Digitale Freunde sind pflegeleicht (Auszug die Zweite)

Wie letzte Woche angekündigt wird ein Teil meines Buches „Klick mich“ hier im Blog frei verfügbar sein. Diesmal mit dem Kapitel zu Freundschaft. Die Kommentarfunktion schließe ich diesmal. Bitte seht es mir nach. Nächste Woche gibt es dann noch eins. Und dann noch eins. Und noch eins 🙂 Jedes Kapitel hat ein tl;dr – es gehört also ganz normal zum Buch. Viel Spaß!

Digitale Freunde sind pflegeleicht

tl;dr: Nicht das Internet macht einsam, sondern ich bin im Internet, weil ich einsam bin. Und nicht das Internet pflegt oder beendet eine Freundschaft, Freunde tun das, denn Freundschaft ist unabhängig vom Medium. Übrigens: Daten-Exhibitionisten können auch ohne Facebook glücklich werden. {{Kommentar Stephan Urbach: Übrigens: Auch datensparsame Menschen können ohne Facebook glücklich werden.}}

Ja, ich habe mich bei Facebook gelöscht. Ja, ich habe mich mit meinem ganzen Leben, den Freunden, die eigentlich nie welche waren, und allem Angenehmen gelöscht. Meine Facebook-Identität vernichtet. Mich vom sozialen Druck der Bildmarkierung und Beziehungsstatusangabe gelöst. Emanzipiert. Ich biete dem Mainstream die Stirn. Versage mich der bunten Timeline und dem Zwang zu Netzwerken. Ein paar Mal noch öffne ich aus reiner Gewohnheit ein Tab im Browser und tippe fac ein, bevor ich realisiere, dass meine Zeit auf dieser Plattform beendet ist.

Mein Abschied von Facebook hat verschiedene Gründe. Neben der Tatsache, dass mir das Unternehmen Facebook zunehmend Angst macht, weil es alles über mich sammelt (und zwar so, dass ich nicht nachvollziehen kann, was sie wie haben und an wen sie es weitergeben), habe ich mich geirrt in seiner Bedeutung für mein Leben. Ja, ich liebe es, mich im Internet zu präsentieren und meine kleinen neurotischen Anfälle akribisch zu dokumentieren. Ich trete gerne in Kontakt mit Fremden und offenbare mich. Das geht aber nur, weil mich diese Menschen nicht persönlich kennen, weil ich mit einer anonymen Masse spreche. In der anonymen Masse gebe ich mir mit der Selbstoffenbarung die Bestätigung, lebendig zu sein, doch bei Facebook spiegele ich mich in erster Linie in den Menschen, die ich kenne, mit denen ich verschiedene Episoden in meinem Leben verbinde. Abgeschlossene Episoden. Im ersten Moment freue ich mich, die Gesichter alter Freunde auf Facebook wiederzuerkennen, frage mich, wo sie leben, was sie tun. Wir baden dann in Sentimentalitäten, die der Realität nicht entsprechen, so wie romantische Bilder in Magazinen Gefühle über Gefühle auslösen, die niemals gefühlt werden. Ich übertrage meine Gegenwart in meine Vergangenheit, die sich geschlossen in einem Raum befindet wie eine große Clique, die ich eigentlich nie hatte. Meine Freunde kennen sich ja kaum untereinander! Facebook jedoch ist wie ein Geisterschulhof, der dir im Traum begegnet. Bei Facebook sind immer alle da. Das ist anstrengend. Genauso wie der Versuch, die Gewissheit zu verschleiern, nur sich selbst zu haben. Denn Freundschaft ist eine Gemeinschaft der einsamen Geister, sie findet statt in dem Glauben an die Großartigkeit des Gegenübers. Jedes Medium ist grundsätzlich in der Lage, Freundschaft zu transportieren, die Sprache zu übermitteln.
Eine Zeit lang dachte ich, dass Facebook mir helfen würde, meine Vergangenheit und die Menschen darin zu erleben, besser mit ihnen verbunden zu sein. Aber das stimmt nicht: bei Facebook bestrahle ich sie vielmehr mit meinem Leben, das ich für die kleinen, begrenzten Statusnachrichten aufarbeite.

Und Menschen, die du bereits kennst, werden durch ihre Statusnachrichten bei Facebook nicht unbedingt interessanter. Schlimmer noch: meistens liest du plötzlich die politische Meinung von jemandem, mit dem du bisher ungezwungen Spaß hattest beziehungsweise glaubtest, diesen gehabt zu haben. Niemals wollte ich wissen, dass meine gute Freundin aus der Schule zu Guttenberg mag. Wir haben uns damals nur über Jungs unterhalten, aber dass sie Sozialhilfe abschaffen will, lässt mich an der Vergangenheit zweifeln und an meiner Menschenkenntnis. Es ist mir unangenehm. Ich möchte das nicht lesen, sehen, wissen- und das, obwohl es in unserer kulturellen Kodierung liegt, dass wir gerne viele Freunde haben. Große Cliquen sind ein Statussymbol, Netzwerker gelten als erfolgreicher. Die sozialen Netzwerke entsprechend zu bauen und mit Freundschaft zu assoziieren, ist maßgeblich geworden für das, was man heute Erfolg nennt. Freunde sammeln, archivieren, beobachten, vorzeigen. Ein virtuelles Poesiealbum.

Es ist Selbstbetrug, sich einzureden, nicht alleine zu sein, schießt es mir durch den Kopf. Freundschaft ist der lebenslange Versuch, eine Gemeinschaft zu schaffen, eine Gemeinschaft des Denkens und Lachens, des Redens und Schweigens, eine Gemeinschaft des Geistes. Maya und ich machen es uns nicht leicht. Seit ­Jahren sind wir befreundet, offline und online. Der Spiegel, den sie mir vorhält, blendet und schmerzt und ist manchmal schwer zu ertragen. Und doch setze ich mich dem aus, auch um mich selbst in ihr zu erkennen.

Ihre Ignoranz gegenüber den Problemen dieser Welt belastet mich so sehr, wie sie mich verführt. Mit ihr kann ich meinen Weltschmerz vergessen, in der Verzweiflung über die Welt als ewiges Hamsterrad erscheint die Flucht in die Subjektivität charmant, ja verwegen. Wer traut sich denn schon zu sagen, dass die anderen Menschen irrelevant für die eigene Lebensplanung sind? Maya traut sich das – auf ihre naive­ und trotzige Art, die Welt gerade nicht zu verstehen. Sie versteckt sich hinter Kaschmirpullovern und Opernbesuchen (obwohl sie von Oper keine Ahnung hat), die ihr eine seltsame Sicherheit geben, so in der Welt zu leben, wie es ihr richtig erscheint: frei und selbstsüchtig. Auf die Bewunderung folgt jedes Mal der Moment der Ernüchterung, in dem mir die Tatsache, dass dieser Strudel der Ignoranz mich packen konnte, wie eine Bankrotterklärung meines Geistes vorkommt. Dann beginnt die Entfremdung von Maya und ich krame mein idealistisches Ich wieder hervor und greife sie an. An diesem Punkt wird das Internet regelrecht zum Feind unserer Freundschaft, weil digitale Kommunikation, das, was wir ohnehin schon schwer ausdrücken können, oft zusätzlich und unnötig verzerrt. Manchmal sitze ich vor dem Bildschirm und schreie laut angesichts dessen, was Maya mir abermals um die Ohren tippt. In das Fenster des Chats schreibe ich jedoch 
einen Satz, der mich abgebrüht wirken lässt, versehen mit einem grinsenden Smiley 😉 – kein Smiley provoziert stärker durch seine Selbstherrlichkeit. Kein Smiley täuscht Desinteresse besser vor. Kein Smiley drückt unsere zwanghafte Ironie besser aus. Nichts ist so ­gemeint, wie es geschrieben wurde. An alles kommt der alles relativierende Smiley. An alles. Mit diesem Smiley mache ich mich unangreifbar, ich stelle alles infrage, meine nichts so, wie ich es sage. Dieser Smiley ist mein Schutzschild, hinter dem ich alles sagen kann, was mich umtreibt: jede Bösartigkeit, jede Frechheit, alles Verletzende. Ich kann all das sagen, was ich mich ohne Smiley nicht traue. Und dank Smiley merkt mein Gegenüber nichts von meinem emotionalen Ausbruch, sondern liest nur einen Satz, der ebenso cool wie verletzend gedacht ist und an dessen Ende dieser hochnäsige Smiley steht.

Habe ich anschließend erreicht, was ich wollte – Maya lässt nun ihrer Cholerik freien Lauf –, sitze ich mit einem strammen Hauch der Genugtuung vor den wild auf meinem Bildschirm aufspringenden Buchstaben. Wird es mir zu viel, klappe ich den Laptop einfach zu und stelle mir die tobende Maya in einem Käfig vor, denn ihre Wut kann mich nicht von Angesicht zu Angesicht erreichen. Dass sie mich dennoch immer trifft, muss sie ja nicht wissen.

Dass eine Freundschaft im Netz durchaus funktionieren kann, beweist meine rein digitale Freundschaft mit Junto. Ich lernte den Internet-Aktivisten aus dem Nahen Osten bei einem von Mortensens IRC-Chats kennen. Mortensen, der Junto auch nur über das Netz kannte, hatte schon viel von ihm berichtet, und so fiel mir der Name in der Liste der Chatteilnehmer sofort auf. Wir merkten schnell, dass wir uns viel zu sagen hatten. Wir diskutieren vor allem über Politik. Mit jedem Gespräch wächst unsere Vertrautheit. {{Kommentar Stephan Urbach: Im Laufe meines Aktivistenlebens habe ich viele Menschen im IRC oder über andere Plattformen kennengelernt. Ich habe Freunde in Syrien, die gegen das Assad-Regime kämpfen, die in einen Bürgerkrieg geraten sind. Junge Menschen, 20, 21 Jahre alt. Studierende. Ich kenne ihre Familiengeschichte, ihre Hobbys, Träume. Wir verabschieden uns aus den gemeinsamen Gesprächen immer mit „Let‘s meet in better times.“ Mittlerweile sind fast alle tot. Keiner von Ihnen hat es bisher nach Deutschland geschafft.}}Wenn wir chatten, ist es, als sähen wir uns in die Augen. Und obwohl ich Junto noch nie in die Augen geguckt habe, vertraue ich ihm, mag ihn und, ja, wertschätze ihn als den Menschen, der er ist. Ich habe gar nicht das Bedürfnis, ihn persönlich zu treffen, so gut kenne ich ihn. Ich fühle mich eher wie ein Romantiker, der in der Ferne die Intensität verspürt. Wir haben eine Geschichte zusammen, wir haben Geheimnisse und ein ganzes Set an Humor und Themen. Das verbindet uns, auch wenn wir uns noch nie getroffen haben. Einmal war Junto in Deutschland. Aber ich habe ihn verpasst. Zum Glück.

Funktionierende digitale Freundschaften können mise­rabel werden, wenn die Körper zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind. Viel zu oft ist es mir schon passiert, dass ich darauf gepocht hatte, Menschen zu treffen, deren Internetart ich liebte, nur um anschließend zu merken, dass wir uns im echten Leben nichts zu sagen haben. Wo war der Charme, der Esprit, der Witz von @Mlle_Amalthea?

Stattdessen große, leere Augen, versiegelte Lippen und die Frage: Wie kannst du in 140 Zeichen so sprühend sein, wie du bist, wenn du doch so scheu bist, wie du bist?! {{Kommentar Claudia Schramm: Das passiert auch im „realen“ Leben: Wir projizieren in eine/einen Unbekannte/n all unsere Sehnsüchte und Wünsche und glauben daran, dass der oder diejenige so zu sein scheint, wie wir uns das wünschen.}}

Einvernehmlichkeit im Geiste kann leicht an den Körpern scheitern. Oder umgekehrt an der bloßen Reduktion auf den Geist. Junto und ich kommunizieren vor allem über das geschriebene Wort, das mittlerweile die gleiche Geschwindigkeit erreicht hat wie das gesprochene. Und so lerne ich auf eine neue Art Menschen kennen und lieben.
Digitale Freundschaft tippe ich in die Suchmaschine und hoffe auf clevere Artikel, die das Phänomen erläutern und Licht ins Dunkel der metamodernen Freundschaft bringen. Hilfreich erscheint mir das alles nicht. Freundschaft ist ein Konzept der Moderne, gebunden an alles, woran wir glauben: Gleichheit, Wahlfreiheit und Individualismus. Wir begegnen unseren Freunden auf Augenhöhe, dass sie einem Zweck dienen, ist verpönt. Unsere Freundschaften bestehen außerhalb unseres täglichen Tuns, wir sind nicht abhängig von unseren Freunden, die wir selbst wählen. Freunde sind die Familie, die wir uns selbst aussuchen; das Versprechen der Aufklärung ist die Freiheit, über unser Umfeld zu bestimmen. Freundschaft wird so zu dem 
Ort, der vor der bösen Welt beschützt. Digitale Freundschaften sind anders und doch irgendwie gleichwertig. Jede Freundschaft hat ihre Sprache, ihre Form der Kommunikation. Chatten zerstört keine Freundschaft – Freunde tun das. Und Facebook erhält keine Freundschaft, Facebook stellt sie nur ins Schaufenster.

Trailer und Ankündigung

 

Das ist also der Trailer zu meinem Buch, das es seit letzter Woche zu erwerben gibt. Wie angekündigt erscheinen Teile des Buches hier auf dem Blog, morgen ein nächstes Kapitel. Die Kommentarfunktion ist in diesem Blog bis auf Weiteres geschlossen. Aus Gründen.

Update: Das Video ist jetzt auf meinem Account verfügbar. Ohne Kommentarfunktion auch da. Warum? ==> hassnachrichten.tumblr.com

Vorwort (Auszug aus Klick Mich)

Heute erscheint mein erstes Buch: Klick mich – Bekenntnisse einer Internetexhibitionistin im Knaus Verlag. Ihr könnt es als Hardcover und eBook erwerben (zB hier: http://www.randomhouse.de/Buch/Klick-mich-Bekenntnisse-einer-Internet-Exhibitionistin/Julia-Schramm/e408990.rhd ) Während nun das gedruckte Buch ein Referenzwerk ist, dass so steht, wie es steht, kam in uns die Idee auf, die neuen Möglichkeiten besser zu nutzen und das Buch vorab kommentieren zu lassen. Also fragten wir Stephan Urbach (an den eine Figur angelehnt ist) und meine Mutter, ob sie das Buch nicht kommentieren möchten. Das taten sie. Das Ergebnis seht ihr hier. Diese Woche könnt ihr das Vorwort kostenfrei lesen. Nächste Woche dann ein anderes Kapitel. Insgesamt werden hier ein paar Kapitel vorab zu lesen sein – jeweils mit den Kommentaren von Stephan und meiner Mutter. Wenn ihr selbst kommentieren wollt, könnt ihr das natürlich in den Kommentaren! Viel Spass.

Vorwort
Mein Name ist Julia und ich lebe im Internet. Ich bin da ziemlich glücklich, habe Freunde, die ich nur digital kenne und abschalten kann, wann ich will. Wir reden, lachen, weinen, streiten, hassen, tauschen Gedanken und Videos aus, lästern und verlieben uns. Diese Welt ist Teil unserer Realität und hat doch ihre eigenen Regeln. Sie legt sich wie ein Schleier auf unsere Kohlenstoffwelt, verändert sie und ist doch eigenständig. Für viele ist diese Welt des Geistigen hinter dem Monitor künstlich. Doch für mich ist sie wahrhaftig und real. {{Stephan Urbach: Julias Vorstellung von sich und ihrem Leben steht exemplarisch für die Abertausenden, die gerne als „digital natives“ bezeichnet werden. Ja, Julia ist nicht wie ich aus der bürgerlichen Welt ins Netz emigriert, sondern im Netz geboren. Sie schaut mit dem gleichen Stolz auf das Netz wie der typische US- Amerikaner auf „sein Land“, völlig ignorierend, dass die „ersten“ Einwanderer das Netz überhaupt erst für sie  bereitet haben; wie die Pilgerväter das Land den Ureinwohner Abnahmen, nahmen wir Immigranten den Admins das Netz weg.}}

Angefangen hat mein Leben aber jenseits dieser neuen, aufregenden Welt, denn aufgewachsen bin ich mit der Liebe zu Büchern, dem Schreiben und sehr gut behütet in einer kleinen deutschen Stadt. Mein Weg an den Computer Mitte der 1990er Jahre war ein selbstverständlicher Schritt.

 

Dank einer kostenlosen Stand­leitung meines Vaters, die damals jedoch nur benutzt werden konnte, wenn niemand telefonierte, begriff ich den Computer und das Internet bald als idealen Ort für meine Neugier und meine Ideen, auch wenn die Ladezeiten mich trotz privilegierter Stellung (immerhin bleiben mir AOL-CDs erspart!) zu Beginn in den Wahnsinn trieben. {{Stephan Urbach: Julia verkennt, dass diese AOL-CDs erst vielen Menschen den Weg ins Netz gezeigt hat. Ohne AOL wäre das Netz erst viel später im großen Stil besiedelt worden. Wir sollten sie in Schreinen verehren. Oder doch nicht?}} Denn meine ersten Erfahrungen mit den unendlichen Weiten des Internets machte ich in einer Zeit, in der sie noch gar nicht so weit waren.

Ich bin 1985 geboren, 1982 hatte das Time Magazine den Computer zum »Man of the Year« ernannt.  Wie selbstverständlich nutzte ich jede Plattform zur Anhäufung von Informationen und Wissen – Bücher, Teletext, Pager, Zeitungen, Cornflakespackungen und das World Wide Web. Dass sich mein Leben bald so weit wie möglich digitalisieren würde, ahnte ich damals nicht. Wie auch? Jahrelang bewegte ich mich intuitiv im Netz, bevor ich halbwegs verstehen konnte, wie das Internet funktioniert. Und deswegen bin ich wohl ein Digital Native. Eine digitale Eingeborene.

Von klein auf habe ich meine Zeit mit Mal- und Schreibprogrammen und in den Weiten des WWW verbracht, meine Gedanken in Pixel transformiert. Mit Hilfe dieser Pixel rufe ich meine gefilterte Wahrnehmung in die Welt hinein, ohne ein Megaphon, ohne einen direkten Empfänger. So ist sie für immer und ewig den unendlichen Dimensionen des Internets eingeschrieben. Theoretisch. Ich webe meine Sätze in dieses kaum kontrollierbare Flechtwerk elektrischer Impulse. Teile überleben, werden gespeichert, Teile verschwinden. Dabei weiß ich nie, wer letztlich meine Worte liest oder was mit ihnen passiert. Ob es mir Angst macht, dass meine Gedanken eventuell verewigt werden, auch wenn sie oft gedankenlos sind, frage ich mich zwar, doch berühren tut es mich nicht. Gedanken, die meinen Kopf verlassen, gehören der Welt, für die ich sie ver­pixele. Die Programme haben sich inzwischen verändert. Die Funktion nicht. Ich bin täglich neu Teil des Netzes. Ich werde digital. Die Bedienung ist heute schöner, ja, auch einfacher und trotzdem bleibt das Internet für mich ein Ort – meine Heimat. Doch diese wird seit geraumer Zeit angegriffen, von großen Unternehmen und Politikern, die sich vor den rasanten Veränderungen fürchten, die Kontrolle brauchen. Auch deswegen möchte ich von meinem Leben im Netz berichten, von meiner Entwicklung dort, eine Tür zu meiner Welt öffnen. Einen Einblick gewähren. Ich möchte von einem Kampf berichten, der vom Traum einer virtuellen Polis motiviert ist, in der es jedoch keine Unterdrückten gibt, keine Ausgebeuteten, sondern nur freie Menschen. Und wenn ich den dunklen Seiten der digitalen Freiheit meine Aufmerksamkeit schenke, den Abgründen und Ängsten, dann nur, weil auch sie zu meiner Heimat gehören. Denn diese ist wie jeder andere menschliche Ort auch eine Pfütze der Eitel- und Begehrlichkeiten.

Wie jede andere Heimat auch ist meine Heimat von Menschen bevölkert. In meiner Heimat jedoch können alle Menschen – so sie freien Zugang zum Internet ­haben – gleichzeitig sein, hier werden das Wissen und die Geschichten aller Menschen vereinigt, gesammelt und archiviert. Das Große und das Banale, das Heilige und das Profane, das Nützliche und das Unnütze. Eine riesige Bibliothek, die eine Erweiterung meiner Möglichkeiten bedeutet, einen Einblick gibt in das Wissen und Denken unserer Zeit, aller Zeiten. Als Element dieser, meiner Welt bin ich stets im Wandel, eine ständige, sich verändernde Kopie der Welt und meiner selbst, die alten Versionen immer gegenwärtig und vor Augen. {{Stephan Urbach: Ja, wir wandeln uns ständig. Nicht nur im Netz, auch außerhalb. Im Netz fällt es uns nur leichter, diesem Wandel Raum zu gewähren, denn wir sind freier. Soziale Zwänge, eine Identität zu behalten, existieren im Netz nicht. Im Laufe unseres Lebens erschaffen wir viele Alter Egos – im Netz können wir sie auch sein.}}

Dieses Buch ist in erster Linie von mir, Julia, geschrieben, aber auch von den verschiedenen älteren Versionen meines Ichs und meinen diversen Rollen. Denn bis heute habe ich im Netz verschiedene Identitäten geschaffen, die sich durch verschiedene Pseudonyme ausdrücken. Sie entsprechen meinen Lebensphasen und dokumentieren meine Entwicklung.
In meiner ersten rebellischen Phase mit 13 nannte ich mich chloe.f.f.w – chloe for a free world. So hieß auch meine Beepworldseite, die ich bereits damals mit Parolen gegen den Kapitalismus und für Gerechtigkeit füllte.

Mein Pseudonym war als Programm gedacht, auch wenn man das nicht erkennen konnte. Ich selbst wusste von meinen heroischen Absichten, das genügte. Im Geiste dieses Pseudonyms stritt ich mit meinem Vater, der mich darauf hinwies, dass man in meinem Alter nun mal Kommunist sei und dass das weggehen würde. Einmal beim Abendessen diskutierten wir die Frage, ob jeder Mensch automatisch das größere Stück Fleisch nehmen würde. Wir schnitten unser Schnitzel in ungleiche Stücke und philosophierten über die menschliche Natur. Zerknirscht aß ich anschließend ein kleines, kaltes Stück Schnitzel.

Eine Zeit lang, ungefähr von 19 bis 24, nannte ich mich jade – ob englisch oder deutsch ausgesprochen, konnte sich jeder aussuchen. Hart, kalt und schön – eine Zuschreibung, die mich im Netz ein paar Jahre begleitete, mit der ich jedoch auch offline völlig selbstverständlich angesprochen wurde. jade hatte dem Idea­lismus den Rücken gekehrt und versuchte sich mit Zynismus dem politischen Kampf für eine Welt zu verschreiben, die per Computer wenigstens ein bisschen besser organisiert werden könnte. You can’t change the world but you can look gorgeous while trying it.
Pseudonyme sind für mich etwas sehr Persönliches und Individuelles, sind eine Ausdrucksform für meine Identitäten und die Person, die ich gerne sein möchte. {{Claudia Schramm: Wir alle unterliegen mehr oder weniger dem Eindruck „Ich bin nicht gut genug – wäre ich anders, würde ich mehr geliebt und gewertschätzt.“ Was für eine Gefahr! Und welch ein Trugschluss, der uns früher oder später unglücklich macht.}}

Ein Anker in der Geschichte meiner Persönlichkeit und ein Anknüpfungspunkt. Ein kreatives Pseudonym ist außerdem ein präzises Erkennungsmerkmal in einer Welt, in der äußerliche Merkmale keine Rolle spielen und weltliche Namen Massenware sind. Seit 2009 heiße ich im Netz nicht jade oder chloe.f.f.w oder ­Julia, wie alle Mädchen meines Jahrgangs, sondern vor allem laprintemps, angelehnt an das Ballett »Le sacre du printemps« von Strawinsky. Nicht nur gehört die Frühlingsweihe seit Disneys »Fantasia« zu meinen musikalischen Lieblingen, auch verliebte ich mich in das Wort »printemps«. Fröhlich, doch eigen, schön, doch hart. Umständlich, doch klar. Und wie das Musikstück etwas seltsam. So seltsam, dass ich es selbst nicht immer auf Anhieb erkenne. Oft werde ich gefragt, ob ich denn wisse, dass es der Frühling heißt, also le printemps. Dabei habe ich den französischen Begriff ganz bewusst aufgegriffen und ihn mit la feminisiert – die Frühling. Dass ich den Frühling gar nicht richtig mag und mein Französisch stark verbesserungswürdig ist? Eine Randnotiz. Im Internet kann ich mich erschaffen, wie es mir beliebt. Existenzialismus live.

Und so gehören die Aussagen und Positionen, die ich in diesem Buch wiedergebe, zu meinen verschiedenen Identitäten und dienen der Veranschaulichung ­eines sich entwickelnden Lebens. Denn dieses Buch ist nicht nur meine Geschichte, sondern die Geschichte ­eines Subjekts inmitten der digitalen Revolution. Eine Folge davon ist, dass man mir und allen, die ihre Gedanken ins Netz geben, beim Denken zuschauen kann; dabei, wie ich von Auseinandersetzungen und Kritik, von Lektüren und Bildern und Tönen verändert werde, wie sich meine Standpunkte ändern. Deswegen werden wir uns manchmal nicht einig werden und meine Gedanken werden irritieren. Manchmal wird der Leser denken, dass ich mir widerspreche. Und genau das tue ich, denn Denken bedeutet widersprechen, sich nicht einig sein.

So wird mich der Leser in größter Disharmonie mit mir selbst erleben. Aber das ist wichtig, denn harmonische Systeme sind dumm. {{Claudia Schramm: Ich halte die Harmoniesucht nicht für dumm, dennoch halte ich es für gefährlich, um der Harmonie willen mit Scheuklappen durch die Welt zu laufen. In Harmonie leben sollte vielmehr bedeuten, Dinge aus einer anderen Sicht zu sehen, sich dafür einzusetzen, sie zu verändern, und sich nicht durch Manipulation gesellschaftskonform beruhigen und kleinhalten zu lassen. Das ist für mich eine Form der Unterdrückung.}}

Auch deswegen halte ich die analoge Welt nicht für in der Lage, die Probleme der Welt konsequent demokratisch zu lösen. In der analogen Welt muss immer die Illusion aufrechterhalten werden, es herrsche Harmonie, als gebe es eine Formel, eine Wahrheit – und nicht nur eine unendliche Kakophonie der Meinungen. Diese Geschichte spielt an einem Nicht-Ort.Es gibt keine Stadt oder Landschaft, an der sie sich orientiert und im Einklang mit den Ereignissen steht. Die Geschichte spielt sich an einem Ort ab, der überall ist und nirgendwo, immer und nie erreichbar. Denn sie spielt im Internet, einem real gewordenen Nicht-Ort, einem Ort, der wie eine Märchenwelt hinter kleinen Türen anmutet und den ich nur durch Klicken erreiche. Und dieser Ort prägt die Geschichte und die Sprache der Geschichte. Er gibt den Takt vor.

Die Welt, aus der ich erzähle, ist so fragmentarisch wie der Text, der von ihr erzählt. Die Sprache dieser Welt ist die beschleunigte Sprache der Digitalität. In Echtzeit schreiben wir unsere Gedanken auf, teilen sie der Welt mit, verpixeln unsere Gedanken und unsere Seele. Die Entscheidung, ob die Ereignisse in diesem Buch meinem Leben oder meinem Kopf entsprungen sind, bleibt dem Leser überlassen. Alles, was hier steht, ist irgendwie passiert, auch wenn es nicht geschehen ist. Meine Wahrheit über die Vergangenheit ist in meiner Erinnerung. So wie bei jedem von uns. Dort kann sie uns niemand streitig machen oder gar nehmen. {{ Claudia Schramm: Da sehe ich eine Gefahr. Woher weißt Du, dass die Vergangenheit in Deiner Erinnerung die Wahrheit ist beziehungsweise war? Das gilt es zu hinterfragen, denn sonst bleiben die nicht hinterfragten Gedanken, die man für wahr hält und Leid mit sich bringen, wie Blei an der oder Deiner Seele kleben.}}

Im Internet ist in der Darstellung in Text und Bild alles möglich, die Grenzen, ob es sich um eine echte Begebenheit oder um Fiktion handelt, sind schon lange verschwommen. Deswegen ist meine Darstellung möglich, wahr und doch nur eine Geschichte. Alles ist Dokumentation, auch wenn es fiktiv ist.

Ursprünglich lebe ich in einer Welt, in der ich Politologin bin, Piratin, Tochter und Ehefrau, in der ich auf andere kohlenstoffbasierte Entitäten treffe und mit meinen Sinnen wahrnehme. Doch auch das verschwimmt. Was haben wir im Chat, was auf der Parkbank besprochen? Geht es als Party durch, vor dem Bildschirm zu sitzen, mit Freunden zu chatten und Wein zu trinken? {{Stephan Urbach: Der wundervolle Zustand, wenn man nicht mehr weiß, wo man sich mit Menschen getroffen oder unterhalten hat. Wenn der Geist mit der Maschine verschmilzt, ist es egal, wo wir uns unterhalten.}}

Ich fühle mich sicher und wohl hinter dem Bildschirm, in diesem Ausschnitt einer zusammengeführten Welt von komprimierten Informationen, Meinungen, Ideen und Visionen, verdichtet wie eine zusammengestampfte Wolke. Ich flattere hin und her zwischen der alten Welt, mit ihren großen Dichtern und Denkern, mit epischen Opern und pompösem Ballett, und der neuen Welt, in der ich nicht nur rezipiere, sondern partizipiere. Manchmal gucke ich mir alte Filme auf Video­portalen an, schwelge in den 
Hoffnungen des 19. und den Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts. Stelle mir vor, mit Rosa Luxemburg zu diskutieren, Churchill die Meinung zu sagen und Che Guevara zu küssen. Ich denke mich zurück in die deutsche Nachkriegszeit und versuche eine Welt zu fühlen, die ich nur verarbeitet serviert bekommen habe. Ich lebe in der Zeit nach der Postmoderne, in der Hitler ein para­humanes Monster und doch eine Witzfigur ist. Eine Zeit, für die Joseph Beuys keine Provokation mehr ist und sein kann. Ein Leben, das Konventionen nur aus Parodien kennt. Ein Leben mit und im digitalen Zeitalter. Willkommen.