Denn nach Auschwitz kann es nur Lyrik geben.

Als ich zu Beginn diesen Jahres auf dieses Gedicht stieß, hatte ich das erste Mal seit Jahren das Bedürfnis Lyrik zu schreiben. Also begann ich. Ziemlich diletantisch zunächst, da ich mich zwar theoretisch und akademisch seit Jahren mit Gedichten auseinandersetze, aber den Schritt zu schreiben immer ein wenig gescheut habe. Ein wenig sehr. Doch seit diesem Jahr ist alles anders, denn nicht nur ergaben sich im letzten Jahr Dinge für mich, die nur in Lyrik ausgedrückt werden können und zum anderen leben wir in einer Zeit, in der die Welt komplexer wird, die Sprache jedoch zu wenig. Im Gegenteil finden sich verstärkt die Gläubigen einer naturalisierten Vorstellung von Sprache. Dabei brauchen wir neue Wörter für neue Zusammenhänge, Wörter, die Komplexität angemessen abbilden, präziser sind. Lyrik ist ein Weg Sprache auszureizen, neue Metaphern, neue Perspektiven zu finden. Zusammenhänge benennen, die nicht viele sehen, mit Assoziationen, die zwicken. Denn nur so entstehen neue Ideen. Politische Ideen. Und nur so wird das mit den Revolutionen und den Umstürzen noch mal was. Glauben wir.

Deswegen haben Johannes Finke und ich ein kleines Projekt gestartet. Chelsea – Lyrik Intelligence. Das Magazin für textbasierte Umsturzversuche. Dabei sind tolle Autor*innen, die über Berlin in der Nacht, Angela Merkel und Demütigungen schreiben, über Leben, Ausgrenzung, Diskriminierung. Warum wir Chelsea heißen? Weil die Zeiten sich ändern.

Ich habe auf der Seite das erste Mal meinen Fleischzyklus veröffentlicht, der aus folgenden Gedichten besteht und in dem es um Sexismus, Liebe, Ehe, Gewalt und Depressionen geht. Und sowas halt.

#aufschrei
Gepresstes Fleisch
Fleischeshitze
Fleischbeben
Schlachthof, in der Bibliothek.

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Denn die Hitze macht verantwortungslos.

08.07.2013
Unbekümmertheit
Plötzlich prallt die Nachricht auf
vergessenen Durst

Der Hauch eines Geruchs
rast durch den Körper, schüttelt
wach. Gleichberechtigt

10.07.2013
Taksi statt Taksim
Drei Stunden in Istanbul
Parkplatz ohne Gas

24.07.2013
Klares Meer, türkis
Zwischen den roten Bergen
schwimmt die Kriegsflotte

Strahlende Straßen
klarer Himmel, trüber Geist
Blick über die Welt

30.07.2013
Verkühlter Nacken
Und plötzlich nur die Stille
zu verbrannter Haut.

… oder Piraten.

„How does it feel to be a hero?“ Mein Herz rast. Heldin? Ich? Ich habe doch nichts gemacht! Ich sitze im Presseraum einer Diskothek, die heute die Wahlparty der Piratenpartei Berlin beherbergt. 8,9% haben am Ende auf der Leinwand geprangt. 8,9% bedeuten einen Erdrutsch, für die Partei, für mich, für Deutschland und alle Piratenparteien auf der Welt. Deswegen sitzt der Gründer der Piraten neben mir und fragt mich, wie es sich anfühlt zu den Helden einer neuen Politikrechnung zu gehören. Ich weiß nicht, was ich antworten soll, es ist spät, verraucht und ich habe die letzten Tage kaum geschlafen. Die Anspannung hatte jeden Millimeter meines Körpers durchzogen. Berlin war die Entscheidung. Berlin war der Knackpunkt. Berlin sollte die Zukunft weisen, wie es mit der Piratenpartei weitergehen wird. Das wussten wir von Anfang an. Seit Monaten haben wir uns gestritten, geplant, gewählt, geschrieben, gebastelt, geredet, geschrien. Ich habe mich zwischendurch immer wieder zurückgezogen, mich abgeseilt, wurde die Spannung doch zu groß und belastend. Und jetzt sitze ich hier, inmitten frischgebackener Abgeordneter und Presseteams wie Al-Jazeera, und werde gefragt, wie es sich anfühlt. Was eigentlich? Ich stammele vor mich hin. Wir reden nur kurz, denn die Presse verlangt auch ihn, den Gründer der Piratenpartei. Natürlich. Ich stehe auf, bahne mir den Weg durch die Menschen und den Rauch, die Masse, die sich in allen Teilen des Gebäudes befindet, die aus allen Teilen der Welt angereist ist und die heute jubelt über einen Erfolg, an den nur wenige wirklich geglaubt haben. Also so wirklich echt geglaubt. Deswegen ist die Kandidatenliste auch fast zu kurz gewesen. 15 Kandidaten, 15 Mandate.

Ich stehe am Tresen, es ist jetzt zwei Stunden offiziell. Ich kneife meine Schultern immer noch zusammen, als müsste ich die Ergebnisse erwarten. Ich bestelle einen Gin Tonic. Ich liebe Gin seit ich Orwells 1984 gelesen habe. Benommen blicke ich durch den Raum, die freudigen Menschenmassen, die Presse – es ist alles surreal und ich begreife nicht so recht, was passiert. Ich will mich freuen, ich will lachen, ich will weinen. Aber ich stehe nur an den Tresen betoniert und umklammere mein Glas. Da ertönt leise der orgelartige Anfang des Liedes, nach dem unsere Party benannt ist: With a little help from my friends. Joe Cocker. Der Raum ist totenstill, die Gäste zerstreut, die Musik dröhnt durch die Boxen und auf der Leinwand prangt der Flyer für die Wahlparty. Das Schlagzeug setzt ein und ich bekomme Gänsehaut. Mein Körper fängt an zu zittern, meine Kehle schnürt sich zu und ich beginne an zu schluchzen. Was genau ist hier eigentlich passiert? Mit Tränem verschleiertem Blick gucke ich um mich herum. All diese Menschen, sie sind heute hier, weil sie an eine neue Politik glauben, an sich, an uns, an diese Bewegung, die es seit Jahren nun gibt und die ihre Ideen in die Welt schreit, ohne Erbarmen, ohne Rücksicht. Warum auch? Wir wollten eine Stimme und plötzlich haben wir eine. Plötzlich interessieren sie sich für uns. Für uns, die aus diesem Internet kommen. Ihre Augen blitzen, als seien ihnen Engel oder wahlweise Aliens begegnet. Sie versichern, dass sie dieses Internet auch nutzen möchten und nutzen. Sie scheinen sich zu rechtfertigen. Vor uns und den Veränderungen dieser Zeit, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Sie fragen absurde Dinge über Datenschutz und Privatsphäre, über Facebook und YouTube. Sie fragen, wie es sich anfühlt in diesem Internet. Und sie bewundern uns, so scheint es mir. Bewundern für ein Wissen, das wir uns kaum freiwillig aneigneten. Ein Wissen, das ein Kind meiner Zeit ist. Genau wie ich. Genau wie sie. Dabei ist das Internet auch viel mehr, eine Idee, die diese Welt jetzt schon nachhaltig verändert hat. Eine neue Moderne – meta. Gemerkt haben es nur wenige, dass sich in einer Parallelwelt eine Bewegung gebildet hat, die so heterogen, wie kreativ ist, die gleichen Werte teilt, eine freie, eine faire Welt herbeisehnt, auf der für jeden Menschen ein Platz ist. Für jeden. Auch für mich. Plötzlich ergibt alles Sinn.

Die Gründung der Piraten beobachtete ich ganz genau. 2006 war sie eine logische Folge der Repressionen gegen The Pirate Bay. Eine logische Folge der Politisierung einer ganzen Generation, die keine ist und keine sein will. Wir sind alt, wir sind jung, wir sind männlich und weiblich und alles dazwischen, wir kommen aus allen Teilen der Welt und sind im Geist doch verbunden. Wir sind Menschen, die das Netz mit aufgebaut haben, die es nutzen, seit sie klein sind, die im Netz leben, dort arbeiten, Geld verdienen und ausgeben. Wir bewegen uns wie selbstverständlich in den digitalen Sphären, sind geprägt in unserem Denken, unserer Art die Welt wahrzunehmen, Politik machen zu wollen.

Zunächst stand ich der Parteigründung jedoch skeptisch gegenüber: Wie oft hatten sich Subkulturen schon aufgemacht die Parteienlandschaft aufzumischen? Mit dem geschult arroganten Blick einer angehenden Politikwissenschaftlerin nahm ich die Partei zunächst nicht ernst. Stattdessen suchte ich mein parteipolitisches Glück bei den Jungen Liberalen. Mit dem Glauben liberal, ideologiefrei, pragmatisch zu sein und der Hoffnung, dass das sozial-liberal in der FDP noch vorhanden sein möge, trat ich der Jugendorganisation bei, der ich jedoch real fern und somit Karteileiche blieb. Trotzdem entschied ich mich zu Beginn des Jahres 2009 für ein Praktikum bei der FDP im Düsseldorfer Landtag. Ich wurde bitter enttäuscht. Nachdem ich zur Bundestagswahl die FDP gewählt hatte, machte ich mein Kreuzchen 2009 zur Europawahl bei den Piraten und war somit eine von 0,9% – eine geringe Zahl, so denkt man, die jedoch der Anfang einer republikerschütternden Entwicklung sein sollte. Mein Interesse an der FDP war mit den vier Wochen Landtag erloschen, vergessen der Wunsch Dahrendorf zurückzubringen, was schon damals lächerlich vermessen klang. Stattdessen suchte ich nun den Kontakt zu den lokalen Piraten und verliebte mich Hals über Kopf in eine Partei, die in ihrer Heterogenität eins verbindet: Der Kampf gegen Repressionen und für Freiheit. Der Kampf für die freie Entfaltung des einzelnen. Als sich während des Bundestagswahlkampf eine Welle des Hasses über uns Bahn brach, wusste ich, dass ich richtig bin. Eine Gruppe, die mit ihrer Forderung nach Freiheit und Solidarität so viel Hass und Ablehnung einzustecken hat, musste der richtige Ort für mein parteipolitische Engagement sein. Jetzt oder nie.

(Geschrieben: 19. September 2011)

Endlich gibt es Demos gegen diesen Scheiß!

Am 1. September fand in Berlin eine Demo gegen Sexismus in der Werbung statt. Die erste ihrer Art. Auf dieser haben Kathy Meßmer und ich eine Rede gehalten. Das Manuskript findet ihr nun hier. Grundsätzlich haben wir uns bemüht, verschiedene Diskriminierungslinien aufzuzeigen, klar zu machen, dass Sexismus ganz besonders nicht nur weiße cis-Frauen betrifft. Aber es spricht leider schon für sich, dass weiße cis-Frauen redeten …. Leider ist auf Großveranstaltungen immer Raum für die Reproduktion von Ausschlüssen. Das alles hat Nadia sehr gut beschrieben. Danke dafür. Ganz im Sinne Luxemburgs denke ich, dass ‚Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik Lebensluft und Lebenslicht der feministischen Bewegung ist‘. Ich hoffe trotzdem, dass ihr die Rede mögt. Kritik gerne in den Kommentaren 🙂 „Endlich gibt es Demos gegen diesen Scheiß!“ weiterlesen