Magdeburg.

Seit ein paar Ex-Pirat_innen im Januar eine Erklärung zur Unterstützung der Partei die Linke veröffentlichten, habe ich mich mit der Partei intensiver auseinandergesetzt. Am letzten Wochenende bin ich dann zum Parteitag gefahren, um mir das Ganze vor Ort mal genauer anzugucken. Meine gute Freundin Ursula hatte danach ein paar Fragen an mich – sie selbst war nicht nur lange Journalistin, sondern auch Mitglied der Piratenpartei. Nachdem ich die Fragen beantwortet habe, fragte sie mich, ob ich sie nicht auch veröffentlichen wollen würde, weil das bestimmt auch andere interessiere. Also. Nun denn:

1. Erst mal ganz simpel: Wie ist das für eine die aus der Parteitagskultur der Piraten kommt. Was war dir sympathisch, befremdlich?

Mein erster Eindruck war sehr vertraut. Die Tischreihen, das Gewusel, die Atmosphäre – das war für mich alles sehr bekannt. Die Debatten sind aber alle sehr viel zivilisierter und sachlicher gewesen. Und natürlich sozialistischer, was bei den Piraten ja nie Konsens war. Natürlich gibt es eine feste Choreographie, aber das ist einfach auch notwendig in unserer Gesellschaft, getrieben von Medien und Entfremdung.

Was ich besonders spannend zu beobachten fand, waren die verschiedenen Strömungen und sozialen Rollen, die auf dem Parteitag jeweils sichtbar wurden. Da habe ich sehr viele Paralleln zu den Piraten gesehen, was ich witzig fand. Alles in allem fand ich das ganze Spiel recht amüsant – war ja auch mein erster Parteitag, da ist alles noch schön und aufregend. Es fühlte sich halt wie ein Parteitag an, nur eben mit Sozialismus. Hat mir gut gefallen. Außerdem hatte ich mit Martin Delius eine reizende Begleitung.

2. Wie siehst du den Konflikt zwischen den Reformer_innen und den Traditionalisten? Was meinen sie, wenn sie Revolution sagen? Wie erlebst du diese Leute für die Nato/ USA und z.T. auch Israel die Hauptfeinde sind?

Die Linke gibt es ja so in der Form erst seit 2007 und natürlich gab und gibt es erbitterte Kämpfe und viele Verletzungen, die für einen Frischling wie mich noch sehr undurchsichtig sind und doch sehr tief zu gehen scheinen. Menschlich halt. Dennoch gibt es einen sozialistischen Grundkonsens auf den es sich durchaus stolz beziehen lässt.

Was die Leute meinen, wenn sie Revolution sagen, weiß ich nicht so genau, weil das denke ich sehr individuell ist. Aber ich denke, dass damit in erster Linie eben der Wunsch nach dem Ende der herrschenden Verhältnisse ausgedrückt wird. Und der Impuls ist ja schon mal gut.

Das Verhältnis zu den USA ist natürlich kompliziert und auch teilweise sehr unschön. Klar sind die USA ein wesentlicher Teil unseres jetzigen Kapitalismus, aber eben auch eine Gesellschaft, die sehr pluralistisch ist. Ich bin Sozialistin, aber ich will die liberalen Freiheitsrechte erhalten und da ist die USA durchaus auch als Vorbild zu sehen wenn es um die Frage von Pluralismus und die demokratische Einbindung aller geht.

Und Israel, nunja. Es sind dicke Bretter zu bohren, absolut. Ich würde mir erstmal wünschen, dass nicht ständig auf kommunaler Ebene versucht würde den Konflikt zu lösen – das ist absurd. Gefreut habe ich mich, dass die Deutsch-Israelische Gesellschaft auf dem Parteitag mit einem Stand vertreten war und auch gut aufgenommen wurde.

Generell muss ich allerdings sagen, dass die geopolitische Expertise in der Partei etwas unterentwickelt ist.

3. Wie viel Feminismus ist in der Partei? Ist das Bekenntnis zum Antikapitalismus wieder kräftiger und deutlicher geworden oder sind das erst mal mehr Wortblasen?

Wenn du von den Piraten kommst, musst du dich erstmal daran gewöhnen, dass auf dem Parteitag unfassbar viele richtig tolle Frauen sind – also eine kritische Masse da ist. Mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Das hat mich wirklich gefreut. Tolle Frauen, tolle Redebeiträge, engagiert und in einem Maße gut gekleidet, dass es mich doch sehr befreidigt hat. Abgesehen davon, dass da wirklich viele rot tragen. (lacht) Grundsätzlich ist der Feminismus sehr viel selbstverständlicher als bei den Piraten und die Männer auch sehr viel feministischer, um ehrlich zu sein. Aber das heißt natürlich nicht, dass es da nicht noch Spielraum nach oben gibt …. Grundsätzlich gehören Sozialismus und Feminismus auch zusammen, wie ich finde. Und die sozialistischen Töne waren ebenso wie die feministischen eindeutig und klar, was ich gut fand. Ob das deutlicher war kann ich nicht beurteilen, aber für mich persönlich waren sie deutlicher.

4. Warum ist Sahra Wagenknecht wichtig für die Partei? Was ist deine Einschätzung zur Torte und ihren Folgen?

Zunächst ist Sahra Wagenknecht rhetorisch wohl die Begabteste, die die Linke gerade hat – ihre Rede am Sonntag war handwerklich die beste des Parteitages. Es hat mich durchaus beeindruckt, wie sie in der Rede auf die Torte reagierte und wie klar sozialistisch und stabil marxistisch ihre Rede war. Sie agitiert die Genoss_innen effektiv und repräsentiert gleichzeitig auch den nicht so schönen Zustand der Linken. Dass sie im Kern den Nationalstaat zu erhalten gedenkt und ihre Argumentation dann auch in Bahnen gerät, die eben nicht universalistisch und sozialistisch sind, ist eine Tragik, die repräsentativ für die sozialistische Debatte ist, die wir in Deutschland haben. Da müssen wir inhaltlich gegenhalten, ganz klar, aber eben nicht indem wir sagen “böse, böse”, sondern inhaltlich konkret. Beispielsweise mit dem Bekenntnis Deutschland politisch zu überwinden. In der politischen Realität heißt das dann: Die Europäische Integration vorran treiben, aber eben aus einem sozialistischen Standpunkt heraus.

Die Aktion mit der Torte war im Kern nicht sonderlich gut durchdacht. Letztlich wurde eine der bekanntesten und stabilsten linken Politikerinnen in Deutschland mit einem sehr schwachen und auch sexistischen Statement gedemütigt und hat darauf so souverän reagiert, dass sie auf dem Parteitag als einzige Hauptrednerin einen wirklich tobenden Applaus bekam. Alle Seiten behaupten natürlich jetzt gewonnen/verloren zu haben. Aber wenn am Ende nur das öffentliche Demütigen als politisches Mittel übrig bleibt, dann ist das natürlich eine Bankrotterklärung.

5. Was war das Wichtigste für dich auf dem Parteitag? Die Reden?

Alles natürlich! Nein, Spaß. Ich wollte einen Eindruck von der Partei kriegen, wie sie tickt und wer da wie so rumläuft und was tut. Und das Nackensteak, das aber leider eine Enttäuschung war. Ich bin ja mit Martin auf dem Parteitag auch als “Ex-Piraten” aufgetreten und das war spannend zu beobachten. Die Reaktionen waren sehr positiv und neugierig, wenn auch teilweise misstrauisch, was ich erstmal sehr sympathisch fand.

6. Bist du mehr hoffnungsvoll oder frustriert? Wo glaubst du wäre es wichtig sich in der Partei zu engagieren – ema.li?

In den fünf Jahren bei den Piraten habe ich eine parteipolitische Frustrationsgrenze erreicht, die auch die Linken nicht so schnell kaputt machen können. Parteipolitik ist halt Parteipolitik – das ist eben auch ein Betrieb, der seine eigenen Regeln hat. Ich denke alles in allem ist die Linke gerade dabei wieder wirklich relevant zu werden. Denn die Zeiten sind arg und je ärger sie werden, desto mehr hören die Menschen den Linken wieder zu und nehmen sie ernst.

Zur Frage des Engagements: Ich denke es ist wichtig die Kämpfe gegen regressives Denken in der Partei zu kämpfen. Gleichzeitig ist es glaube ich auch wichtig Brücken zu bauen, sich selbst mal zurück zu nehmen und sich zu besinnen. Die Linke ist ja auch die Nachfolgeorganisation der KPD – dem Anspruch soll sie auch gerecht werden. Und engagieren? Naja. Den Leuten, die vorher den Piraten nahe standen, empfehle ich ema.li (emanzipatorische linke) oder fds (forum demokratischer sozialismus) – da sind habituell große Überschneidungen. Und die freuen sich über neue Leute.

7. Wie ist dieser neue Vorstand einzuschätzen?

Ich mochte alle Reden derer, die in den Kernvorstand gewählt wurden (Also Vorsitzende und Stellvertreter_innen und Geschäftsführung) auf die ein oder andere Art. Ich finde den Weg, den vor allem Katja in den letzten Jahren eingeschlagen hat – also enge Zusammenarbeit mit Intellektuellen beispielsweise – sehr richtig. Der Vorstand hat so zur Entabuisierung der Linken beigetragen und das stimmt mich hoffnungsvoll, denn das ermöglicht Handlungsspielraum.

Den erweiterten Parteivorstand kann ich nur bedingt einschätzen. Ich muss leider sagen, dass diejenigen Kandidaten (sic!), die mir bisher positiv aufgefallen sind, nicht so gut abgeschnitten haben. Aber es wurden auch wirklich gute Leute in den Vorstand gewählt. Klaus Lederer beispielsweise.

Chancen.

Es ist nicht oft, dass sich große Chancen ergeben. Oder das Menschen an dich glauben, auch wenn du es schon selbst gar nicht mehr tust. Vor mehr als 3 Jahren erschien mein erstes Buch. Sagen wir so: Es lief alles nicht so gut. Ich habe daraus viel gelernt, auch wenn es manchmal schmerzhaft war. Zumindest hatte ich aber fest damit gerechnet, dass ich jetzt meine Chance gehabt habe und ja … dass es das jetzt war. Ich arrangierte mich mit dem Gedanken vielleicht nie wieder in einem großen Verlag publizieren zu können, meine Stimme im medialen Zirkus verloren zu haben. Aber es kam anders. Genau genommen gab es nämlich viele Menschen, die eigentlich der Meinung waren und sind, dass ich vieles gute kann, dass ich zäh bin und Druck aushalten kann. Und darum geht es, wie Schirrmacher das schonmal feststellte.

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(Aus: Herlind Koelbl, Spuren der Macht, Die Verwandlung des Menschen durch das Amt)

Eine von diesen Menschen ist Elisabeth Ruge. Seit März diesen Jahres bin ich bei ihr unter Vertrag. Es ging von Anfang an um ein Buch über Angela Merkel. Aber ich wusste nicht genau, wie ich es angehen kann, muss, will. Also setzte ich mich in einen Kurs von Elisabeth, die sie im Rahmen ihrer Agentur anbietet. Letzten Donnerstag habe ich den Vertrag für das Merkelbuch mit einem phantastischen Verlag abgeschlossen (mehr dazu am Dienstag!) und ich könnte nicht aufgeregter und freudiger sein. Ich hätte nicht gedacht, dass so eine Chance nochmal kommt. Habe aber auch gelernt, dass es mehr ist als Zufall, als Glück. Dass es auch viel harte Arbeit bedeutet. Elisabeth sagt dazu non-chalant “Wenn ihr gute Bücher schreibt, dann klappt das auch.” Und das mit dem gute Bücher schreiben ist der genau der Punkt. Woher weiß ich, dass mein Buchprojekt gut ist? Ist mein Projekt überhaupt interessant? Was muss ich bedenken? All diese Fragen finden im Kurs Platz – plus substantielle Textkritik (SO GUT!!! <3) und Raum und Zeit für Entfaltung. Und am Ende steht vielleicht eine echte Chance ein tolles Buch bei einem passenden Verlag unterzubringen. Dass es aber um viel mehr geht, sehr ihr in dem kurzem Video von mir:

Das hier ist natürlich auch ein kleiner Werbeblock. Denn ihr könnt die Kurse auch selbst belegen. Es gibt finanzielle und qualitative Hürden, aber …. wenn es euch mit dem Schreiben ernst ist – hier ist der Ort, wo ihr rausfindet ob ihr eine Chance habt und haben wollt. Hier bekommt ihr richtiges Feedback, konstruktive Kritik und am Ende vielleicht eine Chance.

Alle Infos findet ihr hier: elisabeth-ruge-agentur.de/schreibkurse/

Am kommenden DIENSTAG, den 3. November 2015 um 18 Uhr findet ein Info-Abend statt. Ich werde auch da sein und euch vom Kurs berichten. Falls ihr also Interesse habt: Kommt vorbei! CSpARMIWUAAUbNn.jpg-large

 

 

 

Diät.

Dieser Text brennt mir auf der Seele so lange ich denken kann. Doch erst seit kurzem kann ich dieses Brennen benennen. Es ist ein seltsames Gefühl, irgendwie bedeutungsschwanger, trivial, potentiell Aufruhr erzeugend. Es ist ein sehr persönliches Thema, weswegen es mir eigentlich schwer, aber auch gerade leicht fällt. Es betrifft mich auf eine Art. Es geht um Diäten, um Abnehmen, um Körper, um Schlankheitswahn. Ich schrieb schon vor 4 Jahren:

Wieviel kognitive Energie wohl bei einer durchschnittlichen Frau für die Sorge um ihre Figur draufgeht? Ohne von einer empirischen Basis ausgehen zu können, ist die Frage zweifelsohne mit “zu viel” zu beantworten. Es geht hierbei vor allem um Rollen, Erwartungen und Angst. Und um Verschwendung im unverantwortbarsten Ausmaß.

Auch im Jahr 2015 immer noch sehr wahr. Aber es hat sich für mich in den letzten Jahren etwas verändert, was ich hier festhalten will. Aber von vorne: Ich war nie dünn. Aber auch nie dick. Ich hatte mit 13 schon quasi die Figur wie jetzt und drehe mich seitdem immer um die 75 Kilo bei 173 cm. Mal 10 mehr, mal 10 weniger. Grundsätzlich ist das natürlich eine riesige Spanne, aber die Ausreißer nach oben und unten sind eigentlich sehr selten gewesen. Ich habe also so konstant einen BMI Normalgewicht Grenze leichtes Übergewicht. Ich habe immer mal wieder versucht abzunehmen, das klappte aber nie. Ich nahm immer nur zufällig ab sozusagen – also immer dann, wenn ich es nicht erwartete und auch nicht wirklich merkte. Das war frustrierend, sehr. Es machte mich ganz wild. Wie so gut wie jedes Mädchen habe ich in der Pubertät auch eine Körperschemastörung entwickelt – also nie wirklich realistisch gesehen, wie ich eigentlich aussehe. Meine Kleidergröße bewegt sich zwischen 38-42 und ich es gab Zeiten, da kaufte ich eine 48 und war überrascht, dass sie mir zu groß war. Aber ungesund wurden meine Auseinandersetzungen mit Essen nie: Irgendwie blieb es immer im Rahmen dessen, was mein Körper vertragen konnte. Um mich herum jedoch grassierte Magersucht und Bulimie. Ich tauschte mich viel und intensiv aus mit denen, die an diesen Krankheiten litten. Ich lernte viel, ich dachte viel nach. Ich aß, ich aß weniger, ich machte Sport, ich machte keinen. +-75 kg. Aber ich kam mir immer zu dick vor. Nicht schön, abartig sogar. Ich hasste mich so sehr, dass ich weinend vor dem Spigel stand oder auf dem Bett lag und auf meine Oberschenkel schlug. Meine Umwelt konnte das nie verstehen – ja, klar, das Bäuchlein, aber sonst? So lebte ich also vor mich hin, bis es eines Tages zu viel wurde. Meine Kleidung passte nicht mehr, ich wurde depressiver von Tag zu Tag und verbrachte die Tage mit frittiertem Sushi, Serien und Suizidgedanken. Das war die Zeit nach dem Shitstorm 2012 wegen meines Buches. Eine Freundin erzählte mir damals, dass sie einfach Kohlenhydrate weglassen würde. Da ich zu dem Zeitpunkt kein Fleisch aß, dachte ich mir, dass verzichten ja machbar klingt und entschloss mich Kohlenhydrate so lange wegzulassen wie es ginge, mindestens aber bis diese eine Hose wieder passen würde. Ich ernährte mich also zwei Wochen lang von Gemüse, jeglichen Formen von Milchprodukten, Surimi und Avocado. Nach zwei Wochen merkte ich nicht nur, dass die Hose wieder passte, sondern dass es mir auch fundamental besser zu scheinen ging. Wacher, fröhlicher, entspannter und weniger Darmschmerzen. So kam ich auf den Trichter, dass mein Darm und Gluten vielleicht keine Freunde seien, was sich im Laufe der Zeit auch verfestigte. Seit zwei Jahren nun verzichte ich auf Gluten weitesgehend und habe mich auch so mit Ernährungskram beschäftgt. Seit kurzem tracke ich mein Essen in der Androidapp Noom, die mir nochmalig neue Erkenntnisse gebracht hat. Auch habe ich mich mit fat-acceptance beschäftigt, da ich zwar selbst nicht übergewichtig – bzw. nur leicht 😉 – bin, aber mein ganzes Leben unter diesem krankhaften Schönheitsidel gelitten habe, das ich nie zu erreichen vermochte. Das ist nun eine sehr lange Vorrede geworden, aber nungut, es ist mir ein Anliegen und ich möchte das hier nun verewigen, was ich gelernt habe.

1. Menschen brauchen wirklich wenig Kalorien, um zu existieren

Ungefähr 2000 Kalorien braucht ein Mensch für das Sichern der körperlichen Existenz. Für kleinere Menschen ist es weniger, für größere mehr. (Edit: Also das brauche ich bei 173, 75 kg, 29 Jahre. Ist grundsätzlich natürlich bei allen anders, aber irgendwo zwischen 1500 und 3000 siedelt sich der grundlegende Energiebedarf an.) 2000 Kalorien sind sehr, sehr wenig gemessen an dem, was unsere Gesellschaft so an Kalorienhaltigem produziert. 2000 Kalorien sind 1 1/2 Tiefkühlpizzen. Die Cola ist dann schon zuviel. Die Erkenntnis ist immer noch am Einsickern: +-2000 Kalorien, mehr brauchen wir eigentlich nicht. Klar, Hochleistungssportler_innen brauchen mehr und Menschen mit Hormonkrankheiten weniger oder mehr. Aber zur reinen Existenzsicherung braucht es nur +-2000 Kalorien. Nun ist es einen eigenen Aufsatz wert darüber zu philosophieren, warum in der modernen Welt das Schönheitsideal dem entspricht, was reine Existenzsicherung bedeutet.

2. “Ich kann essen, was ich will, ich werde nicht dick” ist Bullshit

Nein, du kannst nicht essen, was du willst und wirst nicht dick, du willst nur nicht so viel als dass du dick würdest – so sollte der Satz richtig heißen. Alles was der Körper nicht braucht wird angesetzt – also essen dünne Menschen einfach nicht viel, sind schneller satt, haben weniger Appetit, sind Frust-Nicht-Esser, was auch immer …. aber sie nehmen offenbar nicht mehr Energie auf, als sie brauchen. Das kann unterschiedliche Gründe haben – viele davon sind genetisch, andere sind es nicht. Was aber interessant ist an der Aussage ist, dass Menschen, die sowas sagen, offenbar das Gefühl nicht kennen etwas nicht zu essen, weil es “zu viel” ist/sein soll/sollte /sein muss. Diese Menschen kennen also diese Qual nicht. Ich kenne sie. Und ich hasse sie.

3. Die meisten Menschen schätzen sich falsch ein

Menschen schätzen sich eh gerne falsch ein – und so ist es bei der Energieaufnahme auch. Ich selbst bin ab und an noch ein wenig schockiert wieviel Energie sich tatsächlich in was befindet. Und wie wenig. Einfach mal notieren ist im Moment eine interessante Beschäftigung. Wieviel brauche ich tatsächlich, was lässt mich fit werden, was nicht? Endlich wieder einen Bezug zu meinem Körper bekommen, verstehen was der Körper braucht und was nicht. Ähnliches gilt für Bewegung. Der Burger ist nicht mit 10 km Fahrrad abgebaut. Nope. So funktioniert es nicht. Und so kommt es, dass Menschen, die sehr dünn sind meist denken sie essen totaaaal viel und bewegen sich gaaaar nicht und Menschen, die übergewichtig sind oft denken, dass sie gar nicht sooo viel essen und sich viiiiel bewegen. Appetit, Sättigungsgefühle und so sind auch eher bei der genetischen Seite zu verorten. Der Energiebedarf dagegen ist es nicht. Leider.

4. Gewicht und Gesundheit hängen zusammen, aber jeder Körper ist anders

Die Debatte läuft oftmals genau an dem Punkt aus dem Ruder: Natürlich hängen Gewicht und Gesundheit zusammen, nur anders, als die verkürzte Kette dick = ungesund, dünn = gesund. Vielmehr ist jeder Körper anders und braucht unterschiedliche Zuwendung und Zufuhr. Jede_r muss für sich selbst rausfinden, was das gesunde Wohlfühlgewicht ist. In jungen Jahren ist das natürlich alles noch unkomplizierter. Aber klar, im Alter wird es dann mit höherem Gewicht wahrscheinlicher, dass die Gelenke überlastet sind. Bei mir persönlich sind die 78 kg eigentlich ideal. Bei dem Gewicht bin ich überwiegend gesund, stabil, selten erkältet, mir ist nicht kalt, etc. pp Nach BMI habe ich bei 78 kg Übergewicht, aber mein Körper ist gesund. 10 kg weniger entspreche ich zwar dem gängigen Schönheitsideal, bin aber kränklich, blass. Gesundheit ist ein komplexes Gebilde und jede_r muss für sich selbst rausfinden, wie es gut ist.

5. Ich scheiße auf die Waage, die ist eh der Feind und BMI ist neoliberaler Dreck

Ich wiege mich nicht mehr. Es bringt eh nichts, es macht paranoid und depressiv. Wenn ich eine Diät mache, dann messe ich das anhand von Kleidung, die passen soll. Und dass der BMI ein bescheuertes Konstrukt ist, habe ich schon letztens auf Twitter mit einem Bild illustriert:

Zu dieser Zeit ging es mir sehr, sehr schlecht. Ich habe 70 kg gewogen, hatte aber fast schon Größe 36, meine Rippen kamen raus und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir dachte, dass ich echt zunehmen sollte. Damals aß ich einfach nicht. Alles tat weh, war aufwühlend, in Bewegung. Ich aß einfach nicht. Es fiel mir gar nicht schwer, ich merkte es nichtmal. Trotzdem hatte ich einen BMI von 24 – fast schon Übergewicht. BMI ist ein neoliberaler Dreck, der Menschen in Förmchen zwingt, die in den meisten Fällen nicht passen. Und sogar krank machen können. Kilo und BMI sagen gar nichts aus.

6. Menschen belügen sich gerne selbst

Es ist ein komplexes Thema und ich habe auch ein wenig Angst davor darüber zu schreiben. Aber Menschen belügen sich gerne. Ich tue das auch. Ach, naja, die Praline wird schon nicht weh tun. Dann sind es ganz schnell 5 Pralinen und der Energiebedarf für den Tag ist quasi schon gedeckt. Achja, ich bin ja heute 1 Stunde Fahrrad gefahren, das sind bestimmt 1000 Kalorien. Nein, sind es nicht, es sind 200. Ich habe heute alles in mich reingestopft was ging, nein zählen tue ich das nicht, oh es sind doch nur 1500 Kalorien gewesen? Die einfache und simple Wahrheit ist: wenn du deutlich mehr als 2000 (bzw. deinen Grundbedarf) Kalorien am Tag zu dir nimmst, lagert der Körper das ein und du nimmst zu, wenn du es nicht verbrauchst. Das ist es, was uns Menschen verbindet – +-2000 Kalorien. Alles andere ist individuell: Hunger- und Appetitgefühl, Bewegungsdrang, Vorlieben …. Außerdem: Viele Menschen hungern gnadenlos, weil 2000 (bzw. dein Grundbedarf) Kalorien einfach nicht viel ist!

7. Es geht um Kontrolle

Die Debatten über Gewicht, Gesundheit und Schönheit sind zutiefst von Kontrollansprüchen geprägt. Gerade junge Menschen flüchten sich bei kontrollsüchtigen Eltern in einen Bereich, den letztlich nur sie kontrollieren können: Das Essverhalten. Auch Gesundheit und die Frage was gesund ist und was nicht ist von Machtmechanismen durchzogen. Und Schönheitsideale sowieso. Es geht um Kontrolle und Macht. Das weiter auszuführen ist an der Stelle aber zuviel.

8. Fuck that shit. Do what you want!

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10 Jahre Merkel. Zeit für neue Kritik.

September 2005. Es war die erste Bundestagswahl, bei der ich wählen durfte. Ich verfolgte die Berichterstattung sehr genau, war aber unsicher. Was würde aus Schröder werden, dem fleischgewordenen Albtraum linker Politik? Große Koalition? Schwarz-gelb-grün? Und dann diese Elefantenrunde. Eine legendäre Show Schröders, der, in völliger Ignoranz ob der Realität, Angela Merkel deutlich macht, dass sie niemals Kanzlerin werden wird. Nicht unter seiner SPD. Bis heute ist sein Ausfall auf YouTube als best-of sozusagen abrufbar.

Anfang 2015 sehen wir, wie falsch Schröder lag. Die Große Koalition kam und an ihrer Spitze Angela Merkel. Später formte sie eine Regierung mit Guido Westerwelle und mit den Grünen koaliert die CDU schonmal in Hessen. Angela Merkel steht blendend da, die Welt liebt sie, die wahlberechtigte deutsche Bevölkerung liebt sie und selbst die Hauptstadtjournalisten (!) sind eher an der Oberfläche kritisch, wie der New Yorker schön herausgearbeitet hat. Angela Merkel wird geliebt und bewundert. Gehasst wird sie eigentlich nur von denen, die sie auf ihrem Weg am Rande liegen ließ. Ablehnung aus der Bevölkerung trifft sie, wie Ablehnung Kanzler_innen qua Amt nunmal trifft. Und auch eine linke Auseinandersetzung erschöpft sich an der routinierten Choreographie bekannter Staatskritik.

Feministische Betrachtungen gehen sogar weitesgehend komplett unter – Kritik wird zielorientiert an den Ressortentscheidungen der Regierung geübt, viele Feminist_innen freuen sich über die erstaunlich progressive Personalpolitik Merkels und – ehrlich – ein wenig Freude, dass eine Frau an der Spitze des deutschen Staats steht, stellt sich halt auch ein. Anführerin des feministischen Fandoms ist natürlich Alice Schwarzer, die in ihrem Blatt auch schon Marine Le Pen ein wenig feierte. Kein Wunder also, dass die CDU in der EMMA-Ausgabe vor der Bundestagswahl 2013 eine ganzseitige Anzeige auf der Rückseite des Blattes schaltete.

Merkel confusedAls eher linke und feministische Politikwissenschaftlerin, die sich viel im Netz bewegt und dort arbeitet, war Merkel ein natürliches Forschungsobjekt. Die erste Frau in diesem Amt. Wie macht sie Politik? Was bedeutet ihr Frau-Sein? Wie hat sie sich gegen die hegemoniale Männlichkeit, die so offenbar in der CDU scheint, durchsetzen können? Und wieso kann das die SPD nicht? (Wobei wir da wieder bei Schröder wären, der erst ein linker Macker war, bis er in der Elefantenrunde nur noch Macker war) Warum ist Merkel eigentlich keine Witzfigur im gnadenlosen Gewitter digitaler Öffentlichkeit geworden? Und wie steht sie zum Feminismus? Diese Fragen führten mich immer mehr zu der Überzeugung, dass ich über Merkel schreiben möchte, denn wenn ich schreibe, verstehe ich. Und was läge da näher als ein Blog? Deswegen gibt es ab heute ein Merkel-Blog. Ein Blog über Macht. (Und warum der 9. Januar ein wichtiges Datum in der politischen Karriere von Angela Merkel ist und der ideale Tag ein Blog über sie zu starten, könnt ihr hier lesen: merkel-blog.de/angela-vs-andenpakt-eine-erfolgsgeschichte/)

Sozusagen.

merkel-blog.de

P.S. Text ist soweit im generischen Maskulinum geschrieben. Aus Stilgründen. Bildcredit: dirkvorderstrasse

 

 

 

Blutende Privatsphäre

Einst schien die Privatsphäre unabdingbar, um innerstaatlichen Frieden zu gewährleisten. Heute gibt es jeden Monat einen neuen Datenskandal, jeden Tag mehr Gewissheit, dass digitale Kommunikation irgendwem erlaubt auf private Daten zuzugreifen. Jeden Tag weniger Privatsphäre. Warum verschleudern wir dieses Gut, für das jahrhundertelang gekämpft wurde? Und liegt die Lösung wirklich darin, unsere Smartphones in die Ecke zu werfen?

Privatsphäre bedeutet auch manchmal Schweigen müssen. [Bild: Tom Murphy, CC-BY-SA-3.0]

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Montag ist Facebookdemo.

Ich stehe in einer Menschenmenge, die ich eigentlich nur aus Facebook kenne. Also aus diesen Gruppen. Da, wo sie sich für die Montagsdemos verabreden. Wo sie ganz obskure Videos teilen und bejubeln. Wo sie irgendwelche Texte empfehlen in denen es um die FED und das britische Imperium geht. Und immer wieder um die böse USA, Israel. Oder so. In diesen Gruppen, wo sich Leute für Montagsdemos verabreden, dreschen sie verbal auch gerne auf Menschen ein, weil sie Schwarz sind. Oder Frauen. Und vielleicht erfolgreich. Oder sie sind links. Irgendwie. Im Internet bist du schnell links, Teil des linken Mainstreams, der Volkszersetzung und des Volkstodes. Oder Unterstützer einer Regierung, die Chemikalien vom Himmel wirft, um Gedankenkontrolle über die Menschen zu haben, aber wer Krebs bekommt ist auch selbst Schuld. Achja! Und der Zins. Vergesst den Zins nicht. Die Wurzel allen Übels. Naja. Eigentlich sind es die Juden. Aber psst. Read more

Ein Geburtstagsmoment

Von Sylvia Plath

Was ist das, hinter dem Schleier, ist es häßlich, ist es schön?
Glänzt es, hat es Brüste, hat es Ecken?

Bestimmt ist es einzigartig, bestimmt ist es was ich brauche
Still stehe ich in der Küche, fühle es scheinen, fühle es denken

“Ist es das Eine wofür ich bestimmt bin,
Ist es das mit den schwarzen Augenrändern, mit der Narbe?

Dass den Mehlstaub wiegt, das Zuviel abstreicht
An Regeln klebt, an Regeln, an Regeln.

Ist es zum Verkünden bestimmt?
Meine Güte, was für ein’ Lachen!”

Doch es glänzt, hört nicht auf, und ich denke es will mich.
Es wäre mir egal ob es Knochen oder ein Perlenknopf ist.

Ich möchte dieses Jahr ohnehin nichts haben
Bin ich doch nur durch ein Missgeschick noch am Leben.

Ich hätte mich damals gerne getötet, auf jede erdenkliche Art.
Und jetzt sind da diese Schleier, glänzend wie Vorhänge

Der lichte Satin eines Januarfensters
Weiß wie ein Kindbett, todeshauchglitzernd. Oh Elfenbein!

Vielleicht ist es ein Stoßzahn, eine Geistersäule
Siehst du denn nicht – es ist mir egal was es ist!

Kannst du es mir denn nicht geben?
Sei doch nicht beschämt – es ist mir egal wenn es klein ist!

Sei nicht gemein, ich bin bereit für Ungeheuerlichkeit.
Lass uns neben es setzen, jeder auf einer Seite, das Schimmern bewundern

die Glasur, die spiegelnde Vielfalt
Lass uns dort das letzte Mahl nehmen, wie von Klinikgeschirr

Ich weiß warum du es mir nicht geben willst,
Du hast Angst

Dass die Welt sich mit einem Schrei erhebt und mit ihr dein Kopf
bebombt, schamlos, ein antikes Schild,

Ein Wunder für deine Großenkel
Sei nicht geängstigt, es ist nicht so.

Ich will es nur nehmen, verziehe mich auch still.
Du wirst mich nichtmal hören, wie ich es öffne, kein Rascheln

Keine Bänder, die fallen und am Ende kein Schrei
Doch nicht mal für soviel Takt wärst du dankbar.

Ach, wüsstest du nur, wie die Schleier meine Tage töten
Während du durch sie hindurch blickst, wie klare Luft

Doch für mich sind die Wolken wie Watte.
Zusammengerottet, Armeen aus Kohlenmonoxid.

So lieblich es einzuatmen
Meine Adern mit Millionen von Teilchen zu füllen

mit Staubteilchen die meine Jahre wegzählen.
Entsprechend dem Anlaß in einem grauen Anzug. Oh Automat!

Kannst du nicht loslassen, gehen lassen, ganz werden lassen?
Musst du alles dunkelrot stempeln,

Musst du töten was du kannst?
Heute will ich nur eins, nur du kannst es mir geben.

Es steht an meinem Fenster, groß wie der Himmel
Es atmet aus meinen Papierlaken, aus dem kalten toten Mittelpunkt

Wo Zerissenes sich verdickt und zu Geschichte erstarrt
Lass es nicht per Post kommen, nach und nach

Käme es allmählich, wäre ich sechzig
Bis alles angekommen wäre, und ich zu betäubt, es zu gebrauchen.

Lass bitte den Schleier fallen, den Schleier, den Schleier
als wäre er Tod

Ich wäre ihm verfallen, der tiefen Schwere, den endlosen Augen
Ich wüsste dann, es wäre dir ernst.

Dann hätte es etwas Erhabenes, wäre ein Geburtstag.
Und das Messer, es ritzte nicht, es stieße zu

Glatt und rein wie der Schrei eines Kindes,
Und das Universum von meiner Seite gleiten.

Übersetzung: Julia Schramm (Mit großem Dank an @Impertinenzija für das Feedback und die Ideen <3)

Der neue Geheimdienstoptimismus ist da!

Der Name Edward Snowden steht schon jetzt für die Enthüllungen des größten Überwachungsskandals in der Geschichte. Die Enthüllungen bestätigen, was noch vor Kurzem skeptisch als paranoid bezeichnet wurde: Die Nachrichtendienste dieser Welt nutzen die neuen technischen Möglichkeiten, um Informationen über die Bevölkerung zu sammeln. Und das in einem überraschenden Ausmaß. Also überraschend für diejenigen, die bisher davon ausgingen, dass die Nachrichtendienste sich im rechtsstaatlichen Rahmen bewegen. Dies ist nicht der Fall. Read more