Sorgfalt und Selbstkritik

Die gute Nachricht des Tages: Meine Wenigkeit ist nun 4 Wochen rauschfrei und findet es bemerkenswert angenehm, da die innere Stabilität gewahrt, die Launen quasi etwas nivelliert werden und die Belastbarkeit erstaunlich steigt. Und so vermisse ich den Rausch gar nicht! Die Verbesserung der Konzentration und das erhoffte Ansteigen der Sorgfalt blieben bisher nun leider aus und so überflutet mich eine Welle, deren Wucht ich durch meinen Hang zur fehlenden Sorgfalt selbst verursacht habe. Sorgfalt – das Beachten aller wesentlichen Aspekte eines Vorgehens – ist eine wahre Tugend, die wir oftmals vergessen, die sich vielleicht niemals wirklich einbürgerte, deren Bedeutung nie wirklich erfasst wurde. Wenn wir alle der Sorgfalt mehr Tribut zollen würden, wäre die Welt dann nicht vielleicht etwas besser? Wären wir alle mit einem höheren Bewusstsein für Sorgfaltspflicht gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt ausgestattet, so könnten sich viele Probleme in Luft auflösen, würden sie doch, auf Grund fehlender Fahrlässigkeit, gar nicht erst entstehen! Aussagen würden genauer überdacht, ebenso Handlungen, Pläne würden besser überdacht und könnten somit besser in die Tat umgesetzt werden, oder, da sie ja besser durchdacht würden, besser bekämpft werden! Was für eine schöne, neue Welt!

Doch wird dies wohl meinen utopischen Idealvorstellungen vorbehalten sein, gehört doch zum Anspruch der erhöhten Sorgfalt auch ein Funke der Selbstkritik. Nicht, dass selbstkritische Menschen automatisch sorgfältig sind – oftmals ist dies ja ganz das Gegenteil! – und sorgfältige Menschen per se selbstkritisch, aber so bedarf es doch der Reflexionsfähigkeit zu erkennen, wenn man eben nicht sorgfältig ist, so dass erst dann eine Flut der Sorgfalt durch den faulen Geist fließen kann. Und mit Kritik tun wir uns, geht es um uns selbst, sehr schwer, denn wir umgeben uns lieber mit Menschen, die uns gegenüber solidarisch, ja bedingungslos loyal sind, ist es doch einfacher sich mit blinden Anhängern zu kleiden, die jeder Form der Kritik entsagen, um mir zu schmeicheln. Da wird geistige Pluralität zum Feind degradiert und die Gleichschaltung der Gedanken zum Ziel der Kommunikation – letztlich spricht hier nur die Hegel’sche Sehnsucht nach dem Beenden der Widersprüche, nach der Einheit der Welt, kurz: nach dem Finden des Weltgeistes. Doch leben wir in einer dualistischen, ja binären Welt, die aus gegensätzlichen Paaren besteht. Reich ist nicht denkbar ohne arm, schwarz nicht ohne weiß, groß nicht ohne klein und Kritik nicht ohne Selbstreflexion. Eine plurale Gesellschaft nicht ohne Kritik und Konflikte. Und Politik nicht ohne individuelles Versagen.

taz-blog und mein Gang nach Canossa

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