Enteignung.

Plötzlich ist der Begriff da.

Also ernsthaft, echt. Nicht wie sonst. Nicht als Witz. Einfach da. Mit Flyern, mit Passion, mit Rudi im Geist. Und dann kommen die Mahner. Sie haben das Grundgesetz und Vorstellungen vom Marxismus, die meistens auch gar nicht stimmen. Sie kämpfen für eine Ordnung, von der sie eigentlich selbst nur wenig profitieren. Aber sie glauben daran. An die protestantische Ethik, an die Berufung und anderen religiösen Trödel, den wir im Kapitalismus entsorgt haben. Der jetzt zurückschlägt. Mit Neocons und globalisierten Finanzmärkten, mit Welthunger und Frontex, mit richkidsoninstagram.com und Intimoperationen. Und vielleicht profitieren sie ja doch. Also im Vergleich. Aber was nutzt der Vergleich, was nutzt der Trend, wenn der Backlash da ist, wenn das Haben nur wenigen gehört. Ja, gehört. Das gestehen wir ihnen zu, sie, die Wenigen, die wieder weniger werden, kleiner, elitärer. Und sie spielen. Mit Leben, mit Hoffnungen, mit unbetrauerbaren Körpern, die niemanden interessieren. Hauptsache vernetzt, gute Laune trinkend für einen Monatssatz. Wie wir verinnerlicht haben, dass Menschen verdienen, was sie haben, einfach so, dass ihnen zusteht, was sie sich nehmen. Egal zu welchem Preis. Und sei es nur der Verrat an der Kontingenz. Dieses Aushalten von Gegensätzen, logischen Ausschlüssen, Verfemung, das Glorifizieren des Machenden. Hauptsache machen. Wie die Mafia. Gold und Machen. Und wenn du es gemacht hast, brauchst du dich nicht rechtfertigen für obszönen Reichtum, für vollständige Ignoranz, für den Glauben an den Leistungsträger, der sich eigentlich nur eine Leistungsberechtigung erschleicht, der setzt, behauptet. Und gewinnt. Du brauchst nicht rechtfertigen, wieso dir ein Großteil der globalen Ressourcen zusteht. Und du siehst es nicht. Wie Marie Antoinette. Du nimmst, bestimmst und kommandierst ohne Widerspruch, ohne Gegenaktion, ohne die Verteidigung. Das ist deine Normalität. Manchmal sitzt du sogar in abendlichen Quäkerrunden im Fernsehen. Du stiehlst, lügst, gibst vor etwas zu dürfen, was andere nicht können, weil sie nicht sind wie du. Weil du hast die Gnade der Welt erfahren. Erkennbar an der Uhr an deinem Handgelenk.

Und plötzlich ist er da. Der Begriff. Und der Schreck. Aber der vergeht. Und am Ende stehen die Anderen, die Vergessenen, die Mehrheit. Und wir sind verwirrt, wir sehen sie trinken und rechtfertigen. Sie sagen uns, dass wir nur härter arbeiten sollen, mehr, besser, funktionaler. Aber sie sagen es, weil sie uns verwirren wollen, ablenken von ihrer Spielerei und dem Anspruch, denen ihnen nur die Geschichte gab. Und sie sich selbst. Zufällig. Aber der Begriff ist ja nun da. Und wir brauchen uns nicht fürchten. Wir brauchen ihn uns nur zueignen.

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Einfalt.

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Am schlimmsten ist die Einfältigkeit, die fehlende Kreativität, das Nicht-Hinterfragen, das Ja-Sagen und der Zwang die Welt in Symmetrien einzuteilen, die er kennt, die er geerbt hat, die er versteht, ohne nachzudenken. Ein Mensch, der mehr schreibt als er liest, mehr sagt als er denkt, mehr hasst als er liebt, erfüllt von der Rache gegen den Weltschmerz, sind die Projektionsflächen austauchbar, egal, Kollateralschaden. Das betont höhnische Lachen, die letzten Waffen, das letzte Gefecht vor dem Erkennen des Selbst, dem Zusammenbruch der Ideen, dem Schmerz des Nichts, der Vielfalt. Und dann die Lösung. Es ist so einfach. Manchmal haben sie gelesen, manchmal haben sie sich durchs Leben geschlagen, meist unfreiwillig, an statt Missgunst für das Andere. Plötzlich finden sie sich im Wurzelwerk der kommunikativen Triebhaftigkeit, bestätigen sich ihrer Sinnhaftigkeit und sehen die Welt wie sie zu sein scheint. Abweichung wird mit Härte, mit Häme und Hohn begleitet, so wie sie wollen, dass glänzt, was sich verennt im Augenblick der Selbstrettung, der Abschottung gegenüber der Komplexität und Radikalität des Verstehens. Gerechtigkeit gilt für sie selbst. Sie haben Zeit. Und dann verstehen sie nicht mal Lyrik.

Die Partei.

Vielleicht geht es gar nicht um Politik, sondern um den Glauben an eine Gesellschaft, um die Hoffnung doch nicht alleine zu sein. Und ist es nicht so, dass die Momente glücklich machen, in denen sich alle friedlich an den Händen halten im Inneren der sturmenden Welt und eine Entscheidung für das gute Leben treffen? Das gute Leben. Für alle. Abseits des Weltgetöses ist es diese Ruhe der Einigkeit, die allen Zweifel an der Welt übertönt, die vergessen lässt, dass Menschen selten durch Einsicht lernten und meistens nur durch Gewalt, durch Krieg. Für diese Momente leben wir; für die Harmonie, die Selbstbefriedigung, dass die Welt doch gut ist, dass wir doch nicht falsch und überflüssig sind, für die Haltung entgegen der ständig negativen Resonanz, die dir sagt, dass es sinnlos ist. Und dann erinnerst du dich an Ghandi. Oder Stalin. Du versuchst zu lernen, es anders zu machen. Gemeinsam diesmal. Doch irgendwie soll es dennoch einsam sein, denn es geht um dich, um deine Leidenschaft, deine Liebe zu dir selbst, die du immer wieder suchst. Es geht um dein Selbst, das dir fehlt und um einen Kampf, den du voller Liebe führen willst. Liebe für die Wahrheit. Und manchmal lässt dich genau diese Liebe vergessen, was Liebe ist und wie du sie leben kannst. Dann verlierst du dich im Raunen der Überheblichkeit. Denn in deinem Kopf ist alles klar. Nur in deinem Herzen nicht. Aber das stört ja nicht. Wen auch? Sie hat es ja sowieso nie interessiert, denn sie tun einfach, was ihnen gerade einfällt. Sie können das. Sie sind Menschen. Und ihnen gefällt das. Und macht es das nicht besser? Sie sind wie alle anderen. Sie sind echt. Sie richten es an. Und wir verzehren uns danach. Wir laufen hinterher. Wir glauben dieser Zeitung, auch wenn sie mit uns spielt, dabei in unser Gesicht lacht. Aber wir haben Angst vor dem Rückfall in die Taubheit, die Einsamkeit. Den Verlust der Gemeinsamkeit. Und dann erkenne ich in der Behäbigkeit wie grausam ich geworden bin, wie mich der Mut verlässt an uns zu glauben. Und dann gehe ich, lasse dich im Stich, denn es geht nicht mehr.

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Die Ehe.

Der Kampf tobt. Schon lange tut er das. Er tobt über die Frage der Definition um Ehe. Er tobt auch in mir. Und in dir. Das weiß ich. Dieser Kampf ist ein Schlachtfeld, auf dem viele andere gesellschaftliche Normen verhandelt werden.

Der Kampf um die Ehe für alle ist ein Kampf um die progressive Erneuerung unseres gesellschaftlichen Selbstverständnis. Es ist ein Symbolkampf, den es durchaus zu kritisieren gilt, vor allem, weil er im Kleinen denkt, nicht im Großen. Es ist ein einfacher Kampf, ein unterkomplexer. Ein Kampf, der die Masse packt wie die Wok-WM. Dennoch begrüße ich diese Neuverhandlung um die Ehe, denn eine gesellschaftliche Neuverhandlung auf dem Schlachtfeld Ehe bedeutet auch eine Neuverhandlung intimster gesellschaftlicher Normen. Das kann nur gut sein.

Der Begriff Ehe ist dabei natürlich schwer vorbelastet: Feindlich für alle, die nicht einer heteromonosexistischen Norm entsprechen. Die Ehe, wie wir sie heute kennen ist ein zutiefst bürgerliches Projekt und spiegelt eben so auch alle Abgründe des Bürgerlichen wider, die sich in der gesellschaftlichen Sanktionierung von Normabweichung zeigen. Die Norm ist dabei das Bürgerliche selbst, dass sich manifestiert in weißen, christlichen, monogamen, heterosexuellen cis-Menschen, die einander Versprechungen machen, die sie nicht halten können. Und genau diese Norm gilt es zu durchbrechen – die Ehe ist ein Symbol dieser Norm. Der Kampf um die Öffnung der Ehe kann also nur ein Kampf um das Aufbrechen der bürgerlichen Norm sein. Dass das nicht immer der Fall ist, hat Riot Mango bei der Mädchenmannschaft schön beschrieben.

Aber um was geht es bei einer Ehe eigentlich? Die Ehe ist die Ritualisierung des Versprechens, es miteinander auszuhalten, bis es gar nicht mehr geht. Bis zum bitteren Ende. Für einander zu sorgen. Einander zu akzeptieren, zu achten in einer Welt, in der Achtung kaum Relevanz hat. Niemals hatte. Das Versprechen bedeutet eine Zeremonie, das Versammeln geliebter Menschen, vor denen wir uns das Versprechen gaben füreinander zu sorgen, ehrlich zueinander zu sein. Trotz allem. Trotz deiner Sturheit und meinem unsteten Gemüt.

Und es beinhaltet ein Fest, wo all die Menschen vereint werden, wie sie so nie wieder vereint werden. Vereint werden können. Denn sie kommen wegen des Rituals, wegen des Versprechens, wegen der Hoffnung und wegen der Familie, die wir gemeinsam gründen wollen. Irgendwie.

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Die Idee der Ehe wurde missbraucht, sie wurde entstellt für Machtspiele und Unterdrückung, für Strafe und Politik. Dabei geht es um eine Familie, die ich mir selbst aussuche, um ein Bündnis mit Menschen, die ich liebe, die ich als Teil meines Lebens betrachten möchte, die andere als Teil meines Lebens betrachten sollen. Und um eine richtig coole Party. Dennoch behalte ich meinen Namen, denn ich mag es alleine zu sein. Und ich verstehe jeden, der sein Leben ohne jemanden wie dich verbringen will. Ehe mit sich selbst, Ehe mit Freunden, Ehe ohne Körperlichkeit.

Die Ehe ist für mich ein Kampf mit meinen eigenen Dämonen, mit meiner Priviligiertheit. Unser Ring erinnert mich jeden Tag daran, dass diese Welt scheiße ist. Er erinnert mich daran, dass ich die Scheiße nicht alleine ertragen muss; er einnert mich daran, dass ich trotzdem dankbar sein kann, ihn tragen zu dürfen. Der Kampf für die Ehe für alle bedeutet einen Kampf gegen meine eigenen Privilegien, für eine Welt, in der alle Menschen jemanden wie dich haben. Oder euch. Oder sich. Oder eben auch nicht.

Weiter lesen. Kritisch, affirmativ oder einfach schön:

http://kleinerdrei.org/2013/04/aber-ich-will-doch-gar-nicht-heiraten/
http://flannelapparel.blogspot.it/2012/10/eure-liebe-ist-straight-scharf-wie-ein.html

Okkupiert die Ehe!


Das Programm der Piraten finde ich diesbezüglich übrigens sehr gelungen: https://www.piratenpartei.de/politik/selbstbestimmtes-leben/geschlechter-und-familienpolitik/#Zusammenleben