Diät.

Dieser Text brennt mir auf der Seele so lange ich denken kann. Doch erst seit kurzem kann ich dieses Brennen benennen. Es ist ein seltsames Gefühl, irgendwie bedeutungsschwanger, trivial, potentiell Aufruhr erzeugend. Es ist ein sehr persönliches Thema, weswegen es mir eigentlich schwer, aber auch gerade leicht fällt. Es betrifft mich auf eine Art. Es geht um Diäten, um Abnehmen, um Körper, um Schlankheitswahn. Ich schrieb schon vor 4 Jahren:

Wieviel kognitive Energie wohl bei einer durchschnittlichen Frau für die Sorge um ihre Figur draufgeht? Ohne von einer empirischen Basis ausgehen zu können, ist die Frage zweifelsohne mit “zu viel” zu beantworten. Es geht hierbei vor allem um Rollen, Erwartungen und Angst. Und um Verschwendung im unverantwortbarsten Ausmaß.

Auch im Jahr 2015 immer noch sehr wahr. Aber es hat sich für mich in den letzten Jahren etwas verändert, was ich hier festhalten will. Aber von vorne: Ich war nie dünn. Aber auch nie dick. Ich hatte mit 13 schon quasi die Figur wie jetzt und drehe mich seitdem immer um die 75 Kilo bei 173 cm. Mal 10 mehr, mal 10 weniger. Grundsätzlich ist das natürlich eine riesige Spanne, aber die Ausreißer nach oben und unten sind eigentlich sehr selten gewesen. Ich habe also so konstant einen BMI Normalgewicht Grenze leichtes Übergewicht. Ich habe immer mal wieder versucht abzunehmen, das klappte aber nie. Ich nahm immer nur zufällig ab sozusagen – also immer dann, wenn ich es nicht erwartete und auch nicht wirklich merkte. Das war frustrierend, sehr. Es machte mich ganz wild. Wie so gut wie jedes Mädchen habe ich in der Pubertät auch eine Körperschemastörung entwickelt – also nie wirklich realistisch gesehen, wie ich eigentlich aussehe. Meine Kleidergröße bewegt sich zwischen 38-42 und ich es gab Zeiten, da kaufte ich eine 48 und war überrascht, dass sie mir zu groß war. Aber ungesund wurden meine Auseinandersetzungen mit Essen nie: Irgendwie blieb es immer im Rahmen dessen, was mein Körper vertragen konnte. Um mich herum jedoch grassierte Magersucht und Bulimie. Ich tauschte mich viel und intensiv aus mit denen, die an diesen Krankheiten litten. Ich lernte viel, ich dachte viel nach. Ich aß, ich aß weniger, ich machte Sport, ich machte keinen. +-75 kg. Aber ich kam mir immer zu dick vor. Nicht schön, abartig sogar. Ich hasste mich so sehr, dass ich weinend vor dem Spigel stand oder auf dem Bett lag und auf meine Oberschenkel schlug. Meine Umwelt konnte das nie verstehen – ja, klar, das Bäuchlein, aber sonst? So lebte ich also vor mich hin, bis es eines Tages zu viel wurde. Meine Kleidung passte nicht mehr, ich wurde depressiver von Tag zu Tag und verbrachte die Tage mit frittiertem Sushi, Serien und Suizidgedanken. Das war die Zeit nach dem Shitstorm 2012 wegen meines Buches. Eine Freundin erzählte mir damals, dass sie einfach Kohlenhydrate weglassen würde. Da ich zu dem Zeitpunkt kein Fleisch aß, dachte ich mir, dass verzichten ja machbar klingt und entschloss mich Kohlenhydrate so lange wegzulassen wie es ginge, mindestens aber bis diese eine Hose wieder passen würde. Ich ernährte mich also zwei Wochen lang von Gemüse, jeglichen Formen von Milchprodukten, Surimi und Avocado. Nach zwei Wochen merkte ich nicht nur, dass die Hose wieder passte, sondern dass es mir auch fundamental besser zu scheinen ging. Wacher, fröhlicher, entspannter und weniger Darmschmerzen. So kam ich auf den Trichter, dass mein Darm und Gluten vielleicht keine Freunde seien, was sich im Laufe der Zeit auch verfestigte. Seit zwei Jahren nun verzichte ich auf Gluten weitesgehend und habe mich auch so mit Ernährungskram beschäftgt. Seit kurzem tracke ich mein Essen in der Androidapp Noom, die mir nochmalig neue Erkenntnisse gebracht hat. Auch habe ich mich mit fat-acceptance beschäftigt, da ich zwar selbst nicht übergewichtig – bzw. nur leicht 😉 – bin, aber mein ganzes Leben unter diesem krankhaften Schönheitsidel gelitten habe, das ich nie zu erreichen vermochte. Das ist nun eine sehr lange Vorrede geworden, aber nungut, es ist mir ein Anliegen und ich möchte das hier nun verewigen, was ich gelernt habe.

1. Menschen brauchen wirklich wenig Kalorien, um zu existieren

Ungefähr 2000 Kalorien braucht ein Mensch für das Sichern der körperlichen Existenz. Für kleinere Menschen ist es weniger, für größere mehr. (Edit: Also das brauche ich bei 173, 75 kg, 29 Jahre. Ist grundsätzlich natürlich bei allen anders, aber irgendwo zwischen 1500 und 3000 siedelt sich der grundlegende Energiebedarf an.) 2000 Kalorien sind sehr, sehr wenig gemessen an dem, was unsere Gesellschaft so an Kalorienhaltigem produziert. 2000 Kalorien sind 1 1/2 Tiefkühlpizzen. Die Cola ist dann schon zuviel. Die Erkenntnis ist immer noch am Einsickern: +-2000 Kalorien, mehr brauchen wir eigentlich nicht. Klar, Hochleistungssportler_innen brauchen mehr und Menschen mit Hormonkrankheiten weniger oder mehr. Aber zur reinen Existenzsicherung braucht es nur +-2000 Kalorien. Nun ist es einen eigenen Aufsatz wert darüber zu philosophieren, warum in der modernen Welt das Schönheitsideal dem entspricht, was reine Existenzsicherung bedeutet.

2. „Ich kann essen, was ich will, ich werde nicht dick“ ist Bullshit

Nein, du kannst nicht essen, was du willst und wirst nicht dick, du willst nur nicht so viel als dass du dick würdest – so sollte der Satz richtig heißen. Alles was der Körper nicht braucht wird angesetzt – also essen dünne Menschen einfach nicht viel, sind schneller satt, haben weniger Appetit, sind Frust-Nicht-Esser, was auch immer …. aber sie nehmen offenbar nicht mehr Energie auf, als sie brauchen. Das kann unterschiedliche Gründe haben – viele davon sind genetisch, andere sind es nicht. Was aber interessant ist an der Aussage ist, dass Menschen, die sowas sagen, offenbar das Gefühl nicht kennen etwas nicht zu essen, weil es „zu viel“ ist/sein soll/sollte /sein muss. Diese Menschen kennen also diese Qual nicht. Ich kenne sie. Und ich hasse sie.

3. Die meisten Menschen schätzen sich falsch ein

Menschen schätzen sich eh gerne falsch ein – und so ist es bei der Energieaufnahme auch. Ich selbst bin ab und an noch ein wenig schockiert wieviel Energie sich tatsächlich in was befindet. Und wie wenig. Einfach mal notieren ist im Moment eine interessante Beschäftigung. Wieviel brauche ich tatsächlich, was lässt mich fit werden, was nicht? Endlich wieder einen Bezug zu meinem Körper bekommen, verstehen was der Körper braucht und was nicht. Ähnliches gilt für Bewegung. Der Burger ist nicht mit 10 km Fahrrad abgebaut. Nope. So funktioniert es nicht. Und so kommt es, dass Menschen, die sehr dünn sind meist denken sie essen totaaaal viel und bewegen sich gaaaar nicht und Menschen, die übergewichtig sind oft denken, dass sie gar nicht sooo viel essen und sich viiiiel bewegen. Appetit, Sättigungsgefühle und so sind auch eher bei der genetischen Seite zu verorten. Der Energiebedarf dagegen ist es nicht. Leider.

4. Gewicht und Gesundheit hängen zusammen, aber jeder Körper ist anders

Die Debatte läuft oftmals genau an dem Punkt aus dem Ruder: Natürlich hängen Gewicht und Gesundheit zusammen, nur anders, als die verkürzte Kette dick = ungesund, dünn = gesund. Vielmehr ist jeder Körper anders und braucht unterschiedliche Zuwendung und Zufuhr. Jede_r muss für sich selbst rausfinden, was das gesunde Wohlfühlgewicht ist. In jungen Jahren ist das natürlich alles noch unkomplizierter. Aber klar, im Alter wird es dann mit höherem Gewicht wahrscheinlicher, dass die Gelenke überlastet sind. Bei mir persönlich sind die 78 kg eigentlich ideal. Bei dem Gewicht bin ich überwiegend gesund, stabil, selten erkältet, mir ist nicht kalt, etc. pp Nach BMI habe ich bei 78 kg Übergewicht, aber mein Körper ist gesund. 10 kg weniger entspreche ich zwar dem gängigen Schönheitsideal, bin aber kränklich, blass. Gesundheit ist ein komplexes Gebilde und jede_r muss für sich selbst rausfinden, wie es gut ist.

5. Ich scheiße auf die Waage, die ist eh der Feind und BMI ist neoliberaler Dreck

Ich wiege mich nicht mehr. Es bringt eh nichts, es macht paranoid und depressiv. Wenn ich eine Diät mache, dann messe ich das anhand von Kleidung, die passen soll. Und dass der BMI ein bescheuertes Konstrukt ist, habe ich schon letztens auf Twitter mit einem Bild illustriert:

Zu dieser Zeit ging es mir sehr, sehr schlecht. Ich habe 70 kg gewogen, hatte aber fast schon Größe 36, meine Rippen kamen raus und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir dachte, dass ich echt zunehmen sollte. Damals aß ich einfach nicht. Alles tat weh, war aufwühlend, in Bewegung. Ich aß einfach nicht. Es fiel mir gar nicht schwer, ich merkte es nichtmal. Trotzdem hatte ich einen BMI von 24 – fast schon Übergewicht. BMI ist ein neoliberaler Dreck, der Menschen in Förmchen zwingt, die in den meisten Fällen nicht passen. Und sogar krank machen können. Kilo und BMI sagen gar nichts aus.

6. Menschen belügen sich gerne selbst

Es ist ein komplexes Thema und ich habe auch ein wenig Angst davor darüber zu schreiben. Aber Menschen belügen sich gerne. Ich tue das auch. Ach, naja, die Praline wird schon nicht weh tun. Dann sind es ganz schnell 5 Pralinen und der Energiebedarf für den Tag ist quasi schon gedeckt. Achja, ich bin ja heute 1 Stunde Fahrrad gefahren, das sind bestimmt 1000 Kalorien. Nein, sind es nicht, es sind 200. Ich habe heute alles in mich reingestopft was ging, nein zählen tue ich das nicht, oh es sind doch nur 1500 Kalorien gewesen? Die einfache und simple Wahrheit ist: wenn du deutlich mehr als 2000 (bzw. deinen Grundbedarf) Kalorien am Tag zu dir nimmst, lagert der Körper das ein und du nimmst zu, wenn du es nicht verbrauchst. Das ist es, was uns Menschen verbindet – +-2000 Kalorien. Alles andere ist individuell: Hunger- und Appetitgefühl, Bewegungsdrang, Vorlieben …. Außerdem: Viele Menschen hungern gnadenlos, weil 2000 (bzw. dein Grundbedarf) Kalorien einfach nicht viel ist!

7. Es geht um Kontrolle

Die Debatten über Gewicht, Gesundheit und Schönheit sind zutiefst von Kontrollansprüchen geprägt. Gerade junge Menschen flüchten sich bei kontrollsüchtigen Eltern in einen Bereich, den letztlich nur sie kontrollieren können: Das Essverhalten. Auch Gesundheit und die Frage was gesund ist und was nicht ist von Machtmechanismen durchzogen. Und Schönheitsideale sowieso. Es geht um Kontrolle und Macht. Das weiter auszuführen ist an der Stelle aber zuviel.

8. Fuck that shit. Do what you want!

url

10 Jahre Merkel. Zeit für neue Kritik.

September 2005. Es war die erste Bundestagswahl, bei der ich wählen durfte. Ich verfolgte die Berichterstattung sehr genau, war aber unsicher. Was würde aus Schröder werden, dem fleischgewordenen Albtraum linker Politik? Große Koalition? Schwarz-gelb-grün? Und dann diese Elefantenrunde. Eine legendäre Show Schröders, der, in völliger Ignoranz ob der Realität, Angela Merkel deutlich macht, dass sie niemals Kanzlerin werden wird. Nicht unter seiner SPD. Bis heute ist sein Ausfall auf YouTube als best-of sozusagen abrufbar.

Anfang 2015 sehen wir, wie falsch Schröder lag. Die Große Koalition kam und an ihrer Spitze Angela Merkel. Später formte sie eine Regierung mit Guido Westerwelle und mit den Grünen koaliert die CDU schonmal in Hessen. Angela Merkel steht blendend da, die Welt liebt sie, die wahlberechtigte deutsche Bevölkerung liebt sie und selbst die Hauptstadtjournalisten (!) sind eher an der Oberfläche kritisch, wie der New Yorker schön herausgearbeitet hat. Angela Merkel wird geliebt und bewundert. Gehasst wird sie eigentlich nur von denen, die sie auf ihrem Weg am Rande liegen ließ. Ablehnung aus der Bevölkerung trifft sie, wie Ablehnung Kanzler_innen qua Amt nunmal trifft. Und auch eine linke Auseinandersetzung erschöpft sich an der routinierten Choreographie bekannter Staatskritik.

Feministische Betrachtungen gehen sogar weitesgehend komplett unter – Kritik wird zielorientiert an den Ressortentscheidungen der Regierung geübt, viele Feminist_innen freuen sich über die erstaunlich progressive Personalpolitik Merkels und – ehrlich – ein wenig Freude, dass eine Frau an der Spitze des deutschen Staats steht, stellt sich halt auch ein. Anführerin des feministischen Fandoms ist natürlich Alice Schwarzer, die in ihrem Blatt auch schon Marine Le Pen ein wenig feierte. Kein Wunder also, dass die CDU in der EMMA-Ausgabe vor der Bundestagswahl 2013 eine ganzseitige Anzeige auf der Rückseite des Blattes schaltete.

Merkel confusedAls eher linke und feministische Politikwissenschaftlerin, die sich viel im Netz bewegt und dort arbeitet, war Merkel ein natürliches Forschungsobjekt. Die erste Frau in diesem Amt. Wie macht sie Politik? Was bedeutet ihr Frau-Sein? Wie hat sie sich gegen die hegemoniale Männlichkeit, die so offenbar in der CDU scheint, durchsetzen können? Und wieso kann das die SPD nicht? (Wobei wir da wieder bei Schröder wären, der erst ein linker Macker war, bis er in der Elefantenrunde nur noch Macker war) Warum ist Merkel eigentlich keine Witzfigur im gnadenlosen Gewitter digitaler Öffentlichkeit geworden? Und wie steht sie zum Feminismus? Diese Fragen führten mich immer mehr zu der Überzeugung, dass ich über Merkel schreiben möchte, denn wenn ich schreibe, verstehe ich. Und was läge da näher als ein Blog? Deswegen gibt es ab heute ein Merkel-Blog. Ein Blog über Macht. (Und warum der 9. Januar ein wichtiges Datum in der politischen Karriere von Angela Merkel ist und der ideale Tag ein Blog über sie zu starten, könnt ihr hier lesen: http://merkel-blog.de/angela-vs-andenpakt-eine-erfolgsgeschichte/)

Sozusagen.

merkel-blog.de

P.S. Text ist soweit im generischen Maskulinum geschrieben. Aus Stilgründen. Bildcredit: dirkvorderstrasse

 

 

 

Blutende Privatsphäre

Einst schien die Privatsphäre unabdingbar, um innerstaatlichen Frieden zu gewährleisten. Heute gibt es jeden Monat einen neuen Datenskandal, jeden Tag mehr Gewissheit, dass digitale Kommunikation irgendwem erlaubt auf private Daten zuzugreifen. Jeden Tag weniger Privatsphäre. Warum verschleudern wir dieses Gut, für das jahrhundertelang gekämpft wurde? Und liegt die Lösung wirklich darin, unsere Smartphones in die Ecke zu werfen?

Privatsphäre bedeutet auch manchmal Schweigen müssen. [Bild: Tom Murphy, CC-BY-SA-3.0]

„Blutende Privatsphäre“ weiterlesen

Sex als Ware.

„Weiße Sklaverei“ heißt es in dem Aufruf von Alice Schwarzer und vielen bekannten Köpfen, in dem ein Prostitutionsverbot gefordert wird. Eine bittere Wortwahl, die sich nahtlos in die immer wieder rassistischen Ressentiments der EMMA einreiht und recht deutlich macht, welche Rolle Sexarbeiter*innen in dem dargelegten Weltbild zugewiesen wird – die des ohnmächtigen Opfers. In ewigen Elegien über die notwendige Rettung versklavter Frauen oder mindestens verirrter Sexarbeiter*innen ergießt sich der Aufruf garniert mit den ernsten Blicken deutscher Prominenter. Die Medienanstalten des Landes freuen sich – endlich können sie wieder halbnackte Frauenkörper in zwielichtigen Situationen zeigen, vermutetes Leid inszenieren und gleichzeitig mit plattem Sexismus Quote machen.

Dem setzen sich nun zunehmend organisierte Sexarbeiter*innen entschieden entgegen und betonen, dass Sexarbeit immer selbstbestimmt sei, dass ohne Einwilligung nicht von solcher gesprochen werden dürfe. Es liegt auch nahe, dass Sexarbeit tatsächlich freiwillig gemacht wird und gemacht werden kann. Dennoch lässt sich bezweifeln, dass „nicht nur Deutsche, sondern auch Migrant_innen überwiegend freiwillig und selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig“ sind, wie es im Gegenaufruf für Prostitution heißt.

Nun muss hierbei in Betracht gezogen werden, dass die betroffenen Sexarbeiter*innen zusätzlich zum ohnehin hohen Berufsrisiko staatlichen Repressionen ausgesetzt sind und wesentliche Rechte verweigert bekommen – das ist ein unhaltbarer Zustand. Es ist notwendig sich an dieser Stelle mit den Betroffenen zu solidarisieren und die fehlenden Rechte mit einzuklagen respektive sich gegen ein Prostitutionsverbot einzusetzen. Eine kritische Betrachtung heutiger Prostitution ist zwar wichtig, muss aber immer in dem Zusammenhang gesehen werden, dass die Betroffenen sich in einem politischen Kampf befinden, der zunächst mal ein grundsätzliches Verständnis für Sexarbeit zu erkämpfen sucht. Trotzdem kommen in der ausgelösten Debatte die Töne zu kurz, die Prostitution kritisch sehen, obwohl sie sich gegen ein Prostitutionsverbot aussprechen.

Denn irgendwo zwischen dem selbstherrlichen Paternalismus bürgerlicher Feminist*innen unter EMMA-Ägide und der Selbstbestimmungsromantik privilegierter Sexarbeiter*innen liegt die eigentlich kritische Auseinandersetzung mit Prostitution und was ihre aktuelle Ausprägung – in Form von Flatrate-Bordellen zum Beispiel – uns über den Kapitalismus und die Rolle von Frauen in diesem sagt. Diese Auseinandersetzung jedoch scheuen sowohl Verfechter*innen eines Verbotes, als auch Gegner*innen. Auf der einen Seite scheinen die Verfechter*innen eines Verbots tatsächlich zu glauben ein solches würde effektiv das Anbieten von Arbeitskraft in Form von Sex verhindern. Ganz im Sinne des alten Spruchs, dass ein Verbot unter Brücken zu schlafen für alle gilt, sowohl für Millionäre, als auch für Obdachlose. Auf der anderen Seite verschweigen einige der Sexarbeits-Aktivist*innen die Tatsache, dass ökonomische Notwendigkeiten de facto bedeuten, dass ein „Nein“ zu Freiern oft nicht möglich ist und dass die Realität vieler Sexarbeiter*innen hochgradig prekär ist. Dies lässt sich nicht zuletzt an den realen Preisen für Sex bemessen, die zum Teil bei 30 Euro pro Geschlechtsakt liegen.

Die Pauschalverurteilung derjenigen, die dieser Arbeit nachgehen, als ewiges Opfer ist auf der anderen Seite jedoch nur der Ausdruck einer mystifizierten Vorstellung von Sex als immer gegenseitigem Akt der Liebe, die an den Lebensrealitäten scheitert. Dieser Illusion von ewiger Liebe, von reinen Seelen oder sonstigen bürgerlichen Wahnvorstellungen muss entschieden widersprochen werden, ganz besonders, wenn es dazu dient die Entscheidung von Menschen, wie sie ihre Arbeitskraft verkaufen, repressiv einzuschränken. Der kapitalistische Zwang seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen bedeutet auch die Entscheidung, wie die Arbeitskraft verkauft wird, treffen zu müssen. Dass sexuelle Dienstleistungen im Zweifel bevorzugt werden, ist eine legitime Entscheidung und sollte nicht mit eigenwilligen moralischen Vorstellungen überladen werden. Sex hat natürlich Warenform und eröffnet insbesondere Frauen Handlungsoptionen, die ihnen ihm patriarchalen Kapitalismus verweigert werden. Schon die organisierten Sexarbeiterinnen der Weimarer Republik betonten die durch Sexarbeit erworbene Unabhängigkeit.

Dennoch ist Sexarbeit (im patriarchal-kapitalistischen System) kein „normaler Job“. Die Berufsrisiken von Sexarbeiter*innen sind unweit höher, das Risiko Opfer unbestrafter Gewalt und Ermordung zu werden im Vergleich zur, sagen wir mal, Sachbearbeiter*in deutlich gesteigert, ganz zu schweigen von gesundheitlichen Risiken. Hinzukommt, dass Sexarbeiter*innen geächtet werden und als Schablone für Beleidigungen dienen. Die gesellschaftliche Abwertung von Frauen kulminiert in den Umständen, denen Sexarbeiter*innen ausgesetzt sind, der Tatsache, dass es Frauen gibt, denen keine anderen Optionen bleiben und der gesellschaftlichen Bewertung dieser Form der Arbeit. Kapitalistische Ausbeutung ist für die überwältigende Mehrheit der Menschheit Realität – im Fall von Prostitution zeigt sie sich aber besonders abgründig. Nicht nur werden Sexarbeiter*innen grundlegende Schutzrechte verweigert, die Gründung organisierter Interessenvertretungen deutlich erschwert und eine gesellschaftliche Stigmatisierung betrieben, sondern auf der anderen Seite werden die Risiken und Probleme der Sexarbeiter*innen gesellschaftlich ausgeblendet, während Bordellbesuche immer noch gängig sind. Konkret heißt das, dass die Unterstützung des Kampfes der Sexarbeiter*innen für das Recht ihre Arbeitskraft sicher verkaufen zu können, uns nicht davon befreit die Rolle der (meist männlichen) Freier kritisch zu betrachten.

Bernd Ulrich schreibt in der ZEIT, dass der Freier „in Wirklichkeit nicht für den Sex, sondern für die Abwesenheit der Frau als Person, als Mensch“ bezahlt. Bettina Flitners Reportage über Freier in einem Stuttgarter Bordell bestätigen diese Aussage – den befragten Freiern geht es darum, mit den Sexarbeiter*innen machen zu können, was sie wollen, keine teuren Essen zahlen zu müssen und jederzeit eine andere haben zu können. Die Wahrnehmung und Bewertung der Frau in diesem Zusammenhang ist eindeutig; Sex in diesem Kontext keine gegenseitige Sache, sondern etwas, was dem Mann gegeben wird, was der Mann sich nimmt, worauf er ein Recht hat, unabhängig davon, ob die Frau das möchte, geschweige denn Spaß hat. Hier zeigt sich auf brutale Art und Weise, welche Wertigkeit weibliche Sexualität hat und mit welcher Selbstverständlichkeit sie als austauschbar verstanden wird. Und diese Austauschbarkeit ist es schließlich, die sexualisierte Gewalt gegen Frauen so alltäglich macht, wie die Debatte im Zuge von #aufschrei gezeigt hat. Flatrate-Bordelle sind der tragische Tiefpunkt dieser konstanten und gewalttätigen Abwertung. Das Bordell wird so zum Ort von radikalisiertem Frauenhass. Anna-Katharina Meßmer formuliert es in der ZEIT (46/2013) so, dass Sexarbeit die krasse Ausprägung sexistischer, kapitalistischer und rassistischer Machtstrukturen ist.

Flitners Reportage zeigt dann aber auch, dass Freier oft mit einer bizarr romantischen Grundhaltung an Bordellbesuche herangehen. Sie nehmen das „Ich liebe dich“ der Sexarbeiter*in mit, auch wenn sie wissen, dass sie es nur sagen, weil sie sonst die Miete nicht zahlen können. Kundenbindung. So zeigt sich, dass die Warenform von Sex die simulierte Gegenseitigkeit ist, das Kaufen eines gelogenen „Ich liebe dich.“  Oder eben das sadistische Ausüben von Macht in einer Welt, in der das Männliche sich zunehmend unter Beschuss zu sein wähnt.  Widersprüchlichkeit wohnt dem Kapitalismus inne und zeigt sich im Fall von Prostitution deutlich in der Zwiespältigkeit, etwas, das sich über Freiwilligkeit konstituiert, kaufen zu wollen.

Was heißt das jetzt aber für die konkrete Auseinandersetzung mit dem geforderten Prostitutionsverbot? Alice Schwarzer hat mit ihrem Aufruf eine Debatte losgetreten, in der sich abermals nicht an dem abgearbeitet wird, was für die betroffenen Menschen die Realität ist, sondern an kruden Vorstellungen davon, was Liebe und Sex sein darf und soll. Generell zeigt sich hier die zutiefst konservative Haltung eines bürgerlichen Feminismus, der sich auch nicht zu schade ist mit der CDU zu kollaborieren. Dass dies nun auf dem Rücken von Sexarbeiter*innen ausgetragen wird ist unerträglich. Es ist unumgänglich, dass Sexarbeiter*innen geschützt werden, dass deutlich wird, dass Sexualität eben auch Arbeitskraft sein kann, dass ihnen grundlegende (Arbeits-)Rechte zuerkannt werden. Ein Verbot von Prostitution würde in der jetzigen Situation Sexarbeiter*innen schaden. Dass die real existierende Prostitution jedoch eine besonders fiese Ausprägung des patriarchal-kapitalistischen Systems ist und ein Spiegel für den umfassenden Sexismus in unserer Gesellschaft, darf dabei unter keinen Umständen vergessen werden.

Endlich gibt es Demos gegen diesen Scheiß!

Am 1. September fand in Berlin eine Demo gegen Sexismus in der Werbung statt. Die erste ihrer Art. Auf dieser haben Kathy Meßmer und ich eine Rede gehalten. Das Manuskript findet ihr nun hier. Grundsätzlich haben wir uns bemüht, verschiedene Diskriminierungslinien aufzuzeigen, klar zu machen, dass Sexismus ganz besonders nicht nur weiße cis-Frauen betrifft. Aber es spricht leider schon für sich, dass weiße cis-Frauen redeten …. Leider ist auf Großveranstaltungen immer Raum für die Reproduktion von Ausschlüssen. Das alles hat Nadia sehr gut beschrieben. Danke dafür. Ganz im Sinne Luxemburgs denke ich, dass ‚Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik Lebensluft und Lebenslicht der feministischen Bewegung ist‘. Ich hoffe trotzdem, dass ihr die Rede mögt. Kritik gerne in den Kommentaren 🙂 „Endlich gibt es Demos gegen diesen Scheiß!“ weiterlesen

Momente.

Dann tust du mir leid. Ganz tief. Ganz plötzlich. Körperlich. Eine Welt ohne die Aufregung, den Kitzel, das beschwingte Gefühl einen Menschen getroffen zu haben. Das Durchdringen deines Lebens, dessen, was übrig bleibt beim Gedanken an deine Seele. Ein Wort, ein Lachen oder das Streifen eines Geruchs, der durch den Körper rast, schüttelt. Wach. Ehrlich. Da.

Deine Welt in steifen Augen. Rein, raus. Nicht reden. Nichts wissen. Abspritzen. Das Ausgeliefertsein fühlen, begehren, statt dem Glühen eines freien Geistes hingeben, den du so unbedingt anfassen musst. Weil es dich sonst zerreißt. Und doch nimmst du ihr „Ich liebe dich“ mit, von dem du weißt, dass sie es nur sagt, weil sie sonst die Miete nicht zahlen kann. Sie kann nicht Nein sagen. Nackt.

Und du siehst nicht. Du spielst ein Programm, eine Realität, die es so nicht geben kann. Du bist der Grund. Das Angebot und die Nachfrage, magst es gegenständlich, nicht umständlich. Einfach. Faltbar. Ein kurzes Schieben der Nummer in die Hosentasche.

>>> http://www.bettinaflitner.de/fileadmin/img/Press_Artikel/Freier_STERN.pdf

Actually, no.

I (or for that matter: we) will not stop speaking out how the mark “woman” makes living uneasy.
How the mark “woman” requires to be obedient but forbid! obese.
How it feels to be judged entirely on your looks like all the time. How this judgement is formed by ridiculous beauty standards produced on a computer by adolescent guys. „Actually, no.“ weiterlesen

Es sind die Nebensätze.

“Daher ist der ‚Alternative für Deutschland‘ Erfolg zu wünschen.”

Dieser Nebensatz ist es, der die eben noch spannende Lektüre über die Problematik der Vereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus, überschattet. Gewohnt pointiert schreibt Habermas in der aktuellen Ausgabe der Blätter, was wir alle wissen sollten, was die Krise der letzten Jahre vollauf bestätigte: Demokratie bedeutet auch einen Kampf gegen Kapitalakkumulation und die eigentlichen strukturellen Probleme wurden mit zweifelhaften politischen Instrumenten überdeckt, die EU hechelt hinterher und jetzt geht alles irgendwie wieder seinen gewohnten Gang. Nochmal gut gegangen. Für einige wenige zumindest. „Es sind die Nebensätze.“ weiterlesen