Jugendsünden und Literaturpreise

Ich nahm einst an einem Kurzgeschichtenwettbewerb teil. Und gewann. Wie auch immer. Vielleicht gab es keine weitere Bewerbung. Bei heutigem Lesen wird mir etwas anders, weil die Geschichte und die Sprache platt anmuten. Doch überzeugt euch selbst:

Rien ne va plus

Ring. Ring. Ring. Monotonous. And again. No mercy. The sound of the siren plays with the ears. A car from the right. Or the left? Excuse me. Cheers. The dress is adorable. It would match with the color of the new shoes. The new Redberry-Collection. Evil. Ariel Scharon has just done it. Incredible. The best thing, but unexpected.

Ring. Ring. Ja! Later. Not earlier. Later! Cheers. 25 minutes. The-coffee-chain-that-pretends-to-trade-fair? Fine. See you there. Bye. Where is the bus? Eternity. Nevermind. Three minutes for the tube? Bloody hell! Oh what a surprise. It’s Everton Road. Again. Please don’t look at. Thanks for support. Bags destroyed? Memories. No service. More surprises. Weird day. Excuse me? Pardon? That is rude. Pardon? Indignation. Restriction.

Where are all these people coming from? Leave me alone and get back to your box and stop being dumb monkeys in the underwear of the society. Well, the real quote should be like this. Guess so. Hope so. Whatever. Cheers. Go and work! Why? Well, why sitting on the street and pleading? Oh please, behave! Bitch? I beg your pardon! Gratitude.

Here we are! The-coffee-chain-that-pretends-to-trade-fair. It is lovely! Evil. Evil. Evil. Intimidated smile. Sorry! Hips are just slaves. Whipped cream? Well, damn it! Yes please. Fair trade? Interesting. Chillen for poverty in soft, red chairs with this progressive, alternative atmosphere, supported by wallpapers in patchworkpattern and the touch of something right. Poverty is necessary to retain wealth.

Don’t talk about food! I know! Definitely too much! But this strawberry-muffin is awesome! Ten pounds. The Redberry is just until eight available. Awful. I don’t know. I know. Nobody! Aren’t they? Just on sale. 25 %. I know! Splendid. Not again. Loads of work. Not again. Problems with sniffing it. Cheers. Work. Work. Work.

Arbeit rief immer laut und störrisch und unabhängig von Tageszeit und dem Wetter. Wenn die Sonne am Horizont erschien und der Tau zart glänzte, drang das gleiche Geräusch an die Ohren. Klock, klock, klock. Das Knirschen der aufeinander donnernden Hölzer löste eine leichte Gänsehaut aus, die den ganzen Körper durchflutete. Kühl war es um diese Zeit nicht mehr, eher feucht-warm, so dass das Atmen zunächst anstrengend war, gar einer bestimmten Technik bedurfte. Lauwarmes Wasser, leicht bräunlich gefärbt, lief durch das erschöpfte Gesicht und vermischte sich mit der rötlichen Kruste am unteren Rand der Lippe.

Die Sonne schien jetzt genau auf die kleine, beschauliche Hütte, erhitze diese auf eine unerträgliche Weise und ignorierte selbst den als Schattenspender gedachten Baum. Der streng gerade Weg zur Arbeit lag zwischen einer siebzehnstündigen monotonen und reflexartigen Schicht, an deren Ende möglichst viele rote Taschen gefertigt sein mussten und der einräumigen Wellblechhütte, deren ganzer Stolz auf dem kleinen TV-Gerät ruhte.

Die Schüssel Reis als Frühstück bewirkte Trägheit und bekräftigte den Wunsch die bevorstehenden drei Meilen nicht laufen zu müssen, auch wenn diese Strecke weit unter dem lag, was man hätte laufen können. Eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier… Bald würde es Geld geben, mit echten Münzen, die in der Sonne glänzen würden und zwar wie reines Silber. Das Sparen dürfte nicht all zu schwer werden, denn man konnte nichts erwerben.

Shoes! Bags! Accessoires! Ice-cold cream on the 500-kalories-bomb. Evil. But so good. Trying to reject desperately. Ring. Ring. Ring. Tell him to send this documents to the address that is written down right next to the sink. That is not interesting. Cheers. This stupidity is driving me crazy. Seriously. Just totally annoying. No alternative, of course. Even if he was dying. Exactly. Chillen for poverty. Hahaha.

What is going on in this heads? Explanations. Apologises. Excuses. Everything has to be done on your own. Awful! This new neighbour is so hot. Absolutely. He looks similar to the barkeeper in the Moonshadow. Hi! Blink. Blink. The day was pathetic. Just 120. Disdain is predominating, sorry. Sorry? Well. You can’t change the world, but you can look gorgeous while trying it.

Der klebrige Regen brach auf halber Strecke aus und ruinierte die winzigen Versuche auf dem müden Gesicht eine ansehnliche Fassade zu kreieren. Auch wenn die kleine, graue, mit leicht verfärbten, roten Rosenblättern verzierte Bürste nur noch halb den geforderten Dienst verrichten konnte, wurde sie doch mit einer ganz speziellen Zärtlichkeit behandelt, mit Stolz und Würde.

Auf dem Weg traf man immer die gleichen Menschen: alt, jung, gebrechlich, zart. Manchmal auch weinerlich, pubertär oder einsam und verloren. Hier und da ertönte ein leises Lachen. Manchmal wenn auch selten, durchdrang eine lüsterne Heiterkeit die zähe Masse, die in eine graue Richtung strömte und wuchs und schrumpfte, aber immer floss.

Die Hallen waren lang und schmal und bestachen hauptsächlich durch eine enorme Höhe. Die Wände waren in ein mildes Grau getüncht, welches auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit nicht mehr die gewünschte Deckkraft besaß. Ein hohles Tropfen und das dröhnende Stampfen der Druckerplatten wurden von einem eintönig-tiefen Summen der Nähmaschinen untermalt.

Die Nähmaschinen waren eine angenehme Arbeit, da sie im Sitzen verrichtet wurde und somit die wunden Knie schonte, die viele Jahre in diesen Hallen hinter sich hatten. Und es würden noch viele Jahre folgen und die Wahrscheinlichkeit, jemals wieder eine im Sitzen zu verrichtende Arbeit zugeteilt zu bekommen, stieg nicht mit fortgeschrittenem Alter, sondern definierte sich über Willkür, vielleicht auch Stumpfheit. Diese Frage zählte zu den großen Geheimnissen, absolut undurchschaubar. Doch für den Moment lebte es sich ausgezeichnet mit der Arbeit an den Nähmaschinen.

Manche waren mit Namen versehen, oder kleinen roten Puppen, die als Beschützer vor bösen Geistern dienen sollten. Die meisten waren schlichtweg verrostet und summten ungewöhnlich laut oder manchmal auch unrhythmisch, was wohl der unangenehmste Teil war. Das Sitzen an der betroffenen Maschine bedurfte durchaus Konzentration. Eine leichte Träumerei war aber dennoch immer möglich, bevorzugt gegen Ende der Schicht, wenn die Sonne schon seit Stunden untergegangen war und der Mond die Nacht flutete.

Reitest du durch Wind und Nacht
einsam, begleitet, singt er oder lacht?
Geschwind mit reiner Seele und Herz
vergisst du den alten Kindesschmerz.
Frohlockend springt er ab und auf
dein Gesicht in seines strahlend Blick,
es gibt ein Hin, aber kein Zurück.
Liebe, Leidenschaft und Zärtlichkeit,
bekämpft er das Lachen, völlige Dummheit.
Final sei der Kuss im Taumel der Lust
magst du wie es ist, bist du dir dessen bewusst?

Of course. Self-evident. Where is the point? Honestly? Maybe, you should leave. Maybe because it is too obvious. Ring. Ring. Sorry! Ja! Can’t hear you. Bad service. I know! Isn’t it? All over her. It is ruining her life. Apparently! Thank you. Cheers. The-coffee-chain-that-pretends-to-trade-fair was left. No idea in which direction, even if the half way to the nice Redberry-Store is already done. It is adorable. Well, you did not buy exactly the same. The other red one is quite bigger. Apparently we should go.

Discount? Well, ok. Just considering the offer. I know! Go for it. Ok. Made in where? Who knows this country? This is definitely the last one this week. You prefer working in a factory than to be a hooker? Well, thank you for this enlightenment. You don’t have a branch close to your town? That’s horrible. I know! Humiliation. Disdain.

Searching for salvation in the labyrinth of consumer goods. One shot. Just one! This is ridiculous. Bloody bombings. Everybody stuck anywhere. It is not fair. Nobody can do anything. Thanks. Everybody was suspicious. One eye. Black, brown or white? Yellow? Red? Grey? Are you criminal? Lost in orientation. Or without? Maybe his bag? Could it be her bag? Fear. Panic.

Eigentlich schlug das Herz nur in sehr wenigen Augenblicken derart hoch, dass man es spüren konnte. Aber einer dieser Augenblicke war die wöchentliche Visite eines gut aussehenden, Anzug tragenden Menschen, den sie alle verehrten, der Inhalt jeglicher Schwärmereien war, sie lebendig, verboten werden ließ. Vielleicht versprach er eine Welt von der keiner von ihnen einen Hauch von Ahnung, gar Erfahrung hatte.

Die monatlichen Visiten wurden im Laufe der Zeit immer absurder und vor allem offensichtlicher, da weder Alter noch Körperbau das Öffnen des nächsten Blusenknopfes verhindern konnten. Die Sehnsucht leuchtete in den müden, von grauen Ringen umrahmten Augen aller weiblichen Arbeiter, unabhängig von dem eigenen Lebensstand und belastete den jungen, vom anderen Teil der Welt geschickten Mann sichtlich. Auf Grund der offensichtlichen Annäherungsversuche begann der Visitor leicht zu schwitzen, was der Begeisterung der weiblichen Horde keinen Abbruch tat. Ein Teufelskreis.

Tiefe Blicke, zufällige Berührungen. Eigentlich war er weder besonders groß, noch besonders attraktiv, seit Jahren allein stehend mit gebrochenem Herzen. Dank einer herzlosen Emanze. Dieses feuerrote Haar, das so gut duftete. Böse. In den wildesten Träumen, er spielte immer die Hauptrolle, führte er sie zum Essen aus, in einem silbern glänzenden Anzug. Mit einem Auto, das sie überall hinfahren könnte. Es war die unbekannte, bessere Welt, in der Respekt zu herrschen schien. Angst musste ein unbekanntes, vergessenes Wort sein, ersetzt durch Liebe, Toleranz und Freiheit. Was war schon ein Leben wert wenn nicht teilbar?

Der alte Visitor war furchtbar alt gewesen und widerlich wie geil. Er hatte Fred geheißen, aber alle hatten ihn Freddy genannt, oder Ficki – aber nur hinter vorgehaltener Hand. Er hatte einige von ihnen erpresst. „Sex oder Job weg.“ Das war auch so ziemlich die einzige Wortkombination die Ficki in der Landessprache beherrscht hatte. Schicksal. Nach der Schwangerschaft einer Arbeiterin, deren Produkt zweifelsohne das Fickis war, erschien er nicht mehr, was in jeder Einzelnen und in kindlich aussehenden Jungen eine große Freude auslöste.

Die bevorstehende Visite, ohne Ficki, brachte wieder alle jungen und alten Frauen auf den Plan, die in ihm ihre Zukunft sahen. Auch der ein oder andere junge Mann hoffte auf Beachtung seitens des Prinzen. Das Karussell drehte sich wieder und jeder Mitfahrende wurde durchgeschüttelt, einige mussten länger sitzen bleiben als andere – Willkür.

Sonnenuntergang. Sonnenaufgang. Tag. Nacht. Eigentlich hatte das alles keinerlei Bedeutung. Was war Zeit wenn man sie nicht nutzen konnte? Und wofür hätte man sie nutzen können? Wäre es zufrieden stellender gewesen als die halbjährliche Visite des Prinzen aus einer anderen Welt in seinem eleganten, grauen Anzug mit dem verführerischen Hauch einer besseren Zukunft?

Maybe it was just exaggerated. Maybe it was plain fear. Maybe it was something. What if this gonna be the last face you will ever see? Could this be the last destination? Finally it worked, maybe. It would destroy her life. Maybe their lives. Possibly! It was not possible to go for good now.“Young, ambitious boy died in tube!” Shit might happen. “Two days remained to her great day”. Hysteric. That is ridiculous. I know! It could be the last second. Boom!!! Nothing. For God’s sake. Still alive. Everything around is still grey, still known. But it could have been. The imagined red blood rinsed through the face. It might be. Next time. Out of the station. Air. Life. Ring. Ring. Ring. Ring. Ring. Ring…

Anytown, Sunday the 10th of October: “24-years-old Broker killed by fiancé in front of the station. She did not know!”

Der Weg zurück wurde immer bei stockfinsterer Nacht zurückgelegt und der Mond strahlte immer besonders hell, heller als alle anderen Himmelskörper. Der Weg zurück zur Hütte wurde Schritt für Schritt schneller, die paranoiden Wahnvorstellungen hektischer. Schatten wo keine Schatten sein konnten. Stimmen aus dem totalen Nichts. Panik. Visionen von Gewalt, Erniedrigung, Misshandlung, Alltag. Nicht wirklich, oder doch? War es Gewalt, bösartige? War es Erniedrigung, lustvolle? War es Misshandlung, genüssliche?

Darauf gab es keine Antwort, da es die Fragen außerhalb der kleinen, geistigen Welt nicht geben konnte. Dennoch schossen sie immer und immer wieder durch den eigenen Kopf, wenn man die vom Mondschein durchtränkte Nacht durchschritt. Vielleicht würde er ja vor der Hütte stehen. Nur ein Kuss würde vollkommen reichen. Was würde zurückgelassen werden? Nichts von Bedeutung. Die grauen Töpfe, die zwei, und das zusammen gebastelte Bett würden einen wahren Nachkommen finden.

Ebenso wie der kleine, graue Fernseher, der den einzigen Wertgegenstand darstellte. Er war noch nicht gestohlen worden, was einem Wunder gleichkam, da der Besitzerwechsel eher zufällig als verdienend zustande gekommen war. Zumindest konnte dieser Zufallsbesitz verkauft werden. Vielleicht musste er das auch gar nicht. Vielleicht ermöglichte der Prinz eine Welt in der Geld keine Rolle spielte. Vielleicht kannte er Geld gar nicht mehr. Vielleicht bezahlte er nicht mehr. Vielleicht hatte er nur auf eine ganz spezielle Person gewartet.

Vielleicht hatte er sie schon gefunden, und stand jetzt vor der Hütte. Wie sollte darauf reagiert werden? Was sagen? Die Nervosität stieg jetzt ins Unermessliche. Wenn man genau darüber nachdachte, dann konnte man die Blicke der letzten Begegnungen deuten. Vielleicht waren es ja doch beabsichtigte Blicke. Vielleicht stand er jetzt da mit einer roten Rose. Vielleicht würde das Leben jetzt beginnen. Vielleicht würde das Glück auch endlich einziehen. Warum mussten Erwartungen immer mit Nervosität verbunden sein.

Das Kribbeln am ganzen Körper war angenehm, aber sehr ungewohnt. Etwas würde passieren. Vielleicht würden die kühnsten Träume war. Vielleicht bedeutete dies den Neuanfang, den Einschnitt. Vielleicht würde es endlich so werden wie es sein sollte. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

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