Die ausgestellten Staaten von Amerika. (1/3)

Disclaimer: I have written this series on my travels in the US in German. Nevertheless I kind of managed to translate it. Have fun! Thanks to my wonderful hosts! <3

Lange zog es mich nicht in dieses Land, was mich geprägt hat wie kaum ein anderes, dessen Sprache ich spreche, mit dessen Kultur ich aufwuchs und die ich bis heute liebe. Ein Land, dass ich nur aus der Erzählung kenne, aus der Betrachtung. Dennoch habe ich die Pläne Fuß auf diesen Boden zu setzen nie umgesetzt, der Sehnsucht nach dem gepriesenen Land nie eine hohe Priorität eingeräumt. Stattdessen habe ich das Land betrachtet, das wie kein anderes betrachtbar scheint, habe zugeschaut, wie es sich seit dem 11. September verändert hat, habe Fox News verfolgt, Ron Paul und Michelle Bachmann. Ich las über das, was ich irgendwann sehen wollte.

Und vielleicht wartete ich auch ab, bis ich die Chance haben konnte mir die Zeit für diese Reise zu nehmen. Vielleicht habe ich mich auch auf diese Erfahrung einfach gründlich vorbereiten wollen. Dieses Jahr machte ich mich schließlich auf. Einen Monat, 6 Städte, 3 alte Freunde, 24000 km.

Ich starte in Berlin. Umsteigen in Amsterdam. Kein Coffee Shop am Flughafen. Und mein erster Nacktscanner. Ein Photo der sagenumwobenden Maschine ist mir nicht erlaubt. Politischer Tourismus wird einem schnell als Terrorismus ausgelegt. Ich bin kurz davor der mahnenden Frau am Flughafen zuzurufen “Ich bin keine Terroristin, sondern nur auf Instagram!” (Und das ziemlich persistent!)

Ich habe die Option mich durchsuchen zu lassen, den Körperscanner zu umgehen. Ich wähle den Gang in die Zelle, die wirkt wie ein Röntgengerät beim Zahnarzt, hebe meine Arme zum Kopf und warte drei Sekunden ab. Meine Neugier und das Unbehagen angefasst zu werden waren diesmal stärker. Beim Blick auf das Bild, was der Körperscanner produziert, bin ich zufrieden: Ich sehe aus wie das Maskottchen des Greendale Community College. Das dicke F neben meinem Kopf soll wohl mein Geschlecht sichtbar machen und ist tatsächlich der einzige Anhaltspunkt. Es wird manuell eingegeben.

Relativ unbeschadet steige ich in die Delta-Maschine, in der ich mit mehr Diversität konfrontiert bin, als ich es aus dem homogenen Deutschland kenne. Aus Indien, Kenia, Israel reisen sie an. Mit koscherem Essen und Punjabi, auf dem Weg zu Freunden, neuen Geschäften oder einem neuem Leben. Die Welt zu Gast bei Delta. Der Wein lässt mich meine Aufregung vergessen, die ich die Tage vorher mehr und mehr entwickelt hatte. Was mich erwarten würde, was ich sehen würde, wie die Begegnung mit meinen alten Freunden sein würde, war dabei zweitrangig, denn berechenbar. Aber wie würde ich mich fühlen? Nach den Jahren der Beobachtung nun final durch die Strßaen ziehen, die Menschen, die Städte erleben, riechen. Gibt es das Gefühl des amerikanischen Traums?

Jeden Tag zieht es unzählige Menschen in Länder und Städte, die sie nur besichtigen, in die sie nur hineinhuschen, einen Blick auf das Leben anderer Menschen in anderen Umständen erheischen, um schließlich mit konservierten Erinnerungen das eigene Leben wieder aufzunehmen. Hinter den Kulissen anderer Leben Orte suche, die es vielleicht gar nicht gibt. Orte, die wir kennen wollen. Reisen ist der flüchtige Akt eines neuen Lebens, das wir uns oftmals ersehnen. Dabei geht es letztlich darum, wie wir uns fühlen – vor, während und nach der Reise. Inklusive in Bilder eingemachte Momente.

Modernes Reisen ist geprägt von Schnelligkeit und Erlebnissuche. Manchmal von der Suche nach einem Sinn. Irgendeinem. Vielleicht kommt daher meine Abneigung für spirituelle Urlaube. Wir photographieren aus der Hektik der Touristenorte heraus, versuchen aus dem Ausstellungswert einen Kultwert zu schaffen. Wir stellen uns an, um das, was Menschen als sehenswert ausgemacht haben, ausgestellt zu betrachten, einen Teil haltbar zu machen und später in einem Ritual der Kontemplation die Botschaft für uns selbst zu extrahieren. Die Diashow als Meditation.

Die Touristenmonumente dienen letztlich dieser, denn sie konfrontieren das Ich mit einer geschaffenen Ewigkeit. Wir zelebrieren das Überleben dieser Monumente, zelebrieren ihre von uns gegebene Ewigkeit und gleichzeitig unseren Wunsch nach Kontrolle. Reisen ist also auch eine Begegnung mit uns selbst.

Meine erste Begegnung mit und in den USA ist die Passkontrolle. Wie nebenbei befragt mich der Kontrolleur nach meiner Motivation für die Reise. Seine ist dabei umso durchsichtiger. Ich fühle mich belogen, angeheuchelt. Trotzdem antworte ich auf die netten Fragen, wenn sie schon so nett sind.

Border control

Border control

Mit meinem Kirsten-Stewart-Gedenk-Koffer (eine Rolle ist kaputt und der Koffer humpelt) mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Also die Stadt. An der New York Penn Station werde ich erwartet. Noch lasse ich mich nicht beeindrucken, im Zug gibt es kostenloses W-Lan und ich gucke auf die tristen Landschaften New Jerseys. Endlich angekommen. Meine Freundin erwartet mich. Acht Jahre hat es mich gebraucht, sie endlich zu besuchen. Doch in diesem Moment sind sie vergessen. Ich betrete also die Stadt. Es ist bereits dunkel, nachmittags, Rush Hour. Ich atme tief ein, blicke mich um in den tiefen Häuserschluchten Manhattans und bin umgehend verliebt. Es riecht, wie es mich glücklich macht. Und ein wenig nach Karamellpopcorn. Benebelt von der plötzlich eintretenden Fröhlichkeit folge ich meiner Freundin durch die dreckigen Straßen. Wir fahren nach Hoboken. Das Brooklyn von New Jersey. Wir beginnen mit einem Spaziergang. Mittlerweile bin ich 24 Stunden wach, aber fest gewillt meine mühsam gezüchtete Lethargie mit Lebenslust zu bekämpfen. Zum Glück. Schließlich ist Valentinstag. (Erkennbar an der Farbe des Empire State Building)

Am nächsten Morgen treibt es mich früh um 6 aus dem Haus. Die Sonne scheint, es riecht nach Inspiration. New York wartet auf mich. Wir beginnen mit der New York Skyline von Hoboken aus und fahren dann ins Greenwich Village. Christopher Street, Stonewall, kurzen Moment inne halten. Es ist wunderschön. Es ist eine Ode an die Vielfalt. Mit großen Augen laufe ich durch die Straßen, begleitet von der Sonne und strahlenden Taxis. Ja, ich bin hier. It is all happening.

Weiter gehts: Meine Liebe für amerikanische Serien treibt mich zur Hausfassade von Friends und Sex and the City, zu 30 Rock(efeller) und einem kleinen Sandwichladen, in dem die berühmten Sandwichs produziert werden, denen Tina Fey eine ganze Folge gewidmet hat. Ich bin übermütig. Die Stadt saugt mich wie ein bettelndes Staubkorn auf. Irgendwo zwischen 5th Avenue und Margaritas-to-go in Williamsburg denke ich über Auswandern und ein kleines Schrankapartment im Westvillage nach, träume davon, wie mein nächstes Buch in dem kleinen Eckbuchladen verkauft wird. New York City ist die Hauptstadt der metamodernen Welt. Sie gibt dir alles, sie ist alles, sie nimmt dir alles.

New York City is the best city in the world. Until reality hits you.” lese ich ich in meinem Twitterstream.

Mir schlägt die Realität im Angesicht der horrenden Menge an Mittellosen entgegen, an Menschen, deren Gesichter verhärmt und verzweifelt sind, viele von ihnen arbeiten, aber können die Miete nicht oder kaum aufbringen. Zum Arzt gehen tun sie so oder so nicht. Die Abgründe des amerikanischen Traums sind in diesen Gesichtern zu sehen; in einer Stadt, in der die Mieten hochgradig lächerlich sind und selbst diejenigen mit Unterkunft oftmals zu denen gehören, die sich unter “house poor” zusammenfassen lassen: Sie haben ein schickes Apartment im Westvillage, aber keinen weiteren Dollar mehr übrig, um an der Lebensfreude dieser großartigen Stadt zu partizipieren.

Nirgendwo sonst schlagen dir Reichtum und Armut, geistige Brillianz und Provinz so unbarmherzig entgegen. Nirgendwo sonst wird die Vielfalt und Ignoranz der westlichen Welt deutlicher. Nirgendwo sonst ist die Absurdität der kapitalistischen Welt so brutal. So fühlt es sich zumindest gerade an. Ich stehe in einer Stadt, die das Symbol für eine Welt ist, die einigen wenigen alles gibt. Und ich frage mich, wie es sein muss New York als Heimat zu betrachten. Schlagartig sind die Tage der Glückseligkeit vorbei. New York ist dabei nur ein Beispiel für ein Amerika, das seine Versprechungen schon lange nicht mehr einzulösen vermag.

Meine nächste Station ist Philadelphia, Pennsylvania. Ich nehme den Zug. Er ist leer und billig. Es gibt freies W-Lan. Schwermütig blicke ich auf die gleißend leuchtende Hölle der suburbanen Ostküste, wie sie an mir vorbeizieht. Es ist wie ich es kenne.

In Philadelphia angekommen, beschäftige ich mich mit meiner Familie, schaue mir den großartigen Film Silver Lining Playbook an und freue mich auf ein Treffen mit meiner Twitterikone @neinquarterly an der University of Pennsylvania. Doch vorher ein wenig Geschichtspornographie am Independence Square. Die Wiege der Demokratie. Oder so.

Ich pirsche mich an die Liberty Bell heran. Wegen ihr bin ich da. Die Meute der Kameras lässt mich kaum ein Photo ohne wildfremde Menschen machen, die mich bei der nachgängigen Kontemplation stören würden. Denn diese ist vor Ort nicht möglich, dafür ist es zu kalt und zu bevölkert. Es die Ausstellung einer Glocke, die nicht hängt, die nicht läutet, die Symbol ist für eine Gesellschaft, die die USA nicht sind. Vielleicht nie waren. Gierig betrachten wir den Riss in der Glocke. Deswegen sind wir hier. Wegen des Risses.

Diese Gedanken entwickeln sich im Gespräch mit @neinquarterly in einer netten Kneipe, in die wir nach einer Veranstaltung an der Penn zu zeitgenössischer Deutscher Literatur gegangen sind. Wir sprechen über Benjanin und Adorno. Immer wieder Adorno. Und darüber wie mir ein Vogel auf dem Independence Square in der kalten Sonne auf die Jacke kotierte. Ich empfinde es als Symbolbild. Wir verabschieden uns mit Adorno. Ich bin zufrieden über den feinen Austausch. Am Morgen hatte ich noch drei Stunden mit meinem dreijährigen Neffen bis zur Erschöpfung gespielt. I do have it all.

Und die nächste Etappe schimmert bereits am Horizont: Die Westküste. Seattle ist die erste Station. Bis dahin sind es aber noch einige Stunden Flug. Umstieg in Houston, Texas. Zwei Stunden bleiben mir. Zwischen GI’s und Menschen in Shorts laufe ich durch die Flughafenhallen auf der Suche nach fleischloser Nahrung. Keine Chance. Statt dessen ein FoxNews-Stand, ein Laden mit Wild West – Nostalgia und eine komplett lächerliche Statue des 41. Präsidenten der USA: George H.W. Bush. Statt an einen Präsidenten denke ich beim Anblick der Statue an ein GQ-Modell. (Und nein, ihr bildet euch den “Wind” nicht ein.)

Im FoxNews-Laden kaufe ich anschließend eine New York Times. Irgendwie fühlt sich das wie eine kleine Rebellion an. Und eine Parteinahme. Niemand soll denken, ich sei nicht mindestens liberal. Bisher habe ich mich in direkten Unterhaltungen mit meinen linken und schrecklich europäischen Ideen immer mit dem Hinweis gerettet, dass ich im politischen Spektrum der USA wohl als “Stalinist” gelten würde. Damit rette ich zum Beispiel meine Debatte mit der älteren Dame im Zug, die ein Geschichtsbuch von Bill O’Reilly liest und über die Tatsache, dass Deutschland seit den 1870er Jahren “Health Care hat”, wahrlich erschrocken ist. Mein Hinweis, dass es verschiedene Staatsformen, zwei Weltkriege und den “Kalten Krieg” überstanden hat, beruhigt sie. Warum auch immer.

Mein Flug nach Seattle geht gleich und ich laufe an den vielfältigen Automaten, die wirklich alles verkaufen, vorbei. Sogar Strom. Neben einer dieser Maschinen gibt es ein Leather Spa. Ein Verwöhnungsprogramm für Leder. Oder auch eine Schuhputzstation. Im Sessel sitz ein fein gekleideter Afro-Amerikaner, der sich seine Schuhe von einem Weißen polieren lässt. Ich bleibe kurz stehen und beobachte die Szene. Eine Brise Optimismus weht mir entgegen.

An Board läuft dann Lincoln. Ein Epos über die Abschaffung der Sklaverei. Es mag an den Umständen liegen oder an meiner durch Reise induzierten körperlichen Schwäche, aber nachdem ich zwei Stunde Angst und Bange bin, dass sie die Sklaverei doch nicht abschaffen und mir bereits Tränen die Wange runterlaufen, breche ich in Tränen aus, als im Moment der gewonnen Abstimmung zur Abschaffung der Sklaverei zwei Reihen vor mir die Faust eines alten Afro-Amerikaners in die Luft geht. Nie habe ich bei einem Film so geweint. Houston lasse ich hinter mir. Ich bin bereit für die Westküste.

Nächster Teil dann nächste Woche.