Bekenntnisse eines Volvicmädchens.

„Kann ich deine Unterlagen haben?“ fragt mich der Typ einen Tag vor der Klausur. Er sieht aus wie eine Mischung aus Skater und Hipster. Er hat die Haare etwas länger, wuschig-fettig über die Ohren gestylt, braune Wildlederschuhe und alles was er tut ist immer total ironisch. Witzig. Aber doch schon geistreich. Darauf besteht er. Eigentlich ist er nämlich genial. Ein Gammeljunge aus reichem Elternhaus, der nicht genau weiß, warum er eigentlich studiert, aber mit dem Status Student eine Ausrede hat, wieso seine Eltern auch die Selbstfindungsreise in den Jemen bezahlen sollen. Also studiert er irgendwas, von dem er glaubt, dass es einfach sei. Politik. Literatur. Vielleicht was exotisches!

Das wird bestimmt locker zu machen sein denkt er sich, während er sich durch meine mit Neonfarben sortierten Unterlagen wühlt. „Machst du das immer so? Das sieht ja nach Arbeit aus.“ Ich lächle gezwungen, zucke mit den Lidern und erinnere mich daran, dass ich heute morgen aus dem Haus gegangen bin, als es noch dunkel war. Ich packte meine aus dem Wasserhahn befüllte Wasserflasche in die große Tasche voller Bücher, schmierte mir ein paar Brote und schlang meinen Schal, der auch als Bettlaken durchgehen könnte, um meinen Kopf. Mir war schon klar, dass ich die Bibliothek erst verlassen können würde, wenn es wieder dunkel ist, wenn ich viele Seiten Text gelesen oder geschrieben habe, wenn meine neon farbenen Textmarker in vollem Einsatz waren und der Gong ertönt, dass die Bibliothek in 15 Minuten schließt. Seit Monaten sitze ich viele Stunden hier, zwischen zwei Nebenjobs, um mein Studium in Regelstudienzeit abzuschließen, meinen Eltern keine Bürde mehr zu sein. Sie, die sich für mich abrackern, stolz zu machen, mit einem „sehr gut“ abzuschließen, finanziell endlich komplett unabhängig zu sein. Und das obwohl ich zu denen gehöre, die nicht arbeiten müssten, um zu studieren. Aber das wäre mir peinlich.

Ich bin die erste Generation Frau in meiner Familie, die studieren kann, darf, die von der sozialen Mobilität der früheren BRD profitiert hat. Zu einem anderen Zeitpunkt in der Geschichte wäre ich wohl Milchbäuerin und die Ehefrau irgendeines Idioten geworden. Wahrscheinlich mag ich es deswegen in der Bibliothek zu sitzen, das Privileg zu haben lernen zu können. Ich liebe studieren und ein wenig liebe ich auch meine Textmarker, die zerbeulte Volvicflasche und das Gefühl mich zwischen den Büchertürmen in meinen riesigen Schal zu wickeln.

„Haha! Du bist ja auch eine Streberin!“ ruft der Gammeljunge mir zu und plötzlich schäme ich mich. Für meinen Ehrgeiz, für die Angst meine Eltern vielleicht zu enttäuschen, keine Selbstfindungsreise nach Nordkorea gemacht zu haben. Außerdem werde ich wütend bei dem Gedanken an meine Freundinnen, für die jedes weitere Semester, jede vergeigte Klausur eine Existenzbedrohung heißt.“Ach, komm, das ist doch nicht so dramatisch!“ höre ich den Gammeljungen sagen, als er mir von seinen Reiseplänen nach Sibirien erzählt. Danach kann er dann in der Firma von Papi anfangen. Ich lächle wieder gezwungen und gebe ihm eine Kopie meiner Unterlagen. Er wird sie eh nicht brauchen.

… oder Piraten.

„How does it feel to be a hero?“ Mein Herz rast. Heldin? Ich? Ich habe doch nichts gemacht! Ich sitze im Presseraum einer Diskothek, die heute die Wahlparty der Piratenpartei Berlin beherbergt. 8,9% haben am Ende auf der Leinwand geprangt. 8,9% bedeuten einen Erdrutsch, für die Partei, für mich, für Deutschland und alle Piratenparteien auf der Welt. Deswegen sitzt der Gründer der Piraten neben mir und fragt mich, wie es sich anfühlt zu den Helden einer neuen Politikrechnung zu gehören. Ich weiß nicht, was ich antworten soll, es ist spät, verraucht und ich habe die letzten Tage kaum geschlafen. Die Anspannung hatte jeden Millimeter meines Körpers durchzogen. Berlin war die Entscheidung. Berlin war der Knackpunkt. Berlin sollte die Zukunft weisen, wie es mit der Piratenpartei weitergehen wird. Das wussten wir von Anfang an. Seit Monaten haben wir uns gestritten, geplant, gewählt, geschrieben, gebastelt, geredet, geschrien. Ich habe mich zwischendurch immer wieder zurückgezogen, mich abgeseilt, wurde die Spannung doch zu groß und belastend. Und jetzt sitze ich hier, inmitten frischgebackener Abgeordneter und Presseteams wie Al-Jazeera, und werde gefragt, wie es sich anfühlt. Was eigentlich? Ich stammele vor mich hin. Wir reden nur kurz, denn die Presse verlangt auch ihn, den Gründer der Piratenpartei. Natürlich. Ich stehe auf, bahne mir den Weg durch die Menschen und den Rauch, die Masse, die sich in allen Teilen des Gebäudes befindet, die aus allen Teilen der Welt angereist ist und die heute jubelt über einen Erfolg, an den nur wenige wirklich geglaubt haben. Also so wirklich echt geglaubt. Deswegen ist die Kandidatenliste auch fast zu kurz gewesen. 15 Kandidaten, 15 Mandate.

Ich stehe am Tresen, es ist jetzt zwei Stunden offiziell. Ich kneife meine Schultern immer noch zusammen, als müsste ich die Ergebnisse erwarten. Ich bestelle einen Gin Tonic. Ich liebe Gin seit ich Orwells 1984 gelesen habe. Benommen blicke ich durch den Raum, die freudigen Menschenmassen, die Presse – es ist alles surreal und ich begreife nicht so recht, was passiert. Ich will mich freuen, ich will lachen, ich will weinen. Aber ich stehe nur an den Tresen betoniert und umklammere mein Glas. Da ertönt leise der orgelartige Anfang des Liedes, nach dem unsere Party benannt ist: With a little help from my friends. Joe Cocker. Der Raum ist totenstill, die Gäste zerstreut, die Musik dröhnt durch die Boxen und auf der Leinwand prangt der Flyer für die Wahlparty. Das Schlagzeug setzt ein und ich bekomme Gänsehaut. Mein Körper fängt an zu zittern, meine Kehle schnürt sich zu und ich beginne an zu schluchzen. Was genau ist hier eigentlich passiert? Mit Tränem verschleiertem Blick gucke ich um mich herum. All diese Menschen, sie sind heute hier, weil sie an eine neue Politik glauben, an sich, an uns, an diese Bewegung, die es seit Jahren nun gibt und die ihre Ideen in die Welt schreit, ohne Erbarmen, ohne Rücksicht. Warum auch? Wir wollten eine Stimme und plötzlich haben wir eine. Plötzlich interessieren sie sich für uns. Für uns, die aus diesem Internet kommen. Ihre Augen blitzen, als seien ihnen Engel oder wahlweise Aliens begegnet. Sie versichern, dass sie dieses Internet auch nutzen möchten und nutzen. Sie scheinen sich zu rechtfertigen. Vor uns und den Veränderungen dieser Zeit, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Sie fragen absurde Dinge über Datenschutz und Privatsphäre, über Facebook und YouTube. Sie fragen, wie es sich anfühlt in diesem Internet. Und sie bewundern uns, so scheint es mir. Bewundern für ein Wissen, das wir uns kaum freiwillig aneigneten. Ein Wissen, das ein Kind meiner Zeit ist. Genau wie ich. Genau wie sie. Dabei ist das Internet auch viel mehr, eine Idee, die diese Welt jetzt schon nachhaltig verändert hat. Eine neue Moderne – meta. Gemerkt haben es nur wenige, dass sich in einer Parallelwelt eine Bewegung gebildet hat, die so heterogen, wie kreativ ist, die gleichen Werte teilt, eine freie, eine faire Welt herbeisehnt, auf der für jeden Menschen ein Platz ist. Für jeden. Auch für mich. Plötzlich ergibt alles Sinn.

Die Gründung der Piraten beobachtete ich ganz genau. 2006 war sie eine logische Folge der Repressionen gegen The Pirate Bay. Eine logische Folge der Politisierung einer ganzen Generation, die keine ist und keine sein will. Wir sind alt, wir sind jung, wir sind männlich und weiblich und alles dazwischen, wir kommen aus allen Teilen der Welt und sind im Geist doch verbunden. Wir sind Menschen, die das Netz mit aufgebaut haben, die es nutzen, seit sie klein sind, die im Netz leben, dort arbeiten, Geld verdienen und ausgeben. Wir bewegen uns wie selbstverständlich in den digitalen Sphären, sind geprägt in unserem Denken, unserer Art die Welt wahrzunehmen, Politik machen zu wollen.

Zunächst stand ich der Parteigründung jedoch skeptisch gegenüber: Wie oft hatten sich Subkulturen schon aufgemacht die Parteienlandschaft aufzumischen? Mit dem geschult arroganten Blick einer angehenden Politikwissenschaftlerin nahm ich die Partei zunächst nicht ernst. Stattdessen suchte ich mein parteipolitisches Glück bei den Jungen Liberalen. Mit dem Glauben liberal, ideologiefrei, pragmatisch zu sein und der Hoffnung, dass das sozial-liberal in der FDP noch vorhanden sein möge, trat ich der Jugendorganisation bei, der ich jedoch real fern und somit Karteileiche blieb. Trotzdem entschied ich mich zu Beginn des Jahres 2009 für ein Praktikum bei der FDP im Düsseldorfer Landtag. Ich wurde bitter enttäuscht. Nachdem ich zur Bundestagswahl die FDP gewählt hatte, machte ich mein Kreuzchen 2009 zur Europawahl bei den Piraten und war somit eine von 0,9% – eine geringe Zahl, so denkt man, die jedoch der Anfang einer republikerschütternden Entwicklung sein sollte. Mein Interesse an der FDP war mit den vier Wochen Landtag erloschen, vergessen der Wunsch Dahrendorf zurückzubringen, was schon damals lächerlich vermessen klang. Stattdessen suchte ich nun den Kontakt zu den lokalen Piraten und verliebte mich Hals über Kopf in eine Partei, die in ihrer Heterogenität eins verbindet: Der Kampf gegen Repressionen und für Freiheit. Der Kampf für die freie Entfaltung des einzelnen. Als sich während des Bundestagswahlkampf eine Welle des Hasses über uns Bahn brach, wusste ich, dass ich richtig bin. Eine Gruppe, die mit ihrer Forderung nach Freiheit und Solidarität so viel Hass und Ablehnung einzustecken hat, musste der richtige Ort für mein parteipolitische Engagement sein. Jetzt oder nie.

(Geschrieben: 19. September 2011)

Kunst ist Kritik

Dieser Text basiert auf einem Text, der in dem Sammelband „Blackbox Urheberrecht“ erschienen ist.

In der Debatte um eine Reform des Urheberrechts wird hart gekämpft. Wie könnte es auch anders sein, schließlich geht es um nichts weniger als Kunst, Kultur und Geld. Auch wenn um viel anderes gesprochen wird. Im Zuge der Debatte wird dabei ein Thema selten berührt: Die gesellschaftliche Funktion von Kunst. Der folgende Text soll ein kleiner, kämpferischer Anfang sein, dies zu ändern. „Kunst ist Kritik“ weiterlesen

Büchlinge!

Diesen Monat erscheinen zwei Bücher mit mir und mit über mich. Ich stelle sie euch hier einmal kurz vor:

Legenden von morgen
Geschrieben von der wunderbaren Kathi (@DieKathiWeiss) und ihrem Kollegen Philipp, die junge Menschen interviewt haben, denen sie zutrauen Legenden zu werden. Ich bin auch dabei, was mich sehr ehrt. Weitere Infos: http://www.schwarzkopf-verlag.net/katharina-weiszligphilipp-zumhasch-legenden-von-morgen.html

Blackbox Urheberrecht
Schon länger plante ich einen Text zum Thema Kunst und Gesellschaft, Walter Benjamin, Kapitalismus und meinen mir unterstellten Künstlerhass. Entsprechend kam mir das Angebot einen Beitrag in einem Sammelband zu schreiben gelegen. Grundthese: Unpolitische Kunst dient (Ur-)Faschismus. Steil wie immer und in erster Linie ein kleiner Anfang in einer Debatte um Kunst und Kultur, die mir zu sehr von Geld und Geschäftsmodellen dominiert war. Ich hoffe also auf eifrige Erwiderungen und Kritik! 😉

Weiteres zum Sammelband und die Erklärung zum Geschäftsmodell (kein DRM, reines eBook, Selbstverlag, kein total buy-out) steht auf dem Blog des Herausgebers Daniel Brockmeier, der einen tollen Job geleistet hat: http://www.privatsprache.de/buecher/blackbox-urheberrecht/ Neben meinem findet ihr im Buch Beiträge von Thomas Stadler, Mspro, Neelie Kroes, Leutheusser-Schnarrenberger, Anatol Stefanowitsch und anderen.

Die unbarmherzigen Staaten von Amerika (3/3)

Der letzte Teil meines Reiseberichts über die USA. Im Podcast WasGehtApp haben wir auch über die Reise gesprochen und bei Google+ findet ihr noch ganz viele Bilder, die ich auf der Reise geschossen habe und die alle unter CC-BY-SA stehen. English findet ihr hier: http://juliaschramm.de/translationusa3/

An der Union Station holt mich meine dritte Freundin ab. Ich bin überaus angetan von der großen Bahnstation, mit hohen Decken und Ledersesseln. Die Schilder, die betonen, dass Rumgammeln und Betteln verboten seien, nehme ich unbeeindruckt wahr. Das muss die Gewöhnung sein. Ein Highway mit kleinen bunten Häuschen und ein paar Hügeln, wo sich die Reichen vor dem Rest der Welt verbarrikadieren.

„Die unbarmherzigen Staaten von Amerika (3/3)“ weiterlesen

Die ausgestellten Staaten von Amerika. (1/3)

Disclaimer: I have written this series on my travels in the US in German. Nevertheless I kind of managed to translate it. Have fun! Thanks to my wonderful hosts! <3

Lange zog es mich nicht in dieses Land, was mich geprägt hat wie kaum ein anderes, dessen Sprache ich spreche, mit dessen Kultur ich aufwuchs und die ich bis heute liebe. Ein Land, dass ich nur aus der Erzählung kenne, aus der Betrachtung. Dennoch habe ich die Pläne Fuß auf diesen Boden zu setzen nie umgesetzt, der Sehnsucht nach dem gepriesenen Land nie eine hohe Priorität eingeräumt. Stattdessen habe ich das Land betrachtet, das wie kein anderes betrachtbar scheint, habe zugeschaut, wie es sich seit dem 11. September verändert hat, habe Fox News verfolgt, Ron Paul und Michelle Bachmann. Ich las über das, was ich irgendwann sehen wollte.

Und vielleicht wartete ich auch ab, bis ich die Chance haben konnte mir die Zeit für diese Reise zu nehmen. Vielleicht habe ich mich auch auf diese Erfahrung einfach gründlich vorbereiten wollen. Dieses Jahr machte ich mich schließlich auf. Einen Monat, 6 Städte, 3 alte Freunde, 24000 km. „Die ausgestellten Staaten von Amerika. (1/3)“ weiterlesen

2012: Rückblicke und Rücktritte

Der letzte Teil meiner Jahresrückblickstrilogie (Teil 1+2 findet ihr hier und hier) ist gleichzeitig der schwerste, behandelt er doch die Zeit um die Veröffentlichung meines Buches und meinen Rücktritt. Diese Trilogie ist die Verarbeitung mit einem Jahr, in dem sich die Wege vollends erhellten die ich beschritt und ich lernte abzuwägen. Eine Erkenntnis hat sich dabei finden können: Schreiben ist für mich keine Wahl, sondern eine innere Pflicht, ein inneres Bedrängt-werden. Dabei kennt mein Schreiben keinen Ausweg, die innere Bedrängnis ist die Liebe für Ideen, mein Antrieb zu leben. Und zu lieben. Nicht zu schreiben brächte mich um.

„unless it comes out of
your soul like a rocket,
unless being still would
drive you to madness or
suicide or murder,
don’t do it.
unless the sun inside you is
burning your gut,
don’t do it.“

So You Want To Be a Writer: Bukowski Debunks the “Tortured Genius” Myth of Creativity

Da ich immer noch nicht die richtigen Worte für all das gefunden habe (siehe: http://juliaschramm.de/2012/12/17/dackelkriege-und-reflektionen/) sind die folgenden Tweets einfach ein Ausschnitt der letzten Wochen, in denen ich mich das erste Mal seit langem wirklich mit mir auseinandersetzen konnte. Aber lest selbst.

>>> https://storify.com/laprintemps/ruckblicke-und-rucktritte

Diese letzten Tweets zu durchforsten und zu bewerten war schwerer als gedacht. Mag es auch nicht gelungen sein – es ist mein Leben

2012: Hochzeiten

2012 war außergewöhnlich und anstrengend. Im letzten Post habe ich bereits den ersten Teil der Rückblickstriologie gestartet – bis zu meiner Wahl in den Bundesvorstand. Dieser Post ist der Zeit bis zur Buchveröffentlichung gewidmet und war vor allem von privatem und piratigem Tun geprägt. Das Buch musste noch überarbeitet werden … aber das kam etwas zu kurz 😉 Da ich einen sehr ausführlichen Tätigkeitsbericht geführt habe, kombiniere ich diesen mit Tweets und Blogbeiträgen, sowie Instragrambildern. Kursive Texte habe ich neu eingefügt, die anderen sind original aus der Zeit 😉 Viel Spass!

„2012: Hochzeiten“ weiterlesen