Vertrauen und Angst

Vertrauen ist ein rares Gut, welches man sich verdienen, gewinnen oder erarbeiten muss, dessen Wert wir schnell über- aber auch unterschätzen. Im alltäglichen Umgang mit meinen Mitmenschen denke ich nicht darüber nach, ob sie meinen Aussagen, meinen Beteuerungen oder meinen Versprechen Glauben schenken; oder ob sie meinen verbalen Auswüchsen Misstrauen entgegen bringen, weil es mir egal ist, schließlich handelt es sich dabei meist um Leute die sich ebenso wenig Gedanken um mich, wie ich mir Gedanken um sie mache. Bei Freundschaften gestaltet sich das nun gänzlich anders. Denn Freundschaften lassen Handlungsalternativen, die im Wesentlichen Vertrauen von Hoffnung unterscheiden, zu einem Martyrium werden, wenn das Vertrauen eben fehlt. Die Erwartungen an künftige Handlungen werden vertrauenslos automatisch negativ bewertet, geradezu panisch wird ein Untergangsszenario entworfen, eine selbsterfüllende Prophezeiung quasi, und dies nur aus einem Grund: fehlendem Vertrauen! Wie kann das nur sein?

Vertrauen, so Niklas Luhmann, ist ein Mechanismus zur Komplexitätsreduktion dieser Welt. Ein Leitfaden sozusagen, der es mir ermöglicht differenziert und trotzdem intuitiv zu denken und schließlich zu agieren. Nicht umsonst ist Vertrauen in erster Linie emotional – mein Gehirn kann begreifen, das ich vertrauen kann, dass mir mein Gegenüber vertrauensvoll erscheint, dennoch kann ich diesem Menschen, den ich rational als vertrauensvoll empfinde, mein Vertrauen entsagen. Denn was ist, wenn ich die Komplexität der Welt als Schutz empfinde? Mich vor konkreten Entscheidungen verstecken kann hinter der überbordenden Varianz meiner Umgebung? Verstecke nicht auch ich mich hinter hochtrabenden Wörtern, rhetorischen Fragen und dem Gebrauch der 3. Person Singular in diesem Blog, aus Angst mich zu sehr zu entblößen? Entgehe ich so der Falle meinen Entscheidungen ausgeliefert zu sein? Entgehe ich so der gefürchteten Willkür meiner Mitmenschen? Schlage ich lieber Türen zu, als sie zu durchschreiten und sie hinter mir zu schließen? Was bewegt mich meiner Umwelt kein Vertrauen entgegenbringen zu können?

Das Konzept Urvertrauen ist ja hinlänglich bekannt, ebenso die Idee, dass es unzerstörbar in den ersten Jahren ausgebildet wird. So will ich dem nicht widersprechen, denn das Vertrauen in mich, die anderen und die Welt hängt natürlich von der kontinuierlichen Liebe und Wärme meiner Kindheit ab. Doch will ich betonen, dass dieses Vertrauen auch bei glücklicher Kindheit zerstört werden kann. Treffe ich als urvertrauendes, somit gar naives Menschenkind auf Menschen deren Urvertrauen nie ausgebildet wurde, so können sie mir die Leiden ihres eigenen Lebens auferlegen, auf mich projizieren und mein Urvertrauen damit grundlegend erschüttern. Ich vermute sogar, dass sich das bereits erworbene Vertrauen aufspalten kann, in in makro- und mikroorientiertes Vertrauen. Makroorientiert habe ich ein Grundvertrauen, dass die Menschen eigentlich gut sind, dass die Welt ihren Lauf schon richtig nimmt und ich meinen Platz in dieser finden werde. Dieses tiefe Vertrauen in die Welt sollte mir prinzipiell auch Vertrauen in mich selbst bescheren oder aus diesem resultieren. Doch sieht die Realität zu oft anders aus. Meine Umgebung verunsichert mich, ohne es manchmal zu wissen, ich entwickle Egozentrik aus der Sehnsucht nach Einzigartigkeit und der Angst enttäuscht zu werden und plötzlich verliere ich mich im Sumpf meiner selbst, beginne Dinge zu tun oder zu sagen, die ich nicht tun oder sagen möchte und muss dementsprechend das Vertrauen in mich als gleichberechtigtes Wesen auf diesem Planeten verlieren. Die Angst, die vorherige Erfahrungen eingegraben haben, beginnt mich zu beherrschen und mein Gegenüber wird ein Abziehbild eines Geistes der Vergangenheit. Auf Mikroebene, also dem Konkreten, dem Alltäglichen, dem zwischenmenschlich Echten, schaffe ich es dann nicht das Urvertrauen weiter zu transportieren, vertraue mir selbst und somit auch anderen nicht. Ganz im Gegenteil konstruiere ich paranoide Verschwörungen gegen mich, suche hinter jeder Veränderung eine böse Absicht und verletzte damit die Menschen, die mir vielleicht am wichtigsten sind, was wiederum das Vertrauen in mich und somit andere erschüttert. Tragischer Weise kann dieses Loch in der Seele, das mich so misstrauen lässt, wahrscheinlich nur wahre Liebe stopfen – doch wie soll man diese finden ohne Vertrauen zu können?

Und so bleibt mir nur mit den Go-Go-Dolls zu schließen:

And I don’t want the world to see me

‚cause I don’t think that they’d understand

When everthing is made to be broken

I  just want you to know who I am

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