Sehnsucht und Projektion

So findet alles seinen Ort in der Welt und seine Ordnung; aber diese Technik der Heiligenverehrung und Sündenbockmast durch Entäußerung ist nicht ungefährlich, denn sie füllt die Welt mit den Spannungen aller unausgetragenen inneren Kämpfe.
Robert Musil

Das Fleischfasten ist bedingt erfolgreich – zumindest habe ich bisher kein halbrohes rotes Rinder-Fleisch verzehrt, was das eigentliche Ziel war. Eitelkeit zu fasten war von Beginn an ein mutiges, weil kaum schaffbares, Unterfangen; doch wurde mir Dank dieses Vorhabens einiges klar,  vor allem über meine Mitmenschen und ihre Partnerwahl.

Am Anfang steht wohl der Trieb: Ein Lächeln, der Geruch, ein frecher Satz oder die Tatsache, dass der Gegenüber nicht so reagiert, wie man es gerne hätte, kurz: Ablehnung, stiften Verwirrung und aktivieren die triebhaften Phantasien. Plötzlich ist das neuerliche Objekt der Begierde der Prinz auf dem weißen Roß oder die Prinzessin auf der Erbse, aber auf jeden Fall die Rettung des eigenen Lebensglückes, die Erfüllung aller Träume, die man sich meist jedoch schon seit Jahren in seinem kruden Geiste zusammen gebastelt hat und die wirklich niemals etwas mit der Realität zu tun haben. Stattdessen werden die eigenen Weltanschauungen und Ideen auf das Objekt der Begierde projiziert, welches sich dem eigenen Seelenheil zu verschreiben hat – unabhängig von dem Menschen, der sich hinter der Projektionsfläche zu verbergen scheint. Das eigene Ego stülpt dem anderen ein Sein auf, dass sich nur aus der eigenen Phantasie rekrutiert, so dass abweichendes Verhalten als nicht nachvollziehbar abgewertet wird, als überraschend oder gar verrückt wahrgenommen wird. Wenn der Trieb spricht, hat die Empathie den Mund zu halten. Und so passiert es, dass Liebe gesehen wird, wo keine ist – bedarf wahre Liebe doch immer der Gegenliebe, wie es Schlegel so schön sagt – dass Verlangen erzeugt wird, das niemals erwidert werden kann – sei es nun auf körperlicher oder geistiger Ebene – und dass Herzen gebrochen werden, die eigentlich gar nicht zu brechen sein sollten.

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Evolution und Selbstbezüglichkeit

Was treibt den Menschen an? Nach meinem Blog zu urteilen vor allem die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und der Drang Ewigkeit zu erfahren und zu produzieren, sich seine eigene Existenz in einem höheren, meta-physischen Ordnungsrahmen zu erklären. Bisher habe ich somit einer wesentlichen Antriebsfeder keinen angemessenen Raum zugewiesen: Selbsterhaltung.

Der nicht-humanen Natur unterstellt man immer zu gerne platte rationale Selbsterhaltungstriebe. Gefressen und Gefressen werden scheint die Devise des Tierreichs zu sein, während die Menschen sich mit ihrem Geiste über dies erheben können. Aber tun sie dies auch? Wir haben Techniken entwickelt, die uns von den triebhaften und instinktiven Impulsreaktionen erheben können, die uns die Möglichkeit zur Reflexion und zur Schaffung eines komplexen sozialen Systems geben. Doch nur weil wir die Potenz dafür haben, heißt das noch lange nicht, dass wir diese auch nutzen. Wir können unsere schwachen und vielleicht auch faulen Mitmenschen unterstützen, ihnen Chancen geben, die ihnen die Natur verweigert hat, sie tolerieren und akzeptieren wie sie sind. Wir können es aber auch lassen.

Und so ist die Frage, ob unser soziales Netz nicht de facto doch vom egoistischen Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen dominiert wird, ob das „egoistische Gen“ auch uns und die Gesellschaft determiniert. Sollte dies der Fall sein, müssen wir jedoch davon ausgehen, dass die Realität schon dem entspricht, was die Natur unter sinnhaftig versteht, dass die evolutionäre Selektion schon funktioniert, kurz: das wir nichts machen können! So wären wir determiniert, Opfer evolutionärer Mechanismen und willenlos.

Doch ganz so einfach will ich es mir nicht machen. Weder in die deterministische, noch in die existenzialistische Richtung, denn nur weil wir einen freien Willen haben können, heißt das nicht, dass wir nicht evolutionären Mechanismen der menschlichen Kultur ausgeliefert sind bzw., dass wir nicht Kulturtechniken entwickelt haben, die uns bestimmen und die wir letztlich nur durch Selbstreflexion aufheben können. Also muss man auch das „egoistische Gen“ angepasst an eine Mittelstellung zwischen Existenzialismus und Determinismus begreifen. So entwickelt der moderne Mensch verschiedene Intensitäten von Selbstbezüglichkeit, die sich zu selbstlaufenden Mechanismen entwickeln können, so z.B. Eitelkeit, oder zu Mechanismen, die durch eine meta-Ebene wiederum selbstbezüglich werden, weil sie in der Reflexion über sich selbst schließlich gewollt und somit bestärkt werden – so z.B. der Hedonismus. Selbstbezüglichkeit kann auch bedeuten, dass ich der Meinung bin, das Universum drehe sich um mich, alles Handeln und Sagen meiner Mitmenschen sei in Verbindung zu mir, auch negativ, was mir wiederum schaden kann. Selbstbezüglichkeit kann auch ein Selbstschutz sein, um mich von der Umgebung abzugrenzen und Ignoranz zu entwickeln. Und so ist die platte Annahme der natürlichen Selbsterhaltung beim modernen Menschen vor allem zur Selbstbezüglichkeit mutiert. Erst wenn der Überlebenskampf wieder notwendig wird, in Form von einem wie auch gearteten Krieg, dreht sich diese Selbstbezüglichkeit wieder in Selbsterhaltung.

Und so bleibt der Existenzialismus ein Anspruch an den Menschen eigenverantwortlich und souverän zu handeln – mit sich im Reinen zu sein und ohne die Abhängigkeit zu anderen Entscheidungen treffen zu können – eben nur ein Anspruch, denn das Überwinden der Selbstbezüglichkeit ist ein langer und harter Weg, den die meisten wahrscheinlich nur mit einem Krieg, und dann auch nur temporär, erreichen werden können.

M.C. Escher - Zeichnende Hände
M.C. Escher - Zeichnende Hände

Sorgfalt und Selbstkritik

Die gute Nachricht des Tages: Meine Wenigkeit ist nun 4 Wochen rauschfrei und findet es bemerkenswert angenehm, da die innere Stabilität gewahrt, die Launen quasi etwas nivelliert werden und die Belastbarkeit erstaunlich steigt. Und so vermisse ich den Rausch gar nicht! Die Verbesserung der Konzentration und das erhoffte Ansteigen der Sorgfalt blieben bisher nun leider aus und so überflutet mich eine Welle, deren Wucht ich durch meinen Hang zur fehlenden Sorgfalt selbst verursacht habe. Sorgfalt – das Beachten aller wesentlichen Aspekte eines Vorgehens – ist eine wahre Tugend, die wir oftmals vergessen, die sich vielleicht niemals wirklich einbürgerte, deren Bedeutung nie wirklich erfasst wurde. Wenn wir alle der Sorgfalt mehr Tribut zollen würden, wäre die Welt dann nicht vielleicht etwas besser? Wären wir alle mit einem höheren Bewusstsein für Sorgfaltspflicht gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt ausgestattet, so könnten sich viele Probleme in Luft auflösen, würden sie doch, auf Grund fehlender Fahrlässigkeit, gar nicht erst entstehen! Aussagen würden genauer überdacht, ebenso Handlungen, Pläne würden besser überdacht und könnten somit besser in die Tat umgesetzt werden, oder, da sie ja besser durchdacht würden, besser bekämpft werden! Was für eine schöne, neue Welt!

Doch wird dies wohl meinen utopischen Idealvorstellungen vorbehalten sein, gehört doch zum Anspruch der erhöhten Sorgfalt auch ein Funke der Selbstkritik. Nicht, dass selbstkritische Menschen automatisch sorgfältig sind – oftmals ist dies ja ganz das Gegenteil! – und sorgfältige Menschen per se selbstkritisch, aber so bedarf es doch der Reflexionsfähigkeit zu erkennen, wenn man eben nicht sorgfältig ist, so dass erst dann eine Flut der Sorgfalt durch den faulen Geist fließen kann. Und mit Kritik tun wir uns, geht es um uns selbst, sehr schwer, denn wir umgeben uns lieber mit Menschen, die uns gegenüber solidarisch, ja bedingungslos loyal sind, ist es doch einfacher sich mit blinden Anhängern zu kleiden, die jeder Form der Kritik entsagen, um mir zu schmeicheln. Da wird geistige Pluralität zum Feind degradiert und die Gleichschaltung der Gedanken zum Ziel der Kommunikation – letztlich spricht hier nur die Hegel’sche Sehnsucht nach dem Beenden der Widersprüche, nach der Einheit der Welt, kurz: nach dem Finden des Weltgeistes. Doch leben wir in einer dualistischen, ja binären Welt, die aus gegensätzlichen Paaren besteht. Reich ist nicht denkbar ohne arm, schwarz nicht ohne weiß, groß nicht ohne klein und Kritik nicht ohne Selbstreflexion. Eine plurale Gesellschaft nicht ohne Kritik und Konflikte. Und Politik nicht ohne individuelles Versagen.

taz-blog und mein Gang nach Canossa
taz-blog und mein Gang nach Canossa

Aufmerksamkeit und Nähe

Wenn es doch so einfach wäre!
Wenn es doch so einfach wäre!

Menschen dürstet es nach der Aufmerksamkeit anderer, nach Anerkennung – kurz: nach Liebe, oder das, was man halt als vermeintliche Liebe zu interpretieren vermag. Für solche Aufmerksamkeit sind Menschen bereit Erstaunliches zu tun: Geschlechtsteile in die Kamera halten, berauscht Gegenstände werfen, falsch bedienen, zerstören oder begatten, wundersamste Lügen erzählen, viel zu kurze Kleidung tragen oder auch einfach mal hysterisch weinen. Die volle Aufmerksamkeit zu genießen ist ein wahrliches Elixier, welches mal wieder den Wunsch nach Einzigartigkeit stillen soll und dies auch in einem gewissen Rahmen tut, Aufmerksamkeit erregen bedeutet nämlich auch Eindruck hinterlassen, „denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, daß sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht.“ (Goethe)

Und so treibt es einen für die Aufmerksamkeit in die Welt und andersherum kommt die Aufmerksamkeit, wenn man in die Welt geht. Eine Stimme zu bekommen, die gehört werden will, verlangt und bringt automatisch Aufmerksamkeit. Dies wiederum erfordert  und produziert Nähe – ob man das nun beabsichtigt oder nicht. Wahre Aufmerksamkeit kann nämlich nur auf einem Boden gedeihen, der keine Grenzen mehr kennt, wo Grenzen nicht erlaubt sind und die Phantasie sich frei entfalten kann, die zu beaufmerksamende Person zur absoluten Projektionsfläche der eigenen Sehnsüchte und Wünsche werden kann; oder zur Zielscheibe, um von den eigenen Ängsten und Schmerzen abzulenken. Der Preis ist wohl die Transparenz der eigenen Person und so die erhöhte Verwundbarkeit, so wird man potentiell zum Opfer der Menschen und ihrem wirren geistigen Ideenreichtum. Durch die Preis- bzw. Hergabe seines Gesichts verliert man eben jenes nur allzu schnell. Die Spender der geliebten Aufmerksamkeit speisen sich aus der Nähe und untergraben so die Distanz, die man sich mit einer breiten Aufmerksamkeit erhaschen will: Die aufmerksamkeits-induzierte Einzigartigkeit erhebt einen vermeintlich über die Mitmenschen, schafft vorgeblich einen individuellen Zwischenraum, in dem man glaubt sich in seiner Herrlichkeit winden zu können. Doch entspringt dieser nur einem gefährlichen Schein, der uns an das ausliefern kann was wir mit Hilfe der Aufmerksamkeit eigentlich vermeiden wollen: Ablehnung.

Lust und Verbundenheit

Das Fleisch-Fasten wurde heute beim Piraten-Brunch furchtbar mit Füßen getreten – es gab am Buffet Roastbeef und Carpaccio. Ich bin verliebt in Fleisch. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Manchmal treffen wir einen Menschen, der uns gefällt und so kann es passieren, dass wir uns auf rein hormoneller Ebene angezogen fühlen, sexuell gereizt sind und diesem Reiz nachkommen wollen. Mit einer wahren, geistigen Verbundenheit hat dies nichts zu tun – oftmals ganz im Gegenteil sind uns geistig entfernte Menschen sexuell gar näher, bedeutet Verbundenheit doch geistige Nähe und Verletzlichkeit. Dennoch wird diesem sexuellen Reiz viel zu oft eine wahrhaftige Bedeutung zugemessen – ein göttlicher Impuls sozusagen, der aus einer biologischen Kompatibilität das vermeintliche Lebensglück macht und sexuelle Lust plötzlich zum Grad aller Liebe werden lässt. Die Konsequenz daraus ist, dass Sex als Form der Zuneigung interpretiert und erwartet wird – als sei ein hormoneller Ausbruch der Beweis für wahre Verbundenheit und Nähe – und Liebe zu etwas Körperlichem degradiert wird.

Und so kommt es andersherum auch, dass geistige Zusammengehörigkeit, alltägliche Nähe mit Sex vereinigt wird, ohne das dies vielleicht angebracht sei, dass Nähe, die eigentlich nur liebevoller und freundlicher Natur ist, verwechselt wird mit sexueller Lust. Dabei ist sexuelle Reizung nur ein Kick, flüchtig, kurzfristig und gleichzeitig entleerend und zehrend, trotz aller Erfüllung, die der lustvolle Moment geben kann. Grenzen verschwimmen, die notwendig sind um Sexualität und Liebe unterscheiden zu können. Dieser Aufgabe sind wir immer noch nicht gewachsen, denn Sex in Kombination mit Liebe ist die Erfüllung von Augenblick und Ewigkeit – und deswegen das Ziel, das wir alle anstreben, dem wir hinterher hecheln. Wahre Liebe, die perfekte Verbundenheit, die echte Nähe also braucht deswegen Zeit, sie muss reifen, geistige Erotik entwickeln und erst dann eine körperliche Ebene erreichen, wenn Vertrauen und Zuneigung ohne Sex möglich sind. Doch sind wir dazu nicht in der Lage, so lange wir glauben alles zu lieben, was wir bespringen wollen und alles bespringen zu wollen, was wir lieben.

Die und Ich

Alle Tage wieder

Misstrauisch blicken sie mich an,
welch’ Schmach, welch’ Schande kann ich sehen
gelbliches Zucken umspielt die Hülle,
dieses unberechenbare, lächerliche Gefängnis.

Ich wehre mich gegen das Verstehen –
Sucht nach Sicherheit und Fülle!
Denn der Weg führt mich in Bedrängnis,
lasst mir meine Kleidung an!

Ein Zittern durchfährt uns, welch’ Glück
wird es heute mein Verhängnis?
an mir ist es nicht gelegen dran
so etwas darf nicht entstehen.

Letztlich habe ich mich erhängt
wisst ihr jetzt eigentlich wann?
Ich wollte daran vergehen,
ich konnte nicht mehr zurück.

Schmerz und Liebe

Wieso verletzten Menschen sich gegenseitig auf so tiefe, intentional bösartige, ja widerliche Art und Weise, wie sie es eben tun? Was erzeugt in uns den Willen pulsierende Narben zu hinterlassen, wenn nicht der Wunsch etwas auszurichten – zu bleiben. Glänzen in den Tränen der Demütigung eines anderen die Momente von Ewigkeit, die uns sonst versagt sind?

Jeder von uns trägt Schmerz in sich – freiwillig oder nicht, meist jedoch von außen in einen hineingetragen, durchströmt er jeden einzelnen mit seiner brennenden Kälte, schnürt hier und da die Kehle zu, sammelt sich an seinem flüchtigen Ausgangspunkt, versteckt sich vielleicht, aber verschwindet nur schwer. Manche kennen, lieben ihn gar, manche übersehen ihn oder verlieren sich in ihm und wieder andere verstehen und überwinden ihn. Die Gründe für Schmerz sind so vielfältig wie die Menschen selbst, reicht vielen doch eine vermeintlich unbedeutende Situation oder Erkenntnis, während andere in ihrem Leben wieder und wieder Schmerz begegnen müssen. Wie Schmerz genau zu definieren ist lässt sich wohl nicht generalisieren – ist es für die einen ein diffuser Weltschmerz, der sich an unbestimmten oder toten Personen, an Strukturen oder dem gewünschten Weltgeist festmacht, ist er für die anderen konkret mit einer Situation, einem einzigen Menschen oder auch nur einem Augenblick verbunden.

Zuletzt unterscheidet uns die Art und Weise wie wir mit unserem Schmerz umgehen. Reflektierte Menschen wenden ihn gegen sich selbst, verstehen sie doch, dass er zwar der Welt geschuldet ist, aber sie verlangen nicht, dass die Welt ihn beendet, denn sie wissen, dass sie ihn nur selbst überwinden können. Meist jedoch versuchen Menschen ihren Schmerz zu externalisieren, anderen größeren Schmerz zuzufügen, ihn anderen einzupflanzen, die ihn vermeintlich mehr verdient haben. So oder so tun wir all das nur damit wir uns lebendig fühlen können, denn wir merken den Schmerz dann nicht, wenn unser Körper oder die Seele anderer sich vor Schmerzen krümmt, die eigenen Symptome verdeckt sind. Was wir dabei jedoch verlieren, ist die Fähigkeit wahrhaftig zu lieben – denn der Schmerz gibt uns zwar die Möglichkeit Adrenalin auszustoßen, aber er nimmt uns die Fähigkeit uns zu öffnen, zu lieben und lieben zu lassen.

Johnny Cash – Hurt

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that’s real
The needle tears a hole
The old familiar sting
Try to kill it all away
But I remember everything

What have I become
My sweetest friend
Everyone I know
goes away
In the end
And you could have it all
My empire of dirt
I will let you down
I will make you hurt

I wear this crown of thorns
Upon my liar’s chair
Full of broken thoughts
I cannot repair
Beneath the stains of time
The feelings disappear
You are someone else
I am still right here

What have I become
My sweetest friend
Everyone I know
goes away
In the end
And you could have it all
My empire of dirt
I will let you down
I will make you hurt

If I could start again
A million miles away
I would keep myself
I would find a way

Adam und Eva

Para Dies

Getrieben von den Lichtern der Zeit
starre ich ihn an.
Verführt vom Glitzern der Sterne über mir
bewundere ich ihn.
Angezogen von der Macht die ihn erfüllt,
wenn er mich berührt
lasse ich mich entführen von den roten Falken
einer ganzen Generation.
Pulsierend durchdringen sie dich,
greifen dich,
du wehrst dich, doch du willst was du tust.
Mein Schwindel kennt keine Grenzen,
wenn du um mich bist,
dafür nehme ich in Kauf was ich Kriege,
denn ich bin Eva, die Mutter aller Sünden,
Eva Braun!

Vertrauen und Angst

Vertrauen ist ein rares Gut, welches man sich verdienen, gewinnen oder erarbeiten muss, dessen Wert wir schnell über- aber auch unterschätzen. Im alltäglichen Umgang mit meinen Mitmenschen denke ich nicht darüber nach, ob sie meinen Aussagen, meinen Beteuerungen oder meinen Versprechen Glauben schenken; oder ob sie meinen verbalen Auswüchsen Misstrauen entgegen bringen, weil es mir egal ist, schließlich handelt es sich dabei meist um Leute die sich ebenso wenig Gedanken um mich, wie ich mir Gedanken um sie mache. Bei Freundschaften gestaltet sich das nun gänzlich anders. Denn Freundschaften lassen Handlungsalternativen, die im Wesentlichen Vertrauen von Hoffnung unterscheiden, zu einem Martyrium werden, wenn das Vertrauen eben fehlt. Die Erwartungen an künftige Handlungen werden vertrauenslos automatisch negativ bewertet, geradezu panisch wird ein Untergangsszenario entworfen, eine selbsterfüllende Prophezeiung quasi, und dies nur aus einem Grund: fehlendem Vertrauen! Wie kann das nur sein?

Vertrauen, so Niklas Luhmann, ist ein Mechanismus zur Komplexitätsreduktion dieser Welt. Ein Leitfaden sozusagen, der es mir ermöglicht differenziert und trotzdem intuitiv zu denken und schließlich zu agieren. Nicht umsonst ist Vertrauen in erster Linie emotional – mein Gehirn kann begreifen, das ich vertrauen kann, dass mir mein Gegenüber vertrauensvoll erscheint, dennoch kann ich diesem Menschen, den ich rational als vertrauensvoll empfinde, mein Vertrauen entsagen. Denn was ist, wenn ich die Komplexität der Welt als Schutz empfinde? Mich vor konkreten Entscheidungen verstecken kann hinter der überbordenden Varianz meiner Umgebung? Verstecke nicht auch ich mich hinter hochtrabenden Wörtern, rhetorischen Fragen und dem Gebrauch der 3. Person Singular in diesem Blog, aus Angst mich zu sehr zu entblößen? Entgehe ich so der Falle meinen Entscheidungen ausgeliefert zu sein? Entgehe ich so der gefürchteten Willkür meiner Mitmenschen? Schlage ich lieber Türen zu, als sie zu durchschreiten und sie hinter mir zu schließen? Was bewegt mich meiner Umwelt kein Vertrauen entgegenbringen zu können?

Das Konzept Urvertrauen ist ja hinlänglich bekannt, ebenso die Idee, dass es unzerstörbar in den ersten Jahren ausgebildet wird. So will ich dem nicht widersprechen, denn das Vertrauen in mich, die anderen und die Welt hängt natürlich von der kontinuierlichen Liebe und Wärme meiner Kindheit ab. Doch will ich betonen, dass dieses Vertrauen auch bei glücklicher Kindheit zerstört werden kann. Treffe ich als urvertrauendes, somit gar naives Menschenkind auf Menschen deren Urvertrauen nie ausgebildet wurde, so können sie mir die Leiden ihres eigenen Lebens auferlegen, auf mich projizieren und mein Urvertrauen damit grundlegend erschüttern. Ich vermute sogar, dass sich das bereits erworbene Vertrauen aufspalten kann, in in makro- und mikroorientiertes Vertrauen. Makroorientiert habe ich ein Grundvertrauen, dass die Menschen eigentlich gut sind, dass die Welt ihren Lauf schon richtig nimmt und ich meinen Platz in dieser finden werde. Dieses tiefe Vertrauen in die Welt sollte mir prinzipiell auch Vertrauen in mich selbst bescheren oder aus diesem resultieren. Doch sieht die Realität zu oft anders aus. Meine Umgebung verunsichert mich, ohne es manchmal zu wissen, ich entwickle Egozentrik aus der Sehnsucht nach Einzigartigkeit und der Angst enttäuscht zu werden und plötzlich verliere ich mich im Sumpf meiner selbst, beginne Dinge zu tun oder zu sagen, die ich nicht tun oder sagen möchte und muss dementsprechend das Vertrauen in mich als gleichberechtigtes Wesen auf diesem Planeten verlieren. Die Angst, die vorherige Erfahrungen eingegraben haben, beginnt mich zu beherrschen und mein Gegenüber wird ein Abziehbild eines Geistes der Vergangenheit. Auf Mikroebene, also dem Konkreten, dem Alltäglichen, dem zwischenmenschlich Echten, schaffe ich es dann nicht das Urvertrauen weiter zu transportieren, vertraue mir selbst und somit auch anderen nicht. Ganz im Gegenteil konstruiere ich paranoide Verschwörungen gegen mich, suche hinter jeder Veränderung eine böse Absicht und verletzte damit die Menschen, die mir vielleicht am wichtigsten sind, was wiederum das Vertrauen in mich und somit andere erschüttert. Tragischer Weise kann dieses Loch in der Seele, das mich so misstrauen lässt, wahrscheinlich nur wahre Liebe stopfen – doch wie soll man diese finden ohne Vertrauen zu können?

Und so bleibt mir nur mit den Go-Go-Dolls zu schließen:

And I don’t want the world to see me

‚cause I don’t think that they’d understand

When everthing is made to be broken

I  just want you to know who I am

Einzigartigkeit und Egozentrik

„Mein Vater möchte bei jeder Hochzeit die Braut und bei jeder Beerdigung die Leiche sein.“ (Theodore Roosevelt jr.)

Beobachtet man sich selbst und andere aufmerksam, so fällt einem, wie in diesem Blog schon mehrfach erwähnt, auf, dass Menschen etwas besonderes sein möchten, aus der Masse hervorstechen wollen, oftmals unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf Verluste. Da werden Geschichten erfunden, die man erlebt haben will, man schließt sich Gruppen an, die einem den Hauch von Mysterium verleihen oder widerspricht einfach allem, was ein vermeintlicher Trend sein könnte. Leider enden solche Profilierungen meist in dem traurigen, weil unreflektierten und undifferenzierten, Versuch sich die Einzigartigkeit, der man quasi verfallen ist, gewaltsam anzueignen und darüber nur Egozentrik, aber nicht Einzigartigkeit, zu entwickeln. Das eigene Tun und Denken wird zum Mittelpunkt, man sieht Dinge ausschließlich aus der eigenen Perspektive und be-, aber vor allem verurteilt Menschen gemessen an der eigenen Wahrnehmung. Sensibilität wird nur auf sich selbst bezogen an den Tag gelegt.

Nun könnte man denken, dass sich dies vor allem auf Menschen bezieht, deren Selbstwahrnehmung überschätzend ist, die keine Bescheidenheit gegenüber sich selbst haben, die sich für die auserwähltesten Geschöpfe auf Gottes Erden halten. Doch so ist es bei Weitem nicht. Ganz im Gegenteil! Vielmehr definieren viele Menschen ihren Wunsch nach Einzigartigkeit über negative Attribute. Sie barrikadieren sich in dem Glauben die dümmst-möglichen Menschen zu sein, klammern sich an den Gedanken, dass niemand hässlicher sei als sie, niemand ungeliebter und verachteter, niemand einsamer und verlorener. Niemand hat so schreckliche Dinge erlebt wie man selbst. Die eigenen Erfahrungen sind immer wesentlich schlimmer als die aller anderen! Letztlich wird so die gewünschte Einzigartigkeit über das gewollte außerhalb-der-Gesellschaft-stehen geschaffen. Man konstruiert seine Einzigartigkeit durch das Ablehnen des eigenen Ichs als Teil des gesellschaftlichen Geschehens. ICH bin nicht Teil dieser Gesellschaft, ICH bin anders, auch wenn das heißt, dass ICH schlechter bin, sein soll und somit will. Hauptsache ich gehe nicht unter in der massig-menschlichen Gesellschaft, bin nicht so wie alle anderen, sondern etwas besonderes, etwas vom Himmel gefallenes, etwas einzigartiges. Und wenn das bedeutet, dass ich mich selbst hasse, dann ist mir das auch Recht.

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Atlas trägt die Last der ganzen Welt. Wer möchte nicht ER sein?