Deutschland, Deutschland in der Nacht.

Irgendwas scheint weh zu tun bei dem Gedanken daran. Also körperlich weh. Irgendwie halt. Etwas wehrt sich gegen den Gedanken, dass Deutschland sterben kann. Muss.

In der Nacht kommen die Fackel. Auch heute wieder. In alter Tradition zücken sie eine Flamme für das, was sie glauben zugestanden bekommen zu müssen. Sie lieben eine Idee, ein Gefühl, das sie mit Deutschland verknüpfen, mit Heimat, Einheit, Kampf. Wenn sie bei sich sind, Heldentaten simulieren können, Folklore leben, die sie ihre Angst vergessen, ein gemeinsam spüren lässt, wo es sonst so kalt ist. Sie hängen einer Idee an, die ihnen Sicherheit gibt, weil sie nicht alleine sind, nie alleine sein müssen und weil sie sich verbinden können mit denen, die tun, was sie nie tun könnten. Nie denken könnten. Sie sind stolz auf etwas, was sie gerne wären und nur sein können, wenn sie auch Deutschland sind. So wie die Wehrmacht. Wie der Opa, der eigentlich doch ok war, der so gütig gucken konnte, wenn er schwieg. Und der eigentlich auch Recht hatte. Irgendwie. Auch nur ein Mensch. Unzulänglich nur, wenn er nicht Deutschland ist. Es brennt alles bei dem Gedanken daran etwas nicht lieben zu dürfen, was alles ist, das eins gerne wäre, zu verlieren, was echter ist als das eigene Versagen. Und deswegen erheben sie die Flamme, recken sich nach dem Sonnenplatz, der ihnen versprochen wurden, der nur standesgemäß ist, der am Horizont funkelt, blutunterlaufen. Und aus den Partikeln erhebt sich der Geist, der eigentlich fehlt. Homo homini deus est.

Aber eigentlich tut es nur weh. Also alles. Also das mit Opa. Oder Papa. Die Kälte aus Stalingrad gebracht, die Demütigung geerbt, nicht verzeihen, nicht vergessen. Schon gar nicht denen, die nicht sterben wollten. Für Deutschland. Damit Deutschland leben kann. Damit es geliebt werden kann. Umarmt. Und wie er dich eigentlich braucht, sich aber geniert, weil die Angst zu groß ist. Die Bilder zu stark. Zu lebendig. Wie die wehende Flagge um die Schultern, an der er sich nicht ausweinen darf. Gemeinsam dagegen. Ein Volk. Ein Blut. Ein Geist.

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  • ursula bub-hielscher

    Dass sie nicht weinen durften/konnten über den Zusammenbruch ihres Traumes, dass sie es nicht aushalten konnten, dass es eine Illusion des Gemeinsamen, der Größe war, deshalb ist es gut wenn es uns schmerzt. Sie konnten ihn nicht sterben lassen den blutunterlaufenen Traum. Geschrien haben wir, die Nachgeborenen, die 68er. Aber den Schmerz, waren wir fähig ihn zu fühlen? Ich denke nicht. Es tut weh deinen Text zu lesen und das ist gut so.

    • Roswitha Schäfer-Neubauer

      Doch, ich spüre ihn, diesen Schmerz, bis heute. Aber vielleicht ganz anders. Meine Opas habe ich nicht gekannt. Weiß nicht einmal, ob sie in dem Krieg waren oder schon vorher tot. Die älteren Geschwister meines Vaters, er selbst geboren 1923, sind bis auf einen Bruder, im Krieg geblieben. Und eine der Witwen sagte viele, viele Jahre später – “Vielleicht war es besser so. Sie sind in fremden Händen aufgewachsen, die Mutter bei der Geburt des jüngsten Kindes (meines Vaters) gestorben, und sie wurden in dem Geist großgezogen – “Für das Vaterland zu sterben”. Sie selbst besaßen keine richtige eigene Heimat, keine innere. Sie wurden bei einer kalten Stiefmutter groß, der Vater -also mein Opa väterlicherseits – durch ein Unglück gestorben. War es ein Grubenunglück? Meine Trauer hat nie dieser eigenen weitläufigeren Familie gegolten,- die ich ja nie kennengelernt habe, die Brüder des Vaters, schon vor meiner Geburt “im Krieg gefallen” – nein, mein Schmerz galt und gilt dieser namenlosen Enttäuschung, einerseits, aus “so” einem Land zu stammen, das doch einmal für seine Komponisten und Dichter bekannt war – es ist also meine ganz persönliche Enttäuschung, aus einem Land der Barbaren, der Schlächter zu stammen – aber der nie endende Schmerz ist jener über all die Toten, die durch den Überfall aus diesem Land heraus im Krieg umgekommen sind. Und – andere, weil sie aus “rassischen” Gründen wie maschinell ermordet wurden, nachdem man sie zuvor bis auf die nackte Haut ausgeraubt hat und noch heute davon profitiert – die jüdische Nachbarschaft. Das verzeihe ich nie. Und darüber werde ich auch nie hinwegkommen. Der Text von Julia Schramm hat mich sehr berührt. Ich kenne sie auch, aus meiner “Heimatgegend” -die Opas und Papas, mit diesen Gefühlen, von früher. Wir müssen jetzt wieder sehr aufpassen. Sehr, sehr, sehr.

      • ursula bub-hielscher

        Ich meinte das nicht persönlich auf mich bezogen. Ich habe ihn gefühlt und fühle ihn noch immer. Als Generation finde ich, sind wir, so wichtig und notwendig der Protest war, doch irgendwie unfähig geblieben im sein mit dem Schmerz und dem auch mal Aushalten des Unlösbaren.

  • August R. Finger

    Nach meinem Verständnis ist das Land um das es hier geht schon lange tot
    und die Leute mit der Fackel haben das nicht verstanden oder bedauern
    es. Allerdings heisst dieses Land für mich nicht Deutschland.
    Deutschland ist für mich ein anderes Land, das sich gegründet hat, um
    auf dem selben Boden gerade nicht mehr das “Dritte Reich” zu sein und zu
    dessen Kultur es gehört, an Konzentrationslager zu erinnern und sich
    zur Schuld daran zu bekennen. Diese romantische Blut-und-Boden-Idee, das
    ist das rückständige Bild das die Leute mit der Fackel propagieren,
    aber nicht Deutschland.

    Braucht man überhaupt irgendein
    Deutschland? Wenn man das Jüdische Museum, die Betreuung von
    Doktorarbeiten, die Förderung von Kunst und den Unterricht in der Schule
    nicht Daimler-Benz und der Deutschen Bank überlassen will:
    wahrscheinlich ja. Vor ein paar Wochen habe ich aus der Nachbarwohnung
    Hilferufe gehört und 110 angerufen. Die Polizei ist gekommen, hat die
    Tür aufgebrochen und verhindert, dass mein am Boden liegender Nachbar im
    eigenen Erbrochenen verstirbt. Ich will, dass Deutschland sowas macht.
    Was andererseits die Dorfprolls mit der Fackel sagen hat mit Deutschland
    soviel zutun wie Nachrichten aus Mittelerde.

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