Nationalismus und Primaten (beta)

Die Überraschung mit der die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds zum Teil bewertet werden lässt tief blicken in die Untiefen deutscher Diskurse über rechtes Gedankengut. Seit Jahren schon wird mit der unsäglichen Gleichung von Links- und Rechtsextremismus Sachbeschädigung mit Mord gleichgesetzt, was jedoch nicht die Sachbeschädigung negativ aufwertet, sondern die Morde und Mordversuche trivialisiert. Generell ist die Einteilung in links und rechts überholt und verdeckt die wahren Probleme, die ich persönlich unter dem Begriff Faschismus zusammenfasse. Im Namen des Kampfes gegen soziale Veränderung bedienen sich die Profiteure aller erdenklichen Mittel. Und verblendete Idealisten, und seien die Ideale noch so menschenverachtend, waren auch für staatliche Organe immer brauchbar. Man denke nur an die RAF und die Stasi.

Bizarr mutet es jedoch an, wenn die Ideale der Täter nicht in einem rassistischen, biologistischen und nationalistischen Denken verortet werden. Wenn Fremdenhass vermeintlich nicht mehr als Motiv ausreicht. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die gesellschaftliche Verdammung von Rassismus hat nicht bewirkt, dass eben dieser verschwunden ist, sondern viel mehr einen gesellschaftlichen Deckmantel geliefert sich mit den Gefahren einer aufflammenden nationalsozialistischen Ideologie auseinander zusetzen. (Dass die Geheimdienste z.T. auch dieser Ideologie verfallen sind und auch tendenziell immer waren ist ein anderes Kapitel. Stichwort: Gladio)

“Das Problem ist die Botschaft: dass all das nun hinter uns liegt, dass wir die Geschichte verstanden haben und nun, unbelastet von den Irrtümern der Vergangenheit, voranschreiten können in eine andere, eine bessere Zeit. Doch solch offizielles Gedenken, wie gutgemeint auch immer, ist unserem Geschichtsbewusstsein nicht förderlich. Es ist ein Ersatz, ein Surrogat. Statt die Schüler mit der jüngsten Geschichte vertraut zu machen, lassen wir sie Museen und Gedenkstätten besichtigen.” (Tony Judt, Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr der Intellektuellen, Frankfurt 2011, S. 14)

Ja, wir glauben aus der Geschichte gelernt zu haben. Wir glauben, dass wir Rassismus, Biologismus und Nationalismus überwunden haben, weil wir es in den Museen sehen. Wir glauben, dass wir post-ideologisch sein können. Doch ist die Wirklichkeit weit davon entfernt. Vielmeht bewegen wir uns nicht in einer Zeit, in der eben diese -ismen wieder Hochkonjunktur haben. Die Sarrazin-Debatte letztes Jahr hat auf grausame Art und Weise gezeigt, dass es nicht um Fakten geht. Sie hat gezeigt, dass es um Weltanschauung geht, um Ideologie. Und diese Ideologie besteht aus Nationalismus, Rassismus und Biologismus, was meinem Verständnis von Faschismus entspricht (plus einen Ganzheitsanspruch und eine zentrale Wirtschaftslenkung)

“Der erste Appell einer faschistischen oder vorfaschistischen Bewegung richtet sich gegen Eindringlinge. So ist der Urfaschismus qua Definition rassistisch.” (Umberto Eco)

Doch wo finden wir denn noch deutschen Nationalismus? PAH! Im Gegenteil, fehlt uns Nationalismus, ein gesunder. Und diese linken Spinner, die Nationalismus als Verbrechen bezeichnen erst! Die Bedeutung von Nationalismus, die Entstehung von Nationalstaaten und die Idee der Nation werden in diesen Diskussionen geschichtsvergessen genutzt. Mehr noch: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Vergleiche mit anderen Staaten werden zu Gunsten der stereotypen Vorstellungen, anhand der deutschen Nation, regelrecht missachtet. Die Nation ist ein Konstrukt, eine ausgedachte Gemeinschaft, ein Ersatz für Gott als Ordnungsprinzip. Die Nation ist das Band, was eine Gesellschaft zusammenhalten kann. Und eine Nation besteht auf verschiedenen Prämissen. Es gibt Staatsnationen, die sich auf Werte berufen – so zB die USA. Und es gibt Nationen, die sich auf Kultur und Sprache berufen – so zB Deutschland. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden diese Ideen der Nation als Alternativen zu den Ordnungen orientiert am Gottesgnadentum. Die Nation war eine demokratische, ja radikaldemokratische Alternative zu den selbsternannten Göttern auf Erden. Doch in Deutschland sollte es nicht dabei bleiben. Die Nationalisten wurden von Bismarck aufgesaugt und legitimierten einen Staat, der nicht mehr viel vom ursprünglichen Geist zu verzeichnen hatte. Mehr noch: Die deutsche Nation wurde verklärt zum deutschen Volkskörper. Die Einheit von Kultur und Sprache und Volk!! Welch’ Wunder! Auch viele deutsche Denker, die wir heute noch bewundern entfalteten an dieser Stelle den Rassismus und Biologismus, den Hitler dann nur konsequent zu Ende dachte und führte. Geschichte in fast forward. Doch was hat das mit uns heute zu tun?

Diese Vorstellung der Nation, des Blut und Boden ist uns tief in die DNA eingebrannt. Wir definieren “das Deutsche” über Blut und Tradition, nicht über Werte und Bekenntnisse. Wir teilen ein in gute und schlechte Deutsche – egal, ob der/die Schwarze seit 5 Generationen in Deutschland lebt, deutsch ist, Schwarz ist nicht deutsch!! Wir definieren einen deutschen Stereotyp und diskriminieren den Rest, indem wir sie ausstoßen. (ich möchte wetten, wieviele später hier unten kommentieren: Aber, Schwarze können nicht deutsch sein! Gehen sie zurück zum vorherigen Absatz und fragen sie bei Missverständnissen!) Und ob wir das wollen oder nicht: Es ist Teil von uns. Das Denken in menschlichen Rassen ist Teil von uns, Teil unserer Geschichte.

Robert Menasse hat auf dieser Veranstaltung gesagt, dass jeder von uns mal in sich horchen und sich fragen soll, wie sein “nationales Interesse” aussieht, inwiefern dieses von den Interessen der restlichen Menschheit abweicht und spezifisch $national ist. Seine Aussage, dass er seine grundlegenden Interessen mit allen Menschen auf diesem Planeten teilt – ja, dieser kann ich nur emphatisch zustimmen. Nationen sind Konstrukte, die in einer Welt Zusammenhalt schafften, in der es kein umfassendes Bewusstsein einer Menschheit gab. Nationen sind überholt. Nationen müssen abgeschafft werden. Und wir waren schon sehr nahe dran.

Doch mit der Krise kam der Nationalismus zurück. Die Krise Europas, die Krise des Kapitalismus, die Krise der politischen Institutionen, die sich von einer fiktiven Wirtschaft treiben lassen. Die Krise, die uns zeigt, dass wir den Nationalismus endlich überwinden müssen. Denn das ist das Herz Europas. Das Projekt Europa und seine zahlreichen Namen (zur zeit EU) ist eine Lehre aus den beiden furchtbaren Weltkriegen. (Spätestens hier rollen wieder einige die Augen: “Nicht schon wieder! Krieg kommt nicht automatisch!”) Der Nationalismus hatte sich in einen Wahn versteigert – Familien kämpften mit- und untereinander (um das mal zu verdeutlichen: Russland, England und Deutschland, die im ersten Weltkrrieg irgendwie mit- und gegeneinander kämpften hatten an ihrer Spitze Männer, die alle eine Großmutter hatten: Queen Victoria) und richteten den Kontinent fast zu Grunde. Herausragend dabei waren die Deutschen. Und so wurde Europa politisch, aber vor allem wirtschaftlich verflochten, um Frieden zu stiften und um die Deutschen in ihrem Führungswahn ein und für alle mal zu besiegen. Um eine politische Einigkeit zu schaffen wurde zuerst die Schwerindustrie miteinander verwoben. Eine Union entstand. Der Euro war schließlich als Schutz gegen (deutschen) Nationalismus gedacht. Die deutsche Mark war der Preis der Wiedervereinigung. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Primat der Politik

Die europäische Gemeinschaft ist ein Auftrag. Der Auftrag einer gemeinsamen Ordnung. Der Auftrag für Solidarität innerhalb dieser Gemeinschaft. Ein politischer Auftrag für die Gestaltung einer Friedensordnung. Deswegen braucht es eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik. Mehr noch: Eine gemeinsame Sozialpolitik. Die Verflechtung der Staaten eine nachhaltige Friedensinitiative. Und Krieg entsteht durch unpolitische Räume, in denen der Markt entgrenzt herrscht. Ein rechtsfreier Raum.

“Wenn die Märkte in den vergangenen Jahren einmal richtig funktioniert haben, dann jetzt. Der Vorschlag des Sachverständigenrates [für Eurobonds, Anm. Verfasserin] dagegen setzt die Marktkräfte außer Kraft. Denn wenn Deutschland für die über den Tilgungsfonds ausgegebenen Gemeinschaftsanleihen mithaftet, sinken die Zinskosten der Euro-Krisenländer. Das schmälert den Druck auf sie, ihre Haushalte zu konsolidieren. Glauben die Weisen tatsächlich, politische Regeln oder Schuldenbremsen könnten die Aufgabe der Märkte übernehmen und die gleichen Disziplinierungswirkung erzielen?”

In diesen Sätzen aus der Wirtschaftswoche wird klar, wie der neue Nationalismus aussieht: An der deutschen Wirtschafts soll die Welt genesen! Und die Peitsche ist die Unbarmherzigkeit des Kapitalismus. Die faulen Griechen müssen zurechtgewiesen werden! Und die korrupten Italiener erst! Dabei wird eines klar: Wir befinden uns in einer Krise der politischen Institutionen. Keine Schuldenkrise, keine Kapitalismuskrise, keine Wirtschafts- oder Finanzkrise. Eine Politikkrise. Eine Krise durch Abwesenheit von politischem Handeln. Denn wer kann die Kräfte des Kapitalismus, die sich in freier Entfaltung nie zu Gunsten der freien Entfaltung der Menschen bewegt haben, Einhalt gebieten, wenn nicht die Politik? Die Marktgläubigkeit ist zu reinem Nationalismus verkommen, ja auf dem Weg zu einem Rassismus ante portas.

Die EU muss demokratischer werden. Und transparenter.

Doch das Ende der Krise wird mit ihren Ursachen bekämpft. Statt Geld in die Sozialsysteme, Infrastruktur und politische Strukturreformen zu investieren, werden diejenigen bei Laune gehalten, welche die Schwäche des Politischen gnadenlos ausgenutzt haben. Die Globalisierung des Kapitals hat weit vor der politischen Globalisierung stattgefunden. Und dieser Lücke wurde zu Gunsten einer massiven Umverteilung genutzt. Einer Umverteilung nach oben. Denn: Die Schulden Griechenlands, sind die Gewinne Deutschlands. Griechenland kaufte deutsche Militärausrüstung im Kampf gegen die Türkei. Windige und korrupte deutsche Verkäufer nutzen den ewigen Zwist zweier NATO-Länder, um sich zu bereichern.

Doch wollen wir hier nicht den Fehler bei den Verkäufern suchen. Auch hier fehlt es am Primat der Politik. Am Primat der legitimierten Entscheidung. Denn eins steht fest: Die EU hat neben allem ein massives Demokratiedefizit. Das hat vielfältige Gründe. Neben der nationalen Bedeutung der Parlamente und der Bindung der Europaparlamentarier an die nationale Politik, fehlt eine transnationale Öffentlichkeit. Der Europäische Rat erweist sich zunehmend als nationalistischer Geburtsfehler, als interner Störenfried in einer Gemeinschaft, die füreinander und nicht gegeneinander zu agieren verdammt ist. Und in diesem Vakuum politischen Nichtstun fühlen sich die Nationalisten wohl, denn es scheint sie zu bestätigen. Zu bestätigen, dass die deutsche Wirtschaft in irgendeiner Weise überlegen ist, dass die südlichen Länder faul und korrupt, rückständig und unfähig sind. Es fehlt an einem gemeinsamen Mythos, einer Identität, einer Idee. In diesem Vakuum hallen die Stimmen am lautesten, die vermeintlich albewährtes vorzutragen haben, selbst wenn es eine ganze Generation an den Rand des Abgrunds getrieben hat. Die Stimmen, die mit einem albern antrainierten Duktus der Rationalität altbewährtes erhalten wollen. Die Stimmen, die Stimmungen bedienen, die wir kennen, die uns vertraut sind.

Dabei müssen wir weiter gehen. Wir müssen gemeinsam denken, handeln und Lösungen finden. Wir müssen Werte herausbilden, Grundlagen. Und endlich können wir das auch. Die Technologie erlaubt es uns. Europa, ja die Welt muss eine politische Gemeinschaft bilden, eine globale Staatsnation. Eine Gemeinschaft er Solidarität. Auch wenn das heißt, dass man die Schulden der anderen zahlt.

Das ist die andere Backe, die wir hinhalten.

Dieser Blogpost ist als Artikel in der Berliner Gazette erschienen: berlinergazette.de/krisen-gespenster-schramm/

 

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  • wk

    Europas Geschichte macht seinen Mythos aus. Zum Einen die Metaerzählung “christlich-europäischen Abendland” als geschlossene kulturelle und historische Einheit. Zum Anderen das gemeinsame Trauma der beiden Weltkriege. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Europa erst damit beginnen konnte diesen Mythen eine institutionelle Form zu geben, als sie obsolet wurden. Als nämlich der Zusammenbruch des Ostblocks die letzten erlebbaren Konsequenzen der gemeinsamen Trumata beseitigte, und die daraufhin wieder einsetztende Globalisierung die motivischen Topoi der Metaerzählung, kulturelle, sittliche da historisch und religiös gestiftete, Homogenität, erodieren ließ….aber das nur am Rande.

    Im ersten Absatz könntest du diesen hübschen Satz vom “progressivem” linken Terror und “regressivem” rechten Terror einbauen. Beide sind extreme Formen der Weltverweigerung. Der rechte Terror möchte die Welt wieder in ihren natürlichen (Ur-)Zustand zurückbomben, der linke in ihren natürlichen (Soll-)Zustand hineinbomben. So kommst du nicht in den Ruch wertend zu sein.

    Die deutsche Romantik findet ihre Vollendung nicht in Auschwitz. Hitler war nur ihr extremster Vetreter. “Mehr Künstler denn Politiker”, und ein Werther in Reinform. Seine heißgeliebte Welt liebt ihn nicht so zurück, wie er es ertragen möchte und kann, und so erschießt er sich. Redet sich mit dem letztem Atemzug ein, er habe die Welt mitgerissen in seinen Abgrund.

    Eine passende Parabel auf Deutschland und seine Geschichte , und der Grund warum wir, mit Ausnahme des Fußballs, solche Technokraten geworden sind. Aber darin liegt ja auch das Rezept für den bisherigen Erfolg (komm!) der Bundesrepublik. Sie ist frei von jedem Mystizismus und ihre Eliten verwehren sich (noch!) jeder Asthetisierung von Politik (Ausnahme, und das ist das eigentlich gefährliche an diesem Mann, war und ist K-T “Ich habe meinen kleinen Töchtern erklärt, dass diese Männer Helden waren” von und zu G…aber das nur am Rande).

    Ein gutes Beispiel dafür, wie zerstörerisch, gerade historisch hergeleitete, nationale Mythen wirken können, ist Griechenland. Von der Rolle der orthodoxen Kirche im Staat über das Verteidigungsbudget bis zur Ablehnung ausländischer Investitionen in bestimmten Wirtschaftsbereichen. Alles legitimiert durch kollektive Traumata der Vergangenheit, welche jedoch an sich kaum noch Bezug zur Gegenwart haben. (Interessanter Gedanke: Ist die Ausbildung einer Opfer- und Wiederstandsmentalität Voraussetzung für die Bildung nationaler Mythen und Identität?)

    Kurzum: Die Antwort auf die Identitätskrise Europas kann nur sein, dass Konzept einer kulturell oder historisch herleitbaren europäischen Identität nicht weiter zu verfolgen, und eine pragmatische Werte- oder besser: Interessensgemeinschaft mit den Institutionen und Kompetenzen auszustatten, die sie braucht, um “Europa” als homogenen sozioökonomischen Raum zu gestalten und zu erhalten.
    Das mit der Identität erledigen schon die faulen, gierigen, ängstlichen Menschen und ihr lächerlicher Geschlechtstrieb.”That’s the catch with melting pots. The longer they cook, the darker the stew” Und keine Bombe der Welt konnte daran bisher was ändern ;)

  • Horatio

    Faschismus kann man nicht post-ideologisch bekämpfen. Im Gegenteil, ohne eine linke, emanzipatorische Idee die sehr wohl ideologisch ist führt Postideologie, Postdemokratie und Technokratie (Habermas Charakterisierung Europa’s als “postdemokratischer Exekutivföderalismus” ist sehr zutreffend und bezüglich Technokratie, das schlimme ist dass die europäischen Technokraten eigentlich sehr untechnokratische Inflationsphobiker sind welche die Fehler der 30er Jahren wiederholen) schnurstracks in Richtung Faschismus 2.0. Natürlich nicht nochmal Hitler aber vielleicht so wie Berlusconi, Politik als Spektakel und hinter der Bühne die tatsächliche, autoritäre Macht.

    Schade dass postmoderne Linken wie Du nicht verstehen dass Ideologie zu überwinden kontraproduktiv ist.

  • PDXIII

    Hallo Julia!

    Deinen Artikel habe ich interessiert gelesen und werde darüber noch intensiv nachdenken. Vielen Dank dafür. Allerdings vermisse ich hier auf dem Blog einen Twitter Knopf!

    @Horatio: Ideologien sind kontraproduktiv, genau wie jegliche Form von Ismus. Nur die Unterstützung der Entfaltung von Individualität (nicht Individualismus!) ist, meiner Meinung nach, produktiv.

    Nicht die zwanghafte Integration führt zu einer neuen Gesellschaft, sondern die Akzeptanz von Unterschieden.

    Neophilie statt Neophobie!

  • Mike

    @Horatio:
    Ideologie ist immer etwas für Kleingeister und Leute mit Schwarz-Weiß Weltbild. Wer im Jahre 2011 immernoch rechts oder links ist, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.
    (Was ich von Leuten halten, die meinen Antifaschismus muss immer links sein schreibe ich lieber mal nicht, ist ja bald Weihnachten.)

  • Horatio

    Deine Art alle Linken/Rechten über einen Kamm zu scheren, dort die ideologischen Deppen, hier die einzig wahren Postideologen, ist nicht zufälligerweise viel dogmatischer als meine moderate sozialdemokratische, linksliberale politische Einstellung.
    Ideologielosigkeit ist heutzutage die stärkste Form von Ideologie ist.

  • Chris

    Das konkrete Problem an Europa ist doch viel eher, dass “die Deutschen” das Gefühl bekommen nur Zahlmeister und Prügelknabe zu sein. Wie oft hört man “wenn wir pleite wären, würden die uns nicht helfen..” und dergleichen Phrasen. Das mag kein sehr hohes Niveau sein, aber es ist doch nunmal auch eine warhheit dass Demokratie impliziert dass auch “die dummen” (salopp gesagt) eine Stimme haben.
    Eben jene werden manipuliert durch polemische und meinungsBILDende Schriften, ehe man sich versieht wird deren Tenor als die vorherrschende Meinung eines Volkes verstanden.
    So haben die anderen ein Bild von uns und wir ein Bild von ihnen. – Dabei müssen diese Bilder nicht zwangsläufig negativ sein, aber ich habe in den 90ern auch erlebt dass man in einem IRC-Chat erstaunt gefragt wurde siet wann es in Deutschland denn internet gibt, oder konfrontiert mit dem Klischee dass wir alle Lederhosen tragen.
    Analog dazu werden italiener und Griechen auf eine als typische geltende, fast niedliche Art und weise Charakterisiert, aber alles andere als ernst genommen.
    Das Projekt “Europa” hat das Problem dass es als Institution existiert, nicht aber in den Köpfen seiner Bürger. Und das ist nichteinmal begrenzt auf nationalistische Denkweisen.
    Die Deutschen werden als arrogannte, rechthaberische Kontrollfreaks betrachtet und wir stehen da und beschweren uns, dass ein Spediteur aus Bulgarien hierzulande auslieferungen machen darf, zu einem Bruchteil des Preises, weil er weder derart hohe Lohnkosten hat, noch Ökosteuer.
    Die Wirtschaft und das Kapital sind längst globalisiert, die Politik ist es hingegen nicht. Und genau deswegen spielen die großen Player in der Finanz- und Wirtschaftswelt ringelreihen mit der Politik, bis hin zur Erpressung einfach woanders hin zu gehen. Da werden Zugeständnisse gemacht und um den Schaden zu begrenzen wird jedes Gefühl für Recht und Ordnung auf dem Altar des Wirtschaftswachstums und der Arbeitsplatzsicherung geopfert. – Und da soll sich noch einer wundern dass Faschismus im Aufschwung zu sein scheint.

  • Bastian

    “Ja, genau”, kann ich nur sagen. Der Beitrag gehört zum Besten, was ich bisher über die Krise(n) gelesen habe.

  • Thomas

    Gute Julia,

    Ich will gleich mal ganz ehrlich beginnen und sagen, dass ich die Idee eines Weltstaates sehr gruselig finde. Aus dem Grund, dass es eine so gewaltige Potenzierung von bisher stark zerstückelter Machtlinien ist. Mal davon abgesehen, dass “Ein Staat für alle” auch en gewaltiges Probem bezüglich der Erhaltung von Pluralität gibt. Die Frage, die ich gerade slightly aus David Graebers “Debt – the past 5000 years” klaue, ist, wieso die Lösung ein Staat, eine fein verzweigte Autoritätsmaschine sein muss? Sind wir nach nahezu 5000 Jahren Zivilisation (beginnend mit dem ersten Staat in Mesopotamien) denn einfach immer noch nicht weiter als bei der Staatsidee? (Am Rande: Spinoza war im 17. Jh. schon weiter…. man müsse die Gesellschaft gegen den Staat wenden, meinte er, laut Antonio Negri in “Die Wilde Anomalie”). Ich habe nichts grundlegendes gegen die Staatsidee, aber das er kein Garant für Identität ist, sieht man wohl schon an dem diskutierten Topic des Rechtsextremismus vs. Linksextremismus (gibts eigentlich Medianterrorismus?). Ich denke auch nicht, dass überhaupt eine gloable Identifikationsinstanz her müsste, damit es eine Art globalen Zusammenlebenkönnens im Sinne von Ethik geben könnte.Ich meine, die Frage ist doch die nach dem Problem einer globalen Ethik, die wir aber nicht angesichts des Wunsches brauchen, global ethisch zusammenleben zu können, sondern weil wir mitten in dieser Situation stehen, in der unsere ganzen nationalen und bestenfalls paneuropäischen (aber letztlich mit nationalem Geist dick angefüllten) Konzepte immer häufiger irgendwo zwischen absurd, lächerlich, ineffizient und stark schädigend kreisen. Du hast da sehr recht einerseits den Nationalismus so anzuprangern und andererseits das Problem als eines der politischen Handlungsunfähigkeit darzustellen. Aber die Handlungsunfähigkeit kommt meines Erachtens nicht daher, dass uns ein globaler Staat fehlt, eine globale Identifikationsinstanz, ein globaler Gerichtshof, ein globales Recht, sondern eine auf die je anders erlebte Wirklichkeit der Globalität anwendbare Ethik. Wie machen wir das den jetzt, wenn ein Land ein anderes bekämpft, deren (vermeintliche, angenommene, proklamierte oder tatsächliche, wie mans will) Oberhäupter ermordet, deren Leichen dann entführt und sie schließlich irgendwo ins Meer schmeißt wie Flugzeugtoilettenscheisse? Es dürfte keine Kultur auf diesem Planeten und in der Geschichte geben, in der das nicht eine höchst schändliche Tat ist. Aber haben wir irgendwas, um dem eine Antwort zu geben? Wäre das eine Aufgabe eines Gerichtshofes?
    Und as you mention: was richtete wohl über solche Organisationen wie Gladio? Und ich meine hiermit nicht nur die Morde, sondern auch die unglaubliche Geheimhaltung vor nahezu der ganzen Welt? Wer oder was richtet darüber wie? Auf Grundlage eines Weltstrafgesetzbuches? Wie macht man den Schaden wieder gut? Mit Geld? Würden diejenigen, die irgendwie in positiver Beziehung mit Osama bin Laden standen bezüglich der Schändung seiner Leiche sich mit Geld zufrieden geben? Hätten wir – als globaler Gerichtshof – was anderes anzubieten?

    Und ist eine globale Demokratie wünschenswert? Für mich persönlich nicht, weil ich weiß, dass mein nichtprivilegienhomopenissein dann in kürzester Zeit wieder mit dem Tod oder mit “Heilung” bestraft werden würde auf Wunsch einer globalen Mehrheit, gegen die keine Minderheit mehr wirklich anstinken könnte.

    Und solche Sätze wie “Und Krieg entsteht durch unpolitische Räume.” finde ich falsch. Sehr falsch. Politik ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, wie du und ich gelesen haben. Politik findet in kriegerischen Räumen statt, bisweilen in militaristischen Begriffen, in theologisch-moralischen Begriffen die einen Kampf rechtfertigen (“Sünder der Schulden”, “Kampf gegen die Armut”). Es gibt keine unpolitischen und gleichzeitig nicht kriegerischen Räume. Politik ist nicht Befriedung und Frieden ist nicht Alles [minus] Krieg.

    Was ich dich im Grunde fragen will ist, wieso du für eine globale Solidarität, die ich sehr begrüße, gedanklich voraussetzt, dass ein Staat dafür nötig wäre? Oder anders gefragt, wieso du dir die Herstellung (oder besser gesagt: Initiation) globaler Solidarität nicht ohne Staat denken kannst-willst-magst?
    Ich finde gerade die Idee bestechend, dass eine globale Solidarität eben nicht die Kopie der staatlichen Solidarität ist, sondern, ums mit Deleuze und Guattari zu treiben, n [minus] Staatssolidarität. Das hätte auch den witzigen und durchaus nicht unnützlichen Effekt, dass man eine Art Paria-Instanz hätte, die Staatsverbrechen begegenen könnte, was ja bis heute mit keinem Staatsstrafgesetzbuch möglich ist. Genau diese Möglichkeit der Bestrafung von Verbrechen eines globalen Staates oder Staatenkonglomerates (zb. im Sinne von Gladio) müsste aber, finde ich, definitiv gut durchdacht worden sein, bevor man so einen Staat schaffen wollte. Bisher hat aber noch nie ein Staat Strafmöglichkeiten gefunden, um seine eigenen Verrbechen zu bestrafen. Der Staat geht immer schuldfrei aus, als einziger von allen Schuldigen. Deswegen kann er auch jeden bestrafen – Nachwehen des Zerfalls der Monarchien: wer wäre der Paria, der dem König Ebenbürtige, der über ihn urteilen könnte? Nur ein anderer König. Wer wäre der, der einen König bestrafen könnte? Nur Gott/Götter.

    Whatever. Das Buch von David Graber würde ich dir aber wärmstens empfehlen. Es ist wie ein langer tendenziöser Witz von großer Klugheit und äußerst wunderbarer Verwirrungsstiftung. Wie ein Apfel, der vom Baum nach oben fliegt und ein Physiker, der erklärt warum das gerade funktioniert hat, obwohl es zu allem uns (uns, der Okzident…) bekannten in Widerspruch steht.

    Grüße
    Thomas

  • Christopher

    muss in einigen Punkten Chris und Thomas und natürlich dir recht geben. Ein Weltstaat, wäre eher ein Diktatur. Bilder wie die Deutschen sind nur “Zahlmeister”.

    Wollte nur das hinzufügen:
    Ich persönlich finde, dass auch Europa mehr zu einem Staat zusammen wachsen sollte. Du schreibst, dass sich Nationen über ihre Kultur und ihre Sprache definieren. Warum schreit niemand raus, lass uns doch mal eine europäische Sprache finden. ähm ja tuen schon welche. Aber anscheinend fehlt ihr doch wirklich der Grundgedanke: Wenn wir die selbe Sprache sprechen, verstehen wir uns! Und hier soll Verstehen auch übertragend verstanden werden. Ich meine, wir werden nie ganz zusammen wachsen so lang wir es nicht schaffen unseren Kinder und uns bei zu bringen: das ist europäisch! Welche Sprache wir nehmen ist mir gänzlich egal: die Weltsprache Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch oder eine Slawische!
    Irgendwie spricht das niemand an.
    mfg

  • Mike

    “Seit Jahren schon wird mit der unsäglichen Gleichung von Links- und Rechtsextremismus Sachbeschädigung mit Mord gleichgesetzt”

    Die RAF schon vergessen?

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