Wahrheit und Normen

Oder: Warum eine Privilegienmuschihete nichts richtig machen kann.

Also erstmal vorweg: Ich bin eine klassische Privilegienmuschi. Das heißt, dass ich weiß bin, aus finanziell abgesichterten Verhältnissen komme (soweit das möglich ist), überwiegend heterosexuell lebe (naja, bisher immer mit Männern zusammen, aber an Frauen durchaus interessiert), cis-gender bin (also in einem Frauenkörper lebe und das gut finde), körperlich gesund und ansehnlich geboren wurde und in einem Land lebe, das zu den reichsten und einflussreichsten der Welt gehört (konkret heißt das eigentlich nur, dass eine Armee im Zweifel dafür kämpft, dass ich zu denen gehöre, die besser an Ressourcen kommen) – Teile dieser, zugegeben kaum wirklich beeinflussbaren, Merkmale haben mich davor bewahrt mit 7 Jahren ohne Schutzkleidung in einem Bergwerk arbeiten oder als Kindersoldatin leben zu müssen. Sie haben mir ermöglicht, dass ich jetzt hier mit einem Laptop im Bett liege, eine pyramidale Nacht hinter mir, und darüber reflektieren kann, wer ich bin, wo ich herkomme und was für eine Welt mich eigentlich umgibt. Ob mich das glücklicher macht als die im Bergwerk arbeitenden Kinder? Ich weiß es nicht, aber ich bilde es mir ein. Was wäre mein Leben auch sonst wert? Und: Jaja, ich weiß, das Leben ist auch ohne Probleme nicht leicht.

Die Merkmale, wie ich sie jetzt habe, ermöglichen mir, mich in der Welt, in der ich lebe, mit weniger Hindernissen zu bewegen, als das ohne diese Merkmale der Fall wäre bzw. mit gegenteiligen Merkmalen der Fall ist. (Also weiß, hetero, cis-gender, hochgebildete, gesund, mehrheitlich als hübsch wahrgenommen) Ich gehe unter in der weißen Masse, im bürgerlichen Mittelstand, in der Vielzahl der jungen Frauen an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten dieses Landes. Ich werde nicht anders wahrgenommen wegen meiner Hautfarbe, weil die sichtbare Mehrheit in meiner Umgebung diese Hautfarbe hat. Deswegen werde ich nicht auf meine Hautfarbe oder Ethnie (ich weiß nicht mal, ob ich das sagen darf …) reduziert, sondern werde differenzierter wahrgenommen. Wenn ich einen Mord begehe, wird die Bild wohl nicht schreiben „26-jährige Mitteleuropäerin begeht Mord“ – hätte ich einen von der herrschenden Norm in Deutschland abweichenden Phänotyp, würde er an dieser Stelle garantiert erwähnt. Das erleben wir täglich: „33-jähriger $nichtweißerdeutscher begeht brutalen Raubmord“ – während ich wahrscheinlich als 26jährige Berlinerin o.ä. bezeichnet würde.

Ich werde auch nicht gefragt, wann ich entdeckt habe, dass ich hetero sei, wie denn meine Umwelt auf diese Nachricht reagiert hätte, dass ich nun mit einem Mann zusammen sei und ob wir Probleme mit der Akzeptanz haben. Oder wie das so ist mit zwei Frauen bzw. Männern. So sexuell, ne.  Ich muss mich nicht mit mitleidigen Blicken auseinandersetzen, weil ich eine Behinderung habe oder eben so gar nicht dem Schönheitsbild entspreche. Ich werde nicht angestarrt, weil ich als Fremdkörper wahrgenommen werde. Und ich muss nicht einen schweren Kampf mit mir und meiner Umwelt austragen, weil mein seelisches und biologisches Geschlecht nicht zusammenpassen. Ich muss nicht bei der Krankenkasse darum betteln, dass sie mir eine Operation finanzieren, die mir die Chance gibt die biologischen Vorraussetzungen so zu verändern, dass ich mich endlich wohl fühle. Und ich muss nicht damit umgehen, dass ich intersexuell (also mit zwei Geschlechtern) auf die Welt gekommen bin. All das muss ich nicht – und deswegen bin ich eine Privilegienmuschi.

Gesellschaften haben, so die Theorie von Jochen Hörisch (ja, der ist sogar noch Mann ;-)), die ich sehr überzeugend finde, drei Dinge zu verhandeln: Tauschen, begehren und kommunizieren. Alle Ordnungsprinzipien kreisen um die Ordnung dieser Dinge. Geld, Medien, Gott heißt ein anderes Buch von ihm, wo anhand des Titels die Theorie nochmal klarer wird. Ausgehend davon ist nun also die Auseinandersetzung mit der Art und Weise wie Kommunikation geordnet wird relevant. Wie wird Kommunikation sichtbar, wirkmächtig und beeinflussbar? Grundsätzlich, so eine einflussreiche Theorie, organisiert sich Kommunikation in Diskursen und deren Verläufen bzw. deren Evolution. Der dafür prominenteste Denker ist, neben Habermas, aber der ist da grad nicht so relevant,  Michel Foucault. Großer Mann. Ihn zu lesen will ich nicht jedem abverlangen. Ich plage mich damit rum seit ich 16 bin. Also, Foucault ist ein Wissens – Archäologe, der sich auf die Suche nach der Struktur und Entwicklung von Diskursen gemacht hat, untersucht hat, wie gesellschaftliche Kommunkation Machtstrukturen determiniert bzw. inwiefern sich Macht in diesen kommunikativen Strukturen abbildet. Was aus dieser nun folgt – ist nochmal ein ganz anderes Thema. Aber erstmal geht es mir darum Diskurs zu erläutern und die Rolle von Privilegienmuschis (und Privilegienpenissen! Ihr seid ja auch noch dazu Männer ;))  wie mir in diesem zu verdeutlichen.

Wahrheit wird gemacht

Ich zitiere mal aus der Wikipedia, weil ich finde, dass es dort ganz gut zusammengefasst ist: „Grob vereinfacht meint Foucault mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit einer jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was sagbar ist, was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden darf und von wem es wann in welcher Form gesagt werden darf (zum Beispiel nur in Form einer wissenschaftlichen Aussage)“ Grundsätzlich ist so eine Normsetzung bzw. Sprachregelung nicht notwendig schlecht, sondern vielmehr unausweichlich, ja omnipräsent und muss vielmehr ein Gegenstand der Reflektion sein. Auch muss man hierbei davon ausgehen, dass wir die Welt nur beschreiben, nicht erkennen. (siehe auch Richard Rorty) Damit haben schon viele Menschen Probleme – Wahrheit wird nicht gefunden – sie wird gemacht. Auch wenn ich verstehen kann, dass der Glaube an eine absolute Wahrheit ein einfacheres Weltbild ist, so ist die Foucault’sche Sicht auf die Welt für mich doch wesentlich plausibler. Angelehnt an die Idee, dass Sprache unser Denken wesentlich prägt, ist nun wiederum klar, dass eine Sprachregelung, vorgegeben durch die Tradition des Diskurses, eben auch das Denken und Handeln stark beeinflusst. Weiter resultiert eben aus dieser konstruierten Wirklichkeit eine Norm – diese Norm ist in erster Linie, global gesehen, der westlich-demokratische Nationalstaat. Alles was davon abweicht ist unterentwickelt, etc. Innerhalb dieser westlich-demokratischen Nationalstaaten ist nun die Norm weiß, hetero, cis-gender (also Einheit von biologischem Geschlecht und quasi gefühltem/seelischem) und, wenn man den Diskursverlauf der letzten sagen wir mal mindestens 500 Jahre beachtet (also Reformation/Neuzeit/Aufklärung/Weltkriege.), männlich, christlich und (hart) arbeitend. Weicht nun also jemensch (!) von dieser Norm ab, wird er als ab-normal empfunden. Und dafür, wie auch immer bestraft. Mal mehr, mal weniger offensichtlich. Darum geht es im Kern bei der metamodernen Rassismus- und Sexismusforschung. Mehr eigentlich nicht. Und wenn Menschen es passiert, dass sie auf Grund der Normabweichung diskriminiert werden, dann sprechen wir im allgemeinen von Diskriminierung. Also nicht im wörtlichen Sinne, weil diskriminieren heißt ja eigentlich nur Unterschiede ziehen.

Warum das jetzt so schwer zu vermitteln ist? Nun, die Konsequenzen aus dieser Sichtweise – Diskurs, Auseinandersetzung und Mobilisierung – sind beträchtlich und anstrengend und schließen tendenziell wiederum andere Menschen aus. Nämlich die, die den Normen entsprechen. Die nicht alleine auf Grund gewisser Merkmale diskriminiert werden, die nicht ständig in gewisse Schubladen gesteckt werden und daraus resultierend auch nicht ständig scheiße behandelt werden, weniger Rechte haben bzw. hatten, etc. Natürlich erleben Menschen, die der Norm entsprechen auch ständig Scheiße. Aber eben ohne die zusätzliche Scheiße, die denen widerfährt, die von der gesetzten Norm wie oben beschrieben unausweichlich, unverursacht und offensichtlich abweichen.

Anti-Rassismus ist harte seelische Arbeit

Anzuerkennen, dass es Erfahrungen gibt, die man niemals machen wird, ist hart – denn es entzieht einem Macht. Es bleibt nur Kontrollverlust. Dabei geht es eigentlich nur darum: Anzuerkennen, dass wir in Schubladen denken, dass diese Schubladen tradierte Vorstellungen von Unterdrückung reproduzieren und dass wir die freie Entfaltung von Menschen alleine schon dadurch einschränken, dass wir sie diesem Normterror unterwerfen wollen. Eben weil wir es auch selbst wollen. Denn wer will schon abnormal sein? (Dass es jetzt eine Bewegung gibt, die abnormal geil findet und dabei wiederrum zur Norm wird, ist nur ein Treppenwitz – gilt btw. auch für Anti-Rassisten und FeministInnen, die oftmals so tief in der neu definierten Norm drinstecken, dass sie wiederrum das tun, was sie anprangern – aber seis drum)

Es kommt also auf die diskursive Praxis und die daraus resultierenden Normen an. Und wie man damit umgeht.

1. Bewusstsein schaffen (auch durch Sprache). Auch wenn ich die gegenderte Sprache anstrengend zu lesen und zu schreiben finde (ich vergesse oft welche Worte ich jetzt wie umbauen muss), begrüße ich diese bewusste Auseinandersetzung mit Sprache und die folgende Sichtbarmachung. Jede Gender-Gap ist ein kleiner Arschtritt. Dass die Leute darauf genauso reagieren ist klar, aber auch bisschen traurig. Nehmt euch und die Sprache mal bitte nicht so furchtbar ernst. Ich erfinde in anderen Kontexten jeden Tag neue Wörter – ohne Bewusstsein zu schaffen. Und da meckert auch keiner.  Und auch deshalb finde ich eine Auseinandersetzung mit der Frage „Wie darf ich Schwarze Menschen eigentlich nennen“ wichtig, auch wenn ich mich selbst immer betreten verhalten, mich schäme, mich doof fühle – diese Gesellschaft kotzt mich an; ebenso wie ihr Umgang mit Gruppen, die von der Norm abweichen. Ich schäme mich dafür. Aber noch mehr schäme ich mich für mich – denn ich bin eine Privilegiemuschi, die diesen Normen auch unterworfen ist – ich bin mehr Rassistin, Sexistin und Chauvinistin, als mir lieb ist. Ja, das tut weh. Ja, das ist unangenehm. Und ja, es ist meine Pflicht, mich dem zu stellen. Dieses Gefühl muss man zulassen, auch wenn es weh tut. Erst dann ist es wirklich eine Form von „weißem Anti-Rassismus“. Erst dann zeige ich den Menschen, die von meinen Vorfahren misshandelt und missachtet wurden, Respekt und Demut.

2. Diskursive Praxis hinterfragen: Welche Begriffe sind Selbst- und Fremdzuschreibung? Wie wollen die Menschen bezeichnet werden? Was ist unfair, was ist übergriffig, was ist angemessen? Wie entstehen Begriffe? Woher kommen sie? Was sollen sie beschreiben und warum? Ist es notwendig sie zu benutzen? Sprache ist eine Waffe – wir müssen vorsichtig mit ihr umgehen!

3. De facto Herrschaftsverhältnisse anerkennen. In unserer Gesellschaft ist der default-Zustand für Machtausübung weiß, männlich, hetero und cis. Da kann man jetzt jammern, aber das ist erstmal so. Das männlich wird aufgebrochen, ebenso das weiß (Merkel und Obama) – momentan sind das aber auch noch Ausnahmen, Obama mehr als Merkel (und es gibt ja Menschen die meinen Obama sei nicht schwarz, weil seine Familie keine Sklavenerfahrung gemacht hat – was eine interessante Anekdote ist, denn sie zeigt, dass weiß und schwarz im Prinzip auch Konstrukte sind um Privilegierung/Diskriminierung sichtbar zu machen). Dieser default-Zustand von Herrschaft muss überprüft werden. Aber wie wir wissen – default-Eintellungen kann man nur ändern, regulieren – nicht gleich machen. Das ist es, was Menschen meinen, wenn sie sagen, dass die Privilegienmuschis und -penisse ihre Privilegienstellung nicht aufgeben wollen. Sie profitieren ja von diesem Zustand. Und ich kann auch verstehen, wenn Menschen wirklich sauer werden, wenn es dann flapsig heißt: Also in meiner Welt gilt das mit der white supremacy nicht – ja, genau. Denn in „deiner“ Welt regieren lesbische, schwarze Behinderte die Welt. Es geht mir jetzt auch nicht um die grundsätzliche Frage von Herrschaft. Erstmal geht es ja darum das anzuerkennen: Westen regiert die Welt, im Westen regieren die Weißen, hetero, cis-gender. Und ja, ich weiß, dass China und Indien das jetzt komplexer machen – ändert nichts an den traditionellen Diskursen. Und es geht darum, dass es Merkmale gibt, die jemand zufällig hat, die einen Zugang zu Macht wesentlich schwerer machen. Und diese Merkmale sind in unserer Tradition sehr stark verankert.

4. Weißen Stock aus dem Arsch ziehen. Diese Punkte mal zu reflektieren, mal anzunehmen, mal darüber zu reflektieren – ist ein erster Schritt. Dann kann man auch einfach mal darüber nachdenken, wie es für Noah Sow gewesen sein muss. Ich finde ihre Schilderungen wichtig und auch die Auseinandersetzung damit. Sie entspricht mit ihrem Verhalten weder dem Klischee „der Frau“, noch „der Schwarzen“ , und ist einfach mal offenbar genervt von der Ignoranz und Dummheit, eiskalt und weist diese unsensiblen und unwissenden Deppen in die Schranken. Mein Artikel über AstA-Linke hat sich eben mit genau diesen Menschen auseinandergesetzt. Diese Möchtegern-Weltretter, die sich als Anti-Rassisten, Anti-Faschischten und Feministen bezeichnen und dann nicht mal die Lesung der Autorin so vorbereiten, dass sie mit ihr halbwegs auf Augenhöhe reden können. Wenn sie sich nicht mit Rassismus beschäftigen wollen – ok, aber diesen Wohlfühl-Antirassismus können sie sich doch sparen, finde ich. ich bin jederzeit bereit es den Leuten zu erklären und finde es auch ätzend, wenn andere Menschen das nicht tun. Aber: bei soviel Inkompetenz kann ich die gute Frau Sow wirklich verstehen.

Dieser Blogpost war nun inspiriert von der Unglaublichkeit der Diskussion um Noah Sow. Der Beitrag von Malte Welding – auch wenn ich seine Kritik an der im Mittelpunkt stehenden Person nachvollziehen kann – ist so peinlich, dass ich ihn nicht verlinken werde. Und was die Empörungsindustrie von sich gegeben hat will ich auch nicht verlinken. Mein Anliegen war einfach nur mal zu erklären, was Diskurs ist und wieso Rassismus mehr ist als das N-Wort nutzen und Ausländer zusammentreten. Wieso wir in gesellschaftliche Normen denken und feststecken und das wir die auch nicht loswerden, uns aber wenigstens mal darüber Gedanken machen können und Demut zeigen. Und ja, als Privilegienmuschihete kannst du nichts richtig machen – aber irgendeinen Preis müssen die Privilegien ja auch haben.

Rassismus ist die Einteilung der Menschen in Rassen (die es so nicht gibt, tatsächlich … aber biologische Genauigkeit ist ja leider eh nicht Mainstream) und der Zuschreibung von gewissen Eigenschaften. Deswegen ist es auch Rassismus, wenn man behauptet, dass die Griechen per se weniger arbeiten. Oder dass die Juden per se schlauer sind. Oder, oder. Kategorien, Stereotype – das sind die Feinde. Wenn wir freie Entfaltung wollen, müssen wir diese Aufbrechen. Also ich will das. Denn das verstehe ich unter Emanzipation.

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tl;dr: Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

P.S. Ich beantworte alle eure Fragen gerne. Aber denkt bitte daran, dass ihr nicht mir die Schuld gebt, wenn ihr etwas nicht versteht. Fragt einfach. Ich antworte gerne. Und bleibe fair. So mein Anspruch in dieser Sache. Denn das Thema ist zu wichtig für Ego-Scheiße.

P.P.S Was ich von Blut und Boden -Ideologie als Bürgersystem halte, erläutere ich dem guten Sarrazin hier: http://juliaschramm.de/blog/moderne/deutschland-und-kulturnation/

Nochmal Auszüge von Foucault:
„Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbares Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materalität zu umgehen.“ (S. 7)

„Niemand kann in die Ordnung des Diskurses eintreten, wenn er nicht gewissen Erfordernissen genügt, wenn er nicht von vorneherein dazu qualifiziert ist. Genauer gesagt: nicht alle Regionen des Diskurses sind in gleicher Weise offen und zugänglich; einige sind stark abgeschirmt (und abschirmend), während andere fast allen Winden offenstehen und ohne Einschränkung jedem sprechenden Subjekt verfügbar erscheinen.“ (S. 26)

Literatur:

Braune Mob e.V. – Ein Verein von Schwarzen, die mal gut zeigen, was eigentlich die Probleme sind: http://www.derbraunemob.info/

Jochen Hörisch, Tauschen, sprechen, begehren. Eine Kritik der unreinen Vernunft, München 2011.

Michel Foucault, Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am Collège de France – 2. Dezember 1970, München 1974.

Ideologie und Emanzipation

Oder: Wieso die Piraten nicht Post-Ideologisch sein können

Der Begriff Ideologie stammt aus der Zeit der französischen Revolution und erlebte drei begriffliche Taufen. In Gefolgschaft der franzöischen Revolution setzten sich die so genannten Idéologistes, ein Neologismus analog zur Ontologie, nach dem Sturz der Jakobiner das Ziel eine analytische Wissenschaft von Ideen einzuführen. Also die Frage nach der Entwicklung und den Elementen der Metaphysik. Als nächster Taufpate wird Napoleon verstanden, der diese Ideologen, den Werten der Aufklärung verbunden, herablassend verspottete – und schließlich als Kampfbegriff nutze um seine Gegner zu diffamieren. Jeder Widerspruch gegen ihn galt als Ideologie. Schließlich nahm sich auch Karl Marx dem Begriff Ideologie an und arbeitete heraus, dass Ideen von den Herrschenden zur Zementierung ihrer Herrschaft genutzt wurde. So münzte er seine Klassenkampftheorie um und erklärte die Ideologie zum Kampfbegriff gegen die herrschende Klasse. Man kann also erkennen, dass bereits im 18. und 19. Jahrhundert der Begriff sehr verschiedene Bedeutungen hatte. Dem folgend ist auch die Forschung mit diesem Begriff weitläufig und unordentlich – geprägt von verschiedenen Herangehensweisen und Interpretationen.

Die marxistische Dimension der Ideologie lasse ich an dieser Stelle aus und versuche die Ideologie als immanentes Gegenstück zur Religion zu erarbeiten. Dafür muss zunächst der Unterschied zur Religion dargestellt werden: Religionen sind seit Jahrunderten oder Jahrtausenden im Wandel und haben ganze Gesellschaften geprägt und aufgebaut, während Ideologien künstliche Gebilde einer modernen, säkularisierten Marktgesellschaft. sind Ideologien tauchen in diesen Gesellschaften als Antwort auf eine Krise der Religion auf. Beobachten kann man dies in erster Linie seit der europäischen Neuzeit, als Gott seine Omnipotenz zunehmend verlor, also ein Glaubenswettbewerb begann. Die Spaltung der römischen Kirche öffnete diesen Wettbewerb. Alternative Erklärungmodelle für die Gesellschaft, ihre Mechanismen und ihre Zukunft wurden entwickelt – das 19. Jahrhundert wurde zum Zeitalter der Utopie. Doch nicht nur das: Viele meinten, mit Ideologien die Werkzeuge für den richtigen Weg der Menschheit gefunden zu haben, den gesellschaftlichen Schlüssel zum Frieden, zum idealen Ende der Menschheit.

Die Rolle Gottes wurde nun der Geschichte, der Rasse, einer Idee oder einer Person zugeschrieben und am Ende dieses Jahrhundert der Utopien stand das Zeitalter der Extreme, wie es Eric Hobsbawn ausdrückt. Als Ideologien haben sich in diesem Zusammenhang vor allem der Nationalsozialismus und der Kommunismus erwiesen, an deren Beispielen die neuere Forschung in erster Linie orientiert war und ist. Auch der Islamismus wird zunehmend als Objekt des Interesses gehandelt und untersucht.

Was die literarische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts jedoch gezeigt hat, ist eine gesellschaftliche Funktionalität von Ideologie und Religion. Das menschliche Bedürfnis nach Sinnstiftung entspringt, so Voeglin, in seiner Kreatürlichkeit, so dass er eine höhere Ordnung braucht um seine Existenz zu erklären. Der Geist ermöglicht es über die bloße physische Existenz hinaus denken zu können, so dass der Mensch in der Spannung zwischen Transzendenz und Immanenz lebt und sich seine Existenz in einer Zwischensphäre abspielt. In einer höheren Ordnung einen Platz zugewiesen bekommen stillt die quälende Frage nach dem Sinn des Lebens. Die religiöse Transzendenzerfahrung ermöglicht es dem Menschen auf einem intellektuell anspruchslosen Niveau diese transzendentale Sehnsucht zu stillen. Im Verhältnis zu Gott kann man zu der inneren Ordnung und dem inneren Sein gelangen.

Hierbei handelt es sich in erster Linie um eine emotionale Erfahrung, welche die Ideologie zu replizieren versucht, jedoch ohne einen transzendenten Bezug. Gerade in kollektiven Massenereignissen scheint die Grenze zur Transzendenz immanent erreicht zu sein. Wesentlich für eine erfolgreiche Ideologie ist somit die Inklusion, als auch die Exklusion in Form der Erzeugung von Einzigartigkeit für den Einzelnen. Mein (imaginärer) Freund im Himmel oder der Reichskanzlei, gibt mir eben dieses Gefühl der Einzigartigkeit und gleichzeitig das Wissen Teil eines sinnhaften Ganzen zu sein.

Der Machtverlust der transzendenten Ebene in der modernen Gesellschaft, ausgelöst u.a. durch Industrialisierung, das aufkommende Bürgertum und die französische Revolution,  führte zu einer Verweltlichung der Religion, was wiederum eine massiven Entmysthifizierung mit sich brachte. Die Entzauberung der Welt, wie es Max Weber richtig erfasste. Und so ist die Religion und die Ideologie eine Form die Welt zu erfassen, denn beide wirken sinnstiftend. Unterschiede gibt es wesentlich in ihren Bezügen, nicht aber in ihrer Funktion, ihren Institutionen, den Verhaltensweisen, die sie bei ihren Anhängern hervorrufen. Die Ehrfurcht vor Gott wird in der Ideologie, wo der Mensch zum Gott erklärt wird, zur Ehrfurcht vor dem Führer der ideologischen Bewegung. Denker wie Voeglin schlossen daraus, dass eine christliche Gesellschaft ssomit weniger Schaden anrichten würde, frei nach dem Motto: Besser Christ, als Nazis.

Und vor allem das Sendungsbedürfnis ist sowohl bei Religionen, als auch Ideolgien stark. Schließlich will man die Wahrheit mitteilen, wenn man glaubt sie zu kennen. Während Religionen einen transzendentalen Bezug haben, die Erlösung überweltlich sehen, suchen und finden Ideologien vermeintlich die Erlösung innerweltlich. Das immanente Erlösungsmoment ist das zentrale Motiv der Ideologie: Das Paradies auf Erden schaffen. Und das mit rücksichtsloser Prinzipienhaftigkeit. Und spätestens hier wird dann auch der Bezug zur Piratenpartei klar.

Emanzipation als gesamtgesellschaftliche Aufgabe – Post-Ideologie als Politikanspruch

Man kann also festhalten, dass dem Menschen ein Wunsch nach Sinnstiftung, nach Transzendenz, ja, nach Wahrheit innewohnt und Ideolgien dieses Bedürfnis ebenso stillen, wie es Religionen tun. Ein geschlossenes Denksystem ist das Ziel, dass alles sinnhaft macht, dass dem Menschen eine Funktion im Weltgetriebe zuweist. Katalysiert werden kann das im Wesentlichen von den verschiedensten Bewegungen – Umweltfanatismus oder Promiskuität können dem Leben vermeintlich ebenso Wahrhaftigkeit verleihen. Lösung für diese “transzendentale Sehnsucht” ist zweifelsohne eine echte Emanzipation – also das Denken ohne Geländer, ohne geschlossenes Denksystem, ohne Zwänge. Oder wie es Adorno in “Dialektik der Aufklärung” ausdrückt: „Das Bestehende zwingt die Menschen nicht bloß durch physische Gewalt und materielle Interessen sondern durch übermächtige Suggestion. Philosophie ist nicht Synthese, Grundwissenschaft oder Dachwissenschaft, sondern die Anstrengung, der Suggestion zu widerstehen, die Entschlossenheit zur intellektuellen und wirklichen Freiheit.“ Die übermächtige Suggestion kann hierbei als das mittlerweile vielfältige Weltanschuungaangebot verstanden werden, das die Welt in ihrer Komplexität reduziert. Natürlich ist eine gewisse Komplexitätsreduktion notwendig um sich in der Gesellschaft zu orientieren, sobald jedoch eine Patentlösung für das ideale Ende der Gesellschaft vermeintlich erkannt wurde, sind wir schnell bei der Endlösung. Es geht also vielmehr um das Befreien des Denkens von dem Wunsch für alles eine Erklärung, eine Lösung zu haben. Echte Freiheit erweist sich hierbei als anstrengend, als Herausforderung. Die Unfreiheit, das Aufgehen in einem geschlossenen Denksystem, abseits jeder Verantwortung wirkt unter diesen Prämissen verführerisch. Deswegen sind Verschwörungstheorien so spannend und immer wieder präsent. Doch den heiligen Gral, die eine Lösung gibt es nicht. Weder gesellschaftlich, noch politisch. Das Anerkennen von Unsicherheit, Ungewissheit und dass das Sein wohl oder übel das Nichts ist, ist eine wesentliche Aufgabe des Individuums, muss jedoch als politischer Anspruch verankert sein. Konflikte dürfen nicht ausgemerzt werden, sie müssen institutionalisiert und als Motor des gesellschaftlichen Entwicklung verstanden werden. Ein post-ideologischer Anspruch kann somit nur im Bewusstsein einer zu erwirkenden Freiheit des Denkens verstanden werden – eines Denken der ganzen Komplexität und einer Anerkennung von Unzulänglichkeit. Der Versuch einer Zwangsharmonisierung kann nur in einer totaliätren Gesellschaft enden. Post-Ideologie kann so nur den Versuch sich gedanklicher Konstrukte so weit es möglich scheint abzuwenden  beschreiben, sich der Situation und der Gegenwart anzunehmen, sie zunächst zu akzeptieren und Lösungen zu finden, die unabhängig von einer höher gelegenen Sinnstiftung sind. Deswegen definiere ich Pragmatismus eben auch als Gegenpol zum Dogmatismus – unter den man in meinen Augen die transzendentale Sehnsucht zusammenfassen kann. Denn nur auf festen Füßen können Ideen ungefährlich gedeihen. Geschlechtsunabhängige Emanzipation, wie oben verstanden, kann und muss ein wesentliches Element einer progressiven Politik sein – muss das Leitprinzip sein, das Ideal. Hier werden auch andere philosophische Strömungen berührt, wie der Existenzialismus z.B. Wichtig ist hierbei  zum einen der Anspruch, jedoch auch die bildungspolitische Infrastruktur, denn  Politik muss, nach Hannah Arendt, Freiheit ermöglichen. Politische Freiheit existiert in einer Welt jedoch nur, solange die transzendente Ebene nicht ausgeschlossen ist und die entsprechenden Institutionen nicht verbannt werden. Toleranz und Pluralismus, sei es noch so konfliktträchtig, ist integraler Bestandteil einer offenen Gesellschaft und muss auch auf kleinster Ebene bereits gelebt werden.

Und wie sieht das im Verhältnis von Internet und Ideologie aus?

Das Internet bietet uns nun eine neue Dimension der Utopie: Eine demokratischere und freiheitlichere Gesellschaft, an der mehr Menschen partizipieren können, entscheiden können: Die Utopie einer besseren Gesellschaft. Am von mir beschriebenen transzendenten Grundbedürfnis des Menschen ändert sich jedoch nichts, so dass sich die Frage stellt: Wie katalysiert das Internet dieses Bedürfnis? Wie geht es damit um? Welche Chancen bietet es, welche Risiken entstehen? Das Verhältnis von Ideologie und Internet ist ebenso dual wie ambivalent. Vorteile und Chancen stellen somit auch potentielle Gefahren dar.

Denn Ideologien sind auch immer dichte Kommunikations- und Weltanschauungsnetze. Das Internet nun ermöglicht zum einen eine Dezentralisierung und somit eine stärkere Pluralisierung von Ideen und somit auch Ideologien, eine Auflöung scheint denkbar. Die digitale Aufklärung erscheint am Horizont. Mehr noch kann jeder seine individuelle Form der Ideologie erstellen. Ideologien ermöglichen, wie bereits angeführt, eine funktionale Rolle einzunehmen, die mit der Anerkennung und Wahrnehmung der eigenen Person verbunden ist. Es besteht eine Möglichkeit der radikalen Individualisierung, im extrem gar eine Vereinsamung. Gleichzeitig ergibt sich die Möglichkeit Gleichgesinnte zu finden, mit denen sich wiederrum Ideen verknüpfen lassen – die Grundlage für neue, globale Ideologien.

Sein ist Wahrnehmen und Wahrgenommen werden. Das Internet als globales Vernetzungsmedium erhöht hierbei Frequenz, als auch Fluktuation der eigenen Identitätsbildung. Die Kontrolle über das Wahrnehmen steigt ebenso wie die Kontrollmöglichkeit über das Wahrgenommenwerden steigt. Das Internet emuliert gleichzeitig auch das Gefühl in der Welt zu sein, zur Welt sprechen zu können. Der Wunsch nach Einzigartigkeit scheint zum Greifen nahe. Jedoch wird ebenso das Gefühl von Zusammengehörigkeit, das die Ideologie auch immer zu leisten vermag, kreiert. Internet kann in dieser Betrachtung auch selbst zur Ideologie verkommen bzw. wird es wohl von einigen Unwissenden als solche verteufelt! Doch in dieser globalen Plattform der Einzigartigkeit gibt es zunehmend eben auch Angleichungen, so dass die Gefahr globaler Ideologien nicht gebannt ist und sie ggf.,  mit größerer Verbreitungsmöglichkeit durchzusetzen sind.

Nicht zu vergessen ist dabei, dass das Internet durch seinen dokumentarischen  Charakter die Möglichkeit einer umfassenden Aufklärung gibt. Denn das Internet funktioniert als Gedächtnis und liefert dadurch Wissen. Auf der anderen Seite stellt das Internet auch eine Supermall der Ideen dar, in der man sich allzu schnell verlieren kann bzw. isoliert die Bestätigung seiner eigenen Welt findet. Eine inhaltliche Abkopplung von der realen Welt im Internet ist ungleich einfacher als einer inhaltlichen Diskussion in der realen Welt aus dem Weg zu gehen. Das Internet gibt die Möglichkeit einer Parallelwelt, die in sich wiederrum geschlossen ist. Es ist nicht nur das Medium der Aufklärung, auch potentiell das Medium der Ideologieverfestigung. Analog dazu ist der Vorteil des Internets eine Entkörperlichung, die eine pragmatische Herangehensweise, ohne emotionale Beladungen, ermöglichen kann. Persönliche Animositäten, Unsicherheiten können konstruktive Debatten verhindern, so dass eine transhumane Welt optional erscheint. Gleichzeitig gilt jedoch auch das Gegenteilige, wie die Mailinglisten zeigen – so dass sich vermuten lässt, dass körperliche Barrieren scheinbar Anstand schaffen. Natürlich muss man immer die Medien, die das Internet nutzen, unterscheiden, in diesem Beitrag geht es eher um Tendenzen, Vorstellungen und Ansätze. Grundsätzlich gilt die Frage nach der Herausarbeitung von Werten, abseits einer geschlossenen Gesamtideologie, denn erst Werte ermöglichen eine Gemeinschaft. Jedoch ist eine immaterielle Wertschöpfung ohne transzendenten bzw. sinnstiftenden Bezug sehr schwer und anspruchsvoll. Auch hier gilt, dass ein politischer Anspruch mit der Herausarbeitung von Mechanismen verbunden sein muss, die Werte schaffen.

Ein weiterer Punkt, der als Gefahren für die Ideologien bzw. als Befreiung funktionieren kann ist der zwanghafte Transparenzcharakter des Internets: Alles wir gespeichert, alles ist erfahrbar, alles ist herausfindbar. Wissen wird gespeichert, konzentriert, gefiltert, kritisch hinterfragt und ausgewertet. Die Welt wird sowohl kleiner, als auch größer, die Zeit weniger, als auch mehr. Das Wissen ist so vielfältig und zugänglich wie nie und da alles mit einer erhöhten Beschleunigung. Schneller, größer, besser?

Literaturempfehlung:
Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht (1951)
Ralf Dahrendorf, Versuchungen der Unfreiheit (2006)
Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter (2010)

Linke und Vorurteile

Update: Da es um den Text zahlreiche Konfusionen bezüglich der Ernsthaftigkeit gab, ein kurzes Statement dazu: Der Text ist 2006 im Zuge einer Studiengebührendemo entstanden, hochgradig fiktional und übertrieben, deswegen als Satire gedacht.

Ein verregneter Vormittag im Mai. Eine engagierte Gruppe von Studenten hat zum Protest aufgerufen. Ein hübscher Laster wurde bemalt und angekarrt. Eine Bühne ist installiert und ein Stand mit Info-Material über die düstere Zukunft der Hochschulen befindet sich am Wegrand. Es ist noch vor 12 Uhr und der harte Kern der Studiengebührengegner hat sich bereits versammelt. Ein Teil trinkt Bier, ein andere Teil sieht erschreckend ungepflegt aus. Buttons werden von bunthaarigen und gepiercten Menschen verteilt, die einen bösartig angucken. „Scheiß-Bullen“ sagen die Buttons. Neben der Aufforderung keine Aussage im Falle einer Festnahme zu tätigen befindet sich eine Telefonnummer – für advokatische Hilfe.

Ich trage Stiefel und eine enge Tommy Hilfiger – Jeans. Meine Haare sind perfekt gestylt und mein Make-up ist sorgfältig. Die kleine rote Tasche passt perfekt zu meinem roten Lackgürtel. Mein Handy, ein pinkes Klapptelefon, klingelt. Irgendetwas hemmt mich diesen Anruf entgegen zu nehmen. Die Blicke sind unerträglich. Für einige bin ich bestimmt auch fickbar. Ich fühle mich fehl am Platz.

Dabei bin ich doch auch gegen Studiengebühren. Bildung muss kostenlos sein und bleiben. Niemals wieder darf der gesellschaftliche Status über den Grad der Bildung entscheiden.

„Es darf überhaupt keinen gesellschaftlichen Status geben!“, erklärt mir der süße Typ mit dem Bundeswehrparka, den langen Haaren und dem Bart bestimmt. Ich stehe ja auf diese Ché-Guevara Ausstrahlung. Warte mal! Hat er gerade die klassenlose Gesellschaft gefordert? Mir würde gerade reichen, wenn Studieren nicht 500€ extra pro Semester kostet. Na ja, denke ich, Idealisten finden sich überall. Braucht es ja auch. Pluralismus, Baby! Außerdem ist der Typ echt scharf! Er entschuldigt sich und springt auf die Bühne. Wow, denke ich mir, eloquent scheint er auch zu sein. Ich erwarte ein flammendes Plädoyer für die Humboldt’schen Werte, für die Bildung, für die Gerechtigkeit. Und hoffe auf ein Date.

Der scharfe Typ kündigt leider nur die eigentliche Rednerin an. Schade, aber gleich werde ich es noch einmal versuchen. Wer kann mir schon widerstehen?

Eine junge Blondine betritt die Bühne. Sie trägt eine Existenzialistenbrille und ihre Klamotten flattern einträchtig mit ihren Haaren. Sie hat ein hübsches Gesicht und eine süße Figur, soweit man das erkennen kann. Die Haare hochgesteckt, eine unauffälligere Brille und passende Klamotten, denke ich mir. Wieso verstecken? Bevor sie anfängt zu reden spielen die Boxen „We don’t need no education…“. Doppelte Verneinung im Englischen funktioniert als Verstärkung. Und ja, ich weiß, was sie sagen wollen, aber … die Szene beginnt bizarr zu werden.

Die junge Dame beginnt zu sprechen. Ich habe Probleme ihr zu folgen, da sie panisch von ihrem Blatt abliest. Ich höre die Worte „Scheiße“ und „System“ raus. Ich stocke kurz. Wo bin ich hier. Das soll eine Demonstration gegen Studiengebühren sein? Höre ich da das Wort „neo-kapitalistisch“? Langsam bekomme ich Angst. Die Weltrevolution naht!? Um mich herum scheinen die Menschen verstanden zu haben. Sie bejubeln die Rednerin frenetisch. Weg hier.

Also den scharfen Typ suchen. Ich erblicke ihn am Info-Stand und freue mich ein bisschen, weil ich merke, dass er mich angrinst. Das Gespräch läuft gut. Wir flirten richtig miteinander. Plötzlich taucht von hinten ein bekanntes Gesicht auf.

„Was will denn die liberale Neofaschistin hier?“

„Ich bin auch gegen Studiengebühren…“, flüstere ich kleinlaut und eine wilde Diskussion über eine Aussage meinerseits in einem Seminar beginnt. Der scharfe Typ guckt mich mitleidig an und geht. Und das nur, weil ich die Rezeption des Kommunismus im „Schwarzbuch des Kommunismus“ für angemessen halte.

Frustriert mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich wollte doch nur meinem Unmut über die drohenden Studiengebühren Ausdruck verleihen! Ich bin doch auch gegen die Einführung von Studiengebühren! Ich halte es doch auch für sozial ungerecht! Ich wollte doch auch protestieren!

Statt dessen sitze ich jetzt frustriert in der Bahn und frage mich warum ich nicht mitmachen darf beim Protest gegen die Studiengebühren. Verboten hat es mir explizit keiner, aber keiner mochte mich! Keiner wollte, dass ich meinem Unmut in lautem Protest Ausdruck verleihe! Dann halt nicht, ihr links-dogmatischen Spinner!

Die Bahn stockt. Durch die Lautsprecher tönt die Nachricht, dass die Innenstadt von Demonstranten blockiert ist. Jetzt reicht es! Ich bin sauer. Mein Denken vernebelt. Wo sind wir denn? Kein Rektor dieser Welt wird sich von solchen Methoden beeindrucken lassen. Und wer leidet? Die armen Zivilisten in der Bahn, die Termine und keinen Bock haben! Ich bin regelrecht wütend und werde morgen einen Artikel gegen diese verdammte Demonstration verfassen! Echt jetzt!

Kurt Schumacher und Nationalsozialisten

„Es hat keinen Zweck, gegen die Ungeheuerlichkeiten, die aus dem Munde der Herren Goebbels und Strasser kamen, mit einem formalen Protest anzugehen. Diese Dinge sind ja nur Teile eines ganzen Systems der Agitation. Wir wenden uns dagegen, auf diesem Niveau moralischer und intellektueller Verlumpung und Verlausung zu kämpfen. Das deutsche Volk wird Jahrzehnte brauchen, um wieder moralisch und intellektuell von den Wunden zu gesunden, die ihm diese Art der Agitation geschlagen hat […] Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen […] Wenn wir irgend etwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die tatsache, daß ihm zum ersten mal in der deutchen Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist. […] Abschließend sage ich den Herren Nationalsozialisten: Sie können tun und lassen, was sie wollen: an den Grad unserer Verachtung werden sie niemals heranreichen.“

Kurt Schumacher am 23.Februar 1932 im deutschen Reichstag. Im Anschluss ging er für fast 10 jahre ins KZ. Das, was er damals sagte, gilt für die Nazis bis heute. Und die NPD sieht sich in deren Tradition. Also lasse ich Kurt auch für mich sprechen.

(Zitiert nach: Christian Hacke, Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Von Adenauer bis Schröder, Berlin 2004, S. 39/40.)

Oberfläche und Frausein

Wieviel kognitive Energie wohl bei einer durchschnittlichen Frau für die Sorge um ihre Figur draufgeht? Ohne von einer empirischen Basis ausgehen zu können, ist die Frage zweifelsohne mit „zu viel“ zu beantworten. Es geht hierbei vor allem um Rollen, Erwartungen und Angst. Und um Verschwendung im unverantwortbarsten Ausmaß.

Es beginnt meist in jungen Jahren schon – gemästet von der Repräsentation idealer Weiblichkeit in der Medienkultur – mit spitzen Kommentaren post-pubertärer Damen. Meist zielen sie auf die Jugendlichkeit und Unbekümmertheit, des Segens sich seiner Figur und der Falschformation noch nicht bewusst sein zu müssen und dem gut gemeinten Rat, dass es im Alter alles sehr anstrengend wird. Wenn ein junger Mensch (in der Mehrheit weiblich) schon in jungen Jahren mit einer ausgeprägten Figur gesegnet ist, werden die Ratschläge schon offensiver, deutlicher und schaffen es, selbst Normalgewichtige zu irritieren. Schließlich ist man ja nur im Moment „normal“ – aber Spielraum nach oben? Denn an der Figur – besonders im hohen Alter – hängt die Beziehung zum männlichen Geschlecht. Nur die Dünnen können ihre Männer halten!! VERGISS DAS NIE, DENN OHNE MANN BIST DU NICHTS. (Die Realität sieht natürlich anders aus – oftmals genau gegenteilig, was wohl auch zusammenhängt. Aber das weiß man ja mit 12 nicht. )

Ganze Generationen von Frauen haben sich in der Hauptsache einer schmalen Taille gewidmet. Im Laufe der Jahrzehnte kamen so Dinge wie „Michelle ObARMa“ dazu. Oder ein gebleichter Intimbereich. Die Liste ist so lang wie absurd und wirft alsbald noch absurdere Fragen auf, die unaufhörlich gegen das eigene Selbstwertgefühl hämmern. Fragen nach der richtigen Form diverser Körperteile, richtiger Proportion, der richtigen Zurschaustellung, des richtigen Einsatzes und, und, und … Fragen nach Mode sind hierbei noch nicht berücksichtigt. Die Begrenzung auf eine spezifische Vorstellung des weiblichen Körpers (zur Zeit 90-60-90-langhaarig-schmollmund-pornostyle) erschwert die Anpassung der meisten Frauen, bei gleichzeitiger Bevorzung derer, die diesem Bild leichter entsprechen. Doch lastet der Druck dann auf Erhalt und gar Verbesserung des gesellschaftlich gewünschten Körpers. Gerade wegen der guten Vorraussetzungen.

Und so dreht es sich fort und fort um Kalorien, Fettanteil und Fliehkräfte. Alles getarnt unter dem Glaube an den unbedingten Willen. Dünn sein ist schließlich nur eine Frage des Willens. Mehr nicht. Bist du zu schwach, wirst du dick. Und Frauen sind ja per se willensstark – mit diesem Willen kontrollieren sie ja auch ihre Sexualität, um Männer zu manipulieren. Da sind doch konstant 58 kg keine Herausforderung!

Die Auseinandersetzung mit diesem Text ist nur ein Bruchteil dessen, was täglich an geistiger Energie in dem Erstreben des Schönheitsideals oder Bedauern über fehlenden Willen fließt. Diese Energie fehlt. Sie fehlt überall. Sie fehlt auch mir. Und ich werde ihrer Verschwendung entsagen. Ich habe keine Lust mehr mich verrückt zu machen, weil ich für Karl Lagerfeld fett bin; weil ich für manche Designs nicht die richtige Figur habe; weil ich nicht aussehe wie Kate Moss. Ich bin es leid mich mehr mit meinem Aussehen, als mit meinen Inhalten zu beschäftigen. Ich will mich nicht mehr hassen, weil ich nicht frisch geshoppt aussehe. Ich will mich nicht mehr über mein Gewicht definieren. Ich bin es leid mich hinter dem Schönheitsideal zu verstecken, mein Potential selbst zu torpedieren aus Angst vor echter Verantwortung. Heute wog ich mich – 78 Kilogramm. Und ab morgen werde ich mich nicht mehr dafür schämen. Oder hassen.