Presse und Freiheit

Und noch ein Update. Diesmal geht es um meine Auftritte in den Medien.

Die Focus-Titelgeschichte ist mal wieder ein guter Anlass um grundsätzlich etwas klar zustellen. So in kurz:  Es gibt nicht die Möglichkeit der Presse zu sagen, wie sie über die Piratenpartei zu berichten hat und das ist auch gut so! Dass es Leute gibt, die sich Presse kaufen können ist ein Skandal und sollte von uns massiv bekämpft werden! Dass es Medienmonopole gibt ist schlimm genug. Die Kritik daran müssen wir aber auch leben. Eine unabhängige Presse ist ein hohes Gut in einer demokratischen Gesellschaft.

Immer wieder dröhnt es aus allen Ecken, dass wir die Medien beeinflussen sollen, dass wir $Dinge tun sollen, damit die Medien so und so über uns berichten, dass wir eine Strategie brauchen, welches die Berichterstattung beeinflussen soll, etc. (Höre ich auch oft genug von Menschen außerhalb der Piraten.) Nicht, dass ich eine koordinierte Pressearbeit nicht gut fände, aber diese seltsame Vorstellung von Medienbeeinflussung finde ich doch reichlich bizarr. Sollen wir uns jetzt nach den Medien richten, was wir wie tun? Oder wollen wir direkt Einfluss üben? Wir können den Medien nicht vorschreiben, wie sie mit uns umzugehen haben und das ist auch gut so. Natürlich kann man darauf achten und lernen, was man der Presse wirklich gar nicht sagen sollte, aber was die Presse aus dem macht, was sie sieht, hört, erfragt liegt nicht in unserem Einflussbereich und das muss auch so bleiben. Unbedingt.

Und was, wenn die Presse falsch über uns berichtet?

Wir haben ein mächtiges Instrument, was alle Rebellen und Evoluzzer vor uns nicht hatten: Eine stabile und echte Gegenöffentlichkeit. Die meisten Menschen entdecken diese alternative Öffentlichkeit erst jetzt, zu einem Zeitpunkt, wo wir uns schon breit gemacht haben. Wir haben eine Deutungshoheit, wir haben medialen Einfluss, wir haben Gegenöffentlichkeit. Wir brauchen keinen Druck auf die BILD ausüben. Wir brauchen nur ordentliche Arbeit leisten und diese in unserer Öffentlichkeit präsentieren. Und diese Öffentlichkeit ist im Internet und auf der Straße. Alles andere ist gefährlich. Wirklich.

(Das Bild von mir im Focus stammt übrigens aus dem letzten Jahr und wurde im Rahmen einer Reihe von Photos bei den Wiener Piraten geschossen. (Guckst du hier: www.bildmaschine.de/de/search/julia+schramm und hier: www.bildmaschine.de/image/berliner+piraten+archivaufnahme-julia+schramm/2354430) Der Focus hat einfach so über mich berichtet, ohne mich zu fragen- Skandal! Vielleicht sollte ich dem Markwort deswegen mal auf die Mailbox brüllen …..)

Update (8.4.2012): Ich möchte noch ein paar Dinge ergänzen:

1. Autorisierung von Zitaten: Ich lasse mir grundsätzlich Zitate nochmal zukommen. Bisher habe ich inhaltlich meist selten etwas geändert, jedoch ist mir der Duktus wichtig, also mein Duktus, den nicht immer alle Journalisten wirklich erfassen können. Meist nichtmal aus böswilliger Absicht, sondern aus vielerlei Gründe. Beispiel: Ich habe mal ein Interview bekommen, wo jede zweite Aussage mit “Na, klar!” anfing – absolut NICHT die Art, wie ich spreche. Ich schrieb also das ganze Ding um (inhaltlich änderte ich im Prinzip nichts) und als ich den Journalist fragte, ob meine umfassenden Änderungen ok seien, antwortete er mit “Na, klar!” …. Zitate und auch Interviews sind eigentlich nie so, wie man es gesagt hat, sondern zusammengeschrieben von den Journalisten. Das ist auch voll ok, macht es aber für beide Seiten leichter, wenn dann der Zitierte nochmal drüberschaut. Auch finde ich das total selbstverständlich, schließlich legt einem der Journalist im wahrsten Sinne des Wortes Worte in den Mund. Alleine um des Duktus’ Willen sollte man da nochmal drüber gucken. Zumindest bei den Aussagen, die tatsächlich aus dem eigenen Mund kommen sollen. Und Missverständnisse können auch ausgebügelt werden. Ich finde in dieser Debatte ist es jeweils sehr einseitig: Die Journalisten sind nicht die fehlerfreien Helden/Bösewichte und die Menschen, die gerne die Worte, mit denen sie zitiert werden sollen und wohl ewig assoziiert werden, vorher nochmal abchecken wollen sind auch keine Kontrollfreaks. Es erleichter aber die Arbeit auf allen Seiten! Christopher hat da auch noch sinnvolles zu geschrieben: www.christopherlauer.de/2012/04/08/falschzitat/

2. Böse Presse/In die Medien kommen wollen/Wahlkampfgedöns: Es ist doch reichlich bizarr, wenn es heißt, dass zu gewissen Zeiten, gewisse Themen nicht angesprochen werden dürfen. Das finde ich falsch und das sollte bei uns auch nicht anfangen! Ja, wir haben eine Aufmerksamkeit, die sehr groß ist, aber ich denke, dass wir uns nicht zu sehr davon einschränken lassen dürfen.

3. PMs müssen klar zuzuordnen sein und breiter legitimiert werden bzw. Experten müssen mehr eingebunden werden.

Update zu meinem Umgang mit Medien im Vorfeld der BuVo-Wahl (11.4.2012): Medien haben ein Interesse an einer möglichst konsistenten Narrative. Das schließt auch Protagonisten ein, die Wiedererkennungswert haben – besonders, wenn es um (Personen-)Wahlen geht, die einen gewissen Stellenwert in den Medien haben. Einer dieser Protagonisten scheine ich zu sein. Entsprechend bekomme ich Anfragen. Mir ist es wichtig, dass die Partei weiß, mit wem ich spreche und was sie zu erwarten hat. Das ist für mich ein wichtiges Element der Transparenz. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich keine Presseanfragen mehr bis zur  BuVo-Wahl berücksichtigen werde und möchte an dieser Stelle die Partei kurz aufklären, mit welchen Medien ich gesprochen habe und was sie noch zu erwarten hat :) Ich habe mich dabei bewusst entschieden keine interviews und Fernsehautritte anzunehmen.

  • Die ZEIT plant einen umfassenden Artikel über die Piraten und die BuVo-Wahl und die Wahlen und Gedöns. Da könnte es einen O-Ton von mir geben.
  • Ich habe der taz ein Poträt über mich zugesagt, da ich es für sinnvoll halte dem taz-Publikum viele weiblich sozialisierte Köpfe zu präsentieren. Vor allem angesichts der Tatsache, dass das letzte Porträt mit Marina zu einer Homestory verhunzt wurde (habe ich auch nochmal böse kommentiert ;) )
  • Die Welt schreibt regelmäßig bis zur BuVo-Wahl über die Wahl, die Partei, etc. und hat ein Set von O-Tönen von mir, die sie dafür einsetzen kann/wird.
  • Die Stuttgarter Zeitung plant einen größeren Artikel über die BuVo-Wahl, mit mir als Aufhänger. Ich bin die erste Frau, die für das Amt kandidiert … das ist sowas wie eine Sensation für manche :D
  • Mit dem Spiegel Print habe ich gesprochen und mit Spon gibt es noch eine Vereinbarung. Beide Male handelt es sich aber um O-Töne bzw. um größere Storys wo ich ein Randelement bin. Einmal wurde ein Photo von mir gemacht.

flattr this!

  • http://tauss-gezwitscher.de tauss

    +1 . Das Schielen nach den ansonsten verpönten Print- und sonstigen Medien weist gelegentlich paranoide Züge auf. Und es fördert innerhalb der Piraten eine “medial erwünschte” Anpassung,

  • https://twitter.com/#!/Dhyfe Domi

    Die Fotos sind wohl inzwischen gelöscht worden. Exklusivlizenz vielleicht. Ist auch egal.

    Ich denke, der Erfolg der Piraten beweist, dass es keine Rolle spielt, wie gut oder wie schlecht über sie berichtet wird. Sie hatten Tauss (meinen Vorkommentierer), Esoteriker, Antisemiten und auch sonst so ziemlich alles, was andere Parteien unter einem Deckmantel der Rituale und Relevanz vermittelnder Hierarchien geschickt zu verbergen wissen. Die Piraten machen nichts falsch, sobald man bei ihnen eben auch die “ganz normalen Menschen” findet und kuriose Persönlichkeiten nicht durch dogmatisches Auftreten andere Interessierte verschrecken.

    Apropros kurios: die Mailinglisten sind alle öffentlich, trotzdem nimmt das Image der Piraten daran keinen Schaden. Wozu also noch Sorgen machen? ;-)

  • http://twitter.com/DarthSquig Squig

    Ruf da ebim Focus mal an und sprech auf den Anrufbeantworter! Die Wupper überschritten und so!

  • Pingback: The Leftist Elite » Ein Rückblick mit Anti-Flausch-Komponente

  • https://twitter.com/#!/thecitizen_de @thecitizen_de

    Finde ich ein extrem wichtiges und sehr gutes Posting. Ich hoffe, es bleibt bei möglichst vielen Piraten möglichst lange in Erinnerung.

    Denn als große Gefahr in der Zukunft sehe ich schon, dass immer mehr Druck von Innen entstehen wird, sich so zu verhalten, dass es der Presse gefällt. Versus sich so zu verhalten, wie es richtig ist (nach den Piraten-Prinzipen; Transparenz, offene Diskussionskultur, …).

    Ich habe große Angst, dass Aufrufe wie “bitte intern klären”, “geschlossen auftreten” und “das ist nicht hilfreich für gute Presse vor Wahl XY” im Zuge der “Professionalisierung” irgendwann erhört werden…

    Das mit der Gegenöffentlichkeit sehe ich genauso. Keine Angst vor Shitstorms, die in der Tagesschau kommen! (Und selbst wenn man kein Idealist ist wie ich ;) , sondern Pragmatiker: Die Shitstorms erhöhen, so wie es momentan aussieht, ja eh nur den Bekanntheitsgrad und die Umfrage-Prozente, also passt doch.)

    Zu den Zusatzpunkten:

    1. Krass, hätte nicht gedacht, dass die Presse die Zeit für einen Gegen-Check erlaubt. Gilt das nur für Interviews oder auch für kurze Zitate?

    2. Yo.

    3. Klar zuzuordnen stimme ich zu. Vielleicht auch ähnlich wie im Wiki: Dort gibt es ja auch die deutliche sichtbare Unterscheidung zwischen offiziellen Dokumenten (demokratisch und offiziell legitimiert) und denen, die das nicht sind. Aber beides darf veröffentlicht werden (=> Zeitfaktor bei PMs.) Und ein Leitfaden des Ablaufs von Idee zu fertiger PM wäre wahrscheinlich nicht schlecht. Ich glaube ja nicht an Experten, aber zumindest sollten sie dann für jede AG / jedes Gebiet transparent genannt / gewählt werden.

  • Michaela Soerensen

    Liebe Julia,

    wer soll dir eigentlich abkaufen, dass der Jupi-Brandbrief zu diesem Zeitpunkt so ganz ohne jegliches Schielen auf etwaige Medienpräsenz und ganz zufällig jetzt im Vorfeld der Wahlen zum Bundesvorstand und so völlig unbeeinflusst von dir zu Stande kam?

    Massiver Egotrip zum Schaden der Partei, könnte man das auch nennen, so was jetzt im Vorfeld der NRW- udn SH-Wahlen zu reiten, wo das Thema nun weiß Gott nicht brandaktuell ist.

    Und wer sich allen Ernstes wirklich nicht klar war, was das anrichten würde, der ist einfach noch zu unreif für Politik, sorry. Dito Leute, die die Augen vor den obigen Querverbindungen verschließen.

    • Julia

      Ich lasse den Kommentar mal hier stehen, zur Demonstration.

      Ich habe mit dem Brief nichts zu tun, ich war sogar in Urlaub ^^ Aber schön, was die Leute sich für armseligen Mist ausdenken.

    • https://twitter.com/#!/Herzmut Domi

      Wie die vollkommene Unwissenheit Menschen dazu bringt, eine Ersatzwahrheit zu konstruieren, nur um dann zu glauben, dass es so gewesen sein muss.

      Früher noch, weil sie Unerklärtem das Ungewisse zu nehmen hofften (durch Religion), heute nur, um sich mit ihrem Durchblick durch selbst produzierte Thesen zu den angeblichen Planspielen anderer ein Überlegenheitsgefühl zu geben, dass ihnen den Ausgleich mit Komplexen der Minderwertigkeit, des Geltungsmangels, des Ordinären und Gewöhnlichen ermöglicht, haben Menschen sich schon immer Zugang zu einer von ihnen akzeptierten Wahrheit verschafft.

      Aus dem selben Grund, aus dem Menschen Götter anbeten oder aus dem ein Publikum die Tricks eines Magiers herausfinden will, ist Michaelas Kommentar entstanden. Doch was man beim Besuch eines Magiers herausfindet, führt doch einen schnell zu der Erkenntnis, dass das Geheimnis um den Trick viel interessanter ist, als die oft triviale Erklärung dafür. Außer eben für Verschwörungstheoretiker, für die eine triviale Antwort auf ihre Fragen niemals zufriedenstellend ist – es muss einfach immer ein komplizierter, größerer Plan dahinterstecken, von dem die meisten Menschen außer der Verschwörungstheoretiker und der Planer selbst keine Ahnung haben. Auf diese Weise kommen Verschwörungstheoretiker ihrem Wunsch nach, sich in die Pläne einer prominenten politischen Person oder Organisation eingeweiht zu wissen, ohne dass sie tatsächlich eingeweiht sind, was letztendlich ihre Geltungssucht, stillt.

      Verschwörungstheoretiker beweisen vor allem deshalb einen korrumpierbaren Charakter, weil sie sich Pläne und Verschwörungen ausdenken, die sie dann auf andere projizieren, ohne dass diese Pläne und Verschwörungen tatsächlich existieren. Von dieser Intelligenz würden sie jedoch, entgegen aller Beteuerungen, ohne Zweifel selbst Gebrauch machen, wenn es die Situation erfordere, was, wenn man sie fragt – ganz in der Konsequenz oben genannter Projektion – die Erklärung wäre, wieso es die anderen ebenso tun müssen.

      Verschwörungstheorien sind eine erfundene Mitwisserschaft und deshalb in, um und außerhalb von Bielefeld Gegenstand des Spottes der bei Verstand gebliebenen Menschen.

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