, was ich auch schon sehr oft gesehen habe. Also gefühlt, weil er ist ja kein echter Freund. Sonst würde er nicht schreien „SCHLAF‘ MIT MIR!“

4. Es ist recht „normal“, dass Männer(tm) dazu neigen, die Frauen zu beschimpfen oder fertig zu machen, wenn es keine sexuellen Kontakte gibt. Meist werden die gemeinsamen Freunde gegen die Frau manipuliert. Der Freundeskreis wendet sich von der „Hexe“ ab. Oder manchmal wird es auch ganz offen kommuniziert: „Du Schlampe!“ oder auch beliebt subtile Andeutungen, die ziemlich deutlich machen, dass es nicht um Freundschaft geht, sondern dass der Typ einen nur als Loch betrachtet, nicht als Mensch. Zitat „Solange ich noch eine Chance sehe, dass du mich ranlässt, bin ich nett zu dir.“ (Post-Privacy-Note: Ich hatte einmal was mit meinem damaligem „besten Freund“ – nicht ganz klassischer Nice Guy, aber bisschen – und irgendwann meinte er: „Du bist mein größter Triumph.“ Aufgestanden, gegangen, nie wieder mit einander geredet. Und ich kenne zahlreiche Geschichten in die Richtung.)

Interessant dazu und mit vielen wichtigen Punkten, wenn auch gerantet: https://puzzlestuecke.wordpress.com/2012/01/11/nein-heist-nein-oder-friend-zone-my-ass/

So, als Betroffene kann ich sagen: Es suckt. Meine Güte, war ich in den Typ verliebt und der wusste das, glaube ich! Der Sack! Und benutzte mich als Kummerkasten für seine Verflossene. Ewig hat er mir von der Alten erzählt! [Notiere: Ich fragte auch immer nach ;-)] Und er wollte auch keinen Sex (was mich in der Annahme bestätigte, siehe Analyse oben, dass er ja dann Gefühle haben müsste!). Er hat mich emotional ausgenutzt. Aber: Ich habe ihn konfrontiert, er hat mir einen Korb gegeben und ich habe mich anderem zugewandt. Du kannst andere nicht ändern, nur dich selbst, also krieg den Arsch hoch 😉

Als Beobachterin, Standardkummerkasten für die Nerds und Mr. Nice Guys (weil abgesehem vom Jammern, sind das gute Leute :)), kann ich sagen: Ja, ich habe die Frauen(tm) auch gehasst, die meinen Freunden Hoffnungen zu machen schienen, die sie ausnutzen für ihre Ego-Trips, etc. Ja, mir taten meine Freunde leid. Aber irgendwann … nun, ging ich dazu über, (wie auch bei Freundinnen!) zu sagen: „Wenn sie dich nicht will, dann get the fuck over it! Entweder du wirst so, wie sie dich will, oder du hälst die Klappe.“ Ja und sorry Jungs, aber so ist es.

Zur echten Kritikerin der Frauen(tm), die Männer(tm) so „behandeln“ wurde ich, als ich Frauen(tm) sah, die es wirklich ausnutzen, die in ihrer schieren Unsicherheit Typen zu Hündchen erzogen. Mit allem drum und dran: Emotionaler Erpressung, Manipulation, Lügen, ab und an mal bisschen sexuelle Handlungen, wie Küssen oder eine Brust anfassen (KEIN WITZ!). Mein Problem dabei ist darüber hinaus auch etwas vielfältiger: „Diese Frauen“(tm) haben sehr wenig Selbstwert und suchen sich Anerkennung über die emotionale Offenbarung von Männern(tm). Da entstehen dann so bizarre Unterhaltungen wie: „Ich liebe dich! Ich weiß es, ich will mit dir zusammen sein“ – „Nein, du bist nicht in mich verliebt, du denkst das nur, weil du irgendeine Frau brauchst …“ Das groteske daran: Beide haben recht! Nicht nur liebt er sie wahrscheinlich wirklich in seinem Empfinden, vielmehr liebt er wahrscheinlich wirklich nur ein Bild von ihr bzw. betrachtet sie als Loch. Eigentlich sollten beide sagen: Ey, das macht hier keinen Sinn mit uns. Aber: Diese Beziehungen bestehen aus sehr krassen Abhängigkeiten. Sie braucht ihn genauso wie er sie. Darüber hinaus neigen diese extremen Beispielfrauen(tm) auch dazu, andere Geschlechtsgenossinnen per se als Konkurrenz zu betrachten, Solidarität zu anderen Frauen fehlt komplett – so dass die Abhängigkeit von der Gunst steigt, das eigene Selbstwertgefühl nur auf dem Begehren des Mannes basiert. Auch leider ein Phänomen, dass uns die Kultur vermittelt: Frauen(tm) sind nur ein Produkt des Mannes, seine Rippe … aber genau das ist eben der Kampf des Feminismus:

FRAUEN (TM) ALS HANDELNDE SUBJEKTE BETRACHTEN!

Feminismus und Männlichkeit

Nach meinem sehr umstrittenen Artikel bei Telepolis, wo ich provokative Aussagen in den Raum stelle, erreichte mich nun diese Nachricht. Ich finde sie trifft viele gute Punkte und ist schön geschrieben – auch die Kritik an mir bzw. meiner Art zu schreiben ist gut getroffen. Nach Absprache mit dem Autor, werde ich sie hier veröffentlichen -unter cc-by-sa. Viel Spass und beantwortet ihm doch auch nochmal, was er sich so fragt 🙂

Sehr geehrte Frau Schramm,

ich bin Informatikstudent und habe vor ungefähr einer Woche Ihren Beitrag „Einfach mal zuhören“ auf Telepolis gelesen. Seitdem beschäftigt mich das Thema intensiv. Ich gehöre vermutlich selbst zu diesen beschriebenen „Nerds“ und auch ich habe mit dem Begriff „Feminismus“ meine Probleme – ohne die Bewegung abzulehnen. Aber vielleicht würde sich die Frauenbewegung gut darin tun, auch den Männern etwas Aufmerksamkeit zu geben. Ich spreche nicht von „Männerquoten“ als Gegenzug zu Frauenquoten, sondern von dem Problem ein „schwacher“ Mann zu sein. Entweder liege ich mit meinen Annahmen völlig falsch oder ist es wirklich ein Ansatz, der dem Feminismus gänzlich fehlt. Um das zu sagen fehlt es mir leider an Wissen und Zugang zu der Bewegung, darum schreibe ich. Im folgenden spreche ich hauptsächlich aus eigener Erfahrung, aber ich hoffe sie trägt dem Verständnis für das Problem bei.

Beim Lesen des Artikels fühlte ich mich beinahe persönlich angesprochen. Sowohl „Demütigungen in der Pubertät“, als auch insbesondere „die eigene Unfähigkeit, mit Frauen so umzugehen, dass sie einen nicht mit dem Prädikat ’nett‘ abbügeln“ sind mir durchaus bekannt. Auch ich wurde schon immer von Frauen als „netter Typ“ abgestempelt. Ich verstehe den Frust darüber nur zu gut. Man umwirbt eine Frau, geht dabei von einem modernen Rollenbild aus, scheitert und beobachtet den „Arschloch-Macho-Typen“ beim Erfolg an der Umworbenen. Ich sehe das Problem aber nicht im Frust über derartige Situationen, sondern darin, dass auch dem Mann noch eine äußerst schwere Rollenlast anhängt. Die Behauptung, diese Nerds lehnen Feminismus ab, weil sie einfach frustriert seien erinnert mich übrigens sehr an den haltlosen Vorwurf, die Feministinnen seien nur enttäuschte Frauen, die keinen abbekommen hätten.

Wenn es im Feminismus um die freie Wahl der Identität geht, warum sollte der Mann dann nicht die schwächere Rolle wählen dürfen? Es ist nicht leicht als Mann vor anderen Männern, aber auch insbesondere vor Frauen dazu zu stehen, dass man nicht gerne die Männerklischees erfüllt. Es ist schwer, wenn man nicht der muskulöse, beschützerhafte, coole Typ ist – sondern ein zurückgezogener, körperlich auch vielen Frauen unterlegener Nerd. Es ist schwer unter Männern mit zu reden, wenn man nicht die Frau als Lustobjekt sieht, sondern wenn man sich einfach selbst hingeben möchte um sie glücklich zu machen. Wenn man sich eine starke Frau wünscht, die sich holt was sie will. Ja, solche Männer gibt es. „Sissy“, „Schwuchtel“, „Schwächling“ wird man genannt. Für mich ist es auch nicht ungewöhnlich von einer Frau „Sei doch mal ein Mann!“ zu hören. Für viele scheint es schwer verständlich, dass man als Mann heterosexuell ist, zu seinem biologischen Geschlecht steht, aber nicht die starke Männerrolle einnehmen möchte.

Ich unterstütze auf keinem Fall Anti-Feminismus. Warum auch, ich sehne mich nach einer starken Frau. Ob man es nun Equalismus, Feminismus oder sonst irgendwie nennt, es wäre schön wenn auch Männern die Wahl ihrer Identität leichter gemacht würde. Wenn sie eine Anlaufstelle hätten und sich nicht ganz allein mit ihrem Schicksal fühlen – oder sogar pervers, weil andersartig. Für mich war es ein langer und schwerer Weg das zu erkennen und noch schwerer dazu zu stehen. Männer unterliegen einem festen Rollenbild – und nicht wenige leiden darunter. Wenn wir es schaffen, dass sie leichter dazu stehen können, dann hat die Gleichberechtigung für mich einen großen Schritt geschafft.

Gruß,

Florian S.

Wahrheit und Normen

Oder: Warum eine Privilegienmuschihete nichts richtig machen kann.

Also erstmal vorweg: Ich bin eine klassische Privilegienmuschi. Das heißt, dass ich weiß bin, aus finanziell abgesichterten Verhältnissen komme (soweit das möglich ist), überwiegend heterosexuell lebe (naja, bisher immer mit Männern zusammen, aber an Frauen durchaus interessiert), cis-gender bin (also in einem Frauenkörper lebe und das gut finde), körperlich gesund und ansehnlich geboren wurde und in einem Land lebe, das zu den reichsten und einflussreichsten der Welt gehört (konkret heißt das eigentlich nur, dass eine Armee im Zweifel dafür kämpft, dass ich zu denen gehöre, die besser an Ressourcen kommen) – Teile dieser, zugegeben kaum wirklich beeinflussbaren, Merkmale haben mich davor bewahrt mit 7 Jahren ohne Schutzkleidung in einem Bergwerk arbeiten oder als Kindersoldatin leben zu müssen. Sie haben mir ermöglicht, dass ich jetzt hier mit einem Laptop im Bett liege, eine pyramidale Nacht hinter mir, und darüber reflektieren kann, wer ich bin, wo ich herkomme und was für eine Welt mich eigentlich umgibt. Ob mich das glücklicher macht als die im Bergwerk arbeitenden Kinder? Ich weiß es nicht, aber ich bilde es mir ein. Was wäre mein Leben auch sonst wert? Und: Jaja, ich weiß, das Leben ist auch ohne Probleme nicht leicht.

Die Merkmale, wie ich sie jetzt habe, ermöglichen mir, mich in der Welt, in der ich lebe, mit weniger Hindernissen zu bewegen, als das ohne diese Merkmale der Fall wäre bzw. mit gegenteiligen Merkmalen der Fall ist. (Also weiß, hetero, cis-gender, hochgebildete, gesund, mehrheitlich als hübsch wahrgenommen) Ich gehe unter in der weißen Masse, im bürgerlichen Mittelstand, in der Vielzahl der jungen Frauen an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten dieses Landes. Ich werde nicht anders wahrgenommen wegen meiner Hautfarbe, weil die sichtbare Mehrheit in meiner Umgebung diese Hautfarbe hat. Deswegen werde ich nicht auf meine Hautfarbe oder Ethnie (ich weiß nicht mal, ob ich das sagen darf …) reduziert, sondern werde differenzierter wahrgenommen. Wenn ich einen Mord begehe, wird die Bild wohl nicht schreiben „26-jährige Mitteleuropäerin begeht Mord“ – hätte ich einen von der herrschenden Norm in Deutschland abweichenden Phänotyp, würde er an dieser Stelle garantiert erwähnt. Das erleben wir täglich: „33-jähriger $nichtweißerdeutscher begeht brutalen Raubmord“ – während ich wahrscheinlich als 26jährige Berlinerin o.ä. bezeichnet würde.

Ich werde auch nicht gefragt, wann ich entdeckt habe, dass ich hetero sei, wie denn meine Umwelt auf diese Nachricht reagiert hätte, dass ich nun mit einem Mann zusammen sei und ob wir Probleme mit der Akzeptanz haben. Oder wie das so ist mit zwei Frauen bzw. Männern. So sexuell, ne.  Ich muss mich nicht mit mitleidigen Blicken auseinandersetzen, weil ich eine Behinderung habe oder eben so gar nicht dem Schönheitsbild entspreche. Ich werde nicht angestarrt, weil ich als Fremdkörper wahrgenommen werde. Und ich muss nicht einen schweren Kampf mit mir und meiner Umwelt austragen, weil mein seelisches und biologisches Geschlecht nicht zusammenpassen. Ich muss nicht bei der Krankenkasse darum betteln, dass sie mir eine Operation finanzieren, die mir die Chance gibt die biologischen Vorraussetzungen so zu verändern, dass ich mich endlich wohl fühle. Und ich muss nicht damit umgehen, dass ich intersexuell (also mit zwei Geschlechtern) auf die Welt gekommen bin. All das muss ich nicht – und deswegen bin ich eine Privilegienmuschi.

Gesellschaften haben, so die Theorie von Jochen Hörisch (ja, der ist sogar noch Mann ;-)), die ich sehr überzeugend finde, drei Dinge zu verhandeln: Tauschen, begehren und kommunizieren. Alle Ordnungsprinzipien kreisen um die Ordnung dieser Dinge. Geld, Medien, Gott heißt ein anderes Buch von ihm, wo anhand des Titels die Theorie nochmal klarer wird. Ausgehend davon ist nun also die Auseinandersetzung mit der Art und Weise wie Kommunikation geordnet wird relevant. Wie wird Kommunikation sichtbar, wirkmächtig und beeinflussbar? Grundsätzlich, so eine einflussreiche Theorie, organisiert sich Kommunikation in Diskursen und deren Verläufen bzw. deren Evolution. Der dafür prominenteste Denker ist, neben Habermas, aber der ist da grad nicht so relevant,  Michel Foucault. Großer Mann. Ihn zu lesen will ich nicht jedem abverlangen. Ich plage mich damit rum seit ich 16 bin. Also, Foucault ist ein Wissens – Archäologe, der sich auf die Suche nach der Struktur und Entwicklung von Diskursen gemacht hat, untersucht hat, wie gesellschaftliche Kommunkation Machtstrukturen determiniert bzw. inwiefern sich Macht in diesen kommunikativen Strukturen abbildet. Was aus dieser nun folgt – ist nochmal ein ganz anderes Thema. Aber erstmal geht es mir darum Diskurs zu erläutern und die Rolle von Privilegienmuschis (und Privilegienpenissen! Ihr seid ja auch noch dazu Männer ;))  wie mir in diesem zu verdeutlichen.

Wahrheit wird gemacht

Ich zitiere mal aus der Wikipedia, weil ich finde, dass es dort ganz gut zusammengefasst ist: „Grob vereinfacht meint Foucault mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit einer jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was sagbar ist, was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden darf und von wem es wann in welcher Form gesagt werden darf (zum Beispiel nur in Form einer wissenschaftlichen Aussage)“ Grundsätzlich ist so eine Normsetzung bzw. Sprachregelung nicht notwendig schlecht, sondern vielmehr unausweichlich, ja omnipräsent und muss vielmehr ein Gegenstand der Reflektion sein. Auch muss man hierbei davon ausgehen, dass wir die Welt nur beschreiben, nicht erkennen. (siehe auch Richard Rorty) Damit haben schon viele Menschen Probleme – Wahrheit wird nicht gefunden – sie wird gemacht. Auch wenn ich verstehen kann, dass der Glaube an eine absolute Wahrheit ein einfacheres Weltbild ist, so ist die Foucault’sche Sicht auf die Welt für mich doch wesentlich plausibler. Angelehnt an die Idee, dass Sprache unser Denken wesentlich prägt, ist nun wiederum klar, dass eine Sprachregelung, vorgegeben durch die Tradition des Diskurses, eben auch das Denken und Handeln stark beeinflusst. Weiter resultiert eben aus dieser konstruierten Wirklichkeit eine Norm – diese Norm ist in erster Linie, global gesehen, der westlich-demokratische Nationalstaat. Alles was davon abweicht ist unterentwickelt, etc. Innerhalb dieser westlich-demokratischen Nationalstaaten ist nun die Norm weiß, hetero, cis-gender (also Einheit von biologischem Geschlecht und quasi gefühltem/seelischem) und, wenn man den Diskursverlauf der letzten sagen wir mal mindestens 500 Jahre beachtet (also Reformation/Neuzeit/Aufklärung/Weltkriege.), männlich, christlich und (hart) arbeitend. Weicht nun also jemensch (!) von dieser Norm ab, wird er als ab-normal empfunden. Und dafür, wie auch immer bestraft. Mal mehr, mal weniger offensichtlich. Darum geht es im Kern bei der metamodernen Rassismus- und Sexismusforschung. Mehr eigentlich nicht. Und wenn Menschen es passiert, dass sie auf Grund der Normabweichung diskriminiert werden, dann sprechen wir im allgemeinen von Diskriminierung. Also nicht im wörtlichen Sinne, weil diskriminieren heißt ja eigentlich nur Unterschiede ziehen.

Warum das jetzt so schwer zu vermitteln ist? Nun, die Konsequenzen aus dieser Sichtweise – Diskurs, Auseinandersetzung und Mobilisierung – sind beträchtlich und anstrengend und schließen tendenziell wiederum andere Menschen aus. Nämlich die, die den Normen entsprechen. Die nicht alleine auf Grund gewisser Merkmale diskriminiert werden, die nicht ständig in gewisse Schubladen gesteckt werden und daraus resultierend auch nicht ständig scheiße behandelt werden, weniger Rechte haben bzw. hatten, etc. Natürlich erleben Menschen, die der Norm entsprechen auch ständig Scheiße. Aber eben ohne die zusätzliche Scheiße, die denen widerfährt, die von der gesetzten Norm wie oben beschrieben unausweichlich, unverursacht und offensichtlich abweichen.

Anti-Rassismus ist harte seelische Arbeit

Anzuerkennen, dass es Erfahrungen gibt, die man niemals machen wird, ist hart – denn es entzieht einem Macht. Es bleibt nur Kontrollverlust. Dabei geht es eigentlich nur darum: Anzuerkennen, dass wir in Schubladen denken, dass diese Schubladen tradierte Vorstellungen von Unterdrückung reproduzieren und dass wir die freie Entfaltung von Menschen alleine schon dadurch einschränken, dass wir sie diesem Normterror unterwerfen wollen. Eben weil wir es auch selbst wollen. Denn wer will schon abnormal sein? (Dass es jetzt eine Bewegung gibt, die abnormal geil findet und dabei wiederrum zur Norm wird, ist nur ein Treppenwitz – gilt btw. auch für Anti-Rassisten und FeministInnen, die oftmals so tief in der neu definierten Norm drinstecken, dass sie wiederrum das tun, was sie anprangern – aber seis drum)

Es kommt also auf die diskursive Praxis und die daraus resultierenden Normen an. Und wie man damit umgeht.

1. Bewusstsein schaffen (auch durch Sprache). Auch wenn ich die gegenderte Sprache anstrengend zu lesen und zu schreiben finde (ich vergesse oft welche Worte ich jetzt wie umbauen muss), begrüße ich diese bewusste Auseinandersetzung mit Sprache und die folgende Sichtbarmachung. Jede Gender-Gap ist ein kleiner Arschtritt. Dass die Leute darauf genauso reagieren ist klar, aber auch bisschen traurig. Nehmt euch und die Sprache mal bitte nicht so furchtbar ernst. Ich erfinde in anderen Kontexten jeden Tag neue Wörter – ohne Bewusstsein zu schaffen. Und da meckert auch keiner.  Und auch deshalb finde ich eine Auseinandersetzung mit der Frage „Wie darf ich Schwarze Menschen eigentlich nennen“ wichtig, auch wenn ich mich selbst immer betreten verhalten, mich schäme, mich doof fühle – diese Gesellschaft kotzt mich an; ebenso wie ihr Umgang mit Gruppen, die von der Norm abweichen. Ich schäme mich dafür. Aber noch mehr schäme ich mich für mich – denn ich bin eine Privilegiemuschi, die diesen Normen auch unterworfen ist – ich bin mehr Rassistin, Sexistin und Chauvinistin, als mir lieb ist. Ja, das tut weh. Ja, das ist unangenehm. Und ja, es ist meine Pflicht, mich dem zu stellen. Dieses Gefühl muss man zulassen, auch wenn es weh tut. Erst dann ist es wirklich eine Form von „weißem Anti-Rassismus“. Erst dann zeige ich den Menschen, die von meinen Vorfahren misshandelt und missachtet wurden, Respekt und Demut.

2. Diskursive Praxis hinterfragen: Welche Begriffe sind Selbst- und Fremdzuschreibung? Wie wollen die Menschen bezeichnet werden? Was ist unfair, was ist übergriffig, was ist angemessen? Wie entstehen Begriffe? Woher kommen sie? Was sollen sie beschreiben und warum? Ist es notwendig sie zu benutzen? Sprache ist eine Waffe – wir müssen vorsichtig mit ihr umgehen!

3. De facto Herrschaftsverhältnisse anerkennen. In unserer Gesellschaft ist der default-Zustand für Machtausübung weiß, männlich, hetero und cis. Da kann man jetzt jammern, aber das ist erstmal so. Das männlich wird aufgebrochen, ebenso das weiß (Merkel und Obama) – momentan sind das aber auch noch Ausnahmen, Obama mehr als Merkel (und es gibt ja Menschen die meinen Obama sei nicht schwarz, weil seine Familie keine Sklavenerfahrung gemacht hat – was eine interessante Anekdote ist, denn sie zeigt, dass weiß und schwarz im Prinzip auch Konstrukte sind um Privilegierung/Diskriminierung sichtbar zu machen). Dieser default-Zustand von Herrschaft muss überprüft werden. Aber wie wir wissen – default-Eintellungen kann man nur ändern, regulieren – nicht gleich machen. Das ist es, was Menschen meinen, wenn sie sagen, dass die Privilegienmuschis und -penisse ihre Privilegienstellung nicht aufgeben wollen. Sie profitieren ja von diesem Zustand. Und ich kann auch verstehen, wenn Menschen wirklich sauer werden, wenn es dann flapsig heißt: Also in meiner Welt gilt das mit der white supremacy nicht – ja, genau. Denn in „deiner“ Welt regieren lesbische, schwarze Behinderte die Welt. Es geht mir jetzt auch nicht um die grundsätzliche Frage von Herrschaft. Erstmal geht es ja darum das anzuerkennen: Westen regiert die Welt, im Westen regieren die Weißen, hetero, cis-gender. Und ja, ich weiß, dass China und Indien das jetzt komplexer machen – ändert nichts an den traditionellen Diskursen. Und es geht darum, dass es Merkmale gibt, die jemand zufällig hat, die einen Zugang zu Macht wesentlich schwerer machen. Und diese Merkmale sind in unserer Tradition sehr stark verankert.

4. Weißen Stock aus dem Arsch ziehen. Diese Punkte mal zu reflektieren, mal anzunehmen, mal darüber zu reflektieren – ist ein erster Schritt. Dann kann man auch einfach mal darüber nachdenken, wie es für Noah Sow gewesen sein muss. Ich finde ihre Schilderungen wichtig und auch die Auseinandersetzung damit. Sie entspricht mit ihrem Verhalten weder dem Klischee „der Frau“, noch „der Schwarzen“ , und ist einfach mal offenbar genervt von der Ignoranz und Dummheit, eiskalt und weist diese unsensiblen und unwissenden Deppen in die Schranken. Mein Artikel über AstA-Linke hat sich eben mit genau diesen Menschen auseinandergesetzt. Diese Möchtegern-Weltretter, die sich als Anti-Rassisten, Anti-Faschischten und Feministen bezeichnen und dann nicht mal die Lesung der Autorin so vorbereiten, dass sie mit ihr halbwegs auf Augenhöhe reden können. Wenn sie sich nicht mit Rassismus beschäftigen wollen – ok, aber diesen Wohlfühl-Antirassismus können sie sich doch sparen, finde ich. ich bin jederzeit bereit es den Leuten zu erklären und finde es auch ätzend, wenn andere Menschen das nicht tun. Aber: bei soviel Inkompetenz kann ich die gute Frau Sow wirklich verstehen.

Dieser Blogpost war nun inspiriert von der Unglaublichkeit der Diskussion um Noah Sow. Der Beitrag von Malte Welding – auch wenn ich seine Kritik an der im Mittelpunkt stehenden Person nachvollziehen kann – ist so peinlich, dass ich ihn nicht verlinken werde. Und was die Empörungsindustrie von sich gegeben hat will ich auch nicht verlinken. Mein Anliegen war einfach nur mal zu erklären, was Diskurs ist und wieso Rassismus mehr ist als das N-Wort nutzen und Ausländer zusammentreten. Wieso wir in gesellschaftliche Normen denken und feststecken und das wir die auch nicht loswerden, uns aber wenigstens mal darüber Gedanken machen können und Demut zeigen. Und ja, als Privilegienmuschihete kannst du nichts richtig machen – aber irgendeinen Preis müssen die Privilegien ja auch haben.

Rassismus ist die Einteilung der Menschen in Rassen (die es so nicht gibt, tatsächlich … aber biologische Genauigkeit ist ja leider eh nicht Mainstream) und der Zuschreibung von gewissen Eigenschaften. Deswegen ist es auch Rassismus, wenn man behauptet, dass die Griechen per se weniger arbeiten. Oder dass die Juden per se schlauer sind. Oder, oder. Kategorien, Stereotype – das sind die Feinde. Wenn wir freie Entfaltung wollen, müssen wir diese Aufbrechen. Also ich will das. Denn das verstehe ich unter Emanzipation.

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tl;dr: Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

P.S. Ich beantworte alle eure Fragen gerne. Aber denkt bitte daran, dass ihr nicht mir die Schuld gebt, wenn ihr etwas nicht versteht. Fragt einfach. Ich antworte gerne. Und bleibe fair. So mein Anspruch in dieser Sache. Denn das Thema ist zu wichtig für Ego-Scheiße.

P.P.S Was ich von Blut und Boden -Ideologie als Bürgersystem halte, erläutere ich dem guten Sarrazin hier: http://juliaschramm.de/blog/moderne/deutschland-und-kulturnation/

Nochmal Auszüge von Foucault:
„Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbares Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materalität zu umgehen.“ (S. 7)

„Niemand kann in die Ordnung des Diskurses eintreten, wenn er nicht gewissen Erfordernissen genügt, wenn er nicht von vorneherein dazu qualifiziert ist. Genauer gesagt: nicht alle Regionen des Diskurses sind in gleicher Weise offen und zugänglich; einige sind stark abgeschirmt (und abschirmend), während andere fast allen Winden offenstehen und ohne Einschränkung jedem sprechenden Subjekt verfügbar erscheinen.“ (S. 26)

Literatur:

Braune Mob e.V. – Ein Verein von Schwarzen, die mal gut zeigen, was eigentlich die Probleme sind: http://www.derbraunemob.info/

Jochen Hörisch, Tauschen, sprechen, begehren. Eine Kritik der unreinen Vernunft, München 2011.

Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège de France – 2. Dezember 1970, München 1974.