Launen und Indifferenz

 

Die neue Rauschfreiheit macht nervenschwach, nervös, ja geradezu anfällig für die dunklen Seiten des Charakters und plötzlich erinnert man sich: Achja, DAS wollte ich also immer betäuben! DAS wollte ich immer vor mir verstecken, auslöschen, ablegen. Dieser Versuch scheint mäßig funktioniert zu haben, streite ich mich doch mit meinen Liebsten in altbekannten, vermeintlich überwundenen Mustern, habe Angst davor meine Vorhaben nicht umsetzen zu können und bin, gelinde gesagt, furchtbar zickig. Launisch war mein Gemüt von jeher, ebenso wie hypersensibel und leicht erregbar – der Rausch gab mir die Gleichgültigkeit so herzlos, kalt und distanziert zu sein, wie es das Überleben in dieser Welt vermeintlich verlangt; wie es der Kampf gegen den Weltschmerz zu erfordern scheint. Zumindest lebte ich in dem Glauben dieser kalten Gabe mächtig zu sein. Allerdings ist der zu zahlende Preis für diese wohltuende Indifferenz sehr hoch, werden doch vielmehr der weiche Kern, die, manchmal auch hypersensible, Empathie und das flüchtige Eintauchen in Gefühle abgewiesen, ja abgelehnt und somit verstümmelt. Die Feingeistigkeit der Emotionen wird zer- und gestört, abgeschaltet, was letztlich doch nur uns selbst schadet. Warum können wir uns nicht eben mit diesen Eigenschaften erheben, uns von der Kälte dieser Welt distanzieren, sie nicht noch bestärken, sondern bekämpfen? Anstatt zu den Ausprägungen des eigenen Wesens zu stehen, flüchtet man sich in den substanzbasierten Rausch des Moments, induziert sich den Hauch von Abgeklärtheit und Ignoranz und fragt sich nüchtern doch nur: Wofür?

Die Welt in der wir leben und die wir gestalten schafft es, dass wir Obdachlose als lästig empfinden, Hilfsbedürftige als Schmarotzer brandmarken und Flüchtlinge als Plage wieder ins Meer treiben wollen. Indifferenz und Stumpfheit werden von uns verlangt, wo es doch eigentlich nicht unserem Wesen entspricht – zumindest hoffe ich das.

inglorious indifference

is it a mask

that saves you?

so well then,

don’t ask

free from form

of expectations

touches you

the dark despair of

freedom

5 Antworten auf „Launen und Indifferenz“

  1. Doch kann auch die Substanz nicht als Betäubung, sondern als Berauschung zur Sensiblisierung angesehen werden. Induziert man sich Indifferenz oder Sensation, ist es Wesens-Launen-Kontextabhängig? Jedenfalls ist es nicht „taking the highroad“, sondern eine Abbiegung von der Realität auf die Seitenstraßen (was man noch sonst alles erleben könnte..) Und wenn das Gewissen die Schultern belastet, sollte man ihm vielleicht doch Gehör schenken, bevor man ihm die Mütze über die Augen zieht und ihm den Doc zwischen die Lippen presst nach dem Motto: hier, rauch und schweig.

  2. http://www.equilibriarte.org/members/Augusto/blog-2008-03-06-23-43-02.jpg

    in der dunkelheit unseres gedaechtnisses
    wird uns immer und irgendwie
    das stroemen als auch das zurueckstroemen
    der erinnerungen zu eigen sein.

    da ist sie wieder, die sinuskurve.
    immer und irgendwie taucht sie auf.

    eigentlich wollte ich dir ein „axiom“ von dem agnetti schicken, das sich auf den geschichtsverlauf bezieht, habe es aber leider nicht im internezzo gefunden.
    aber dieses „axiom“ (unter dem link anschauen bitte) saugt sich viel besser an eure momentanen gedanken.
    ach wunder kontingenz!
    und das in der postpostpostpostmoderne. in was fuer einer moderne leben wir eigentlich? also begrifflich?

    ich kuesse euch im spanischen hofzeremoniell

  3. Komm raus aus deinem Loch und versteck dich nicht vor deiner Selbst, sondern steig auf den Berg und guck von oben herab, auf das, was vor dir brach liegt. Lache laut und strecke siegesgewiss die Arme in den Himmel. Reiche deinen Schwächen versöhnend die Hand, lauf nicht vor ihnen weg, sondern auf sie zu. Sie werden dir freundlich entgegen kommen und je näher sie kommen, desto mehr wird sich ihr Antlitz wandeln. Du wirst ihre Masken zu Fall bringen und dem Sein den Schein entreißen. Haß und Weltschmerz lassen sich nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Wenn sie mit ihren langen dunklen Tentakeln nach dir zu greifen versuchen schlag nicht auf sie ein, sondern erhebe deine Stimme zu einem Liebeslied. Tanz tanz mein Herz!

  4. Mal relaxen können wie eine Maus in der Falle

    In den meisten Fällen
    enden wir als senile
    gutmütige Narren, hin
    und her geschoben von
    einer rosigen Kranken-
    schwester, die uns an-
    blafft, weil die
    Bettpfanne wieder rand-
    voll ist.
    Es sei denn, es nimmt
    ein gewaltsames Ende –
    ein Finish, in dem
    noch einmal alles an uns
    vorüberzuckt: Mahagoni-
    farbene Sonnenstrahlen,
    Girls am Strand, Platt-
    füße, Haarschnitte,
    rasselnde Wecker, ein
    rasender Puls.
    Egal wie, es kommt nie
    richtig zusammen.
    Ich gehe in Bars, durch
    leere schmale Seiten-
    straßen, ins Wettbüro,
    frage mich, was ich
    eigentlich will, und
    denke wehmütig an
    Urwälder voll Kletter-
    pflanzen und ähnliche
    Dinge, z.B. an Mäuse,
    die sich mit den Vorder-
    pfoten die Nase putzen.
    Ich sehe mir die Leute an,

    aber sie sind alle
    beschäftigt mit Dingen,
    die ein Spinner wie ich
    für Unfug hält: Ein Haus
    abstottern, von da nach
    dort kommen, Geld verdienen
    und darüber reden.
    Das einzige wovon man
    etwas hat, ist wahrscheinlich
    rücksichtslos zu schlafen,
    aber auch das geht nicht
    lange genug gut – überall
    werfen sie Preßlufthämmer an,
    die Kirchenglocken juckt der
    Schweiß der Beter, die Bienen
    stechen, die Fenster gleißen,
    Boote kentern und verfüttern
    ihren Inhalt an die Haie, nur
    Kanonen schlafen ungestört
    in Museen. Ich gehe weg von
    allem, habe nichts gelernt,
    weiß jeden Tag weniger, meine
    Hände werden magnetisch ange-
    zogen von meiner Kehle,
    meine Füße tragen mich voran
    wie bewußtlose tierische
    Extremitäten, in Gegenden
    hinein, wo es schimmelt und
    gärt, in eine behagliche
    Hölle, voll von Grünzeug,
    Ranken und Lianen, und dafür
    danke ich ihnen auf den Knien.

    Charles Bukowski

  5. An all too ordinary story…

    http://www.youtube.com/watch?v=QLg8YZBqu4s

    Egoism dictates human relations
    A world where fashion outshines morality
    It’s written in blood-red colours
    Designed by the thirst for power

    Gather the faithful and propose a toast
    To the epoch of indifference!
    Gather the faithful!
    Gather the faithful and propose a toast
    To the epoch of indifference!

    An all too ordinary story
    With an aftertaste so bitter (so bitter)
    Forced to be someone I don’t want to be
    I’m losing myself
    Sinking deeper down
    I’m caught in the world wound web

    A time represented by the void
    An excuse without content
    Stuck in the abyss of existence
    With a content void of excuse

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.