Prioritäten und Politik

Politik heißt auch Prioritäten setzen. In der Kakophonie der Themen und Ideen, Visionen und Wahnvorstellungen ist es eine essentielle Aufgabe einer Partei zu filtern und Schwerpunkte zu setzen. Ein fragmentiertes Parteiensystem erfordert es zusätzlich geradezu sich eigene Schwerpunkte zu setzen. Das beinhaltet auch sich von Unkenrufen nach einem „Vollprogramm“ nicht irritieren zu lassen.

Der Bundesparteitag in Bochum wird über unsere politische Zukunft entscheiden, welchen Weg wir gehen, welche Richtung wir einschlagen. Und unsere Prioritäten werden hierbei hochgradig wichtig sein. Um diese Prioritäten soll es hier gehen.

Ich will euch nicht vorgeben, wie ihr inhaltlichen entscheiden sollt (auch wenn mich darum erschreckend viele in letzter Zeit gebeten haben!), dennoch möchte ich kurz vorstellen, welche Aspekte mir wichtig sind und was ich glaube, was wir als Piraten bearbeiten und liefern sollten, um sowohl dem Anspruch einer Partei, als auch unseren Weltrettungsansprüchen gerecht zu werden.

1. Kernthemen
Ich spreche nicht von Urheberrecht oder von Datenschutz, sondern von digitalem Leben und dass wir diese Kernthemen – also digitale Gesellschaft/Teilhabe – konsequent auf alle Politikfelder anwenden und in erster Linie erstmal da Positionen entwickeln sollen. Wir sind keine zweiten Grünen oder Linke, gar FDP. Ich denke, dass wir uns einen eigenen Kern erarbeiten sollten.

1.1 Außenpolitik
Es ist wichtig und gut, dass wir über Syrien und Israel sprechen und streiten. Aber sollte es nicht unser Kernthema sein die Entwicklungen im Bereich Cybermilitär zu bearbeiten? Sollten unsere Leitlinien da nicht wesentlich an den technologischen Entwicklungen orientiert sein? Wieso 3 Monate an zwei unverfänglichen Sätzen zu Israel basteln, wenn das Thema Cyberwar und Cybercrime komplett fehlt in unserem Programm? (Siehe eine gute Ini dazu: https://lqfb.piratenpartei.de/lf/initiative/show/3411.html)

1.2 Wirtschaft
Auch in der Wirtschaft beobachte ich mit Sorge eine Verantwortungsdiffusion, unter der in erster Linie unsere Kernthemen leiden. Was unsere Kernthemen und Wirtschaft gemeinsam haben? Viel! Internetwirtschaft und der dazugehörige Mittelstand, Patent- Marken- und (ganz wichtig!) Kartellrecht, Transparenz und Mitbestimmung. Auch: Wenn wir uns nicht zu den großen Gewinner der digitalen Revolution äußern, wer dann? Wenn nicht wir uns trauen diese Unternehmen und ihre Oligarchenstellung zu kritisieren, wer dann? Das Internet wird auf Grund wirtschaftlicher Interessen zu einem privaten Raum – aber unser Traum ist doch die virtuelle Polis und keine Supermall!

1.3. Energie
In einem Gespräch mit einem sehr linken Professor wurde mir die „ökologische Katastrophe Internet“ vorgehalten. Und auch wenn das polemisch ist, so ist doch ein guter Punkt dabei: Wie können wir die Technologien effizient nutzen, um weniger Ressourcen zu brauchen als jetzt? Das halte ich für einen wertvollen Beitrag zur Debatte. Wir sind die mit den Visionen, erinnert ihr euch? 🙂

1.4. Europa
Kernthemen: Demokratie, Transparenz und Bürgerbeteiligung. Achja und: Kein Nationalismus in einer internationalen „Internetpartei“ oder? 😉

2. Soziale Gerechtigkeit
Wir sind gegen Hartz4 und Sozialraub? Wir sind gegen Ausbeutung und sklavenähnliche Zustände? Gegen die Hyperökonomisierung der Menschen? Für Gerechtigkeit? Dann lasst uns das auch bitte konsequent formulieren!

Lasst uns endlich über Verteilung reden.

Über die Frage, wer welchen Zugang zu Ressourcen hat und haben soll, müssen wir uns einig werden. Wir müssen über Steuern reden und öffentliche Mittel. Wir sehen den Staat als neutrale Plattform an? Das bedeutet nicht, dass man alles so lässt wie es ist, sondern dass er neutral gemacht wird.

Der Gedanke, dass wir einfach alles und jede gleich behandeln und sich so Gerechtigkeit automatisch einstellt ist ein Trugschluss. Alle Menschen exakt gleich zu behandeln bedeutet de facto Sozialdarwinismus, denn der individuelle Erfahrungshorizont wird ignoriert, schlimmer noch: Die ökonomische Realität wird komplett ausgeblendet, jeder sich und seinem direkten Umfeld überlassen.

Solidarität ist ein Wert für uns? Dann lasst ihn uns politisch ausgestalten!

3. Innerparteiliche Befindlichkeiten
1.1 Geld
Die Debatte um Geld war in den letzten Wochen wirklich unwürdig. Es ist ja schön, wenn wir in der Partei viele guteverdienende Menschen haben, die ein Mandat auf sich nehmen, obwohl sie dann weniger als vorher haben. Es ist auch schön, wenn wir viele gut ausgebildete Mitglieder haben. Es ist aber nicht schön, wenn um Geld gefeilscht, gestritten und geneidet wird.

Auch steckt ein Vorstand immer in der Klemme:
Bezahlt werden sollen die Vorstands-Mitglieder nicht.
Vernachlässigen sie ihren Job zu Gunsten der Partei, haben sie Existenzsorgen.
Ziehen sie ihren Job durch und vernachlässigen den Vorstand gibt es Basisärger.
Haben sie einen Job, der vereinbar ist und sie gut ernährt, müssen sie sich rechtfertigen.

Dieses Dilemma müssen wir endgültig klären.

1.2 Persönliches Gedöns
Eine Partei ist ein anstrengendes Soziotop, in dem vielen Menschen parallel agieren und unterschiedliche Geschichten mitbringen. Das führt zu Verstimmungen. Auch ich mag einzelne Piraten nicht, ja fühlte mich beleidigt, wenn sie mich nicht ablehnen würden!

Dennoch bemühe ich mich, dass es ein professionelles Miteinander gibt, dass die Parteiarbeit über persönliche Befindlichkeiten gestellt wird. Ich bin mir bewusst darüber, dass auch ich meine Befindlichkeiten hin und wieder überdenken muss. Das sollten wir alle, aber das passiert leider noch zu selten. Da verweigern sich Leute der Zusammenarbeit, weil sie den Gegenüber für „nervig“, „zu xy“ oder „selbstdarstellerisch“ halten (*scnr*), weil sie mit Widerspruch fundamental nicht umgehen können und unglaublich nachtragend sind oder weil sie glauben, dass sie wissen, wie dieser wahnsinnige Haufen zu „führen“ sei, dass sie die richtigen dafür seien und sowieso alle so agieren sollten, wie sie es wollen. Das geht so nicht. Wir dürfen unsere Emotionen nicht über sachliche Entscheidungen stellen.

Fazit:
Ich würde mir wünschen, dass wir ehrlicher miteinander reden. Der Ruf nach Sachlichkeit ist oftmals nicht unbedingt sinnvoll, weil er Protest und Widerstand meistens nur verstummen lassen will. Aber Ehrlichkeit tut Not. Dringend. Wir sollten uns darauf konzentrieren, wer wir sind und wie wir unsere Ziele erreichen wollen. Denn unsere Ziele sind klar, oder?
Also setzt euch hin und arbeitet am Programm. Das ist wichtiger als Mandate!
Wie? Danke für die Frage! Infos findest du hier: http://vorstand.piratenpartei.de/2012/08/17/wie-geht-das-eigentlich-mit-den-antragen-fur-den-bundesparteitag-in-bochum/

Uodate-Kommentar: Ich habe auf Nachfrage noch Europa ergänzt. Bitte ergänzt doch noch in den Kommentaren, wenn euch „Kernthemen“ einfallen 🙂 Danke!

Querulantenwahniges

Update: Irgendwie funktionieren die Kommentare nicht. Ich habe aber auch keine Lust das zu fixen 🙂 Und wenn ich schon beim Update bin, werde ich die folgenden drei Punkte durch politisch korrekte tl;dr ergänzen. Was man nicht mehr alles sagen kann!

Es ist mal wieder soweit: Der Querulantenwahn durchzieht meine Welt. Und nach dem gestrigen Tag, scheint es wieder Zeit zu sein. Bereits um 13 Uhr hatte ich meinen Kopf durch eine Wand geschlagen. Lasst mich euch sagen warum.

1. Klage gegen den Ankauf von Steuer-CDs
Nun haben sich also vier männliche Weißeuropäer der Piratenpartei zusammengeschlossen, um den Ankauf einer Steuer-CD durch das Land NRW vor einem Gericht zu beklagen, um anderen männlichen Weißeuropäern mit sehr viel Geld und krimineller Energie mit Tatkraft zur Seite zu stehen. Kann man machen. Muss man aber nicht. Denn neben der Tatsache, dass es sich hier um knallharten Legalismus, ja riesige produzierte politische Korinthen handelt, stellt sich mir folgende Frage: Was werden hier eigentlich für politische Prioritäten gesetzt? Politik heißt auch Prioritäten setzen, klar benennen, was wichtig ist, was essentiell. Und in einer Zeit, in der die öffentlichen Kassen immer leerer werden und die der wohlhabenden immer voller – nun, in dieser Zeit halten Piraten es für essentiell die Rechte reicher Steuerbetrüger knallhart durchzusetzen. Bravo! Sehen so die Visionen der Piraten aus? Die Rechte von Reichen unter allen Umständen durchsetzen? So, wie der Schutz der missachteten Menschenwürde armer Vielurlauber, die sich zwar 4 Wochen Urlaub, aber keine Gebühren für öffentliche Bibliotheken leisten können? Oh, aber es geht ja ums Prinzip!

Siehe zum Steuerthema auch Fabio Reinhardt und ein vorheriges Statement der Piratenpartei, was ich im Grundsatz auch unterstütze, aber nun … mann kann sich auch mit wichtigerem beschäftigen.

tl;dr: Rechtlich ist das mit der Steuer-CD einwandfrei. Politisch ist es eine dumme Entscheidung. Politik bedeutet auch Prioritäten setzen. Hier wurden die falschen gesetzt.

2. Julian Assange ist ein Heiliger!
Dass die USA JA haben wollen ist klar. Dass die USA und der CIA (den ich btw. in vielen Verschwörungstheorien viel zu fähig und skilled dargestellt sehe. Wenn ich mir das Vorgehen so angucke … nun) totales Interesse daran haben JA einzusperren und zu bestrafen ist ja auch klar. Dass die USA das als Anlass nehmen um z.B. Ecuador mal wieder bisschen zu triezen und Ecuador sich dann noch bisschen als anti-amerikanische Befreiungskraft stilisieren kann – auch das geschenkt. Aber dass sich viele Menschen nicht vorstellen können, dass Assange einfach ein Widerling ist, der sich für allmächtig und geil hält und so die Grenzen von Frauen eindeutig und gewaltätig überschritten hat übersteigt meine Fähigkeit empathisch zu sein. Dass ein Rechtsstaat wie Schweden einfach nur diesen Mann zur Rechenschaft ziehen will ist also komplett absurd? Oder ist Schweden jetzt kein Rechtstaat mehr? Und ehrlich: Wäre ich Polizeichefin in Schweden, dann würde ich auch ein Exempel statuieren wollen. Weil der Kerl mal eine gute Idee hatte, soll er sich dem schwedischen Rechtssystem entziehen können? Äh, nein?

Dass im Diskurs der uralte Mythos der berechnenden Frau, die mit ihrer Sexualität Weltpolitik macht (weil sie die ja im Griff hat im Gegensatz zu den Männern!), bedient wird ist so klischeebeladen, dass es weh tut. Und auch das Argument, dass es schwedische Spezialgesetze bzgl. Vergewaltigung gibt ist sowas von daneben. Ehrlich: In Deutschland gibt es eher Spezialgesetze, die Vergewaltigung und die strafrechtliche Verurteilung erschweren. Lest bitte diesen Text (Triggerwarnung) und sagt mir, dass es sich nicht um eine Vergewaltigung handelt. In Deutschland hätte man mit diesen Tatumständen Probleme vor Gericht. (Und p.s. wer glaubt, dass es unfreiwilligen Sex gibt, der hat glaube ich das Konzept von Sex nicht begriffen. Unfreiwilliger Sex = Vergewaltigung.)

Es macht mich wütend, dass viele glauben, dass eine Weltverschwörung wahrscheinlicher ist, als ein größenwahnsinnger Typ, der übergriffig und gewaltätig gegenüber Frauen ist. Dieser Text ist dazu eine gute Lese.

tl;dr Die Wahrscheinlichkeit, dass JA eine Sexualstraftat begangen hat ist angesichts der sexuellen Übergriffe gegen Frauen jeden Tag wahrscheinlicher, als dass Schweden kein Rechtsstaat ist. Auch: Im Zuge dieses Falles werden alle miesen, sexistischen Vorurteile gegen Frauen aufgewärmt und Vergewaltigung verharmlost.

3. Zu Pussy Riot sind wir uns ja einig. Aber ich musste es doch erwähnen!

tl;dr. Free Pussy Riot!

Und das war es auch schon wieder. Bis zum nächsten Facepalm!

Piraten und Pussy Riot

Ich habe heute mal folgendes Statement als Bundesvorständin abgegeben (as in: über den Presseverteiler gejagt. Danke an die Bundespresse!)

»Eine demokratische Gesellschaft muss sich an ihrem Umgang mit Widerspruch, mit Protest und Gegenwehr messen lassen. Die russischen Behörden haben mit der Inhaftierung der Frauen von Pussy Riot bereits deutlich gezeigt, dass die russische Gesellschaft immer noch von autoritären Strukturen regiert wird, die legitimen Protest gegen den Einfluss der Kirche auf die Politik, Sexismus und Unterdrückung ersticken wollen.

Das heutige Urteil ist darüber hinaus ein brutaler Beweis dafür, dass Protest gegen politische Korruption, die Bevormundung durch die Kirche und Sexismus nicht erwünscht ist. Mehr als bedenklich ist, dass die Trennung von Kirche und Staat, die jeder demokratischen Gesellschaft zu Grunde liegen muss, hier nahezu außer Kraft gesetzt wird. Schlimmer noch ist, dass die Kirche und die exekutiven Organe die Entscheidung des Gerichts direkt beeinflusst haben.
Wahrlich erweist sich Russland heute als alles andere als eine ›lupenreine Demokratie‹: Widerstand und Protest werden nicht geduldet, Disharmonie soll keinen Platz haben. Dabei werden systematisch Stimmen unterdrückt – in diesem Fall Stimmen, die sich gegen den Terror der Kirche engagieren und sich für ein freies und wirklich demokratisches Russland einsetzen.

Die weltweite Solidarität zeigt, dass es überall Menschen gibt, die sich für Meinungs- und Kunstfreiheit einsetzen und das Ergebnis dieses Schauprozesses nicht hinnehmen wollen, nicht hinnehmen können.«

Geschlossene Gesellschaft

Wir haben zur Zeit ja Sommerpause. Auch auf diesem Blog … oder so. Also poste ich mal eine alte Geschichte, die ich vor circa 4 Jahren geschrieben habe. Bitte behaltet das im Kopf

Das stumpfe, monotone Rattern der S-Bahn fiel ihr schwer zu ertragen, geradezu beängstigend dröhnte es in ihren Ohren. Das graue Lederimitat, auf welchem sie saß, war schlecht verarbeitet, der Faden trug die Farbe des ortsansässigen Süßwarenmagnaten und ab und an stießen die unangenehmen Sitze Hitzestöße aus, die sie furchtbar schwitzen ließen, zumindest dachte sie dies. Denn eigentlich konnte sie nicht mehr schwitzen. Das graue Schaumstoffutter saugte ihre Ausdünstungen auf, wie es das vermutlich immer schon getan hatte. Ein leichtes Unwohlgefühl durchfuhr ihre steifen Glieder und sie musste bei dem Gedanken an die Verschmelzung ihrer Körperflüssigkeiten mit denen anderer fluchen wollen, hier sitzen zu müssen. Die Abdrücke auf den beiden gegenüberliegenden Plätzen änderten die Größe, die Form, blieben und lösten sich langsam und weich auf, und die Tatsache, dass sie nichts daran ändern konnte, ließ sie nicht aufhören zwanghaft dieses trostlose Phänomen zu analysieren. Was sollte sie auch anderes tun. Ihren Kopf konnte sie nicht drehen und wenden und auch wenn sie es gewollt hätte, so wäre es nicht möglich gewesen. Leider konnte sie auch niemanden fragen, ob er ihren Kopf zur Fensterseite hätte drehen können, da sie niemanden hätte ansprechen können. So starrte sie also, mehr oder minder über die Tatsache ernüchtert, dass niemand dafür Interesse zu zeigen schien, dass sie ihren Kopf stur in einem 60° Winkel halten musste, und das auch tat. Ihre Straßenköter-blonden Haare beugten sich der unschönen Haltung, was zusätzlich ihre Laune verdarb. An den Ecken ihrer Sichtfelder markierten grau schimmernde Stangen ihr Revier und an jeder Station gaben sie ein leichtes, eintöniges Bimmeln von sich, welches das Öffnen der Schiebetüren signalisierte.

Massen strömten aus, Massen strömten ein, Köpfe und Gesichter konnte sie selten erblicken. Sie hasste sich ein klein bisschen dafür, schließlich war sie nicht unschuldig an der Situation, in der sie sich jetzt arrangieren musste, mit sich, den 60° und vielen anderen, merkwürdigen Tatsachen.

So verhielt es sich auch mit Anne-Sophie und Anna-Maria, deren Anwesenheit sie hasste, aber nicht ändern konnte. Weder in der misslichen Lage in der sie sich gerade befand, noch sonst irgendwann. Während Anne-Sophie eine schrecklich pathetische und anstrengende Person war, die dauernd über den Weltfrieden oder einen unbekannten Menschen und sein Buch reden musste, predigte Anna-Maria den Weltuntergang dank unserer Sünden. Sie verzichtete auf Sex vor der Ehe, auf Alkohol, auf Spaß und das Leben an sich. Stattdessen widmete sie ihr Leben dem Jammern über die Welt als Sündenpfuhl.

Das alles wurde durch ständiges Reden und zwischenzeitliches Weinen sorgfältig ergänzt. In dem Moment in dem sie dies dachte, brüllte Anne-Sophie: „Wusstest du eigentlich, dass die Wahlen in Uruguaynesien schon wieder manipuliert worden sind? Das ist wirklich ein Skandal und die westlich zivilisierten Länder, so wie sie sich selbst nennen, machen ihre Geschäfte mit den Machthabern, während sie Demokratie und Freiheit fordern. Das ist perfide. Diese Menschen werden unmündig gehalten….“

Ab diesem Punkt versuchte sie wieder krampfhaft nicht zuzuhören, da Anne-Sophie ständig und energisch von solchen Themen sprach. Sie hatte sich antrainiert nicht weiter zuhören zu müssen. Doch leider hatte sie am Ende ihres Vortrages eine Frage gestellt, und so hätte sie antworten müssen. Da sie aber die Frage nicht beantworten konnte, begann Anne-Sophie zu kreischen. Sie sei eine ignorante und undankbare Person, die sich nur für sich interessiere und der es egal sei, dass es Menschen auf diesem Planeten gäbe, die nicht so gesegnet seien wie sie, die Hunger und Angst leiden müssten, die froh und dankbar über ihr Leben seien und die alles dafür tun würden lediglich ein bisschen Dankbarkeit gegenüber denen zeigen zu müssen, die, für den Lebensstandard in dem sie lebten, leiden müssten. Anne-Sophie schämte sich auch nur allzu gerne für sie und ihre materialistischen und oberflächlichen Ansichten und manchmal wünschte Anne-Sophie auch, dass sie sterben solle. Doch das war leichter gesagt als getan. Denn selbst dann würde Anne-Sophie keine Ruhe geben, geschweige denn sie in Ruhe lassen können. Von wollen konnte an keinem Punkt die Rede sein. Während Anne-Sophie also so vor sich hinschrie und ihr Vorwürfe über Vorwürfe machte, verhielt sich Anna-Maria verdächtig still. Geradezu zu still. Unheimlich still.

Doch auch dieser Schein trug, denn aus heiterem Himmel begann Anna-Maria ihre schon vermisste Predigt über die heuchlerischen Angewohnheiten von Anne-Sophie, ihren Weltverbesserungsambitionen und der Scheinheiligkeit mit der sie den Müll nicht trennte.

Warum sie nicht die Gruppe der Anonymen Alkoholiker begleitete oder die Schwerbehindertengruppe. Warum sie nicht regelmäßig an den kirchlichen Demonstrationen gegen Fremdenhass, Sozialabbau und Ignoranz teilnahm. Von ihr verlangte Anna-Maria das schon lange nicht mehr, aber von Anne-Sophie, die sich regelmäßig als der Heiland präsentierte, verlangte sie eine Balance von dem was sie sagte und dem was sie tat.

So schrien die beiden also in der Bahn. Und das niemandem auffiel, dass sie stur da saß und das sie sich nicht bewegen konnte, dass machte sie zunächst kaum stutzig, denn sie kämpfte mit dem Geschrei ihrer Begleiterinnen. Wie immer.

Das Wetter schien ganz toll zu sein, soweit sie aus dem Fenster sehen konnte, schließlich war ihr Sehfeld äußerst eingeschränkt. Aber sie konnte doch die Sonnenstrahlen sehen, die sie eigentlich auf ihrer linken Gesichtshälfte hätte fühlen sollen. Solche Tage gab es selten. Es ist sonnig und der Himmel ist strahlend blau. Alles wird mit einem goldenen Schimmer überzogen und trotzdem sieht man die noch vorhandene Kälte. Die Bäume sind kahl, nur die Stämme leuchten und brechen die Sonnenstrahlen. Die Wolken ziehen wie Sternschnuppen ihren Schweif durch den Himmel und die Menschen tragen Pullover und Schal. Die Luft ist erquickend, haucht neues Leben in den Menschen und man fühlt sich lebendig. Leise zwitschern schon die ersten Vögel und ein leichter Wind braust über die Landschaft. Es riecht fruchtbar – nach Frühling und Sommer. Man will aufspringen und herum springen, weil sich alles in einem regt und erwacht. Ein goldener Schimmer überzog auch das trostlose Innenleben der U-Bahn und die graue aschfarbige Möblierung wurde von einem bunt-schimmernden Ton verzerrt.

Die grauen Massen, die bei jedem Bimmeln neu raus- bzw. einströmten, verschmolzen mit dem grauen Inventar, die fahlen Gesichter gliederten sich selbstverständlich in die öde Alltagsperipherie ein und vor jeder Haltestelle drang eine leidende Stimme aus dem Lautsprecher, die leidvoll die nächste Station anhauchte, erst auf Deutsch, dann auf Englisch. Exit on the right. Leider konnte Annabelle dieser Anweisung nicht folgen, sondern musste sich statt dessen mit Anne-Sophie und Anna-Maria auseinandersetzen. Ihr Kopf hing immer noch stur herab und langsam begann ihr Körper bestimmt kalt zu werden. Die empfohlene Körpertemperatur war garantiert unterschritten. Leider kümmerte diese Tatsache weder Anne-Sophie noch Anna-Maria. Diese hatten jetzt ihre Wut und ihr Frustration über dieses und jenes nicht mehr versucht an ihr auszulassen, sondern konzentrierten all ihre feindlichen Begrifflichkeiten aufeinander. Anne-Sophie begann plötzlich ein Lied anzustimmen, dessen Melodie den übrigen beiden gänzlich unbekannt war. Das hielt sie aber nicht davon ab lauthals zu singen und offensichtlich aufdringliche Botschaften zu verteilen:

… I am just a henchman and I am proud,
have you ever seen such a tatty cloud?
She was just right there, next to myself,
fuck your ideals, fuck yourself …

Die Botschaft war offensichtlich, aber weder Anna-Maria noch Annabelle reagierten auf diesen Versuch ihnen Vorwürfe zu machen. Anna-Maria betete währenddessen auch irgendein Ave Maria oder sonstwas, und Annabelle verstand lediglich Bruchteile, obwohl sie sich wunderte, dass sie nicht schone alle Formen kirchlicher Sprüche, Gesänge und was auch immer auswendig konnte. Jetzt dröhnte nur noch „ … ora pro nobis peccatoribus, nunc, et in hora mortis nostrae. Amen.“ in ihren Ohren.

Anna-Maria schrieb seit geraumer Zeit ihr Tagebuch auf Latein und dem Papst Liebesbriefe. Zumindest glaubte das Anne-Sophie, die vehement gegen Religion und Glauben wetterte. Opium fürs Volk! ließ sie verlauten. Die Urängste des Menschen würden gebündelt ausgenutzt. Auch das Christentum sei nicht mehr als eine Sekte. Jesus hätte sowieso mit Magdalena rumgemacht und was den Bekloppten überhaupt einfalle sich als mehr als eine Fügung der Evolution zu betrachten. Anna-Maria begann zu japsen. Ihr Kopf lief rot an und wenn sie gekonnt hätte, dann wäre sie mit lautem Gebrüll auf Anne-Sophie losgegangen und hätte sie umgebracht. Stattdessen betete sie für Anne-Sophies Sünden, und für Annabelles gleich auch, und begann dann zu erklären, dass die Bibel eine Offenbarung Gottes sei, dass sie nicht vom Affen abstamme und, besonders wichtig, dass sie zumindest in den Himmel käme, inklusive ewigen Seelenheil- gratis quasi. Annabelle hätte gerne mit ihrem kalten Kopf geschüttelt, aber statt dessen fragte sie ob es mehr Schuhe in der Hölle oder im Himmel gäbe, da sie davon doch bitte ihre Entscheidung abhängig machen wollen würde. Diese platte Diskussion sei ihr lästig, verkündete Anne-Sophie, denn diese Konfrontation von Ideologien sei doch nur ein Aufsagen von billigen Stammtischparolen, die in „Nietzsches Nihilismus ist eine Synthese“ wohl gipfeln würden. Annabelle bemerkte, dass sie lediglich an Schuhen interessiert sei und ihr herzlich egal sei, wer diese Schuhe unter welchen Umständen fertige. Damit klinkte sie sich, so gut das ging, aus der folgenden Diskussion über Haben und Sein aus und erfreute sich an den Sonnenstrahlen die sie nicht spürte. Allerdings merkte sie, dass diese bei weitem nicht mehr so hoch standen wie sie es getan hatten, als sie das letzte Mal bemerkt hatte, dass sie sie nicht fühlen konnte. Die Nacht brach unweigerlich ein und die Massen wurden zu Mässchen, und die Mässchen zu Individuen, welche auch bald verschwanden. Sie saß immer noch auf ihrem einsamen Platz und quälte sich mit den beiden Damen, die mittlerweile die gesamte europäische Kulturgeschichte diskutiert hatten und nicht daran dachten, dass Annabelle wirklich genervt war.

So saß Annabelle also dort, den Kopf im 60° Winkel, tosendes Geschrei um sie herum und eine langsam einsetzende Starre, die ihre Situation nicht gerade begünstigte. Die Nerven konnte sie schlecht verlieren, da diese wohl mittlerweile inaktiv waren. Ihr schoss in den Kopf, dass sie doch furchtbar kalt sein musste. Fühlen konnte sie das leider auch nicht. Mittlerweile stand die U-Bahn mehrere Minuten still und Annabelle fragte sich ob es sich um eine Art Nachtruhe halten könnte. Das Geschrei im Hintergrund war jetzt ein bisschen leiser geworden. Es fiel sogar noch weiter ab. Immer leiser. Stiller. Stille.

Musterhausen, 5.März

Nach einer furchtbaren Kindheit und den letzten Versuchen der Liebe,
ist unsere geliebte Tochter Annabelle-Sophie an ihrer Krankheit und ihrem Kummer verstorben.
Wir werden dich nie vergessen. Auch wenn dich keiner bemerkte.

Annabelle-Sophie von Auerberg
geboren am 2. Juli

Deine dich liebenden Eltern:
Karl-Heinz und Annemarie von Auerberg

Requiem am kommenden Mittwoch um 14:30. Wir bitten um Spenden an die Organisation Kinder-haben-ein-Recht-zu-lachen e.V. und Zivil-Courage e.V