Diät.

Dieser Text brennt mir auf der Seele so lange ich denken kann. Doch erst seit kurzem kann ich dieses Brennen benennen. Es ist ein seltsames Gefühl, irgendwie bedeutungsschwanger, trivial, potentiell Aufruhr erzeugend. Es ist ein sehr persönliches Thema, weswegen es mir eigentlich schwer, aber auch gerade leicht fällt. Es betrifft mich auf eine Art. Es geht um Diäten, um Abnehmen, um Körper, um Schlankheitswahn. Ich schrieb schon vor 4 Jahren:

Wieviel kognitive Energie wohl bei einer durchschnittlichen Frau für die Sorge um ihre Figur draufgeht? Ohne von einer empirischen Basis ausgehen zu können, ist die Frage zweifelsohne mit “zu viel” zu beantworten. Es geht hierbei vor allem um Rollen, Erwartungen und Angst. Und um Verschwendung im unverantwortbarsten Ausmaß.

Auch im Jahr 2015 immer noch sehr wahr. Aber es hat sich für mich in den letzten Jahren etwas verändert, was ich hier festhalten will. Aber von vorne: Ich war nie dünn. Aber auch nie dick. Ich hatte mit 13 schon quasi die Figur wie jetzt und drehe mich seitdem immer um die 75 Kilo bei 173 cm. Mal 10 mehr, mal 10 weniger. Grundsätzlich ist das natürlich eine riesige Spanne, aber die Ausreißer nach oben und unten sind eigentlich sehr selten gewesen. Ich habe also so konstant einen BMI Normalgewicht Grenze leichtes Übergewicht. Ich habe immer mal wieder versucht abzunehmen, das klappte aber nie. Ich nahm immer nur zufällig ab sozusagen – also immer dann, wenn ich es nicht erwartete und auch nicht wirklich merkte. Das war frustrierend, sehr. Es machte mich ganz wild. Wie so gut wie jedes Mädchen habe ich in der Pubertät auch eine Körperschemastörung entwickelt – also nie wirklich realistisch gesehen, wie ich eigentlich aussehe. Meine Kleidergröße bewegt sich zwischen 38-42 und ich es gab Zeiten, da kaufte ich eine 48 und war überrascht, dass sie mir zu groß war. Aber ungesund wurden meine Auseinandersetzungen mit Essen nie: Irgendwie blieb es immer im Rahmen dessen, was mein Körper vertragen konnte. Um mich herum jedoch grassierte Magersucht und Bulimie. Ich tauschte mich viel und intensiv aus mit denen, die an diesen Krankheiten litten. Ich lernte viel, ich dachte viel nach. Ich aß, ich aß weniger, ich machte Sport, ich machte keinen. +-75 kg. Aber ich kam mir immer zu dick vor. Nicht schön, abartig sogar. Ich hasste mich so sehr, dass ich weinend vor dem Spigel stand oder auf dem Bett lag und auf meine Oberschenkel schlug. Meine Umwelt konnte das nie verstehen – ja, klar, das Bäuchlein, aber sonst? So lebte ich also vor mich hin, bis es eines Tages zu viel wurde. Meine Kleidung passte nicht mehr, ich wurde depressiver von Tag zu Tag und verbrachte die Tage mit frittiertem Sushi, Serien und Suizidgedanken. Das war die Zeit nach dem Shitstorm 2012 wegen meines Buches. Eine Freundin erzählte mir damals, dass sie einfach Kohlenhydrate weglassen würde. Da ich zu dem Zeitpunkt kein Fleisch aß, dachte ich mir, dass verzichten ja machbar klingt und entschloss mich Kohlenhydrate so lange wegzulassen wie es ginge, mindestens aber bis diese eine Hose wieder passen würde. Ich ernährte mich also zwei Wochen lang von Gemüse, jeglichen Formen von Milchprodukten, Surimi und Avocado. Nach zwei Wochen merkte ich nicht nur, dass die Hose wieder passte, sondern dass es mir auch fundamental besser zu scheinen ging. Wacher, fröhlicher, entspannter und weniger Darmschmerzen. So kam ich auf den Trichter, dass mein Darm und Gluten vielleicht keine Freunde seien, was sich im Laufe der Zeit auch verfestigte. Seit zwei Jahren nun verzichte ich auf Gluten weitesgehend und habe mich auch so mit Ernährungskram beschäftgt. Seit kurzem tracke ich mein Essen in der Androidapp Noom, die mir nochmalig neue Erkenntnisse gebracht hat. Auch habe ich mich mit fat-acceptance beschäftigt, da ich zwar selbst nicht übergewichtig – bzw. nur leicht 😉 – bin, aber mein ganzes Leben unter diesem krankhaften Schönheitsidel gelitten habe, das ich nie zu erreichen vermochte. Das ist nun eine sehr lange Vorrede geworden, aber nungut, es ist mir ein Anliegen und ich möchte das hier nun verewigen, was ich gelernt habe.

1. Menschen brauchen wirklich wenig Kalorien, um zu existieren

Ungefähr 2000 Kalorien braucht ein Mensch für das Sichern der körperlichen Existenz. Für kleinere Menschen ist es weniger, für größere mehr. (Edit: Also das brauche ich bei 173, 75 kg, 29 Jahre. Ist grundsätzlich natürlich bei allen anders, aber irgendwo zwischen 1500 und 3000 siedelt sich der grundlegende Energiebedarf an.) 2000 Kalorien sind sehr, sehr wenig gemessen an dem, was unsere Gesellschaft so an Kalorienhaltigem produziert. 2000 Kalorien sind 1 1/2 Tiefkühlpizzen. Die Cola ist dann schon zuviel. Die Erkenntnis ist immer noch am Einsickern: +-2000 Kalorien, mehr brauchen wir eigentlich nicht. Klar, Hochleistungssportler_innen brauchen mehr und Menschen mit Hormonkrankheiten weniger oder mehr. Aber zur reinen Existenzsicherung braucht es nur +-2000 Kalorien. Nun ist es einen eigenen Aufsatz wert darüber zu philosophieren, warum in der modernen Welt das Schönheitsideal dem entspricht, was reine Existenzsicherung bedeutet.

2. “Ich kann essen, was ich will, ich werde nicht dick” ist Bullshit

Nein, du kannst nicht essen, was du willst und wirst nicht dick, du willst nur nicht so viel als dass du dick würdest – so sollte der Satz richtig heißen. Alles was der Körper nicht braucht wird angesetzt – also essen dünne Menschen einfach nicht viel, sind schneller satt, haben weniger Appetit, sind Frust-Nicht-Esser, was auch immer …. aber sie nehmen offenbar nicht mehr Energie auf, als sie brauchen. Das kann unterschiedliche Gründe haben – viele davon sind genetisch, andere sind es nicht. Was aber interessant ist an der Aussage ist, dass Menschen, die sowas sagen, offenbar das Gefühl nicht kennen etwas nicht zu essen, weil es “zu viel” ist/sein soll/sollte /sein muss. Diese Menschen kennen also diese Qual nicht. Ich kenne sie. Und ich hasse sie.

3. Die meisten Menschen schätzen sich falsch ein

Menschen schätzen sich eh gerne falsch ein – und so ist es bei der Energieaufnahme auch. Ich selbst bin ab und an noch ein wenig schockiert wieviel Energie sich tatsächlich in was befindet. Und wie wenig. Einfach mal notieren ist im Moment eine interessante Beschäftigung. Wieviel brauche ich tatsächlich, was lässt mich fit werden, was nicht? Endlich wieder einen Bezug zu meinem Körper bekommen, verstehen was der Körper braucht und was nicht. Ähnliches gilt für Bewegung. Der Burger ist nicht mit 10 km Fahrrad abgebaut. Nope. So funktioniert es nicht. Und so kommt es, dass Menschen, die sehr dünn sind meist denken sie essen totaaaal viel und bewegen sich gaaaar nicht und Menschen, die übergewichtig sind oft denken, dass sie gar nicht sooo viel essen und sich viiiiel bewegen. Appetit, Sättigungsgefühle und so sind auch eher bei der genetischen Seite zu verorten. Der Energiebedarf dagegen ist es nicht. Leider.

4. Gewicht und Gesundheit hängen zusammen, aber jeder Körper ist anders

Die Debatte läuft oftmals genau an dem Punkt aus dem Ruder: Natürlich hängen Gewicht und Gesundheit zusammen, nur anders, als die verkürzte Kette dick = ungesund, dünn = gesund. Vielmehr ist jeder Körper anders und braucht unterschiedliche Zuwendung und Zufuhr. Jede_r muss für sich selbst rausfinden, was das gesunde Wohlfühlgewicht ist. In jungen Jahren ist das natürlich alles noch unkomplizierter. Aber klar, im Alter wird es dann mit höherem Gewicht wahrscheinlicher, dass die Gelenke überlastet sind. Bei mir persönlich sind die 78 kg eigentlich ideal. Bei dem Gewicht bin ich überwiegend gesund, stabil, selten erkältet, mir ist nicht kalt, etc. pp Nach BMI habe ich bei 78 kg Übergewicht, aber mein Körper ist gesund. 10 kg weniger entspreche ich zwar dem gängigen Schönheitsideal, bin aber kränklich, blass. Gesundheit ist ein komplexes Gebilde und jede_r muss für sich selbst rausfinden, wie es gut ist.

5. Ich scheiße auf die Waage, die ist eh der Feind und BMI ist neoliberaler Dreck

Ich wiege mich nicht mehr. Es bringt eh nichts, es macht paranoid und depressiv. Wenn ich eine Diät mache, dann messe ich das anhand von Kleidung, die passen soll. Und dass der BMI ein bescheuertes Konstrukt ist, habe ich schon letztens auf Twitter mit einem Bild illustriert:

Zu dieser Zeit ging es mir sehr, sehr schlecht. Ich habe 70 kg gewogen, hatte aber fast schon Größe 36, meine Rippen kamen raus und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir dachte, dass ich echt zunehmen sollte. Damals aß ich einfach nicht. Alles tat weh, war aufwühlend, in Bewegung. Ich aß einfach nicht. Es fiel mir gar nicht schwer, ich merkte es nichtmal. Trotzdem hatte ich einen BMI von 24 – fast schon Übergewicht. BMI ist ein neoliberaler Dreck, der Menschen in Förmchen zwingt, die in den meisten Fällen nicht passen. Und sogar krank machen können. Kilo und BMI sagen gar nichts aus.

6. Menschen belügen sich gerne selbst

Es ist ein komplexes Thema und ich habe auch ein wenig Angst davor darüber zu schreiben. Aber Menschen belügen sich gerne. Ich tue das auch. Ach, naja, die Praline wird schon nicht weh tun. Dann sind es ganz schnell 5 Pralinen und der Energiebedarf für den Tag ist quasi schon gedeckt. Achja, ich bin ja heute 1 Stunde Fahrrad gefahren, das sind bestimmt 1000 Kalorien. Nein, sind es nicht, es sind 200. Ich habe heute alles in mich reingestopft was ging, nein zählen tue ich das nicht, oh es sind doch nur 1500 Kalorien gewesen? Die einfache und simple Wahrheit ist: wenn du deutlich mehr als 2000 (bzw. deinen Grundbedarf) Kalorien am Tag zu dir nimmst, lagert der Körper das ein und du nimmst zu, wenn du es nicht verbrauchst. Das ist es, was uns Menschen verbindet – +-2000 Kalorien. Alles andere ist individuell: Hunger- und Appetitgefühl, Bewegungsdrang, Vorlieben …. Außerdem: Viele Menschen hungern gnadenlos, weil 2000 (bzw. dein Grundbedarf) Kalorien einfach nicht viel ist!

7. Es geht um Kontrolle

Die Debatten über Gewicht, Gesundheit und Schönheit sind zutiefst von Kontrollansprüchen geprägt. Gerade junge Menschen flüchten sich bei kontrollsüchtigen Eltern in einen Bereich, den letztlich nur sie kontrollieren können: Das Essverhalten. Auch Gesundheit und die Frage was gesund ist und was nicht ist von Machtmechanismen durchzogen. Und Schönheitsideale sowieso. Es geht um Kontrolle und Macht. Das weiter auszuführen ist an der Stelle aber zuviel.

8. Fuck that shit. Do what you want!

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10 Jahre Merkel. Zeit für neue Kritik.

September 2005. Es war die erste Bundestagswahl, bei der ich wählen durfte. Ich verfolgte die Berichterstattung sehr genau, war aber unsicher. Was würde aus Schröder werden, dem fleischgewordenen Albtraum linker Politik? Große Koalition? Schwarz-gelb-grün? Und dann diese Elefantenrunde. Eine legendäre Show Schröders, der, in völliger Ignoranz ob der Realität, Angela Merkel deutlich macht, dass sie niemals Kanzlerin werden wird. Nicht unter seiner SPD. Bis heute ist sein Ausfall auf YouTube als best-of sozusagen abrufbar.

Anfang 2015 sehen wir, wie falsch Schröder lag. Die Große Koalition kam und an ihrer Spitze Angela Merkel. Später formte sie eine Regierung mit Guido Westerwelle und mit den Grünen koaliert die CDU schonmal in Hessen. Angela Merkel steht blendend da, die Welt liebt sie, die wahlberechtigte deutsche Bevölkerung liebt sie und selbst die Hauptstadtjournalisten (!) sind eher an der Oberfläche kritisch, wie der New Yorker schön herausgearbeitet hat. Angela Merkel wird geliebt und bewundert. Gehasst wird sie eigentlich nur von denen, die sie auf ihrem Weg am Rande liegen ließ. Ablehnung aus der Bevölkerung trifft sie, wie Ablehnung Kanzler_innen qua Amt nunmal trifft. Und auch eine linke Auseinandersetzung erschöpft sich an der routinierten Choreographie bekannter Staatskritik.

Feministische Betrachtungen gehen sogar weitesgehend komplett unter – Kritik wird zielorientiert an den Ressortentscheidungen der Regierung geübt, viele Feminist_innen freuen sich über die erstaunlich progressive Personalpolitik Merkels und – ehrlich – ein wenig Freude, dass eine Frau an der Spitze des deutschen Staats steht, stellt sich halt auch ein. Anführerin des feministischen Fandoms ist natürlich Alice Schwarzer, die in ihrem Blatt auch schon Marine Le Pen ein wenig feierte. Kein Wunder also, dass die CDU in der EMMA-Ausgabe vor der Bundestagswahl 2013 eine ganzseitige Anzeige auf der Rückseite des Blattes schaltete.

Merkel confusedAls eher linke und feministische Politikwissenschaftlerin, die sich viel im Netz bewegt und dort arbeitet, war Merkel ein natürliches Forschungsobjekt. Die erste Frau in diesem Amt. Wie macht sie Politik? Was bedeutet ihr Frau-Sein? Wie hat sie sich gegen die hegemoniale Männlichkeit, die so offenbar in der CDU scheint, durchsetzen können? Und wieso kann das die SPD nicht? (Wobei wir da wieder bei Schröder wären, der erst ein linker Macker war, bis er in der Elefantenrunde nur noch Macker war) Warum ist Merkel eigentlich keine Witzfigur im gnadenlosen Gewitter digitaler Öffentlichkeit geworden? Und wie steht sie zum Feminismus? Diese Fragen führten mich immer mehr zu der Überzeugung, dass ich über Merkel schreiben möchte, denn wenn ich schreibe, verstehe ich. Und was läge da näher als ein Blog? Deswegen gibt es ab heute ein Merkel-Blog. Ein Blog über Macht. (Und warum der 9. Januar ein wichtiges Datum in der politischen Karriere von Angela Merkel ist und der ideale Tag ein Blog über sie zu starten, könnt ihr hier lesen: merkel-blog.de/angela-vs-andenpakt-eine-erfolgsgeschichte/)

Sozusagen.

merkel-blog.de

P.S. Text ist soweit im generischen Maskulinum geschrieben. Aus Stilgründen. Bildcredit: dirkvorderstrasse

 

 

 

Blutende Privatsphäre

Einst schien die Privatsphäre unabdingbar, um innerstaatlichen Frieden zu gewährleisten. Heute gibt es jeden Monat einen neuen Datenskandal, jeden Tag mehr Gewissheit, dass digitale Kommunikation irgendwem erlaubt auf private Daten zuzugreifen. Jeden Tag weniger Privatsphäre. Warum verschleudern wir dieses Gut, für das jahrhundertelang gekämpft wurde? Und liegt die Lösung wirklich darin, unsere Smartphones in die Ecke zu werfen?

Privatsphäre bedeutet auch manchmal Schweigen müssen. [Bild: Tom Murphy, CC-BY-SA-3.0]

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Montag ist Facebookdemo.

Ich stehe in einer Menschenmenge, die ich eigentlich nur aus Facebook kenne. Also aus diesen Gruppen. Da, wo sie sich für die Montagsdemos verabreden. Wo sie ganz obskure Videos teilen und bejubeln. Wo sie irgendwelche Texte empfehlen in denen es um die FED und das britische Imperium geht. Und immer wieder um die böse USA, Israel. Oder so. In diesen Gruppen, wo sich Leute für Montagsdemos verabreden, dreschen sie verbal auch gerne auf Menschen ein, weil sie Schwarz sind. Oder Frauen. Und vielleicht erfolgreich. Oder sie sind links. Irgendwie. Im Internet bist du schnell links, Teil des linken Mainstreams, der Volkszersetzung und des Volkstodes. Oder Unterstützer einer Regierung, die Chemikalien vom Himmel wirft, um Gedankenkontrolle über die Menschen zu haben, aber wer Krebs bekommt ist auch selbst Schuld. Achja! Und der Zins. Vergesst den Zins nicht. Die Wurzel allen Übels. Naja. Eigentlich sind es die Juden. Aber psst. Read more

Ein Geburtstagsmoment

Von Sylvia Plath

Was ist das, hinter dem Schleier, ist es häßlich, ist es schön?
Glänzt es, hat es Brüste, hat es Ecken?

Bestimmt ist es einzigartig, bestimmt ist es was ich brauche
Still stehe ich in der Küche, fühle es scheinen, fühle es denken

“Ist es das Eine wofür ich bestimmt bin,
Ist es das mit den schwarzen Augenrändern, mit der Narbe?

Dass den Mehlstaub wiegt, das Zuviel abstreicht
An Regeln klebt, an Regeln, an Regeln.

Ist es zum Verkünden bestimmt?
Meine Güte, was für ein’ Lachen!”

Doch es glänzt, hört nicht auf, und ich denke es will mich.
Es wäre mir egal ob es Knochen oder ein Perlenknopf ist.

Ich möchte dieses Jahr ohnehin nichts haben
Bin ich doch nur durch ein Missgeschick noch am Leben.

Ich hätte mich damals gerne getötet, auf jede erdenkliche Art.
Und jetzt sind da diese Schleier, glänzend wie Vorhänge

Der lichte Satin eines Januarfensters
Weiß wie ein Kindbett, todeshauchglitzernd. Oh Elfenbein!

Vielleicht ist es ein Stoßzahn, eine Geistersäule
Siehst du denn nicht – es ist mir egal was es ist!

Kannst du es mir denn nicht geben?
Sei doch nicht beschämt – es ist mir egal wenn es klein ist!

Sei nicht gemein, ich bin bereit für Ungeheuerlichkeit.
Lass uns neben es setzen, jeder auf einer Seite, das Schimmern bewundern

die Glasur, die spiegelnde Vielfalt
Lass uns dort das letzte Mahl nehmen, wie von Klinikgeschirr

Ich weiß warum du es mir nicht geben willst,
Du hast Angst

Dass die Welt sich mit einem Schrei erhebt und mit ihr dein Kopf
bebombt, schamlos, ein antikes Schild,

Ein Wunder für deine Großenkel
Sei nicht geängstigt, es ist nicht so.

Ich will es nur nehmen, verziehe mich auch still.
Du wirst mich nichtmal hören, wie ich es öffne, kein Rascheln

Keine Bänder, die fallen und am Ende kein Schrei
Doch nicht mal für soviel Takt wärst du dankbar.

Ach, wüsstest du nur, wie die Schleier meine Tage töten
Während du durch sie hindurch blickst, wie klare Luft

Doch für mich sind die Wolken wie Watte.
Zusammengerottet, Armeen aus Kohlenmonoxid.

So lieblich es einzuatmen
Meine Adern mit Millionen von Teilchen zu füllen

mit Staubteilchen die meine Jahre wegzählen.
Entsprechend dem Anlaß in einem grauen Anzug. Oh Automat!

Kannst du nicht loslassen, gehen lassen, ganz werden lassen?
Musst du alles dunkelrot stempeln,

Musst du töten was du kannst?
Heute will ich nur eins, nur du kannst es mir geben.

Es steht an meinem Fenster, groß wie der Himmel
Es atmet aus meinen Papierlaken, aus dem kalten toten Mittelpunkt

Wo Zerissenes sich verdickt und zu Geschichte erstarrt
Lass es nicht per Post kommen, nach und nach

Käme es allmählich, wäre ich sechzig
Bis alles angekommen wäre, und ich zu betäubt, es zu gebrauchen.

Lass bitte den Schleier fallen, den Schleier, den Schleier
als wäre er Tod

Ich wäre ihm verfallen, der tiefen Schwere, den endlosen Augen
Ich wüsste dann, es wäre dir ernst.

Dann hätte es etwas Erhabenes, wäre ein Geburtstag.
Und das Messer, es ritzte nicht, es stieße zu

Glatt und rein wie der Schrei eines Kindes,
Und das Universum von meiner Seite gleiten.

Übersetzung: Julia Schramm (Mit großem Dank an @Impertinenzija für das Feedback und die Ideen <3)

Der neue Geheimdienstoptimismus ist da!

Der Name Edward Snowden steht schon jetzt für die Enthüllungen des größten Überwachungsskandals in der Geschichte. Die Enthüllungen bestätigen, was noch vor Kurzem skeptisch als paranoid bezeichnet wurde: Die Nachrichtendienste dieser Welt nutzen die neuen technischen Möglichkeiten, um Informationen über die Bevölkerung zu sammeln. Und das in einem überraschenden Ausmaß. Also überraschend für diejenigen, die bisher davon ausgingen, dass die Nachrichtendienste sich im rechtsstaatlichen Rahmen bewegen. Dies ist nicht der Fall. Read more

Orwell und die Piratenpartei, oder: Warum der Einzug in den Bundestag scheitern musste.

Hier endlich mal wieder ein Gastbeitrag. Diesmal von @harryliebs, der eine Antwort darauf sucht, was im Wahlkampf der Piratenpartei zur Bundestagswahl 2013 schief gelaufen ist. Viel Spaß! (Und wenn ihr auch mal gastbeitragen wollt, meldet euch!)

Keine deutsche Partei hat sich gefühlt so oft auf George Orwell und seinen Roman 1984 bezogen wie die Piratenpartei. Bei der Qualitität der Bezüge sieht es wohl anders aus, sonst hätten wir vielleicht gemerkt, dass zwischen den „five eyes“ (Geheimdienste der USA, UK, Neuseeland, Australien, Kanada) und Oceania eine geographische Parallele besteht und wir den Wahlkampf damit verbrachten „death to Oceania“ zu rufen. Wir hätten vielleicht auch gemerkt, dass es bei Orwell um Machterhalt durch die Verunmöglichung von Freundschaft, Liebe und Solidarität geht, etwas was in unserer Partei weitgehend fortgeschritten ist. Aber dazu später mehr.

These 1: Das Internet ist Angstraum geworden

Alles in was wir unsere Hoffnungen gesetzt haben – die Vernetzung der Bevölkerung, die Schaffung digitaler Plattformen zur politischen Selbstbestimmung, die Welt, die wir vor Sperren, Verboten und staatlichen Zumutungen retten wollten, wir haben Angst vor ihr und diese haben wir auch vermittelt. Vielleicht konnten wir gar nicht anders als mit einzustimmen als die Zeit der Facebook- und Twitterrevolutionen vorbeiging. Es bleibt jedoch festzustellen: Die Kommunikation im Netz ist eine Frage der nationalen Verteidigung geworden und angesichts dessen sprang ein Großteil der Bevölkerrung der CDU/CSU auf den Schoß. Vor lauter NSA und GCHQ, deutschem Boden und deutscher Souveränität ist uns der Optimismus verloren gegangen. Dabei hat gerade die Episode um den Taksim Platz in Istanbul gezeigt, dass die Möglichkeiten der Kommunikation im Netz zu allererst ein Quell der Angst für autoritäre Regierungen sein sollten.

These 2: Unsere Kommunikation trägt dazu bei.

Auch die Art, wie wir Pirat*innen (mich eingeschlossen) miteinander kommunizieren, hat zumindest das Potential, Angst zu wecken. Das Problem sind nicht nur irgendwelche übriggebliebenen von Klüngeln schwafelnden Parteitrolle, sondern es ist der allgemeine Neid, die Missgunst und das grenzenlose Misstrauen in Menschen, denen wir am Tag zuvor noch Verantwortung gegeben haben. Kein Amt ist unwichtig genug, um nicht Machtmissbrauch anzuprangern, kein Argument unter den Grundrechten ausreichend und keine Gefahr niedriger zu werten als z.B. der Daten-Gau. Dass es, wenn wir die jetzige Entwicklung fortschreiben, bald keine Ressourcen mehr zu verteilen gibt und die Verlockung zum Machtmissbrauch gegen Null gehen wird, ist da Nebensache. Menschen, die so viel Misstrauen verinnerlicht haben, die diese maximale gegenseitige Kontrolle (wir nennen das verharmlosend Transparenz) praktizieren, traut eins keine passable Kampagne gegen die Überwachungs- und Kontrollgesellschaft zu. Daneben galt es den Linksruck, Vergrünung, Feminismus und Verfassungsfeinde allerorten abzuwehren, bzw. dem bürgerlichen Flügel das Wasser abzugraben.

These 3: Wir waren kampagnenunfähig.

Durch unsere Weigerung, uns einer politischen Auseindersetzung über die Ausrichtung der Partei zu stellen, für welche ohnehin immer noch keine geeignete Plattform besteht , blieb uns nichts anderes übrig als ungefährliche Themen zu bearbeiten. So wurde ein durchaus gruseliges Uni-Projekt in Kleinstdemos so bekämpft, als handele es sich um Skynet und jede noch so affirmative Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts jubelnd begrüßt. Die Parole war: Durchhalten bis zur Bundestagswahl!

These 4: Wir werden auch kaum mehr kampagnenfähig werden.

Die Veröffentlichung der Snowden Papers schreitet scheibchenweise voran, wir hetzen den Themen hinterher. Ihre vermeintliche Relevanz und der damit verbundene Leistungsdruck, wird es uns weiterhin verbieten eine Kampagne gegen staatliche Überwachung zu beginnen. Weder werden wir definieren noch vermitteln können was Privatsphäre ist, noch die Kontrollgesellschaft bekämpfen, welche wir wie oben beschrieben sowieso für absolut notwendig erachten. Ehrlicherweise – wir waren nicht einmal in der Lage „Asyl für Snowden” und unser durchaus hervorstechendes Asylprogramm gemeinsam zu kommunizieren. Wenn neue Snowden Papers auf den Markt kommen, ist jede Arbeit von Landtagsfraktionen und ihre bisherigen Bearbeitungsstände vergessen, es gilt nun, diese möglichst schnell garniert mit den Buzzwords “Orwell” und “Grundgesetz” in PM-Form zu pressen. Bei so ziemlich jeder PM zur NSA während des Wahlkampfes fühlte ich mich an den Two Minute Hate in 1984 erinnert.

Es ist daher durchaus möglich, dass die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU und ihre Bündnispartner die NSA zurechtstutzen werden, während der ebenfalls full-take betreibende BND seinen Prachtbau unweit unserer Parteizentrale beziehen wird und durch die VDS die Ermittlungsbehörden freie Hand haben werden. Dabei wären es doch gerade wir, die sich überzeugend gegen Überwachungsschland wenden könnten.

These 5: Lost causes are beautiful.

2014 ist ein neues Jahr. Es wird eine Europawahl, drei Landtagswahlen und Kommunalwahlen geben, nicht nur wird der Pöstchengenerator auf Hochtouren laufen, wir haben zumindest drei große Chancen, den Hype von 2011 zu wiederholen. Ich bin der Auffassung, wir sollten dies trotz des obigen negativen Ausblicks tun. Manche von uns sind einfach zu chaotisch und unangepasst, um in einer anderen Partei Politik zu gestalten, andere zu alt. Die Piratenpartei hat die Chance, eine freiheitlich linke Partei zu sein und damit eine immer weiter klaffende Lücke im Parteiensystem zu schließen. Tut sie das nicht, werden es hoffentlich bald andere tun.