Ideologie und Emanzipation

Oder: Wieso die Piraten nicht Post-Ideologisch sein können

Der Begriff Ideologie stammt aus der Zeit der französischen Revolution und erlebte drei begriffliche Taufen. In Gefolgschaft der franzöischen Revolution setzten sich die so genannten Idéologistes, ein Neologismus analog zur Ontologie, nach dem Sturz der Jakobiner das Ziel eine analytische Wissenschaft von Ideen einzuführen. Also die Frage nach der Entwicklung und den Elementen der Metaphysik. Als nächster Taufpate wird Napoleon verstanden, der diese Ideologen, den Werten der Aufklärung verbunden, herablassend verspottete – und schließlich als Kampfbegriff nutze um seine Gegner zu diffamieren. Jeder Widerspruch gegen ihn galt als Ideologie. Schließlich nahm sich auch Karl Marx dem Begriff Ideologie an und arbeitete heraus, dass Ideen von den Herrschenden zur Zementierung ihrer Herrschaft genutzt wurde. So münzte er seine Klassenkampftheorie um und erklärte die Ideologie zum Kampfbegriff gegen die herrschende Klasse. Man kann also erkennen, dass bereits im 18. und 19. Jahrhundert der Begriff sehr verschiedene Bedeutungen hatte. Dem folgend ist auch die Forschung mit diesem Begriff weitläufig und unordentlich – geprägt von verschiedenen Herangehensweisen und Interpretationen.

Die marxistische Dimension der Ideologie lasse ich an dieser Stelle aus und versuche die Ideologie als immanentes Gegenstück zur Religion zu erarbeiten. Dafür muss zunächst der Unterschied zur Religion dargestellt werden: Religionen sind seit Jahrunderten oder Jahrtausenden im Wandel und haben ganze Gesellschaften geprägt und aufgebaut, während Ideologien künstliche Gebilde einer modernen, säkularisierten Marktgesellschaft. sind Ideologien tauchen in diesen Gesellschaften als Antwort auf eine Krise der Religion auf. Beobachten kann man dies in erster Linie seit der europäischen Neuzeit, als Gott seine Omnipotenz zunehmend verlor, also ein Glaubenswettbewerb begann. Die Spaltung der römischen Kirche öffnete diesen Wettbewerb. Alternative Erklärungmodelle für die Gesellschaft, ihre Mechanismen und ihre Zukunft wurden entwickelt – das 19. Jahrhundert wurde zum Zeitalter der Utopie. Doch nicht nur das: Viele meinten, mit Ideologien die Werkzeuge für den richtigen Weg der Menschheit gefunden zu haben, den gesellschaftlichen Schlüssel zum Frieden, zum idealen Ende der Menschheit.

Die Rolle Gottes wurde nun der Geschichte, der Rasse, einer Idee oder einer Person zugeschrieben und am Ende dieses Jahrhundert der Utopien stand das Zeitalter der Extreme, wie es Eric Hobsbawn ausdrückt. Als Ideologien haben sich in diesem Zusammenhang vor allem der Nationalsozialismus und der Kommunismus erwiesen, an deren Beispielen die neuere Forschung in erster Linie orientiert war und ist. Auch der Islamismus wird zunehmend als Objekt des Interesses gehandelt und untersucht.

Was die literarische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts jedoch gezeigt hat, ist eine gesellschaftliche Funktionalität von Ideologie und Religion. Das menschliche Bedürfnis nach Sinnstiftung entspringt, so Voeglin, in seiner Kreatürlichkeit, so dass er eine höhere Ordnung braucht um seine Existenz zu erklären. Der Geist ermöglicht es über die bloße physische Existenz hinaus denken zu können, so dass der Mensch in der Spannung zwischen Transzendenz und Immanenz lebt und sich seine Existenz in einer Zwischensphäre abspielt. In einer höheren Ordnung einen Platz zugewiesen bekommen stillt die quälende Frage nach dem Sinn des Lebens. Die religiöse Transzendenzerfahrung ermöglicht es dem Menschen auf einem intellektuell anspruchslosen Niveau diese transzendentale Sehnsucht zu stillen. Im Verhältnis zu Gott kann man zu der inneren Ordnung und dem inneren Sein gelangen.

Hierbei handelt es sich in erster Linie um eine emotionale Erfahrung, welche die Ideologie zu replizieren versucht, jedoch ohne einen transzendenten Bezug. Gerade in kollektiven Massenereignissen scheint die Grenze zur Transzendenz immanent erreicht zu sein. Wesentlich für eine erfolgreiche Ideologie ist somit die Inklusion, als auch die Exklusion in Form der Erzeugung von Einzigartigkeit für den Einzelnen. Mein (imaginärer) Freund im Himmel oder der Reichskanzlei, gibt mir eben dieses Gefühl der Einzigartigkeit und gleichzeitig das Wissen Teil eines sinnhaften Ganzen zu sein.

Der Machtverlust der transzendenten Ebene in der modernen Gesellschaft, ausgelöst u.a. durch Industrialisierung, das aufkommende Bürgertum und die französische Revolution,  führte zu einer Verweltlichung der Religion, was wiederum eine massiven Entmysthifizierung mit sich brachte. Die Entzauberung der Welt, wie es Max Weber richtig erfasste. Und so ist die Religion und die Ideologie eine Form die Welt zu erfassen, denn beide wirken sinnstiftend. Unterschiede gibt es wesentlich in ihren Bezügen, nicht aber in ihrer Funktion, ihren Institutionen, den Verhaltensweisen, die sie bei ihren Anhängern hervorrufen. Die Ehrfurcht vor Gott wird in der Ideologie, wo der Mensch zum Gott erklärt wird, zur Ehrfurcht vor dem Führer der ideologischen Bewegung. Denker wie Voeglin schlossen daraus, dass eine christliche Gesellschaft ssomit weniger Schaden anrichten würde, frei nach dem Motto: Besser Christ, als Nazis.

Und vor allem das Sendungsbedürfnis ist sowohl bei Religionen, als auch Ideolgien stark. Schließlich will man die Wahrheit mitteilen, wenn man glaubt sie zu kennen. Während Religionen einen transzendentalen Bezug haben, die Erlösung überweltlich sehen, suchen und finden Ideologien vermeintlich die Erlösung innerweltlich. Das immanente Erlösungsmoment ist das zentrale Motiv der Ideologie: Das Paradies auf Erden schaffen. Und das mit rücksichtsloser Prinzipienhaftigkeit. Und spätestens hier wird dann auch der Bezug zur Piratenpartei klar.

Emanzipation als gesamtgesellschaftliche Aufgabe – Post-Ideologie als Politikanspruch

Man kann also festhalten, dass dem Menschen ein Wunsch nach Sinnstiftung, nach Transzendenz, ja, nach Wahrheit innewohnt und Ideolgien dieses Bedürfnis ebenso stillen, wie es Religionen tun. Ein geschlossenes Denksystem ist das Ziel, dass alles sinnhaft macht, dass dem Menschen eine Funktion im Weltgetriebe zuweist. Katalysiert werden kann das im Wesentlichen von den verschiedensten Bewegungen – Umweltfanatismus oder Promiskuität können dem Leben vermeintlich ebenso Wahrhaftigkeit verleihen. Lösung für diese “transzendentale Sehnsucht” ist zweifelsohne eine echte Emanzipation – also das Denken ohne Geländer, ohne geschlossenes Denksystem, ohne Zwänge. Oder wie es Adorno in “Dialektik der Aufklärung” ausdrückt: „Das Bestehende zwingt die Menschen nicht bloß durch physische Gewalt und materielle Interessen sondern durch übermächtige Suggestion. Philosophie ist nicht Synthese, Grundwissenschaft oder Dachwissenschaft, sondern die Anstrengung, der Suggestion zu widerstehen, die Entschlossenheit zur intellektuellen und wirklichen Freiheit.“ Die übermächtige Suggestion kann hierbei als das mittlerweile vielfältige Weltanschuungaangebot verstanden werden, das die Welt in ihrer Komplexität reduziert. Natürlich ist eine gewisse Komplexitätsreduktion notwendig um sich in der Gesellschaft zu orientieren, sobald jedoch eine Patentlösung für das ideale Ende der Gesellschaft vermeintlich erkannt wurde, sind wir schnell bei der Endlösung. Es geht also vielmehr um das Befreien des Denkens von dem Wunsch für alles eine Erklärung, eine Lösung zu haben. Echte Freiheit erweist sich hierbei als anstrengend, als Herausforderung. Die Unfreiheit, das Aufgehen in einem geschlossenen Denksystem, abseits jeder Verantwortung wirkt unter diesen Prämissen verführerisch. Deswegen sind Verschwörungstheorien so spannend und immer wieder präsent. Doch den heiligen Gral, die eine Lösung gibt es nicht. Weder gesellschaftlich, noch politisch. Das Anerkennen von Unsicherheit, Ungewissheit und dass das Sein wohl oder übel das Nichts ist, ist eine wesentliche Aufgabe des Individuums, muss jedoch als politischer Anspruch verankert sein. Konflikte dürfen nicht ausgemerzt werden, sie müssen institutionalisiert und als Motor des gesellschaftlichen Entwicklung verstanden werden. Ein post-ideologischer Anspruch kann somit nur im Bewusstsein einer zu erwirkenden Freiheit des Denkens verstanden werden – eines Denken der ganzen Komplexität und einer Anerkennung von Unzulänglichkeit. Der Versuch einer Zwangsharmonisierung kann nur in einer totaliätren Gesellschaft enden. Post-Ideologie kann so nur den Versuch sich gedanklicher Konstrukte so weit es möglich scheint abzuwenden  beschreiben, sich der Situation und der Gegenwart anzunehmen, sie zunächst zu akzeptieren und Lösungen zu finden, die unabhängig von einer höher gelegenen Sinnstiftung sind. Deswegen definiere ich Pragmatismus eben auch als Gegenpol zum Dogmatismus – unter den man in meinen Augen die transzendentale Sehnsucht zusammenfassen kann. Denn nur auf festen Füßen können Ideen ungefährlich gedeihen. Geschlechtsunabhängige Emanzipation, wie oben verstanden, kann und muss ein wesentliches Element einer progressiven Politik sein – muss das Leitprinzip sein, das Ideal. Hier werden auch andere philosophische Strömungen berührt, wie der Existenzialismus z.B. Wichtig ist hierbei  zum einen der Anspruch, jedoch auch die bildungspolitische Infrastruktur, denn  Politik muss, nach Hannah Arendt, Freiheit ermöglichen. Politische Freiheit existiert in einer Welt jedoch nur, solange die transzendente Ebene nicht ausgeschlossen ist und die entsprechenden Institutionen nicht verbannt werden. Toleranz und Pluralismus, sei es noch so konfliktträchtig, ist integraler Bestandteil einer offenen Gesellschaft und muss auch auf kleinster Ebene bereits gelebt werden.

Und wie sieht das im Verhältnis von Internet und Ideologie aus?

Das Internet bietet uns nun eine neue Dimension der Utopie: Eine demokratischere und freiheitlichere Gesellschaft, an der mehr Menschen partizipieren können, entscheiden können: Die Utopie einer besseren Gesellschaft. Am von mir beschriebenen transzendenten Grundbedürfnis des Menschen ändert sich jedoch nichts, so dass sich die Frage stellt: Wie katalysiert das Internet dieses Bedürfnis? Wie geht es damit um? Welche Chancen bietet es, welche Risiken entstehen? Das Verhältnis von Ideologie und Internet ist ebenso dual wie ambivalent. Vorteile und Chancen stellen somit auch potentielle Gefahren dar.

Denn Ideologien sind auch immer dichte Kommunikations- und Weltanschauungsnetze. Das Internet nun ermöglicht zum einen eine Dezentralisierung und somit eine stärkere Pluralisierung von Ideen und somit auch Ideologien, eine Auflöung scheint denkbar. Die digitale Aufklärung erscheint am Horizont. Mehr noch kann jeder seine individuelle Form der Ideologie erstellen. Ideologien ermöglichen, wie bereits angeführt, eine funktionale Rolle einzunehmen, die mit der Anerkennung und Wahrnehmung der eigenen Person verbunden ist. Es besteht eine Möglichkeit der radikalen Individualisierung, im extrem gar eine Vereinsamung. Gleichzeitig ergibt sich die Möglichkeit Gleichgesinnte zu finden, mit denen sich wiederrum Ideen verknüpfen lassen – die Grundlage für neue, globale Ideologien.

Sein ist Wahrnehmen und Wahrgenommen werden. Das Internet als globales Vernetzungsmedium erhöht hierbei Frequenz, als auch Fluktuation der eigenen Identitätsbildung. Die Kontrolle über das Wahrnehmen steigt ebenso wie die Kontrollmöglichkeit über das Wahrgenommenwerden steigt. Das Internet emuliert gleichzeitig auch das Gefühl in der Welt zu sein, zur Welt sprechen zu können. Der Wunsch nach Einzigartigkeit scheint zum Greifen nahe. Jedoch wird ebenso das Gefühl von Zusammengehörigkeit, das die Ideologie auch immer zu leisten vermag, kreiert. Internet kann in dieser Betrachtung auch selbst zur Ideologie verkommen bzw. wird es wohl von einigen Unwissenden als solche verteufelt! Doch in dieser globalen Plattform der Einzigartigkeit gibt es zunehmend eben auch Angleichungen, so dass die Gefahr globaler Ideologien nicht gebannt ist und sie ggf.,  mit größerer Verbreitungsmöglichkeit durchzusetzen sind.

Nicht zu vergessen ist dabei, dass das Internet durch seinen dokumentarischen  Charakter die Möglichkeit einer umfassenden Aufklärung gibt. Denn das Internet funktioniert als Gedächtnis und liefert dadurch Wissen. Auf der anderen Seite stellt das Internet auch eine Supermall der Ideen dar, in der man sich allzu schnell verlieren kann bzw. isoliert die Bestätigung seiner eigenen Welt findet. Eine inhaltliche Abkopplung von der realen Welt im Internet ist ungleich einfacher als einer inhaltlichen Diskussion in der realen Welt aus dem Weg zu gehen. Das Internet gibt die Möglichkeit einer Parallelwelt, die in sich wiederrum geschlossen ist. Es ist nicht nur das Medium der Aufklärung, auch potentiell das Medium der Ideologieverfestigung. Analog dazu ist der Vorteil des Internets eine Entkörperlichung, die eine pragmatische Herangehensweise, ohne emotionale Beladungen, ermöglichen kann. Persönliche Animositäten, Unsicherheiten können konstruktive Debatten verhindern, so dass eine transhumane Welt optional erscheint. Gleichzeitig gilt jedoch auch das Gegenteilige, wie die Mailinglisten zeigen – so dass sich vermuten lässt, dass körperliche Barrieren scheinbar Anstand schaffen. Natürlich muss man immer die Medien, die das Internet nutzen, unterscheiden, in diesem Beitrag geht es eher um Tendenzen, Vorstellungen und Ansätze. Grundsätzlich gilt die Frage nach der Herausarbeitung von Werten, abseits einer geschlossenen Gesamtideologie, denn erst Werte ermöglichen eine Gemeinschaft. Jedoch ist eine immaterielle Wertschöpfung ohne transzendenten bzw. sinnstiftenden Bezug sehr schwer und anspruchsvoll. Auch hier gilt, dass ein politischer Anspruch mit der Herausarbeitung von Mechanismen verbunden sein muss, die Werte schaffen.

Ein weiterer Punkt, der als Gefahren für die Ideologien bzw. als Befreiung funktionieren kann ist der zwanghafte Transparenzcharakter des Internets: Alles wir gespeichert, alles ist erfahrbar, alles ist herausfindbar. Wissen wird gespeichert, konzentriert, gefiltert, kritisch hinterfragt und ausgewertet. Die Welt wird sowohl kleiner, als auch größer, die Zeit weniger, als auch mehr. Das Wissen ist so vielfältig und zugänglich wie nie und da alles mit einer erhöhten Beschleunigung. Schneller, größer, besser?

Literaturempfehlung:
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht (1951)
Ralf Dahrendorf, Versuchungen der Unfreiheit (2006)
Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter (2010)

10 Antworten auf „Ideologie und Emanzipation“

  1. „Ein post-ideologischer Anspruch kann somit nur im Bewusstsein einer zu erwirkenden Freiheit des Denkens verstanden werden – eines Denken der ganzen Komplexität und einer Anerkennung von Unzulänglichkeit.“

    Wie siehst du in diesem Zusammenhang das naturwissenschaftliche Denken? Es versucht, leider oft in kaum noch verbalisierbarem Formalismus, die ganze Komplexität der Welt zu erfassen und geht grundsätzlich von der Unzulänglichkeit menschlicher Erkenntnisfähigkeit aus. Die Frage, die sich mir immer stellt, ist, ob naturwissenschaftliches Denken innerhalb von gesellschaftspolitischen Prozessen überhaupt wirksam werden kann, ohne auf religiöse, ideologische oder anderweitig teleologische Denkfiguren zurückzugreifen.

  2. @juh:
    Dazu ergänze ich mal Julias Literaturempfehlungen (aus diesem Buch habe ich vor knapp zwei Stunden schon mal in einem Kommentar zitiert, witzig):
    – Sandra Mitchell: Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen.
    Der von ihr attestierte Paradigmenwechsel, den sie integrativen Pluralismus nennt, macht die Unzulänglichkeit menschlicher Erkenntnisfähigkeit und damit das Scheitern formalisierter Reduktion zu verlässlichen Kausalitäten zur Grundannahme. Sehr spannend. (Schöner drückt es das Zitat unten aus.)

    Zum Artikel:
    Wow. Erhellender Abriss. Vor allem die Problematisierung des Internets als Ort der inhaltlichen Abkoppelung finde ich wichtig. Die Nutzung des Potentials als realpolitisch relevante Diskursmaschine (mein Begriff für Deine Forderung nach institutionalisierter Austragung von Konflikten) muss jedenfalls offline erstritten (und aufrecht erhalten) werden. Ein anspruchsvoller Spagat, gerade für die Pioniere dieser Entwicklung.
    Und weil ich so gerne zitiere, lasse ich André Gide die Essenz dieses Artikels (will sagen: wie ich sie verstanden habe) programmatisch verkünden: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“

  3. Ich mag den Ansatz dogmatische Ideologieverblendung vs. pragmatische, aufgeklärte Post-ideologie nicht. Dein Standpunkt ist nämlich auch ein ideologischer: linksliberal, postmodern, dekonstruktivistisch.
    Daran ist nicht verkehrt solange Du das Paradoxon dass Postideologie sehr ideologisch ist erkennst.

    Ich glaube dass sich politische Antagonismen nicht auslöschen lassen da Rechts und Links eine inhärent unterschiedliche Weltsicht impliziert. Der politische Raum ist genauso strukturiert wie die Einsteins’che Raumzeit, es gibt keinen neutraler Betrachter außerhalb des Systems, keinen neutralen Standpunkt.

    Anstatt also so zu tun als wären alle anderen auf der Suche nach einem Gottesersatz, nach etwas dass ihnen Halt in der Moderne gibt, während man selbst erhaben darüber steht sollte man so ehrlich sein und zugeben: yes, we are all knee-deep in ideology.

  4. Schöner Artikel!

    Die Einschätzung des Internets ist großartig (letzter Teil).

    Insbesondere die Bedeutung von Transparenz bei der „Ideologie“entwicklung, die vorher nur begrenzt gegeben war, spielt und wird noch ein spannende Rolle spielen.

    Aber auch:
    „Jedoch ist eine immaterielle Wertschöpfung ohne transzendenten bzw. sinnstiftenden Bezug sehr schwer und anspruchsvoll. Auch hier gilt, dass ein politischer Anspruch mit der Herausarbeitung von Mechanismen verbunden sein muss, die Werte schaffen.“

    Es ist nicht nur schwer und anspruchsvoll, sonder schlicht unmöglich (siehe Horatio). Es geht nur annäherungsweise, tatsächliche ideologische Neutralität gibt es nicht. Großartig ist aber, dass es zum ersten Mal für eine größere Mengen Menschen mögliche ist diese Neutralität in ihrer Werteentwicklung annährungsweise zu erreichen, obwohl immer noch eine Minderheit in unsere Gesellschaft aufgrund begrenzte Partizipation am Internet, bzw. verschwindend in Bezug auf die mögliche Partizipation der gesamten Menschheit.

    Besten Gruß

    Bezweifle Alles (wenigstens einmal)!

  5. Liebe Julia,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Mir stellt sich am Ende trotzdem immer noch die Frage, die du im Untertitel aufwirfst: Weswegen können die Piraten nicht post-ideologisch sein? Du schreibst hier ja mehrere Themen zusammen, wie man es wohl kaum verhindern kann. Ich hätte mir teilweise eine bessere Gliederung gewünscht, um genauer zu sehen, welche Ideologie du im ersten, im zweiten und im dritten Teil deines Textes meinst. Aber ja, Ideologie erst Antwort auf die herrschende Klasse (Napoleon/Marx), dann Ideologie als Ersatz-Religion FÜR die herrschende Klasse und Politik, sowie als Mittel zur Volksverhetzung, -kontrolle und schließlich auch (Letzt-)Begründung für die Ermordung nicht nur der Juden (NS), und nun das Internet als neuer Denkraum, in dem Ideologien sich noch einmal komplett um die eigene Achse drehen.

    Es scheint also noch lange nicht „vorbei“ zu sein, deswegen kann man nicht von Post-Ideologie sprechen, gesamtgesellschaftlich. Generell sind die „post“-Begriffe ja eher problematisch, nicht nur in der Musik. Wenn ich an Post-Ideologie denke, versuche ich ja immer, jetzt ganz banal ausgedrückt, mir eine Welt zu denken, in der uns die Schubladen weggenommen wurden. Es geht nicht mehr darum, links, rechts, aber auch Emo oder Hippie zu sein. In diesem Sinne radikalere Individualisierung – denn ich bin nicht nur Anhänger einer Jugendbewegung, einer Strömung, etc. Das ist auch so ein Gedanke, den ich mit Chris Pooles Kurzvortrag auf dem Web-2.0-Summit verbinden würde: Ich gehe in die Kneipe, um ein Bier zu trinken, also als Trinker, aber ich komme nach Hause als fürsorglicher Papa, der seine Kinder ins Bett brinkt, gehe in den Spin-Chat, um mit anderen Menschen zu philosophieren, wie es eben geht, also als Philosoph.

    Die Schubladen, die berühmten, sind nämlich gar keine Schubladen, sondern eigentlich Bezugsräume. Es gibt keine universellen Fix-Punkte, aber wohl in verschiedenen kleineren Rahmen Bezugspunkte – sonst wären Beziehungen zwischen Menschen ja auch gar nicht möglich. Die Fragmentarisierung des Ichs ist keine Fragmentarisierung, sondern eine Chronologie, die in mir selbst, in meinem Gehirn an verschiedenen Bereichen und auf verschiedene Arten und Weisen, mal mehr und mal weniger eindrücklich, erinnerbar, also auch reproduzierbar geworden ist. Nicht nur das Internet ist gleichzeitig schnell und langsam, AUCH MEIN GEHIRN KENNT BEIDE ZUSTÄNDE.

    Und das zweite Problem, was ich noch nicht bewältigt habe: Du sprichst von „transzendentaler Sehnsucht“, vom unmöglichen Überschreiten, von der romantischen Idee, dass das Paradies doch noch irgendwo existiert, auf der Erde, nach dem Leben, auf einem anderen Planeten, in einem anderen Land… Wenn ich aber nicht jeden Einzelnen betrachten will in Bezug auf die Gesellschaft, sondern eben eine Gruppe von Menschen, die sich dazu bereit erklären, Politik zu machen, also zu verwalten etc., dann hat eine Partei RELATIV wenig mit eben dieser transzendentalen Sehnsucht zu tun. Vielleicht kann eine Partei DOCH post-ideologisch sein, in dem Sinne, dass sie dieses Spiel nicht mehr mitspielen möchte. Es geht im Grundsatz um die Verwaltung der Welt, in der wir leben/handeln/denken/fühlen, und somit für die Politik, oder besser gesagt, für die verwaltenden Organe, doch eher darum, den Rahmen zu schaffen, in dem wir frei sein können. Religion privatisieren, ja, aber eben auch Ideologien. Die europäische Demokratie schwingt sich ja zuweilen auch als Ideologie auf, die besser sein soll z.B. als das böse China und co. Wenn die EU in diese Richtung abdriftet, ist sie zum Scheitern verurteilt. Geht’s also auch ohne Sahne und Kirsche? Warum ist es für Deutschland wichtig, europäisch zu denken? Woran denkt die herrschende Klasse, wenn sie von Europa spricht? Ein Wertegefüge, ein Staatenzusammenschluss, eine rechtliche Grundlage analog zu den Menschenrechten? Europäische Grundrechte, nicht billig, aber besser als der amerikanische Ramsch? Politik mit Gütesiegel?

    Da sehe ich also immer noch Gräben, und deine Ansätze habe ich gerne gelesen, vermisse aber den Transparenz-Gedanken, der für mich eben auch heißt, dass ich nicht nur sehe, was passiert, sondern dass ich schneller und erkenntnisgewinnbringender kommunizieren kann eben mit denjenigen, die an dem Hebel sitzen, der meinen Schleudersitz auslöst bzw. meine Sitzheizung.

    Besten Gruß
    R

  6. Uff, nach diesen Höhenflügen brauche ich erst einmal Erdkontakt.
    Das Internet ist doch nichts weiter als ein Datentransportsystem, also reine Technik und Mathematik. Mehr lässt sich da nicht hinein interpretieren.
    Wenn ich jetzt eine Beziehung zu den Menschen oder der Gesellschaft herstellen will, muss ich hinterfragen, wie und wofür Menschen dieses Datentransportsystem nutzen können. Die Steuerungshoheit hat der Mensch, nicht die Technik.
    Neue Technologien eröffnen den Menschen neue Nutzungsmöglichkeiten. Wie sie die nutzen, lässt sich auch durch die Physik besschreiben (energetische Wechselwirkungsprozesse):
    – Druck erzeugt Gegendruck (politische Bewegungen).
    – Jedes Teilchen strebt den energieärmsten Zustand an (Bequemlichkeit).

  7. Kommunismus, Faschismus/ Nationalsozialismus und Islamismus sind also Ideologien. Fällt dir da nicht selbst was auf, wenn Du in der Einleitung auf Napoleons Gebrauch des Ideologievorwurfs verweist? So doch auch hier: Ideologisch = schlecht soll sein, was nicht-identisch mit Freedom and Democracy ist, völlig abstrahiert davon, was überhaupt sein Inhalt ist.

    Ansonsten rächt sich, dass du die marxsche Ideologiekritik nicht nur sehr oberflächlich erfasst hast, sondern dann auch noch weglässt. M.E. hätte das nämlich den vorhandenen richtigen Ansätzen in deinem Text den entscheidenden Dreh geben können. Marx sagt nämlich nicht (nur), dass Ideen/ Ideologien von den Herrschenden zur Festigung ihrer Herrschaft benutzt werden, wenn er sagt, dass die herrschenden Ideen einer Gesellschaft immer die Ideen der Herrschenden sind. Dies würde nämlich nicht erklären, wieso die Beherrschten sich diese Ideen zu eigen machen. Genau dies ist aber sein Erklärungsinteresse, wenn er sich mit Ideologie befasst.

    Bei seiner Untersuchung der (vor-)herrschenden Ideen stellt er vielmehr fest, dass diese falsche Reflektionen auf die jeweils herrschende Gesellschaft sind. Als solche sind sie die Ideen der jeweils herrschenden Klasse, weil sie – und das ist der Bezug zu deinem Text – Sinnstiftung für die jeweils herrschende Gesellschaft und damit Legitimation der Klassenherrschaft sind: sei es religiös oder säkular:

    Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur |Ehrenpunkt|, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung)

    Das Bedürfnis nach Sinngebung, einen höheren Zweck in den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen auszumachen, kommt überhaupt nur dadurch auf, weil man selbst sie nicht bewusst-planvoll gestaltet, weil man in ihnen das Mittel ist, weil man in ihnen daher mit Notwendigkeit schlecht wegkommt. Sie ist die Vermittlung zwischen dem Idealismus, dass Verhältnisse, in denen man lebt, doch für einen da sein müssten und der täglichen Erfahrung, dass sie dies eben nicht sind. Weil man mit dem Vorurteil auf die Gesellschaft losgeht, sie müsse für einen da sein, sich aber dies immanent nicht an ihr festmachen lässt, wird sich in Transzendenz geflüchtet, damit sich das eigene Vorurteil bestätigt:

    Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.(ebd.)

    Gegnerschaft zur Religion (oder säkularen Äquivalenten) heißt also in Konsequenz Gegnerschaft zur Klassenherrschaft:

    Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt. Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren.

    Weil du diese marxsche Analyse, also den Bezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, außen vor lässt, landest Du – trotz richtiger Ansätze – dann doch bloß wieder bei dem Taschenspielertrick, das, was man weder begründen kann noch will, in das Wesen des Menschen zu verlagern, also es schlicht per Behauptung, der man nicht widersprechen könne, vorauszusetzen. Schon deshalb ist auch die von Dir ohne jegliche Begründung zum Maßstab gemachte offene Gesellschaft selbst Ideologie, also die zur aktuellen Klassenherrschaft passende Sinnstiftung: weil der Mensch so ein böse totalitärer Sinnstiftungsheini sei, sei ja wohl eine Gesellschaft sonstwie menschengemäß, in welcher die jeweilige Sinnstiftung nach Belieben betrieben werden kann, aber gefälligst Privatsache in einer Gesellschaft des Privateigentums zu bleiben hat.

    Die Antwort auf Ideologie ist daher auch nicht die offene Gesellschaft mit ihrer meinungspluralistischen Beliebigkeit, sondern Ideologiekritik, welche korrekt durchgeführt immer auch Gesellschaftskritik ist, solange Klassenherrschaft existiert, weshalb auch und gerade die offene Gesellschaft ihr Gegenstand ist.

  8. === Begrenzter analytischer Wert ===

    Ein Artikel, in den sicherlich viel Arbeit geflossen ist und dessen Grundforderung nach ideologiefreiem, politischen Handeln sicherlich jeder unterschreiben kann. Aber genau hierin liegt das Problem – in sprachlich gewundener Form wird hier erneut Skepsis gegenüber allen politischen Utopien und ein Bekenntnis zur menschlichen Freiheit als höchsten Wert politischen Handelns formuliert; ausgerufen werden postideologische Zeiten und die Herrschaft des Pragmatismus. Forderungen, mit denen man offene Türen einrennt, ist doch in den letzten Jahren vor allem eines gewachsen: „die Ansprüche der Menschen auf individuelle Befriedigung. Gewachsen ist die kritische Beurteilung aller traditionellen, moralischen und institutionellen Schranken solcher Befriedigung“ (Robert Spaemann: Grenzen: zur ethischen Dimension des Handelns, 2001, S. 353)

    Besonders kreativ ist dies alles mithin nicht – spätestens seit 1945 gehört es bei deutschen Wahlkämpfen zum guten Ton Forderungen des Gegners als pure „Ideologie“ zu brandmarken; die „Vernünftigkeit“ der eigenen Position zu reklamieren.
    Es blieb im deutschen Raum auch nicht nur der der Proklamation der Ideologiefreiheit: die Geschichte der Bundesrepublik, lässt – bei allen Defiziten – eine Entwicklung hin zu einer wirklich pluralistischen Gesellschaft erkennen, die den politischen Konflikt als notwendiges Element der Demokratie anerkennt, deren Politiker auf die Wirklichkeit und nicht die Utopie als Ausgangspunkt politischen Handelns setzen.

    Eine kritische Auseinandersetzung erfordert daher mehr, als erneut ein Loblied des Pragmatismus und der „wirklichen Freiheit“ des Geistes anzustimmen und sich von den ideologischen Verbohrtheiten unserer Vorfahren zu distanzieren. Man wird damit weder der historischen Wirklichkeit gerecht – den Nationalsozialismus etwa nur als ideologische Versuchung/Religionsersatz zu deuten, verkennt die vielfachen Verbindungen etwa zwischen NS-Ideologie und „rationaler Wissenschaft“.
    Genausowenig wird deutlich, welche Ideologien es denn heute sind, denen wir entgegenzutreten haben und ob ein Verweis auf die transzendentale Funktion der totalitären Ideologien hier weiterhilft. Ist es nicht, um Horatios Beitrag aufzugreifen, die Ideologielosigkeit, die uns als neue (bzw. alte – man denke etwa an die Wissenschaftsgläubigkeitd er 1960er Jahre) Ideologie gegenübertritt.

    Viele Grüße

    Ein Mitleser

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