Selbstsinn und Stolz

Embrace the pain and you will win the game. (-Revolver-)

Das erste Fastenvorhaben wurde gebrochen: Ich aß Mett. Dazu möchte ich sagen, dass ich dies in einem seltsam unwirklichen Moment tat – unaufmerksam wie ich nunmal sein kann, überkam mich der Wahn. Wobei, gilt Mett nicht vielmehr als Grundnahrungsmittel, so dass man dies verzeihen kann?

Die restlichen Fastenvorhaben klappen ausgezeichnet und öffnen die bisher blinden Augen gegenüber dem rauschvollen Verhalten: Betrunkene Menschen sind Grauen erregend! Erst mit der bewussten Klarheit, die mich nun auf alkoholastigen Abendveranstaltungen begleitet, erkenne ich diese, recht triviale, Feststellung in ihrer ganzen Breite, so dass sich in mir der tiefe Wunsch äußert nie wieder betrunken sein zu wollen. Betrunken geht der Selbstsinn, das Ego, auf eine seltsame Wanderschaft, man verliert sich und den Blick für die eigenen Emotionen, den eigenen Stolz nur allzu schnell – wahrscheinlich der Grund für den gelegentlichen Wunsch sich dem Alkohol hinzugeben, wohnt dem Selbstsinn doch eine Einschränkung für das eigene Handeln, das Sein inne. Ist es auf der einen Seite wichtig und notwendig einen Selbstsinn zu entwickeln, verselbstständigt sich dieser doch nur allzu schnell und entwickelt ein zerstörerisches Potential, dass die Ratio steuern, gar überhö(r)hen kann. Interessen, Wünsche und Sehnsüchte laufen Gefahr externalisiert zu werden und sich am Verhalten anderer zu orientieren, sich von der Aufmerksamkeit anderer zu nähren. Dem Ego wird der Charakter eines handelnden Subjektes zugestanden, die Konsequenz ist ein inneres Ungleichgewicht und das Spiel mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Letztendlich ist dieses Spiel jedoch unabhängig von den Spiel- und Zielfiguren, losgelöst vom eigenen Wohlbefinden, gar schädlich für eben dieses. Denn entspricht die Welt nicht den Vorstellungen des Selbstsinns, handeln die Figuren nicht wie geplant, sind wir verwirrt, verletzt oder handeln einfach nur irrational. Und spätestens dann kann es passieren, dass wir unseren Stolz auch nüchtern verlieren.

Zweifel und Selbstbewusstsein

Gefunden auf: http://jagenholz.de.tl/Malerei-2008.htm
Gefunden auf: http://jagenholz.de.tl/Malerei-2008.htm

Ich zweifel, also werde ich.

Sich im Zwiespalt zu befinden ist wohl jedem bekannt, schließlich ist die Welt meist komplexer und undurchsichtiger als man sich das wünschen würde. Oftmals jedoch verfestigt sich der Zustand des Zwiespalts und ergreift die Herrschaft über die Emotionen – Unsicherheit wird zum dominanten Gefühl, alles wird angezweifelt, vor allem die eigene Person, das eigene Tun, gar macht sich eine Lähmung breit, die wiederum Selbstzweifel erzeugt. Ein Teufelskreis, dem man nur schwer zu entkommen vermag, der, zugegeben, auch ganz kuschelig ist, schließlich vermeidet man Wagnisse und somit auch einen Fall, denn der potentielle Aufschlag bereitet einem wirklich schlaflose Nächte. Wer nicht wagt, kann nicht verlieren. Man glaubt instinktiv zu wissen, wozu man nicht fähig wäre, was man alles absolut nicht können oder ertragen könnte und läuft dabei doch nur Gefahr sich zu verlieren: in Selbstmitleid, Angst und Stagnation.

Wikipedia sagt nun, dass „Zweifel ist der Treibstoff der Selbstbewussten“ ein Sprichwort sei. So oder so ist dieser Satz nur allzu wahr, drückt er die Kehrseite der selbstzweifelnden Medaille aus, schaffen Selbstzweifel doch Selbst-Aufmerksamkeit und legen somit einen Zugang zu sich selbst. Nur wer sich selbst kritisch betrachtet ist in der Lage seine Stärken und Schwächen zu verstehen, seinen Platz, seine Funktion in dieser Welt zu ergründen und anzunehmen. Habe ich diesen Platz einmal in seiner Flüchtigkeit erkennen können, so ist mein Auftritt auf der Bühne der Menschheit einfacher, ertragbarer und schöner. Erst der Zweifel an der Welt lässt mich die schönen Dinge schätzen – erst wenn ich die negativen Seiten kenne, verstehe ich die positiven und erst wenn ich zweifeln kann, kann ich denken.

Vernunft und Demut

„Eine vorbildlose, zukunftsoffene, neuerungssüchtige Moderne kann ihre Maßstäbe nur aus sich selber schöpfen. Als einzige Quelle des Normativen bietet sich das Prinzip der Subjektivität an, dem das Zeitbewußtsein der Moderne selbst entspringt. Die Reflexionsphilosophie, die von der Grundtatsache des Selbstbewußtseins ausgeht, bringt dieses Prinzip auf den Begriff. Dem auf sich selbst angewendeten Reflexionsvermögen enthüllt sich freilich auch das Negative einer verselbstständigten, absolut gesetzten Subjektivität. Deshalb soll sich die Rationalität des Verstandes, den die Moderne ihr Eigentum weiß und als einzige Verbindlichkeit anerkennt, auf den Spuren einer Dialektik der Aufklärung zur Vernunft erweitern. aber als absolutes Wissen nimmt diese Vernunft schließlich eine Gestalt an, die so überwältigend ist, daß sie das anfängliche Problem einer Selbstvergewisserung der Moderne nicht nur löst, sondern zu gut löst: Die Frage nach dem genuinen Selbstverständnis der Moderne geht im ironischen Gelächter der Vernunft unter.“ (Jürgen Habermas – Der philosophische Diskurs der Moderne)

Die Moderne erhob die Vernunft zum Ordnungsprinzip, zum umfassenden Erklärungsansatz, ohne, wie oben beschrieben, das Legitimationsproblem lösen zu können, denn Vernunft ist kalt und fesselt die Menschen nicht wie es Religion tut. Doch können diese emotionalen Bedürfnisse nicht wegrationalisiert werden, denn sie packen einen, vor allem dann, wenn man es am wenigsten erwartet, schleudern einen von den erklommen Stufen zum ÜBERmenschlich werden gnadenlos herab und degradieren einen doch wieder nur zu einem Tier, einem Opfer seiner Biologie.

Religion setzt dort an, sie gibt diesen Ausbrüchen einen Sinn, strukturiert und heilt die erfahrenen Wunden. Und vielmehr noch, gibt sie der eigenen Belanglosigkeit eine Aufgabe, vermittelt gleichzeitig Einzigartigkeit und vor allem Demut. Denn im Angesicht Gottes bin ich mir meiner Machtlosigkeit gerne bewusst, verneige mich vor seinen vermeintlichen Taten: Es geht nicht um mich, aber es ist gut, dass es mich gibt! Fällt Gott nun weg, so setze ich mich an seine Stelle. Ich bin mein eigener Gott, denn Gott ist tot! Mit dieser Freiheit geht jedoch der Verlust der Demut nur allzu oft einher – ich schätze nicht mehr was mir gegeben ist, sei es auch noch so schön. Zwar ist der kritische Geist meist erst mit der Hinterfragung Gottes gegeben, doch neigt der ungläubige Mensch zur Heroisierung des Menschen, der eigenen Persönlichkeit und des Prinzips des immanenten Schöpfers. Falsch verstandener Humanismus ist wohl das übelste Derivat der Moderne.

Und so postuliere ich, ja erfahre ich nicht zuletzt durch das Entsagen meiner Laster: Seid demütig und bescheiden! Auch ohne Gott! Und nehmt euch nicht allzu ernst.

Launen und Indifferenz

 

Die neue Rauschfreiheit macht nervenschwach, nervös, ja geradezu anfällig für die dunklen Seiten des Charakters und plötzlich erinnert man sich: Achja, DAS wollte ich also immer betäuben! DAS wollte ich immer vor mir verstecken, auslöschen, ablegen. Dieser Versuch scheint mäßig funktioniert zu haben, streite ich mich doch mit meinen Liebsten in altbekannten, vermeintlich überwundenen Mustern, habe Angst davor meine Vorhaben nicht umsetzen zu können und bin, gelinde gesagt, furchtbar zickig. Launisch war mein Gemüt von jeher, ebenso wie hypersensibel und leicht erregbar – der Rausch gab mir die Gleichgültigkeit so herzlos, kalt und distanziert zu sein, wie es das Überleben in dieser Welt vermeintlich verlangt; wie es der Kampf gegen den Weltschmerz zu erfordern scheint. Zumindest lebte ich in dem Glauben dieser kalten Gabe mächtig zu sein. Allerdings ist der zu zahlende Preis für diese wohltuende Indifferenz sehr hoch, werden doch vielmehr der weiche Kern, die, manchmal auch hypersensible, Empathie und das flüchtige Eintauchen in Gefühle abgewiesen, ja abgelehnt und somit verstümmelt. Die Feingeistigkeit der Emotionen wird zer- und gestört, abgeschaltet, was letztlich doch nur uns selbst schadet. Warum können wir uns nicht eben mit diesen Eigenschaften erheben, uns von der Kälte dieser Welt distanzieren, sie nicht noch bestärken, sondern bekämpfen? Anstatt zu den Ausprägungen des eigenen Wesens zu stehen, flüchtet man sich in den substanzbasierten Rausch des Moments, induziert sich den Hauch von Abgeklärtheit und Ignoranz und fragt sich nüchtern doch nur: Wofür?

Die Welt in der wir leben und die wir gestalten schafft es, dass wir Obdachlose als lästig empfinden, Hilfsbedürftige als Schmarotzer brandmarken und Flüchtlinge als Plage wieder ins Meer treiben wollen. Indifferenz und Stumpfheit werden von uns verlangt, wo es doch eigentlich nicht unserem Wesen entspricht – zumindest hoffe ich das.

inglorious indifference

is it a mask

that saves you?

so well then,

don’t ask

free from form

of expectations

touches you

the dark despair of

freedom

Traum und Wirklichkeit

Vue du Sacré Coeur

Wendet man sich vom Rausch ab, so eröffnen sich plötzlich neue Welten – vor allem in der Nacht, denn man beginnt wieder zu träumen. Eigentlich absurd – man entsagt den rauschenden Zwischenwelten, um sich der mentalen Aktivitäten während des Schlafes auszuliefern. Viele meiner Träume bewegten mich gar einst, den Entschluss zu fassen niemals rauschfrei schlafen zu gehen – aus Angst meinem Unterbewusstsein machtlos, ja hilflos gegenüberstehen zu müssen. Oftmals sind meine Träume so realistisch und ergreifend, dass sie mich geradezu verstören, mich verliebt oder verachtend machen und meinen Tag vollends überschatten. Wozu Träume gut sind, wissen wir nicht – einen Zweck werden sie garantiert irgendwie haben. Für mich hatten sie lange keinen Zweck, waren sie doch ganz im Gegenteil Mittel, um mein Leben zu (zer-)stören. So langsam jedoch erkenne ich, dass ich meinem Unterbewusstsein seinen Raum lassen muss, denn es atmet in meinen Träumen, verarbeitet auf abstruse und bizarre Art das Erlebte und konfrontiert einen im schwächsten Moment – wenn man hilflos da liegt – mit den eigenen tiefsten, aber auch flüchtigsten Gedanken, Wünschen und Ereignissen. Manchmal wird ein Mensch erst durch einen Traum präsent oder eine Situation erst im Traum in ihrer gänzlichen Breite verstanden. Überbewerten sollte man das nicht – erinnern manche Träume doch eher an Wahnvorstellungen und Geisteskrankheit als an wahre Ängste oder Sehnsüchte. Und ist es nicht vielmehr so, dass wir erst im Traum zur Ruhe kommen? Denn erst im Traum kulminiert die Widersprüchlichkeit der Welt und der ewige Dualismus wird uns gewahr, er wird fühlbar und wirklich. Wehren können wir uns im Traum nicht – vielmehr können wir es als Übung benutzen, die Absurdität der Welt anzunehmen.

Schaffen wir es diese Ruhe in die Wirklichkeit zu transportieren, das Leben mit Widersprüchen zu akzeptieren, so können wir uns dem wahren Denken hingeben. Oftmals habe ich das Gefühl, nicht in der Wirklichkeit zu sein, vor allem wenn ich mit meinen geistigen Vertrauten, die auch dieses Blog fleißigst und ebenso brillant kommentieren, den „Kopf in den üblichen Wolken der philosophischen Spekulation“ stecken habe. Doch fühle ich mich erst dann wirklich lebendig.

Freiheit und Masse

„Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man dazu braucht, in der Körper an Körper drängt, dicht auch in ihrer seelischen Verfassung, nämlich so, daß man nicht darauf achtet, wer es ist, der einen >bedrängt<. Sobald man sich der Masse einmal überlassen hat, fürchtet man ihre Berührung nicht. In ihrem idealen Fall sind sich alle gleich. Keine Verschiedenheit zählt, nicht einmal die der Geschlechter. Wer immer einen bedrängt ist das gleiche wie man selbst. Man spürt ihn, wie man sich selber spürt. Es geht dann alles plötzlich wie innerhalb eines Körpers vor sich.“ (Elias Canetti – Masse und Macht)

Sich in der Masse zu verlieren, kennen wir wohl alle – sei es auf einem Konzert, auf einem Sportereignis oder beim Schunkeln in der Mitte eines Volksfestes. Ob diese Erlebnisse für den einzelnen angenehm oder nicht sind, bleibt demjenigen überlassen. Mich befremdeten diese Massenerlebnisse zumeist, neigt mein Charakter doch wohl zu sehr zur Darstellungs- und Geltungssucht, als dass ich mich als Massenmolekül unterordnen könnte. Schließlich darf die Außergewöhnlichkeit meines Charakters niemals in der Rauheit der Masse verloren gehen! Das wäre ja skandalös!

Der eitle Wunsch nach Einzigartigkeit, die Sehnsucht danach die Verehrung der Welt zu spüren, kommen auch hier wieder zum Tragen. Doch Einzigartigkeit bringt Verantwortung, denn das Handeln, das Leben und Entscheiden steht immer unter besonderer Beobachtung, unter Kontrolle derer, die einen zu der Einzigartigkeit verhelfen, die man anstrebt, der man sich verpflichtet und opfert. Auch sind die Erwartungen, die in einen gesetzt werden, viel höher, ja un(er)tragbarer und einfassender, als wenn man sich der Masse hingibt. Versteckt hinter der pseudo-intellektuellen Angst vor der Macht der Masse, wird die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit deutlich – die Masse macht mich zu einer Qualle und raubt mir die mühsam erkämpfte Individualität und Freiheit. Doch tut sie das wirklich?

Mehr und mehr lerne ich das Untertauchen in der Masse zu schätzen; wird meine Nichtigkeit doch manifestiert, mir vor Augen geführt, so dass ich erwachsen kann aus der Asche der Belanglosigkeit. Erst die Einreihung meines eigenen Schicksals in den Lauf der Menschheit gibt mir die Möglichkeit mich von mir zu distanzieren, meinen eigenen (Welt-)Schmerz in Relation zu sehen, ihn zu schwächen, mich von ihm zu befreien. Im Untergehen in der Masse liegt die Chance mich frei zu bewegen – unauffällig, distanziert und eigenständig. Denn wenn niemanden interessiert was ich tue, kann ich tun was ich will.

Und so stand ich gestern also am Bonner Bahnhof um nach Ratingen-Ost zu fahren und plötzlich fuhren keine Züge mehr aus Bonn heraus – Selbstmord. Dank dieser egoistischen Art sich das Leben zu nehmen waberte nun also eine aufgeheizte Masse durch die Hallen des Bonner Bahnhofs und wusste nicht weiter – ebenso wie meine Wenigkeit. Und was geschah? Ich sehnte mich nach dem Rausch bzw. setzte die plötzliche Freiheit mir den Wunsch nach oder die Angst vor dem rauschvollen Abend in den Kopf. Doch ich folgte der Masse, nutze die S-Bahn und blieb rauschfrei.


Fleischeslust und Emanzipation

In der Frittebud keinen Burger zu verzehren war die große Probe meines gestrigen Fastentages. Diese Burger sind einfach eine Offenbarung. Glücklicher Weise war die unfähige Bedienung da, so dass mir der Verzicht auf meinen geliebten Burger mit Feta-Käse erstaunlich leicht viel – schließlich hat mir diese Dame, mit ihrem Hang zum Vergessen und Durcheinanderbringen, schon mehr als einmal den Genuss zerstört. Und bei dem Gedanken an den ersten Burger nach 40 Tagen Enthaltsamkeit gerät mein Körper in Wallung. Wieso aber faste ich überhaupt Fleisch? Klingt zunächst aufgesetzt und übertrieben, nicht wahr? Nun, der Konsum von Fleisch ist für mich ein Sinnbild der Triebhaftigkeit des Menschen, für das Animalische, das den Geist vernebelt und die Gedanken verwirrt, die Konzentration schwächt und den Menschen auf seine Leiblichkeit reduziert. Dem will ich mich entziehen.

Ob ich nun auch sexuell enthaltsam leben werde, wurde ich gefragt. Ehrlich gesagt, habe ich das tatsächlich in Erwägung gezogen – ist es doch für eine Frau nicht sonderlich schwer nicht enthaltsam zu sein; einen Mann, der Sex will, findet man schließlich immer. Die Herausforderung fehlt also – und macht es dann noch Spass? Was treibt eine Frau dazu sich hemmungslos in sexuelle Abgründe zu stürzen? Ist promiskuitives Verhalten nicht auch Rebellion? Reduziert man sich nicht als Frau, wenn es einem nur um Sex geht? Laut den Heiligen der True Love Revolution macht vorehelicher Sex nicht nur depressiv, sondern auch beziehungsunfähig – gar unfähig zu lieben. Nun sehe ich den kritischen Gedanken dahinter als durchaus valide an. Viele Frauen übernehmen sich mit dem Gedanken freimütig zu vögeln. Ihnen wird das Bild vermittelt, das Frau von Welt nun also Affären hat – keine Beziehungen – und das, obwohl sie eigentlich keinen Sex, keinen mechanischen Orgasmus, sondern Nähe, Zuneigung und Wärme wollen. Die Wunden, die dann entstehen, sind oft irreparabel und können durchaus die Bindungsfähigkeit zerstören. Sind Frauen die Opfer dieser pornographisierten, modernen, ja kalten Welt?

Sex und Liebe unterscheiden zu können, ist die große Aufgabe vor der sich die Menschen sehen – nicht nur Frauen. Ich kann hormonell verrückt nach jemandem sein – das bedeutet nicht, dass ich ihn mag oder mich für ihn interessiere, mich um ihn bemühe oder möchte, dass es ihm gut geht. Andersrum kann ich jemanden aufrichtig, mit ganzem Herzen und bis zum bitteren Ende lieben ohne das Bedürfnis zu haben Körperflüssigkeiten auszutauschen. Das zu unterscheiden ist eine große Aufgabe, der ich persönlich schon sehr nah‘ gekommen bin – zum Glück. Dementsprechend kann das Sex-Leben auch sinnvoll strukturiert werden. Wenn ich liebe, dann liebe ich; wenn ich hormonell aktiviert bin, dann lebe ich das aus. Wenn beides zusammen kommt, dann bin ich aufrichtig erfüllt und glücklich. Verknallt sein bedeutet nicht verliebt sein bedeutet nicht lieben.

Frauen haben heutzutage in der westlich-modernen Welt alle Möglichkeiten, sie werden rechtlich nicht mehr diskriminiert und dürfen sich ebenso frei entfalten wie Männer. Zu verdanken haben wir das vor allem den Feministinnen – Freiheitskämpferinnen, wie ich sie bezeichnen will. Sie kämpften für die Rechte der Frau und bekamen sie – zum Glück. Doch anstatt diese Freiheit nun zu nutzen, eben nicht von einem Mann abhängig, sondern eigenständig und selbstbestimmt zu sein, stürzen sich viele Frauen in Affären, krankhafte, manchmal sogar nicht-sexuelle, Beziehungen oder in den obwohl-Modus: Obwohl ich weiß, dass ich anderes will als er, gebe ich mich dem hin und täusche vor, dass ich mit dem was ist zufrieden bin – sei nun ich oder er der schwache Teil. Und warum? Um eine Struktur zu haben? Um nicht allein sein zu müssen? Um sich geliebt zu fühlen ohne geliebt zu werden? Um Papis Liebe doch noch zu erhalten? Nach all den Jahren des Kampfes um die Selbstbestimmung, die Emanzipation der Frau, schaffen es die meisten Frauen nicht sich dieser Freiheit zu stellen und sie zu nutzen. Meinen eigenen Kampf gegen dieses Syndrom habe ich schon vor langer Zeit begonnen, denn vollkommen freisprechen kann ich mich von diesen Mechanismen leider auch nicht. Mehr jedoch als die meisten Frauen sehe ich mich zumindest auf dem richtigen Weg und wie schon Schiller richtig bemerkte: „Wo viel Freiheit, da viel Unsinn!“

(Ir-)Rationalität und Disziplin

„Weiß man, wie oft ein Herz brechen kann?

Wieviel Sinne hat der Wahn?

Lohn‘ sich Gefühle?

Wieviele Tränen passen in einen Kanal?

Leben wir nochmal?

Warum wacht man auf?

Was heilt die Zeit?“

(Herbert Grönemeyer – Demo)

Seine Große Liebe zu verlieren, oder verlieren lassen zu müssen, ist gewiss so schrecklich wie ich es mir immer ausgemalt habe. Die klar fokussierte Lebensplanung wird durch unkoordiniertes Taumeln im luftleeren Raum ersetzt. Der Sinn geht verloren, die Motivation zu arbeiten, zu leben, zu genießen. Oftmals vergesse ich, wie tief der Schmerz in meiner Seele immer noch sitzt, wie bitterlich sie immer noch weint. Dann tue ich Dinge, die ich eigentlich nicht tun will, dann sage ich Sachen, die ich nicht sagen will, verhalte mich, wie ich es mir immer in meinen schlimmsten Träumen ausgemalt habe, manipuliere andere um mich selbst besser zu fühlen oder lasse meiner Eitelkeit und meiner aufgesetzten Abgeklärtheit freien Lauf. Manchmal projiziere ich auch diesen fies um sich greifenden Liebeskummer auf andere Menschen oder Männer. Oder ich rette mich in die Perfektion des Moments – wie es Polina Semionova in Demo mit ihrer perfekten, disziplinierten Bewegung schafft mir einen Moment des Friedens und der Ruhe zu bescheren ist wahrlich der Glanz der Ewigkeit.

Aus dieser Sinnkrise heraus ist nun auch dieses Blog entstanden und dem Versuch geschuldet die Ratio, die mich einst erfüllte, wieder zu finden.

Heute morgen erwachte ich mit einem Kribbeln im Bauch – wirkt die Abstinenz etwa schon? Geistige Klarheit macht aufgeregt! Oder macht sich hier breit was ich immer versuchte zu betäuben? Bisher ist es angenehm. Der gestrige Abend war wunderbar – zu SLIN! rocken war wirklich ein tolles Erlebnis – die Ein-Mann-Blues-Country-Explosion ist gänzlich großartigst!!! Wie sagt er passend: „Kein Weg zum Ziel, weil ich keins hab!“ Und dank Frau W. habe ich nun auch wieder einen Jesus an meinem Rosenkranz. Ich mag die Koketterie mit christlichen Symbolen.

Das Ausmaß meiner Irrationalität erstaunt mich immer wieder – vollkommen ohne Disziplin bringe ich meine Tage zu – mal manisch, mal trauernd, aber immer ohne den Biss, der mich einst durchdrang, ohne den Ehrgeiz, der mich einst zu Höchstleistungen trieb, ohne den Sinn, der mir einst die Disziplin gab, die ich brauche um zu funktionieren. Und funktionieren will ich wieder.

Eitelkeit und Souveränität

Was mich nun heute am meisten beschäftigt ist die Eitelkeit – ein böses Gift, dessen Wirkung ich schwer Herr werde. Der Wille von der Welt geliebt, ja verehrt zu werden treibt einen zu den seltsamsten Handlungsweisen – nicht nur, dass man sich anmalt und kokettiert, das fiele ja weitestgehend unter die Kategorie „putzig“. Vielmehr schränkt sie das Leben konkret ein: Jeder Spiegel, jedes Gespräch, jede Abendunterhaltung wird zur Bühne. Seht mich an! Hier bin ich! Liebt mich! Schreibt Lieder über mich! Weint in euren Betten über meine Unnahbarkeit!

Drehe dich Welt – und zwar um mich!

Eitelkeit, da hat Nietzsche Recht, ist die Angst davor „original zu erscheinen“, so wie man nunmal ist und nicht wie man sein muss, um sich die Welt gefügig zu machen.

Wird man gar in seiner Eitelkeit gekränkt, so treibt das einen noch viel weiter – dann provoziert sie, die krampfhafte Selbstliebe, Machtspiele und gebiert den Willen den Gegenüber unter allen Umständen von sich abhängig zu machen, um ihn letztlich doch fallen zu lassen. Denn hat man einmal was man will, ist das Ziel erreicht – das Spiel gewonnen, ein neues Ziel, bestenfalls unerreichbarer als das vorherige, auszumachen. Nun stoße ich also auf einen Menschen, der die eingebildete Vollkommen- und Wohlgeformtheit meines Charakters nicht mit der angemessenen Verfallenheit honoriert oder mich sogar nicht leiden kann: Welch‘ Frechheit! Unverständnis und Schmerz machen sich breit – und meine Vernunft, die mir erklärt, warum das mehr als schäbig und unnötig ist. Schließlich ist mein Mikrokosmos nur einer von vielen, ich sogar nur eine kleine Amöbe, ein Einzeller in der Relation zum Universum. Meinen Emotionen ist das freilich reichlich egal und langsam dämmert es mir, dass ich eben diese Unwichtigkeit in der Relation des Universums überwinden will. Wenn ich schon irrelevant für das Universum bin, so soll doch jeder Mensch mir verfallen!

Deswegen bestätigt „Gott“ uns auch bei jeder Gelegenheit unsere Einzigartigkeit – weil wir einzigartig sein wollen.

Doch was wir im Wahn der krampfhaften Selbstliebe verlieren ist vor allem unsere Souveränität, die Fähigkeit uns unabhängig von anderen zu definieren. Denn wenn unser Glück von der Zuneigung, der Bestätigung der anderen abhängt, bleibt weder Zeit noch Platz für das wirkliche Selbst – auch mit all den Schwächen, die uns nunmal begleiten. Eitelkeit ist keine Selbstliebe, sondern der Drang seinen Selbstwert über die Liebe anderer zu erhalten.

„Wir sind so eitel, daß uns sogar an der Meinung der Leute, an denen uns nichts liegt, etwas gelegen ist.”(Marie von Ebner-Eschenbach)

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